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Full text of "Jahrbuch - Wiener Goethe-Verein"

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UNI\ERSlTi' OF 
TORONTO PRESS 



CHRONIK 



Wiener Goethe-Vereins, 



ERSTER B.^XD. 



HERAUSGEGEBE» VON 

K. J. SCHRÖER 

jEMANX- = TELLVERrRETEP. DE= GCETHÜ- - -- ^ 



WIEN 1887. 

\-ERXAl". DES - THE-VEB.EXSS. -- DRCChJEKEl 1>I - \ -R EXTR.\BLA TT K.S- 

KRASZ SCSCHTTZILV. 



CHRONIK 



Wiener Goethe-Vereins. 



ERSTEIG BANTJ. 



HERAUSGEGEBEN VON 

K. J. SCHRÖER 

OBMANN-STELLVERTRETER DES GCET HE-V EREINS, \ ERANT WOR T 1.. HEDACTEl-R. 



c^e 



WIEN 1887. 



VERLAG DES ■\\IENER GOKTHE-VEREIXS. - DRL'CICEKEI )>ES .ILL. WIENER EXTR \ltl, \n» 
fk'RAXZ SUSCHtTZK.V,. 



Or 






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INHALT 



Oitolh-r tSSb. S. /—S. Xr. 1. Zur Xachrichl. — Aus dem Wiener Goethe -Verein. Entslebung des Goethe -Vereins. 
Chronik des Vereins. — Von der Goethe-Gesellschaft iu Weimar. — Kine noch ungedruckte Strophe von Goethes Hand. 

— Goethe-Literatur. — Goethe-Notizen. — (loethe-neukroalc. 

\t<vt-iiilit-r rSSö. S. i — S (<) — ib). Nr, 'i. Aus dem Wiener Goethe -Verein. — Iphi<,'enie und Krau von Stein. — Ein 
(Toethe-Bildniss vom Jahre 1775. — Goethe-f-iteratur. — Goelhe-Xotizen. Correspondenz aus N'euedi};. Goethe-Denkmal. 

— Zum Denkmalfonds. 

IX-ccmbcr iSSb, S. r-^.{i7—3o). Xr. ü. Zur Nachricht an die Leser. — Aus dem Wiener Goethe -Verein. — Ver- 

zeichniss neu eingetretener Mitglieder. — Zwei .Stammbuchblätter (Facsimile). — (ioethe- Abend. — (Goethe auf dem 

Brenner. — Goethe-Notizen. Zur ital. Reise, etc. — Beitrüge zum Denkmalfonds. 

Jäiiiicy iSSy S 21—24. Xr. 4. Vollversammlung. — Aus dem Wiener Goethe -Verein. — Goethe -Abend. — Ver- 

zeichniss neueingetretener Mitglieder. Goethe- Archiv und Goethe-Gesellschaft. — Ein Goethe-Bildniss. — Goethe-Notizen. 

Zum Clavigo. — .Sassafras. 
Fchnuo- 1SS7. S. 2J—2S- Xr. 5. Oeffentliche Vorträge. — Aus dem Wiener Goethe -Verein. — Goethe -Abend. — 

Neue Mitglieder. — Denkmalfonds. — Goethe in Italien. — Ein Brieflein Goethes an Lenz, mitgetheiltvon K. AVeinhold. — 

.Steiners Erkenntniss-Theorie der Goetheschen Weltanschauung. — Druckfehler. 
Mii>~ iSSj. S. 2i) — st'- Xr, 6. .\us dem Wiener Goethe -Verein. — Die Märzvorträge. — Neue Mitglieder. — Alma 

von Goethe (dazu deren Bildniss) von A. v. I.ittrow. — Literatur. VAti Trauerspiel von J. M. R. Lenz, herausg. von Karl 

Weinhold etc. — Goethe-Notizen, 

.•//';■// /SSy. S. S7—-/0. Xr, 7. Aus dem Wiener Goethe -Verein. — Die Denkmalfonds -Vorträge. — Neue Mitglieder. 

— Beiträge für den Denkmalfonds. — Aus vergessenen Büchern. — (iarve über Werthers Leiden von J. Minor. — Unsere 
Bililiothek. — Goethe-Notizen. — Zuschriften. 

Mai iSSj. S. 41—44. Xr, 8. Aus dem Wiener Goethe-Verein. — Neue Mitglieder. — Mittheilungen aus Weimar. — 
Jahres -Versammlung der Goethe- Gesellschaft. — Zu Goethes ital. Reise. — Zu Goethes Tagebüchern und Briefen. — 
Goethe-Notizen. Das Doppelreich. — (lOethc und C August im Bergwerk. — Beiträge für den Denkmalfond. — Die 
Bibliothek des (Toethe-Vereins. 

^uiii rSSy. S. 4s — jj. Xr. O. Aus dem Wiener Goethe-Verein. — Neue Jlitglieder und Beiträge. — N'oii der Goethe- 
»tesellschaft in Weimar. — Der Platz für ein (toethe- Denkmal in AVien. — Die Bibliothek. — Die .Standbilder Goethes 
und Mozarts in Wien. — Goethe-Notizen. Goethe- Reliiiuien. — Goethe auf dem Brenner. — Zuschriften. — An unsere 
geehrten Leser und Leserinnen in den Bädern und Sommerfrischen. 

Si-/</.iii/i,-r /SSy. S jj — jb. Xr, 10. -\us dem "Wiener Goethe-Verein. — Beiträge zum Goethe - DenkiTialfon<ls. — Die 
Bibliothek des Vereins. — Josephinc Wesscly t. Johannes Nordmann +. — Erinnerungen an Eckermann. — Zum Goethe- 
Denkmal in Wien. — Goethe-Notiz. Goethe auf dem Brenner. 
.VozYinber iSS~. S. s~ — 60. Xr, Jl. AusciemAViener Goethe-Verein. — A'oUvcrsamndung. — Neue Grundbestimmungen. 

— Goethe-Abende. — Zur Plalzfrage des Goethe-Denkmals. — Goethe-Reliquien. — Goethc-Xotizen. Goethes Farben- 
lehre und der Philosojdi in Zombur. — • Goethe-Gedenkstätten Italiens. — Berichtigung. 

DiUcinlhr iSSj. rmsih'ti^^ S.bj—O-f. Xr. 12. Zur Nachricht. Aus dem AViener Goethe -Verein. — Neue Mitglieder. 

— Der nächste Goethe-Abend. — Vom Goethe- Abend den 26. November 1887. — Die Bibliothek des Wiener Goethe- 
A'ereins, — Goethe-Notizen. Ein Goethe-Denkmal in Amerik.i. — (ioelhe auf dem Brenner — Inhalt der bisher er- 
schienenen 12 Nummern der Chronik. 



LICHTDRUCK-BEIGABEN. 

Nummer: Eine ungedruckte Strophe von Goethes Hand. 

Ein Goethe-Bildniss vom Jahre 1775. 

Zwei Stammbuchblätter; von Goethe und Friederike l'.rion. 

Ein Goethe-Bildniss von Ehregott Grünler. 
„ Bildniss von Alma von Goethe von Louise .Seidler, 

,, Ein Blättchen vom 30. Nov. ]8_^o, mit Bleistift beschrieben von (toethe 



Der Preis eines JaHrgangs tur jMicht- 
mitglieder ist 2 fl. (4 M.) ; für Mit- 
glieder I fl. {2 M.). Mitglieder, die 
einen Jahresbeitrag von 5 fl. zahlen, 
erhalten das Blatt unentgeltlich. Die 
Chronik erscheint um die Mitte jedes 
Monats. Man abonnirt imLocalc des 
Wissenschaftlichen Clubs (Eschen- 
bachgasse) und in allen Buchband- 
lungen. 



CHRONIK 



Im Auttrage des Wiener Goethe- 
Vereins Herausgeber und verant- 
wortlicher Kedactcur: 
Ä-. y. Sckrd.;: 
Die Redaction bildet der Obmann- 
Stellvertreter (Schroir) mit den 
Schriftführern (Eggtr - MMivaU, 

Beiträge sind an den Herausgeber 
zu senden. 



WIENER GOETHE-VEREINS. 



Nr. 1. 



Wien, Sonntag, den 17. October 1886. 



1. Jahrgang. 



INHALT: Zur 
Goethe- Gesellschaft in 



Nachricht. — Aus dem Wiener GoctJie - l'et 
H'eiinar. — Eine noch ungedruckte Strophe vor 



Zur Nachricht. 



Um die Interessen des Goethe -Vereins möglichst zu fördern, hat der Ausschuss beschlossen, ein 
Monatsblatt unter dem Titel : 

CHRONIK DES WIENER GOETHE -VEREINS 

herauszugeben. 

Diese Chronik wird in der Regel den Umfang eines halben Bogens in Gross-Octav haben und soll 
enthalten : 

1 . Berichte über Vereins-Angelegenheiten und über andere Goethe- Vereine und Gesellschaften. 

2. Berichte über Erscheinungen der Goethe-Literatur. 

3. Goethe-Notizen aller Art. 

4. Berichte über Goethe-Denkmal-Angelegenheiten. 

Der Ausschuss hofft, mit diesem Unternehmen vielfachen Wünschen der zahlreichen Goethe-Freunde 
zu entsprechen und glaubt auf die Theilnahme besonders der Mitglieder des Wiener Goethe -\'ereins 
rechnen zu dürfen. 

Der Jahresbetrag für die, vom 17. October 1886 angefangen, erscheinende Chronik des Wiener Goethe- 
Vereins ist für Nichtmitglieder 2 fl. (4 Mark), für Mitglieder des Goethe-Vereins i fl. Diejenigen, die als 
Mitglieder des Goethe-Vereins mindestens. 5 fl. Jahresbeitrag zahlen, erhalten das Blatt unentgeltlich. 

Die Redaction. 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

Entstehung des Vereins. Den 4. Januar 1878 
fand im wissenschaftlichen Club ein populär-wissen- 
schaftlicher Vortrag über Goethe und Marianne 
Willemer *) statt, dem ein Banket folgte. Bei dem 
letzteren vollzog sich die Gründung des Wiener 
Goethe- Vereins, dem die Mehrzahl der Anwesenden 
sogleich beizutreten sich verpflichtete. Es bildete sich 
ein vorbereitender Ausschuss, der den 15. März 1878 
eine gedruckte Aufforderung zum Beitritt versendete. 
Sie war unterzeichnet: »Für das provisorische 
Comite« vom gegenwärtigen Obmann-Stellvertreter. 
Einen Bericht über die erste Vollversammlung des 
Vereins, die den 5. Mai 1878 stattfand, brachte 
A. Edlingers Literaturblatt (15. Mai und i. Juni d. J.), 
dem das Wesentliche hiemit entnommen wird. — Der 

*) Derselbe erschien dann im Druck in der Schrift : Goethe und 
die Liebe. Zwei Vorträge von K. J. Schröer. Heilbronn, Gebrüder 
Henninger 1884. 



Vorsitzende, Prof. Schröer, begrüsste die Versamm- 
lung. Er wies hin auf die Bedeutung Goethes und 
Schillers für das deutsche Volk und über die Grenzen 
des deutschen Volksthums hinaus. Noch immer sei 
die Popularität Schillers bei dem deutschen Volke 
die grössere. Die Verehrung Schillers für Goethe 
ziehe aber seine Verehrer an Goethe heran. Wer 
hierin hinter Schiller zurückbliebe, verstünde auch 
Schiller schlecht. Als das Schiller-Denkmal in Wien 
sich seiner Vollendung nahte, sagte Graf Anton 
Auersperg (1876 *) : Das nächste Denkmal müsse ein 
Goethe-Denkmal sein ! — Es ist bemerkt worden : der 
Zeitpunkt zur Gründung eines Goethe-Vereins sei 
nicht gut gewählt. Wenn es sich dabei um Befriedi- 
gung von Launen des Wohllebens handelte, dann 
allerdings müssten wir zugestehn: dazu sei unsere 



*) Es war in demselben Jahre, das uns den Theuren den 
14. September hinwegraffte. Er erlebte die Enthüllung des Schillcr- 
Denkmales den ic. November desselben Jahres nicht mehr. Be- 
kanntlich war Graf Auersperg Obmann desSchillerdenkraal-Comites. 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



Zeit zu ernst. Doch müssen wir erinnern, dass für 
die deutsche Bildung heute das Verhältniss zur 
Kunst ja doch ein andres ist, als im Zeitalter der 
l'Vivolität, und zwar gerade durch Goethe und Schiller. 
Die Dichtkunst, wie die Kunst überhaupt, ist uns 
nicht mehr eine nebensächliche Beigabc, nicht eine 
verzeihliche Vergnügung menschlicher Schwächen, 
wir sehn in ihr vielmehr den mächtigsten Hebel in 
der Entwicklung der Menschheit. Sie gehört als ein 
Bestandtheil zu unserem nationalen Leben: sie ist uns 
Erhebung, Trost, Bedürfniss eines menschenwürdigen 
Daseins. — Wir können ihrer zu keiner Zeit entrathen, 
uns erscheint ihre Pflege immer wichtig, immer an der 
Zeit. — In diesem Sinne wurde der Keim gelegt zu 
unserem Verein schon mit der Enthüllung des Schiller- 
Denkmals ; ein Keim, der in diesem Frühjahre ans 
Licht des Tages hervortreten will. 

In Bezug auf die Au/gaben des Vereins hat der- 
selbe Berührungen zu suchen mit bedeutenden 
Künstlern, Gelehrten und Schriftstellern, um jährlich 
in irgend einer Form eine Goethe-Feier zu Stande zu 
bringen, die durch ganz einzige Genüsse Beifall 
und Antheil auch in weiteren Kreisen zu gewinnen 
vermöchte und dem Vereine nicht blos materielle 
Vortheile zu Gunsten eines Goethe-Detikmals für 
Wien, sondern auch neue Freunde heranziehn soll. 
Aufführungen dramatischer Dichtungen Goethes, die 
sonst nicht zur Darstellung kommen, wären ins Auge 
zu fassen, die Ausführung musikalischer Composi- 
tionen Goethescher Texte, auch älterer, vergessener 
Componisten, wäre nicht zu übersehn. — Die An- 
regung auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft, 
die von Goethe ausgeht, ist so unerschöpflich, dass 
der Stoff zu populär-wissenschaftlichen Vorträgen 
und Festreden nicht mangeln wird. 

Wenn der Verein nun noch mit Veranstaltung 
von Vorträgen innerhalb des Vereins, durch Anlegung 
einer Goethe-Bibliothek, durch Einleitung von Samm- 
lungen zu einem Goethe-Denkmal in Wien sich Auf- 
gaben stellt, die eine jede für sich gewiss sich selbst 
rechtfertigen, so darf er vielleicht hoffen, dass die 
Theilnahme für denselben von Seiten weiterer Kreise 
nicht ausbleiben wird. — 

Schon vor einem Jahre, den 25. Januar 1877, 
hatte der Redner einen Vortrag gehalten über Goethes 
äussere Erscheinung *), zu dem eine Anzahl seltener 
Goethe-Bildnisse ausgestellt war, nun kann er für 
einen der nächsten Abende einen Vortrag des Herrn 
Dr. Hermann Rollelt über dessen aufzustellende reiche 
Sammlung von Goethe-Bildnissen den Mitgliedern in 
Aussicht stellen. — — Soviel entnehmen wir der 
Rede des Vorsitzenden. 

Nach Annahme der Grundbestimmungen des 
Vereins, die in den Händen der Mitglieder sind, 
wurde nun an die Wahl des Ausschusses geschritten. 
Sie hatte das nachfolgende Ergebniss : 



ntcr dies« 
ien 1877. 



Titel mit einer Tafel mit ij Bildnissen 



Anzengruber L., Brentano Fr., Dingelsledl Fr. 
Freih. v., Doblhoff J. Freih. v., Edlinger A., Egger 
V. Mijllwald AI., Falke-Lilienstein Freih. v., Franzos 
K. E., Hager W., Hermann W., Ho/mann L. Freih. v. 
E.vc, Hye-Glunek A. Freih. v. E.vc, Kolatschek Ad., 
Kompert L., Kopp J., La Roche K. v., Lützow 
K. V., Meissner /., Neuhauser H. v., Kordmann /., 
Regnier /., Rollett H., Russ V. W., Rosenthal B., 
Schipper J., Schröer K. /., Speidel L., Stremavr K. v. 
Exe, Tomaschek K., Völkner K., Weilen J. v.. 
Weissei L. 

Den 18. Mai 1878 wurde in der ersten Sitzung 
des Ausschusses die Wahl der Functionäre vorge- 
nommen. Zum Vorsitzenden wurden gewählt Seine 
Excellenz der Unterrichts-Minister Dr. K. v. Stre- 
mayr, zu Stellvertretern Dr. V. W. Russ, Reichs- 
raths-Abgeordneter und Professor Dr. K.J. Schroer, zu 
Schriftführern ^j«/. Edlinger, Redacteur des Literatur- 
blattes und Obrist V. Neuhauser, zum Cassier Banquier 
Beruh. Rosenthal, zum Bibliothekar Schröer. 

Den 20. Mai fand die Ausstellung der Goethe- 
Bildnisse (über 100) Dr. Rolletts mit einem Vortrage 
desselben statt. Der Bibliothek des Vereins flössen 
eine Reihe von dankcnswerthen Geschenken zu. 

Im September wurde der Verein aber besonders 
erfreut durch das Geschenk einer Goethe-Bibliothek, 
bestehend aus 388 Werken aus der Goethe-Literatur, 
die von der Frau Sections-Räthin Marie Walther ge- 
spendet wurde. Der von Schröer angefertigte Katalog 
ist gedruckt und für Mitglieder um den Betrag von 
20 kr. zu beziehen. 

Chronik des Vereins. Von den folgenden 
Jahren sei hier nur noch das Wichtigste, namentlich 
die Goethe-Abende, Vorlesungen u. dgl. verzeichnet. 

1879 fand im kleinen Musikvereins-Saale eine 
Jahresfeier des Wiener Goethe-Vereins den 2 i . März, 
Abends halb 8 Uhr, statt. Programm: i. ,,//« Gegen- 
wärtigen Vergangenes^ aus dem westöstl. Divan (1,12). 
Composition Schuberts, vorgetragen von Mitgliedern 
des Wiener Männergesang - Vereins mit Clavier- 
Begleitung des Herrn Lorenz. 2. „Goethes Heimgang'' 
von Anastasius Grün, vorgetragen von Prof. Streben. 
3. „Heidenrüslein'', Composition von Schubert und 
„Suleika" (pi\an8,.\2), Composition von Mendelssohn, 
Beides gesungen von Frl. Camilla Nordmann, 4. „Die 
ältesten Scenen 7'on Goethes Faust" in Bezug auf Er- 
gebnisse neuerer Forschung. Vortrag von Professor 
Schröer. 5. „Gretchen am Spinnrade'', Composition 
von Schubert; ..Der Jl/usensohn" , Composition von 
Schubert, Beides gesungen von Frau Prof Anria Dust- 
mann. 6. ßfendelssohns H-moll-Quanen. Goethe ge- 
widmet, vorgetragen von d<?n Herren Hoflvapellmeister 
//dV/ww/^c/g'er und den Herren Professoren S. Bachrich, 
R. Hummer und A. Door. 7. „ Wanderers N'achtlied" , 
Composition Reissingers, vorgetragen von Mitgliedern 
des Wiener Männergesang-Vereins. Die Anordnung 
des Musikalischen geschah unter gefälliger Leitung des 
Chormeisters Herrn Kremser. 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



1880. Den 13. März fand imSaal Bösendorferein 
populär-wissenschaftlicher Vortrag des Herrn Prof. 
Dr. Anton Kerner Ritter von Marilaun über Goethe 
und Darivin statt. 

Den 24. März ebenso im Saale des Ingenieur- 
und Architekten- Vereins ein populär - wissenschaft- 
licher Vortrag des Herrn Prof. Dr. Michael Bernays 
aus München : „Die Phasen der Goetheschcn Lyrik^'- . 

1 88 1 . Den 5 . Februar sprach Prof. Dr. Er. Schmidt 
über „Goethe in Sesenheim'^. Herr Hofschauspieler 
Leic'insky erfreute den Verein mit Vorträgen von Ge- 
dichten Goethes. *) 

Den 1 8. December hielt Herr Dr._/. Minor einen 
Vortrag über ,, Wilhelm Meister." 

Diejenigen Mitglieder, die nach einem neuer- 
lichen Zusatz zu den Grundbestimmungen des Vereins 
5 fl. zahlen, erhielten je ein Exemplar 1 88 1 von „ Goethes 
Briefwechsel 7nit einem Kinde'- (3. Ausgabe 1881). 

1882. Den 22. März erliess ein vom Ausschuss 
des Goethe-Vereins gebetener Kreis von Verehrern 
des Dichters einen Aufruf zur Errichtung eines Goethe- 
Denkmals in Wien. 

Es wurde nun in Gemeinschaft mit dem Schrift- 
stellerverein „Concordia'^ und andrer Vereine zur 
Erinnerung an den Sterbetag Goethes vor 50 Jahren 
in dem grossen Musikvereins-Saale eine Akademie 
veranlasst, bei der H. Laube die Festrede hielt 
und der Wiener Mdnnergesang- Verein und andre 
hervorragende Kräfte mitwirkten, was dem Denkmal- 
fonds ein bedeutendes Erträgniss zuführte. 

Den 18. November sprach Herr Dr. AI. Brandt 
über Goethe und Byron. Hierauf trug Herr Hofschau- 
spieler Robert aus „Tasso'' und Byrons „Klage des 
Tasso" vor. 

Den g. December sprach Prof. Dr. Schräer über 
die Aufführung des ganzen Faust. Darauf trug Herr 
Mitterwurzer\'om Stadttheater Bruchstücke aus beiden 
Theilen des „Faust''' vor. 

Den Mitgliedern, die den höhern Jahresbeitrag 
zahlen, wurde für dies Jahr vertheilt die Schrift von 
Hermann Uhde: Erinnerung und Leben der Malerin 
Luise Seidler. 

1883. den 15. März sprach Prof. Dr. ^r. Schmidt 
über „Clavigo". Die Hofschauspielerin Frl. Wessely 
trug vor: „Euphrosj'ne". 

Den 28. April sprach Prof. Blume über „Goethe 
und die Geschwister Stolberg''; Frl. Detschy vom Stadt- 
theater trug vor „Klagegesang der edlen Frauen des 
Asan Aga'^ und „ Wirkung in die Ferne" . 

Den I . December hielt Herr Prof. Dr. Er. Schmidt 
einen Vortrag über „Goethe und die Frau von Stein". 

Den I 3. Mai fand von den k. k. Hofschauspielern 
Fräulein f. Wessely und den Herren Hartmann, 
Leivinsky, Robert, Schreiner eine Aufführung des 



*) Die Vorträge, bei denen kein Local ausserhalb des 
schaftlichen Clubs angegeben ist, werden in dem Vortragssaale des 
Clubs gehalten. Dieselben sind nur für Mitglieder des Vereins und 
des Clubs bestimmt. £s hat sich für dieselben der Ausdruck Goethe- 
Abende gefunden. 



„Clavigo'^ und der „Gesch'vister" in Brunn statt; die 
genannten hochherzigen Künstler widmeten sämmtlich 
die Spielhonorare dem Goethedenkmal-Fonds. 

Den 5. Juli wurde das Goethe-Denkmal in Carls- 
bad enthüllt, wobei Reichsraths-Abgeordneter Doctor 
J^. W. Russ als Obmann-Stellvertreter des Vereins 
zugegen war und einen Kranz an den Stufen des 
Denkmals niederlegte. 

Den Mitgliedern, die den höhern Jahresbeitrag 
leisten, wurde in diesem Jahre die Schnh „Goethe und 
Felix Mendelssohn" von R. Mendelssohn verabreicht. 

1884. Den 22. Januar sprach Prof. Dr. Schröer 
über „ Goethe und die Liebe", Beitrag zu Stella. Darauf 
trug Herr Hofschauspieler Hallenstein vor zwei Mono- 
loge aus „Egmont" und kleinere Gedichte. 

Den 22. März sprach Prof. Dr. Raab über 
„ Goethe und das Griechenthum" . Danach trug vor Herr 
Hofschauspieler Arnau „Alexis und Dora" . 

Bei der hundertjährigen Geburtstagsfeier von 
Goethes Freundin Alarianne Willemer, gehorne fung, 
am 28. November 1884 in Linz, betheiligte sich der 
Wiener Goethe-Verein durch Entsendung des Aus- 
schussmitgliedes Prof. Dr. Er. Schmidt, der den Fest- 
vortrag hielt. Ein Ueberschuss der Einnahmen fiel 
dem Wiener Goethedenkmal-Fonds zu. 

Auf das Grab von Alma von Goethe im Wäh- 
ringer Ortsfriedhof wurde den 2. November vom 
Vereine ein Kranz niedergelegt. 

Den 12. December sprach Prof. Blume über 
,, Goethe und die Baukunst" mit Beziehung auf die 
,, Wahlverwandtschaften" . Darauf trug vor Herr Max 
Devrient kleinere Gedichte. 

Für dieses Jahr wurde für Mitglieder, die den 
höhern Beitrag leisten, vertheilt: Richardson, Rousseau 
und Goethe von Er. Schmidt lS~\. 

1885, den 31. Jänner hielt zu Gunsten des 
Vereins Herr Prof. Georg Brandis aus Kopenhagen 
einen Vortrag im Saale des Gewerbe-Vereins über 
Goethe in Dänemark. 

Den 7. März hielt Prof. Dr. Er. Schmidt einen 
Vortrag: „Aus der Wertherzeit" . Darauf trug Prof. 
Dr. K. Haas kleinere Gedichte vor. 

Den 14. December wurde ein Goethe-Abend ab- 
gehalten mit dem Programm : l . Mittheilungen von 
der Goethe -Gesellschaft in Weimar. 2. Goethes 
Lphigenie und Frau von Stein. Vortrag von Prof. 
Dr. Schröer. 3. Scenen aus Lphigenie, gelesen von 
Fräul. Wessely und Prof. Schröer. 

Prof. Dr. Er. Schmidt, zum Director des Goethe - 
Archivs in Weimar berufen, wurde zum Ehren- 
mitgliede des Goethe-Vereins ernannt. 

I 886, den 6. Februar hielt Prof. Dr. Raab einen 
Vortrag über Tasso und Goethe. Darauf folgte eine 
Recitation des Hofschauspielers R. Hübner. 

Den 23. März fand die Jahresfeier des Vereins 
statt. Es trug vor im Saale des Gewerbe -Vereins 
Hofschauspieler Lewihsky : den Mummenschanz aus 
dem zweiten Theile von Goethes Faust und die Hof- 



Chronik des Wiener Goethe-Vereins. 



Schauspielerin Fräulein Hohmfeh ein Bnichstück 
aus Goethes Pandora. Beide begleitete Professor 
Dr / Bayer mit einem erläuternden Vortrage. 

' Den I 2. April fand eine Ausschuss-Sitzung statt, 
bei der eine Zuschrift des Professors Fiegl verlesen 
wurde, mit der lirklärung, dass derselbe wegen An- 
häufung von Geschäften genöthigt set, sein Amt a s 
Schriltführcr des Vereins niederzulegen. Zu Schrilt- 
fUhrern wurden gewählt: Herr Regierungsrath 
AI EcfTcr von MöUwald und Herr Secretar des 
wissenschaftlichen Clubs F. Karrer, die s,ch beide 
bereit erklärten das Amt zu übernehmen. 

Herr Regierungsrath von Egger stellte den An- 
trag dass der Verein eine vionallich erscheinende 
Chronik herausgebe, die als Beilage zu den Berichten 
des tvisscnscha/tikhen Clvbs, aber auch einzeln für 
Vcreinsmitglieder und Abonnenten bestimmt sei Der 
Antrag wurde angenommen und der Obmann-Stell- 
vcrtrca-r des Vereins, sowie die Herren Schnltführer 
wurden ermächtigt und beauftragt, denselben so aus- 
zuführen, dass mit October das erste Blatt als Probe 
nummer erscheine. _^____ 

Der Goethe -Verein hat seit seinem Bestehn 
unter wechselnden Zeitströmungen zu leiden gehabt. 
Er ceht dem Beginne des Winter-Halbjahres ib«ö/b7 
mit den besten Hoffnungen für die Zukunft entgegen. 
Allen Gönnern, die Beiträge gegeben zu dem 
Goethe-Denkmal, sowie Allen, die den Verem ge- 
fördert haben, hat derselbe wärmstens zu danken. 

Obenan unter den Spendern zu dem Goethe- 
Denkmal steht der Name Sr. Majestät des Kaisers und 
stchn die Mitglieder des allerhöchsten Kaiserhauses 
Unter den Gönnern des Vereins ist rühmend 
zu nennen der wissenschaftliche Club, in dessen 
Räumen er entstanden und bisher eine Heimat ge- 
funden. Ebenso hervorzuheben ist der Schriftste 1er 
Verein Concordia, sowie die gesammte Journahsttli 
Wiens die den Verein mit Rath und That unterstutzt 
und mit unermüdlichem Antheil in jeder Weise ge- 
fördert haben. Ebenso ist rühmlichst hervorzuheben 
die Bereitwilligkeit der Gelehrten und Künstler, die 
mit Vorträgen und Productionen den Festen des 
Vereins Glanz verliehn. Allen sei hiemit gedankt- 



Von der Goethe -Gesellschaft in 
Weimar. 

(Auszug aus dem Vortrage am Goethe- Abend, den 14. De- 
cember 1885). 
Dem lebhaft geäusserten Wunsche von Vereins 
mitgliedern nach Mittheilungen über die Goethe 
Gesellschaft in Weimar entsprechend, wollte man 
nicht zögern, von dem, was zu uns gelangt war, Nach- 
richt zu geben, wozu zum Theil früher erhaltene 
Zuschriften, als auch eine gefällige )üngste Mit- 
theilung unseres Ehrenmitgliedes des Directors des 
Goethe-Archiv Prof. Er. Schmidt ermuthigten. 



Wenn von Weimar die Rede ist, horcht der ge- 
bildete Deutsche hoch auf und mit Freuden begrüssten 
wir den Aufruf zu einer Goethe-Gesellschaft, der von 
da ausging und in dem das verheissungsvolle Wort zu 
lesen war : „ Weimar war die Goethe-Stadt und wird 
es von Nettem'^. 

Als Deutschland noch zerklüftet, machtlos, ohne 
Mittelpunkt war, erhob sich das kleine Weimar zur 
Hauptstadt seines geistigen Lebens. Weimars Grosse 
beruht auf der grossen Zeit, da Wieland, Goethe, 
Herdtr Schiller dort wandelten und es dankt seine 
Grösse' seiner hochherzigen Fürstin, der Herzogm 
Amalie und ihrem grossen Sohne Karl August. 

Von dort ging aus, was wir nun als höchste 
Güter unseres Schriftenthums hochhahen, deren Welt- 
bedeutung alle gebildeten Völker erkennen, so dass 
man in gewissem Sinne wohl sagen darf: Deutsch- 
lands Grösse ist untrennbar von der Grosse von 
Weimar. ... 

Ein langer Zeitraum ist nun schon vorüber, 
über ein halbes Jahrhundert, seit Goethe die Augen 
schloss, und wir fragen uns: was geschah in der Zeit 
mit Weimar? , • . 

Wer es gesehen vor 40, vor 20 und wieder in 
den letzten Jahren, konnte grosse Veränderungen 
wahrnehmen. _ 

Es hat sich in erfreulicher Weise umgestaltet: 
es ist sich seiner grossen Vergangenheit mehr und 
mehr bewusst geworden und ist schon heute mehr 
als vor 40 Jahren für den Besuchenden das, was wir 
in ihm suchen und erwarten, obwohl freilich die 
Fckermann, Scholl und andere Personen, die man da 
vor 40 Jahren noch sehen konnte, nicht mehr sind. 
Weimar besitzt einen Fürsten, der die Erinne- 
rungen an die grosse Zeit bewahrt und hoch hält. 
Durch ihn ist schon viel geschehen zur Erhaltung 
und Wiederherstellung des Bewahrenswerthen. Er 
erinnert sich noch daran, wie er mit seinem Lehrer 
Soret manchmal Goethe besuchte, in ihm lebt noch 
das Bild von Goethes Erscheinung, der Klang seiner 
Stimme, die Einrichtung seines Hauses , seiner 
Zimmer, seiner Gärten und nicht nur die Er- 
innerung, auch die Freude daran, die Freude an 
der Pflege und Erhaltung. Er war 14 Jahre alt als 
Goethe starb. ,. 

Zur Seite steht ihm seine hohe Gemahn, die 
Frau Grossherzogin Sophie, die noch in einer Zeil 
nach Weimar kam, wenig Jahre nach Goethes Tode, 
wo von Allen der Verlust Goethes noch lebendig ge- 
fühlt ward. Ueberall sprach man von der Zeit da 
Goethe noch lebte; überall fehlte er. Die hohe Frau 
sah sich bald hinein gezogen in den intimen Kreis der 
Verehrer Goethes, von dessen Werken sie sich 
mächtig angezogen, fühlte. Sie steht nun hochgeehrt 
da in der Goethe-Gemeinde. 

Wenn Etwas das freundliche Bild von Weimar 
beeinträchtigen konnte, so war das: Goethes Ter- 
schlossenes Baus mit seinen Schätzen, die der Welt 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



verborgen waren, auch Goethes Häuschen in seinem 
Garten am Stern, sehr in Verfall! — Die Besitzer, 
Goethes Enkel, kränkelten in ihren letzten Jahren. 
Beide, edle gute Menschen, aber in dieser Welt wie 
Fremdlinge, nicht geschaffen dazu, den grossen 
Namen, den sie geerbt, zu tragen. Es war ein trauriger 
Anblick, das verschlossene Goethe-Haus der letzten 
Jahre. Es schien unbewohnt, Alles verschlossen. Auch 
Abends blieb das Erdgeschoss und das Stockwerk 
eine Treppe hoch, die eigentliche Wohnung Goethes, 
dunkel. Nur ein einziges Fenster in der Mansarde 
beleuchtete sich: da ivohnte der leiste Goelhc! — 
Lieber 50 Jahre nach Goethes Tode waren vorüber- 
gegangen, als dieser letzte seiner Enkel starb, und 
sein Testament bezeichnete als Erben den Staat 
Sachsen- Weimar, den regierenden Grossherzog und 
seine Gemahn. Wenn die beiden letzten Goethe, ab- 
gekehrt von der Welt, ein einsames Leben führten, 
vom regierenden Fürstenhause genossen Beide bis 
zum letzten Athemzuge Liebe und rücksichtsvollste 
Theilnahme. Sie hatten auch zu demselben das vollste, 
man kann sagen das kindlichste Vertrauen, das sich 
ja auch in dem letzten Willen des zuletzt Verstor- 
benen aussprach ! Der jüngere der Beiden, Wolfgang 
Max von Goethe, geboren 1820, war schon gestorben 
den 20. Januar 1883; Ka/Mtv- Wolfgang, der ältere, 
geboren 1818, starb den 15. April 1885. 

Das Stadthaus Goethes ist dem Staat Weimar, 
das Gartenhaus mit dem Garten, das Karl August dem 
Ahnherrn geschenkt, dem Enkel desselben, * dem 
Grossherzog Karl Alexander zurückgegeben und das 
Archiv, auf dessen Eröffnung ganz Deutschland seit 
soviel Jahren gespannt ist, der Frau Grossherzogin 
Sophie. Indem wir nun sehen, wie von dem edlen 
Fürstenhause das ganze Erbe verwaltet, eigentlich ge- 
rettet, wieder hergestellt, für die Zukunft gesichert 
und der Nation, ja der ganzen Welt zugänglich und 
nutzbar gemacht wird, preisen wir das Geschick, dass 
Alles sich so gestaltet hat, und erkennen die Weisheit 
des Vermächtnisses; sehen auch, dass so zu verfahren 
die Enkel selbst die Mittel nicht besessen hätten. 

Wir dürfen uns nun denken, dass das Stadthaus 
und das Gartenhaus mit dem Garten für allezeit ge- 
sichert und hergestellt, ja vervollständigt werden, 
wie sie waren, wobei die Erinnerungen des Gross- 
herzogs selbst sehr zu Hilfe kommen. 
Ü' Ein hochwichtiger Theil der Erbschaft ist nun 
aber das Archiv, der schriftliche Nachlass Goethes, 
wovon ja Vieles noch ungedruckt ist. 

Die Frau Grossherzogin übernahm die köstlichen 
Schränke, Hess sie zu sich schaffen, da das Haus schon 
sehr dringend der Reparatur bedurfte ; sie öffnete 
alle eigenhändig in weihevollster Stimmung, wie 
uns in jenen Tagen aus bester Quelle bekannt ge- 
worden ist, und »Hess die vollen Sonnenstrahlen in 
die langverwahrten Heiligthümer hinein«. 

Die hohe Frau unterzog sich mit pietätvoller 
Gesinnung einer mühevollen Revision der Schätze, 



um selbst einen Ueberblick zu gewinnen. Immer stand 
vor ihrem Geiste der Gedanke, im Sinne Goethes zu 
handeln. Sie schloss sich mit diesem opferwilligen 
Ernste, den sie diesen ganz einzigen Nationalschätzen 
zuwendete, auf das würdevollste der Reihe ihrer 
grossen Vorgängerinnen an, denen das Schriftenthum 
so Grosses dankt. — Vor Allem dachte sie daran, den 
Schatz für allezeit in einem feuersicheren Gebäude 
unterzubringen, das eigens dafür gebaut werden soll, 
und die Handschriften erstens ordnen zu lassen, dann 
sie der Welt zugänglich zu machen. Vielleicht wird 
dies durch Nachbildungen des Wichtigsten in Licht- 
druck ausgeführt werden können. 

Alles Einzelne näher zu berathen, trat auf den 
Wunsch der hohen Frau den 21. Juni d. J. (1885) 
zum ersten Male die Goethe -Gesellschaft in 
'Weimar zusammen. Es wurde von derselben be- 
schlossen, eine kritische Ausgabe von Goethes Werken 
vorzunehmen, mit Benützung des Archivs, dann einen 
Director des Archivs zu ernennen, der mit der Durch- 
sicht desselben betraut ist und die Herausgabe von 
Schriften der Goethe-Gesellschaft leitet, in denen nach 
und nach Partien aus den noch ungedruckten 
Schätzen des Archivs veröffentlicht werden sollen. 

Das Archiv hat nun ein Ausschuss-Mitglied 
unseres Wiener Goethe-Vereins, Prof. Erich Schmidt 
zum Director erhalten und ein Aufruf der Goethe- 
Gesellschaft ist den i. Juli erschienen, der Ihnen 
bereits bekannt ist. 

Eine volle Uebersicht über das Goethe-Archiv 
und die Publicationen der Goethe-Gesellschaft lässt 
sich wohl noch nicht geben. Es wird aber vielleicht 
schon dasjenige von Interesse sein, was Erich Schmidt 
aus seiner Arbeitsstube heraus mitzutheilen die 
Güte hatte. 

Alles befindet sich noch, in Bezug auf die Ab- 
sichten mit dem Nachlasse Goethes, im ersten Keime. 
Das Goethe-Haus, vom Schwamm zerfressen und 
stündlich den Einsturz drohend, bedurfte einer so 
gründlichen Reparatur, dass die Aufstellung der 
Kunstsammlungen Goethes, die dort Platz finden 
sollen, noch hinausgeschoben ist und die Räume 
kaum vor dem Mai dem Publicum geöffnet werden 
können,*) vielleicht zur General-Versammlung, die 
vorläufig auf i. und 2. Mai anberaumt ist. 

»Ich registrire jetzt«, schreibt E. S., »die über 
jede Beschreibung reichhaltigen Correspondenzen». 
Vom Herbst 1793 liegen die eingelaufenen Briefe 
gebunden vor, reichlich untermischt mit Goetheschen 
Concepten. Darin auch die zahlreichen Schreiben 
Christianens, denen sich später die kindlichen Mit- 
theilungen Augusts anschliessen. Hier alle Briefe 
Voigts u. s. w. Hier das erste Blatt Fr. A. Wolfs an 
Goethe. Der schriftliche Verkehr mit Humboldt, 
Schlegels, mit Schiller, den römischen Freunden, ja 
eigentlich allen seinen engeren und ferneren Be- 



*) Sie wurden bekanntlich nun geöffnet. Die „Neue Fr. Preise" 
brachte einen Bericht vom 4. Juli 188Ö. 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



kannten, wird durch diese ungefügen Bündel ergänzt. 
Hiezu kommt die Autographen- Sammlung, der 
Üoethe Vieles aus seiner Corrcspondenz cmverleibt 
hat, z. B. den einzigen erhaltenen Brief Kleists an 
üoethe. 

Vieles ist in besondere Kasten oder Bande aus- 
gesondert: Jacobi, Rochlitz, Knebel, Karl August, 
l-Yau Rath, Gelehrte, berühmte Freundinnen (etwa 
200 Briefe und Billets an Goethe), Goethes Briefe 
an Christiane, an August. Diese werden vielleicht die 
zweite Publication der Goethe-Gesellschaft werden. 
Das älteste Schri/tstikk von Goethe ist ein in 
steifen Alexandrinern gehaltenes Gedicht zu Neu- 
jahr 1757 für den «.Erhabenen Grosspapa«. Es 
schliesst hübsch mit dem Versprechen, seiner Feder 
werde künftig Besseres gelingen! 

Endlich sind noch die Tagebücher da. Die 
Tagebücher sind ganz unerschöpfliche Repertonen, 
von denen noch wenig gedruckt ist. Gefühls- 
äusserungen, wie der höchst leidenschaftliche Eintrag 
nach dem Tode der Frau Christiane, sind daher 
seltene Aufzeichnungen. 

Gegen Ende des Lebens rühren uns die mannig- 
fachen Sccnen mit den Enkeln und Reflexionen, be- 
sonders Proteste gegen die Gegenwart, nehmen zu. 

Auszüge aus diesen Tagebüchern bilden die 
Grundlagen der Annalen, die wir kennen. 

Ausserordentlich reich ist das Material zur 
italienischen Reise. Auch das erste fragmentarische 
Journal der Schweizerreise von 1775 ist erhalten: 
vorn kecke Knittelverse Goethes, dann bouts-nmes 
auf dem See mit Stolbergs improvisirt, unmittelbar 
darauf die erste Fassung von: »Und frische Nahrung, 
neues Blut« etc. Darauf »Privat- Archiv des Dichters 
Lit L: Wenn ich liebe Uli« etc.« — Die erste Skizze 
von Götz V. B. vom Jahre 1771 entdeckte die Frau 
Grossherzogin gleich nachdem sie die Schränke über- 
nommen. 

»Zu Faust I. T. sind einige Versreihen da, 
Paralipomena zur Walpurgisnacht. Zum 2. T. hin- 
gegen colossales Material! Das ist Alles, was ich 
bisher mittheilen kann.« 

Der erste Band der Schriften der Goethe-Gesell- 
schaft befindet sich bereits in Druck und Er. Schmidt 
hatte die Güte, mir die Correcturbogen zu übersenden. 
Es sind die Briefe von Goethes Mutter an die Herzogin 
Anna Amalia, herausgegeben von Burkhardt im Auf- 
trage Sr. k. Hoheit des Grossherzogs. 49 Briefe, 
von denen bisher nur 19 bekannt waren. (Da das 
Buch bereits erschienen ist, so entfällt hier die Mit- 
theilung der Proben, die der Vortragende vorgelesen, 
damit seinen Vortrag schliessend.) 



Eine noch ungedruckte Strophe von 
Goethes Hand. 

Herrschte auf dem Gebiete der Goethe-Forschung 
in letzter Zeit bereits das regste Leben in Deutsch- 



land und selbst ausserhalb, namentlich in England, 
Frankreich und Amerika, so konnte das hierin sich 
aussprechende Interesse kaum durch ein anderes 
Ereigniss noch mehr gesteigert werden, wie durch 
die Erschliessung des Goethe-Archivs, von der schon 
oben in dem Auszuge aus einem kleinen Vortrage 
über die Goethe-Gesellschaft in Weimar die Rede 
war. Noch ist man mit der Sichtung und Ordnung 
dieser Schätze beschäftigt, aber schon ist auch eine 
kritische Ausgabe der Werke Goethes in Angriff 
genommen, mit Benützung der reichen, neugewon- 
nenen Hilfsmittel, die durch Vollständigkeit alle bis- 
herigen Ausgaben weit hinter sich lassen wird. — Nahe 
liegt nun der Wunsch, dass auch alle in Privatbesitz 
befindlichen kleinen Reliquien, die noch hin und 
wieder zerstreut vorhanden sind, an die Oeffentlich- 
keit hervortreten möchten, wodurch sie gegen alle 
Schicksale des Zufalls gesichert würden. Auch in 
Oesterreich und Ungarn kann es an solchen kleinen 
Schätzen nicht fehlen und wir möchten gerne dazu 
beitragen, sie hervorzulocken. — In dieser Beziehung 
konnte unserer ersten Nummer kaum eine gelegenere 
Gabe geboten werden, als damit, dass das verehrte 
Ausschussmitglied unseres Vereins, Prof. Dr. K. von 
Lützow, uns auf das Freundlichste ein Stammbuchblatt 
von Goethes Hand zurVerfügung stellt. Dasselbe wurde 
den 13. Mai 1809 seiner Mutter Bertha von Lützow, 
gebornen von Loder vom Dichter gewidmet; von dem 
sechzigjährigen Minister — einem Kinde von 10 bis 
12 Jahren! — Es muss ein seltenes Kind gewesen 
sein. Wir wissen von ihr nur wenig. Sie heiratete 
1820 Herrn von Lützow und ihr Sohn, der gegen- 
wärtige Besitzer des Blattes, war i 2 Jahre alt, als er 
sie i'844 verlor. Sie starb an einem Brustleiden. 
Lützow, der Sohn, schreibt uns von ihr: »Meine 
Mutter war hochbegabt und hatte eine herrliche Alt- 
stimme. Sie lernte Griechisch und ich habe das a ß 7 
von ihr gelernt. Ihre Odyssee-Ausgabe steht auf 
meinem Bücherbrett. In ihrem Stammbuche ist auch 
ein griechischer Vers von ihrem Lehrer, Prof. Pfund 
am Joachimsthaler Gymnasium in Berlin, andere 
(Einschreibungen) von Gries, Knebel, Heeren, Blu- 
menbach, Bertha von Laroche etc. In Berlin hatte 
sie bei Schleicrmacher Religionsunterricht. Auch 
malte sie sehr hübsch, namentlich Blumen. Ich habe 
reizende Bilder und Silhouetten von ihr. Goethe hatte 
an dem begabten, feinen, schönen Mädchen gewiss 
besonderes Wohlgefallen!« — Wir haben uns nuri zu 
erinnern an Goethes Beziehungen zu Loder, dem 
Vater des Kindes. Der berühmte Anatom, Gustav 
Christian von Loder, geboren zu Riga 1753- ^^-a-" 
bereits 1778 Professor in Jena und Goethe horte 
bei ihm 1782 Collegia. Loder schreibt darüber: »Wir 
haben nachher (nach jedem CoUegium) herrliche 
Unterredungen darüber!« s. Goethe-Jahrb. 2, 37Ö. 
Das lässt sich denken! Es handelte sich um die 
grosse Entdeckung des Zwischenknochens beim 
Menschen! 1794 hörten bei Loder Prof. Göt/hng, 



Chronik des Wiener GoeAe -Vereins. 



geh. Rath Voigt, beide Humboldt und Goethe! Goethe 
schreibt darüber in den Annalen: »Wir Genannten 
mit Freund Meyern wandelten des Morgens im tiefsten 
Schnee, um in einem fast leeren Auditorium (die 
Bänderlehre) nach den genauesten Präparaten vorge- 
tragen zu sehen«. Leder*) war auch mit Schiller 
befreundet. Die kritische Ausgabe der Werke 
Schillers brachte ein humoristisches Gedicht zu 
Loders Geburtstag vom 28. November 1799, in dem 
seine Uneigennützigkdt als Arzt, seine Sprachkennt- 
nisse und seine Kunstliebe hervorgehoben werden. 
Goethes letzter Brief an Loder war vom 7. April 
183 1. Loder starb wenige Wochen nach Goethe, 
und rsvar als k. russ. Leibarzt und wirkl. Staatsrath 
Excellenz zu Moskau, 16. April 1832. Er war 1803 
von Jena an die Universität Halle übergegangen und 
dann 1809 nach Russland. Dass "er 1809 im 
Weimarischen gewesen, ist nicht bekannt. Seine Frau 
mit ihrer Tochter Bertha, weilte 1 809 in Jena, wo 
sich Goethe längere Zeit, im Frühjahre und später, 
aufhielt. Sie ging dann nach Berlin, später nach 
Göttingen, wo Bertha Herrn von Lützow kennen 
lernte. Das Stammbuchblatt deutet auf eine bevor- 
stehende Abreise Berthas hin. Es gibt uns ein Bild 
von Goethe, der, in Jena gerade eifrig mit der Farben- 
lehre beschäftigt, die Gemalin seines Freundes Loder 
besuchte und von ihrem kleinen, feinen Töchterchen 
kindlich um ein Stammbuchblatt gebeten wird. Erfüllt 
es aus mit einer reizenden Strophe, die ewig jung 
und farbenfrisch sich noch immer liest, indem Goethe 
und Loder, sammt Frau und Töchterchen lange nicht 
mehr sind! — Wir legen ein Facsimile desselben 
hiemit unsern Lesern vor. 



Bis auf die Freiheit, die sich der Dichter nimmt, 
indem er die schwache Form: gebe Im gib gebraucht, 
was bei ihm nicht selten vorkommt, athmet jede 
Silbe den grossen Stil Goethes und die liebevolle 
Innigkeit seiner Seele. 

Mit wenig Worten lässt er vor uns entstehn den 
wonnevollen Maienmond mit den blühenden Bäumen 
und Vogelgesang, um der Abreisenden ein ent- 
sprechendes Wonnegefühl auf die Reise zu wünschen. 

Wer mit Goethes Weltanschauung vertraut ist, 
wird auch die Geheimsprache des Verses am Schluss 
verstehn. Er setzt das Mädchen selbst in Wechsel- 
beziehung zur Natur. Nur der empfängliche Mensch, 
der den Mai in sich trägt, wird ihn ganz empfinden 
und in seinem Innern nachschaffen. War' nicht das 
Auge sonnenhaft. Die Sonne könnt' es nie erblicken. 
Lag' nicht in uns des Gottes eigne Kraft, Wie 
könnt uns Göttliches entzücken? — Das Kind, dem der 
Dichter die Verse widmet, ist ihm selbst eine Maien- 
gestalt; in dem nimm und gebe liegt: dass der Mai 
sich in ihm spiegelt und aus diesem Spiegel wieder 
her\'orlacht. Wir geben das Gedichtchen noch ein- 
mal hier in Druckschrift wieder: 

Wie die Blüten heute dringen 
Aus den aufgeschlossnen Zweigen, 
Wie die Vögel heute singen 
Aus durchsichtigen Gesträuchen, 
.So begleitet reis' und lebe 
Und so freundlich nimm und gebe. 



Jena, d. 13. May if 



Goethe. 



Wenn die Lateinschrift hier auffallen sollte, so 
ist zu bemerken, dass sich Goethe derselben in Versen 
häufig bediente. Sehr. 






■/^^^^ ^■'^ oC^&«< ^ *='^*-e ^ «,^»^-^ 




Goethe-Literatur 

Aus dem soeben erschienenen Buche : „Er- 
innerungen an Moritz Secbeckvon Kuno Fischer (Heidel- 
berg i886)~ möchten wir einige Punkte anführen, 
die ein klares Licht auf das Verhalten werfen, das 



_ . ^ .'*',^'" schönes Tischbelnsches Portrait 
Mich bekannt, befindet sich in Lützows Besii 
'*) Zugesendete Erscheinungen der G 
besprochen oder doch namhaft gemacht. 



^ ihm, durch Müllers 



ethe-Literatur werden 
Die Red. 



der ausgezeichnete Physiker Thomas Seebeck (der 
Vater Moritz') der Farbenlehre Goethes gegenüber 
beobachtete. Nur ein Paar Worte mögen vorausgehn. 
Seebeck, dem wir die epochemachende Entdeckung 
der entoptischen Farben verdanken, wurde von Goethe 
als ein begeisterter Anhänger seiner Farbenlehre an- 
gesehn. Die Beiden verkehrten besonders 1802 bis 
1 8 1 o viel in Jena, wo sie gemeinschaftlich Versuche 
auf dem Gebiete dieser Wissenschaft anstellten. Im 



Chronik des Wiener GoeAe -Vereins. 



Jahre 1 8 1 8 wurde Seebeck zum Mitgliede der Berliner 
Akademie berufen. Dem scheinen nicht germge Hin- 
dernisse im Wege gestanden zu sem. So berichtet 
Zelter nach Seebecks Tode an Goethe: >Nvie der 
Minister Arbeit gehabt, den bedeutenden Mann in die 
Akademie zu schallen, der doch der berutenen Farben- 
lehre ergeben gewesen, sich aber nachher im Amte 
selber, wo nicht als Abgefallener, doch gemässigt 
erwiesen habe, weil er sich in der Mathematik nicht 
stark gefunden, (sieh Fischer a. a. O. S. i i). Als Ab- 
gefallenen betrachtete ihn denn auch Goethe nach der 
Berufung. Er hatte ihm Unrecht gethan. Seebeck war 
bis zu seinem Tode treu geblieben, wie eben Fischer 
in seinem Buche nachweist. Seite 19 sagt derselbe: 
»Was Seebecks Verhalten zur Farbenlehre betrifft, 
so hat Goethe dasselbe nicht richtig beurtheilt. Auch 
als Akademiker hat Seebeck seine Ansicht weder ge- 
ändert noch verheimlicht. Wir hören darüber das 
vollwichtige Zeugniss der akademischen Gedächtniss- 
redc- »Gemeinsames Interesse an den Farbenerschei- 
, nungen veranlasste, dass er und Goethe öfters Ver- 
suche zusammen anstellten, wobei zwar im einzelnen 
manche Abweichungen zur Sprache kamen, in den 
Hauptbeziehungen jedoch Uebereinstimmung der An- 
sichten von dem Wesen der Farbe stattfand 

In der Farbenlehre stand er auf Goethes Seite und 
behauptete, wie dieser, die Einfachheit des weissen 
Lichts.« Seite 13 ff", citirt Fischer den Brief, den 
Moritz Seebeck bei dem Tode seines Vaters (20. De- 
ccmber 1831) an Goethe richtete. Darin heisst es: 
»Ew Excellenz Schriften jedes Inhalts kamen nicht 
von seinem (Seebecks) Tische, sie waren seine liebste 
Leetüre; oft sprach er es aus: »unter allen lebenden 
Naturforschern ist Goethe der grösste, der einzige, der 
liass, worauf es ankommt.^' — Wir möchten gerade 
in dem Verhältniss Seebecks zu Goethes Farbenlehre 
den Beweis erblicken, dass von einem Verlassen der 
tiefen Auffassung Goethes bei devi gar nicht mehr 
die Rede sein kann, der wirklich so in sie ein- 
gedrungen ist, dass er den Punkt gefunden hat, auf 
den Alles ankommt. R^d- Stcnr. 

Goethe-Notizen. 

Mein Leid ertönt der unbekannten Menge. 

So hiess es in der Zueignung des Faust bei Goethes 
Lebzeiten in allen Ausgaben (s. meine Faust-Ausg. 
2 Aufl. 1, 6, wo auch eine Ausnahme besprochen 
ist) Da die Lesart immer noch angefochten wird, 
bringen wir sie zur Sprache. Von 1837 an haben die 
Ausgaben mit Vorliebe nämlich für Mein Leid: Mein 
lied ertönt der unbekannten Menge. Dass Goethe den 
Inhalt seiner Dichtung als Zf/i oder /.«VA'« bezeichnet, 
ist bemerkenswert und hier in Anschlag zu bringen. 
Die Schrift, die neben Götz von Berlichingen seinen 
Ruhm begründete, hiess: Du Leiden des jungen 
Werthers. Er sagt später einmal in Bezug auf Werther: 
Ach 7uie hah ich so oft die thörichten Blätter ver- 



wünschte, Die mein jugendlich Leid unter die Menschen 
gebracht. Von seinen Liedern sagt er: Was ich irrte, 
was ich strebte, was ich litt und was ich lebte, Smd 
hier Blumen nur im Strauss. Diese Beispiele werden 
schon a a. O. aufgezählt. Unerwähnt blieben fol- 
gende Stellen aus Tasso. Vers 193 f. heisst es: Der 
Dichter . . . Füllt — Mit seiner Klagen Wohllaut Hain 
und Luft: Sein reizend Leid, die selige Schwer- 
mut lockt Ein jedes Ohr und jedes Herz muss nach. 
Vers 2038 f. : Der Lorbeerkranz ist, wo er dir erscheint. 
Ein Zeichen mehr des Leidens als des Glücks. Viel 
berufen sind die Worte 3431 f.: Wenn der Mensch in 
seiner Qual verstummt, Gab mir ein Gott zu sagen wie ich 
leide, die als Motto zur Elegie in Trilogie der Leiden- 
schaft gebraucht sind mit der Variante rvas ich leide. 
Zu Faust 2, 7372 f. Jüngst erfuhr ich aus dem 
Munde eines Benedictiners aus Admont, dass die Feier- 
tagskleidung des Ordens ein Ueberwurf von gefältelten 
schwarzen »Flocken, ist und dass es früher Sitte war, 
dass die Leichen im Stift bei der Aufbahrung in die 
Flocken gehüllt waren, die bei der Beerdigung wieder 
weggenommen wurden. Es ist das Wort demnach das 
mittellateinische Froccus oder Floccus (daraus auch 
unser Frack Diez Wtb. 2, 302), das auch für Mönchs- 
kleid galt. Goethe, der es hier als einen Plural an- 
wendet, versteht darunter einen Stoff (sowie man 
säet gehüllt in Leinentücher), in den Leichen gehüllt 

" , üchr. 

wurden. 

Goethe -Denkmale. 

Die Erörterung alles dessen, was die Angelegen- 
heit des Wiener Goethe-Denkmals fördern kann, gehört 
zur Aufgabe der »Chronik «:.. Daher werden wir bestrebt 
sein, über die Herstellung der Goethe-Denkmale zu 
berichten, welche bereits seit kürzerer oder längerer 
Zeit bestehen, wie die Goethe-Standbilder in Frank- 
furt ii%J^J^), in ir«>«(7/-(i857), in München, (1869), 
in Berlin (1880), sowie die Goethe-Büste in AaW^- 

bad{iU->). . - u- • 

Wir" werden auf die Schwierigkeiten hinweisen, 
welchen derlei künstlerische Unternehmungen zu be- 
gegnen pflegen, und die Mittel, womit dieselben zu 
überwinden sind. — Wir haben in Wien noch manche 
Fragen zu lösen. Der Denkmalfonds ist noch klein, 
sehr klein für das grosse Unternehmen. Die künst- 
lerische Gestaltung des Denkmals steht nicht einmal 
in der Idee fest; über den Platz sind wir völlig 
im Unklaren. Wir werden der Platzfrage eine be- 
sondere Aufmerksamkeit zuwenden und laden die 
Mitglieder des Goethe-Vereins dringend ein, uns im 
Suchen nach einem geeigneten Goethe-Platz in Wien 
behilflich zu sein. ^ , r^ , u 

Es soll die Frage des Wiener Goethe-Denkmals 
in der »Chronik» von allen Seiten beleuchtet werden, 
um für dasselbe Interesse zu wecken, um das' 
Unternehmen einem würdigen Ende zuzuführen^ 

A. L. M. 



Verlag des Wiener Goethe-Vereins. — Uruckerei 



Ilhistrirten Wiener Extrablatts 



Der Preis eines Jahrgangs für Niclit- 
mitglieder ist 2 fl. (4 M.) ; für Mit- 
glieder I fl. (2 M.). Mitglieder, die 
einen Jahresbeitrag von s fl. zahlen, 
erhalten das Blatt unentg'eltlich. Die 
Chronik erscheint um die Mitte jedes 
Monats. Man abonnirt im Locale des 
Wissenschaftlichen Clubs (Eschen- 
bachgasse) und in allen Buchhand- 



CHRONIK 



DES 



Im Auftrage des Wiener Goethe- 
\ ercms Herausgeber und verant- 
wtirtlicher Redactcur; 
A'. y. Schräer. 
l)ie Redaction bildet der Obmann- 
Stellvertreter (Sihrocr) mit den 
Schriftführern (Eggtr - Mollwald. 

. Karrcr). 

Beiträge sind an den Herausgeber 
zu senden. 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 2. 



Wien, Sonntag, den 21. November 1886. 



1. Jahrgang. 



L:u^«tl^^)^ \i'*''ir''j"' "";;■'•''"• Co^'*'-»'"-««. - iphlgenie und Frau vo 
L.teratur. - Goeth,-Nol,ze„. Corre.pcndenz aus Venedig. £ Goetke-DeTkmai. 



: Stein. — Ein Goethe-Bildni 
- Zum Denkmalfonds. 



Jahre 7775. — Goethe 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

In der Ausschussüzung am i6. October i886 
waren anwesend: Prof. Dr. K. J. Äv^/Äv" als Stell- 
vertreter des Vorsitzenden, Finger- MölhiHild und 
Karrer als Schriftführer, ferner Prof. Blume, Dr. Ko- 
la/sehek, Johannes Nordimui/i, Bernhard jkosen/hul 
Prot. Dr. Schipper, Edgar von Spügl, Dr. Umhmff 
von Frankwell und Hofrath Ritter von Weilen. 

Für N'eranstaltung von Goethe-Abenden sorgt ein 
Comite, bestehend aus den Herren: Professor i/a/«f 
Johannes Nordmann und Professor Dr. K. J. Srhröer 



err 
Ban- 



Ein Special-Comite für Goethe-Denhnal-An 
legenheiten bilden die Herren: Prof. Blume H 
Secretär Felix Karrer, Prof. Karl von Lutz. ' 
quier Rosenthal, Herr Edgar von Spiecr] 



Neue Mitglieder, die in den Wiener Goethe- 
Verein in dem laufenden Jahre 1886 einge- 
treten sind:*) 
Fräulein Rosa Adam, I., Tegetthotfstrasse 7 
Frau Johanna Adler, Doctors-Gattin. IV., Favoriten- 
Strasse 2. 

Herr Imanuel Ä7W., Dr., Hof- und Gerichtsadvocat, 

i., 1 uchlauben 7. 
Herr Dr. Bardas, IL, Negerlegasse 6 
Fräulein Rosa Billaut, I., Salzthorgasse 5 
Herr Dr. Franz Coglie^,na, k. k. Uni^■ersitäts-Professor, 

JV., Victorgasse 1 5. 
Herr Dr. Max Cohen, Hotel Sacher 
Frau Sidonie CzUchert, VI., Schmalzhofgasse ,0. 
Frau Julie ^/./„•., I., Elisabethstrasse ,%. ..Stock, 

1 hur II. ' 

Herr Dr. Jonas Eisenberg, I., Orernring 19. 
Herr Dr. August Engelbrecht, Professo, am k k 
1 neresianum. 

Herr Frantzl von Franzensburg, VII., Lerchenfelder- 
Strasse 09. 

Clubs (ll^EÄtchg^L^^.re^fJer '"-»"Kanzlei des^^•isse„sch. 
«".ugasse 9) entgegengenommen. 



Frau 

Frau 
Herr 
Herr 

Herr 
Herr 

Frau 
Fjau 



Marie vou Franzensburg, \'II.. Lerchenfelder- 
strasse 69. 

Dr. Anna Franz, L, Elisabethstrasse 8. 
Dr. Alfred Friedmann, Berlin. 
Gedeon Ritter von Froschaucr, k. k. iMinisterial- 
Secretär, IIL, Seidigasse 3. 
l^-^^\s\^ Fleischner, VI., Alariahilferstrasse 120 
Hermann Ritter von Goldschmidt, L, Schelling- 
gasse 12. ' 

Ritter von Goldschmidl, L, Schellinggasse 12. 
Mina Gloger, L, Wallnerstrasse 6. '" 
(Fortsetzung folgt.) 



Die Buchandlung von Gerold & Comp, hat dem 
Wiener Goethe-Verein eine Anzahl von Exemplaren 
der Schritt: Goethe in Eger von Vinc. Prökl (Wien 
1S79 Gerold & Comp.) freundlichst zur Verfügung 
gestellt. Es stehen für die Mitglieder des Vereins so 
weit der Vorrath reicht, je ein Exemplar unentgeltlich 
zu Diensten. Sie sind abzuholen in der Kanzlei des 
wissenschaftlichen Clubs, Eschenbachgasse 9. 

Goethes Iphigenie und Frau von Stein. 

Einleitung /.um Vortrag von .Scenen aus Ipbigenie 
s. t hronik, 14. December 1 885 *) 

Wenn man der Entstehung einer GoethescheiT 
Dichtung auf die Spur zu kommen im Stande ist, so 
dass man den lebendigen Punkt findet, das, was ihn 
zur Dichtung veranlasste, was ihn ursprünglich da- 
ran erwärmte, dann kommen wir am sichersten auf 
den Grundgedanken, wie auf die Grundstimmung, 
durch die uns das Werk lebendig wird. 

Seine juridischen Studien über Entstehung des 
Kammergerichtes, des Landfriedens, des Fehde- und 
Faustrechts führen ihn zur Lebensgeschichte des 
Götz von Berlichingen. Er fühlt lebendig die Grösse 
des rohen Selbsthelfers in wilder anarchischer Zeit, 
dei^lemen Funken von Naturkraft im Menschen, 

^, ae;?l^^^"t^i-<^-=-.^- eine Vor^^ 



( brouik des Wiener Goclhe- Vereins. 



einer Naturk.alt, Jie im .«. Jahrhundert, zur Zeit 
von Goethes Jugend, in Unnatur erstickt >st 

Kr knüpft das wicJererwachende neue Leben in 
Deutschland an die letzten Zeiten ursprünghcher 
Kraft, er h.'lchl uns die alten Zeiten, die Nie- 
mand mehr verstand und stellt den Zusammenhang 

'"''"''nie''Erlcbnisse mit Charlotte Kestner, dazu ein 
Selbstmord aus Liebe in Wetzlar, veranlassen den 
Werther, die Tragödie der Kmrtindsamkeit,des durch 
Rousseau entstandenen subjectiven laeahsmus der 
in der Welt keine Heimat findet, in einer Gefühlswelt 
lebt, ausser der Wirklichkeit. 

Goethe trinkt den Recher dieser Art von bchwdr- 
merei vollständig bis zur Neige aus, sagt aber ganz 
kalt auf dem Titelblatt der 2. Ausgabe : Sei ein Mann 
und folge ihm nicht nach! , 

Die Liebe Goethes zu Friederiken in besen- 
heim und seine Liebe zu Lili in '-^"kfurt liessen m 
ihm trübe Empfindungen zurück. Er tahlte sich 
Heiden gegenüber verp.lichtet und es entsteht seine 
Stella, das nrama der Verzweiflung des Mannes, der 
zwischen zwei Frauen steht, die ihn beide ^eben, d^ . 
er beide liebt. Seine Treulosigkeit war nichts Anders 
als die praktische Unfähigkeit des Dichters, der sich, 
von grossen dichterischen Plänen getrieben und ge- 
tragen fühlte, den Ansprüchen der Welt zu genügen. | 
Die Welt wollte, dass er ein Amt anstrebe, eine bur- | 
gerliche Laufbahn einschlage, seine Aufmerksamkeit 1 
der Gründung eines soliden Hausstandes zuwende, j 
Er nannte all diese Sorgen und Anforderungen die , 
Zui'iilie, die ein jedes Glück zerstört. 

Fr möchte eine Liebe ohne Zugabe. Es war im 
Herbst 1775- als er sich von Lili trennen musste, und 
bedeutsam erscheint uns: dass gerade um du Zeit 
von dem Dichter zwei Liehespaare geschildert werden j 
und bei Beiden eine Liebe ohne Zugabe: .Faust und , 
Gretchen« ; .Egmont und Clärchen« : die remsten 
Bilder anspruchioser, selbstvergessner Liebe, ausser- 
halb der bürgerlichen Welt. -Es schliesst mit diesen , 
Bildern Goethes erste Jugend ab. Die nächste That 
seines Geistes ist nun aber : die Schilderung einer 
Liebe die gleichsam den Boden der Erde gar nicht 
betritt, nichts Irdisches mehr hat, einer Liebe die die 
Menschen von Fluch befreit. Kranke heilt \ er- 
wirrungcn der Gemüther löst und alles Unheil in 
Segen verwandelt. . 

Es wird dem Dichter klarer und klarer dasjenige, 
das er später als das Ewigweibliche feiert. 

Dies Ewigweibliche ist doch nichts Anders als 
der naive Zauber weiblicher Naturen, in denen Geist 
und Natur, Verstand und Gemüth in ungetrennter 
lunheit als ein Ganzes wirken, so dass weder das 
l.-ine noch das Andere vorherrschen. Es stellt uns dar 
eine Harmonie, die uns erfreut, ^tTHT zu ähnhcher 
Harmonie stimmt, den Künstler zum Kunstwerk be- 
eeistert Künstlerische I^egeisterung will nichts nach- 
schatTend hervorbringen, als das Wirkliche, sie bringt 



aber das Ideale hervor. Im Medium der Begeisterung 
verwandelt sich die Wirklichkeit in das Ideal. W'ir 
erinnern uns hier daran, wie Goethe Schiller die . 
Urptlanze vorzeichnete und beweisen wollte, dass dies 
Gebilde aus der Empirie sich ergebe, dass man es 
mit Augen sehen könne. Schiller sagte aber: das ist 
keine Empirie, das ist eine Idee! 

Mit Recht. Goethe hielt das für Empirie, das er 
mit den Augen des Geistes in der Wirklichkeit vor- 
fand Die tiefsten Blicke leihen dem Geiste die Be- 
geisterung. In den Briefen Goethes an die Grähn 
O'Donell, die v;orm Jjhre erschienen sind, macht eine 
überaus zarte Stelle vom 24. November 1812 einen 
eigen tiefen Eindruck. Goethe sagt: »Da Sie allerlei 
Wunderliches von mir gewohnt sind, so muss ich 
Ihnen erzählen und vertrauen, da.ss ich mir seit 
einiger Zeit, obgleich ungern und mit Mühe, von 
unserer Angebeteten zu sprechen abgewöhnt habe: 
denn die bravsten und sonst für Vortrettliches em- 
pfänglichen Menschen enthielten sich nicht, mir zu 
versichern, ich rede enthusiastisch, wenn ich nichts 
als die reine Prosa zu sprechen glaubte! 

Es kann zwar sein, dass, wie jener Prosa machte. 
1 ohne es zu wissen, ich unbewusst poetisch rede. 
1 Wäre ich aber auch ein anerkannter Nacht- 

1 Wandler, so will ich doch nicht au/geweckt sein und 
\ halte mich daher fern von den Menschen, 7relche nur 
1 das Wahre zu sehen glauben, wenn sie das üememe 

schuft " 

Wir hören hier den Dichter in seiner ganzen 
1 naiven Herrlichkeit vertraulich plaudern. Die Ange- 
i betete, von der er zur Gräfin spricht, war die Kaiserin 
Maria Ludovica, die dritte Gemalin des Kaisers Franz. 
Ihr holdes Wesen bezauberte alle Welt. Sie zeichnete 
Goethe aus bei gelegentlichem Begegnen in Karlsbad 
wo er sie ja wiederholt besang. Er hatte durch ihren 
' Aufenthalt in Karlsbad veranla.sst , drei Gedichte 
drucken lassen: Der Kaiserin Ankunft; Der Kaiserin 
Becher; Der Kaiserin Platz, und war zu einem vierten 
durch sie selbst veranlasst worden. Sie ^vollte den 
Karlsbadern für ihre freundliche Autnahme danken 
und Goethe schrieb dann noch das Gedi.ht: Der 
Kaiserin Abschied. Zwei Jahre später war Goethe 
wieder in Karlsbad, er war 63 Jahre alt und damal.s 
kränklich. Die Kaiserin war in Teplitz, -o -« - 
dem Herzog von Weimar zusammentrat Da war 
naUirlich von Goethe die Rede und der Herzog r.e 
denn seinen alten Minister und Jugendfreund Goethe 
nach Teplitz herüber, wo denn Goethe nun glück- 
liche vier Wochen verlebte, obwol abwechselnd 
unwol. Der Herzog hatte ihm geschrieben er möge 
d'hkommen und ihnen vorlesen, ^'^^^^'-^^^ 
und Graf Althan im Gefolge der Kaiserin, s^hruen 

"'""^Sethe kam und fand einen Kreis von hohen 
Personen, Herren und Damen, die alle bezaubert 
waren von der Kaiserin. Die Kaiserin selbst belebte 
durch ihre Geistesfrische den Kreis. Sie veranlasste 



Chronik des Wiener Goethe -Ver 



Goethe, ihnen vorzulesen, und es wurden selbst 
theatralische Aufführungen versucht, von denen je- 
doch sehr wenig in die Oeftentlichkeit drang. Der 
erste ,\ct des Tasso wurde gegeben, wobei. zurUeber- 
raschung der Kaiserin, am Schluss sie selbst, als 
jüngste Princessin aus dem Hause Este, mit Versen 
gefeiert wurde, die Goethe zu dem Zwecke schrieb. 
Ein auf Verlangen der Kaiserin von Goethe improvi- 
sirtes Lustspiel »Die Wet/e« kam gleichfalls in dem 
vertrauten Kreise zur Aufführung. ' 

Goethe unterhielt nun dauernd einen Brief- 
wechsel mit der Gräfin O'Donell, der Hofdame, die 
die herrliche Frau ebenso verehrte wie der Dichter. 
Ich habe die schönste Stelle aus diesem Briefwechsel 
mitgetheilt. Wir sehen, dass der Dichter, noch 
drei Monate nachdem er die glücklichen Tage gelebt, 
sich als Nachtwandler erscheint, der noch in er- 
hebenden Erinnerungen lebt, die jene bezaubernde 
Persönlichkeit in ihm zurückgelassen. Er hält das 
Bild, das er von ihr hatte, für bare Wirklichkeit, es 
war aber eine von künstlerischer Begeisterung nach- 
geschaflene Wirklichkeit, es war Poesie: ein Ideal. 
Er will nicht geweckt sein aus den Träumen und 
gedenkt ungern der Wirklichkeit, die ihn stört, seine 
Erhebung nicht versteht: indem sie das Wahre nur 

zu sehen glaubt, wenn sie das Gemeine sieht! Wir 

verstehn ganz die Scheu seiner hohen Seele und 
brauchen nur Umschau zu halten nach Denen, die 
seinen Idealismus erkennen und nicht frivol nehmen. 
Es sind ihrer wenige. 

Goethe war allerdings eine kräftige Natur der 
mchts Menschliches fremd war, ein Mensch, der 
sich auch nicht scheute, sich unverschleiert zu allen 
Neigungen und Thaten zu bekennen, deren er sich 
bewusst war; man verwirre die Anschauung nur 
nicht dadurch, dass man solche Bekenntnisse zur Er- 
klärung der grossen idealen Züge heranziehe, die das 
wahrhaft Erhebende seiner ganzen Natur sind ,//,> 
er sich scheu! blicken zu lassen vor der Menge ■ die da^- 
nchre nur zu sehen glaubt, ,vo sie das Gemeine sieh/. 
— Ott ist angeführt die herrliche Dichtung wo 
er die Empfindung, die in ihm, durch den Anblick 
hoher Weiblichkeit hervorgerufen wird _ ,./„ 
Frommsein nennt! Nun kann man auch darüber -^ar 
leicht spöttische Aeusserungen vernehmen, wie d'ie- 
dass er damals, als er jene Elegie schrieb, 74 .lahre 
zahlte, sowie er, als er jene hohe Frau in Karlsbad 
überirdisch feierte, in den Sechzigen stand. Ver- 
gebens erinnert man an seinen Werther, man hält 
den Werther für eine .lugendschwärmerei, aus der 
Goethe bald geheilt hervorgegangen sei. Lassen wir den 
VVerther ! -Goethe war in seinem blühendsten Mannes- 
alter, 2t. Jphre alt, als er nach Weimar kam, wo ihm 
das Ewigweibliche zum ersten Male, ganz frei von 
irdischem Beigemisch, erscheinen sollte. Der alt- 
.germanische Zug, der im Weib ein höheres, über- 
irdisches Wesen verehrt, im Mittelalter zum Marien- 
cultus wurde, verklärt ihm dichterisch die Welt. — 



In der Zeit, wo der männliche Charakter sich festigt. 
wo die Gefahr vorhanden ist, dass der einseitig er- 
starkende Verstand die Selbstsucht steigert und die 
Gemüthswelt zerstört, sollte das Element selbstloser 
Liebe über ihn kommen und in ihm mächtig werden. 
Bekanntlich hat Goethe die fluchbefreiende, ver- 
edehide Macht weiblicher Hoheit dargestellt in seiner 
Iphigenie. 

Wenn ich nachsinne über die Entstehung dieser 
Dichtung, so fühle ich mich immer zu einem' Briefe 
hingeleitet, in dem er selbst uns als fluchbeladener 
Orest erscheint. Es ist der Brief an die Karsch (Anna 
Louise Karsch geb. Dürbach) vom 17. August 1775. 
Im Frühjahre 1775 hatte er sich mit Liü Schöne- 
mann verlobt, im Mai und Juni machte er seine erste 
Reise in die Schweiz, um zu sehen, ob er Lili ent- 
behren könne. Im August nun schreibt er der Kar- 
schin: »Vielleicht peitscht mich bald die unsichtbare 
Geissei der Eumeniden wieder aus meinem Vaterland. « 
Der, den die unsichtbare Geissei der Furien aus 
seinem Vaterlande trieb, ist Niemand sonst, als Orest 
und Goethe kam sich demnach selbst auf .seiner 
Reise in die Schweiz zeitweilig in seinem Traumleben, 
das ihn immer begleitete, wie ein fluchbeladener, von 
Furien getriebener Orestes vor ! — In Dichtung und 
Wahrheit schildert er. wie in der Zeit als das Ver- 
hältniss zu Lili durch Einwirkung der Familien schon 
gelöst war, das Verhältniss sich seltsam gestaltete, 
indem sie, obwol sie sich noch liebten, in einer Stadt 
lebten, sich sehen konnten, aber nicht sprechen 
durtten: »Es war ein verwünschter Zustand, der sich 
in einem gewissen Sinne dem Hades, dem Zusammen- 
sein jener glücklich-unglücklichen Abgeschiedenen 
verglich.« Und wir werden hier wieder an Orestes 
erinnert, der in seinem Wahnsinn sich für gestorben 
und im Hades angekommen hält und, da er Iphigenie 
und Pylades erblickt, zu ihnen sagt : »Seid ihr'auch 
schon herabgekommen?« 

Wie erklären wir diese Phantasie? Wodurch 
fühlte Goethe sich beladen mit einem Fluch, von 
Furien gepeitscht? — Goethe hatte nur zwei Liebes- 
verhältnisse, in denen es beiderseitig ernst war. Das 
war das zu Friederike in Sesenheim und das zu Lili 
in Frankfurt. Er sagt in Dichtung und Wahrheit: 
»Gretchen hatte man mir genommen, Anette hatte 
mich verlassen: Hier, bei Friederike, war ich zum 
ersten Male schuldig ; ich hatte das schönste Herz in 
seinem Tiefsten verwundet und so war die Epoche 
einer düsteren Reue — peinlich, ja unerträglich.-. 
Er that Busse und strafte sich bekanntlich durch die 
Schilderung des treulosen Weisungen und Clavigos. 
Wir müssen uns hier aber erinnern, dass GoetheTlls 
er nach Sesenheim kam, 21 Jahre alt war! In der 
mächtigsten Entwicklung begriflen, mit Götz und 
Faust sich tragend! Sollte, konnnte der 21jährige 
Jüngling ans Heiraten denken? Lhid, als er Lili 
kennen lernte, war er 25 und man schmiedete ihm 
unerträgliche Pläne, wie er ein Amt anstreben. 



< limilik des Wiener Goethe- Vereins. 



Carricre machen, ein Haus prünJen sollte, und beide 
Familien waren dem Verhältnisse obendrein un- 
freundlich f,'esinnt. Kr war in diese Leidenschaften so 
unversehens perathen und sah sich nun, wenn er 
an beide Mädchen dachte, als Ungeheuer, das be- 
stimmt ist, Unheil zu stiften, wohin es kommt ! 

Schon in jener unerträglichen Epoche düsterer 
Reue wegen Friederike, waren die Furien da und die 
Stelle Fausts gehört hieher, w'o er sagt : 
Bin ich der Kliichtlinj» nicht? der Unbehauste? 
Der Unmensch ohne Zweck und Kuh, 
Der wie ein Wassersturz von I'"els zu l-elsen brauste, 
Bcfiierig wüthend nach dem Abgrund zu? 

Sie, ihren I>"rieden musst ich untergraben! 
Du, ]I(ille, musstest dieses Opfer haben! 

Als nun das zweite Verhältniss — zu Lili — 
sich löste, stellt er sich dar als Fernando, an den 
zwei Frauen Anspruch haben, gleichfalls ein Flücht- 
ling ohne Zweck und Ruh, als Gegensatz zu Werther, 
wo zwei Männer Ein Weib lieben und der Eine 
darüber aus dem Leben scheidet. All diese Gefühle 
der Schuld und Reue und Liebe rufen in ihm die 
Stimmung des von Eumeniden verfolgten fluchbe- 
ladenen Orest hervor. Wie bei Goethe ein Zustand 
nachtwandelnden Phantasielebens neben der Wirk- 
lichkeit immer einherging, wissen wir. — So kommt er 
nach Weimar und da tritt ihm Frau von Stein ent- 
gegen, die dadurch einen überwältigenden Zauber 
auf ihn ausübt, dass sie, die damals kränkelte, an 
Allem freundlichen Antheil nahm, nur für sich nichts 
mehr zu verlangen schien von der Welt. Er schrieb 
an sie — man wiederholt sich die berühmte Stelle 
immer wieder gern — : ^> Sie kommen mir eine Zeit 
her vor, wieMadonna, die gen Himmel fährt: vergebens 
dass einRückbleibenderseine.-\rme nach ihrausstreckt, 
vergebens, dass sein scheidender thränenvoller Blick 
den ihrigen noch einmal niederwünscht, sie ist immer 
in den Glanz versunken, der sie umgibt, immer voll 
Sehnsucht nach der Krone, die ihr überm Haupte 
schwebt«. So erschien sie ihm, wie eine Heilige. Er 
nannte sie seine Bcsänftigerin. Wenn er fern ist, 
wünscht er ihr nah zu sein und einen Tropfen 
Anodynum — Schmerzlosigkeit — aus ihren .\ugen 
zu trinken. l\h,r ein Decennium dauerte das Ver- 
hältniss, in dem die edle Frau ihn immer erhob und 
er die höchsten Gedanken mit ihr verknüpfte. Da 
mag man nun sagen, was man will über das Ver- 
hältniss und es mag was immer für Formen im Ver- 
laufe der Zeit angenommen haben, das Eine bleibt 
unwiderleglich: Es war ein Verhältniss edelster Art, 
bei dem das geistige Moment vorwaltete, jede Selbst- 
sucht, jedes Gemeine zurücktrat, ein Verhältniss, in 
dem jenes Frommsein den Dichter hob und beseelte. 
Wir dürfen uns diesen Eindruck nicht verderben 
lassen, indem wir die Bedeutung der F>au von Stein 
in ihrem Geiste, in ihren geistigen Anlagen zu er- 
forschen suchen. Als Schriftstellerin war sie höchst 
unbedeutend, an (leist und Begabung mochten ihr 



viele überlegen sein. Das Weib liebt am Manne den 
Geist, der Manu am Weibe die Natur d. h. die 
Initiative des Herzens: das was ihn sanfter stimmt, 
die Gemütsseite, das Zusammenwirken von Geist 
und Gemüt. In einem poetischen Briefe an sie 
schreibt er: sie habe Mässigung in sein heisses Blut 
gegossen, als er dankbar ihr zu Füssen lag und dann : 
»Ach du w-arst in abgelebten Zeiten tneine Schives/cr 
oder meine Frau«. Darauf muss sie ihm erwidert 
haben: er möge nur bei der ersten Bezeichnung es 
bewenden lassen, sie könne ihm ni<r eine Sc/nvesler 
sein. Denn er schreibt zwei Tage darnach: »Adieu, 
liebe Schwester, 7tYils denn so sein sollt:. Und hiemit 
erscheint denn das F^wigweibliche ganz in neuem 
Lichte: es kann auch in der Schwester erscheinen, es 
bedarf nicht der Beziehungen des Geliebten zur Ge- 
liebten im gewöhnlichen Sinne und so ist denn hier 
das Verhältniss über alles Irdische hinausgehoben. 
Goethe fühlt sich in seiner Leidenschaftlichkeit und 
deren Folgen von Reue und Schmerz gepeinigt, zer- 
rissen, verwirrt wie Orest, er sinkt der Frau zu 
Füssen, die seine Schwester sein will — wir wissen, 
wie er seine Schwester Cornelie liebte, wie er Auguste 
Stolberg als »Schwester« verehrte — die Schwester 
Orests, das ist ja Iphigenie; ja, sie ist Iphigenic, 
Orests Schwester, die Heilige, die Priesterin! Sie be- 
freit ihn vom Fluch, sie löst alle Verwirrungen, die 
ihn umgeben, durch Offenheit, Wahrheit und 
namentlich durch Motive des Herzens. Damit sind 
die Grundzüge gegeben zur Iphigenie. 

So fiinimt nun der Dichter die Fabel der Iphigenie 
in Tauris in die Hand, wie sie von Euripides dar- 
gestellt wird, wo Orest zu Pylades bei seinem ersten 
Auftreten spricht: 

Von den Erinnyen 

Rastlos getrielien, Hohen wir von Haus und Land 

Und manchen Irrhiuf ohne Ruh vollendet' ich. 

DieF'abel i'encandeU &ich aber in Goethes Hand. 
Iphigenie ist hier nicht nur Priesterin nach ihrem 
Amt, sie ist die Priesterin hoher Weiblichkeit von 
Natur aus, deren liebevollem Zuspruch die F"urien 
weichen, die Orest verfolgen : sein von Wahnsinn 
erfasster Geist klärt sich auf und wird gesund. 

Sie ist nicht, wie bei Euripides, die gelehrige 
Schülerin des Pylades und Orest, die ihre Frauen 
beredet, zu schweigen, wenn sie das Bild Dianens aus 
dem Tempel trägt und mit den Fremden entfliehen 
will. Auch ist es nicht nothwendig, dass die Göttin 
Pallas Athene auftrete, wie bei Euripides, die dort 
dem König Thoas, der die F'lüchtlinge bestrafen will, 
Einhalt gebietet. Iphigenie sellisl ist es, die dem König 
die beabsichtigte Flucht verräth, und die weibliche 
Hoheit Iphigeniens, mit der sie dem erzürnten König 
gegenübertritt, istdieMacht,diealle Verwirrungen löst. 

Als Bühnenstück hatte Iphigenie ein eigenes 
Schicksal. Es war zunächst für die Weimarer Lieb- 
haber-Bühne geschrieben, wo es nach Vollendung 
der ersten Bearbeitung 1779 wiederholt gespielt 



Chronik des AViener Goethe -Vereins. 



5 



wurde. Korona Schröter spielte Iphigenie, Goethe 
den Orest, Herzog Karl August, abwechselnd mit dem 
Prinzen Constantin den Pvlades, Knebel den Thoas. 
Es wirkte hinreissend. Der tiefe Eindruck, den damals 
Iphigenie machte, lässt sich auch darin erkennen, dass 
bei der grossen Huldigung, die Goethes Genius an 
seinem Geburtstage 1 78 1 am Weimarschen Hofe mit 
der .Aufführung von Minervas Geburt dargebracht 
wurde, die Namen Iphigenie und Faust in den Wolken 
erschienen. Nicht Werthers Leiden, nicht Götz v. B., 
kein anderes Werk des Dichters wurde so aus- 
gezeichnet. Die Apotheose Goethes, wie sie Kaulbach 
malte, hat etwas sehr Treflendes. 

Goethe erscheint auf diesem Bilde Kaulbachs 
nach der Aufführung der Iphigenie auf der Bühne 
als Orest und wird bekränzt , indem der Hof von 
Weimar im Zuschauerraum Beifall zollt. 

Goethe erreichte damals (1779) sein 30. Lebens- 
jahr und er war mit vollem Bewusstsein entschlossen, 
allen Excentricitäten zu entsagen und in diesem Sinne 
auch auf den Herzog zu wirken : die Furien hatten 
ihn verlassen, der Fluch, der ihn in seiner stür- 
mischen Jugend verfolgte, war in Segen verwandelt. 
Diesen Umschlag bezeichnete die Aufführung der 
Iphigenie, dieser sittliche Sieg des Dichters wird in 
seiner Apotheose bekränzt. 

Es scheint, dass diese erste Wirkung das Stück 
nie ivieder erreichte. Diese Dichtung, voll Seele und 
Innigkeit der Empfindung, fand das empfängliche 
Publicum nicht und hiess auch nach ausgezeichneten 
Darstellungen der Bühnen fort und fort — wie die 
natürliche Tochter und Tasso — nach einer ausge- 
gebnen leeren Phrase L. F. Hubers »marmorglatt 
und marmorkalt.« 

Man könnte vermuthen, dass das Ganze vielleicht 
verloren habe durch die Bearbeitung in Jamben, die 
in Rom vorgenommen wurde, dass die rhythmische 
Prosa des ersten Entwurfs vielleicht realistischer, 
kräftiger wirken musste. Bei näherer Betrachtung 
findet man eine solche Vermuthung nicht begründet: 
der Redefluss hat bei der Bearbeitung in den meisten 
Fällen gewonnen, das Treffende des Ansdruckes 
ebenso. — Darin liegt es also nicht. 

Goethe wusste, was er that, indem er seiner 
Iphigenie in Rom die letzte Vollendung gab. Er 
selbst hatte eine höhere Bildungsstufe gewonnen und 
sehnte sich weg von dichterischen Gräuelstoffen voll 
Mord und Todtschlag, hohlem Pathos, Tugend- 
prahlerei und Phrase. In solcher Gesinnung voll- 
endete er in Rom Egmont, Iphigenie, den grössten 
Theil des Tasso. So kommt er nach Deutschland zu- 
rück und findet alle, selbst seine nächsten Freunde 
hingerissen von Wilh. Heinses Ardinghello, von 
Schillers Räubern, Kabale und Liebe, Fiesco, Don 
Carlos. Wie konnte er hoflfen, das so berauschte 
Publicum für Iphigeniens Seelenhoheit zu ge- 
winnen, mit der sie den Fluch Orests löst, mit der 
sie kämpft gegen ein Schicksal, das von ihr Ver- 



brechen zu verlangen scheint. Wie sie kämpft für 
ihre Wahrhaftigkeit und Treue, die sie bewahren 
will, so wie sie sie im Tempel der Diana immer be- 
wahrt hat; sie ruft angstvoll die Hilfe der Götter an: 
rettet euer Bild in meiner Seele! Düster singt sie sich 
dann das schaurige Lied der Parzen vor, das sie 
kennt, das sie zweifeln macht an den Göttern. 
Dennoch wirft sie zuletzt alle Waffen, die sie retten 
sollen, alle Anschläge der List, der Lüge von sich, 
gibt ihr Leben, ihren Bruder selbst der Gefahr Preis 
und siegt — erreicht die grossartige Rettung Aller, 
die Rettung ihrer Seele, die Lösung des alten Fluches 
ihres Geschlechts, die Versöhnung von Thoas und 
Orest, von Göttern und Menschen. 

Möchte unser Versuch nicht zu kühn erscheinen, 
den wir wagen, wenn ich uns durch diese Andeutung 
über die Entstehung der Dichtung in die Stimmung 
zu versetzen suchte und wenn wir dann Scenen des 
Dramas lesen. — Wir können natürlich nicht wetteifern 
mit grossen .Aufführungen und denken nicht daran 
sie zu erreichen, wir wollen uns nur freuen, wenn 
wir für einen Augenblick uns emporgehoben fühlen 
in jene Sphäre von Weimar, die der deutschen 
Bildung ewig vorbildlich ist. — — — 

(Hierauf wurde eine Reihe von Scenen aus 
Iphigenie vorgetragen, wie dies bereits in der ersten 
Nummer nnserer Chronik untet dem 14. December 
1885 des Näheren angegeben ist.) Sehr. 



Ein Goethe-Bildniss vom Jahre 1775. 

Gute Bildnisse haben wir nur vom alten Goethe. 
Die ihn gesehen, fanden freilich, dass auch diese 
Bildnisse, selbst die besten, dem Eindrucke nicht 
gleichkommen, den seine Erscheinung machte! 

Aus seiner Jugend bleibt immer noch das beste, 
das lebendige Bild Mays von 1779- Es ist aber schon 
aus dem Jahre 1779. Da war der Dichter 30 Jahre 
alt ; Sturm und Drang war vorüber. 

Wir sähen ihn nun doch gar zu gerne in einem 
Bilde aus jener Zeit, die in Dichtung und Wahrheit 
im 4. Theil geschildert ist. Der Dichter des Götz, 
des Werther, im Glänze des ersten Ruhmes, mit Lili 
verlobt, von ihr losgerissen, wieder angezogen ; end- 
lich nach Weimar versetzt ! Alles das fällt in das 
Jahr 1775. 

In dem Tiefurter Schlösschen bei Weimar wird 
ein Medaillon aufbewahrt mit Goethes Bildniss. Es 
ist vom Jahre 1775. Der Künstler P. Melchior, dem 
wir es verdanken, lebte damals in der Nähe von 
Frankfurt. Er hat auch die Eltern Goethes modellirt. 
Von diesem Goethebildniss sind bereits 1838 zur 
englischen Uebersetzung von Bettinas Briefwechsel 
Goethes mit einem Kinde und zu Goethes Tagebuch, 
herausgegeben von Keil 1 875 , Nachbildungen er- 
schienen. Die beste von der Hand William Ungers 
kam in Rolletts Goethe-Bildnissen (1883*). — Der 

*) S. daselbst S. 44. 



Chronik iles Wiener Goetbe -Vereins 



regierende Grossherzog von Weimar Hess es galvano- 
plastisch nachhikien. Ihm dankt das Goethehaus in 
Frankfurt ein Exemplar dieser Nachbildung, die dem 
Original fast gleichkommt, ein anderes bin ich so 



kleinerer Vertiefungen und Erhöhungen verschlingt. 
Dieser Umstand fällt weg, wenn man die hohle Rück- 
seite betrachtet, die einem Abdruck der Oberfläche 
des Originals gleich zu achten ist. Es ist eine be- 



s- 



-V.J3U l !? - ü »-7ftfe. 





glücklich zu besitzen, ein Gesehen!; Ihrer Hoheit dei' kannte Erscheinung, dass hohle Abdrücke von erha- 
Frau Prinzessin Reuss VII. Die Nachbildung dieses bener Plastik, wenn man sie mit Einem Auge be- 
Bildes ist vielleicht dadurch besonders schwierig, trachtet und das andere schliesst, erhaben erscheinen, 
weil der (ilanz der dunklen Obertliiche die Schatten Hie kupferne Kehrseite unseres Medaillons belebt 



Chronik des Wiener (ioethe -Vereins 



sich, so angesehen, ganz überraschend. Wir veran- 
lassten nun die Herren Angerer und Göschl, denen 
schon so manche Nachbildung trelTlich gelungen, zu 
.einer Wiedergabe der Kehrseite, die nun zu unserer 
grossen Freude ein überraschend lebendiges Bildniss 
ergab, das wir unseren Lesern hiermit in der Grösse 
des Originals vorlegen. Das Stimmungsvolle der 
ganzen Darstellung kann nicht besser bezeichnet 
werden als mit den Worten, die P. Melchior in die 
Rückseite des Rahmens des Originals eingegraben 
hat: »Von einem Freunde des Dichters von Werthers 



Leiden, i' 



Sri,, 



Goethe-Literatur. *) 

Biedermann, Woldemar Frh. von: ,,Goc/hc- 
forschiingtn.'' „Xcue Folge.'' Mit zwei Bildnissen und 
zwei Facsimile. Leipzig F. W. von Biedermann 1886. 
X und 480 Seiten. Der liebenswürdige Goetheforscher, 
Kenner, Sammler, hatte uns bereits 1879 mit einer 
Sammlung von Aufsätzen unter dem Titel: »Goethe- 
forschungen« erfreut. Die vorliegende „Ä^iie Fo/gi— 
erscheint diesmal im Verlage des Sohnes des Ver- 
fassers uud ist ebenso prachtvoll ausgestattet wie der 
erste Band es war. Geschmückt ist der Band mit zwei 
Bildnissen. Einem Schattenriss Goethes (bei Rollett 
Nr. XXVL, hier aber in grösserem Format) von 1780 
bis 1782 und dem Bildniss der Schauspielerin Caro- 
line Schulze, die Goethe in Leipzig bewunderte. Dann 
bringt der Band noch 2 Facsimile. Obwol die mitge- 
theilten Aufsätze meist schon in Journalen gedruckt 
waren, so ist ihre Sammlung in Einem Band doch sehr 
willkommen. Der Band enthält immer noch des Neuen 
genug und bewahrt Wichtiges auf, so dass man ihn 
nicht entbehren kann. Manches konnte vielleicht als 
von der Zeit überholt, wegbleiben. Anderes in Hin- 
blick auf Neueres umgearbeitet werden, z. B. der 
Aufsatz über Satyros oder S. 428 der Wanderer. 
Daneben ist aber die Fülle des dargebotenen Dankens- 
werthen doch so gross , dass wir das Eine mit dem 
Andern gern in Kauf nehmen. .SV/;/-. 

Goethe-Notizen. 

Goethefeier in Venedig, 14. October 1886. 

Originalcorrespotidt'nz der „ Chronil; dcs Wuiier Goellw- 
W'reiiis.'^ Die grosse Bedeutung, welche Goethes erste 
Reise nach Italien für ihn und dadurch für seine Zeit 
und für die geistige«Entwicklung des deutschen Volkes 
bis auf das gegenwärtige Geschlecht herab gehabt 
hat, macht es erklärlich, dass nach einem Jahrhundert 
an manchen Orten festlich derselben gedacht worden 
ist. Wo wäre man aber mehr dazu berufen gewesen 
als in Venedig, wo Goethe seinen ersten längeren 
Aufenthalt machte, nachdem er am Gardasee zuerst 
südliches Land und Leben , in Verona grossartige 
Ueberreste der antiken Welt, und inVicenza die Bau- 
werke des Palladio gesehen hatte, und in Padua durch 



*) Zugesendete Erscheinungen der Goethe-Literatur werden 
besprochen oder doch namhaft gemacht. Die Red, 



eine Palme des botanischen Gartens zu tieferm Nach- 
sinnen über die Metamorphose der Pflanzen veran- 
lasst worden war. 

.Aus solcher Erwägung trat daher zur Veran- 
staltung einer entsprechenden Feier ein Comite zu- 
sammen, bestehend aus den Herren Dr. Th. Elze, 
als Repräsentanten der hiesigen deutschen Colonie, 
Fr. Weberbeck , als Vorsitzendem des hiesigen 
deutschen Vereins, und dem aus der Graf Schackschen 
Galerie in München und der Lützowschen Zeitschrift 
für Kunst in weiten Kreisen bekannten Maler A. Wolf. 
Eine Feier am Abend des 14. October, als dem 
Schlusstage des Aufenthaltes Goethes in Venedig, und 
zwar in demselben Hotel, in welchem dieser gewohnt 
hatte, sowie die Anbringung eines Denksteines an 
demselben Hause wurde vorbereitet. 

So vereinigte sich denn am genannten Abend 
eine Anzahl hier lebender Deutschen zu einem Bankett 
im »Hotel Victoria«, das zu Goethes Zeit »Königin 
von England« hiess , und erst zu unseren Zeiten 
nach einem glänzenden L mbau den jetzigen Namen 
annahm. Der Saal war rj^it einem von Maler Wolf 
als Medaillon gemalten , lorbeerumkränzten Relief- 
porträt Goethes geschmückt, unter welchem ein Fac- 
simile des beabsichtigten Denksteins mit der Inschrift : 
GOETHE 
WOHNTE HIER 
28. SEPT. — 14. OCT. 
MDCCLXXXVI 
angebracht war. Lorbeersträucher , Citronenbäume 
und andere dunkellaubige Pflanzen des Südens um- 
gaben das Ganze. Am Schlüsse des Banketts hielt Dr. 
Elze einenVortrag über Goethes Aufenthalt in Venedig, 
welchem er unter möglichstem Anschluss an die 
Worte des Reisetagebuchs nachwies, dass der Dichter 
schon hier einen nicht geringen Theil der Zwecke er- 
reichte, welche er bei seiner Reise ins Auge gefasst 
hatte. Die alte Sehnsucht seines Herzens nach Italien, 
deren Erfüllung geradezu einBedürfniss seines innern 
Lebens geworden war, verwirklichte sich. Venedig, von 
welchem sein Vater so gern dem Knaben erzählt hatte, 
war ihm kein blosser Wortschall mehr: Gut logirt 
in der »Königin von England« nahe dem Markus- 
platze, konnte er seinen brennenden Wunsch, einige 
Zeit für sich allein zu leben, mit Bequemlichkeit aus- 
führen, da ihn hier nur Ein Mensch kannte. Er war 
hierin glücklicher als Lessing, welcher 11 Jahre 
früher, vom 23. Mai bis 3. Juni 1775 hier verweilte 
und im »Lion Bianco« (Ca da Mosto) wohnte. Aber 
Lessing befand sich im Gefolge des Prinzen Leopold 
von Braunschweig , der hier mit dem im gleichen 
Hause wohnenden Kaiser Josef II. und dessen Brüdern, 
Grossherzog Leopold von Toskana und Erzherzog 
Ferdinand, Gouverneur von Mailand, zusammentraf. 
So konnte es nicht ausbleiben, dass Lessing in Folge 
seiner Stellung vielfach der freien Verfügung über 
sich und seine Zeit entbehrte. Goethe hingegen er- 
freute sich dieser Freiheit in vollstem Masse und be- 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



So kehrten seine Gedankeff^nd Studien stets von 
der Kunst zum Leben, vonlWSem zur Natur zurück 



nützte sie bestens. Er studirte die Stadt, ihre Lage, 
ihre Strassen, ihre Menschen, ihre Kunstschätze, ihre 
Bauten ; er besuchte die Kirche, die öffentlichen (Je- 
richtsverhandlungen, die Theater, die grossen Musik- 
auHührungen ; er lauschte dem (jesang der Gon- 
doliere und den öifcntlichen Erzählern ; am 7. (nicht 
6. October), dem Tag der h. Justina, besuchte er 
deren Kirche, in welcher alljährlich an diesem Tage 
zur Erinnerung an den Seesieg über die Türken bei 
Lepantü (1571) ein Hochamt abgehalten wurde, zu 
welchem auch der Doge und die Signorie erschienen; 
er sah im Hafen die Galeeren und Fregatten, welche 
die l'lotte des Admirals Emo verstärken sollten, der 
im vorhergehenden Jahre im Kriege gegen Tunis 
(nicht Algier) Sfaks bombardirt hatte ; er besichtigte 
das Arsenal und beobachtete die Thätigkeit der Ar- 
beiter, die das schönste istrische Eichenholz verar- 
beiteten, wobei seine Gedanken sich mit dem Wachs- 
thum dieses werthen Baumes beschäftigten ; er be- 
trachtete wiederholt am Fischmarkt die unendlich 
verschiedenen SeeproducteJj^, immer neuer F'reude. 

Hier war es natürlich das Meer mit seinen Bewohnern, 
das ihn fesselte. F> sah es hier zum ersten Mal und 
bemerkte einfach nur: »Das Meer ist doch ein 
grosser Anblick«. Er verbrachte einen köstlichen 
Tag auf den Murazzi bei Pelestrina und beobachtete 
dabei das Leben der kleineren Seethiere, namentlich 
der komischen Taschenkrebse und der von ihnen 
verfolgten einschaligen Patellen. Am Lido von Santa 
Elisabctta und San Nicolo sammelte er voll FVeude 
wie ein Kind Muscheln am Strande und zähe, stach- 
lige Strandpflanzen. Glücklich ruft er aber auch am 
Schlüsse seines Venezianer Aufenthaltes aus: »Gott 
sei Dank, wie mir Alles wieder lieb wird, was mir 
von Jugend auf werth war!« Er meint die alten 
Classiker, die Natur, das Leben. Während er eine 
wunderbar reiche Fülle von neuen Eindrücken, Beob- 
achtungen und Anschauungen in sich aufnahm und 
sich bemühte , Venedig möglichst voll und ganz 
kennen zu lernen, hatte die Zauberkraft der »bella 
Venezia«, ohne dass er es bemerkte, ihm gerade das- 
jenige mitgetheilt, was den charakteristischen Reiz 
ihres Lebens und ihrer Kunst ausmacht : die stille, 
beglückende Freude am Dasein. 

Nach Beendigung dieses Vortrages erfreute eine 
der anwesenden Hamen die Versammelten durch 
schönen , seelenvollen Gesang einiger Goetheschen 
Lieder. Dann begab sich die Gesellschaft in das 
von Goethe bewohnt gewesene , allerdings jetzt 
etwas umgestaltete Zimmer. Man blickte aus dem 
Fenster hinab auf den schmalen Canal , auf die 
einbogige Brücke (Ponte dei Fuseri) und in das 
schmale, auch zur Nachtzeit noch belebte Gässchen 
(Galle dei Fuseri), — wie Goethe vor hundert 
Jahren. Da erfüllte Alle Ein Gedanke. Wenn der letzt 



verstorbene treffliche Director des botanischen Gartens 
in Padua, Professor de Viviani vor einigen Jahren 
über die dortige Goethe-Palme ein Glashaus in 
Tempelform gebaut und dasselbe mit einer ent- 
sprechenden Inschrift verehrender Erinnerung an 
Goethe geschmückt hat, so soll den Besuchern Ve- 
nedigs künftighin ein Denkstein das Haus bezeichnen, 
in welchem der Dichter hier gewohnt, gedacht und 
geschrieben hat. 

In solcher Stimmung sandte die Versammlung 
ein Telegramm huldigender Begrüssung an den hohen 
Protector der (joethe-Gesellschaft in Weimar, welcher 
dieselbe nach wenigen Stunden mit der huldvollen 
Antwort erwiederte: »Meinen Landsleuten zu Venedig 
sende ich aus der Stadt Goethes meinen herzlichsten 
Dank für ihren Gruss , vereinigt mit ihnen in der 
Liebe zu dem grössten Dichter des Vaterlandes. Carl 
Alexander.« Dr. Th. E. 

Goethe -Denkmal. 

Wir erhalten soeben eine Zuschrift , die die 
Platzfrage bespricht: »Vor einigen Tagen ist die Re- 
gulirung der Gegend um das neue Burgtheater herum 
vollendet worden, und es entstand nunmehr ein neuer 
Platz zwischen dem Nordflügel des neuen Burg- 
theaters und der Mündung der Oppolzergasse und 
derTeinfaltstrasse, der sich breit gegen den Franzens- 
ring und dem Rath hauspark zu öft'net. Dieser Platz 
ist noch namenlos. Vielleicht Hesse sich für diesen 
Platz der Name „Goelheplalz" beantragen und könnte 
derselbe zur Aufstellung des projectirten Goethe- 
Denkmals ins Auge gefasst werden. Es würde gewiss 
für die Realisirung dieses Vorschlages, wenn er con- 
venirt, sehr förderlich sein, wenn ein geehrter Verein 
die Initiative ergriffe und die Sache fördern wollte.« 
Hochachtungsvoll 

Ein Wierur Godheaner.i 

Beiträge für den Goethe-Denkmalfonds 
im Jahre 1886. 

Commune Wien fl. looo. — 

Professor Zöchbaur ,, 10. — 

„ Dr. Walz 20. — 

Dr. Heinrich Adler, städt. Bezirksarzt . ,, 5- — 

Charlotte .\lschech ,, i- — 

A. Kompert ,, i- — 

Oscar Alschech '• — 

Dr. FIhrmann, städt. Bezirksarzt . . ,, '• — 

Gg. Wieninger (i Ducaten) .... ,, 5-9" 

Sammlung des Herrn Jos. Redlich . . ,, 37- — 
,, ,, ,, Reichsraths - Ab- 
geordneten Gg. Ritter von Schönerer 

in Deutsch-nationalen Kreisen . ,, 50- — 

Spende des Herrn C. Fruhwirth . _ ,, 20- — 

,, ,, ,, D. Diamantidi . ,, ;o. — 



Summa fl. laoi.qo 



Druckfehler. In der ersten Nummer S. 6 b 
steht Guslai- im /usltis Christian von Loder. 



Verlag des Wiener Goethe -Vereins, 
den Buchhandel ; 



- Druckerei des „Illustrirten Wiener Extrablatts" (B. A. Ihm). — Vertrieb für 
K. k. Hof- und Universitäts-Buchhandlung Alfred Holder. 



;>TPrt'is eines Jahrgangs tiir Xirht- 

' itgliciler ist 2 fl. (4 M.j ; tiir Mit- 

.licdor I fl. (i M.). .Mitglii-dL-r. di.> 

rion [ahresboitras von t; fl. /alilon, 

luiltl-n .las Blatt iinontK.-ltlich. Di« 

lironik erscheint um dit> Mitte iedes 

\l..nats. Man abonnirt imi.orale des 

A'issenschaftlicben Clubs (Eschen- 

...hsrasse» und in allen Huclihand- 

lliujjen. 



CHRONIK 



ttii Auftrage des Wiener Goethe. 
Nereins Herausgeber und verant- 
wortlicher Kcdacteur : 
A'. J. SihrUcr. 
\ üe Redaction bildet der Obmann- 
f Schrot r) mit den 
1 fJ^ggrr - MöllwaU. 

1 atl den Herausgeber 
■u senden. 



~tell 
-chrit'tführ 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Wien, Sonntag, den 19. December 1886. 



1. Jahrgang. 



INH.\ r.T : ir«;- Xachrlclit au Me Leser. — Aus dem 
,'UUMer I r.HslmiU). — Ciictlu--Al'ciul. — GoeUu- auf dei 



nngetretener Mitglieder. — Z-Mei Sta»t7it- 
sise etc. —Beiträge zum Deukutalfonds . 



Zur Nachricht. 

Die ersten drei Nummern unserer Chronik wui- 
den ii//t/i N'ereinsmitgliedern bisher unentgeltlich 
zugesendet. Diejenigen Mitglieder, die den höhern 
.lahresbeitrag von 5 H. zahlen, beziehen sie auch 
tcrner so. l")en übrigen Vereinsmitgliedern werden 
L-benfalls die weitern Nummern zugehn und der 
Abonnementsbetrag von i fl. (2 Mk.) wird zur Be- 
quemlichkeit der geehrten Leser zugleich mit dem 
Jahresbeitrag mit Postauftrag eingehoben. Diejenigen 
geehrten Mitglieder, die nicht geneigt sind zu abon- 
n1ren, werden ersucht, das Blatt an die Kanzlei des 
wissenschaftlichen Clubs (Eschenbachgasse q) zurück- 
zusenden. Das Blatt erscheint um die Mitte eines jeden 
Monats-, eine jede Nummer in dem l'mfange von min- 
destens einem halben Bogen. 

Die Redaction. 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

In der Ausschuss-Sitzungden 20. November l.J. 
waren anwesend : Se. Excellenz von Sfremayr, Vor- 
sitzender , Schri'ifr, Obmann- Stellvertreter, Eggcr- 
Miill-volJ und Knrrcr, Schriftführer, Rosaithal, 
(.assier, Blume, Minor, Moraivetz, Nordmaiin. 

Im Namen des Vortragscomites berichtet SchriJer: 
Die Gocthc-Ahciide dieses Winters beginnen mit 
einem Vortrage Egger-Mölhvalds iilur Goethes Alpen- 
Wanderungen. Demselben wird an einem zweiten 
Abende ein Vortrag des Directors Dr. Alb. llg folgen 
über : Goethe in Rom. Für fernere zwei Abende stehen 
.Vorträge in Aussicht von den Professoren Minor 
und Sehroer. 

Im Namen des Denkmalcomites berichtet Karrer: 
Eine Reihe von öftentlichen Vorträgen sollen ver- 
anstaltet werden, wozu die Berufung von Gästen ein- 
geleitet ist. Die Hofschauspielerin Frau Charlotte 
Wolter hat ihre Mitwirkung bei einer in Aussicht 
genommenen Iphigenien-.Aulführung freundlichst zu- 
gesagt. 

Sehröer stellt den Antrag, eine Zuschrift an den 
Wiener Männergesang- Verein zu richten, mit der 
freundlichen Einladung zu werkthätiger Mithilfe durch 



eine seiner glänzenden Productionen zu Gunsten des 
Denkmalfonds. Der .\ntrag wurde einstimmig ange- 
nommen. 

Egger- Mo Ihvald beantragt die Errichtung einer 
Gedenktafel zur Erinnerung an Goethes .Aufenthalt 
auf dem Brenner vor 100 -lahren (i~86) an dem 
dortigen Posthause. Die Kosten sollen durch eine 
Sammlung aufgebracht werden. Der Antrag wird 
einstimmig angenommen. 

Fortsetzung des Verzeichnisses der neuen 

Mitglieder, die dem Vereine im Jahre 1886 
beigetreten sind. *) 

Herr A. C. Bondy, II., Praterstrasse 58. 

Herr Dr. Max Egger, Hof- und Gerichtsadvocat. 
1., Wollzeile i 3. 

Fräulein Irene Grund, I., Schenkenstrasse 2. 

Fräulein Hermine Grund, I., Schenkenstrasse 2. 

Fräulein Hermine Gcreinvi, Lehrerin, I., Laurenzer- 
berg 5. 

Herr Dionys Ritter von Grün, k. k. Universitäts- 
Professor, I., Kantgasse 3. 

Herr August von Herrenvitt, I., Reichsrathstrasse i . 

Fräulein Heidenhain, Oppolzergasse 6. 

Herr Hugo H. Hitsehmann, I., Dominicaner-Bastei 5. 

Herr Dr. Hofmann, III., Gärtnergasse 6. 

Herr Joseph Haberl, Oberrealschul-Professor, VI.. 
Gumpendorfer Strasse 29. 

Herr Johannes Haberl, Kaufmann. \'1I., Neubau- 
gasse 16. 

Fräulein Albertine Imehnann, Penzing, Hauptstrasse 
58—60. 

Fräulein Betti Imehnann, Penzing, Hauptstr. 58 — 60. 

Fräulein Ida Krebs, VII., Lindengasse 14. 

Herr Tullius Krauss, k. k. Conceptsprakticant, IX.. 
Währingerstrasse 57. 

Fräulein .Anna Karrer, Oberdöbling, Hauptstrasse 80. 

Fräulein Franza Karrer, Oberdöbling, Hauptstrasse 80. 

Herr Victor Keppieh, I., Schottenring 25. 

Frau Josephine Keppieh, I., Schottenring 25. 
(Fortsetzung folgt.) 

*) Beitritts- Anmeldungen werden in der Kanzlei de* Wissensch ' 
Clubs fl., Eschenbacbgasse qi entgegengenommen. 



l bronik des Wiener Goethe -Vereins. 



Zwei Stamm buchblätter. 

Mit^i'thcih Min Dr. .M. (I.ibcrlaii.U. 
Der Senator Scluibler zu lleilbroim, dchscn 
Andenken in Jer deutschen Literatur - (leschichte 
durch seinen Verkehi- mit Schiller lebendig ist. 
(s. >..Schiller und seine Zeit>< \on .loh. Scherr, III. p. 
47 IV. *), ein ehrenfester, lein gebildeter Bürger des 
1 S. .lahrhundeits, hat in jüngeren .lahren nach der Sitte 
der Zeit ein Stammbuch '*) geführt, das eine Reihe 
tönender Namen birgt, darunter den unsterblichen 
(iocthes und einige Blätter später Ji:n der .Sescn- 



heimer Friederike. Dies merkwürdige Zu.sammen- 
trellen in \'erbindung mit dem charakteristischen 
Wortlaut der beiden Einzeichnungen lässt es nicht 
uninteressant erscheinen, die beiden Stammbuch- 
blätter bildgetreu mit einander zu verötlentlichen. 
(Jline weitläufig werden zu wollen, gestatten wir uns 
zu der Goetheschen Niederschrift nur die Bemerkung, 
wie die (jrösse des künftigen OIvmpiers schon un- 
bewusst aus seiner Zeile spricht — die er wahr- 
scheinlich dem flüchtigen Besucher und Verehrer 
stehenden Kusses schreibt. I^as Stammbuchblatt lautet : 



ß^^ yi^l^,^,^,.^^^^ «^4*W^ /^^^^^^. 






lune charakleri^ri.^clle Zeile 
.\leni;e (ioethcscher Worte 



mehr /\\x unübersehbaren 



Anders ist es aber mit dem Blatte der |ungen 
l-riederike l^rion. \on der — ohne Fachgelehrtheit, 
wie wir .sind — uns bisher nur ganz wenig F-)igenes 
bekannt geworden ist. l nser Heilbronner Senator 
war der rheinischen Pfarrer-F'amilie wohl bekannt 
und eroberte Ljeleijentlich eines Besuches, der etwa 



zehn .lahre nacli dem (joetheschen Sesenheimer 
Lieliesidyll liel. von dem geprüften Mädchen eme 
Stammbuchwidniung, zu welcher der Besitzer nach 
dem Erscheinen von Goethes »Wahrheit und Dich- 
tungi in F^rkenntniss davon, wie werthvoll nun 
das Blatt des früher ganz unbekannten Mädchens 
geworden, eine Notiz über das \'erhältniss Goethes 
zu der Schreiberin hinzufügte. F^s ist der folgende 
Satz: 









äA-ä-^^^ä 




oo 



-^^ZyZ^y^^^c^Jl^ >y5L*.<'^^-»c-«>^^*^<''*-^' l^^iUij: <i2i-«V»* — ' 



In ihrer festen, fast polemisch angehauchten 
lassung gibt sich die Widmung in der That beinahe 

") Wir i-riiincniuns hier des üocthesclion ll.-.lii htrs ; .Aw 
rnssiivnnl- umt Sthii/,l,riscllfii Hrautpnan- dir (Jrsill-.msl.i- d.s 
llrliiilignms. Zum :•=.. Juli r-j4. Hochii.iart-.Vustt.il.e .Icr Werke 
viin 18)6 1,184. Ein iinid.-r dt-s UrSutiganis heglcitct.- (Joctho 1775 
in die Schweiz. In I.ii.ius : Kriederike Urion Str.Ts^b, _•. .\nfl. 1S78 .S. po 
ersclioint ein .Vmtmann ScIiitM,-,: I.ili uar verw.mdt mit einer Sr/aM,-,- 
HU5 Zweibrüeken s. tio.-thes Dichfunj; und Wahrheit 1 Vns«. l.nepers) 
4.15K, so d:iss der Name mit Friederike und mit l-di in Veibindunf; 
steht. In Herrn von l.oepers Besitz lu^findet sieh ein lila« v.ni 

Kriederikens Hand, d.is -ennu so unterzeichnet ist. wie oben: /-'rid .- 
l!yi,<ii. .S. Dichtuni; und Wahrh.'it. 1 Vus^. l...eiiersi l!d. 2, S. 232. 
r.enan so unterzeichnete sie sich auch in dem .-itammbuchbl.itt vom 
20. April I7(ls, s. I.eyser Cioethe zu Strassburg 1S71 S. 20^. So auch 
in den NaehbiUtunjren ihrer Handscllrilt in 1«. Th. I'-aleks Kri.-.ierike 
Urion (18811 ^- So f. S. .nurh : Krictlerike Urion von Dr. .\. Moschkan 



4 t. 

' 1 Das Schiiblersche Stammbuch ist de 

ch verwandtschaftliche lieziehunucn zu| 

iter d.-r OefFcntlichkeit nicht zufUhrhar, 

chbililunjl des Orijriii.als verzichten und un 



1 Be 



.'hnu 



wie ein Stück eigenen Wesens, da.s durch die schmerz- 
liche Erfahrung des Gegentheiles bei .Anderen (bei 
wem zunächst, liegt auf der Hand) hindurch ge- 
gangen ist; es ist förmlich, wie es scheint, ein ab- 
geklärtes ( riheil. ein Irtheil ohne Bitterkeit und 
Stachel wol. über die grosse Täuschung ihres Lebens. 
Wir möchten nicht hineinlegen: aber die feste ge- 
schmiedete F'orm der Sentenz fordert fast zu solcher 
Meinung heraus, indem sie wie fertig aus dem Herzen 
geholte, theuer errungene Ueberzeugung. wie der 
letzte Schluss eines im Stiche gelassenen Herzens 
anmuthet. Wie natürlich, dass die Wahrheitsforde- 
rung aus einer solchermassen geprüften Seele sich 
als erste und oberste Maxime erhebt ! Doch möchten 
wir Niemand widersprechen, der uns mit Gründen 



('hionik des Wiener Goethe-^'l 



hierin eines Anderen belehrt. L ns hat dieser Ein- 
druck vom ersten Auftinden des Blattes (iS8o) bis zu 
seiner jetzigen \'eröffentlichung begleitet und sich 
durch wiederholtes Ueberdenken nur stets verstärkt. 
Das genannte Stammbuch befindet sich derzeit 
im Besitze eines directcn Nachkommen, eines Enkels 
unseres Heilbronner Senators, des Herrn Eisenbahn- 
Directors .Adolph Schubler in Strassburg. Ich nahm 
mit dessen freundlicher Erlaubniss von den betrel- 
t'enden Blättern selbst genaue Durchzeichnungen, nach 
welchen die beistehenden .\utographen angefertigt 
sind. Mögen sie die Freunde Goethes so erfreuen und 
anregen, wie sie uns angezogen und gefesselt haben. 
Wird es doch wenige Bücher, vielleicht kein anderes 
mehr geben, auf dessen Blättern die Hände Goethes 
und seiner Friederike getrennt von einander geruht 
hätten. 



Goethe-Abend. 

Am i u. December 18811 fand wieder eine Mit- 
glieder-Versammlung des Wiener Goethe -Vereins 
im \'ortrags-Saale des Wissenschaftlichen Clubs statt. 

Regierungsrat Eggir-.Will-iCald hielt einen Vor- 
trag über .JrOt'/liiS Alpe>ncaiiiit'nii!gt>i*J. Er versuchte 
zu zeigen, wie der Cultus der Alpenwelt aus der 
Stimmung des 1 8. .lahrhunderts hervorgegangen, wie 
zuerst Hd/I, r für die Natürlichkeit des iMenschen- 
lebens in den Alpen sich begeisterte, dann die Stürmer 
und Dränger an der Grossartigkeit des Fiochgebirges 
Sinn und Geist erhoben, wie die Wertherstimmung 
auch Goethes .Auge diesen Phänomenen zuwendete und 
den Dichter auf seiner ersten Alpenreise (1775) bis 
auf den St. Gotthart begleitete. — \'on der zweiten 
Reise auf den St. Golthart, die er 1 779 von Weimar 
aus mit dem Herzoge Carl August unternahm, wurde 
hervorgehoben, dass sie einen gewissen Abschnitt in 
Goethes geistiger Entwicklung andeute, der auch mit 
der ersten Aufführung der >'lphigenie^ zusammen- 
fällt. — Zur ästhetischen Betrachtung der Alpenwelt 
tritt jetzt ergänzend die naturwissenschaftliche Be- 
obachtung hinzu. — Ueber einzelne Stationen von 
Goethes Alpenwanderungen (wieRigi, Chamounix, St. 
(jotthart) machte der Vortragende besondere Bemer- 
kungen, um den grossartigen .Aufschwung des\'erkehrs 
im Laufe des letzten .lahrhunderts zu illustriren. 

Zu den Alpenwanderungen ist auch Goethes 
F,ihr/ über dfn ßreiiner [xj^d] zu rechnen, welche 
als Antritt der italienischen Reise, jenes Hauptwende- 
punktes in des Dichters Leben, eine ganz besondere 
Bedeutung erhält. 

Im .lahre 1797 unternahm Goethe seine dritte 
Alpenfahrt, die ihn abermals auf den St. Gotthart 
führte. — Diesmal hatte die naturwissenschaftliche 
Richtung bereits die Oberhand gewonnen ; der Dichter 
studirt Natur und Menschenwelt mit gleicher Objec- 
tivität. Er war ein anderer Mensch geworden ; darum 



mussten sich die Dinge auch anders in seinem Geiste 
abspiegeln, wie er an Schiller schreibt. 

Zum Schlüsse erinnerte der N'ortragende an 
einige Scenen in der Fausttragödie, welche lebhat't 
an Eindrücke erinnern, welche Goethe auf seinen 
Alpenwanderungen erhalten. So die Eingangs-Scene 
des 1. und W . .Actes im II. Theilc der Dichtunii. 



*) Mit Hc 



izung einor .M.handluiif; .Goelho 
1 Jahrbuche des .Ot-st. Alpcnvorei 



Goethe auf dem Brenner. 

Ein heiterer Septembertag (<).) des .lahres 1786 
ging zur Neige und die Höhen, die den Brennerpass 
im Westen überragen, warfen schon breite Schatten 
über das Thal und die Strasse, die Deutschland mit 
Italien verbindet. Es hatte kurz vorher geregnet und 
die Natur stand in frischem Dufte da, die volle Trieb- 
kraft des Sommers entfaltend. Die Abendkühle strich 
über den breiten Rücken der Centralkette und am 
reinen Himmel stieg über den östlichen Tauern schon 
der Mond herauf. 

\'or dem Posthause stand ein .Mann und zeich- 
nete in seine Mappe. Die Stunde schien ihm nicht 
günstig zu sein, denn er warf den Stift bald unwillig 
hinweg, schrittauf eine kleine .Anhöhe hinter dem Post- 
hause, umdort auf dasGefährte zu warten, das ihndurch 
die mondbeglänzte Nacht nach Süden führen sollte. 

Der jJLuiii 7var Goethe. Wie er dastand an den 
Marken zweier Fluss- und Völkergebiete, von Deutsch- 
land kommend und nach Italien wandernd,von Nieman- 
dem begleitet, als von den Gestalten seiner Phantasie, 
ein Riesengeist unter den Riesenwerken der Natur, 
ist er nicht mehr der Frankfurter Bürgerssohn, nicht 
mehr die herzogliche Excellenz von Weimar, sondern 
die Verkörperung seines ganzen \olkes. der r<e- 
präsentant seines Jahrhunderts. 

Goethe befand sich hier niclu nur an den 
Grenzen des Nordens und Südens : er fiUilte, dass er 
auch am Hauptwendepunkte seines Lebens stehe, und 
uns ist seine Anwesenheit hier das .Anzeichen einer 
neuen weltgeschichtlichen Periode. 

Sie bezeichnet für uns zunächst die Aussöhnung 
Deutschlands mit Italien. Den Dichterfürsten zogs 
wie die sächsischen und stauHschen Kaiser mit un- 
widerstehlicher Gewalt nach dem Süden, nach dem 
ewigen Rom. Aber nicht Blut und Eisen sollten seine 
Pfade bezeichnen, nicht Hab und Gut der Bewohner 
fordert er, zu den grossen Werken des italienischen 
Genius, zu den heiligen Resten einer grossen Ver- 
gangenheit pilgert er, um für sich neues Leben zu 
schöpfen. Der Deutsche hörte auf, des Italieners 
Tyrann zu sein, sobald sein Genius sich vor den 
Werken des Südländers beugte. Goethes Wanderung 
erinnert an die zahlreichen Römerzüge deutscher 
Künstler und Schriftsteller seit dem 16. .lahrhundert. 
Im .Mittelalter wüthete gar oft in den gesegneten 
Gefilden der furor teutonicus, wie die Chronisten es 
nennen ; in neueren Jahrhunderten kann das Volk 
von Venedig und Rom nur von dem amor teutonicus 
erzählen. I>er Deutsche holte sich zwar wie ehedem 



4 '\ Chronik des Wiener Goetlu-\ <i.i 11- 

Ehre und Ruhm jenseits der Berge, die Khrc der starkerwäclist undderSee höliereWellengcgen dieAn- 

Kunst und den Kuhm der geistigen Vollendung; gar fahrt wirft, noch heute so wahr ist. als vor vielen Jahr- 

mancher Künstler erhielt in Rom erst von der Muse hunderten. So manches hat sich verändert, noch aber 

die Weihe und die Krone, ähnlich den alten Kaisern. stürmt der Wind in dem See, dessen Anblick eine 

(ioethe selbst brachte seinen (lenius erst unter den Zeile Virgils noch immer veredelte ; und Rom, den 

grossen Kindrücken des italienischen Hodens zur 6. .länner (1-87: a. a. (). 146): >..-\m (jardasee. als 

Reife ; als geläuterter Mensch, mit harmonisch durch- der gewaltige .Mittagswind die Wellen ans l'fer trieb. 

gebildetem Innern kehrte er erst nach zwei .lahren wo ich wenigstens so allein war, als meine Heldin 

in die Heimat zurück. Indem er dem Laufe des Kisack am (jestade von Tauris« . . . .Man vergleiche dazu die 

folgte, ging er einer neuen Lebensepoche entgegen. Schilderung derselben Localität im Kingange von 

Auf der l/(!/ie da nienncr nahm er dii- Handschrift Heinses Ardinghello(I>aubes,\usgal>e 1 . 30 f): »Schon 

seiner Iphi^enie aus dem übrigen Reisegepäck an sich, regte sich ein leichter, frischer .Morgenwind und 

um ihr unter dem EinlUisse der italienischen Welt säuselte durch die Blätter; ein milder Lichtrauch 

die vollendete Form zu geben. So bereitete er hier stieg auf in Osten, von einzelnen Strahlen durch- 

das wundervolle Werk vor. das antike und moderne spielt, als wir bei unserm Landgut anlangten, wo 

Kiemente zu künstlerischer Harmonie vereinigt, wie der See sich ausbreitete und seine Ufer von Wellen 

vielleicht kein zweites Werk der Weltliteratur. Hinter rauschten. Sie brachen sich ergötzend übereinander 

ihmlagder nordische Götz, hinter ihm dieThränen des und schäumten; und wir fanden die Beschreibung 

leidenden Wertlier. wie die Wa.sser der Siil, die zu Virgils Fluctibus et fremitu assurgcns marino ganz 

seinen Füssen die Richtung nach Norden andeuteten. nach der Natur.« Liesse sich erweisen, daSs (joethe 

Hier gekommen, endlich an einen Ruhepunkt. den i -8(i (mit der .lahreszahl 1787) erschienenen 

an einen stillen Ort, wie ich ihn mir nur hätte wün- Ardinghello schon auf der Reise nach Italien kannte, 

sehen können. F.s ivar ein Tag, den tiian jahrelang so würde dadurch eine vielbestrittene Stelle in üoethes 

in der Erinnerung gcnicssen kann.«. So schrieb Goethe ; Aufsatz »F^-stc Bekanntschaft mit Schillers (Hempel 

am 8. September 1786 gleich nach seiner .Ankunft »auf 27, 1,300) widerlegt. Ich zweifle aber, dass die Pa- 

dem Brenner«. Und sein Volk geniesst und würdigt den rallele dazu ausreicht; denn Goethe verzeichnet den 

Tag heute noch nach vollen hundert Jahren <?/.vr/(7/ Tag Vers Virgils aus dem Volkmannschen Reisehandbuch 

(/i.f .-);///•///,?(/("/• //(7//(V/;>i7/(7;Ä(v'.f('. AusVenedig und Rom und dasselbe wird Hcinse gethan haben. Minor. 

schallt lauter .luljj^der Deutschen, den die Fjinnerung Aus vergessenenBüehern. /oUikoferanGar\c 

an Goethe wecl-.t, indem sie des vergangenen .lahr- üIi. .luli 1 774 (Briefwechsel zwischen Christian Gar\e 

hunderts gedenken. Schon vor 10 .lahren, wie uns und (jeorg .loachim /ollikofer, nebst einigen Briefen 

Professor J. V. Zingerle schreibt, haben Goethefreundc des Krsteren an andere Freunde, Breslau 1 804 S. 1 64): , 

das .Andenken an Goethes Aufenthalt auf dem Brenner »Basedow befindet sich gegenwärtig in Frankfurt am 

in Klausen (Eisackthal) gefeiert. Ein Goethebild im Mayn, wohin ihn Lavater bestellt hat imd wohin viel- 

Gasthause und ein Gedicht von W. Leulhold '^.\uf leicht auch Herder kommen wird. Basedows Zuschrift 

eine Goethefeier in Klausen« (das Eisackthal in Lied seinesN'ermächtnisses an Lavater hat diese Zusammen- 

und Sage i88-^) geben noch heute Zeugniss davon. kunft veranlasst. Sie wollen da über Religionssachen 

Nun das .lahrhundert abgelaufen seit der denk- miteinander conferiren. Den Ausgang und die Folgen 

würdigen Wanderung (ioethes über den Brenner, er- dieser Conferenzen werden Sie leicht vorhersehen. Sie 

füllt der Wiener Goethe-Verein eine Pflicht der Pietät, j werden zwar als gute Freunde von einander scheiden, 

indem er an dem Posthause, das Goethe damals ' aber ein jeder wird vermuthlich sein System unver- 

beherbergte, eine Gedenktafel anbringen lässt. Wir \ ändert beybehalten. Sonderbar genug ist es, dass diese 

zweifeln nicht, dass die Wiener Goethefremide gerne Conferenzen in Goethes Hause, wo Lavater wohnt. 

ihr Scherflein beitragen werden, um die massigen angestellt werden. . Minor. 
Kosten zu decken. Das ..Goellie- Wahrzeichen^ auf dem 

Brenner soll, wie das in Venedig und Rom, der Welt Beiträge für den Goethe-Denkmalfonds 

verkünden, wie der Deutsche seine geistigen Grössen j im Jahre 1886 (Kortset/.unj;). 

, ehrt. A. F.. M. ■■ Sammlung der F'rau .lulie v. Goldschmidt: 

Herr Moriz Ritter v. Goldschmidt (1. 25. - 

Goethe-Notizen. Herr Hermann Ritter v. Goldschmidt . . . ti. 20.- - 

Zur italienischen Reise. Torbole. den 12. ^'^^^ '"'■'■^ R'"er v. Goldschmidt fl. 20. - 

September (i-8r>) verzeichnet Goethe (ed. Düntzer bei ' Herr Ludwig Wallheim fl. 20.-- 

Hempel 24, 23) den Vers Virgils »Fluctibus et fremitu , Herr Hermann Horwitz fl. 20.— 

resonans Benäce marino« und fügt hinzu: »Der erste j Sammlung der Administration der > Deut- 
lateinische Vers, dessen Inhalt lebendig vor mir steht, -^«^hen Zeitung« .jfl. 9^60 i 

und der in dem Augenblicke, da der Wind immer | Summa fl. 114.(10 

VerKig lies Wiener Goethe -Vereins. — Druckerei des „lUustrirten Wiener Extrablatts" (B. A. Ihm). — Vertrieb lai 

den Buchh.indel : K. k. Hof- un.l Universit,Hts-Buchhandlunt; Alfred Holder, 



Tjci Preis e 


lies Jahrgangs 1 


ür Nicht- 


mittrlicder 


st = fl. 


(4 M.): 


für Mit- 


k-licdcr I fl 


(2 M.) 


. llitpcli 


oder, die 


rinon Jahre 


sbeitrat 


von ^ fl. zahlen, 


.•rhalten da 


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ncnt(;eltli,-li. Hie 


Chronik ers 


cheint 11 


n die M 


tte jedes 


Monats. Ala 


n abonn 


irt imL 


»cale des 


Wissenschaftlichen 


Clubs 


(Eschen- 


hachf^asse) 


und in 


allen r. 


uchhand- 



CHRONIK 



Im Auftrage des Wiener Cethe- 
\ ereiiis Herausgeber und \-eraiil- 
wortlicher Redacteur: 
A: J. Schräm,: 
Die Redaction bildet ,1er Obmann- 
Stellvertreter (Scliricr) mit den 
Schriftführern (Eggfr - MitlwaM 
■r). 



De 



1 den He 

enden. 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



»ebe 



Wien, Mittwoch, den 18. Jänner 1887. 



IXHALT: Volhcrmmwlintg. - 
■Aichk' uiui Coethe-Cesclhchaft. ■ 



2. Jahrgang. 



■higclri-lnirr Mtgliei/er. — 



VO L LVE R SAM M LUN G 

des Wiener Goethe- Vereins 
Sonntag den 30. Jänner 1887 im Vortrags-Saale des Wissenschaftlichen Clubs. 

II Uhr Vormittag. Tagesordnung: 

I. ,lahresbt;richt des Schriftführers. 
1. Rechenschaftsbericht des Cassiers. 
\. Bericht des Denkmal-Comites. 

4. Neuwahl des Ausschusses. 

5. Wahl der Rechnungs-Revisoren für 1887. 

6. X'erhandlung über einen Platz für das Goethe-lienkmal. Eingeleitet von einem .Mitgliede des 



Ausschusses 



7. .Anträge von Mitgliedern. 

Zur Ausstellung gelangt: Goethes Heimstätte. Zwanzig photographischc Ansichten 



Goethe-Hause in Weimar. 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

In der Sitzung des .\.usschusses am 22. De- 
cember 1886 waren anwesend: Se. Excell. Dr. z'. Sfre- 
flwjv als Vorsitzender; Prof. Scbrüer, Obmann-Stell- 
vertreter; Egger-JIolk(iald xmdKairer, Schriftführer; 
Blume, Kolalscht'k, J/oraivits, Nordvianii, Edgar von 
Spiegl, Hofrath von Weilen. 

Auf Grund des § 7 der Statuten wird Se. E.xcell. 
Intendant Freih. i'on Bczcaiy in den Ausschuss gewählt. 

DerAntragdesRedactionscomites, die »Chronik« 
bedeutenderen Bibliotheken, Zeitschriften und Per- 
sönlichkeiten kostenfrei zu senden, um dem Vereine 
und seiner Aufgabe neue Freunde zu gewinnen, wird 
einstimmig genehmigt. 

Das Vortragscomite beantragt, den Vortrag des 
Directors Dr. Ilg über »Goethe in Italien« als Er- 
innerung an den Ablauf des Jahrhunderts seit Goethes 
italienischer Reise anzukündigen und denselben in 
den Architektensaal zu verlegen, damit eine grössere 
.\nzahl von Mitgliedern daran theilnehmen könne. — 
Wird vom Ausschusse genehmigt. 



aus dem 
Der Ausschuss. 



Im Namen des Denkmaleomites berichtet Herr 
Edgar von Spiegl, dass der Verein »Schlaraffia« be- 
schlossen habe, dem Goethe-Denkmalfonds jährlich 
25 fl. zu widmen, und dass ähnliche Beiträge auch 
von anderen Vereinen zu erwarten seien. 

Schröer berichtet über den Zuwachs der Goethe- 
Bibliothek, über den künftig die »Chronik« .\usweise 
bringen wird. 

Goethe-Abend. 

Der Abend Freitag den 7. Jänner 1 887 war dem 
Andenken der italienischen Reise Goethes gewidmet. 
Im Festsaale des Architectenvereins hielt Director 
Dr. Albert Ilg vor einer zahlreichen Versammlung 
von Vereinsmitgliedern einen Vortrag über „ Goethe 
in Italien^', der mit grossem Beifalle aufgenommen 
wurde. Wir hoffen in der nächsten Nummer der 
»Chronik« einen .Auszug aus diesem \'ortrage bringen 
zu können. — K\n Porträt Goethes, von Grünler 1828 
nach dem Leben gemalt, war ausgestellt imd erregte 
allgemeines Interesse. 



( hronik des Wiener Goethe - 



Fortsetzung des Verzeichnisses der neuen 

Mitglieder, die dem Vereine im Jahre 1886 

beigetreten sind. *) 

hräulLMii .Uiimiis, I.. GetreiJemarkt 2. 

Herr Kobcit Csilduil, \1., Schmalzhotgasse kj. 

Herr (larl Giiiih in Praf^, Weinberge 551. 

Herr VA. Jfiilniir in Prag. Mariengasse 25. 

Herr Joseph Loiig\ I.. k. Schulrath. I\'.. lavoriteii- 

strasse 46. 
Krau Annav. I.atzel, Doctors-Ciattin, I\'., Floragasse 7. 
Früiilein Therese J.azanis, II.. Leopoldsgasse 8. 
Herr Kduard /.('oh, Privatier, I.. Bartenstcingasse 14. 
KriUilein Adele LicJittiisItiii, I.. .\la\imilianstrasse 8. 
Fräulein F^lise JJrlihii:(leni, I., Maximilianstrasse 8. 
Herr Alfred Graf zvir J.ip/i,-W,-i.i.un/eld, 1.. Rothen- 

thurmstrasse 2. 
Herr L. fj)hiniVi:r, k. k. Commcrcialrath (als Stifter 

mit 30 11. beigetreten). 
Fräulein .Marie Mar/ter, I., Wallnerstrasse (). 
Herr Heinrich Majtr, I.. Wallfischgasse 10. 
Fräulein Marie Majir, I., Walltischgasse 10. 
Herr Franz Afti/sc/irkc, k. k. Sectionsrath. I.. Rienier- 

strasse l :,. 
Ilcri Adolph '.Muulhihr. 1., Wollzeilc 1. 
Herr R. Moycr, Guttenbrunn. 
Herr N. J\fa\tr, Guttenbrunn. 
Fräulein Rosalia J/i/r/vv/i/. per .\dr. Minca Ried. W .. 

Hauptstrasse 8. 
krau.!//«"/', Professorin, 111.. Haupt Strasse 88, 2. Stock. 
Fräulein Stephanie Nauluiiiier, I.. Wallnerstrasse '1. 
(I'"ortsetzung folgt.) 

Goethe -Archiv und Goethe - Gesell- 
schaft. 

.Vii> einem Briefe Prof. Kr. Schmiilt- .i\\ den )lcrausgcbfr. 
■> I>as papierne Reich, in dem noch Ent- 
deckungen, wie die des NereTdenchors aus dem spätem 
Prometheus geglückt sind, hat aus dem Goethe-Haus 
einen beträchtlichen Zuwachs eihalten: ausser Bündeln 
xon Rechnungen über Goethes Radereisen und Rech- 
nungsbüchern von seinen Eltern (so über den berühmten 
l'mbau des Frankfurter Hauses) eine grosse Reihe 
wirrer Convolute, enthaltend Rriefconcepte, Acten, 
Naturwissenschaftliches, dictirte Recensionen u. dgl., 
Sprüche in Versen und Prosa. Lvrica [dnrunlir ei)i ganz 
iinlifki.iiuil<s 'J'hiatngeththt : Abschied in Stanzen), 
grössere Fragmente der : Wanderjahre ■, der >No- 
velle<, des letzten Theiles von »Dichtung und Wahr- 
heit« und eine FUUe von Skizzen zum zweiten Theil 
des »Faust,« Das Wichtigste sind fünf Notizbücher 
von 1790 fi mit Bemerkungen über die Reise nach 
Venedig, botanischen .Studien, den ersten Nieder- 
schritten der Venezianischen Epigramme und Opern- 
entwürfen, besonders zu der Zauberflöte zweiterTheil. 
Die erste Durchsicht hat die FVau Grossherzogin 

») l!pilr;us-.\nmcldungcn wcrdcu in der Kanzlei dc> Wissrnsrh. 
Clubs ft., F.sehcnb.irhfrasse o) entfjegengenommen. 



selbst besorgt. — \'on der Goethe-Ausgabe sollen im 
Sommer 1 887 erscheinen : 2 Bände Gedichte (von 
Loeper), i Band Briefe bis 7. November 1773, 
manches Neue enthaltend, /.. B. drei Advocatursbriefe 
Goethes, besorgt von Biedermann und Erich Schmidt, 
I Band Tagebücher (neu: Schweiz 1773, Schweiz 
1 770). herausgegeben von Burkhard! und Er. Schmidt. 
Die von Keil 1873 publicirte .Abschritt Kräuters ist 
lückenhaft und sehr flüchtig; /.. B. entpuppt sich der 
räthselhal'te «-verschwundene Oelgist «als -verschwun- 
dene Alceste« ! .Auch der »Westöstl. Divan ; (Burdach) 
und die »Noten und .Abhandlungen« dazu (Sachau) 
werden wol nächstes .lahr erscheinen. Die Mitglieder 
der Goethe-Gesellschaft sollen sich bekanntlich eines 
Vorzugspreises erfreuen. .Alles .Merkantile ist vor 
Kurzem in einer Conferenz zwischen der Iran (iross- 
herzogin, Herrn Böhlau. Herrn von Loeper mit jnir 
berathen worden. — — 

\\'<inun\ !■;. /),,. iWli. 



Ein Goethe-Bildniss. 

In einem seltsamen Buche: Dir /,, /:.A <;«.v .1//- 
7, •füllt!/: Erinnerungen und Dichtungen von Cur/ 
SonJi/i/iiiiisY/i (Weimar, Iloflmchdruckerei 1839) 
finden wir S. 70 folgende Mittheilung: ..Goi//u und 
die heilige Ciitilie. " » Goethe doch gemalt I « iriumphirte 
mein Freund und Gevatter, Professor Griinler. »Das 
hat .Mühe gekostet! t^r wollte nicht. F"r hatte es satt. 
Zu viele hatten gewollt, dass er wollte und es war zu 
fürchten, dass noch Mehre ilui plagen würden. .An 
manchem jener .Abende, die zur Bilderschau bei ihm 
einluden, hatte ich unermüdlich mein Gesuch erneuert. 
Imsonst! Da wurde meine lieilige Ciieilie ausgestellt. 
Auch er wünschte das Bild zu sehen. Halt! dacht' 
ich, da ist noch Hollhung. Durch N'ermittlung seinem 
Sohnes kam es in sein (iartenhaus. Dahin ging ich 
zum letzten N'ersuch. Wieder kein .Anschein des Ge- 
lingens. Die Hände auf dem Rücken gekreuzt ging er , 
schweigend auf und ab und wai'f nur von Zeit zu ] 
Zeit einen Blick darauf. Den Stuhl hielt ich gleich- . 
wol zum Sitzen bereit, wie derX'ogelsteller die Falle. 
Flndlich ging er hinein, unter einer Bedingung: Nie- 
mand sollte es wissen. Er sass, die Betrachtung selbst, 
wie ich ihn gemalt, die rechte Hand auf einem Papier 
ruhend, der linken gab ich Schillers Schädel.« 

»Eine Copie davon erhielt ich als liebes (ie 
schenk. <- 

Soviel von der .Mittheilung Sondershausens. 

Von dem .Maler Ehregott Grünler aus Zeulen- 
roda (geb. 1797, t 1881) ist unter .Anderm bekannt, 
dass sich von ihm Grossherzog Carl August und die 
Prinzessin .•l;/.i?'//.f/(7 (als Braut), jetzt Deutsche Kaiserin 
1828 malen Hessen. \'on ihm ist ein Bildniss der 
Schauspielerin Jagemann - Heigendorf , sowie auch 
uniQT Karl 7'on Laroche, bei dem es der Unterzeichnete 
hier in Wien gesehn. Auch Bildnisse Thorwaldsens, 
Mal/liissons und Hnmmels von der Hand Grünlers 



( hronik Je? Wiener Goethe -Vereins. 



sind bekannt. — Zariick, besuchte den greisen Maler 
noch 1879 und ihm danken wir wichtige .Mitthei- 
lungen über die Entstehung der CJoctlie - Bildnisse 
Grünlers, die auch bei Rollett Cioethe - Bildnisse < 
S. 248 und 250 wiedergegeben sind. Indem wir im 
Alicemeinen auf das Werk Rolletts hinweisen. be- 



Goethe noch freundlich herbeigelassen, zu jeder dieser 
Ausführungen je einmal zu sitzen. L'eber diese 
Sitzungen machte nun Grünler, wie Zarncke schreibt, 
die > mit schalkhaft wol wollender Miene« vorge- 
tragene (kostbare I) Bemerkung: Wenn Goethe sich 
zum t'orträtiren hinsetzte, so that er das nicht in 




schränken wir uns nur auf dasjenige, was in Bezug 
auf das Bild zu wissen nothwendig ist, das wir in 
dieser Nummer unserer Chronik bekannt zu machen 
in der Lage sind. — Grünler hat, als damals (1828) 
Goethe sich herbeiliess. zu sitzen, nur den Kopf 
Goethes schnell aufs Papier hingeworfen und hier- 
nach zwei Oelsemälde aneefangen. Nun hat sich 



einer gewöhnlichen einfachen Welse, sondern er 
rollte seine grossen Augen auf die Seite, denn er 
wusste, was er an diesen hatte, und er wollte sie auch 
gerne zur Geltung kommen lassen.» 

Nach jenen zwei .\usführungen hat nun Grünler 
Goethe, wie er sagte, »mehr als einmal mit und ohne 
Schädel ijemalt und er betrachtete diese seine Nach- 



^4 



I hronik des Wieuer Goethe-Vi 



hildun(;tn alle als Original. Solche Oiii;inalc mögen 
nun wol noch vier bis fünf vorhamlen sein. 

Sie sind untereinander sehr verschieden, auch 
abgesehen von der leidigen Zuthat des Schädels. Be- 
sonders scheinen zwei Darstellungen dadurch ver- 
schieden, dass die eine den Dichter im Schlalrock, 
die andere im SalonrocU gibt. .-\ut' unserem Hilde 
scheint der Dichter einen ähnlichen Rock zu tragen, 
wie der, den ihm Laroche bekanntlich aus Leipzig 
besorgte, als Stieler ihn, ebenfalls 1828, malen sollte. 

Das Stielersche Biklniss dürt'te auT das unsrige 
von Kinlluss gewesen sein. 

Dieses unser Bild ist nun dasselbe, \ on dem es 
in RollettsVVerk S. 24!) heisst: es sei auf der Statlelei 
verunglückt, herabgefallen und durch den Fall auf 
eine Stuhllehne zerrissen. Es kam durch einen Sohn 
(jrünlers, der Beamter war bei derWiener Bodencredit- 
.\nstalt, nach Wien. Derselbe starb vor einem Jahre 
und Hess den erwähnten Riss restauriren. so dass er 
nun kaum wahrzunehmen ist. 

Dieses BilJnissGoethes ist wol von allen Grünler- 
schen das beste. Der .Ausdruck bei den .\ndern hat 
etwas theatralisch-himmelndes und ist dadurch bei 
•Tosser Aehnlichkeit doch ganz ungoethisch. Nur in 
diesem Bilde trelien wir den .\usdruck von Humor, 
wie wir ihn üoethe wol zutrauen und, wenn auch 
nicht in allen Details befriedigend, so erhalten wir 
von dem lebensgrossen Bild, das auch kräftig in der 
Farbe ist, einen frischen grossen Eindruck. — Die 
ietzige Besitzerin ist die Witwe Frau Selma Grimler. 
die Schwiegertochter des Malers, jetzt in Währing bei 
Wien (Annagasse 14). Sie wünscht das Bild zu ver- 
kaufen. 

Der seltsame Einfall (irünlers. dem Dichter 
Schillers Schädel in die Hand zu geben, den er in 
mehreren Bildern festhält, könnte auf die Vermuthung 
führen, dass das Bild schon 1826 entstanden sei. Be- 
kanntlich war es im März 1826, dass Bürgermeister 
Karl Leberecht Schwabe den Schädel Schillers in 
dem Kassengewölbe des Jacobskirchhofs herausfand 
(dessen Echtheit noch immer Zweifeln begegnet). Der 
Schädel wurde auch Goethe zur Begutachtung vor- 
gelegt und veranlasste ihn zu dem Gedicht: Bei Bc- 
Iraihtiing von Schillers Schiidel, das er ztiiii ij. Sf/>- 
A7«fcr;<Vi'6"datirte. Den 17. September wurde nämlich 
der Schädel Schillers in das hohe Piedestal der 
Schillerbüste auf dei iibliothek mit einer Feierlich- 
keit deponirt, bei der die Söhne der Dioscuren Ernst 
von Schiller und August von Goethe Reden hielten, 
die in Schwabes Beschreibung von Srluihrs Bcrnli- 
,i;i/!ig (Leipzig, F. .\. Brockhaus 1852) S. 91, 03 ab- 
druckt sind. — Da nun aber Grünler selbst angab, 
dass er erst im Frühjahre 1828 nach Weimar kam 
und in diesem und im folgenden Jahre seine Goethe- 
Bildnisse ausführte, so lässt sich diese \'ermuthung. 
.so lange wir nicht Genaueres dafür aulTjringen können. 



Vertag <lc< Wiener Goethe -Vereins, 
den Buchhandel 



nicht festhalten. Grünlcr dachte mit der Zugabe ollen- 
bar seiner Darstellung den Eindruck erhabener Stim- 
mung zu verleihen, die, einer solchen angemessen, in 
(joethes (jcsichtsausdruck sich aussprechen .sollte. 

Die Bestrebungen nach Erhabenheit im .^u^- 
druck sind auch an allen mir bekannten Goethe- 
Bildern (jrünlers wahrzunehmen, nur in dem gegen- 
wärtigen nicht und es steht der humoristische, wol 
von dem lufer des .Malers heiTorgerufene Ausdruck 
dieses Bildes zu dem Pathos der Zugabe des Todten- 
schädels ganz auffallend in Widerspruch, so dass 
man in ihm eine gegen die Intention des Künstlers 
durchschlagende Wahrheit des Originals erkennen 
möchte. — Es wäre zu wünschen, dass das werth- 
\olle Bild an würdigem Ort seine bleibende Stätte 
linden möchte. SrhiHcr. 

Goethe-Notizen. 

Zum Clavigo. (Joethe selbst gibt an, dsiss ci 
den Schluss des (Jlavigo einem Volksliede verdanke, 
und zwar meint er: einem englischen. .Man kennt bis 
jetzt blos ein deutsches Volkslied, welches l'eberein- 
stimmung bietet: Das »Lied vom Herrn und der 
Magd«, welches Goethe im Elsass für Herder aufge- 
zeichnet hat und in welchem der Geliebte dem Todten- 
gräber mit dem Sarge der Geliebten begegnet und 
sich selbst das Messer in das Herz sticht. .Aber Cla- 
vigo tödtet sich nicht selbst, sondern wird über der 
Leiche der Geliebten von ihrem Bruder getödtet. 
Das ist dieselbe Situation, wie im Hamlet, wo Laertes 
und Hamlet, der Bruder und der Geliebte, über dem 
Leichnam der Ophelia mit einander ringen. Die .Art, 
wie Clavigo hervortritt und den ehrwürdigen Zug 
zum Halten zwingt, erinnert genau an Hamlet. Clavigo 
ruft dem Buento, der ihn aufhalten will, zu: ;>Lasst! 
macht mich nicht rasend I Die I'nglücklichen sind 
gfßihrlif/i!« Hamlet dem Laertes: »Ich bitt Dich, 
lass die Hand von meiner Gurgel: denn ob ich schon 
nicht jäh und heftig bin, so ist lioch was Gefährlichry 
in mir, das ich zu schaun Dir rathe!« Minor. 

Sassafras. Der Doctor Sassafras, dessen Goethe 
in zwei Briefen aus Frankfurt (der junge Goethe l, 
26, 43) gedenkt und über welchen auch Schmidt 
(Jahrl)uch i , 377 und Zeitschrift für deutsches Alter- 
thum 25, 234 ff) ausführlich gehandelt hat, kommt 
auch in Wielands »Neuem Amadis« vor. Dort heisst 
es im zweiten Band der ersten .Ausgabe (Leipzig 1771) 
S. 21 1 : 

„Inzwischen .... 

Befand sich Lu/.inde, durch Amors Trug und List 
In einem fieberischen Stande, den wir der Stolzen ^'iinnen ! 
Wenn jede Krankheit, wie Doctor Sas.safras meynl, 
Benamset werden müsste; so scheint. 

Wir könnten die Irige wol nicht anders als — Liebe nennen.' 

— Vertrieb für 



— Druckerei des „lllustrirten Wiener Extrablatts" (B. A. Ihm). 
K. k. Hof- und l_T„iver.sitäts-Bnchhan.llnn.i; .Mfred Holder. 



r>pr Preis eines Jahrgangs für Niclit- 
milgli.-der ist 2 fl. (4 M.) ; für Mit- 
Küeder i fl. (2 M.). -Mitglieder, die 
.inen Jahresbeitrag von 5 fl. zahlen, 
erhalten das Kl,att unentgeltlich, llie 
Chronik erscheint nm die Mitte jedes 
Monats. Man abonnirt iml.oeale des 
Wissenschaftlichen Clubs jEschen- 
harhgasse) und in allen Huchband- 
luniren. 



CHRONIK 



Im Auftrage des Wiener Coethe- 
Vereins Herausgeber und verant- 
wortlicher Rcdacteur: 
A', J. SchrSer. 
Die Redaction bildet der Ohinann- 
.Stellvertreter fSchröer) mit den 
Schriftführern (Egger - Molhu.il,/, 

Kar.'fri, 

Beiträge sind an den Herausgeber 

zu senden. 



WIENER GOETHE-VEREINS. 



Nr. 5. 



Wien, Dienstag, den 15. Februar 1887. 



2. Jahrgang. 



INHALT: Ocffentlichc Vorträge. — Am 
itU«. — Ein Brießein Goetllts nti Lrtis, mitget. 



III Wiener Coetlie- Verein. —Goethe-Abend. — Neue Mitglieder,— Denkinal/omh. — Caetlie ii 
I K.lVeinhoU. — Steiners Erkenntnisstkearie der Coetluschcn Weltanschauung, — DifickfehUr 



Oeffentliche Vorträge zum Besten des Goethe-Denkmals. 

Der Goethe- Verein veranstaltet im Monat März drei Vorträge, die von den Herren Professoren 
L. Geiger aus Berlin, W. Oncken aus Giessen und L. Büchner [aus Darmstadt gehalten werden. — Alles 
Nähere wird durch Maueranschläge und durch die Tagesblätter bekannt gegeben. 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

In der Ausschusssitzimg am i g. Jänner 1 887 
waren anwesend: Se. Excell. Dr. v. S/remayr als Vor- 
sitzender; Egger- jWilhcald und Karrcr als Schrift- 
führer; Rosenihal, Aliiwr, Moraifi/z, A'ordmami. 

Im Namen des Denkmalcomitcs berichtet Kavier, 
dass der Wiener Maniiergesangverciu für 6 Jahre einen 
Beitrag von 25 f[. für den Denkmalfond zugesagt habe. 

Das Vortragscomile .stellt den nächsten Goethe- 
Abend für die zweite Hälfte Februar in Aussicht. Für 
denselben verspricht Prof. Dr. /. Minor einen Vor- 
trag über »Goethes (reschwister und die Anfänge 
von Wilhelm Meister». . 

An der Sitzung des Ai/ssr/ii/sses am 30. Jänner 
1887 nahmen Theil: Se. Exe. Dr. r. S/remayr als 
Vorsitzender, .SV/;r(/V;- als Obmann -Stellvertreter, die 
Schriftführer Egger-JfV/ica/d und Karrer, Cassier 
Ro.\en/lhil und die Herren : Blume, Kola/schek, Mora- 
rri/s, von Spiegl, von Umlauff-Frankwell. 

Es wird beschlossen, künftig alle Nachrichten 
ül)er Vereinsangelegenheiten durch die Chronik an 
die Mitglieder gelangen zu lassen , um die nicht 
unbedeutenden Kosten der Postkarten zu ersparen. 

Aus einem Schreiben des Postmeisters Geitler 
auf dem Brenner ist zu entnehmen, dass er bereits im 
Sommer 1886 auf Anregung des Herrn Dr. Moriz 
Piffl aus Wien zur Erinnerung an Goethes Aufent- 
halt in seinem Hause 1786 eine Gedenktafel habe 
anbringen lassen. 

Herr Preisinger in Manchester meldet seinen 
Beitritt zum Wiener Goethe-Verein an und ersucht um 
ein Exemplar der Chronik für die Goethe-Society 
und die Schiller-Society in Manchester. 

In der /aiires7'er.<;ammlung Am 30. Jänner 1887 
führte Se. Excellenz Präsident Dr. v. Stre?navr den 
Vorsitz. 

Der Jahresbericht des Schriftführers, sowie der 
Rechenschaftsbericht des Cassiers wurden genehmigt. 



: Beide werden den Mitgliedern bei Gelegenheit der 
j Einhebung der Jahresbeiträge eingehändigt werden. — 
I Die Zahl der Mitglieder ist im Laufe des Jahres von 
; 504 auf 680 gestiegen. — Der Denkmalfonds ist durch 
neue Beiträge auf 16.572 fl. angewachsen. — Die 
1 »Chronik« hat dem Vereine neue Freunde in weitesten 
Kreisen gewonnen. 

Der bisherige Ausschuss wurde durch .Accla- 
mation wieder gewählt. 

Die von Egger-i\Ii)ll'ivalJ eingeleitete X'erhand- 
lung über den geeignetsten P/a/z fiir ein (loetiie- 
Denkmal in Wien, an welcher Kolatselick. Moiawi/z, 
Karrer, ScJiröer und rvv/ Spiegl theilnahmen, ergab 
die Thatsache, dass vorläufig keiner zu finden sei. Es 
wurden der Goethe-Platz in Ottakring, der Börsenplatz, 
der Rathhauspark, der Platz am neuen Burgtheatcr, 
der Raum vor demXheseustempel genannt, selbst der 
Schillerplatz in Berechnung gezogen. Kniatsehek wies 
auf die neuen Plätze hin, welche durch die Wien- 
Regulirung entstehn werden. Schliesslich empfahl 
man dem Denkmalcomite die Frage in ernste Erwägung 
zu ziehen. 

Die Professoren Dr. BeniJ und Dr. Langlians, 
welche dieVereinsrechnungen für 1 88ö geprüft halten, 
übernahmen dieses Geschäft auf Wunsch der Ver- 
sammlung auch für das Jahr 1887. 

„Goethes Heimstätte- , zwanzig photogra^hische 
Ansichten aus dem Goethe-Hause in Weimar, aufge- 
nommen vom Hof-Photographen Louis Held, waren 
ausgestellt und erregten allgemeines Interesse. 



Goethe-Abend. 

Für den 18. Februar I. J., 7 Uhr Abends, sind die 
Mitglieder des Vereins freundlichst geladen, zu einem 
Vortrag Prof. J. Minors: Ueher Goethes „Geschivister" 
und die Anfänge des „ Willielm Meister- , gehalten im 
Festsaale des Architekten- und Ingenieur -Vereins. 



( lnDiiik ile> W'ic-rier (icjctlie-\ ercii 



llol'schauspicier //dlldisfiiii hat freundlichst zuge- | 

sagt, dem N'ortragc die t^cclamation einer (iocthcschen 
llichtung loliicn zu lassen. 

Neue Mitglieder seit 1886.*) 

I lorl-tt/.un;,'.) 

Herr (Kavaliere di Ihiz'^oiii, k. V. Consul. IX., Scliwarz- 

■spanier.strassc 22. 
Se. I^xcelicnz (jeheimrath l-'reih. ••011 Jiezttity. 
Frilulein Marie Binkluinl, 111., Rei.sner.slra.sse 3. 
Herr I'ritz Jliiikluinl, III., Reisnerstrasse 5. 
Iraii Angela Kdlc i'oii ■ Diilczyuski , Haiirallisgattin, 

Wahring, Wiencrstra.s.se 58. 
l-räuleiii Irma l'Alle ran DiiUzviiski, WähriuL;. W'iener- 

strasse 5S. 
Herr Alexander Kifiiritr, \ .. Ilundsthurmerstr. lo^ 
Herr Hugo U. v. lüifalik, k. k. Regierungsrath und 

Secrctär Ihrer .Majestät der Kaiserin (Hofliurg). 
Herr Friedrich F, l,lu/„ink, IL, Kaiser .loseph-.Strasse 

Nr. 42, 

l'ldltstt/.uiii,' liil^'t.) 

Beiträge für den Denkmalfonds im Jahre 1887. 

nie Herren J:7/xs,/i und SV/i/nss ... II. 20. — 

Herr .Arthur (iral' yi>/,:(7//'<v;;' 10. — 

.lahresheiträge : 
Der Wiener Miinnerge.sangverein . . . H. 25. — 

.Sehlarallia 25. — 

/,'. A'.. Cas.sier. 

Goethe in Italien. 

.\iiv ilfin \(.Hr,i,L; im (■n>ttbt-\>i ein. 7. j.inner iNX;. 
funer tVeundliehen .Vnregung Folge leistend, 
ver.siiehte der N'ortragende (ioethes italienische Reise 
zum (iedächtniss dieses ein ,lahrhundert zurücklie- 
genden lü'eignisses zu hesprechen. Kv musste sich 
zu seinem N'orhahen den Gesichtspunkt sehr genau 
hestinimen. Her sachlichen (ioethe-Forschung ferne- 
stehend, l.dnnle er nicht tlaran denl;en. das Persön- 
liche imd (ieschichthche 111 ^\cn \ ordergrund /u 
rücken, \^>m .Standpunkte .(i//iix Faches, der kunst- 
geschichtlichen l'orschung. hätte sich zwar in der 
P.esprechung des (jegenstandes ein fast noch iniaul- 
geschlossenes (iehiet er<>lhiet, jedoch es ist nicht 
statthaft, in dem engen Rahmen eines N'ortrages jene 
Fülle \()n I ntersuchiuigen zu entwickeln, welche 
nöthig wäre, um die F>e/ieluingen des Hichters /u 
Kunstwerken und Künstlern in Italien in ein helleres 
Ficht zu rücken, als es bisher der lall war. woran es 
an .Material freilich nicht mangelte. 

Her N'ortrag behandelte das Thema von einem 
actuell-interessanten (iesichtspunkte. Kv beleuchtete 
(ioethes l.äutenmg un^\ \eredhmg durch ilen italie- 
nischen .\ufenthalt \on der .SeUe d^'i- l-iage. wie sich 
diese grosse, für (ioethes Würdigung so hochwichtige 
Hegellenheil ausnimmt gegenüber i.\i:y heute immer 

■ 1 llciuiu- AnniHiliingcn wor.lfn in .li-r K:in/.lri ,l<-s Wissc-iisrli. 
niil.» J.. IC>, h>nl..ulii-:i»s.- c)l ciUKCiirnj;eni.minpn. 



bemerkbareren Abwendung der /eitbildung vom Ideal 
der Antike. Kr schilderte die .Mission, welche die 
classische Bildung seit der Renaissance erfüllte, die 
.Mission einer Krziehung zum reinen .Menschenthum: 
wie (ioethe ohne Flineinlehen in die Welt des Südens 
dieser Weihe, dieses .Adels nicht theilhaftig werden 
konnte, wie ihn diese Berührung von den engen 
nordischen Zuständen befreite und heilte, wie ihm 
die italienische Reise viel weniger wegen der spe- 
ciellen Kenntnisse wichtig werden musste. die der 
dortige .\ufenthalt jedem Wissbegierigen spendet, als 
wegen der vollendenden Weihe im Sinne des 
Humanismus, welche nur der Süden zu verleihen 
vermag. Im dies ins rechte Licht zu stellen, wurde 
eine Charakterisirung der modernen realen Bildung 
vorausgeschickt mit ihren nüchternen, sowol dem 
idealen Ziele als der historischen Tradition abge- 
kehrten Wesen. Auch das Bild des modernen Italiens 
wurde entrollt, welches immer mehr entnationalisirt 
und prosaisch, dem (joetheschcn Italien so wenig 
entspricht, und gezeigt, dass der echt moderne 
Mensch die hohe Kraft, die Bedeutung der italieni- 
schen Reise für den deutschen Dichter nach den \er- 
hältnissen der Gegenwart allerdings nur schwer be- 
greifen mag. 

Italien lehrte den bisher verworren strebenden 
nordischen Dichter die Kunst, schön zu leben und 
seinen poetischen (iestalten theilte sich eine classi- 
sche Würde mit, die ihnen mn eräusserlich inne- 
wohnt, selbst wenn ihr äusseres Gepräge ein viel- 
mehr romantisches, ja. ein sentimentales ist. Italien 
hat Goethe nicht seinem Volke geraubt, aber es hat 
aus einem nationalen ihn zu einem Dichter der 
.Menschheit gemacht. — Der Vortrag ging ein aufseine 
.Sehnsucht, in den bildenden Künsten etwas zu leisten 
und legte die ungenügende Befähigung Goethes in 
dieser Beziehung dar, aber er suchte nachzuweisen, 
dass die begeisterte Beschäftigung mit den bildenden 
Künsten dem Dichter zu Gute kam. als ein geistiger 
.Stoifwechsel, indem was das -Auge plastisch schaute, 
des Dichters Mund in köstlicher Klarheit wiedei'zu- 
geben verstand. Goethe war in Italien sein eigener 
grosser Führer, denn die ihn umgebende deutsche 
Künstlerschaft gehörte zu den diis minorum und hat 
auf seine Irtheile und .Xnschauungen im Funzelnen 
nur verkleinernd und schädigend eingewirkt. Kv sah 
im (jrossen viel richtiger in der Kunst als sie, lügte 
sich aber oft ganz unnöthig ihrem engherzigen 1-acli- 
standpunkt, der ihm imponirtc, da er selber in der- 
bildenden Kunst übers Dilettiren nicht hinaus kam. 

.\n einer Reihe \on Proben und Beispielen 
ethischer, religiöser und poetischer Natur wurde ge- 
wiesen, wie .Antike und Süden ihre heilige .Macht an 
dem grossen Dichter im humanisirendcn Sinne ülHen. 
.Als Gipfel dieser \'ollendung betrachtete Hg die, 
wenn auch später entstandenen so doch aus der Luft 
der .Antike und auf dem Boden Italiens allein möglich 
iiewordenen römischen l'.leüien. w eichen nun eine ein- 



( lironik üf- Wiener (ii>fthe-\'creini 



lachende Würdigung zu '1 heil wurde. Des Dichters 
mit seinen classischen Idealen congeniale Artung er- 
kannte der Vortragende mit folgenden Worten : 
>>Wenn unsere üelehrten sagen, dass wir am Aether 
einen Stern erblicken können, der längst nicht mehr 
dort oben wandelt, weil das Licht so unendlich lange 
braucht, bis es zu unserm Auge dringt, so könnte 
man Goethe damit vergleichen als einen goldenen 
Strahl, der vom Himmel des langst vergangenen 
Griechenthums so spät erst auf die dunkle Krde 
gefallen". 

Ein Brieflein Goethes an Lenz. 

\'on den Briefen Goethes an .1. .M. U. [^enz hat 
sich nichts erhalten. Dieselben müssen in den Jahren 
'773 ^'* Anfang 177Ö nicht selten gewesen sein und 
würden, falls man sie noch hätte, über die lenzischen 
Schriften der Zeit, an denen Goethe Interesse nahm, 
sowie über das damalige warme X'erhältniss der 
beiden »tollen I'Jichterherzen :. des .Anziehenden ge- 
nug bieten. 

Als geringen Rest des briellichen X'erkehrs ver- 
öfl'entliche ich hier ein Billet, das Goethe im ,luli 
1776 an den Waldbruder in Herka geschrieben hat. 

Den 27. Juni hatte Lenz, gedrückt und gepresst 
von seinen äusseren Umständen in Weimar, in der 
Seele und im Leibe ungesund, weidlich von s-einen 
Genossen geschoren, weil er fortwährend dumme 
Streiche machte, sich plötzlich nach dem stillen 
nahen Berka geflüchtet. Er schrieb an tjoethe nur 
einen Zettjl: »Ich geh aufs Land, weil ich bey Euch 
nichts thun kann.:, und Goethe antwortete lakonisch: 
■»Lenz, Du dauerst mich.v 

Die wenigen Worte thaten dem armen wunden 
Burschen in dem fremden Orte doch wohl, weil er 
wusste. dass sie >• zuvorkommendes Mitleid» aus- 
drückten. Dieses Mitleid, die theilnehmendste Für- 
sorge hat ihm denn Goethe auch in den Berka"schen 
.Monaten reichlich bethätigt, bis Lenz durch seine 
Lselei, die an Goethes Innerstem riss und ihm tiefste 
Verwirrung brachte, für immer den Freund einbüs.ste, 
der ihn bis da über dem Wasser gehalten hatte. 

Lenz war aus Weimar so eilig gegangen, dass er 
nur hatte was er am Leibe trug, l'nd doch wollte er, 
der den Plan, Thüringen ganz zu verlassen, aus Ent- 
schlusslosiskeit und weil er nirgends bessere Aus- 
sichten sah, mit der Flucht in erenium, um Wielands 
Worte zu brauchen, vertauscht, draussen viel und 
lange arbeiten, seine dramatischen Entwürfe aus- 
führen und halb fertiges vollenden, dabei seine mili- 
tärischen und volkswirtschaftlichen Studien fördern. 
.Auch seine (Gesundheit sollte in der Waldluft sich 
stärken. Er brauchte Kleider, Wäsche, (ield, Bücher 
und Medicin, und alles übertrug er (joethen zur Be- 
sorgung. \'or mir liegt ein als Brief gefalteter Folio- 
bogen, den Lenz in den ersten BerkaerTagen »Herrn 
(jeli. Leg. - Rath (Joetlie . durch die Botenfrau ye- 



schickt hat, der nichts weiter als ein Verzeichniss 
der Sachen enthält, die Lenz hinaus geschickt und in 
Weimar liesorgt wünschte, alles Goethen ohne Lm- 
schweif und Höflichkeit zur Besorgung übertragend. 
bis auf den Kamm und das Rasirmesser, das er brauche, 
um sich nicht vor sich selbst zu fürchten. Philipp 
Seidel hat Bleistiftvermerke dazu gemacht, der auf 
Goethes Befehl das gewünschte ausführte, und an 
den sich Lenz dann wiederholt als seinen Geschäfts- 
träger gewandt hat. Auf ein kleines Papierschnitzel, 
wie Lenz sie gern zu allerlei Vermerken benutzte, 
kritzelte er bald nach .Absendung des Foliobriefes ; 
■»Goethen sagen lassen durch Philipp, er soll doch 
überlev Geld etwas schicken für Wirth im Gasthof 
und Wirthin X. Zur selben Zeit etwa schickte er ein 
Par in Berka gemachte Zeichnungen an (ioethe. Da 
schrieb dieser nun auf ein Queroctavblatt folgende 
undatirte Zeilen als Antwort auf die verschiedenen 
lenzischen lungänge : 

Hier ist der Guibert, die andern Bücher 
sind nicht zu haben. 

Da ist eine Louisd'or. 

Deine Zeichnungen sind brav, fahre nur 

fort wie Du kannst. 

Leb wohl und arbeite Dich aus, wie Du 
kannst und magst. (!. 

-Aus den Briefen Rothens an Herz in dem lenzi- 
schen Briefroman »Der Waldbruder;, worin be- 
kanntlich Lenz sich als Herz, Goethen als Hothe 
giebt, lassen sich einzelne Sätze als Fragniente wirk- 
licher IVicfe Goethes herausheben.*) .So die Worte 
ini .Anfang des siebenten Briefes des ersten Theils : 

»Du bist einmal zum Narren geboren und 
wenigstens hast Du doch so viel \'erstand, es mit 
einer guten Art zu seyn ■ . 

Ferner im selben Theil im neunten Briefe die 
Sätze : 

».Alle Deine Klagen und Leiden und Possen 
helfen Dir bev uns zu nichts. Wir Deine wahren 
Freunde und Freundinnen lachen darüber. Du thätest 
also besser wenn IHi mir nicht mehr schriebest. Ich 
komme nicht zu Dir. Aber ich erwarte Dich bey mir, 
wenn I)u mich wieder einmal zu sehen Lust hast -. 

Trotzdem hat Goethe in seiner rein mensch- 
lichen Güte den armen Einsiedler mehrmals besucht. 
In seinem Tagebuche aus den Jahren 1771) — 1782 
(Mitgetheilt von R. Keil, Leipzig 1875) lesen wir: 

»I77(). Juli 17. Conseil. Im (jarten gegessen. 
.\bends nach Berka. Lenz Einsamkeit. Schweigen. 

September d. 5. Früh ti weg von Kranichteld 
bis l.erka mit Lenz zu Fusse. Nachts in Berka blieben. , 

Lenzische Besuche in Weiniar sind ötter ver- 
zeichnet. 

Ein schwerer Ritt war aber der. den Goethe in 
der Frühe des 27. November nach Berka machte, um 
Lenzen wegen der am vorigen Tage begangenen 

i !>.,>. I.;,t «-h,.!! i;ri,li Silimi.li. l..-n/. un.l KHiikt S. 4; v,-r- 



'bronik des Wiener üoelhe- Verein^ 



Kseley vorzunehmen. Was mag da an Lenzens Ohr 
und llcrz gedonnert haben? Al)er er hatte nichts da- 
rauf als einen -dummen Brief«. Sein Schicksal voll- 
zog sich. — 

Hin Wort noch über die Zeichnungen, die (joethe 
in dem obigen Briellein belobt. Durch (joethe und 
die Zeichenlust im Kreise der Herzogin .Amalie ange- 
regt, versuchte sich auch Lenz damals, wie schon 
früher und ebenso noch später, im Zeichnen, ohne 
Schulung und cjhne Talent, wie mir vorliegende 
Proben l)eweisen. Kr schickte von Berka auch an die 
I lofdame Luise von (jöchhauscn mit seinem Danke 
für Unterstützungen der Herzogin Mutter ein Bildchen, 
worauf ilim das Fräulein ein französisches Briefchen 
zugehn Hess, worin es besser gemeint als gesagt heisst: 

* rovez nn)i Monsieur que j'y Suis trts 
sensible et <iu'il y a lonf;tems que je n'ai 
vü une pcinture tant analojjue avec l'Ideal 
(lont nion espril s'occupe souvent d'un I.ieux 
Sombre et doux oü je passerai les moments 
les plus ilclicieux pour mon Coeur. 

Der (iuibert, den Lenz verlangt hatte und den 
.(Joethe ihm schickte, wird des Grafen J. A.H. üuibert 
Kssai generale de tactique gewesen sein, ein be- 
rühmtes Werk. Unter den gewünschten Rüchern be- 
fand sich auch eine Instruction der französischen 
Truppen und eine Kriegsbaukunst. .\uch den »Polyb« 
dürfen wir zur tactischen .-Xbtheilung des Lesevorrats, 
den Lenz wünschte, stellen. 

.Als er Thüringen ein Verwiesener verlassen 
nnisste, konnte er wohl singen : 

\"<>n nun an die Sonne in Trauer, 
Von nun an linster iler Tag, 
Des Himmels 'l'hore verschlossen ! 
Wer Ihut sie wieder zu öftnen. 
Wer thut mir den gottlichen .Schlag ? 
Hier .lusgesperret, verloren. 
Sitzt der Verworfne und weint, 
l'nd kennt im Himmel, auf Erden 
(lehässiger nichts als sich selber, 
Und ist im Himmel, auf Erden 
Sein unversöhnlichster Feind. *) 
Breslau. Ä'. \V,iiih,>hl. 



Goethe-Literatur.**) 

Steiner, Rudolph — : <}rundlinien einer Er- 
kmnliiixs-Thcoiit der Gththeschcn Wellanschauung mit 
besonderer Rücksicht auf Schiller von — . Berlin 
und Stuttgart. W. Spemann 1886. — »Wie das 
Wasser, das durch ein Schifl' verdrängt wird, gleich 
hinter ihm wieder zusammenstürzt, so schliesst sich 
auch der Irrthum, wenn vorzügliche Geister ihn bei 
.Seite gedrängt und sich Platz gemacht haben, hinter 
ihnen sehr geschwind wieder naturgemäss zusammen, c 
Dies bedeutende Wort Goethes aus Dichtung und 



+ ) In einer älteren GesI 
Srhrifton von I.enz III. 249. 

**) Zugesendete Krseheini 
besprochen oder doch namhaft j 



nitsetheilt als 
(Joelhe-I.itera 



Wahrheit (ilL, fünfzehntes Buch) fällt schwer ins 
Gewicht, wenn wir die grossen Intentionen Goethes 
und Schillers ermessen und den Blick werfen auf die 
Zeit nach ihnen. Wo sind sie hingekommen, die 
grossen aesthetischen Tendenzen und Principien. von 
denen die Schriften dieser .Männer erfüllt sind ? die 
grossen .Xnschauungen des Idealismus, die auch auf 
die Wissenschaft, auf Philosophie und Naturforschunii 
so mächtig befruchtend gewirkt? L nsere ganze Bil- 
dung ruht auf unseren Classikern, alle Hauptströ- 
mungen des geistigen Lebens gehen auf sie zurück '. 

Es hat eine neuere Strömung, die sich von 
ihnen losreissen wollte, keine fruchtbare Wirkung 
gehabt, was besonders von der Philosophie gilt, 
insofern sie sich ausserhalb der Anregungen stellte. 
die von jenen ausgehn. Die Meisten möchten ihre 
verschiedenartigsten Anschauungen zwar auf Goethe 
zurückführen. F^s fehlt ihnen nur die Hingebung, von 
ihm auszugehn. Sie sitzen über ihn zu (jericht und 
kommen ihm nicht näher. 

.Angesichts dieser Erscheinung (\on der der Unter- 
zeichnete schon im Vorwort der Steiiierschen .Aus- 
gabe von Goethes naturw. Schriften gehandelt) macht 
die Darstellung des Verfassers einen wolthuenden 
Eindruck, indem er sich in Goethe vertieft und nichts 
anzustreben scheint, als sein Verständniss, nichts sein 
will als sein Schüler und dennoch aus dem Vollen 
menschlicher Erkenntniss schöpft und nicht unbe- 
achtet lüsst, was zu diesem grossen Ganzen in Be- 
ziehung steht. 

Schiller war der Erste und blieb beinah der 
Einzige, der mit grossem Blick die Feinheit von Goethes 
Dichten und Denken erkannt hat: als eine Natur- 
macht. Es war eine Naturmacht, die ihn in der »Dumpf- 
heit « leitete, als das »Dämonische« beherrschte und 
die durch Merck, Schiller, Heinroth nur manchmal 
ihm selbst, bewusst und deutlich, vor .\ugen trat. 

Schillers und Goethes gemeinsames (ieistesleben 
ist der Schlüssel zur Erkenntniss einer Cultur, die 
ihre Schöpfung ist. Von solchen .Anschauungen geht 
derX'erfasser aus; der Raum gebricht uns, darauf 
näher einzugehn. Wir möchten hiermit nur darauf 
hinweisen und die Ueberzeugung hervorrufen, das.< 
das, was der Verfasser geivoUt, schon an und für sich 
verdienstlich ist. N'ielleicht täuschen wir uns nicht, 
wenn wir horten, dass ein Streben, wie das seine, 
einer neuesten Strömung unserer Tage entsprechen 
dürfte, wo man sich zurückzusehnen anfängt nach 
dem uns abhanden gekommenen Geiste jener klas 
sischen Zeit ! Sehr. 

Druckfehler. In Folge eines unliebs.amen Versehens 
ist ibe vorige Ximimer ohne mein Imprimatur in Druck ge- 
kommen und sind denn auch störende Druckfehler stehn ge- 
blieben. Nur die schlimm.sten seien bemerkt: Seite 24a. 
Zeile 18 f lies: Jahir. — Er Hess. .Seite 24b fehlt unter 
der Xotiz Siissa/rns iler Xame des Verfassers Professor 
£>r. y. Min,';: Sr/ir. 



Verlag des Wiener üoethe-Vereins. — Druckerei des „Illustrirten Wiener Extrablatts'' (B. A. Ihm), 
den Buchhandel ; K. k. Hof- und Universil.äts-Buchhandlung Alfred Holder. 



A'ertrieb für 



Der Preis eines Jahrgangs für Nichl- 
mitslieder ist 2 fl. UM); für Mit- 
EÜeder l fl. (3 M.). Alitglieder, die 
einen Jahresbeitrag votc 5 fl. zahlen, 
erhalten das Blatt unentgeltlich. Die 
Chronik erscheint um die Alille iedes 
.Monats. .\ian abonnirt im Lorale des 
Wissenschaftlichen Clubs (Ivschen 
liaihgas^e) und in allen Buchli.nid 



CHRONIK 



Im Auftrage des Wiener Goethe. 
Vereins Her.aiisgeber und ver.inl 
wortlicher Redacteur; 
A'. J. SchrStr. 
Die Redaction bildet der Obmann 
Stellvertreter (Scliroer) mit den 
Schriftführern (Egger -Mollv.il,!. 

Karre»-}. 

Itrilr:i.;je sind an den Herausgeher 

zu senden. 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 6. 



Wien, Dienstag, den 15. März 1887. 



2. Jahrgang. 



INHALT : Aus liem Wiener Goethe-Vereiu. — Die :^r,irz 
.1. V. Littrow. — Literatur: Ein Trauerspiel von J. M. R. Lenz 



( deren Bildniss) ■:u 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

In Jcr .\us.scluiss-Sitzung am 23. Fcliruai' 188^ 
waren anwesend : Obmann - Stellvertreter Schrikr, 
Schriftführer Eggir-Mülhviild und Karier, die Herren 
Rlumc, Kolalschck, Monvivitz, Xordmann, Schipper. 

DerAusschuss constituirte .sich durchW'iederwalil 
der frühern Functionäre un^ Neuwahl Sr. E\cellenz 
de.< Freiherrn von Bezecny zum Obmann-Stellvertreter. 

Der Jaliiishi- rieht im- 188(1 wurde den geehrten 
-Mitgliedern mit der Bitte zuge.sendet, die Vereins- 
heilräge für 1887 gegen Erlagsscheine der Postspar- 
casse beim nächsten Postamte bis 20. März 1887 zu 
erlegen, um sich und dem Vereine Kosten zu ersparen. 

Zugleich werden die .Mitglieder dringend er- 
sucht, auch den Beitrag von i fl. für die ..Chronik" 
zu entrichten, um den l-'ortbestand dieses Vereins- 
(irgaiis zu sichern. 

Der für den 18. Februar 1887 bestimmte Goc/he- 
Alieiid musste wegen Erkrankung der beiden Herren 
Vortragenden, Prof, Dr. Minor und Hofschauspieler 
Hiillen.^lein leider abgesagt werden. 



Die drei öffentlichen Vorträge zum Besten 

des Goethe-Denkmalfonds 
im .Monate .März im Festsaale des Oesterreichischen 
Ingenieur- und Architecten-\'ereines (.Abends- 7 Uhr) 
haben begonnen : Den i o. März mit dem N'ortrage 
des Herrn Professors Dr. Ludwig Geiger aus Berlin : 
»l eher Goethe und die Renaissance«. Der glänzende 
Vortrag wurde mit dem lebhaftesten Beifall von der 
zahlreichen Zuhörerschaft aufgenommen. — Dem- 
selben folgen nun noch am 1 7. März Herr Professor 
W. Onekeii aus Giessen, über: »Deutsche Dichter und 
Denker in der Franzosenzeit« ; am 24. März Herr Pro- 
fessor Ludwig Biiehner aus Darmstadt, über: »Die Stel- 
lung der Frau in Natur und Gesellschaft«, — Preise der 
Plätze: Cerclesitze im Einzelverkauf fl, 3. im . bonne- 
ment für 3 Norlesungen fl. 7; Sperrsitze (i. bis 
I). Reihe) im Einzelverkauf fl, 2, im .Abonnement für 
3 Vorlesungen fl. 5; Sperrsitze (7 bis 15. Reihe) im 
Einzelverkauf fl. 1.50, im Abonnement für 3 Vor- 
lesungen fl. 3.50; Stehplätze und Galerie im Einzel- 
verkauf fl. 1, im .Abonnement für 3 Vorlesungen fl. 2, 



Neue Mitglieder seit 1886.*) 

(Fortsetzmii;.) 

Herr Mor, Bauer, Director des Wiener Beamten- 
vereins, I., Herrengasse. 

Frau Hofräthin von Beyer, VII., Kirchengasse 28, 

Frau Hofräthin von Bisehoß, \.. Weihburggasse q. 

Herr Karl Donhauser, Grünangergasse 7. 

Frau Baronin Dora Dohlho(f, geb. rw/ l.itlrer,c in 
Tribuswinkel bei Baden. 

F'räulein Clara Fehischorek, II., Kaiser-Joseph-Strasse 
Nr. 42. 

F'räuleln Charlotte ~,-on Fidler, VI., Millergasse 15. 

Herr J. N. Fiiehs, Hofopern-Kapellmeister, VII., Maria- 
hilferstrasse 72. 

Frau Baronin von Ga/j/enz-Ä'.fke/e.f, Schottenbastei 1 . 

Frau Rosa Glatlau, Meidling, Theresienbad, 

Frau -■an Goethem de Sl. Agathe, VII., Burggasse 2(j. 

Fräulein Tan Goethem, VII., Burggasse 26. 

Frau Regierungsräthin Heeke, VIII., Lederergasse 8. 

Fräulein Hecke, VIII., Lederergasse 8. 

F'räulein Gabriele Helf, IV., Karolinenplatz 4. 

Fräulein Therese Helf, ebenda. 

Frau Wilhelmine von Höpßingen - Bergendorf, (3tta- 
kring, Veronicagasse 3. 

Hen- .loseph Kareis. k. k. Oberingenieur, Haupt-Tele- 
graphenamt. 

Frau Etelka von A'elilo?'x:ky in Föherczeglak bei Baran- 
yavär in Ungarn. 

F"rau Ellarn« Z(?//^-Z//'//v);r, Weinhaus, Hauptstr. 34. 

Frau .Auguste von IJttroic- Bisctioff. \.. Weihburg- 
gasse 9. 

Frau von Mavthner-Littroiv, III., Lagergasse 6. 

Frau Josephine -•■on Afauth)ier-Marseltall, I., Seilcr- 
stätte 15. 

Herr Doctor .Max Menger, Reichsrats- Abgeordneter. 
NHL, .Auerspergstrasse 19. 

Frau Betty Prager in Gaudenzdorf, Plankengasse 53, 

Fräulein Josephine Prager, Gaudenzdorf, Planken- 
gasse 53, 

FVäuleiu Charlotte Prager, .Meidling, Ruckergasse (J. 

Herr Heinr. Preisingcr in Manchester (England). 
(Fortsetzung folgt.) 



*)Keitritts-Anmeldungen werden in der Kanzle! des Wissensch. 
Clubs il., Esirhenbachgasse 91 entgegengenommen. 



( liiiiiiik lies Wiener Goethe-Vertiii-. 



Erinnerungen an Goethes Familie. 

\<>ii All};u^tl■ v(jii J.illid« -I!i»cli(>fl. 

Alma von Goethe.') 



Kill llcro 



aiit Jic lianc. wohin sein 



gendcn Hinscheiden der .Mutter und der Söhne sich 
aufhielt. 

In der 'l'hat hat Oltilic vim (iocihe, des grossen 
Dichters Schwiegertochter und Gefährtin seiner 
letzten Tage, wenngleich mit l'nterhrcchungcn, nicht 
nur üher ein X'iertcljahrhundert mit den Ihrigen in 



Henkmal gehöre, geantwortet halten: Daliin, wo ich Wien domicilirt. sondern auch der traurige Lmstand, 
zuletzt lehte imd am meisten geehrt worden hin. dass ihre Tochter .1///;.;, (joethes einzige Knkelin. 




l)iesem Ausspruch _gem;iss erscheint es passend, 
ein Wort der Ijinnerung an Goethes l-'amilie zu 
sprechen, wo sie während mehrerer Hecennien und 
bis wenige .lahre vor dem rasch aufeinander t'ol- 



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hier ein frühes Grah fand, lässt ein von hier ausge- 
hendes Anklingen an das (Jedächtniss der Dahinge- 
schiedenen natürlich und folgerichtig erscheinen. 

Da ich Frau von (ioethe erst nach 

.Mmas Tod liennen lernte und selbstverständlich stets 
vermied, das erschütternde Kreigniss zu berühren, 
kam .Manches des hier Berichteten mir nur aus 
dritter Hand von den Freunden und Freundinnen des 
Hauses zu und so hörte ich Almas Namen zuerst von 
den Lippen ihrer .Mutter, als diese einst erzählte. 



I'hriiink iles Wiener linetlie -Vereins 



wie (Jas Kind /u Jeni iVtiiulartii; scliöneii Namen 
gekommen sei. 

Das Gespräch bewegte sich auf Betrachtungen 
über die Misslichkeit historischer Namen für Le- 
bende, und da ich eines in \\'ien wohnenden Christoph 
Cohimhus erwähnte, gedachte üttilie ihres Sohnes 

Wolfi^tiiig (iodltc und wie es gar nicht in ihrer Ab- 
sicht gelegen, einen ihrer Knaben ganz s(j w ie den 
(irossvaterzu nennen, obschon sie zu jener Zeit nicht 
geahnt hätte, wie schwer sie an diesem Namen wür- 
den zu tragen haben, der damals als ein (ilück und 
ein \'orzug betrachtet wurde. 

Im üegentheil«, fuhr sie fort, -weil schon der 
Krste nach seinem Vater August Walther, des letztern 
ganz deutschen Namen und vom ürossvater den 
ebenso deutschen Wolfgang obendrein erhalten hatte, 
wollte ich mir für den Zweiten einen italienischen 
aussuchen und war, ich weiss nicht wodurch, auf 
FliViiiiiiii \erfallen, ein Name, der zu dem lebhaften 
Naturell und den feurigen Augen des Knaben ganz gut 
gepasst haben würde. Allein Papa erhob Einspräche, 
indem er trug, ob denn keiner der Enkel nach ihm 
genannt werden solle und das entschied. Dafür hat 
er selbst mir für die 1 ochter den schönen italieni- 
schen, damals in Deutschland noch wenig bekannten 
Namen gewählt. .Als er das erste Mal herauf kam. sie 
zu sehen, beugte er sich mit auf den Rücken zusam- 
mengehaltenen Händen, wie es seine Art war, zu 
ihrer Wiege hinab und sagte, nachdem er sie lange 
freundlich betrachtet hatte: 

AI Hill .sull s/i htissiii. 

Als diese Enkelin das LLcht der Welt erblickte. 
traten ihre Brüder schon in das i). und i i. Jahr und 
es war nicht leicht, das n erspätete zarte Kind aufzu- 
bringen, das. wie icli einer Schilderung Ottiliens 
entnehmen konnte, von ihr selbst, wie sie sich aus- 
drückte, »aufgefüttert wurde. 

Zur Zeit, da noch mein Mann lebte-, erzählte 
sie. war einmal ein Engländer in Weimar, der viel 
zu uns kam und behauptete — was immer behauptet 
wird — dass .Mütter, die .Antheil an geistigen Dingen 
nähmen, sich ihren Kindern nicht so hingäben wie 
solche, die nur Sinn für sie allein hätten. Vergeblich 
bestritt ich diese Ansicht, die mir schon deshalb un- 
richtig erschien und erscheint, weil eine Frau, die 
Einsicht hat, doch alle Dinge besser anfasst und 
durchführt, als eine die nur dem blinden Instinct 
folgt, welchem man ja sogar bei den Thieren, wenn 
man sie unter besonderen Umständen aufbringen 
will, durch die Vernunft zu Hilfe kommen muss. Nun 
sind aber für uns unter den einmal gegebenen Lebens- 
verhältnissen so viele Umstände zu berücksichtigen, 
dass es ohne die \'ernunft schlechterdings nicht geht. 
— \\'ir stritten hin und her, als auf einmal die .Mittags- 
stunde schlug, die Thür aufging und die Wärterin, 
-Alma auf dem .\rm, das Bieitopfchen in der Hand, 
eintrat, mir das Kind auf den Schoss. K.\cn Lölfel in 



die Hand und das Breitöpt'chen auf den Tisch \<)r 
mich hinschob. Unbefangen und ohne daran zu 
denken, in wiefern hier ein Gewicht in meine Waag- 
schale tiel, Hess ich Gespräch und Streit ruhen und 
schenkte alle Aufmerksamkeit dem Kinde, das ich, 
! wie ichs alle Tage machte, selbst fütterte. .Aber mit 
sprachlosem Erstaunen sah mir der Fremde zu und 
nachdem .Alles vorüber, Wärterin und Kind wieder 
verschwunden waren und er was hier geschehen als 
tägliche Pifichterlüllung erkannt hatte, erklärte er 
sich plötzlich für widerlegt und überwunden: indem 
er jedoch diese N'ereinigung zweier Qualitäten, wie 
ers nannte, der denkenden Frau und der .Mutter, uns 
deutschen Frauen als Eigenthümlichkeit zusprach. 
Und sehen Sie, wies mit solchen Dingen im Leben 
ist und wie unrichtig die Menschen statt ehrlichen 
Worten und Ueberzeugungen zu trauen, auf solche 
Thatsachen pochen! Ich war sehr stolz und freudig 
über diesen Triumph — aber ich verdanke ihn nur 
einem Zufall und zwar einem recht hämischen Zufall. 
Wäre ich, wie ich es gewohnt war, während des Vor- 
mittags hinausgegangen, nach dem Kinde zu sehen, 
hätte der Engländer, und er sagte es mir selbst, ge- 
dacht, die Scene wäre von mir eingeleitet worden. 
Weil ich aber diesen Morgen wirklich eine pflicht- 
vergessene Mutter war, die sitzen blieb, plauderte und 
an ihr Kind vergass — so dass er mit seiner Be- 
hauptung gerade dies Eine .Mal Hecht hatte — kam 
ich zu Ehren Is 

■.\lmä, die beim Tode ihres \aters kaum zwei 
.lahre zählte, wurde für dessen Zärtlichkeit durch die 
Liebe des Grossvaters entschädigt, der die lilühende 
Enkelin zum Liebling erkoren hatte, .leden Tag am 
.Morgen um 8 L-hr, wenn sie mit ihrer bildhübschen, 
wohlgewachsenen Wärterin Josepha die Treppe hinab 
in den Garten und am .Arbeits- und Schlafzimmer 
des »Opapa^ vorüber ging, stattete sie diesem einen 
Besuch ab, ihm den guten Morgen zu bieten und sich 
Bonbons bei ihm abzuholen. Und der alte Herr küsste 
und herzte das rosige Kind, wobei er immer noch 
einen Kuss übrig behielt, den er beim .Abschied dessen 
schöner Begleiterin gab. 

Ungeachtet dieses frischen .\ussehens aber hatte 
.\lma in i-\i:n ersten Lebensjahren \ iel von Krankheiten 
zu leiden. 

>, Das .Aufbringen der Kinder ist mir überhaupt 
nicht leicht geworden- , erzählte einst Frau von 
Goethe, »da sie alle an häutigen Anfällen von Bräune 
litten, so zwar dass Alma solche Krisen ig Male zu 
überstehen hatte.» Dennoch wuchsensie munter empor 
und erhielten den verschiedenartigen, nach den Vor- 
stellungen jener Zeit höchst verschiedenen Unterricht, 
den man Knaben und Mädchen ertheilte. Nur in Musik 
emplingen sie. auf besondern U'unsch ihres dahinge- 
schiedenen Vaters, alle drei gründliche Unterweisung. 
Das junge Mädchen schien jedoch mehr Freude, Lust 
und Liebe zu den bildenden Künsten zu haben und 
warf sich mit besonderem Fleiss auf Zeichnen und 



I hrnuik ck«. Wiener lioethe- Verein'- 



Malen, worin sie eine angenehme Fertigkeit erreichte. 
ja, mehrere der von ihr vorhandenen Porträts sollen 
ihre eigene Arbeit, d. h. Copien von ihrer Hand nach 
Mildern von Künstlern sein. .Sie empling diesen l nter- 
richt im Hause ihrer (irossmutter der \er\vit\veten 
Krau von Pogwisch.gchornen Graiin llenckel-Donners- 
mark, einer hochgebildeten I>ame. die zwar am Hofe 
erschien, dennoch aber in stiller Zuriickgezogenheit 
lebte und bei welcher \lma seit dem 'lodc des Gross- 
vaters die meiste Zeit zubrachte, wie sie denn auch 
beiVerwandten in Frankfurt längeren .\ufenthalt nahm. 
Daher kam es, dass. obgleich die (ioetheschen Kinder 
mit den Prinzen und Prinzessinnen des grossherzog- 
lichen Hauses verkehrten, sich auch oft bei derGros.s- 
mutter mit den jungen Fürstlichkeiten zum Spiele 
zusammenfanden, Alma doch in bescheidenen Ver- 
hältnissen emporblühend, jenen Reiz schlichter .An- 
spruchslosigkeit mit ins Leben brachte, der im Gegen- 
satz zu dem Glanz ihres Namens und ihrer Stellung 
in der Welt wesentlich beitrug den Kindruck ihrer 
Krscheinung noch zu erhöhen. Wurde auch sie gleich 
den Brüdern, wo sie sich zeigten, mit neugieriger 
Theilnahme betrachtet und erregte auch in ihr der 
Gedanke, welche Erwartungen sich an diesen Namen 
knüpften, solche Beklemmung, dass sie. wenn irgend- 
wo unvermutheter Besuch sich einfand, die Hände 
\or den Augen oder die Schürze über den Kopf ge- 
schlagen durchs Zimmer stürzte, so gestalteten sich 
diese Dinge doch bald anders; und als im Laufe der 
.lahre das anmuthige Mädchen in ihr zur Geltung kam. 
hob die natürliche Freude und Genugthuung, die sie 
über die ihr dargebrachten Huldigungen empfand, 
sie über die spröden Bedenken und Erwägungen hin- 
weg, wie viel von diesen Auszeichnungen ihr oder 
ihrem Namen gebühren möchte. 

Von dieser Phase ihrer jungfräulichen Ent- 
wickelung aber war die Schwester noch weit entfernt, 
als in den herangewachsenen Brüdern das Bedürfniss 
nach weiterer Ausbildung erwachte und die Noih- 
wendigkeit. .\kademien und l'niversitäten zu be- 
suchen und die Welt ausserhalb Weimar kennen zu 
lernen, sie bei erreichter .Mündigkeit mit der .Mutter 
in die Fremde trieb, wohin .Alma der Letztern ge- 
horsam, aber mit schwerem Herzen folgte. Ihr kind- 
liches Herz hing an der Heimat, den Gespielen, an 
der grossherzoglichen Familie und nur die Hoffnung 
des Wiedersehens vermochte sie über die Trennung zu 
trösten. Nach kurzem .Aufenthalte in Frankfurt begaben 
sich die jungen .Männer nach Leipzig: Frau von 
Goethe aber schlug K.\^:n Weg nach Wien ein. wo sie 
ihr .Misteigequarticr im Hotel zum römischen Kaiser 
nahm. Die angenehme .Aussicht nach dem schattigen 
Garten des Schottenklosters bewogdie leicht bestimm- 
bare Frau, sich hier heimisch niederzulassen und 
Einrichtungen wurden getro/fen, Lehrer bestellt und 
der zur rbnlirmation erforderliche Contirmations- 
N'orbereitungs-I'nterricht dem Pfarrer der protcstan- 
lisclien (ienieinile A. (.'. Di-, (juncsch anvertraui. 



.Almas bescheidenes Wesen erwarb sich bald die Zu- 
neigung dieses Geistlichen in solchem Maasse, dass 
er die Schülerin in sein Haus zog, wo sie von der 
Familie gastlich aufgenommen, namentlich zur Som- 
merszeit in Dornbach glückliche Tage genoss, durch 
rücksichtsvolle .Aufmerksamkeit imd rührende Ein- 
fachheit sich die allgemeinste Zuneigung erwarb. 

Em Frau von Goethe aber bildete sich sogleich 
ein aus Personen aller Stände bestehender Kreis, 
welcher, wie der Hof.staat einer Fürstin, wenn sie 
nach langer Abwesenheit wieder erschien, sich von 
selbst wieder um sie schloss. Irrthümlich ist jedoch, 
was ein geachteter Schriftsteller*) berichtete, das.s 
sie am kaiserlichen Hofe empfangen, .Alma in aristo- 
kratischen Kreisen gefeiert, ihr Wagen, wenn sie im 
Prater erschien, von Cavalieren zu Pferd um- 
schwärmt worden sei. Es lag weder in Frau von 
Goethes Stellung in Wien eine Berechtigung, noch 
in ihrer Sinnesweise ein^ N'erlangen. derartige An- 
sprüche zu erheben; Alma aber, die sich für die 
Confirmation vorzubereiten hatte, lebte still und ein- 
gezogen, begleitete die Mutter noch nicht in die 
Welt und wurde auch zu Hause nur bei kleinen 
.Abendgesellschaften gesehen, wo sie sich am Thee- 
tisch nützlich machte und den Kuchenteller umher 
reichte, wie Grillparzer in seinem Gedicht .sje schil- 
dert. Später traf auch Frau von Pogwisch mit Fräulein 
ririke, (Ottiliens jüngerer Schwester) in Wien ein. um 
der Contirmation, die (1842) in grösster Stille und 
Zurückgezogenheit gefeiert wurde, anzuwohnen und 
die junge Confirmirte nach Weimar zurück zu be- 
gleiten, wo sie von der Grossmutter bei llof\orgcstellt 
werden sollte. 

Frau und Fräulein von Pogwisch lernten auf 
diese .Art Wien kennen und lieben: sie fanden grossen 
Gefallen an den leichten gefälligen Emgangsformen, 
an dem ausgebildeten Sinn für Literatur und Kunst. 
welchem sie in dem sie umgebenden Kreise begeg- 
neten, hielten sich länger hier auf als beabsichtigt 
war und kehrten erst später mit dem, der geliebten 
Heimat und dem F-intritt in eine neue Welt begierig 
entgegen harrendem Kinde nach Weimar zurück. 

Der Empfang, den die Enkelin (joethes nach 
ihrer Heimkehr vom Weimarschen Hofe von Carl 
.Augusts Enkel, dem jungen Grossherzog Carl .Alex- 
ander und dessen liebenswürdiger neuvermUlter Ge- 
malin fand, war freudevoller und beglückender als 
selbst die Pharitasie eines jungen .Mädchens sich den 
Eintritt in die Welt ausmalen konnte. Mit dem wohl- 
wollendsten Entgegenkommen begrüsst . mit aus- 
zeichnender Güte aufgenommen, fühlte sie sich in 
das Paradies ihrer kindlichen Hortnungen versetzt. 
Der Reiz ihrer jugendlichen Gestalt und die Lnbe- 
fangenheit ihres Wesens vereinigten sich, ihr die all- 
gemeinsten .Svmpathien zu erwecken; sie war das 
Dichterkind wie es im Buche stand. Hatte sich auch 
aus dem reizenden Kinde, dessen Erscheinen einst in 



( hroiiik des AVienur (iuetht-X'eieiii.s. 



r-Vaiikt'urt, namentlicb durch die Kiillc goldener 
Flechten allgemeine Aufmerksamkeit erregte, keine 
\ollendete Schönheit entwickelt, störte das etwas her- 
\ortretende Kinn und die ein wenig zu stark accen- 
tuirte Stirn auch die Harmonie ihrer Züge, so Hessen 
die rothen Wangen, der /.arte "leint, der wunderhare 
Glanz des braunen, seelenvollen (Joetheschen Auges, 
die schlanke Gestalt^ sie dennoch als auffallend an- 
muthige Persönlichkeit erscheinen, während das Ge- 
präge ihres Wesens, der Ausdruck einer heiter-schalk- 
hatten. zugleich crnst-nachdenkenden, zwischen Frie- 
derike Urion und Mignon mitten inneliegenden Natur 
jhrdie Herzen gewann. Zu allen Himmeln aber reichte 
die Glückseligkeit des frohen Kindes, als beim ersten 
■erscheinen auf dem Hofball ihr einstiger .lugend- 
gespiele. nunmehr Grossherzog l\ii! Alcvanihr an 
sie herantrat und ihr die Hand zum ersten Tanze 
bot. Und wie sie nun leicht sich in den Armen ihres 
Kindheitsgenossen und Landesherrn wiegend, be- 
gleitet von Aller Theilnahme und Freude, geliebt und 
geehrt dahinschwebte nach den Tönen eines damals 
beliebten S/trnanvahns — da ward ihr kleines 
Herzchen erfüllt von dem Glück und Glanz eines 
Daseins, das ihr nur eine kurze Herrlichkeit gönnen 
sollte. 

In kindlicher Lust schwelgte sie in der Liebe 
und den zarten Huldigungen, die ihr von allen Seiten 
dargebracht wurden — und mit leidenschaftsloser 
Freude nahm sie die, der Eitelkeit des in ihr er- 
- wachenden jungen Weibes schmeichelnden Beweise 
stiller Verehrung hin, ohne ihnen lebhaftere Empfin- 
dungen entgegen zu bringen. Nur die sich immer 
gleichbleibende Güte des regierenden Paares erwärmte 
ihr Gemüt und erweckte ihre dankbarste \'erehrung, 
so dass sie stundenlang mit der Arbeit am Fenster 
zubrmgen mochte, um nur ja den Augenblick nicht 
zu \ersäumen, da ».lemand von den Herrschaften« 
vorüber kommen oder wol gar Grossherzog Carl 
Alexander vorüberreitend zu ihr hinauf grüssen 
konnte. Tante LUrike aberwehrte jedoch oft derVreude 
und hielt das schöne Kind, auf das ohnedies Aller 
Augen gerichtet waren, entfernt vom Fenster, »auf 
dass kein albernes Gerede entstehe wegen des dummen 
Dinges, das es gar nicht satt kriegen konnte, sich 
von den besten Männern ausgezeichnet zu sehen.« 
In der That schien sich eine allgemeine Begeisterung 
tür das selten geartete Wesen auszusprechen und 
man erzählte sogar, dass ein Officier, der in Weimar- 
sche Dienste getreten, diesen Schritt nur gethan 
habe um ihr näher zu sein. 

Emmal der Kinderstube entwachsen und am Hofe 
vorgestellt, genoss sie dies neue Dasein mit vollen 
Zügen und die unerwartete Kunde, dass die Mutter 
die lebensfrohe, am vaterländischen Hofe so glück- 
liche Tochter wieder zu sich nach Wien zu nehmen 
wünsche, traf diese wie ein Donnerschlag. Das Leben, 
das sie hier kennengelernt, stand nicht iiur im grellen 
Gegensatz zu der ruhig bescheidenen Existenz eines 



in der lu'ziehung begriffenen iMädchens, die sie in 
Wien geführt, sondern sie hatte sich auch mit der 
vollen Leidenschaft eines noch vcjn keiner andern 
Neigung bewegten Herzens an ihre Heimat, die sie 
nun doppelt schätzen und anerkennen gelernt, ge- 
schlossen. Sie liebte die Grossmutter und deren 
stilles, ihraber allen Apparateines vornehmen Lebens 
bietendes Haus; sie schwelgte in den Vergnügungen 
und Unterhaltungen des Hofes; sie schwärmte für 
dessen Persönlichkeiten, für die grossherzogliche Fa- 
milie, namentlich für das junge regierende Paar. 
Vielleicht freute sie sich auch in ehrgeiziger Wallung 
der bevorzugten Stellung, die sie hier einnahm, die 
in Wien, ja in der ganzen Welt für sie unerreichbar 
blieb. Genoss sie allein doch die Freude und den 
Glanz eines Namens, der für ihre Brüder als junge 
Männer ein niederdrückendes Gefühl unerfüllter Er- 
wartungen und Vergleiche in sich schloss. Vielleicht 
auch hatte sich bei aller Anspruchslosigkeit durch 
ihre Stellung am Hofe ein wenig stolzer Kastengeist 
ihrem Wesen beigemengt, und wer hätte es dem der 
Kindheit kaum entwachsenen Mädchen verargen dür- 
fen, wenn seine sechzehn Lenze es nicht über seine 
Verhältnisse hinaus gereift, wer könnte ermessen, wie 
weit bei grösserer Reife sie der Flug ihres Geistes ge- 
tragen haben würde? 

Welche Rücksichten aber die Mutter bewogen 
haben mochten, die Tochter zu sich zu rufen, welche 
Irsachen mitgewirkt hatten, dieser das Losreissen 
von der Heimat so sehr zu erschweren; genug, der 
Schmerz dieser Trennung schien vollständig die Kraft 
des armen Kindes zu brechen, das mehrmals in die 
Worte ausbrach, dass dieser .Abschied ihr letzter — 
ihr Tod sei. 

L'ngeachtet dieser melancholischen .Ausbrüche 
brachte ein alter Freund des (joetheschen Hauses, 
Oberstjägernieister von Fritsch, .Alma über Regens- 
burg glücklich nach Linz, wo ihrer die .Mutter mit 
Begleiterin Miss Stadelman harrte und wo die Reisen- 
den das Dampfschiff' bestiegen, das — damals eine 
neue Errungenschaft — • sie nach Wien trug. 

Hatte nun der Schmerz jener Scheidestunden 
die Kraft des jungen Mädchens gebrochen, oder 
waren die leidenschaftlichen F>regungen und bangen 
Ahnungen bereits ein Symptom jenes krankhaften 
Zustandes, der sich in einer fortwährenden Mattigkeit 
aussprach — Thatsache ist, dass .Alma während der 
ganzen Reise über eine Müdigkeit klagte, die sie 
zwang, oft mitten im Gespräch und zwischen Scherz 
und Heiterkeit sich auf den nächsten Sessel nieder- 
zulassen. 

Schon auf dem Schilfe hatte sie unter allerlei 
Spässen der Begleiterin eingeschärft, Mama nur ja 
gewiss Baronin zu tituliren, da in Wien sogar die 
Obsthökerinnen mit Fnui von angeredet würden 
und ^jjMama doch etwas Besonderes haben müsse. ^ 
Dieses Gebot wurde auch eingehalten, obschon FVau 
von Goethe im Schwünge ihres Wesens nicht auf 



rhionik des Wiener Goethe -Verein.-. 



derartige Aeussc-rliclikciten sah, der Werth des 
.Mfn.schcn für sie i^anz in seinen persönlichen \'or- 
/,iif;en lat; und sie im Verkehr vollkommen von Rang 
und Stellung ab,cusehen gewöhnt \vai-. 

.\llein. mit oder ohne solche l'.ereehtigung hatte 
sich während .Mmas .\bwesenheit der Kreis der um 
die .Mutter \ersammelten Freunde und Itekannten er- 
weitert, und wenn derselbe, und wenn weder der 
Kaiserstaat, noch die ganze Welt ersetzen konnte, 
was die Tochter in Weimar zurück gelassen, wenn 
es hier Keinen gab, der um ihretwillen dem Hause 
Oesterreich Treue geschworen, so fand sie doch 
auch hier gleich jenes warme Interesse, dass das 
.Auftreten eines unbefangenen Naturkindes in der 
verfeinerten Gesellschaft erregt. .Man drängte sich 
an Cioethes Knkelin. die. ein naives Mädchen, an 
einem Hofe geglänzt und ihre anmuthige Natürlichkeit 
bewahrt hatte; man lauschte begierig ihren harni- 
losen Worten; man theilte sich ihre Aeusserungen 
mit: man schwärmte für den elegischen Krnst. für 
die neckische, ihn oft unvermuthet durchbrechende 
Heiterkeit ihres Wesens und überall sah man ihrem 
Hrscheinen mit froher Erwartung entgegen, — /u den 
bevorzugten Kreisen, in welchen sie in jener Zeit in 
Hegleitung \on MiUter und Brüdern gesehen wurde, 
gehörte auch die. Familie des bekannten Botanikers 
und Sinologen Fjidlicher, dessen Haus in den 
dreissiger und vierziger Jahren ein Sammelplatz 
guter Ge-icllschaft war. Durch seine Frau, eine 
Tochter Adam .Müllers*), mit der Gentz"schen Coterie 
der Metternich sehen Staatskanzlei in Verbindung, 
durch die Nachbarschaft des Belvedere mit dessen 
Künstlern und Custoden in Berührung gebracht, bot 
die bunt durcheinander gewürfelte Vereinigung von 
Diplomaten. Künstlern. Gelehrten ein anregendes ge- 
selliges FJIement. in welchem die zahlreich einge- 
führten Fremden sich wohl und behaglich fühlten, 
und hier fand auch die l'amilie Goethe nicht nur 
freudige und begeisterte .\ufnahme an geselligen 
.\benden. sondern man war auch, .Mmas .lugend 
Rechnung traiend. bedacht, ihr zu Khren (Mitte Sep- 
tember 1844) ein kleines (iartenfest mit Tanz zu 
veranstalten. 

\"on .Mutter und Brüdern begleitet, erschien sie 
hier im Glanz ihres sechzehnjährigen Lenzes, .\ller 
Theilnahme und Neigung erweckend, .lederwünschte 
ihr zu nahen, sie zu sprechen, dieCnmst eines Tanzes 
zu erlangen. Begehrt, geehrt, gefeiert unterhielt sie 
sich ^»herrliche, glühend und freudestrahlend kam 
sie nach Hause, aber kaum in ihrem Zimmer ange- 
langt, klagte sie der \"ertrauten über Kopfschmerzen 
und nach einer unruhigen Nacht zeigten sich die 
Norboten herannahender schwerer Erkrankung. .\ls 
am folgenden ,\bende Frau von Goethe lesend im 



*)Aa:uii v.iu .MUll.T, .-in n..nl.l.-ul 
Oesterreich, zum Kathulicisuius ülter^etreii 
sehen' Cabinet eine thiitiffe Kr.Tft, li,Ttle 
Coiigrosses, an der Seite seines l-'n-unilev ( 
r.lclislen Periönlichlieilen irehörl. 



Zimmer sass, in welchem auf dem Sopha dahin- 
liegend Alma den Tag zugebracht hatte, hob letztere 
sich plötzlich empor und das Fiuch zur Seite drän- 
gend, warf sie sich, wie ahnungsvoll der .Mutter .Mund 
und Wange küssend, ihr mit dem Kuf > mein .NUitterchen- 
.Mamachenl! leidenschaftlich um den Hals, Schon 
am nächsten Morgen traten die Symptome eines 
typhösen Fiebers mit Delirium ein — für sie ein Zu- 
stand fortwährenden Ergehens angenehmer Träume, 
Bald glaubte sie sich in schönen Gärten und reizenden 
Imgebungen, bald wähnte sie sich den Sternenwalzer 
summend in Weimar auf dem Hol"ball. »Gnädigster 
Herr! gnädigster HerrI ; rief sie lächelnd, indem sie 
ihr Köpfchen wie verbeugend in die Kissen drückte, 
um im nächsten .\ugenblick mit klarem Bewusstsein 
und laut lachend nach dem l'nsinn zu fragen, den sie 
gesprochen. Bald jedoch liess das steigende Fieber 
die Augenblicke geistiger Klarheit mehr und mehr 
schwinden, die Krankheitsl'ornien entwickelten sich 
immer bedenklicher und schienen aller Bemühungen 
der dem Hause nah befreundeten Aerzte Dr. Romeo 
Seligmann und Dr. Baron Ernst Feuchtersieben zu 
spotten. .Alles, was die Kunst der .Aerzte, was mensch- 
licher Wille, was treue Pflege der .Mutter, der fast 
verzweifelnden Brüder vermochte, zeigte sich ver- 
geblich, die Krankheit nahm ihren furchtbaren Ver- 
lauf, — .Mma. das in ihrer Weise in sich vollendete 
junge Geschöpf, wurde am 28, September, gerade 
einen .Monat vor dem erreichten 16, Jahr ihrer trost- 
losen, fast in Schmerz vergehenden Familie, den zahl- 
reichen liebenden Menschen, ihrer Umgebung ent- 
rissen, denen sie bis an das Finde ihrer Tage als ein 
Ideal jungfräulich kindlicher Anmut vorschwebte.*) 

Von demselben protestantischen Geistlichen, 
dem Pt'arrer Gunesch. welcher sie unterrichtet, ein- 
gesegnet und väterliche Liebe für .Mma gelasst hatte, 
wurde sie \ on dem Hause auf der Melkerbastei, wo 
ihr kurzer, schöner Lebenspfad endigte, nach dem 
Währinger Friedhofe geleitet und in der Nähe 
Beethovens und Schuberts unter dem Jammer aller an- 
wesenden Freunde zur Ruhe bestattet. Ganz Deutsch- 
land, alle persönlichen Bekannten, alle N'erehrer des 
Dichters nahmen 1 heil an diesem Verlust; überall 
beklagte man das frühe Ende des itnvergleichlichen 
Kindes , ja manche wendeten sich in ungerechtem 
l nwillen gegen die .Mutter, die die Tochter zu sich 
nach Wien gerut'en, sie der (jel'ahr des damals dort 
permanent herrschenden Typhus ausgesetzt hatte und 
Gerüchte wurden umher getragen, die an L nwahrheit 
und Gehässigkeit gegen die fern von Weimar lebende 
1-amilie alles .Mass landläuliger Bosheit überschritten. 

Ein besonderer L'mstand, die frappante .Aehn- 
lichkeit, die ein Porträt aus .Mmas Kindertagen mit 
Ji:n Zügen und der Gestalt eines geliebten uns gleich- 
falls durch den Typhus entrissenen Töchterleins 

1) .\,.ch ««ei andere seli.inc innife .Mlldchen. die au diesem 
Sejitenilierabend Lei Endlicher j;eglän/t, l.illi von Schnorr-Car.iU 
teUU, 



^cgläii/t, 


.illi von Schnor 


und die r 


•chter des .Mal 


thall. Jahr 


-n in das (irali. 



< hronik des Wiener (iuellie -\i 



hatte, riösste mir Jas lebhafteste Interesse für sie ein 
und war Veranlassung, dass ich bei Allen, die sie ge- 
kannt, mich nach ihr erkundigte. Ich wendete mich des- 
halb auch an ürillparzer, der in seiner Empfänglich- 
keit für natürliche \nmuth, — wie ich dachte — 
einen lebhaften Eindruck von ihr behalten haben 
mochte. 

— « Sie war entschieden ein liebes Kind«, 
sagte er, »aber ich kann von ihrer Person nicht mehr 
erzählen, als ich damals bei ihrem Tod in meinem 
(jedicht ausgesprochen — denn ich hab sie zu wenig 
gekannt und in ihrer gar so grossen Einfachheit — 
um nicht zu sagen Einfalt — nicht verstanden. < 

So sprach der (ireis. Aber die .lugend dachte 
anders. .\lma wirkte in der'lhat auf jüngere Menschen 
durch den Reiz des ergreifend Natürlichen, wie einst 
Eriederike Brian in Sesenheini auf den Dichter, wäh- 
rend sie auf ältere nüchternere Personen denselben 
Eindruck machte, den die Tochter des Pfarrhauses 
bei aller Eieblichkeit und herzgewinnender Art später 
auf Goethe hervorbrachte, da er sie in Strassburg 
im ländlichen Kleide wieder sah. 

Krau von Goethe hatte sich nach dem Tode ihrer 
Tochter mit den beiden Söhnen nach Rom begeben, 
WC) ihi- Gatte an der Pvramide des (Jotiiis ruhte, 'f^-s 
war eine ihrer ersten Sorgen, bei einem der besten 
Bildhauer eine Statue .Mmas aus weissem Marmor zu 
bestellen ; sie glaubte, dem Drange ihres Gefühles 
um so mehr gehorchen zu dürfen als ja das Erbe 
nach diesem Kinde ihr die Mittel zu dieser Reise bot 
imd es ihr wohlthuend war, einen Theil dieses He- 
sil/es dem .Andenken der Dahingeschiedenen zu 
widmen, deren Grab in Wien zu schmücken, dieses 
Denkmal bestimmt war. 

Aber es ging, wie es so oft mit derartigen 
Dingen geht — Kriege, Revolutionen, Todesfälle 
kamen dazwischen und erst nach einem N'ierteljahr- 
hundert und nachdem Goethes ihr l>omicil in Wien 
verlassen hatten, wurde die für das daselbst befindliche 
(irab bestimmte Statue vollendet und nunmehr nach 
Weimar instradirt, wo sie kurz vor meinem Besuche 
angelangt war. 

Frau von (Joethe wünschte, dass ich diese 
Porträthgur sähe, allein aus Furcht vor dem Gerede, 
welches durch die Ankunft eines solchen Kunstwerkes 
hervorgerufen werden, aus Widerwillen gegen die 
Neugier, die, wie sie dachte, auf sie eindringen würde, 
hatte sie es in einem der untern Räume bergen, in 
einen unzugänglichen Winkel stellen lassen. 

Das Eintrelfen einer Kiste mit einem Marmor- 
werk aus Rom war aber nicht unbemerkt geblieben, 
alle Welt wusste davon, ich wurde gefragt, ob ich es 
gesehen und welche Bewandtniss es damit habe. 

Ich erzählte dies Ottilien und frug, wesshalb sie 
so verfahre und Andern und mir die Freude des .An- 
blickes solchen Kunstwerkes raube? 

»Die N'erhältnisse haben sich geändert«, sagte 
sie traurig. »Was damals richtig schien, würde mir 



heute gar sehr verargt werden, aber Sie werden diese 
Statue ganz gewiss zu sehen bekommen, wenn Sie 
später wieder einmal Weimar besuchen«. Sie sah 
mich dabei bedeutungsvoll an und der Gedanke 
durchzuckte mein Gehirn, es habe ihr die \'orstel- 
lung ihres (Jrabes vielleicht eines gemeinsamen Grabes 
der Goetheschen Familie vorgeschwebt, auf welchem 
.Alma als Genius des Mauses thronen würde. 

.Als Mutter und Söhne nach dem Tode des ge- 
liebten Mädchens nach Italien reisten, hatten sie nicht 
nur auf die F>haltung des theuern Grabes Bedacht 
genommen, sondern auch später (i86()) bei vollstän- 
diger Loslösung von Wien dafür gesorgt, dass die 
Grabstätte in stetem Blumenflor erhalten, an den 
Erinnerungstagen mit Kränzen geschmückt werde*). 
Allein keine Inschrift bezeichnete die Stelle, an welcher 
Goethes Enkelin in fremder Erde bestattet worden war, 
und nur Wenige wussten den Namen des Kindes, das 
hier ruhte. 

Da aber- die kleine Schaar dieser Wissenden 
sich immer rascher minderte, nach (Jttiliens und 
Wolfs Hinscheiden (1883) .Alles, was hier verfügt 
werden durfte, nur mehr in der Hand des einzigen 
und letzten Alles für kommende Tage vorbehaltenden 
Sprösslings der Goetheschen Familie lag, war zu 
befürchten, dass das Erwünschte hier niemals ge- 
schehen werde. 

Wie trostvoll überrascht aber wurden die für 
diese Angelegenheit sich interessirenden alten Freunde 
in Wien, als im Sommer 1885 die Kunde durch die 
Zeitungen ging: »Die seit vierzig .lahren auf dem 
Währinger Friedhofe ruhenden sterblichen Reste der 
.lungfrau .Alma von Goethe seien ihrem (irabe ent- 
nommen und nach Weimar gebracht worden. < 

Eine hohe Hand hatte — wie das Gerücht ging 
— hier feinfühlig eingegriffen und den tief empfun- 
denen \\ unsch, die Reste der Tochter mit denen der 
Mutter im Tode zu vereinigen, thatkräftig durch- 
führen lassen. 

Bei Oeffnung des Grabes aber gab sich eine 
merkwürdige Erscheinung kund; Almas fabelhaft 
schönes, einst die lieblichste Stirn bekrönendes gol- 
denes Flaar war in der üppigen Fülle seiner reichen 
Flechten unversehrt vorgefunden worden. 

Seit dem Tage dieser .Ausgrabung ^teht die 
(}ruft leer, Feuernelken aus früheren Tagen hier 
wuchernd, blühen noch auf demselben in bunter Ver- 
wilderung; Grabgitter, Steine, Gruftdeckel waren 
dem Todtengräber geschenkt worden, der dieselben 
sofort veräusserte, nur die unfern des Grabes ste- 
hende hölzerne Bank , auf welcher Ottilie und 
Walther oft stundenlange verweilten, hat sich noch 
erhalten. 



') Die Pietät der G.ietlii'- 
jährlich auch das, wie es schien, 
frieds — seines einstigen. (Je 



ring Sri weit, dass W'alther all 
ollständig vergessene (irab Sev 
ralbasslehrers - mit Blumei 



;r, 



( lin)nik ilt"* W'iinei linetlie-\'( 



Goethe-Literatur. 

Weinhold, Karl: - I )ic siciiianisclic X^espcr, 
liaucrspicl von /. M. R. J.tin. Hciausi^ej^eben von 

. IVeslaii, ir. Kliliiiir, 1887. Hin so gut wie 

iinlickanntcs 'I raucrspicl von Lenz. ■ — Zur Beurthci- 
lung des (lanzen wie zur Ktläutciung des Einzelnen 
hat Weinhold willkommene Beitrage dazu gegeben, 
auch die gleichzeitige Behandlung desselben Stotls 
durch den Oesterreicher Gottfr. l'hlii-h besprochen. 
Alles so sorgfältig und sauber, wie man das von Wein- 
liold gewohnt ist. — Damit empfiehlt sich denn auch 
diese Erscheinung auf dem Gebiete der Lcnzliteratur 
als Ergänzung des »Dramatischen Nachlasses von 
.1. M. \X. Lenz (1884), von demselben Herausgeber, 
jn ganz her\orragender Weise. Srhi. 

Unsere Goethe-Bibliothek. Die Nerlagslmch- 
handlung IT. Spi^mnnii in Berlin und Stuttgart hat 
der Bihliolluk des Wiciin- (liuihr- \', 1,111s ein Geschenk 
gemacht mit (!(i,ikis U',rkiii in der historisch- 
kritischen ,\usnabe der A'/.'/y/////, /sehen deutschen 
Nationalliteratur, 10 Bände, soviel bis jetzt erschienen 
ist. Sie enthalten die Gedichte und Laust, heraus- 
gegeben von 11. Dünlzcr; Goethes Dramen, heraus- 
gegel)cn von K. .1. ScJi/wr; Goethes naturwissen- 
schaftliche Schriften, herausgegeben von R. Steiner. 
Wir wiederholen hier den IXink, den der Verein be- 
reits scliriftlich ausgesprochen. Möchten die weiteren 
Bände bald nachfolgen. Wir werden unsern Lesern 
\on ihrem Ijschcinen jedesmal Nachricht geben. 

' /;. R. 
Goethe-Notizen. 

„Gefunden". Die X'orlagc zu dem Goetheschen 
(Jedicht hat Lllinger im .lahrbuch IJ, 322 f glücklich 
in einem PfelTelschen Gedichte avifgefunden. .Man 
vergleiche auch das folgende (iespräch in ^t:^ 
Bremischen Beiträgen lil 159: 

..f)i, Mutter uml ilire Toe/iter". 

Die Tochter: 
<) Mutter, brich die armen Rosen nicht, 
.Sie sterben bald, wenn man sie einmal bricht. 
Wie schön ist es, am Stocke sie zu sehen? 
Du brichst sie doch? Nein, Mutter, lass sie stehen! 

Die Mutter: 
Befürchte nicht, dass ich zu gi-ausam bin. 
Wie lange währts? so sind sie docli dahin. 
Was treibt dich so, für sie bei mir zu sprechen. 
I'.li' sie vcrblUh'n, muss man sie lielier lirechen. 

Die Tochter: 
Das glaubt ich sonst dem losen Dämon nicht, 
Er sagt auch so, und küsset mich, und spricht : 
Mein Kind, dein Lenrz wird auch verblühen müssen, 
l^h' er verblüht, so lass uns ilin verküssen. 
Ich armes Kind ! aus Einfalt floh ich ihn ! 
Wenn er itzt kömmt: So darf ich doch nicht fiiehn? 



Pfell'cl und (ioethe, welche die Blume selbst- 
redend einführen, verrathen Einfluss des Volksliedes 
welches die Personification von Blumen (vgl. Jlaiden- 
röslein. Blümchen Wunderhold u. s. w.) liebt. 

JMinnr. 

Goethe in Heidelberg. Im Stückgarten des 
Heidelberger Schlosses, in welchen man durch die 
Elisabeth-Pforte gelangt, ist auf Veranlassung von 
Loepers seit 1877 eine (Jedenktafel angebracht mit 
der Inschrift: „Hier weilte (loellie gerne sinnend und 
ilielitend in den Jahien 18 14 und ufij:;«. Hier ent- 
standen zwei der herrlichsten Liebeslieder des West- 
östlichen Divans: 

All viillen Biisclielz\vei},'ei), 
(Veliebte. sieh nur hin! 11. >. « . 

und das unvergleichliche »Wiederfinden- : 

I-t es möglich, Stern iler Sterne 11. s. w. 



rangen zwischen Hatem und 
e der- Landschaft um HeidcL 



In manchen Wechselge 
Suleika treten uns Mr)ti 
berg entgegen. 

Im Stückgarten des Heidelberger Schlosses ver- 
lebte (loethe den .Morgen des 24. September 1815 
mit Marianne von Willemer; hier fand er den Gingo- 
Biloba-Baum, dessen Blatt im Orient als Sinnbild 
inniger Freundschaft gilt. Mehrere solche Blätter 
nahm .Marianne zum .Andenken an die Zusammen- 
kunft mit Goethe in Heidelberg mit. Hierauf bezieht 
sich das Gedicht >Gingo Biloba' im Westöstlichen 
Divan«, Buch Suleika II. Ein herrliches Gedicht von 
.Marianne Willemer an das Heidelberger Schloss feien 
noch nach .lahren die I-'rinnerung an dort verlebte 
.\ugenblicke. Sieh dazu das (ioethe-.lahrbuch 188^. 
S. 372. A: 7: M. ' 

Nachtrag zu dem in unserer ersten Nummer 
initgetheilten Stiiiiiiiiliuetitiliitl von Goethes Hand. 
Die letzte Zeile der Strophe ist dunkel und es be- 
gegnete unsere Deutung dem Zweifel, ob es nicht 
vielleicht zu weit gegangen.sei. wenn man jeder Zeile 
Goethes tiefere Bedeutung beimessen und sie aus 
(Joethes ganzer Weltanschauung erklären wolle? Zu- 
fällig lässt sich hier jeder Zweifel beseitigen mit der 
l'".rinnerung an den Goetheschen Spruch (Sprüche 
in Prosa 95 in Loepers .\usgabe S. 35): ».Meta- 
morphose im höheren Sinne diireh Nehmen und Gehen, 
Gewinnen und X'erlieren, hat aehon Dnnle trefflich 
gesrliil<lerl.~ .lene Zeile erklärt sich demnach doch 
aus dem Ganzen von Goethes Anschauung, in der 
er selbst eine Geistesverwandtschaft mit Dante wahr- 
nahm. Er dachte hier an die göttliche Komödie, 
worüber man das Nähere bei Loeper a. a. O. nach- 
sehn kann. Ein tiefer Hintergrund ölVnct sich dem- 
nach gerade hinter dieser unansehnlichen Zeile. 

Selir. 



Wrlaj; des Wiener (ioethe -Vereins. - Drnckerei <les ,111 
.ien l'.nchhan.lel • 1< \< Hct- ini.l l 



ustrirtcn Wiener KxtraMatts' 

Iv.P.ii.-liliin.lhin:; AltV 



(H. A. Ihm). - Vertrieb ffir 
,1 llnlder 



:JcrPreis eines Jahrgangs für Nicht- 
r„LiElieJer ist 2 fl. (4 M.); für Mit- 
glieder I fl. (2 M.). Mitglieder, die 
einen Jahresbeitrag vun 5 fl. zahlen, 
erhalten das Blatt uncntKeltlich. Die 
Chronik erscheint um die .Mitte jedes 
Monats, ^lan abonnirt im Locale des 
Wissenschaftlichen Clubs lEschen- 
bachyassc) und in allen Hurhhr.nd- 



CHRONIK 



Im .^uftragc des Wiener G 
Vereins Herausgeber und v 
wörtlicher Kedacteurl 
K. y. Sdirüer. 
Die Redaction bildet der Oh 
Stellvertreter (Schröer) mi 
Schriftführern (Eggrr - Mot 



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WIENER GOETHE-VEREINS, 



Wr. 7. 



Wien, Freitag, den 15. April 1887. 



2. Jahrgang. 



•m M'ieuer Gocthir- Verein. — Die Detikmal/omis- Vortrüge. — Neue Mitglieder. — Beiträge für den Denkmal/oiuis. — 
Can-e über U'crthers Leiden, r'fl« y. Minor. — Unsere Bitfliotliek. — Goethe-Notizen. — Zuschriften. 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

In der Si/ziinii; <l(s Aussthu.'iSts am 'x,o. .März 1887 
waren anwesend die Herren: Bliiiiit, Egger-Mölhrald, 
Kaner, Dr. J/cnnf/'/s, Xnnimaiin , li'i.<:,'ii//i,il und 
Dr. Schipper. 

Se. Excellenz Freiherr von Btzciiiv erklärt in 
einer Zuschrift an den .Ausschuss, dass er die Wahl 
zum Obmann-Stelh ertreter annehme und dem Goethe- 
\'ereine einen Stifterbeitrag von 50 fl. widme. 

Prof. 6V//r(Viv- meldet, das.s die Verlagshandlunt; 
(jebrüder//(-«;//«^(7-in Heilbronn je eines ihrerVerlags- 
werke. die in die Goethe-Literatur einschlagen, der 
Bibliothek des Wiener Goethe -N'ereins zu spenden 
zugesagt habe. 

Der.'Vusschuss beschliesst, dem Denkmal-Comite 
für seine Bemühungen zum Besten des Denkmalfonds 
den wärmsten Dank auszusprechen. 

Die Jahresbeiträge für 188-, welche nicht mittels 
l'.ilagscJieiiis der Postsparkasse eingezahlt wurden, 
«erden im Laufe dieses Monates mittels Poslaitfii-ag.<: 
erbeten werden. 

Seit der Ausgabe des letzten Jahresberichtes 
(Februar) sind dem Goethe-\'erein 15 neue Mitglieder 
beigetreten. 

Vorträge zum Besten des Goethe-Denkmal- 
Fonds. 

Dem Denkmal - Comite des Wiener Goethe- 
N'ereins war es gelungen, drei literarische Autoritäten 
für Vorträge zu gewinnen, welche im .März die .Auf- 
merksamkeit des W'iener Publicums in hohem Grade 
zu fessein geeignet waren. — Wir folgten mit Span- 
nung den geistvollen .Ausführungen des Professors 
Gt'tger aus Berlin »über Goethe und die Renaissance« 
(10. März): Prof. Oiickai aus Giessen sprach am 
17. März über :» Deutsche Dichter und Denker in der 
F"ranzosenzeita mit edler Begeisterung und hin- 
reissender Beredtsamkeit. — .Am 24. .März drängte 
sich das Publicum zum Vortrage des Professors Lud- 
wig Büchner aus Darmstadt, um zu hören, wie der 
vielgerühmte Naturforscher die »Stellung der Frau 
in Natur und Gesellschaft« autfasse. Die Darstellung 
des Vortragenden fand rauschenden Beifall. 



Der Goethe- Verein schuldet grossen Dank so- 
wohl den Herren Vortragenden, w-elche weite Reisen 
nicht scheuten, um die Sache des Goethe-Denkmals 
zu fördern, als auch der Wiener Presse, welche das 
Unternehmen des Denkmal-Comites auf jede Weise 
unterstützte. 

Neue Mitglieder seit Februar 1887.*) 

Herr Anton Bayer, Ruchhändler in Pilsen. 

Herr Ritter von Ettmavcr-Edelshurg, k. k. Hofsecretär, 
VlIL, Langegasse 25. 

Frau Charlotte von Gliisel, geb. I.euz, IV., Starhem- 
berggasse 32. 

Herr Rudolph GoldschciJ, IX., Nussdorferstrasse •:!. 

Herr Friedrich Gohlschmidl, Disponent, II., Ferdinand- 
strasse 3 I . 

Fräulein Ernestine Höfer, III., Lngargasse 12. 

Se. Excellenz Herr A. von Merey, k. k. wirklicher 
Geheimrath, I., Schottenhof. 

Herr Leopold Lampe/, Professor am k. k. Akadem. 
Gymnasium. 

Frau Gabriele Luwenfeld, I., Grünangergasse 4. 

Herr James Lincoln .Alexander, VII., Richtergasse 9. 

Herr Dr. Richard Raab, I., Rothenthurmstrasse 15. 

Fräulein Lina RoUett, Neugasse 6 in Baden bei Wien. 

Herr Dr. Heinrich Sedehnayer , Professor am k. k. 
Franz Josephs-Gymnasium. 

Herr Emil Thiebcn, VI., Liniengasse 4. 

Herr Dr. Carl Tomanetz, Professor am k. k. Staats- 
gymnasium in Hernais. 

(Fortsetzung folgt.) 

Stifter: 

Se. Excellenz Freiherr von Bezecny, k. k. wirklicher 
Geheimrath. 



Beiträge für den Denkmalfonds im Jahre 1887 : 

Frau Anna /i'rV/ft';-, Landesgerichtsraths- Witwe fl. 3. — 
Mr. Walter B. Scai/e in Pittsburg U. S. A. . fl. ^. — 



»I Beitritts-Anmeldungen werden in der : 
Clubs (I., Eschenbachgasse o) entgegengenon 



zlei des VVissensch. 



iS 



Chronik des Wieiief f;oethe-\'eieiiis> 



Aus vergessenen Büchern, 

iiiil^'Ctlieilt von J. Miiioi, 

Garve über 'Werthers Leiden. 

(jarvc an (;ii. 1-. Weisse, ii). Nov. 1774 
(r.rictc von (;hristirtii (Jarvc an Christian Felix Weisse 
unil einige anJere (•reunde. Breslau 1803, I. 86 ff): 
Ich hahc die l-eiden des jungen Werther gelesen*), 
lind sie haben auf mich den grössten Kindruck ge- 
macht, den irgend ein Buch dieser Art seit langer 
Zeit gemacht hat. Dieses Einzige ist schon ein grosses 
\'erdienst des Werkes in meinen Augen, weil ich so 
lange fast durch keine andern Leiden, als durch meine 
eignen, stark gerührt worden bin, und weil diese 
Kühlung bei fremder Noth etwas so Angenehmes 
und Befriedigendes für die Seele ist. Ich habe also 
liisher noch gar nicht daran gedacht, was dieses Buch 
auf andere (jemüther für Wirkung thini könne. Auf 
mich hat es diese gethan : erstlich, dass ich von 
wirklicher Hochachtung, Liebe und Mitleiden gegen 
den jungen Menschen eingenommen worden bin, der 
eine so edle Seele, eine so lebhafte Empfindungskraft 
und einen so tiefdringenden Verstand ganz in einen 
einzigen Gegenstand versenkte und in demselben 
verzehrte. 

Sodann bin ich mit ihm in seine Lotte verliebt 
worden, so wenig ich auch noch von ihr weiss. Aber 
das Wenige ist etwas sehr (Jutes und seine Leiden- 
schaft steckt an. Endlich habe ich, bei der Voraus- 
setzung, dass der Fond der Geschichte wahr sei, mich 
damit getröstet, dass nicht blos Wuth und Gottes- 
\ergessenheit. sondern IJebe gegen ein anderes Ge- 
schöpf, mit zu heftiger Begierde nach einer höhern 
Vollkommenheit verbunden , seinen letzten aus- 
schweifenden Schritt hervorgebracht hat. — Sie sagen, 
Sie wünschten, dass Jemand in Wilhelms Namen ihn 
widerlegt und seine Briefe beantwortet hätte. Aber 
es kommen nur wenig Gründe für den Selbstmord 
darin vor; am meisten redet blcs di; Leidenschaft. 
Das wäre nun zwar sehr leicht, jene (iründe zu be- 
antworten und diese Leidenschaft zu bestreiten. Bei 
gesunder Vernunft lässt sich ganz deutlich zeigen, 
dass Werther sich irrt, wenn er glaubt, es gebe kein 
Frauenzimmer mehr, mit welchem er glücklich sein 
würde, als Lotten i dass diese Concentration aller 
Begrille und Begierden auf ein Object unsrer Natur, 
der Natur der Dinge, der Wahrheit und der Pflicht 
entgegen sei. — .Aber das ist unendlich schwer, selbst 
in der Leidenschaft zu sein, oder sich in dieselbe zu 
versetzen und doch dabei den Ausweg zu solchen 
Ideen zu linden, die schon eine Abkühlung des Affects 
voraussetzen. Das beste, was man einem solchen 
.Menschen sagen kann, sagt ihm wirklich Lotte. »Sie 
haben, sagt sie, seit geraumer Zeit keinen andern 

') Die HerausR.-li.-r des Bricfwochsds, .M.insi. and Srhn<-idi-r. 
lu-nurki-n da.:u : ,ilan wird zwischen den hier t;e:iussirten Ideen und 
«in.-ni AufsuUe in dem Philiisophen für die Welt ( Ih. i, St. 2) eine 
jcrossr Achnlichkeit finden. So viel wir «issen, rührt d.-r letztere 
ebenfalls v..n li^.rve her." 



I Menschen besucht als uns ; das hat Sie eingeschränkt 

I und unthätig gemacht. Gehen Sic wieder in die Welt 

und unter die Menschen. Sie «erden dort ge\^i•i^ 

würdige I'rauenzimmer linden, die Ihnen getallcn. 

Wählen Sie eins, und dann kommen Sie zu uns zu- 

, rück und wir wollen als Freunde leben.«. 

j Ich würde noch einen andern Rath beifügen, 

i der sich auf das ganze Temperament des Werther 

1 bezöge. Sein Hauptfehler ist nämlich: er fällt immer 

mit ganzer Seele nur über i///i/i oder einige wenige 

, (iegenstUnde. Diese liebt und verehrt er bis zur .Aus- 

! Schweifung; alle andern verachtet und hasst er. Des- 

j wegen klagen ihn seine Neider des Stolzes an, und 

I den hatte der junge J (erusalem) wirklich , wofern 

Werther ihn vorstellen -.oll. Er schätzt sich selbst 

; seiner übertriebenen Emplindlichkeit wegen so hoch, 

i dass eben, indem er glaubt, durch dieselbe sich bis 

! zum (jräschen und zum Insect herablassen, und diese 

! alle mit seiner Liehe umfassen zu können, er darüber 

, gute Menschen seines Gleichen, die aber ruhiger und 

1 kälter, oder auch vielleicht nur nicht vornehm oder 

■ angesehen genug sind, von sich stösst und von seinem 

Wohlwollen ausschliesst. Leber den Menschen ist 

hin und wieder sehr wahr philosophirt. .Aber wenn 

i das alles endlich da hinausläuft, dass dies Leben 

wirklich ein frivoles, unbedeutendes Leben für einen 

nach Erkenntniss und \'ollkommenheit strebenden 

Geist sei ; und wenn man doch dabei das Dasein eines 

immer lebenden vollkommensten Geistes annimmt, 

so muss dadurch eben die Idee eines uns unbekannten, 

unbegreiflichen Plans desto stärker werden, <.\en die 

höchste Weisheit mit uns ausführen will und den 

wir, eben weil wir ihn nicht kennen, so wenig stören 

müssen, als uns möglich ist. 

Mit dem Ausdrucke, mit einigen einzeln zu weit 
und zu künstlich ausgemalten Bildern, mit einigen 
gar zu weit getriebnen und unnatürlichen .Ausbrüchen 
der Leidenschaft bin ich weniger zufrieden. Dass in 
dem N'erfasser kein gemeiner Geist wohnt : das er- 
kenne ich. wie ich glaube, mit Gewissheit. Und von 
einem solchen wird unser N'aterland mit der Zeit 
immer mehr reife und genicssbare Früchte zu er- 
warten haben. 

Garve an Weisse am 21. .iänner 1775 (a. a. o. 
106): »Eben habe ich Werthers Freuden von Ni- 
colai bekommen. Die Idee ist gut: der Hauptpunkt 
ist auch, wie mich dünkt, getrotten, dass nämlich die 
Natur des Menschen und der Dinge eine solche hohe 
Spannung der Gemütskräfte und Empfindungen, als 
sie Werther immer haben will, nicht zulasse : dass 
aber die mehr ruhige und ausgebreitete .Anwendung 
derselben den .Menschen glücklich machen und die 
Ausschweifungen des Trübsinns verhindern könne. 
Falsche Begritl'e von N'ollkommenheit und (ilück- 
seligkeit lagen bei Werthern zum Grunde: er übersah 
nicht die Einrichtung der menschlichen Geseilschaft 
im Ganzen ; er überschaute nicht alle die verschie- 
denen .Stufen des menschlichen Lebens. 



('hronik de» "Wiener Goethe -Vereins. 



Aber die Ausführung ist augenscheinlich flüchtig, 
unJ der nachgeahmte Reichsstyl, oder wie man das 
heissen soll, gibt den Sachen, nach meinem und 
Anderer Bedünken, kein grösseres Gewicht.': 

(Sarve an Weisse, den i i. März 1778 (a. a. o. 
115): »Die erste grössere und noch wichtigere Hälfte 
Ihres Briefes ist heute angekommen. Der .Auszug aus 
l.-essings rntcrhaltungen ist mir sehr lieb; lieb, dass 
er nichts gegen mich hat: lieb, dass er sich wieder 
freundschaftlicher gegen Sie bezeugt hat; lieb endlich 
auch, dass er der Goetheschen Partei nicht zu sehr 
ergeben ist. Wenn er noch auf die Seite der alten 
Ritter- und Göttei-geschichten und der erkünstelten 
Regellosigkeit träte: so weiss ich nicht, wo endlich 
Natur und N'ernunft, so wie sie für unser Jahrhundert 
gehören, sich hinretten würden? Aber Werthers 
Leiden thut er doch unrecht. Wenn .lerusalem auch 
nicht Werther ist, so ist dieser doch eine interessante 
Person und als Philosoph kann Jerusalem schwerlich 
tiefer gedacht haben, wenn er auch gründlicher und 
kaltblütiger gedacht hat. l^ie Stimme des Publicums, 
wenigstens dessen, welches ich kenne, entscheidet 
für den Werth dieses Buches: und meine Empfindung 
unterschreibt diesen Ausspruch. Ich, der sonst von 
überspannten Leidenschaften so wenig gerührt wurde, 
weil ich sie niemals empfunden habe, bin zwar an 
manchen Stellen beleidiget, aber durch das Ganze 
doch mit fortgerissen worden. Als Hvpochondrist 
habe ich die Natur manchmal mit eben denselben 
Augen gesehen; und ich weiss also, dass sie wirklich 
so erscheinen kann, wie er sie vorstellt. Seine Em- 
plindung lies Lebens in der Natur und seine Theil- 
nehmung also an den \'eränderungen, die ihre (jc- 
schnpfe leiden, ist nicht von einem Narren. .Aber 
das ist nicht sowohl närrisch als fehlerhaft, dass er 
mitThieren und Pflanzen sympathisirt. und hingegen 
die Menschen, die nicht grosse Geister oder seine 
Freunde sind, wie Staub unter seinen Füssen ansieht. 
Das thut der Stolz des Philosophen. In der Societät, 
wo er. nach seinem Bedünken, nicht genug geschätzt 
wird, ist ihm Alles verächtlich, klein, verhasst — er 
sieht um sich nicht Menschen, edle, denkende, zu 
grossen Dingen bestimmte, mit grosser Kunst gebil- 
dete Geschöpfe, er sieht nur Pedanten, Gecken, 
Narren ; unter den zufälligen Gebrechen übersieht er 
die wesentlichen Vollkommenheiten. — Dafür hält 
er sich unter den Creaturen schadlos, die ganz sicher 
unter ihm sind ; hei diesen sucht er bis in ihr Inneres 
r.\x dringen und, unter der todten Hülle das lebendige 
Wesen, unter der thierischen Gestalt die empfindsame, 
halb vernünftige Seele zu entdecken. — Wenn Jeru- 
salems Abhandlungen herauskommen : so wird man 
am besten vergleichen können. Ich freue mich darauf. > 



Unsere Bibliothek. 

Die Verlagsbuchhandlung (irii rüder Hcittiingcr 
11 Hfilhnitin hat der Hihlinlh,'!; il,s lVn/t,r Gocilu- 



Vereiiis ein Geschenk gemacht mit folgenden Verlags- 
werken, wofür derselben hiemit zugleich der gebürende 
Dank au.sgesprochen wird : 

1 . (roi-llu's Faust mit Flinleitung imd fortlaufender 
F.rklärung, herausgegeben von]K. .1. Hihriicr. Erster 
Theil, iiva'l, Auflage 1886: Zweiter 'Iheil 188 1 . 

2. Die Auffuhruiiii des ganzen /"(^//.v/ auf dem Wiener 
Mofburgtheater. Nach dem ersten ICindruck be- 
sprochen von K. J. Sekri'ii/-. 

;^ (;«,/he und die l.iihe, \on K. .1. Seliröer. 

4. Faust. Fragment \on ('nhtln. herausgegeben von 

B. Seufl'.rt. 
--,. Frantsfurti r geleltrtt Au:e/geu\on 1772. herausg. 

von B. SeuH'ert mit einer F^inleitung von W. 

Seherer. 
(). Fphemer/dis und Vidl<slieder \ on (luethe, herausg. 

von E. Afartin. 
7. Die guten Frajien von (ioethe, mit Bildern, herausg. 

von B. Seufi'ert. 



Goethe-Notizen. 

Zur Farbenlehre. — .\usser dem 2. I heile 
des Faust ist über kein Werk Goethes so gering- 
schätzend geurtheilt worden, wie über seine Farben- 
lehre. Seine poetischen Schöpfungen werden immer 
mehr zur Grundlage unserer ganzen Bildung, und 
seine gewaltige Naturautfassung mit ihren wunder- 
baren Consequenzen im Reiche des Organischen er- 
freut sich immer mehr der Anerkennung derer, 
die Tiefblick genug besitzen, einzusehn, dass gerade 
sie das geistige Band bildet tür die l'nzahl der heute 
auf naturwissenschaftlichem (jebiete bekannten That- 
sachen. Nur die Farbenlehre gilt als der misslungene 
Versuch eines Mannes, dessen ganzer Geistesrichtung 
die Denkweise fremd war, die in der Phvsik mass- 
gebend ist. Dieser schroffen Ablehnung steht die 
vollwichtige Thatsache gegenüber, dass gerade die 
Farbenlehre die reifste Frucht von Goethes For- 
schen ist, diKS also gerade in ihr seine Naturattffasung 
sieh bewähren mussfe. Das genügt allein schon, die 
Acten hierüber noch einmal zu prüfen. Vielleicht ist 
die Fragestellung bisher nicht die rechte gewesen. 
Wir wollen uns bemühen, dieselbe wenigstens in 
einem Punkte zu berichtigen: was Goethes Verhält- 
niss zur Mathematik betrifft. Gerade der Umstand, 
dass er kein Mathematiker gewesen, steht ja einer 
unbefangenen Beurtheilung der Farbenlehre störend 
im Wege. Wer aber das von Goethe über Mathematik 
Gesagte eingehend erwägt, wird sehen, wie der 
Dichter bemüht war, die Grenze zu finden, wo in 
der Naturwissenschaft Mathematik am Platze ist, wo 
nicht. Damit wollte er zugleich das Reich seines 
Forschens begrenzen. Mit Rücksicht darauf ergeben 
sich in Bezug auf diesen Punkt folgende Hauptfragen : 
I. Hat (joethe diese Grenze richtit; bestimmt!- 2. 



Cbionik lies Wiener (ioetlie 



Hat er sie gebUrend berücksichtigt? und 3. hätte er 
bei genauer Bekanntschaft mit der Mathematik seiner 
f'arlicnlchre eine andere (jestalt geben können, ohne 
zugleich seiner ganzen NaturautVassung untreu zu 
werden ? Diese Fragen müssen künftig die Grund- 
lage bilden, wenn es sich um die Reurtheilung von 
Cioethes Farbenlehre handelt. Mindestens, so scheint 
es uns, sollte man über Goethes Farbenlehre nicht 
weiter den Stab brechen, ohne früher diese Fragen 
zu erledigen. Sliiiiir. 

Goethe in Frankreich. In der franzosischen 
Zeitschrift »LTniversite« lesen wir in Nr. 20 vom 
25. October i88() S. 275 unter: »Programmes de 
i88(3. Agregation des Lycees et certificats d"aptitude 
ü i'enseignement des langues Vivantes etc. — - Agri- 
galioii d'alkmand. .'Kuteurs allemands: Hans Sachs. 
I.essing. Herder, Goethe, Schiller, H. v. Kleist, 
Schenkendorf«. — Von (joethe dann wieder im Be- 
sonderen: .Reinecke Fuchs. Faust, i: (jarten, Wald 
und Höhle, Marthens Garten (Vers 2720 — 3192 
cdition Schröer); die natürliche Tochter; Theater 
und dramatische Poesie«. — Dann sind noch fünf 
Gespräche Kckermanns mit Goethe empfohlen, die 
alle gut gewählt sind (vom 18. Sept. 1823; 12. iMai 
1825; 4. Januar 1827; f). Mai t827: 14. März 1830). 
— Bemerkensweith ist besonders der Schluss der 
letzten Stelle, Goethes Aeusserung über Nationalhass : 
»Fs gibt eine Stufe wo er (der Nationalhass) ganz 
verschwindet und wo man iiher den Nationen steht 
und ein Glück, ein Weh seines Nachbarvolkes mit- 
empfindet, als wäre es dem eigenen begegnet. Diese 
Culturstufe war meiner Natur gemäss und ich hatte 
mich darin lange befestigt, eh ich mein 60. .lahr er- 
reicht hatte«. — Es ist imrner erfreulich, wenn man 
in Frankreich diesen .Ausspruch Goethes der .Auf- 
merksamkeit empfiehlt. 

„Marmorglatt und marmorkalt". So nannte 
L. F. Huber in der v Neuen Leipziger Literatur- 
Zeitung« vom 29. Februar 1804 Goethes »Natürliche 
Tochter.« Das Wort ging von Mund zu Mund, wird 
auch auf Iphigenie und Tasso angewendet. Es scheint 
uns eine blendende Phrase, die nicht treffend zu 
nennen ist. Was sagt uns hier der Ausdruck marmor- 
itlatt? — Doch nichts .\nderes als : dass das Augen- 
merk des Dichters vorwaltend der Funn der Dich- 
tung zugewendet gewesen wäre, und marmorkalt 
stimmt genau dazu. Der Dichter hatte vorherrschend 
die Form im Auge ; es fehlte ihm die Wärme für den 
Gegenstand. Wir bewundern die Form, bleiben aber 
kalt. Trifft dies Unheil die »Natürliche Tochter?« — 
wol ebenso wenig als Iphigenie und Tasso. — Ein 
anderer Kritiker (.X. Klingemann) sagte (vor Huber) 
von Goethes Dichtung im Gegensatz zu Voltaire, 
dass bei Voltaire das Lobenswerthe die äiisserlichf 
/'('//■/;// und Glätte betrifft, indem bei Goethes »Natür- 



licher Tochter« .4lles aus der Tiefe herauf bis in die 
äussersten Theile gediegen und vollendet sei. Nur 
oberflächliche Beurtheilung könne in der Ruhe diese- 
Stils Kalt, sehen! Dennoch blieb das Wort lluber- 
in der Erinnerung und ging von .Mund zu .Mund : 
bedeutende Schriftsteller wiederholten es: ein Zeui; 
niss für die .Macht der Phrase. 

Berichtigung. Zu dem -\ufsatz unserer let/K 
Nummer über .Alma von Goethe haben wir zu bc 
merken, dass uns ein kleines Versehn entgangen 1^! 
Der gegenwärtig regierende (jrossherzog (]arl AIl 
\ander trat erst im .labre i8s3 die Regierung an \\n^ 
bitten wir demnach S. Vi«! dahin zu berichtigen, da>^ 
derselbe mit dessen hoher Gemahlin vor dieser Zlh 
noch nicht als »das regierende Paar»; zu bezeichnci; 
war. Dil Rfil. 

Zuschriften. Krlreuliche Zuschritten, die an 
die Redaction einlaufen, werden, insofern sie als 
Goethenotizen Interessantes bieten am besten in 
Kürze hier erwähnt. Herr Di: F. Cnhn, Professor 
an der l'niversität zu Breslau, rühmlichst bekannter 
Naturforscher, schreibt aus Anlass der Festrede Di. 
Elzes bei der (joethe-Feier in Venedig: »dass dei 
Lido von \'enedig durch Goethe eine ähnliche Be- 
deutung für die vergleichende .Anatomie gewonnen 
hat, wie der botanische Garten zu Padua t'ür die 
Morphologie der Pflanzen«. Herr Giurgt: J'tiss, Coun- 
selorat Law in Helena-Montana, Ll.S. Americaschreift 
er wolle dem U'/t//i'r Godhe- l'cn/'/i ebenso angehöi\ 
wie er bereits der Wt'imar.Gurt/K-GiSiilschafl beiu 
treten ist „als ein Fnuud iiihr Bislrehiingcii, 
Keiiiitnis.s di'S lurrlichstcii alli r DicliUr und Diiiki 1 
der Neuzeit zu enveiteni und zu i'en'iilll<nmmihif 
Herr Herting in Greifs'ivold (leider fehlt uns der 
Vorname) fühlt sich veranlasst, durch meine Ausgabe 
der Dramen Goethes (Kürschners Nat.-F^it.) zu dem 
Bilde zum Neusten vvn Plundirsiveilein (das a. a. o. 
I. S. 284 mitgetheilt ist) seine eigenen Deutungs- 
versuche zu übersenden, die uns durchaus erwähnens- . 
werth erscheinen. Vers 39 — 46 ist unter dem 
»Mädchen von schlechten Sitten« das Unwesen des 
Büchernachdrucks gemeint, unter dem auch Goethe 
zu leiden hatte. Schlimm siehts desshalb »in der 
uralten Handlung aus < und die Autoren hungern 
48 — 52. — I_"nter »Pack schwer und gross« ist litr 
grosse Pack zu verstehen, der auf dem Bilde unter 
den Stelzen Wielands liegt, Exemplare des deutschen 
Mercurs. — Unter den Knaben, die sich mit den 
Stelzen Wielands vergeblich zu thun machen, vcr- 
muthet Herting, seien Goethe selbst und Lenz ge- 
meint, was nicht unwahrscheinlich ist, wenn man 
die Verse erwägt: »Vergebens sägst du armes Kind! 
Die Stelzen wie er unsterblich sind'.. Seh)-. 



Verlag des Wiener Goethe -Vereins. — Druckerei des „Illu.strirten Wiener Kxtrabl.-\lts- (15. A. Ihm), 
den Buchhanile) : K. U. Hof- umi Universitäts-Buchhandlung Alfred llöhler. 



J 



DerPr^is eines Jahrgangs für Nicht- 
miurlieder ist 2 fl. (4 M); für Jlit- 
glieder I fl. (2 M.). Mitglieder, die 
einen Jahresbeitrag von 5 fl. zahlen, 
erhalten das Blatt unentgeltlich. Die 
Chronik erscheint um die .Mitte jedes 
Monats. Man abonnirt imLocale des 
Wissenschaftlichen Clubs (Eschen- 
bachgasse) und in allen Buchhand- 
lungen. 



CHRONIK 



Im Auftrage des Wiener Goetke- 
Vereins Herausgeber und verant- 
wortlicher Kcdacteur: 
K. y. Sclircrr. 
Die Rcdaction bildet der Obmann- 
Stellvertreter (Sc/irorr) mit den 
Schriftführern (Egger - MollivaU, 

Karree'). 

Beiträge sind an den Herausgeber 

zu senden. 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 8. 



Wien, Sonntag, den 15. ICai 1887. 



2. Jahrgang. 



INHALT: Aus dem ll'ieiier Coethe-l'ereiil. — Nene Mitglieder. — Mittluilmigen ans il'eiiHar. — yahresversammluug der Gcetlu- 
•selhchttft. — Zu Goethes itaUeniscIter Rehe. — Zu Goetfies TagehücJuyn und Briefeu. — Goethe-Notizen : Das Doppelreicfa. — Goethe und. 
August im Bergwerk. — Beitrüge für den Denkmalfoitds. — Die Bibliotliek des Goetlie-Vereins. 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

In der Aiissihvss- Sitzung am 2':;. .\pril i88~ 
führte Se. Excellenz Freiherr von Bezecny als Obmann- 
Stellvertreter den Vorsitz; ausserdem waren anwesend 
die Schriftführer ; Egger-Möll'd'ald'ani^Kaner, Cassier 
lHosenthal und die Herren Blume, Dr. Kohitsrhek, 
Dr. J/orarvifs, Xordrnanii, Dr. Umlauffwon Fronkivell. 

Cassier Rosen/hal berichtet, dass die Jahres- 
beiträge für 1887 nun fast vollständig theils mittels 
Krlagscheines der Postsparcassa, theils mittels Post- 
auf trags eingezahlt seien ; von 686 Mitgliedern hätten 
aber bisher nur 200 auch den Beitrag für' die 
■Chronik« entrichtet. 

Das Dtiikiiuil - Co?iiite hat in letzter Zeit Zu- 
vchriften an mehrere Yereiac-in Wien gerichtet, um 
die .Aufmerksamkeit derselben auf die Goethe-Denk- 
mal-Angelegenheit zu lenken. — Diese Zuschriften 
wurden bereits vom Oesterr. Alpenclub, der Section 
sAustria« des Deutschen und österr. Alpenvereins, 
vom Nied. - österr. Gewerbeverein, dem Hernalser 
Männergesangverein -> Biedersinn« undderWähringer 
Liedertafel in freundlichster Weise beantwortet. — 
Die beiden Gesangvereine stellen insbesondere öffent- 
liche Productionen zum Besten des Denkmalfonds 
in Aussicht. 

Die Goethe-Society und die Schiller-.\nstaJt in 
-Manchester sprechen den Dank aus für die Zusendung 
der »Chronik des Wiener Goethe-Vereins« ; ebenso 
der Vorstand des »Goethe- National - Museums« in 
Weimar (Hofrath Ruland). - 



Neue Mitglieder seit Februar 1887.*) 

(Fortsetzung.) 
Herr Hans Kn'ighr, Cand. phil., III., ,\lechelgasse 2. 
Frau Emmy Mit/er. VII., Mariahilferstrasse 48. 
Die English-Goe/hi>Society in London (10 Maitland 
Park Road, Havens'tok Hill N, W.) ist als Mit- 
glied dem Vereine beigetreten mit dem Jahres- 
beitrag von rt. 5. 

Stifter: 
Frau Laura Egger von J/id/wii/d. 



"IBeitritts-Anmeldi 
Clubs {I., Eschenbachgas: 



Igen werden in der Kanzlei des Wissensch. 
' 0) entgegengenommen. 



Mittheilungen aus "Weimar. 

(Original-Corresponden/,. I 

Zur Kenntniss der Handschriften Goethes. 

In den „ Grundsätzen für die Weimarschc Goethe- 
Ausgabe^ wird die Forderung gestellt, dass bei den 
Ausführungen über die Beschaffenheit der Goethe- 
Handschriften (im weitesten Sinne) zugleich der 
ÄV/^f/i^tv gedacht werde, von denen die benützte Hand- 
schrift herstammt. In vielen Fällen ist es sehr 
schwierig, dieser Forderung mit voller Sicherheit zu 
genügen, da dies Feld der Goetheforschung bisher 
noch nicht betreten, viel weniger gepflegt worden 
ist. Da Goethe schon beim Eintritt in Weimar es im 
Interesse der ejgenen Prpductivität für erspriesslich 
fand , durch Abschreiber, namentlich auch durch 
Dictiren sich zu entlasten, und diese Gepflogenheit 
bis zum Ende seines Lebens übte, zog er eine Menge 
von Schreibkräften heran, über deren Thätigkeit wir 
mit Ausnahme seiner ständigen Secretaire so gut wie 
nichts wi.ssen. 

In jüngster Zeit und noch rechtzeitig genug hat 
es Dr. Burkhardt in Weimar unternommen, der neuen 
Goethe-Ausgabe in der bezeichneten Richtung vor- 
zuarbeiten. Er durchforschte das Goethesche Rech- 
nungsarchiv, um zunächst festzustellen, in wie weit 
Goethe oder seine Rechnungsführer Ausgaben für 
Schreibarbeiten notirt hatten, zog die vorhandenen 
Originalquittungen über derartige Arbeiten heran 
und konnte mit Hilfe dieser schon eine grosse .An- 
zahl von Handschriften bestimmen, welche zur Zeit 
im Goethe--4rchiv vorliegen. Damit war jedoch die 
Aufgabe nur zum kleinsten Theile gelöst, da die 
Schreiber sehr oft auch ohne .Ausstellung einer Ori- 
giiialquittung abgelohnt wurden. Es blieben zahl- 
reiche Handschriften des Goethe-Archivs übrig, die 
auf diesem Wege nicht bestimmt werden konnten, 
und es musste nun der ungleich schwierigere Ver- 
such gemacht werden, die Aufschlüsse aus actlichen 
Materialien des Weimarschen Staatsarchivs zu er- 
halten. Da Goethe gewohnt war, junge Kräfte mit 
annehmbarer Handschrift in seinem Dienst zu ver- 
wenden, für deren P'ortkommen er auch zu sorgen 
pflegte, so war ein ausserordentlich weites Feld zu 



Chronik des Wiener Goethe- Vereins. 



beherrschen , abgesehen davon, dass er zudringlichen 
Arbeiten und in momentanem Mangel geeigneter 
Kräfte auf Reisen selbst Bediente und Kutscher be- 
nützte, um zum Ziele zu gelangen. 

Dieser Forschung Burkhardts ist es gelungen, 
bis jetzt circa -,0 Schreiber Goethes mit ihren Hand- 
schriften festzustellen, und er ist mit der Direction 
des Goethe-Archivs in fortwährender Verbindung — 
um neuauftauchende Handschriften mit Hilfe der 
Staatsarchive zu iixiren. Sämmtlichc bis jetzt testge- 
stellte Handschriften sind photographirt und zwar 
sind die Photographien aus dm .Materialien ange- 
fertigt, in welchen durch Orii;iiHil-Qiuttungai die 
\bsdiriften Goethescher Arbeiten selbst nachge- 
wiesen werden, oder wo dies nicht der Fall sem 
konnte, sind Briefe mit Original-Unterschriften der 
Schreiber benützt, die einen sicheren Schluss auf 
die Provenienz Goethescher Handschriften gestatten. 
Obwol Burkhardt diese Arbeit bis jetzt im 
Interesse des Goethe - Archivs ausgeführt hat, in 
welchem diese Photographien zur Schriftvergleichung 
niedergelegt sind, gedenkt er diese Arbeit mit wissen- 
schaftlichem Commentar zu versehn und auch zff/A-nv/ 
Kreisen durch den Druck zugänglich zu machen. 

In dieser Arbeit finden sich Notizen über das 
Dienstverhältniss der einzelnen Hilfsarbeiter Goethes, 
biographische Einzelheiten, welche ihre Qualification 
erkennen lassen, auch soll dem Ganzen eine chrono- 
logische Tabelle beigegeben werden, in welcher fest- 
gestellt wird, was Goethe abschreiben Hess oder 
dictirte. Dass das Ganze sehr lehrreich, namentlich 
für die Kritik der Handschriften ausserordentlich 
förderlich sein wird, ist selbstverständlich. Die Photo- 
s;raphien werden, wenn auch nicht in der jetzigen 
Ausdehnung, aber sorgfältig und zweckdienlich ver- 
vielfältigt der Darstellung beigegeben, so dass auch 
-rc/Av-f Kreise, die im Besitz Goethescher Hand- 
schriften sind, sich leicht über die Echtheit und die 
Zeit ihrer Entstehung orientiren können. Wir 
machen schon jetzt auf dies Unternehmen aufmerksam, 
welches vielleicht in einigen Monaten zum Abschluss 
gelangen wird. 

Jahresversammlung der Goethe-Gesellschaft 
in Weimar. 

fla die Einladungen zur Gnhnil-Wrsammliiii}; 
der Goethe-ücsellsrlui/t an alle Mitglieder versendet 
sind, glauben wir von einem Abdruck absehn zu 
sollen und beschränken uns auf Mittheilung der 
Hauptpunkte des Programms. — Sonnabend, den 
2 1. Mai d. J., um ii Uhr, findet im Saal der Er- 
holungs- Gesellschaft zu Weimar die erste Sitzung 
statt. Das Wesentliche der Tagesordnung sind Be- 
richterstattungen, auch über die Bibliothek, über die 
nächste Schrift der Gesellschaft und das Goethe- 
jahrbuch, endlich über das Goethe-Museum und das 
Goethe-Archiv. — Das Hauptinteresse wird aber wol 



in Anspruch, nehmen der Festvortrag des neuen 
Archivdirectors Dr. Suphnii über (ioelhi- und Herder 
und eine Mittheilung luitli Srlimidls iilur cimii innen 

(j(„llu/ll)ld. 

Freitag Nachmittag und Sonnabend von q bis 
12 Uhr ist die Besichtigung des Goeihe-Naticnal- 
mnseums, der Fiirslengruft, des Dichkrzimnurs im 
Schlosse, des Amalicn-Pahiis und Goelheschen Garlen- 
haiises gegen Vorzeigung der Mitgliedskarte gestattet. 

Sonnabend, um 3 Uhr, findet ein i;cmeiiischafl- 
liehes Mahl im Verein (zu 3 Mark), um 7 l hr Vor- 
stellung im Theater statt. 

Die Anmeldungen geschehn durch eine a;- die 
Mitglieder gesendete Karte, die mit den betreifenden 
Wünschen auszufüllen und bis 14. Mai an den Vor- 
sitzenden des Ausschusses der Goethe -Gesellschalt 
in Weimar einzusenden ist. 

Leider hat seit der Ausschreibung der Ver- 
sammlung die Gesellschaft einen schweren Verlust 
erlitten durch den Tod des Vorsitzenden des Ge- 
schäftsausschusses, Herrn August Freiherrn von Loen, 
dessen die Versammlung wol auf das Wärmste ge- 
denken wird. 

Zu Goethes italienischer Reise. 

Innsbruck. 
Wiederholt ist unsere Chronik schon auf Goethes 
italienische Reise zu sprechen gekommen. So in 
Nummer 2, 3 und 5. 

Unser Verein hat auf dem Brenner eine Gedenk- 
tafel errichtet zur Erinnerung an Goethes Aufenthalt 
daselbst vor hundert Jahren und bei den kleinen 
Goethe-Festen in Italien, von denen wir jüngst be- 
richteten, sahen wir an verschiedenen Punkten, wo 
vor hundert Jahren Goethe geweilt, die Erinnerung 
daran wach werden. — In dem »Boten für Tirol und 
Vorarlberg« erschien schon 1885 ein anziehender 
Aufsatz von Prof. Ludw. Schiffner: ..Der goldene 
Adler (Gasthaus) //; Innsbruck- . der auch in Sonder- 
abdrücken in Umlauf ist. Wir entnehmen demselben 
, das Folgende, das in der Reihe der erwähnten That- 
j Sachen nicht fehlen darf, da es sich auf Goethes Auf- 
1 enthalt in Innsbruck bezieht. 

j Im Frühjahre 1 790 war Goethe der verwitweten 

I Herzogin Amalie von Sach.sen-Weimar bis Venedig 
enfegen^ereist. Von der gemeinsamen Rückreise 
j wird uns'"berichtet in Zollers »Geschichte und Denk- 
' Würdigkeiten der Stadt Innsbruck« (1825, 2. Bd. 
S. 237 f): dass die Herzogin »mit ihrem geheimen 
Rathe, dem berühmten Goethe« am 5. Juni 1790 in 
Innsbruck ankam und Tags darauf im Gas/h.ius, 
zum goldenen Adler Atn Besuch der Erzherzogin Elisa- 
beth'^ erhielt, worauf am 7. die Reise nach Sachsen 
fortgesetzt wurde. 

^-Jetzt ist das Zimmer, welches Goethe damals 
im zweiten Stockwerke des Gasthauses bewohnte, 
mit dem Bilde des Dichters geziert und wird noch 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



+3 



immer Von einzelnen Verehrern desselben gern be- 
stellt. Vor nicht langer Zeit verbrachte auch mein 
Freundeskreis zur Weihnachtsvorfeier einen trauten 
Abend daselbst, welchem Anlasse zugleich die gegen- 
wärtigen Eriunerungcn ihre Entstehung verdanken 
(SchifFner a. a. o. S. 7).« — Bekanntlich war nun 
Goethe schon 1 786 auf seiner ersten Reise nach 
Italien in Innsbruck. Er war den 8. September um 
1 I Uhr daselbst angekommen, fand »Innsbruck herr- 
lich in einem breiten reichen Thal zwischen hohen 
Felsen und Gebirgen« gelegen, wollte auch ursprüng- 
lich da bleiben, »aber es liess mir innerlich keine 
Ruhe« sagt er in seinem Tagebuch und er reiste 
schon i.im 2 Uhr ab, um auf den Brenner zu ge- 
langen. N'on dem Gasthause, in dem er damals in 
Innsbruck abgestiegen, machte er nun die Bemerkung : 
■•Tch fand an des Wirths Sohn den leibhaften Söller 
(in den Mitschuldigen). So finde ich nach und nach 
meine Menschen.« 

Schiffner hält für wahrscheinlich, dass er sclion 
damals im goldenen .^dler abgestiegen sei. 

Vielleicht gelingt es den Verehrern Goethes in 
Innsbruck noch, auch diese Frage zu beantworten, 
wozu wir hiermit freundlichst auffordern möchten. — 
Wer I 78(5 der Besitzer des goldenen Adlers in Inns- 
bruck war, wird wol noch festzustellen sein, viel- 
leicht auch : ob derselbe einen Sohn oder einen 
Schwiegersohn gehabt von der Art Söllers. — Un- 
wahrscheinlich ist wol die Annahme, dass sich eine 
etwa stadtbehördliche Einzeichnung der durchreisen- 
den Fremi.'en aus jener Zeit erhalten hätte. Wenn es 
wunderbarer Weise der Fall sein sollte , so haben 
wir uns zu erinnern, dass Goethe, der das In- 
cognito liebte, in Italien sich als Kaufmann Namens 
.lohann Philipp Miillcr aufhielt, so dass er sich auch 
schon in Innsbruck wahrscheinlich so eingezeichnet 
hätte. Wir denken dabei natürlich an Wilhelm in den 
Geschwistern und an Wilhelm Meister, Gestalten in 
denen er eigenste Erfahrungen niedergelegt. Sie ge- 
hörten auch dem Kaufmannsstande an. 

Verona. 
In dem ersten der Epigramme ->\'erona« aus 
Venedig (1700) sagt der Dichter: 

Sarkophagen und Urnen verzierte der I leide mit Le/teii: 
Faunen tanzen umher mit der Bacchantinnen Chor 

So überwältiget Fülle den Tod und die Asche da- 

drinnen 
Scheint im stillen Bezirk noch sich des Lebens zu 

freun. 

Diese Anschauungen gehen von den Anregungen 
Lessings aus, die er in seiner Abhandlung, wie die 
Alten den Tod gebildet, gegeben. Sie stehen dem 
Dichter vor Augen 1786 bei der Betrachtung von alten 
Grabdenkmälern in Verona und er sagt: ^.Hier ist 
ki'iii geharnischUr Mann auf Jen Knieen , der einer 



fröhligen Auferslehttng wartet, hier hat der Künstler 
— immer nur die einfache Gegenwart des Menschen 
hingestellt, ihre Existenz dadurch fortgesetzt und 
bleibend gemacht.« 

Unwillkürlich drängt sich nun die Frage auf, 
wie dem Dichter hier ein geharnischter Mann auf den 
Knieen in den Sinn kommt und was er damit eigent- 
lich sagen will":' Ich habe darauf bereits hingedeutet 
in Goethes Dramen ■:;, XII, möchte aber hier noch 
besonders daran erinnern, weil der bedeutsame Um- 
stand in der schönen, neuen Ausgabe des Tagebuches 
und der Briefe Goethes aus Italien (Schriften der 
Goethe-Gesellschaft, 2. Bd.) unbemerkt blieb. 

Religiöse Scheinheiligkeit, ins Manierirte und 
.\ffectirte ausartende Auffassung der Antike, dazu das 
Umsichgreifen ausländischen Wesens, drückten in der 
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts alle Ursprüng- 
lichkeit nieder. Wie grell abstechend diese mit aller 
Vergangenheit brechende Zeit unmittelbar nach Götz 
von Berlichingens Leben und Thaten eingetreten ist, 
das lässt sich nicht besser kennzeichnen, als mit der 
Abbildung seines Grabdenkmals, die der Ausgabe 
seiner Lebensbeschreibung von 17^1 beigegeben ist. 
Das Grabmal, das eine solche Zeit einem Manne wie 
Götz setzen konnte ! Der gewaltige Götz kniet da mit 
dem süsslichsien Ausdrucke, wie ein der äussersten 
Lammfrömmigkeit beflissener Schuljunge, Haar und 
Bart sorgfältig geschniegelt, im Harnisch und darunter 
stehn die Worte : und er -wardet alhier eine f retige 
anfferstehung. An dieses Bild denkt Goethe in 
Verona ! Selbst diese Worte unter dem Bilde hat er im 
Gedächtniss. Er dachte daran auch schon den 28. No- 
vember 1771, als er an Salzmann schrieb: »Da ich 
einen edlen Vorfahr (die wir leider nur von ihren 
Grahsteinen kennen) im Leben darstelle.« Lebensvolle 
Wahrheit suchte er von Jugend an, so im täglichen 
Leben, wie in der Kunst, bei den Alten und in Italien ! 

Was würde er zu dem heutigen Italien sagen? 
das ja in mancher Richtung erfreulichen .\ufschwung 
nimmt, im Geschmack aber tief unter seiner Ver- 
gangenheit steht ! 

Die Stellung Goethes zu seiner Zeit, die wir 
ihn hier schon mit 22 Jahren einnehmen sehn, 
kennzeichnet sich vollständig an diesem Zuge. Von 
der Geschmacklosigkeit seiner Zeit zurück zur Natur, 
vom Zerrbilde des Götz zum wirklichen Götz führte 
er uns, zum Urquell der Natur und gab so der 
deutschen Bildung Vorbilder, die uns für immer vor 
Geschmacksverirrungen bewahren sollten. 

Wenn man die sentimentalen und im Übeln 
Sinne theatralischen Auftritte auf modernen Gräbern, 
z. B. in Genua sieht, da fühlt man erst den Halt, das 
sichere Mass , das ästhetische Gewissen , Alles was 
deutscher Geschmack den deutschen Classikern dankt 
und was den Italienern, bei grossem Talent, das wir 
immer noch wahrnehmen, in unsern Tagen — zu 
wünschen bleibt. Dabei sei nicht verschwiegen, dass 
auch in Italien ein neuer Morgen zu dämmern scheint. 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



Im Atelier des Meisters Salvatore Albano in Florenz 
■i. B. sehen wir wol schon Gestalten, die uns zu den 
schönsten HolTnungen auf ein neues Avileben der 
Kunst ermutliigen. Sehr. 

Goethe-Notizen. 
Zu Goethes Tagebüchern und Briefen 

(•2. liand der Schriften der (Joethe-Gesellschaft) theilt 
uns Herr Heinrich Preisingcr aus Manchester in 
Kngland folgende \'erbesserungs- Vorschläge mit: 
Seite 151, 18: »ich gehe olft drüber (über den 
Fischmarkt) und Inhuchle-^ {\\r belmchk. Seite 155, 
■i.\ f: '>wie — die vl/üJ.f(? anfing, gegen etc.« für: die 
Messe anfing, zogen. Seite 166, 3 f: »Der Sumpfige 

Theil muss sich — nach und nach hahen'i- für 

hchen. — Es wäre nachzusehn. ob die Handschrift 
diese Lesarten unterstützt? Sie empfehlen sich jeden- 
falls der Erwägung. 

Das Doppelreich. 

In üoethes (jeschwistern, die i 776 entstanden 
sind, sagt Wilhelm, da er irrthümlich der .Meinung 
ist. .Marianne sei für ihn verloren : »Zusammengestürzt 
die i^oldoK Zauherlirücke, die mich in die Wonnen der 
Himmel hinüberführen .sollte!« Die Annahme eines 
Doppelreichs, des Himmels und der Erde, der Ideal- 
welt und der Wirklichkeit, deren Verbindung durch 
eine Brücke zu wünschen sei, spricht Goethe viel später 
noch sehr klar und gefällig aus in dem Briefe an Cotta 
(bei Strehlke: Goethes Briefe i . 1 27) von 1814: 
X Grüssen Sie unseren verdienten Herrn Haug und sagen 
ihm. dass ich leider nicht an seiner Seite fechten kann, 
wenn er der Schönheit und dem Regenbogen den Krieg 
macht, .lenes allgemeine und dies besondere Phänomen 
verbindet ganz eigentlich im sittlichen und sinnlichen 
Sinne den Himnul mit der Erde und wer möchte 
leben ohne sich an einer so herrlichen Vermittlung 
zu erfreuen?« — • --Mso die Sefüinheil (oder die Liebe) 
verbindet den Himmel mit der Erde, wie für die Sinne 
der Regenbogen eine verbindende Zauberbrücke dar- ( 
stc-Ut. — Auch in Goethes .Märchen von der schönen 
Lilie, entstanden 1795, blickt die Anschauung durch. 
Die wunderbare Schlange wird zur herrliehen Briieke, 
die die Idealwelt mit der Wirklichkeit verbindet. — 
Wenn man aber über den Plan des zweiten und 
dritten Theils der natürlichen Tochter nachsinnt, deren 
cr.ster 1 803 erschienen ist, so wird man überrascht 
bei einer Stelle im ersten Theil, in der auf den end- 
lichen Ausgleich der unversöhnlichen Gegensätze 
vor der Revolution hingedeutet wird, auch hier den 
Gedanken an ein Doppelreich anzutreffen, der in 
Zusammenhang mit jenen angeführten Stellen erst 
recht deutlich wird. Die Liebe, die in Goethes Geiste 
alles umfasst was lebt . die sinnliche und die sitt- 
liche Welt, die allgemein gewordene I lumanität muss 



den endlichen .Ausgleich herbeiführen. 
heisst : 



Vi\ii Stelle 



— Manches Missverständnis-s 

Löst unbemerkt, indem die Tage r<illen. 

Durch .Stufenschritte sich in Harmonie. 

Unil ach ! den grössten Abstand weiss die l.iH'c 

Die Erde mit dem Himmel nnszusleiclien .' — 

Nun werden auch deutlich die Worte I-'ausi>. 
2. T. 1942 — 3- Faust hat aus dem Reich der Idealo 
die schöne Helena heraufgezwungen in die Wirklich- 
keit. Er will sie dem Paris entreissen, der sie ent- 
führen will. — Er fa.sst Fuss in der Wirklichkeit 
und sagt : 

Von hier (der Wirklichkcil) 3u> darf der <ieisl mit Geistei 

streiten. 
/)iis Doppelreieh, das grosse, sich bereiten. 

Wir sind nun nicht mehr in Zweifel über do 
Doppelreich. Es ist die Wirklichkeit und die Idealwell. 
Eine Verbindung herzustellen zwischen Beiden ist 
die Aufgabe Fausts, des Helden des unbesieglichtii 
Idealismus. Sehr. 

Goethe und C. August im Bergwerk. 

Durch die (nite meines verehrten Herrn Collegen 
Prof. Fr. Ritter von Rziha werde ich aufmerksam ge- 
macht: dass nach dem Fremdenbuche der Grube Doro- 
thea bei Clausthal am Harze (laut dem soeben erschie- 
nenen Auszuge in der preussischen Zeitschrift für Berg-, 
Hütten- und Salinenwesen, Bd. XXXV, pag. 142) der 
Dichter Goellte als Begleiter Carl Augusts die Gruben 
Dorothea und Carolina befahren hat. Es heisst im 
Fremdenbuche: »Den 13. August 1784 zur Caroline 
eingefahren und zur Dorothea ausgefahren. Carl 
August tiijp., Goethe m'ip.« Wir besitzen von dem- 
selben Tage zwei Briefe Goethes an Frau von Stein. 
In dem ersten gedenkt er gleichfalls des Einfahrens 
in die Grube. 



Beiträge für den Denkmalfonds im Jahre 1887 : 

Reinertrag der drei öffentlichen Vorträge zum Besten 
des Denkmalfonds ö. W. fl. 100 



Für die Bibliothek des Goethe-Vereins ] 

wurden eingesendet : 

Berichte des Freien deutschen Ilochstiftes zvM 
Frankfurt a. M., Jahrgang 1887 — 2. Heft. 

Dr. Ludwig Salomon »Ludwig L'hland«, Eine 
Biographie. (Preis 30 Pf.) 

»Goethe und die Juden« von Ludwig Geiger 
(43 Seiten) aus der Zeitschrift für Geschichte der 
Juden in Deutschland, i. Heft 4. 



Verlag des Wiener (ioethe-Vereins. 
den Buchhandel 



- Druckerei des ,Illustrirten Wiener Extrablatts" (B. A. Ihm). 
K. k. Hof- und Universitäts-Euchhandlung Alfred Holder. 



— Vertrieb (vir 



Der Preis eines Jahrgangs fü r Nicht- 
mitglieder ist 2 B. (4 M.) ; für Mit- 
glieder I fl. (2 M.). Mitglieder, die 
einen Jahresbeitrag von 5 fl. zahlen, 
erhalten das T.latt unentjrelllich. Die 
Chronik erscheint um die Mitte jedes 
Monats. Man abonnirt iinLocale des 
Wissenschaftlichen Clubs (Eschen- 
bachgasse) und in allen Buchhand- 
lungen. 



CHRONIK 



Im Auftrage des VViener Goetho- 
Vereins Herausgeber und verant- 
wortlicher Redacteur. 
A'. y. SchrSer. 
Die Redactioo bildet der Obmann. 
Slellverlreter (Schröer) mit den 
Schriftführern (Egger - MMwatd, 

Karrer). 
Beiträge sind an den Herausgeber 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 0. 



Wien, Sonntag, den 26. Juni 1887. 



2. Jahrgang. 



INHALT : 
Goethe-Denkmal in 
auf dem Brenner. - 



^detK VereinsMen. — Nene Mitglieder und Beitrage. — l'on der Goetlu-GeseUschaft in Weimar. — Der Plat: für ein 
en. — Die Bibliothek. — Die Standbilder Goethes und Mozarts in tl 'ien. — Goethe-Notizen : Goethe-Reliquien. — Goethe 
aschriften. — Au unsere geehrten Leser und Leserinnen in den Bädern und Sommerfrischen. 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

In der Ausschiiss - Sitzung am 2i. Mai 1887 
führte Obmann - Stellvertreter Schn'ier den Vorsitz; 
ausserdem waren anwesend die Ausschussmitglieder 
Blume, Egger, Karrer, Moraivitz, Nordmann und 
Umlatiff von Frankivell. 

Die »Lesehalle der deutschen Studenten« in 
Prag dankt für die Zusendung der »Chronik des 
Wiener Goethe-Vereins«. 

Von den Vereinen , an welche in letzter Zeit 
Zuschriften gerichtet worden waren, antwortete der 
Gesangverein „Arion^ mit der freundlichen Zusage, 
bei einer öffentlichen Production zu Gunsten des 
Goethe-Denkmals mitwirken zu wollen ; der ,, Wiener 
Sängerbund'^ verspricht, Beiträge zum Denkmalfond 
zu leisten und der ^,Club der Eisenbahnbeamteti'~ 
wünscht Einzeichnungslisten , um sie seinen Mit- 
gliedern vorlegen zu können. 

Der .A.usschuss beschliesst, diesen Vereinen für 
ihr freundliches Entgegenkommen den Dank auszu- 
sprechen. 

Nach Blumes Bericht ist der Verleger von „Erich 
Schmidts Characteristiken^^ geneigt, das Buch dem 
Goethe-Verein durch Gerolds Buchhandlung zu einem 
billigeren Preise zu überlassen, wenn eine grössere 
Anzahl von Exemplaren bestellt würde. — Da es bis- 
her üblich war, jenen Mitgliedern des Goethe-Vereins, 
welche einen Jahresbeitrag von 5 fl. zahlen, ein Werk 
lus der Goethe-Literatur auf Vereinskosten zu liefern, 
jo beschliesst der Ausschuss, zu diesem Zwecke das 
Buch von Erich Schmidt anzukaufen und am Schlüsse 
des Jahres den betreffenden Mitgliedern zu liefern. 

Fabriksbesitzer Wirr Bachofen von Echt, Bürger- 
neister von Nussdorf, erklärt seinen Beitritt als 
Stifter und sendet den Betrag von 50 fl. ö. W. 

Auf Antrag des Vorsitzenden bestimmt der 
\usschuss, dass der erste Jahrgang der » Chronik'^ 
nit December 1887 abzuschliessen sei, der zweite 
lahrgang mit Jänner 1 888 zu beginnen habe. Es 
.Verden daher die Nummern 9 — 12 des L Jahrgangs 
n den Monaten Juni, October, November und De- 
:ember l887zur Ausgabe gelangen, imJuli,Augustund 
September dagegen wird keine »Chronik« erscheinen 



Derselbe spricht ferner den Wunsch aus, dass 
gewissen, inVergessenheit gerathenen Goethe-Gedenk- 
stätten in Rom und Pompeji einige Aufmerksamkeit 
zugewendet werde. 

Herr J. Nordmann empfiehlt, dass eine Zuschrift 
des Goethe-Vereins deshalb an den Senator Mole- 
schott in Rom gerichtet werde, der den Kreisen der 
deutschen Gelehrten und Künstler die Sache freund- 
lich empfehlen wolle. 

Der Vorschlag wird angenommen. 

A. E. M. 

Neue Mitglieder seit Februar 1887.*) 

(Fortsetzung.) 
Frau von Obermayer, IX., Berggasse 15.' 
Herr Dr. Theodor v. Meynert, k. k. Hofrath und Pro- 
fessor (5 fl. Jahresbeitrag). 

Stifter: 

Herr Ad. Bachofen von Edit Fabriksbesitzer und 
Bürgermeister von Nussdorf . . . fl. 50. — 



Beitrag für das Goethe-Denkmal in Wien. 

Frau Gabriele Baronin Boniemissza, geborne Gräfin 
Komis fl. 20. — 



Jahresversammlung der Goethe -Ge- 
sellschaft zu Weimar 1887. 

Samstag den 21. Mai 1887 wurde die dritte 
Jahresversammlung der vor zwei Jahren begründeten 
Goethe-Gesellschaft zu Weimar abgehalten. — Im 
Saale der »Erholungs-Gesellschaft« hatten sich meh- 
rere hundert Mitglieder aus Nah und Fern einge- 
funden. Unter den Versammelten begrüsste der Prä- 
sident Dr. Simson den Grossherzog, die Gross- 
herzogin und den Erbprinzen von Weimar und der 
Jahresbericht des Hofrathes Ruland gab ein erfreu- 
liches Bild des Aufschwunges der Gesellschaft. Schon 
ist die Zahl der Mitglieder auf 2600 gestiegen. 



*) Beitritts- Anmeldungen werden in der Kanzlei des Wissensch. 
Clubs {I., Eschenbachgasse 9) ent;;egengen 



46 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



wovon 2100 dem deutschen Reiche, 333 Oesterreich 
angehören; die ühiigen vertheilen sich auf alle Lan- 
der der gebildeten Welt. Bemerkenswerth ist, dass 
203 Mitglieder derEnglish Goethe-Society in London 
sich auch der deutschen Goethe-Gesellschaft ange- 
schlossen haben. Unter den Städten zahlt nUchst 
Berlin und Weimar IC/iv/ die meisten Mitglieder, wo 
unser Goethe-Verein den Boden bereitet. Nach dem 
Berichte des Commercienrathes Dr. Moritz betrugen 
die Einnahmen 44.810 Mark, die Ausgalien 32.839 
Mark. Da der Jahresbeitrag auf 10 Mark festgestellt 
ist, werden der Gesellschaft mit der Zeit bedeutende 
Mittel zu Gebote stehn. 

Bei der Neuwahl einiger Vorstands-Mitglieder 
gedachte man auch des Wiener Goethe-Vereins, 
indem man den Obmann desselben, Se. Excellenz 
Präsidenten Dr. v. Stremayr wählte; ausserdem 
wurden Geheimrath von Loeper in Berlin, Hofrath Ru- 
land, Director des Goethe-Museums, und Professor 
Dr. Suphan, Director des Goethe-Archivs, in den 
Vorstand berufen. 

Die Goiihe-Bihliothek zählt bereits looo Bände 
und erhielt durch Ankauf der Büchersammlung des 
Berliner Antiquars Albert Cohn (um 16.000 Mark) 
eine werthvolle Bereicherung. 

Der Fcstvorlrag des Professors Dr. Siiphan 
handelte über „Goelhe und Herder'^ mit besonderer 
Rücksicht auf die Zeit ihres innig-freundschaftlichen 
Verkehres (1783 — 88). Darauf machte Professor Dr. 
Erich Schmidt aus Berlin hochinteressante »Mitthei- 
lungen über einen neuen Goethefund«, der einiges 
Licht über die Urgestalt der Fausttragödie L Th. 
bringt. Das bekannte Weimarsche Hoffräulein von 
Guchhauseti, die von Goethe oft genannte Thusnelda, 
hatte von der ersten Hauptdichtung eine sorgfältige 
Abschrift genommen und diese wurde vor einigen 
Monaten von Prof. Erich Schmidt im Besitze eines 
Verwandten des HofFräuleins, des Majors von Göch- 
hausen in Dresden, entdeckt. Manche Forscher- 
Hypothesen werden durch diesen Fund bestätigt, 
andere widerlegt, aber im Ganzen wird soviel Auf- 
klärung gebracht, dass diese Mittheilungen von der 
Versammlung mit grossem Enthusiasmus aufgenom- 
men wairden. Wenn dieser Urtext im Herbste ver- 
öffentlicht wird, ist für die Fauststudien der Goethe- 
Forscher eine neue, willkommene Grundlage ge- 
wonnen. 

Den Mitgliedern der Goethe-Gesellschaft war 
auch das Goethe-Hatis zur Besichtigung geöffnet, 
das Studir- und Schlafzimmer Goethes zum ersten 
Male. Die Kunstgegenstände sind bereits geordnet 
und aufgestellt, die naturwissenschaftliche Sammlung 
aber liegt noch im Gartenpavillon und ist nicht zu- 
gänglich. Viele Mitglieder besuchten auch den Raum, 
der Goethes und Schillers Gebeine umschliesst, die 
Weimarsche Fürstengruft. 

Das ganze Fest der Jahresversammlung erhielt 
einen würdigen Abschluss durch die AulTührung der 



^Iphigmie auf Tauris"", bei welcher Fritz Krastd. 
der Liebling des Wiener Publicums, als Orest niu- 
^^''■"kte.*) A. E. M. 



Hofrath J. v. Falke über einen Platz 
für das Goethe-Denkmal in Wien. 

Die Frage um einen möglichen l^latz für Ja^ 
Goethe-Denkmal in Wien, welche in der Jahresver- 
sammlung des (Joethe-Vereins (30. Jänner 1887) an- 
geregt wurde, hat weitere Kreise' beschäftigt und eine 
Autorität in Kunstsachen, wie den Director des Ocst. 
Museums veranlasst, seme Ansicht öffentlich auszu- 
sprechen. Seine Abhandlungüber »WienerMonumente 
und ihre Plätze «**) enthält einen Vorschlag, der ernster 
Erwägung wert ist und den wir den Lesern der »Chro- 
nik» vorzulegen uns für verpflichtet halten. 

»In allerjüngsten Tagen«, sagt Falke, »ist die 
Platzfrage für Goethe wieder angeregt worden. Man 
hat alle Plätze und Gärten in die Beratung gezogen. 
Inmitten der inneren Stadt findet sich in derThat kein 
Platz, auf dem ein Goethe-Denkmal, überhaupt ein 
Denkmal mehr stehn könnte. — Man hat an diu 
Ausmündungen der Teinfaltstrasse und der Bankgassc 
rechts und links vom neuen Burgtheater gedacht. Hier 
würde Goethe in dieselbe Bedrängniss kommen, wie 
Mozart auf dem .\lbrechtplatze. — Der StaJtpark ? 
Der Volksgarten? Warum nicht? Das überaus gelungene 
Goethe-Monument in Berlin steht wunderschön in einer 
runden Lichtung des Thiergartens. — Man hat, ich 
glaube als Letztes, den Garten vor dem Rathhause vor- 
geschlagen und gewiss wird dieser einmal Monumente 
sehn. Aber bevor hier ein Monument errichtet wird, 
muss dieser Garten nach seiner Art völlig umgeschatien 
werden. Das ist unerlässliche Vorbedingung. — Was 
bleibt nun übrig? 

T>tr grosse Platz oder Garten sivischen de?n Schott, 11- 
Ihore und der Votivkirche, zwischen Universität unJ 
Währingerstrasse. Es ist uns unbegreiflich, warum mau 
sich in jeder Monumentfrage gerade gegen diese An 
läge sträubt? Wenn man die äusserste Spitze geilen 
das Schottenthor zu, den unregelmässiijen todten Flec!. , 
welcher von der Maria Theresienstrasse abgeschnitten 
wird, unbeachtet lässt, so hat die ganze Anlage eine 
regelmässige Gestaltung, nach vorn hin sich zuspitzend, 
nah hinten sich erweiternd. Es ist der sc/iünste Pia!: 
in Wien, solange derjenige zwischen Rathhaus unJ 
Theater vom Irrgarten eingenommen wird. Es ist von 
allen Gebäuden ringsum keines, welches unschön wäre ; 
der Platz ist im Gegentheil von einer Reihe künst- 
lerischer Bauten geziert, welche nicht so weit im Stile 
auseinander liegen, um sich gegenseitig im Eindrucke 
zu schädigen. — Und betrachtet man den Platz von 
der idealen Seite, nach der Bestimmung der Gebäude. 

♦) Es sei gestattet, hier die Bemerkung zu wiederholen, d:i<- 
der Cassier des Wiener Goethe-Vereins, Bankier Bernhard Äw.-.- 
Ih.tl, Schottenring 28, ermächtigt und bereit ist, die lahresbeitr«.- 
für die Goflhe-CvstlUcknß in Weimar zu übernehmen. 

*♦) In „Wiener Zeitung' Nr. 40 und 41 (1887). 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



47 



so ist er fürDenkmäler jeder Art und jeden Verdienstes 
geeignet. Die Kirche und das Laienthum, jene in der 
Votivkirche, dieses in den Prachtpalästen, der Krieg 
im Generalcommando, die freie Wissenschaft in der 
Universität und im chemischen Institute, sie stehn 
friedlich nebeneinander und machen den Platz zu einem 
völlig neutralen. Der Kriegsheld kann hier seine Stätte 
finden wie der Mann der Wissenschaft, der Dichter 
und Künstler, der Geistliche und der Staatsmann. 

Freilich ist der Platz zu gross für ein Denkmal ; 
aber das ist ein Glück. — Mit seiner regelmässigen 
Gestaltung, seiner künstlerischen Umgebung, ist er 
wie geschaffen für einen grossartigen Monumenten- 
Platz, der in der Welt seinesgleichen nicht finden 
würde. Was hindert, ein Denkmal nach dem anderen 
hierzu errichten und den verschiedensten Verdiensten 
hier eine gemeinsame Stätte zu bereiten? L'nd durch 
die Gestaltung der ganzen Anlage sind die einzelnen 
Plätze schon wie eingezeichnet in den Grundplan. 

Da sind zunächst rechts und links von der Kirche 
die zwei von Bäumen eingefassten Plätze mit der be- 
wegten Architectur der beiden in deutscher Renaissance 
erbauten Häuser im Hintergrunde ; nach Grösse und 
Umgebung die denkbar passendsten Plätze. Dann haben 
wir innerhalb des Gartens fünf oder eigentlich sechs 
Plätze, alle durch die Baum- und Gebüschgruppen in 
passender Weise angedeutet. Hier könnte Goethe seine 
Stätte finden und mit ihm andere Heroen der Kunst 
und Wissenschaft.« 

Es kann der Sache des Goethe-Denkmals nur 
förderlich sein, wenn die Verhandlung über die Platz- 
frage, einmal in Fluss gebracht, lebhaft fortgesetzt 
wird. — Nach dem Platze wird sich auch der Ent- 
wurf des Denkmals richten müssen und es scheint 
uns geraten, mit der Wahl des Platzes nicht so lange 
zu warten, bis die Mittel aufgebracht sein werden. 
Der Goethe-Verein könnte dann mit allen Mitteln in 
die Lage kommen, keinen Platz, wenigstens keinen 
passenden, mehr zu finden. A. E. M. 



Die Bibliothek des Vereins. 

Dem wiederholt aufgetauchten Wunsche nach 
einem Bericht über den Zuvachs unserer Bibliothek 
dachte man am zweckmässigsten nachzukommen 
durch den Abdruck des alphabetischen Verzeichnisses 
der Bücher, die seit dem Erscheinen des gedruckten 
Katalogs hinzugekommen sind, in der Chronik des 
Vereins. 

Dabei bemerken wir, dass dieser Zuwachs ziem- 
lich gering ist. — Dadurch, da^s das Interesse des 
Vereins in letzter Zeit sich zunächst dem Goethe- 
Denkmal zuwendete, trat die Bibliothek in den Hin- 
tergrund. 

Ermuthigt durch das in jüngster Zeit erwachte 
regere Leben des Vereins, glauben wir hoffen zu 
dürfen, dass von nun an auch von der Bibliothek 



jährliche Berichte und zwar über einen reicheren Zu- 
wachs erscheinen werden. 

Am Schlüsse des ersten gedruckten Katalogs 
sind als Nachtrag 34 Nummern angeführt, die nicht 
mehr in das alphabetische Verzeichniss aufgenommen 
werden konnten. Wir reihen sie in dem Nachfolgen- 
den ein, um den Leser nicht zu nöthigen, an drei 
statt an zwei Orten zu suchen. Diese Nummern sind 
mit einem Stern * bezeichnet. 

* 43 1. .4/Af/4«/, Alb., Goethes Mutter, dazu die Bil- 
der von Goethes Eltern. Illustr. Jugendzeitung 
Wien 1879 Nr. 4 (zugesendet). 
446 B. Le comte Henri de la B. S. Werther : les 

souffrances etc. 
445 Bcniays (s. Hirzel S.). 

4-^9 Btinavs, Mich. — ■ Ueber Kritik und Geschichte 
des GoetheschenTextes. Berlin, Dümmler 1867. 
453 Ä7-«(7)'j-, M. — J. W. Goethe. J. C. Gott- 
sched. Leipzig, Duncker und Humblot 1880 
(Allg. deutsche Biographie). 
444 Biedermann, Wold. Freih. von — , Goethe-For- 
schungen, Frankfurt a. M. — Rütten und 
Loening 1879. 
441 Biehchofsky, Dr. Alb. — Friederike Brion, 

Breslau 1880. 
469 Binder, S. — Sprachbilder aus Goethes Wer- 
ken gesammelt. Selbstverlag Druckerei M. 
Perles in Wien 1886. 
^419 Bikhmann, Ge. — Geflügelte Worte, 8. Aufl. 
1874. 
47 1 Burkhardt, C. A. H. — : Briefe von Goethes 
Mutter an die Herzogin Anna Amalia. Heraus- 
gegeben von — — . Weimar, Verlag der 
Goethe - Gesellschaft 1885 (Schriften der 
Goethe-Gesellschaft i . Band). 
448 Cagliostro. Leben und Thaten des Jos. Balsamo, 
sogenannten Grafen Cagliostro. Nachrichten 
über Freimaurer. Aus den Acten von 1790. 
Frankenthal 1791. 
*4i4 Clavigo, s. Goethe. 
*4I3 Don Carlos, s. Schiller. 
464 Dünizer, Heinr. — (s. auch 470 Goethe, 409 
Lessing). — Charlotte von Stein, ein Lebens- 
bild von , Stuttgart Cotta 1874. 

45 I Dünizer, Heinr. — Goethes Leben von 

Leipzig 1880. 
*409 Düntzer, Heinr. — Lessing als Dramatiker u. 
Dramaturg, Jena 1862. 
410 Düntzer, H. — Wielands Oberon, erläutert 

von , Jena 1 860. 

407 Düntzer, Heinr. — Schiller als lyrischer Dichter 

von , Jena 1864, 2 Bde. 

412 Eckardt, L,\xd\\\^ — : Schiller, erläutert von 

, Jena 1858. 

485 Egger, Alois — : Schiller in Marbach, Wien 

1868. 
461 ^^(7'.f, Dr.Karl — : Briefe von Goethe an Rauch. 
Leipzig 1880 (Zeitschr. für bildende Künste). 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



459 Enslin, Adolf — : Die ersten Theater-Auffüh- 
rungen des Faust. 1 880. 
''4-.i3 Kaust 4. Thcil von (\ r. f.. (Wien), 16. März 
1879. 

470 Faust von Goethe, herausg. von Düntzer, s. 
Goethes Werke. 

457 Faust von Goethe, herausg. von Schröer, s. 
Schröer. 

467 Feldjäger, der junge, s. Goethe. 

462 Fiseher, Kuno — : Briefwechsel zwischen 
Goethe und Göttling 1824 — 1831, herausg. 
von , München 1880. 

488 Fleischer, Siegfried. Deutsche Monatshefte für 
dram. Kunst und Literatur 1878, December. 
Probenummer. 

404 »Frag- und Anzeigungsnachrichten«, ordentl. 
wöchentl., s. Goethes Geburt und Taufe. 

106 Forster, G., s. (Huber Th.). 

425 Freiligrathbibliothek, s. Gerschel. 
'"220 Frese, Julius — Goethe-Briefe aus Fr. Schlos- 
sers Nachlass, herausg. von — — , Stuttgart 
1878. Geschenk des H. Verlegers K. Krabbe. 

447 a. b. c. d.e. {.Geiger, LuJw. — , Goethe- Jahrbuch 

herausg. von . Frankfurt, Rütten und 

Loening 1 880 u. s. w. u. s. w. 

489 Geiger, Ludw., Vierteljahrschrift für Cultur u. 
Literatur der Renaissance, Herausg. v. — — . 
2. Bd., I. Heft. Berlin 1886. A. Hettler — 
Goethe und die Juden. 1887. Geschenk des 
Hrn. Verfassers. 

4-^0 Gentili, RaO'aele — Werther Melodramma in 
tre atti Roma (1862). 

425 Gerschel, L. — Katalog der Bibliothek P'.Freilig- 
raths. Herausg. von L. Walesrode. Stuttgart 
1878. Daselbst S. 63: Autograph Goethes. 

4'^ 1 Goethes Mutter s. Altschul. 

428 Goethe im Tode. Bildniss nach Preller. 

445 a. b. c. Goethe, der junge — s. (Hirzel S.) 

470 Goethes Werke (in Kürschners deutscher Na- 
tional-Literatur. W. Spemann. Ohne Jahr. 
Seit 1882). S. Düntzer, Schröer, Steiner. 

470 a — e. Goethes Gedichte, i — 5. Bd., herausg. 
von H. Düntzer. 

470 f. g. h. (i. k. 1.). Goethes Dramen i. 2. 3. 
(4. S- 6.) Bd., herausg. von K. J. Schröer. 

470 m. Goethes Faust (Dramen 7), herausg. von 
H. Düntzer. 

470 a. Goethes Werke, 3'^. T. — Goethes natur- 
wissensch. Schriften, herausg. von R. Steiner. 

457 a. b. c. Goethes Faust, herausg. von Schröer, 
s. Schröer. 

467 a. b. c. Goethe, a. Der junge Feldjäger in 
franz. und engl. Diensten 1806 — 18 16. Einge- 
führt durch J. W. Goethe. Leipzig 1826. — 
b. 2. Bdchen. — c. Des jungen Feldjägers 
Kriegskamerad. Eingeführt von Goethe, Leipzig 
1826. 



♦404 Goethes Geburt und Taufe. Das Blatt in Orig. 
indem unter dem ordentl. wöchentl. »Frag- und 
Anzeigungs-Nachrichten« den 2. Sept. 174''! 
Goethes Geburt und Taufe angezeigt wird. Ge- 
schenk des Herrn V. Prökl. 

*405 Goethes lyrische Gedichte, erläutert von //. 
Düntzer. Elberfeld 1858. 

*4o6 Goethes Werke, erläutert von //. Düntzer. 
Jena 1855. 2 Bde. 

*4i4 Goethe: Clavigo. Trauerspiel von — . Achte 
Ausg. Leipzig. G./. Göschen. 1787. Geschenk 
des Herrn Dr. Fr. Wibiral. 
Vgl. dazu S. Hirzels Verzeichn. e. Goethebibl. 
S. 32. 
449 Goethe. Tancred. Trauerspiel in 5 Aufzügen 
nach Voltaire von — -..Tübingen 1808. 94Seiten. 
Vgl. S. Hirzel N'erzeichniss. 
452 Grimm. Hermann — . Goethe. Vorlesungen. 

2. Auflage. Berlin 1880. 
482 Haberlandt, Dr. G. — Goethes botanische 
Studien von (Sonderabdruck aus »Hum- 
boldt V, 6«.) 
484 {Hansgirgj s. Marienbader Festalbum. 

*4i I Herders Cid und Herders Legenden, erläutert 
von Düntzer. 1855. Jena. 
445 a. b. c. {Hirzel S.) Der junge Goethe. Seine Briefe 
und Dichtungen von 1764 — 1776. Mit einer 
Einleitung von M. Bernavs. Leipzig. S. Hirzel 
1875. 
440 (Hirzel 'S».) Briefe von Goethe an helvetische 

Freunde. Zum 2 i . Mai 1 867. 
438 Hirzel, Ludwig — . Karl Ruckstuhl. Quellen 
und Forschungen zur Sprache und Culturge- 
schichte der germ. Völker, herausgegeben von 
Bernh. Ten Brink, Wilh. Scherer, Elias Stein- 
meyer. XVII). Strassburg. K. J. Trübner. 1876. 

*426 Hlawacek, Dr. Ed. — Goethe in Carlsbad. Carls- 
bad 1877. Geschenk des Herrn B. Doblhoff. 
Vergl. 466. Russ, Victor. 
481 a. b. c. f. a. Hochstift zu Frankfurt a. M. Be- 
richte des Freien Deutschen Nr. 8. Jahrg. 1882/3. 
Lieferung 3. — b. Ebenso. Berichte von 1 885/6. 
Heft I. — c. Ebenso. 1885/6. Heft 3, 4. — 
d. Ebenso. 1887. 2. Heft. 

*42i Hoefcr, Edmund — Goethe und Charlotte 
von Stein. Stuttgart. Krabbe 1878. Geschenk 
des Herrn Verlegers. 
106 [Hiiber, Therese — ): Forsters Briefwechsel, 
herausgegeben von Th. H. geb. H. 2 Bde. 
Leipzig 1829. 
487 fenilie, Ludwik — : Hernian i Dorota. Poemat 
W dzie wie ciu piesniach J. W. Göthe'go. 
Warszawa Drukiem Jozefa Ungra 1872. 

*4o8 Klopstocks Oden, erläutert von H. Düntzer. 
Jena i 8()0. 
45 () Kühn, Adalbert — Findlinge, betreffend die 
Weimarische Literaturperiode. Weimar. T. F. 
A. Kühn (ohne Jahr). 



Chronik des "Wiener Goethe -Vereins. 



49 



455 Künizel, Hermann - — : Der zweite Theil des 
Goetheschen Faust, neu und vollständig erklärt 
von . Leipzig, H. Härtung & Sohn. 1877. 

40g Lessing als Dramatiker, s. Düntzer. 

468 a. b. c. Loepi-r, G. v. — Goethes Werke. — 

a. 1. Theil. 2. Aufl. Berlin 1882. Gust. Hempel. 

b. 2. Theil. 2. Aufl. 1 883. — c. 3. Theil. 2 Aufl. 
188.4. 

458 Marbach, Oswald — ; Goethes Faust, i. und 

2. Theil, erklärt von . Stuttgart G. J. 

Göschen. 1881. 

484 Marienbader F'est- Album zum 50jährigen Jubi- 
läum im August 1868. Marienbad. Verlag 
E. A. Götz (Darin : Goethe in Marienbad von 
V. Hansgirg). 

478 Martin, Ernst — ■ : s. Seuflfert. Neudrucke. 

486 Mendehsohn-Barlholdy, Dr. Carl . Goethe 

und Felix Mendelssohn - Bartholdy. Leipzig. 
S. Hirzel 1871. 

492 Minor, i. und A. Sauer. Studien zur Goethe- 
philologie von — - — . Wien 1880. C. Konegen. 

483 Müller, Prof. F. Max — : Goethe and Carlyle. 
(Publications ofthe english Goethe — Society 
Nr. I.) London 1886. 
*42 7 Nicolai, Friedrich — : Anhang zu Friedrich 
Schillers Musenalmanach für das Jahr 1797. 
Berlin und Stettin (ohne Jahr). Geschenk des 
Herrn Dr. Fr. Wibiral. 

442 a. b. Ölungen, Alexander von — Goethes Faust. 
2 Bände. Erlangen 1880. 

437 Pereis, Martin — : Vorträge über Sinnesem- 
pfindungen. München 1876. Geschenk des 
Herrn Verfassers. 
*428 Preller, Friedrich — : Goethe im Tode. Nach 
dessen Zeichnung. Geschenk des Herrn Dr. 
A. Kolatschek. 
*42 2 a. b. Prökl, Vinc. — : Eger und das Egerland. 
2 Bde. 2. Auflage 1877. Geschenk des Herrn 
Verfassers. 
*42 3 Prökl, Vinc. • — ; Goethe in Eger. Wien. Gerold 
und Co. 1879. Geschenk des Herrn Verfassers. 
*432 Russ, Dr. V. W. — : Festrede zur Enthüllung 
des Goethe-Denkmals in Eger, i. Juni 187g. 
Geschenk des Herrn Verfassers. 

466 Russ, Dr. Victor — : Goethe in Karlsbad. 2. ver- 
mehrte Auflage der Schrift Hlawaceks, s. d. 
426. Karlsbad, Leipzig, Wien 1883. 

4QO Salomon, Dr. Ludw. — Ludwig Uhland. Eine 
Biographie. Geschenk des Verfassers. 

492 Sauer, s. Minor. 

474 Scherer, Wilh. — : Aufsätze über Goethe. Berlin, 

Weidmann 1886. 

*4I5 — 418. Schillers Musenalmanach für 1797. Neu- 

strelitz; Michaelis. 416 für I7g8, 417 I7g9, 

418 1800. Geschenk des Hrn. Dr. Fr. Wibiral. 

413 Schiller. Dom Carlos von Fr. — . Leipzig, 
G. J. Göschen. 1787. Geschenk des Hrn. Dr. 
Fr. Wibiral. 



412 



4Ö5 
457 



457 
457 

"436 



434 
435 
480 

475 
476 

477 
478 

479 



403 
473 



Schiller erläutert, s. Eckardt. 407 Düntzer. 
(Schmidt, Erich — ). Tagebücher und Briefe 
Goethes aus Italien an Frau von Stein und 
Herder. Weimar. Verlag der Goethe -Gesell- 
schaft 1886. — Schriften der Goethe-Gesell- 
schaft, 2. Bd. vgl. (Burkhardt). 
Schramm, W. C. — Goethe als Pädagog. 
Leipzig 1880. 

a. b. c. Schröer, K. J. — : Goethes Faust mit 
Einleitung und fortlaufender Erklärung, i . Th. 
(erste Aufl.) Heilbronn, Gebrüder Henninger. 
1 880. Geschenk des Verfassers. 

b. Ebenso. 2. Th. Geschenk der Herren Verleger. 

c. Ebenso. Erster. 2. Auflage. 1886. Geschenk 
der Herren Verleger. 

Schrikr, K. J. — Die Entstehung von Goethes 

Faust von . Sonderabdruck aus Wester- 

manns illustrirten deutschen Monatsheften. 
Braunschweig, G. Westermann 187g. August. 
Geschenk des Verfassers. 

Schröer, K. J. — - Goethes äussere Erscheinung, 
mit 13 Bildnissen Goethes und seiner Eltern. 
Wien, Hartleben 1877. Geschenk des Verf. 
Schröer, K. J. — Goethe und Marianne Wil- 
lemer. Ausschnitte aus der Frankfurter Zeitung, 
Februar 1878. Geschenk des Verfassers. 
Schröer, K. J. — Die Aufführung des ganzen 
Faust auf dem Wiener Hofburgtheater, be- 
sprochen von — . Heilbronn, Gebr. Hen- 
ninger 1883. Geschenk der Herren Verleger. 
Schröer, K. J. — Goethe und die Liebe. Zwei 
Vorträge von . Heilbronn, Gebr. Hen- 
ninger 1884. Geschenk der Herren Verleger. 
[Settffert, Bernhard : — Deutsche Literatur- 
Denkmale in Neudrucken herausgegeben von 

). Die guten Frauen von Goethe mit 

Nachdrucken der Original-Kupfer. Heilbronn. 
Gebr. Henninger. 1885. Geschenk der Herren 
Verleger. 

(Wie oben). Faust, ein Fragment von Goethe. 
Heilbr., Gebr. Henninger 1882. Geschenk der 
Herren Verleger. 

(Wie oben). Ephemerides und Volkslieder von 
Goethe, herausgegeben von E. Martin. Heil- 
bronn, Gebr. Henninger 1883. Geschenk der 
Herren Verleger. 

(Wie oben). Frankfurter Gelehrte-Anzeigen. 
Erste Hälfte. Heilbronn, Gebr. Henninger 1 882. 
Zweite Hälfte 1883. (Ein Beitrag Wilh. Scherers 
S. I— XC. Vorbemerk. Seufferts XCI — CVIH. 
Personenregister CXXIX). Geschenk der Herren 
Verleger. 
Soret, s. Uhde. 

Steiner, Rudolf — : Grundlinien einer Erkennt- 
nisstheorie der Goetheschen Weltanschauung 

mit besonderer Rücksicht auf Schiller von . 

Berlin und Stuttgart. Verlag von W. Spemann 
1886. Geschenk des Herrn Verfassers. 



5° 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



463 
»424 

454 
443 



425 

*420 



Uhdf, Hermann — : Goethes Briefe an Soret. 
Stuttgart. Cotta 1877. 

Unßiiil, Ludw. — : Goethelitcratur von . 

München 187S. L. Inllad. (}eschenk des Herrn 
W. Ascher. 

Wukcral, Dr. H. — (Joethes Iphigenie tür die 
Schule erläutert. Paderborn i 880. 

(Wi,v/-, Dr. G. II. Otto — : (Joethes Vaterhaus. 
Frankfurt a. M. im Freien Deutschen lloch- 
stift. 1863. 

Waksrod'e, Ludwig — s. Gerschel. 

Weisstein, Gotthilf — : Zwei Gocthc-Rellquien. 

Marburg l87(). Geschenk des Hrn. Heraus- 
gebers. 

(Schhiss folgt in nächster NumniPi.) 



Die Standbilder Goethes und Mozarts 
in Wien. 

Wenn man auf Vergnügungsreisen all den Stand- 
bildern in den Städten, die besonders in neuerer Zeit 
in grosser Menge errichtet sind, seine Aufmerksam- 
keit zuwendet , kann man geradezu denkmalmüd 
werden ! — Mit Schrecken gesteht man sich, dass 
doch nur gar zu selten eines oder das andere dieser 
Kunstwerke uns wirklich erfreut, fesselt ; dass es ge- 
lungen, überzeugend motivirt erscheint! Und so macht 
denn im Ganzen die Erscheinung den Eindruck der 
Mode und damit hängt dann auch natürlich zusammen 
eine gewisse Gleichgültigkeit gegen den Gegenstand ; 
manchmal scheint es, als sollte nicht er selbst gefeiert 
werden, als diente er nur als willkommenes Motiv der 
Denkmalsucht. Sie sieht daraus hervor, eine Schwester 
der Jubelfeiersucht der Zeit. Sie macht uns durch 
ihr epidemisches Auftreten irre an der vollen Wahr- 
heit der Pietät, die bei all den Denkmalen und Ju- 
biläen kundgegeben wird. — Diese Anschauungen wird 
man vielleicht ketzerisch und grämlich finden. Ich 
selbst würde ihnen misstrauen, wenn ich in meiner 
Erinnerung nicht Ausnahmen entdeckte. Ich denke 
an unser j'osefs-Denkmal und all die ergreifenden ge- 
schichtlichen Momente, in denen es sich zu beleben 
schien, wenn Tausende sich herandrängten und ihm 
eine spontane Huldigung darbrachten ! — Aber auch 
an unser Schiller-Denkmal darf ich erinnern. Wie 
ganz Wien sich erhob, als 1859 ein provisorisches 
Schiller -Denkmal vor der Teinfaltstrasse errichtet 
wurde und ein Sturm der Begeisterung unsere haupt- 
städtische Bevölkerung ergriff; wie dann bei Ent- 
hüllung des vollendeten Denkmals auf dem Schiller- 
platze, 1876, die Flamme desselben Hochsinnes unseres 
Volkes wieder durchschlug. — Mag man kritteln an 
unserm Schiller-Denkmal so viel man will, es bleibt 
doch ein herrliches Wahrzeichen, dessen Bedeutung 
von unserer Bevölkerung innigst empfunden wird. Und 
so sind die Denkmale Schuberts. Beethovens, wie sie 
aus reiner Pietät spontan erwachsen sind, uns werth 
und theuer. So die Heldendenkmale vor der Burg u. A. 



Ich mu.ss nun gestehen, dass ich, bei all meiner 
oben einbekannten Ketzerei gegenüber der Stand- 
bildertendenz der Zeil, nach Errichtung unseres 
Schiller-Denkmals in Wien, doch keinen .\ugenblick 
zweifelte, dass ihm ein (}oethe-Denkmal folgen müsse. 
Ist ja doch ein Godhc-Dcnkmalin Wim ein Bekennlniss, 
ein Bekenntniss, das den Bekenner ehrt und ihn er- 
heben muss, ein Bekenntniss, dessen sich der Ge- 
bildete nicht cntschlagen kann, indem er fühlt, dass 
seine Verehrung Schillers in bedenklichstem Licht 
erscheinen müsste, wenn seine Würdigung Goethes 
hinter ihr zurückblicbe. Wie hoch ihn Schiller stellte, 
wissen wir; wer Goethe weniger hoch stellte als er, 
der verstünde auch Schiller schlecht. Die Popularität 
Schillers ist grösser im Gebiete der deutschen Zunge 
als die Goethes ; die Wirkung Goethes in Deutschland 
und über die Grenzen der deutschen Zunge hinaus ist 
aber eine bei Weitem tiefer gehende. Man braucht 
nur an den Umfang der Goethe-Literatur zu erinnern, 
um zu erkennen, wie tief anregend Goethe in Deutsch- 
land nachwirkt, mehr noch wird man aber über- 
rascht, wenn man den Umfang dieser Literatur in 
England und Frankreich beachtet. Nach allen Seiten 
des Lebens und der Forschung hin wirkt er mit jedem 
Tage immer mächtiger und wird — indem ihn seine 
Zeitgenossen in seiner letzten Zeit als überlebt an- 
sehn wollten — erst jetzt, ein halbes .lahrhundert 
nach seinem Tode, als derjenige erkannt, der seiner 
Zeit w€it vorausgeeilt war und noch nicht eingeholt 
ist! —Niemand erkannte ihn in seiner ganzen Grösse, 
so lange er lebte, so wie Schiller. Mit ihm zusammen 
fühlte %r sich auf Einer Bildungshöhe — meinem 
geistigen Montserrat« — die einen Gipfel der Mensch- 
heit bildet. Selbst in Frankreich schweigt die na- 
tionale Gereiztheit vor Goethes Namen ; jeder Bücher- 
markt bringt französische Schriften über Goethe, der 
VerehrungVoU! — Goethes weithin sichtbare, hoch- 
ragende Gestalt ist uns gleichsam ein Symbol deutscher 
Bildung, die uns Deutschen in Oesterreich unsere 
Bedeutung gibt für unser österreichisches Gesammt- 
vaterland ; ist sie ja doch die einzige Culturquelle 
für uns, ein Hochstrahlbrunnen , aus dem alle Völker 
des Reichs Belehrung und Erquickung schöpfen. Sie 
findet ihren vollsten Ausdruck in Wien, darum gra- 
vitiren wir — und mit uns bewusst und unbewusst das 
ganze Reich nach Wien und darum muss Wien neben 
einem Denkmal Schillers ein Goethe-Denkmal haben! 
Der liefen Wahrheit des hiemit Angedeuteten 
gegenüber müssen alle Bedenken der Beschränktheit 
verschämt verstummen. Oder sollte wirklich eine 
banausische Gesinnung es wagen, hervorzutreten mit 
der Ansicht : wir Deutsch-Oesterreicher dürften nur 
solche Deutsche verehren, die Deutsch-Oesterreichor 
sind? Das fürchte ich nicht. Dass man unserer 
deutschen Bildung nicht den Wipfel abhauen dari. 
dass man sie dem Deutsch-Oesterreicher nicht zuc. 
stutz; wird zumuthen wollen, darüber nur ein Wort 
zu verlieren, wäre Verschwendung. — Ob Mozart in 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



Salzburg, ob Beethoven in Bonn geboren ist, sie 
schufen Beide deutsche Musik , ob Grillparzer ein 
Wiener, ob Goethe ein Frankfurter ist, beide Namen 
wird sich die deutsche Literatur nicht nehmen lassen 
und bei den Denkmälern Schillers und Beethovens 
in Wien ist es Niemand eingefallen, sich dadurch 
irgendwie irritiren zu lassen, dass sie in Bonn und 
Marbach geboren sind. — Darum ist denn die Er- 
richtung eines Goethe-Denkmals in Wien eine erfreu- 
liche, eine gute Sache. So gut, dass sie nichts zu 
fürchten hat. 

Eine ganz eigenthümliche Erscheinung ist es nun, 
dass bald nach dem Auftauchen der Bemühungen zur Er- 
richtung eines Goethe-Standbildes, ein Aufruf zu Samm- 
lungen für ein Mozart - Denkmal in Wien erfolgt ist. 

Es ist ja nicht zu leugnen, das gleichzeitige Auf- 
treten zweier solcher Unternehmungen hat etwas Be- 
denkliches. — Ich muss gestehn , ich konnte bei 
alledem nicht umhin, mich darüber nur zu freuen! 
Beide Namen sind so gross, dass Beide Unterneh- 
mungen nichts zu fürchten haben! — An und für 
sich hat das gleichzeitige Auftreten dieser beiden Be- 
strebungen für diese zwei Sterne erster Grösse etwas 
ungemein Erhebendes ! Möge dem im Reiche des 
Schönen vom Glück begünstigten Wien doch auch 
das noch zu Theil werden, dass die Aufgaben, die 
sich hier stellen und die ganz einzig in ihrer Art 
sind, glücklich gelöst werden! Die beiden Wolfgang: 
Johann Wolfgang Goethe und Wolfgang Amadeus 
Mozart; auch zwei deutsche Dioskuren ! Natürlich 
jeder für sich seinen eigenen Platz beanspruchend. 
Mozart wird, wenn wir recht unterrichtet sind, im 
Volksgarten stehn. Ein glücklicher Gedanke ! *) Die 
Sprache der Musik ist einem weiteren Kreise ver- 
ständlich als die der Dichtung und es überrascht 
uns nicht, wenn das Mozart- Denkmal, dem ange- 
messen , auch in weiteren Kreisen Anklang findet. 
Aber auch um das Goethe - Denkmal ist uns nicht 
bange, llnser Burgtheater hat nicht vergebens so 
grosses , ja Unerreichtes geleistet in Darstellung 
Goethescher Dramen, zuletzt des ganzen Faust. Rol- 
letts Goethe-Bildnisse, ein Prachtwerk aus dem Ver- 
lage unsers Braumüller in Wien, hat einem Goethe- 
Denkmal gut vorgearbeitet ! Und so möchte es uns 
denn fast mehr als Zufall scheinen, dass diese zwei 
idealen Fragen — des Goethe- und des Mozart-Denk- 
mals — in einer Zeit, die an sich ziemlich unerfreu- 
lich ist, gleichzeitig auftreten. — Es ist oft her\^or- 
gehoben worden das gleichzeitige Auftreten von 
Zwillingsgeistern, die einander ergänzen und eigent- 
lich von einander grundverschieden sind, wie zwei 
entgegengesetzte Pole. So stand Rafael neben Michel 
Angela, Wolfram von Eschenbach neben Gottfried 
von Strassburg, Schiller neben Goethe, Beethoven 
neben Mozart. Die Verschiedenheit klar zu definiren, 

+) Wenn Mozart uns heim Eingang in den Volksgarten be- 
grusste, konnte weiter hinten vor dem Theseustempel Goethe noch 
sehr schön Platz finden ! Grillparzers Platz ist schon bestimmt. - 
» le wurden diese Gestalten den Volksgarten heben ! 



ist schwer. Man behilft sich nothdürftig mit den Aus- 
drücken subjectiv und objectiv. Die titanischen Na- 
turen, die vom Gedanken ausgehn, nennt man sub- 
jectiv : Michel .Angelo, Wolfram, Schiller, Beethoven. 
Ihnen gegenüber stehn die von der Anschauung Aus- 
gehenden, naiv Schaffenden : Rafael, Gottfried, Goethe, 
Mozart. 

Es ist nun bemerkenswerth, dass hier in Wien 
den titanischen Geistern Schillers und Beethovens, 
beiden früher ein Denkmal erstand, als Goethe und 
Mozart. — Mögen die Standbilder der bisher Verab- 
säumten , obwohl deshalb nicht Geringeren , bald 
nachgeholt werden und nur um so herrlicher ge- 
lingen ! Sehr. 

Goethe-Notizen. 

Goethe-Reliquien. 

Ihre Durchlaucht Frau Fürstin Marie zu Hohen- 
lohe-Schillingsfürst hatte vor Kurzem die Güte, Ge- 
fertigtem drei auf den Altmeister bezügliche Objecte 
zu zeigen, in deren Besitz die hohe Dame zur Zeit 
ihres früheren Aufenthaltes in Weimar gelangt ist. 
Das Eine ist eine Tasse sammt Untertasse von schönem 
Mainzer Porzellan, Imitation von Sevres, bleu du roi, 
Fond mit Golddecor und en grissaille-Malereien in 
Medaillonform. Auf der Tasse Venus mit Täubchen 
und zwei Amoretten, auf der Untertasse gegenüber- 
stehend je ein kleineres Medaillon mit je einem 
sitzenden Putto. Auf der Unterseite am Boden der 
Tasse ist ein Zettel mit folgender Schrift befestigt : 
Weimar, ii. März 1855. 
Tasse, welche der König von Preussen Goethes 
Mutter zum Geschenk machte. Caroline Riemer, geb. 
Ulrich. 

Die Genannte war Witwe des Secretärs von 
Goethe. 

Das Zweite ist ein kleiner Zettel, auf welchem 
mit fremder Schrift der Empfang des Bildes »Der 
Tanzbär« von Preller aus dem Grossherzoglichen 
Museum im Jägerhaus, Weimar, 19. Juni 1829, be- 
stätigt wird. Eigenhändig vom Dichter unterfertigt. 
Drittens eine kleineZc/c//«««^ auf grauem Papier, 
skizzenhaft und leicht getuscht. Sie stellt eine Gebirgs- 
Vedute mit Felsen dar, ohne Stafl'age. Unterschrieben: 
Göthe (sie) 1807 ^'°" fremder Hand. Nach anderen 
sicheren Zeichnungen Goethes möchte ich sie wol 
für seinen Versuch halten. 

Wien, im April 1887. Dr. A. Ilg. 

Goethe auf dem Brenner. 
Im Laufe des Winters wurde im Kreise des Goethe- 
Vereins der Gedanke angeregt, auf dem Brenner ein 
weithin sichtbares Zeichen der Erinnerung an Goethes 
Anwesenheit auf dem Brenner 1786 in der Art an- 
zubringen, dass man den Namen des Dichters auf eine 
Felswand schriebe, die von der Eisenbahn aus sicht- 
bar ist. — Dieser Gedanke erwies sich nicht als aus- 
führbar. — Dafür macht nun Professor J. V. Zingerle 
in Innsbruck den Vorschlag, in der Nähe der Eisen- 



52 



Chronik des Wiener Goethe- Vereins. 



bahnstation einen Obelisken oder eine Pyramide aus 
Porphyrblöcken zu errichten und daran eine Gedenk- 
tafel zu befestigen, die von allen Brennerfahrern gesehen 
werden könnte. So anziehend der Gedanke ist, dürfte 
seine Ausführung doch eine schwierige sein, da die 
Kosten auf '^oo fl. berechnet werden. A. E. M. 
Zuschriften. 

Goethe in Amerika. Herr George Voss schreibt 
den 2S- Februar 1. J. aus Helena Montana in Nord- 
amerika. Nachdem er sich sehr freundlich über unsere 
Chronik ausgesprochen, hebt er hervor, dass bei 
Goethe, dem Denker und höchsten Künstler, sein 
Idealismus und seine sittliche Grösse vor Allem her- 
vorzuheben sei, worin er glaube mit uns überein- 
zustimmen. Dafür Hessen sich, wie er später bemerkt, 
unzählige Beweise in seinen Leben und Schriften 
finden, z. B. verschiedene Aussprüche über das, was 
er Pflicht nennt. — Nie hat er sich selbst genug 
gethan, so sehr war er vom Ernst der Pflicht erfüllt. 
Er wird darin ein Lehrer und Führer im höhern und 
höchsten Sinne. — »Ich möchte ihn mit Sophokles 
vergleichen. Goethe und Sophokles sind die zwei 
grossen ethischen Dichter der Weltliteratur: vor 
Allem iveise tmd gui.i. etc. 

»Goethes Einwirkung auf amerikanische An- 
schauungen, sowie die Verwandtschaft seines Geistes 
mit dem unserer Institutionen sind weit bedeutender 
als man gewöhnlich annimmt. Herr von Loeper in 
seiner Faustausgabe deutet sehr schön darauf hin. 
Ich habe Amerikaner gekannt, die sich sehr wenig 
mit amerikanischer Literatur abgaben, die aber im 
Wilhelm Meister lebten und webten und darin den 
Ausdruck wahrer, praktischer Lebensweisheit fanden. 
Persönlich bin ich der Ueberzeugung, dass Goethe, 
der hlichsle Gipfel des Humanismus, dereinst in 
Amerika uns noch als grassier Aposlel des Liebe- 
Evangeliums der Zukunft erscheinen ivird. — Schon 
jetzt ist das höhere intellectuelle Leben Amerikas 
ganz von Goetheschem Geist erfüllt und beeinflusst, 
wiewol die meisten Amerikaner sich dieses Ein- 
flusses nicht bewusst sind.« 

»Hier in Helena steh ich mit meiner Goethe- 
verehrung und mit meinem Goethestudium allein da. 
Um desto mehr lesen wir Goethe im Familienkreise, 
wo er sich als edler ,Tröster und Treiber' erweist. 
Als ich noch im Osten, in Philadelphia lebte, wo ich, 
selbst dem Geiste nach Amerikaner, nur mit Ameri- 
kanern verkehrte , studirten Viele Goethe , aber 
meistens nur die Prosaschriften und Faust. DieUeber- 
setzungen der Gedichte sind schon ungenügend und 
ohne die Gedichte lässt sich doch ein volles Bild 
Goethes kaum gewinnen. — Eine gute Uebersetzung 
des Fräuleins Ellen B. F'lothingham von Goethes Her- 
mann und Dorothea gehört zu den Ausnahmen. Sie 
fand sehr grossen Absatz und wurde eines der ge- 
lesensten, beliebtesten Bücher.« 



Dersich hier aussprechende Eindruck, den Goethe 
besonders auf den englischen Volksstamm in Europa 
und Amerika macht, ist höchst beachtenswert. Es 
stimmt das Obige merkwürdig zu den Anschauungen 
Carlyles. Ihm war Goethe nicht der Dichter, sondern 
»der Lehrer der Weisheit, der ein tolles, von Zweifeln 
erfülltes Universum gefunden und es in ein weises 
Universum des Glaubens, des Wohlklangs, der Ehr- 
furcht verwandelt hat«. S. Goethes und Carlyles Brief- 
wechsel. Berlin W. Hertz. 1887. S. v. 

An unsere geehrten Leser und Leserinnen in 
den Bädern und Sommerfrischen. 

Unser Blatt soll für diesen Sommer nicht ab- 
schliessen, ohne allen freundlichen Gönnern die Inte- 
ressen unseres Vereins zu empfehlen und zwar nicht 
nur für den Herbst, wo derselbe seineThätigkeit wieder 
aufnimmt, sondern auch den Sommer über. — Goethes 
Geburtstag fällt den 28. August. Für eine Feier des 
Tages in der Hauptstadt trifft es sich ungünstig, dass 
gerade um diese Zeit ein grosser Teil der Bevölkerung 
abwesend ist. 

F^s wäre die Frage erwägenswert: Ob nicht an 
den Badeorten und überall, wo unsere Freunde den 
Sommer zubringen, Goethe-Feste veranlasst werden 
könnten, die an manchen Orten auch einen Ertrag für 
das Goethe-Denkmal in Wien erzielen dürften, wenn 
dies auch nicht der einzige Zweck eines Goethe-Festes 
sein soll. 

F:inen Gedenktag zu Ehren Goethes zu feiern ist 
ein sich selbst rechtfertigendes Ziel. 

Ueberall zerstreut trift't man Sänger, Künstler 
aller Art, die ein solches Fest mit leichter Mühe zu 
verherrlichen im Stande sind. Es bedarf oft nur der 
Anregung, der Bildung eines Comites, um ein solches 
Fest ins Leben zu rufen. Musik und Vorträge Goethe- 
scher Dichtungen finden sich bald, die Aufforderung, 
womöglich in Kostümen Goethescher Dichtungsge- 
stalten zu erscheinen, lebende Bilder darzustellen, regt 
an und ein solches Fest kann, mit geringem Auf- 
wand, belebend wirken auf die sämmtlichen Gäste eines 
Ortes und dem Orte zur grossen Ehre gereichen. 

Lebende Bilder in »Rembrandtbeleuchtung« im 
Freien, wie Goethe selbt eines beschreibt*); kleine 
Aufführungen, z. B. Goethes Fischerin, wenn die 
Gegend sich dazu eignet, u. dgl. andere heitere Unter- 
nehmungen müssten bei der oft beklagten Steifigkeit 
und Langweiligkeit eines Sommerortes eine wahre 
Erquickung sein ! 

Möchten besonders unsere F'rauen daran denken, 
dergleichen ins Leben zu rufen; je weniger anspruchs- 
voll es unternommen wird, destoweniger kann es 
misslingen ! — — -}'■ 



Berichtigung. In Xr. 
„]'erona" zu streichen. 



8, S. 43a, Zeile 15 v, u. ist 



,Das Luisenfest, gefeiert We 



1 9. Juli 1778,- 



Verlag des Wiener Goethe -Vereins, 
den Buchhandel 



- Druckerei des „Ulustrirten Wiener Extrablatts" (B. A. Ihm). — Vertrieb für 
K. k. Hof- und Universitäts-Buchhandlung Alfred Holder. 



DerPre 


s eines Jah 


gangsfijr Nicht- 




er ist 2 fl. 


(4 M.); für .Mit- 


glieder 


. fl. (2 M.: 


iMitglieder, die 


einen Ja 


hresbeitrag von s fl. zahlen, 


erhalten 


das Blatt u 


nentgeltlich. Die 


Chronik 


erscheint u 


m die .Mitte jedes 


Monats. 


Man abonn 


irt imLocale des 


Wissenschaftlichen 


Clubs (Eschen- 


bachgas 


se) und in 


allen Buchliand- 



CHRONIK 



Jm Auftrage des Wiener Goe 
Vereins Herausgeber und ver 
wörtlicher Redacteur. 
A: y. SchrSer. 
Die Redactioo bildet der Obm: 
Stellvertreter (Scliröcr) mit 
Schriftführern (Eggtr - MM-u 

Beiträge sind an den Herausg< 
zu senden. 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Wien, Sonntag, den 16. September 1887. 



2. Jahrgang. 



INHALT : Ans dem Wiener Goetllt- Verein. — Beitrag zum Goetlie-Denkmitlfonds. — Die Bibliothek des Vereins. — yasefliiue IVessely. 
itmcs Nordmann f. — Erinnerung an Eckermanu. — Zum Goethe-Denkmal in Wien. — Goethe-Notiz : Goelhe auf dem Br 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

In der AusSihuss-Silzutig am -. .luli i88j führte 
Se. Kxcell. Präsident von .S'//>v«c7i vdenV'orsitz. Ausser- 
dem waren anwesend Obmann-Stellvertreter Schriki , 
die Herren Schriftführer Eggir, Karnr und H. 
Moniwitz 

Unter den Einlaufen sind bemerkenswert : eine 
englische Uebersetzung des »Faust« (Claudy) und 
\on iHerrmann und Dorothea« (Tennvson), sowie 
die Schriften der Goethe-Society in London und des 
>; Freien deutschen Hochstiftst in Frankfurt a. M. 

Der Nordhahn-Chth sendet den Retrag von 2ofl. 
zum üoethe-Denkmalfonds. 

6V/;;-(7(v- theilt den Entwurf eines Schreibens des 
Goethe-Vereins an ProT. Dr. Moleschott in Rom mit 
betreffs der Goethe-Gedenkstätten in Italien. 

Egger bringt mehrere Anträge auf Aenderung 
der Statuten zur Besprechung. — Der wichtigste da- 
runter geht dahin, den geringsten Jahresbeitrag auf 
■2 ß. zu erhöhen, dafür aber die »Chronik« jedem 
.Mitgliede uiuntgeltliih zu liefern. 

Diese Anträge sollen in nächsterZeiteinerausser- 
ordentlichen Generalversammlung vorgelegt werden. 



Beitrag zum Goethe-Denkmalfonds in Wien. 

Der Vorstand des Gremiums der Wiener Buch-, Kunst- 
und Musikalienhändler übersandte als das Ergebniss 
einer Sammlung dem Denkmalfonds . fl. SPQ- — 

Der Nordbahn-Club in Wien .... » 20. — 



Die Bibliothek des Vereins. 

(Schluss.) 
450 Waizd, Carl Gust. — : Aus Weimars goldnen 
Tagen. Dresden 1859. Geschenk des Hrn. Ver- 
fassers. 

Werner, R. M. — : Der Berliner Werther. Salz- 
burg 1878. 

Werther: Les soutfrances du jeune Werther par 
Goethe, traduites par le comte Henri de la B. 
Seconde edition Paris Crapelet 1845. Geschenk 
des Hrn. Dr. L. Weissei. 



'429 
446 



430 Werther melodramma, s. Gentili. 
410 Wielands Oberen, s. Düntzer. 
460 Wohogen. Hans von — : Ueber\'errottung der 
deutschen Sprache. Leipzig. K. W. Schlömp 
1880. 
Nachtrag. Soeben erhält unsere Bibliothek noch 
eine neue Schrift zugesendet, deren Titel wir noch 
hier folgen lassen Robert Keil: Das Goethe-National- 
Museum in Weimar. Erinnerungen an Goethe und Alt- 
Weimar. Weimar, AI. Huschkes Hofbuchhandlung. 
64 Seiten. 

Josephine Wessely. 

Geboren den i8. :MSrz i S6o. (Testorben den 12. Aiigiit 1.SS7. 

:>Nun weint die Welt, und sollten wir nicht 
weinen?« 

In Wien waren so Viele verreist, in den Bädern 
und Sommerfrischen ; auch sie selbst, die Unvergess- 
liche, war in weiter Ferne, als plötzlich und uner- 
wartet der Tod sie ergriff und uns entriss. — L'nd 
nun sah man, fühlte man erst mit einem Male, was 
sie uns gewesen, welche Lücke sie zurücklässt. wie 
teuer sie uns war, durch ihre Kunst, durch Aitn 
Zauber ihrer Anmut, sowie durch ihren seltenen 
menschlichen Wert, den jeder erkennen musste, der 
sie näher kannte. 

Der Goethe-Verein hat sich aber in zweifacher 
Hinsicht ihrer dankbar zu erinnern : einmal iils der 
Darstellerin GoethescherGeslalteii, dann als der Freundin 
unseres Vereins, den sie jederzeit bereit -,var mit ihrer 
Kunst zu erfreun. 

Namentlich dreier Abende haben wir zu geden- 
ken, die uns unvergesslich sind. 

Es war den 15. März 1883, als Erich Schmidt 
im Goethe-Verein über Clavigo sprach, worauf P'räu- 
lein Wessely Goethes Elegie Euphrosyne vortrug. 

Bekanntlich feierte Goethe unter dem Namen 
Euphrosyne die zu früh verstorbene liebenswür- 
dige Künstlerin Christiane Neumann-Beeker (geboren 
15. Dec. 1778, gestorben 22. Sept. 1797). 

Mit tief ergreifenden Tönen sprach Fräulein 
Wessely die rührende Elegie und es lag nahe, sie 



< hninili ilts Wienti (uxtlie -Verein» 



selbst sich als lüiphiosync zu denken, was auch an 
demselben Abende ausgesprochen worden ist. In der 
Klefiie kommt nilmlich der Pentameter vor: 

/■.'iijihriisvih ! Sie ist wieder erstanden vor mir' 
\\\\ anwesender Dichter. I'i'ot'essor Raah, der sie 
nach dem Vortrage begriisste, sagte initer Aiidermmit 
lieziehung darauf: 

liuphrusyne sie ist wieder erstanden in Dir! 
I eber das Antlitz unserer liebenswürdigen l-reundin 
(lüg aber bei diesen Worten ein Schatten und sie 
sagte in Gedanken lür sich hin; Ja, ja; ich habe 
niirs schon oft gesagt: ich werde jimg sterben, wie 
JAiphiosvne 1 — 

Den \\. Mai desselben Jahres icSS-.; fand in 
Hrünn eine Theater-Vorstellung des ("/(/rvX'v und der 
(i,s(h-ivistcr statt von den I lofschauspielern 1 lartmann, 
l.ewinsky. Robert, Schreiner und /•'//. llV.f.sv/r, der 
natürlich die Kollen Clärcliens und .Mariannens zu- 
üelen. Der l-j-trag war von den hochherzigen Künst- 
lern dem (ioethe-Denkmalfonds gewidmet. 

Den 14. December 1885 endlich las bräulein 
(l'(.v,V(7r, nach einem N'ortrage Prof. Schröers, mit 
dessen Mitwirkung: Smuii ,111s docthcs Iphigtiiic. 

Ihr Vortrag machte an dem Abende ausserordent- 
lichen l'Iindruck. wie dies auch in den Berichten der 
Blätter ausgesprochen wurde. — Ks war eine Probe 
jenes höhern Stils, den die Künstlerin anstrebte und von 
dem noch Grosses zu erwarten war. das nun mit ihrem 
'l'ddc abgeschnitten ist. — Sie spielte ihr (irelchen 
mit i.eichtigkeit ; es lag so viel \ om Wesen (jretchens 
in ihrer eigenen Natur und hier Ijeduifle sie keines 
Studiums. Doch war sie, eben zur Zeit ihrer Krkran- 
kung zur Hinsicht gelangt, dass in andern Rollen, die 
sie spielte, noch viel traditionell l'elierkommenes. 
Reste falscher .Sentimentalität, zu erkennen sind, und 
sie ging mit grossem Hrnst daran, alle solche Rollen, 
rein von sentimentaler j'ärbung, mit durchaus naiv- 
wahrem Ausdruck Zur Darstellung zu bringen. Ihre 
Iphigenie, eine Rolle, die sie ja nicht spielte, in der wir 
sie nur an jenem .\bende hörten, war eine Probe 
dieser ihrer ernsten Studien. 

So haben wir denn allen Urimd zu trauern, dass 
es dem luilden Wesen nicht gegönnt war, mit .Allem. 
was noch in ihr schlummerte, her\ or/ulrelen und 
die Welt zu lieglücken 1 

l'Us, die wir sie kannten, und all' den Tau- 
senden, die sie in edlen Kunstleistungen gesehen, 
wird sie unvergesslich in der Erinnerung bleiben und 
ihren allzufrühen Tod weiden wir nie genug beklagen 
können I 

Johannes Nordmann y. 

Hinen sehr schmerzlichen \'erlust erlitt der .Vus- 
schuss des Goethe -Vereins durch das Hinscheiden 
des Schriftstellers /(i/i'<;////c,vjA'vv/w(i'//;/, der am 20. .Au- 
gust 1887 seinen Leiden erlag. Mit aufopferungsvoller 



Treue und mit hoher Kreude an den schönen Zwecken 
des Vereins förderte er denselben durch eine Reihe 
von .lahren mit Rath und 'l"hat. Sein gewichtiges 
publicistisches Wort, seine ideale Gesinnung stellte 
er stets erfolgreich in den l)ienst unsrer N'ereinigung. 

Hs fehlt uns leider der nöthige Raum, um dei- 
Schilderung des Lebens und Wirkens Nordmanns ■ 
vollauf gerecht zu werden. .Mag es uns daher ver- 
gönnt sein, wenigstens die wichtigsten Momente aus 
seinem Leben festzustellen. Johannes Nordmann. 
(Rumpelmayer) wurde am \\. .März 1820 in Krems 
als Sohn armer Kitern geboren. Nach absolvirten 
Studien wendete er sich der literarischen Thätigkeit 
zu; 1 84Ö erschien seine erste .'\rbeit, das sNovellen- 
buch«. Im selben Jahre noch von ihm herausgegebene 
Gedichte wurden in Oes^erreich verboten. Das .lahr 
1848 fand ihn in den Reihen der akademischen 
Legion mit der Walfe und der Keder streitend. Line 
bewegte literarische Zeit folgte für Nordmann, reich 
an Kämpfen und F^rfolgen bis zum Jahre 1858. hi 
diesem Jahre trat er in die Redaction des »Wanderer«, j 
welchem F-Jlatte er bis 1 86() angehörte. Von da ab ! 
bis zu seinem Tode wirkte Nordmann als Redacteur 
der »Neuen Freien Presse«. Die journalistische und 
schriftstellerische Corporation Wiens, »Concordia . 
wählte ihn wiederholt zum Präsidenten. 

So wie unser N'erein ihm stets ein dankbais- 
.-\ndenken bewahren wird, wird Nordmann in weiten 
Kreisen in bester Krinnerung fortleben \ 



Erinnerung an Eckermann, 

\c,n Dr. Herrn. Rollcu. 

Während meines ersten Aufenthaltes zu Jena 
und Weimar in den Jahren 1845 — 46 lernte ich aus 
dem zurückgebliebenen Lichtkreise der strahlenden 
trefflichen Gelehrten D'öheieiner, Gültling, Ki'eser und 
den braven Dr. Weller (bei dem ich sogar längere 
Zeit wohnte); in »///«-.Athen < den liebenswürdigen 
Kanzler J/«7/(7', den ernst-gediegenen Hofrath y?/(7««r, 
den einfach-tüchtigen Ratlr Kriiiiter und — nebst 
.Anderen — auch den schlichten, hochverdienten 
Kekermoiiii. 

Der Letzlere, der bewährte Gehilfe Goethes bei 
der .Ausgabe seiner Werke »letzter Hand« und ver- 
dienstvolle Aufzeichner der Gespräche mit dem, 
Dichter, hatte mein ganz besonderes Interesse erregt. 
Ks war zwar eine Weile in Deutschland vguterTon« 
gewesen, über Eekermaiin mit .> lächelnder .Achtung« zu 
sprechen, wozu wohl hauptsächlich Ileiiie durch seine' 
boshafte /-'(7/r?^;^(y-Parallelc Veranlassung gab ; aber' 
das Verdienst, welches sich Eekermann durch seirf 
Lebensziel erwarb : mit L'nterdrückung seiner eigenen 
kleinen, von Goe/he sogar liebreich geförderten poe- 
tischen Potenz, das ■>^Bild Goethes, soweit es in 
seinen Gesichtskreis fiel, aufzufangen und dauernd 
festzuhalten,« dies unbestreitbare N'erdienst ist jeden- 
falls grösser, als die Wirkung aller muthwilligen oder 



I lirniiik ,1c, Wiener Goclhe -\'(rein>. 



albernen Bemäklungen seines Wesens. Und die An- 
erkennung dieses Verdienstes drang auch bald ent- 
schieden durch. 

Einer meiner ersten Giinge in U',/w,i/- war zu 
Eikeniioiiu. Ich fand ihn in seiner Krdgeschoss- 
wohnung in der Rrauhauserstra.sse einsam und allein. 
Als mir das unscheinbare kleine .Männlein in seinem 
grauen Hausrock entgegen kam, sah ich wahrlich 
eher den einstmaligen Hirtenknaben aus den Marschen, 
als den Vertrauten des Olympiers vor mir. Kr machte 
aber durchaus nicht den »Veteranen der Goethe- 
Freundschaft * geltend. Der Grund des Interesses für 
ihn war ein selbstverständlicher, der nicht erst be- 
rührt iw werden brauchte. Godhc seihst kam auch 
wenig oder gar nicht zur Sprache, und doch war 
Alles, jedes Wort, jeder Blick durchwoben von den 
Fäden, die an GoetJu knüpfen. 

Ks war so einfach bei ihm, sowie er selbst 
erschien. Wenige simple Möbelstücke befanden sich 
im geräumigen Zimmer. Das Auffallendste war, neben 
einer Bücherstelle, eine Anzahl von Vogelbauern : 
auch liefen ein paar grössere dieser von ihm so sehr 
geliebten Schwingenträger frei in der Stube herum. 

-Auf eine .^eusserung von mii-. betreffs seines 
bekannten Bogiiischicssais, öffnete er die angelehnte 
Thür eines Nebenkabinets. in welchem ein Jagdhund 
lagerte, und da sah ich längs der ganzen gegenüber- 
liegenden Wand Bogen an Bogen hängen, und zwar 
manche so gross, dass sie vom Fussboden fast bis 
zur Plafonddecke reichten. f:s waren meist von ihm 
selbst hergestellte, doch befanden sich auch ausländi- 
sche dabei; darunter auch jener, mit welchem bekannt- 
lich Gottlh- ihn einmal überrascht hatte, um — wie 
der gemüthlich-humoristisch gestimmte Spender, in 
Sonne Goclhi- die meisten der damals noch lebenden 
Hauptpersönlichkeiten kennen. In » .S'(7<f/f-.\then « die 
harmlos-drastischer Weise äusserte — dem »närri- 
schen Kerl« eine Freude zu machen. 

Mit Bereitwilligkeit zeigte mir Eckennann, auf 
meine Bitte, den einfachen Mechanismus derselben, 
und er ging dann auch mit mir in das Hausgärtchen, 
um mir das Schiessen mit einem indianischen Bogen 
aus Nordamerika zu zeigen. 

Er war in manchen Dingen recht eigenthümlich, 
aber eine durch und durch gediegene tüchtige, brauch- 
bare Natur, und es erschien sofort begreiflich, dass 
er in seiner Weise ganz zu Goethe passte. 

Der im Jahre 1854 dicht neben der Fürsten- 
gruft in Weimar begrabene Eckennann — dem vom 
Geschick gegönnt war, beinahe ein Jahrzehnt lang im 
Sonnenkreise des vollendetsten Menschengeschöpfes 
zu weilen — lebt wohlthuend in der Erinnerung der 
ihm Genahten fort, und sein Andenken wird nicht 
verblassen in der Welt, die sich um Goethe dreht. 



Zum Goethe-Denkmal in Wien. 

».\n dem Verhällniss zu (ioethe lä.sst sich der 
Bildungsgrad eines .Menschen ermessen^-, sagt ein 
neuerer Romanschriftsteller (B. .\uerbach). Müssen 
wir nun in diesem Sinne die Erkenntniss Goethes 
als (Gradmesser der Bildung allerdings anerkennen, 
so dürfen wir anderseits daran auch die Iloft'nuni: 
knüpfen, dass das gebildete Wien uns zur Seite stehn 
wird in unserm Streben : Goethe ein Denkmal zn er- 
richten, und dass auch die einer gelnldeten Führung 
gern sich anschliessende, kunstliebende »grosse 
Menge« in Oesterreich, wo sich der rechte Anlass 
findet, nicht fehlen wird. — Als das Schiller-Denk- 
mal in Wien seiner Vollendung nahe war. konnte 
man bereits vielfach die Ansicht vernehmen: Das 
nächste Denkmal in Wien müsse ein Goethe- Denkmal 
sein! Gewiss ist der Zusammenhang der Tendenz, die 
ein Schiller-Denkmal schuf, mit unserm Streben, ein 
Goethe-Denkmal zu errichten, kein zufälliger. Konnte 
das nächste Denkmal neben andern inzwischen er- 
standenen auch nicht das Goethes sein, dass es Eines 
der nächsten werde, wollen wir hotten! — Gestatte 
man denn unserm \'erein, der für Erfüllung dieses 
Wunsches eintritt, in diesen Blättern immer wieder 
den Gegenstand zur Sprache zu bringen: l,is das 
Ziel erreicht ist, bis wir zur Enthüllung des Denk- 
mals einladen können! 

Es gilt einem Denkmal, das ein noch fühlbar 
fehlender Schmuck unserer Hauptstadt ist, einem 
Denkmal, nach dem das Auge des besuchenden Fremden 
beim Anblick des Schiller-Denkmals fragen muss, da 
nur durch Beide zusammen der Giebel deutscher Bildum; 
bezeichnet wird. 

Sei es gestattet, an die herrlichen Verse Friedrich 
Rückerts einmal zu erinnern, die wol ein geschrie- 
benes Denkmal unserer Dioskuren sind: 

Zwei Dichter Aveiss ich, die zur höchsten Hohe flogen. 

Und bald Xacbahmun>j, b.ild .gewundrung nach sFch zogen 

Doch zog der Eine meist nach .sich die grössre Schaar, 

Indess des andern die gewählte kleinre Mar. 

Ein hohes Ideal dem Einen schwebte \or. 

Zu dem er unverwandt sein Antlitz hielt empor 

Und seinen Klug; doch nie könnt' es der Flug erreichen; 

Je hoher er sich hob, je buher mussf es weichen. — 

Vom Ideale selbst der andre flog gehoben ; 

Er war stets w-o e5 war, nie unten er, es oben. 

Kein Aeusserliches wars, wonach er ringend stiebte. 

Es war sein Innres selbst, das was er war und lebte l' 

Dem ringe nach! Es kann mit rechter Kraftanwendung 
Der Mensch auf jeder Stuf erreichen die Vollendung. " 

Wenn wir nun auch das Treffende dieser Worte 
erkennen und wissen, dass diesen Unterschied Schiller 
selbst erkannte und aussprach, so hielten wir es doch 
für ein halbes Unrecht gegen Letztern, wenn wir hier 
nicht sogleich auch hervorhüben, worin Schiller, der 
hier in den Schatten gestellt erscheint, doch ganz 
einzig gross war. Dies war wol neben seiner' Er- 
kenntniss Goethes seine heroische Kraft, mit der er 
seine eigne, dem andern polarisch entgegengesetzte 



hniiiik .Ifs Wiener (lottht -Vereins. 



Natur, nach den damit neugestellten Anforderungen 
geradezu umschuf und , über sich selber siegend, 
steigerte! — Goethes Weltanschauung war ihm selbst 
in seiner Jugend nicht gegenstandlich geworden, ob- 
woi sie sich von seinen ersten Jugendwerken an als 
ein weltverjüngendes Klemcnt tausendfältig ankün- 
dete. Sie zog Schiller mächtig an und dieser stand 
ihr nicht immer anerkennend, ja eine Zeit lang selbst 
grollend gegenüber. Bis er daran ging, den Gegen- 
satz seiner Natur zu der Goethes zu analysiren, liis 
er sich als den speculativen, (Joethe als den intuitiven 
(icist erkannte, als den wahren Dichter, den wahren 
.Menschen, dem gegenüber der Philosoph nur als 
eine Carricatur erscheine. Und da ruft er denn endlich 
aus (Brief an Goethe vom 2. Juli 1796): ^dass es 
dem Vortrefflichen gegenüber keine F'reiheit gibt als 
die Liebe«. — Damit war der einzige Bund ge- 
schlossen, der ganz ohne (jleichem ist! — Die Welt 
julielte noch Schillers Jugendwerken zu, tiel ab von 
Goethe und Goethe stand nun allein, da trat Schiller, 
der über seine eignen Jugendwerke längst den Stab 
gebrochen hatte, zu ihm, bereitete ihm eine neue 
Jugend und schuf nun seine grössten Meisterwerke, 
von Wallensteins Lager bis Teil, völlig einig mit 
Goethe, .^uf diesem Bunde beruhen die sichern, tief- 
begründeten ästhetischen .\nschauungen Deutsch- 
lands, die die Höhe deutscher Bildung bezeichnen 
und durch die Deutschland ganz einzig dasteht. 
Schiller hat dieselben in philosophischer Form aus- 
gesprochen, gewonnen hat er sie aber im .Anschaun 
des Goetheschen Geistes, von dem auch die Philo- 
sophen Fichte, Schelling und Hegel erfüllt, ja ausge- 
gangen und angeregt sind. — .Alle schöpfen aus 
Goethe. .Auch das Ausland erkennt immer mehr in 
ihm den l'rquell der neuen Bildung, besonders Eng- 
land und Amerika, ja selbst Frankreich. Goethe ge- 
genüber schweigt der Hader der Nationalitäten, 
sie fühlen sich alle von ihm angezogen wie die Pflanze 
Nom Licht. 

Wenn \ on der L eberlegenheit deutscher Bil- 
dung und deutschen Geschmacks die Rede ist, so 
ist damit die (jrundlage jener Principien gemeint, 
die das Zusammenwirken jener Beiden geschaffen, 
das wir aus ihrem herrlichen Briefwechsel kennen. 
— Ein Schiller - Denkmal ohne das Seilenslück eines 
(ioethe- Denkmals iväre eine Verherrlichung der Ge- 
.se hmacksrichlung Schillers, i'0?i der er sieh selbst auf 
das Jüitschiedenste lossagte, als er sich zur hiichslen 
Höhe sclnvang. 

Indem wir dies erkennen, möchte ich mich 
zuerst an unsere Frauen lüenden, die beide Dichter, 
Schiller so wie Goethe, durch ihre Dichtungen ge- 
feiert haben. Die Frauen haben bei uns in Wien so 
oft den Zauberstab ihrer Macht geschwungen für 
wolthätige. auch für ideale Zwecke. Wir haben 
es bei den Sammlungen für das Schiller-Denkmal er- 



fahren, wo ein Unternehmen von Fftuen. an deren 
Spitze eine hohe Fürstin stand, eine sehr bedeutende 
Summe erzielte. — .Möchte sich doch auch die Macht 
des Ewigweiblichen zu (junsten des Goethe-Denkmals 
bewähren! 

.\ehnliches hoffen wir von unsern Bühnen, von 
unsern Künstlern. Sie erkennen ebenso den Eintluss 
Goethes auf die Kunst, wie sie die Macht besitzen, 
auf einen Wink die Tausende ihrer \'erehrer aus 
allen Kreisen heranzuziehen ! 

-Auch der Journale haben wir zu gedenken. Sie 
waren unserm Unternehmen vom .Anlang an frcund-- 
lich gesinnt, wir dürfen wol darauf zählen, dass sie 
uns auch ferner fördernd zur Seite stehn werden. 
Ihre .Macht wird unsre schwache Stimme vervielfachen 
und unser Wort bekräftigen , dass Goethe in Wien 
sein Denkmal haben soll und haben muss — und 
mögliehst ba/dl 

Goethe-Notiz. 

Goethe auf dem Brenner. 

Dlt .Männergesangverein ..Schubertl/und" in 
Wien unternahm im Juli 1887 eine Sängerfahrt in 
die .Alpen und fand in Graz. Klagenfurt. Innsbruck, 
Bregenz, Salzburg und Linz für seine Liedervorträge 
begeisterten Beifall. 

.Am 20. Juli i88j machte der .Separatzug des 
»Schubertbundes« auf dem Bren?ier kurzen .Aufenthalt. 
Diesen benützte Volksschullehrer Herr Joseph Kugler 
zu einer .Ansprache an die Vereinsgenossen, worin 
er betonte, dass der »Schubertbund«, der das deutsche 
Lied pflege und deutsche .Art und Sitte immerdar 
hochhalte, an dieser Stätte jenes Mannes gedenken 
möge, dem die deutsche Sängerwelt eine Reihe der 
schönsten Lieder verdanke, Lieder, welche unsern 
Meister Schubert zu unsterblichen Tondichtungen 
begeisterten. Dem deutschen Dichter möge darum die 
Sängergemeinde des »Schubertbundes« ihre Huldi- 
gung darbringen an der Stätte, an welcher er vor 
hundert Jahren geweilt, als er seine hoch bedeutsame 
Reise nach Italien angetreten, wie es die Gedenktafel 
an dem Gasthofe besagt. 

Nach dieser erhebenden .Ansprache ertönte in 
mächtigen und begeisterten .Accorden der Wahl- 
spruch des »Schubertbundes«: »Dem Wissen treu, 
im Liede frei« in die .Alpenwelt hinaus, ein lautes 
Zeugniss fiir die Verehrung der österreichischen 
Lehrer- und Sängerwelt für den deutschen Genius. 

Diese sinnige Huldigung des »Schubertbundes« 
bringt uns auch den Vorschlag des Professors 
Zingerle wieder in Erinnerung, auf dem Brenner 
einen Obelisken oder eine Pyramide aus Phorphyr- 
blöcken zu errichten, ein allen Brennerfahrern sicht- 
bares Goethe-Wahrzeichen. Wir zweifeln nicht, dass 
es einer geeigneten Anregung gelingen werde, die 
Kosten dafür aufzubringen. E. M. 



VerLig des Wiener Goethe-Vereins. — Druckerei des „Ulustrirten Wiener Extrablatts" (Franz Suschitzky). — Vertrieb für 
den BuchhandeL K. k. Hof- und Universitäts-Buchhandlung Alfred Holder. 



I )(T Preis eines Jahrgangs für Xicht- 
mitgliedcr isl 2 f.. U -M.); für Mit- 
glieder 1 11. (^ M). Mitglieder, die 
einen Jahresbeitrag vun 5 fl. zahlen, 
erhalten das Blatt unentgeltlich. Die 
Chronik erscheint um die Mitte jedes 
Monats. Alan al^ünoirt im Locale des 
\Vissenscl.aftli.:hen Clubs (Eschen- 
bachgasse, und in allen Huchliand- 



CHRONIK 



Im .Auftrage des U'ienor Goelhe- 
Vereins Herausgeber und verant- 
wortlicher Kedacteur; 
K. y. Sclirccr. 
Die Redaction bildet der Obmann- 
Stellvertreter (Schri'ir) mit den 
Schriftführern _ 1 Eggir - Mill-.rUd, 

Beiträge sind an den Herausgeber 

zu senden. 



WIENER GOETHE-VEREINS. 



Nr. 11. 



Wien, Dienstag, den 15. November 1887. 



2. Jahrgang. 



INHALT : Aus dem It'iener Goellu-Vereiu. — Voll-Vfrsammlutig. — Neue Gi-iiiidbestimmungcit. — CKCthe-AlieiiJc. — Ztn- PlaU/rr.ge 
ioelhe-Ilenkmals. — Üoethe - Religuien. — Goethe-Notizen: Goethes Farbenlehre und der Philosoph in Zomlior. — Goethe - G edenk- 
i^n Italiens. — Heriehtigung. 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

In 1.1er Sitzung des .Ausschusses am 2 1 . October 
1887 waren anwesend: Se. Excell. rw/ Sfremavr als 
Ohmann. Sc/iriit-i als Obmann - Stellvertreter, die 
Schriftführer Ei;,i;cr und Kariei\ ausserdem rc« 
l.iilzinv, Minor. jMoi\uvilz, 7'oii Spii'i;! und ''oii Weilen. 
Nachdem der Vorsitzende den verstorbenen 
.Mitgliedern des Ausschusses: Johannes ^'\rtr(/;«i7;/// und 
Hr. ( ^mlauff-'. Friuikn-tll einige Worte der Erinnerung 
gewidmet hatte, wurde ein Schreiben des Prof. ^lole- 
.■iihd// aus Rom verlesen, welches berichtet, wie er, 
dem .Ansuchen des Wiener Goethe-Nereins folgend, 
die .Aufmerksamkeit auf die Cjoethe-Gedenkstätten in 
Italien gelenkt habe. 

Cassier Rosenthal meldet in einer Zuschrift, dass 
das (rremiuni der Buch-, Kvnst- und Musikalienhändler 
durch Herrn Einsle eine Summe von '^qq fl. für den 
(juethe-Denkmalfonds gespendet habe. — • Der Aus- 
schiiss spricht dem Gremium für diese hochherzige 
Spende den gebührenden Hank aus. 

Die Genossensehafi der hildenden Künstler beant- 
wortet eine Zuschrift des Wiener Goethe-N'ereins vom 
.\pril d. .1. mit der freundlichen Zusicherung, die 
Sache des Goethe-Denkmals kräftig fördern zu\yollen. 

Die Anträge Ei;gers auf Abänderung einzelner 
drundhestimmungeii des Wiener Goei/ie - l'ercins aus 
dem fahre iSSi wurden vom Ausschusse besprochen, 
einige angenommen und andere abgelehnt. — Dann 
wird beschlossen, die neuen »••Grundbestimmungen« 
in der vom .Ausschusse gebilligten Fassung einer 
ausserordentlichen Vollversammlung vorzulegen, die 
im November d. ,1. einberufen werden soll. 

E. M. 

Ausserordentliche 

VOLL -VERSAMMLUNG 

dos 

„WIENER GOETHE -VEREINS". 

Sonntag, den 20. November 1887. um 10 Uhr Vormittages 

Vortrags-Saale des „Wissenschaftlichen Clubs". 

Gegeiistiiiu/: Antrag des Ausscbuise.s ;iuf Abänderung 
einiger Grundbestimmungen des ..Wiener (Joethe- Vereins" 
aus dem Jahre iSSSl. 



Um die Beschlussfähigkeit der Vollversammlung 
zu sichern, werden die Mitglieder dringend ersucht, 
bei dieser Vollversammlung zahlreich zu erscheinen. 
/^er Atissehiiss. 

Neue Grundbestimmungen des Goethe- 
Vereins. 

Jeder thätige Verein fühlt von Zeit zu Zeit das 
Hedürfniss, seine Satzungen den veränderten Bedürf- 
nissen anzupassen. 

Darum hat der Ausschuss des Goethe -Vereins 
in der Sitzung vom 2 i . October 1 887 einigen Anträgen 
auf Abänderung der Grundbestimmungen aus dem 
•iahre 1881 seine Zustimmung ertheilt. Damit diese 
Abänderungen schon fürs nächste Vereinsjahr Geltung 
erhalten, müssen sie von einer ausserordentlichen 
Vollversammlung zum Beschlüsse erhoben und von 
der Behörde genehmigt werden. 

Die wichtigste .Aenderung hat S 4 erfahren, der 
den niedrigsten Jahresbeitrag der .Mitglieder festsetzt. 
Die Erfahrung hat gelehrt, dass ein Goethe -Verein 
bei seiner doppelten .Aufgabe mit einem Mitglieder- 
beitrage von 1 fl. nicht bestehen kann. Es bleibt nur 
die Wahl, entweder die Thätigkeit einzustellen oder 
die Vereinsmittel zu vermehren. Ist die Zahl der 
Goethefreunde in Wien so gross, dass ihr \'erein 
etwas zu schaffen vermag, so werden sie auch die 
Mittel autliringen. Wer irgend ein Verständniss inr 
die Bestrebungen des Goethevereins hat, wird sich 
nicht weigern, jährlich wenigstens z~tei Gulden bei- 
zutragen. 

Die Er höhung des Jahresbeitrages auf zwei Gulden 
wurde zunächst durch den Bestand der »Chronik« ver- 
anlasst. Diese Monatschrift hat sich im ersten Jahre 
als Vereinsorgan bewährt, indem es nicht nur die 
Mitglieder von der Thätigkeit des Ausschusses in 
Kenni-Tiss setzte, sondern auch bemerkenswerthe 
Goethe-Notizen brachte. Dieses Vereinsorgan dürfte 
ein Hauptmifiel werden zur Förderung der Denkmal- 
Angelegenheit. Damit die »Chronik« aber ihren Zweck 
erreicht, muss sie Jedem Mitgliede zukomnien, und 
zwar von vereinswesjen. Die Kosten des ersten Jahr- 



■-,» 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins 



{janges wurden durch die ürossmuth eines Ausschuss- 
Mitgliedes gedeckt, die der Weiter! ulirunf; der 
»Chronik« sollen durch die Erhöhung des .lahres- 
l>eitraf;e.s autgebracht werden. 

Um die Thcihiahme an den (ioelhe - Abenden 
weiteren Kreisen zu ermöglichen, wurde die Ein- 
richtung getrolVen, dass Mitglieder des Goethe- 
Vereins t'ür ihre Angehörigen Familicnkarten lie- 
ziehen können. 

Neu ist auch die Bestimmung, dass die Stiftei- 
heitiiige {50 fl.) dem Denkmaltonds zugewendet werden 
sollen. Es liegt dies so sehr im Sinne einer Stiftung 
und der Stifter selbst, dass dagegen keine Einwendung 
erhoben werden dürfte. — Die übrigen Abänderungen 
beziehen sich nur auf die Verwaltung des Vereins und 
sind nicht von Belang. E. I\I. 



Goethe- Abende. 

Die Goethe-Ahaidc sollen diesmal den 26. No- 
vember 1. J. ihren Anfang nehmen und zwar mit: 
„Fattstsceiien^ mit einer Einleitung über Goethe und 
Korl Laroche", vorgetragen von Prof. üchrSer. — 
Ort und Stunde, sowie die weiter in Aussicht ge- 
nommenen Goethe- Abende sollen noch durch die 
l'agesblätter bekannt gegeben werden. 

Zur Platzfrage des Goethe-Denkmals. 

Wir erhalten eine bcachtcnswerthe Zuschrift, 
der wir das Folgende entnehmen: 

»Die letzte Nummer der Chronik des Goethe- 
Vereins brachte sehr schätzenswerthe Mittheilungen 
und .Anregungen betreffs der Platzfrage für das Goethe- 
Denkmal. — Dass in Wien noch ein Platz gefunden 
werden könne für den Heros der Literatur, ist ausser 
allem Zweifel, dass aber der beste ausgew-ählt werde, 
macht eine reifliche l'eberlegung nothwxndig. Mir 
scheint conform mit der Ansicht der Chronik kein 
Platz geeigneter, als der vor der Votivkirche, ein 
Platz, wie er schöner kaum gedacht werden kann. 
Eine andere Frage ist die, ob die angeregte Idee, 
dort einen Versammlungsplatz für eine Reihe grosser 
Männer zu schaffen, glücklich durchgeführt werden 
könne? Mir scheint da mit Rücksicht auf die nicht 
sehr reguläre .Anlage des Platzes und andere Um- 
stände mancher Zweifel aufzutauchen. Namentlich 
gäbe es einen bedeutenden Widerspruch ab, Goethe 
mit andern Männern zu vereinen und Schiller ein- 
sam vor der Akademie stehn zu haben. Jeder 
müsste fragen: Und Schiller ist nicht in der hohen 
(Corona? 

Icli würde den herrlichen Platz Goethe allein 
votiren. Um dem grossen Platz auch ein ent- 
sprechendes Denkmal einzufügen, würde ich mir fol- 
genden Vorschlag erlauben, wobei ich vorausschicke, 
dass dies meine rein naive, laienmässige .Anschauung 



ist, so dass ich gefasst bin, mir manchen von mir 
nicht vorhergesehenen Einwand entgegengesetzt zu 
sehn. Namentlich ist es die Kostenfrage, über die ich 
mir nicht klar bin, die vielleicht von vornherein das 
ganze Project hinfällig machen wird. Ich meine näm- 
lich, man sollte in der Mitte de;« Platzes einen monu- 
mentalen Brunnen errichten , über dem sich das 
eigentliche Denkmal erheben würde. Der Brunnen 
würde, selbst eine Allegorie, den unerschöpflichen 
Quell darstellen, den uns Goethe in seinen Werken 
geboten; die vier von den Seiten des Denkmalsockels 
ausgehenden Schalen wären mit Reliefs oder voll- 
plastischen Darstellungen zu zieren, die etwa den 
Fischer, den Gesang der Geister. .Mahomei. .lohanna 
Sebus oder andere Stolfe /um .Motiv hätten. 

Das Ganze würde sich über einer Treppenbasis 
erheben und wäre noch mit anderen Darstellungen aus 
den Werken zu schmücken. So Hesse sich ein dem 
Umfang des Platzes äquivalentes Gesammtbild schaffen, 
das auch für sich eine mächtige und grossartige Er- 
scheinung abgäbe. Indem ich mir nochmals zu be- 
tonen erlaube, dass ich mir durchaus kein fach- 
männisches Urtheil beimesse, sondern einfach mein 
kleines Schärflein als Verehrer der grossen Absicht 
bringe*), 

ergebenst 

R. A'.'x 

Goethe-Reliquien. 

Dr. 11g stellt unserem Blatte freundlichst folgende 
Mittheilung zur Verfügung: 

»Im Besitze Ihrer Durchlaucht der Frau Fürstin 
Marie zu Hohenlohe-Schillingsfürst befindet sich ein 
unadressirter Zettel, mit folgenden, von der Hand 
Goethes geschriebenen Worten: 

»Stellen Sie, mein Theuerster, dies unschuldige 
Kunstwerck bey Sich auf, erfreuen Sich, 
mit den lieben Ihrigen, des zierlichen An- 
blicks; in Hoffnung und Aussicht dmn &\x>i\\ 
treuen F'reund noch eine Zeit lang in 
Ihrer Nähe zu wissen. 

»Weimar, Unwandelbar 

d. 5. Dez. 1830.« .1. W. Goethe.« 

Auf einem anderen Zettel, den Gefer- 
tigter als Geschenk Ihrer Durchlaucht besitzt, steht 
mit Bleistift: 

»Wollten Sie wohl, mein Theuerster, 
Beykommendem Ihre geneigte Auf 
mercksamkeit schenken, bis es uns 
vergönnt ist gemeinschat'tlich darüber 
zu berathen. 



») Ob denn der jüngst in V.irsclilag gekonimpne Platz vor; 
Thcscus-Temppl nicht doch »och passender wäre ? er hätte ei 
HinterRrund und bedürfte keiner {jipantischen Fitriiren. 




Chronik de'- Wiener Goethe -Vereins. 



4^ ^'. :?.:7 /Z. <•' 

/»'30 



Dem lieben Frauchen die schönsten 
Grüsse von dem gar loblich wieder ge- 
nesenden. 

»W. d. 30. Nov. G.<. 

1830.« 
Die Schrift (in beiden Zetteln) ist durchaus die 
des Dichters. *) 

Wien, im October 1887. Dr. .\. Ilg.« 

Anmerkung. Der erste Brief ist bereits ge- 
druckt und wir geben ihn trotzdem hier wieder, weil 
er erstens so gut zu dem andern passt, weil er ferner 
eine nähere Beleuchtung verdient und weil wir ihn 
endlich, was die Hauptsache ist, hier mit kleinen 
Ergänzungen geben können. Die Worte, die wir ge- 
sperrt geben [und Aussicht) fehlen im Abdruck. 

Der Brief ist gerichtet an Riemer und steht in 
dessen: Briefe von und an Goethe, Leipzig 1846 
S. 232. Riemer macht zu dem Wort Kt/?!shverck &in 
Sternchen und gibt dazu die Erklärung: »Eine zierlich 
in ..^horn geschnitzte \'ase. auf welche Virgils Verse: 
— — pocula 

Faginä caelatum opus — — 
Lenta quibus toruo facili superacUlita vitis 
Diffuses hedera vestit pallente corvnibos. *") I 

vollkommen passen. Goethe sendete sie als Zeugniss | 
seiner Wiedergenesung von der sein Leben bedrohen- ' 
den Krankheit, die ihm der \'erlust seines einzigen i 
Sohnes zugezogen hatte. 

Als die Nachricht von dem unerwartet plötzlichen 
Tode des einzigen 40 jährigen Sohnes Goethes — 
er war in Rom den 27. October i8-^o verschieden — 
nach Weimar kam. zog sich der greise Dichter von 
der Welt zurück und vermied jede Begegnung. In 
der Nacht vom 24. auf den 25. November wurde er von 
einem heftigen Blutsturz befallen; der Achtzigjährige 
verlor sechs Pfund Blut, so dass man um sein Leben 
besorgt war. — Wir sehen, in welch liebenswürdiger 
Weise er nach seiner darauf erfolgten baldigen Gene- 
sung seinen Wiedereintritt ins Leben seinen Freunden 
bekannt gab. Unsere zwei Zettel haben beide den 
Zweck. Den Schlusssatz des ersten verstehe ich so: 



*) Die Sehr 

i Originals hätti 

-«) DieVen 



1 das IJoppelto verkleinert. In der Gnisse 
1 Raum unseres Blattes überschritten, 
sich : Bucolica ectoga III, 30—39. n. Red. 



So leben Sie denn in der Hortnung und Aussicht, 
mich, den alten Freund, noch eine Zeit lang in Ihrer 
Nähe zu wissen. — 

An wen ist aber der zweite Zettel gerichtet? Er 
ist auch in Weimar unter den im Archiv liegenden 
Briefen und Gopten nicht verzeichnet, wie mich Dr. 
Suphan freundlichst versichert. An Eckermann kann 
er nicht sein. Wir besitzen einen Brief Goethes von 
demselben Tage an Eckermann, wodurch es un- 
möglich ist, diess anzunehmen. Vielleicht an Soret? 
Er redet ihn in Briefen besonders oft mit »mein 
Theuerster« an. — So fehlt uns denn auch jede 
Vermuthung über das »liebe Frauchen«, das der »gar 
löblich wieder Genesende« grüssen lässt. — Noch 
haben wir dem Besitzer des zweiten Briefchens ganz 
besonders zu danken, dass er uns die Nachbildung 
desselben freundlichst gestattete. Der Frau Fürstin 
Hohenlohe haben wir gleichfalls grossen Dank zu 
sagen, indem sie uns gestattete, das Original des Briefes 
an Riemer für das Goet-lie-.\rchiv durchzuzeichnen. 
.S,lir. 

Goethe-Notizen. 

Goethes Farbenlehre und der Philosoph in 
Zombor. 

Unsere Leser erinnern sich wol der Nachricht, 
die diesen Sommer durch die Blätter ging, dass in Folge 
einer Preisausschreibung der philosophischen Gesell- 
schaft von Berlin eine .Abhandlung von einem bis dahin 
unbekannt gebliebenen Gelehrten Eugen Heinrich 
Schmitt aus Zomhor in Ungarn eingelaufen sei, von der 
der Schriftführer der philosophischen Gesellschaft 
bekennt, dass sie durch ihren Gehalt geradezu be- 
rauschend auf ihn gewirkt habe. Und dieser Philosoph 
ist Canzellist beim Gericht in Zombor !*) Ferner werden 
sich unsere Leser erinnern, dass wir in unserer 
7. Nummer einen kleinen Aufsatz Steiners zur Farben- 
lehre gebracht haben, so wie wir überhaupt durchaus 
nicht geneigt sind, den Kampf mit den Gegnern 
Goethes in diesem Puncte verloren zu geben. Es war 
uns daher nach alledem so erfreulich wie überraschend 

. *! Soeben bringen die Pester BlStter die erfreuliche Nachricht, 
»linister Trefort habe den Gericbtscanzellisten Heinr. Eugen Schmitt 
mit Sicherung seines Gehaltes nach Budapest berufen 



( hronik des Wiener Goethe -Vereins 



— von Eugen Heinrich Schinill, dem Philosophen aus 
Zombor, eine Zuschrift zu erhalten, in der er uns 
schreibt, OVMcf /''ar//rn/ekr,f,<i'i fiirihn der Gegenstand 
lani;)ähriger Studien. Ganz in IJebereinstimmung mit 
uiiscrn Anschauungen tindet auch er, dass dem Streite 
über (iocthes Vcrhältniss zu Newton ein grosses Miss- 
verständniss zu (jrunde liege; die immense Bedeutung 
der Karbenlehre (joethes scheine ihm aber ganz wo 
anders zu liegen, als wo man sie sucht. — So sehn wir 
denn auch in dieser Aeusserung eines, wie es scheint 
erfolgreich auttretenden Denkers, ein Symptom für den 
l mschwung in Jen .Anschauungen über Goethes 
wissenschaftliche Schriften, die unsere Tage tiefer 
zu erfassen bestimmt scheinen, als diess bisher ge- 
schehn ist. 

Goethe-Gedenkstätten Italiens. 

Wie bereits mitgetheilt wurde, richtete der 
(joethe -Verein ein Schreiben an Herrn Prof. und 
Senator Dr. J. Moleschott in Rom. Wir entnehmen 
demselben folgendes : 

»Noch besuchen die Italien bereisenden Fremden 
das Hiuis am Corso in Rom Nr. 18, das Goethe he- 
7t'ohnte und das die Gemeinde von Rom 1872 mit 
einer Gedenktafel auszeichnete. Die in den Reise- 
handbü(iliern erwähmc (i'oe/he-A'itei/ir hingegen, sonst 
Trattoria della Campana, via di Monte Savello 78, in 
der Nähe des Marcellustheaters, von der es hei.sst, 
dass sie noch heute von deutschen Künstlern besucht 
und dass sie auch mit einer (jedenktafel geziert sei, 
scheint in letzter Zeit vergessen, mindestens so wenig 
beachtet, dass sie von Fremden vergeblich erfragt wird. 

Hin zweiter Punct betrifft Pomfieji. 

Als im.lahre i8'^() Goethes Geburtstag in Gegen- 
wart seines Sohnes August, von angesehenen Personen 
in Pompeji mit der Ausgrabung eines Hauses gefeiert 
wurde, beschlossen die Theilnehmer, jenes Haus zu 
Khren des Tages Casa di Goethe zu nennen und diess 
dem noch lebenden Dichter mitzutheilen. (ioelhe 
schreibt auf diese Mittheilung zurück: ^Wenn das 
Freigniss einer besonders gewidmeten Ausgrabung 
auch ferner die Folge haben kann, dass unser Name 
heiter in Pompeji von Zeit zu Zeit ausgesprochen 
werde, so ist das einer von den Gedanken, mit denen 
unsere über die Vergangenheit spielende Einbildungs- 
kraft sich angenehm zu beschäftigen, Schmerzen zu 
lindern und an die Stelle des Kntflohenen das Künftige 
sich \orzululden Gelegenheit nimmt.» 

Im nächsten Jahre 1831 wurde in Pompeji 
tloethes Geburtsfest wieder festlich begangen und 
dazu eine Münze geprägt mit der Cmschrift : 
»28. August Pompeji 1831.« — Diess berichtet 
.■\rcbitekt Zahn aus Neapel an Goethe. P-r berichtet 
auch noch von einem weiteren Besuch der Casa di 
(joethe, an dem Sir Walter Scott, der preussische 
Gesandte (iraf Lottum, dei' Cjouverneur der jonischen 



Inseln Sir .•Vdam und Sir William Gell u. v. .\. mit 
Ehrfurcht (Joethes gedachten. 

Die Zeichnungen vomGrundrissder6'(/j<zrf/GoW/;(' 
und des berühmten in diesem Hause ausgegrabenen 
Mosaiks der Ale.xander-Sehlaeht, mit Zahns Brief vom 
28. Februar 1832, war wol die letzte grosse Freude 
Goethes. Er beantwortete die Sendung noch 14 Taue 
vor seinem Tode! 

Der Fremde, der sich dieser Thatsachen erinnert 
und in denselben den bedeutungsvollen Zug Goethes - 
sowie der gebildeten Welt überhaupt — nach Italien 
verehrt, fragt nun in Pompeji vergebens nach der 
Casa di Goethe. Sie heisst jetzt Casa dell Fauno. 
Dieser Name könnte ja bleiben, aber eine kleine (Je- 
denktafel könnte immerhin darauf hinweisen, unter 
welchen Umständen die Ausgrabung des Hauses an 
Goethes Geburtstag begonnen und das Haus Casa di 
Goethe genannt wurde. 

Der Verein bittet nun, diese Zeilen den Genossen- 
schaften deutscher Gelehrten und Künstler in Rom 
gütigst mitzutheilen. x 

Es erfolgte bald darauf eine freundliche Antwori. 
der wir das Wesentliche entnehmen : 

»Günstige Umstände haben es glücklich gefiiui. 
dass ich gleich heute mich für die W'ünschedes Goethe - 
Vereins bethätigen konnte. In unserer Senatssitzun^; 
konnte ich mich mit meinem (Kollegen Fiorelli be- 
sprechen, der an der Spitze aller archäologischen 
Anordnungen steht und sich anheischig gemacht hat. 
sowol für Pompeji, wie hier für den Ort der soge- 
nannten Goethe-Kneipe beim Marcellustheater genau 
Nachforschungen anstellen zu lassen und für Atif- 
reehthaltung der Erinneruni; zu sorgen.« 

»So wie ich Genaueres erfahre, werde ich es — 
zu Händen des Wiener (joethe-Vereins — melden.« 

Wir dürfen demnach noch einer die Sache völlig 
erledigenden freundlichen Nachricht baldigst entgegen- 
sehen. Die Tafel inderCJoethe-Kneipe soll vom König 
Ludwig von Baiern gestiftet sein. 



Berichtigung. In der „Eriniicrunf; an Eckeniiann" 
von Dr. Herrn. A'ot.'ilt in unserer letzten Nummer sind, durch 
ein unliebs.'imes Versehen, beim Druck im ersten Absat£,in 
sinnstörenderWeise zwei Zeilen ausgeblieben, die sich, ebenso 
sinnstörend, im fünften Absatz finden. Diese Zeilen sind d-iher 
in letzterem zu streichen und in den ersten einzufügen, wo- 
nach der richtiggestellte erste Absatz lautet: 

„Während meines ersten Aufenthaltes zu yeiin und 
IVeiiimr in den Jahren 1845 — 46 lernte ich aus dem zurück- 
gebliebenen Lichtkreise der strahlenden Sonne Goetlic die 
meisten der damals noch lebenden Hauptpersiinlichkeiten 
kennen. In „.S'wir/,'- Athen" die trefflichen (ielehrten Döhei- 
I eiuee. Göttiiif^, Kieser \\yh\ den braven Dr. llWter (bei dem ich 
I sogar Längere Zeit wohnte); in „//«/-Athen" den liebens- 
würdigen Kanzler A/n/ter, den ernst -gediegenen Hofratli 
I /Ziemer, den einfach-tüchtigen Rath A'iüu/er und — nebst 
I Anderen — auch den schlichten, hochverdienten /•'etennaiiii.' 
Ein anderes Versehn werden unsere Leser bereits selbst 
berichtigt haben. In Nunmier 10. Seite ^4, erste Sp.ilte 
Zeile 18 von oben, steht i'.'.iri/'u n für Muri.. 



Verlag <le-- Wiener (ioethe-Vereins. — Druckerei des „Illustrirten Wiener Extrablatts" (Franz Suschitzky). — Vertrieb für : 
den Buchhandel : K. k. Hof- und Universitüts-Buchhandlung Alfred Holder. 



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CHRONIK 



in» Auftraffe des Wiener Goetbo- 
Vereins Herausgeber und vcraot- 
wortÜcher Kedacteur. 
A'. y. SchrSer. 
Die Kedactlon bildet der Obmann- 
ttellvertreter (Schroer) mit den 
Schriftrührcrn (Egger - Mollwald, 

Karyer). 
Beiträge sind an den Herausgebor 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 12. 



Wien, Donnerstag, den 15. December 1887. 



2. Jahrgang. 



ht. - - Aus dem Wiener Goethe- Verein, — Neue Mitglieder seit Nffvember rSSy. — Der nächste Goethe-Adend. — 
Jt-mber jSS-7. — Die Bibliothek des Wiener Goethe- Vereins. — Go^thi:-Sotizcn: Ein Goethe-Denkmal in Amerika. 



Zur Nachricht. 

Mit dieser Nummer 1 2 ist der erste Band der 
»Chronik ^< abgeschlossen. 

Die folgenden Nummern werden nach Beschluss 
der Vollversammlung vom 20. November 1887 den 
Mitgliedern unentgeltlich zugestellt. 

Dafür wurde der Jahresbeitrag auf mindestens 
2 Gulden festgesetzt und zwar vom i . Jänner 1888 
angefangen. 

Da fortan die »Chronik« in die Hände sämrat- 
licher Mitglieder gelangt und die Ankündigung der 
Goethe-Abende enthalten wird, entfällt im Jahre 1888 
die Ausgabe besonderer Einladungskarten. 

Wien, 10. December 1887. 

Der Ai/ssc/iiiss. 

Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

Die ausserordcii/liche Vo/hrrstimm/tt/ig am 20. No- 
vember 1 887 wurde vom Obmann - Stellvertreter, 
Prof. Schrikr, eröffnet. Darauf berichtete Schrift- 
führer Egger - Mnlhi'ald über jene Abschnitte der 
Grundbestimmungen, welche nach dem Antrage des 
Ausschvisses eine geänderte Fassung erhalten sollten. 

Nach einer lebhaften Debatte, an der sich Reichs- 
raths-.\bgeordneter Dr. Riiss, Commercialrath Loh- 
7iuyr, Redacteur SchrUcr jun. , Dr. Morawils , Prof. 
Dr. Schipper, Ministerial-Secretär Dr. E. HarJ/ und 
Schriftführer Felix Korrer betheiligten, wurden die 
Anträge des Ausschusses mit geringen Aenderungen 
zum Beschlüsse erhoben. 

Unter den Anwesenden befand sich auch Ober- 
baurath Freih. v. Hansen. 

Die neuen »Grundbestimmungen« sind bereits 
der hohen Statthalterei zur Genehmigung vorgelegt 
und werden mit dem nächsten Jahresberichte unter 
die Mitglieder vertheilt werden. 

In der Sitzung des Ausse/ii/sses am 2. December 
1887 waren Se. Exe. ?•. S/remayr a\s Obmann, Prof. 
Sckrvcr als Obmann-Stellvertreter, die Schriftführer 
Egger und Karrer, die Herren Prof. Dr. Minor und 
Dr. Morawitz anwesend. 



Ihrer Durchlaucht der Frau Fürstin zu Hohen- 
lohe wird für die Spende von Goethes »Morphologie« 
(II, 2) viit eigenhändiger Widmung des Dichters an 
Riemer und Herrn Prof. Erich Schmidt für die Ueber- 
sendung seiner neuesten Verötlentlichung: Goethes 
Faust in der ursprünglichen Gestalt der geziemende 
Dank, schriftlich auszusprechen, beschlossen. 

Auf Grund der neuen Satzungen wurde be- 
schlossen ,' ausser den Mitgliedskarten auch Gast- 
karten zu den Goethe-Abenden für die Familien der 
Mitglieder, um den Betrag von l 11. für die Person 
auszugeben. — Diese werden durch die Kanzlei des 
»Wissenschaftl. Clubs« (I., Eschenbachgasse 9) zu 
beziehen sein. 

Bezüglich der »Chronik« wurde die .Anordnung 
getroflen, dass dieselbe vom Neujahr ab jedem Mit- 
gliede kostenfrei zugestellt, aber nieht mehr den Monat- 
blättern des sW. C.« beigelegt werde. 

Das Vortrags-Comite berichtet, dass Prof. Dr. 
Brandt aus Prag für den 30. December 1887 einen 
Vortrag über ,,J/arlozves Faust," zugesagt habe. Für 
den 27. Jänner 1888 steht ein Vortrag des Prof. 
Dr.Wilhelm Neumanti in Wien über,,s<rt'/ Todtenklagen 
Goethes" in Aussicht und für den 24. Februar ein 
Vortrag des Docenten Dr. Alex. R. v. Weilen über den 
„Prosa-Faust." km 22. März (Goethes Todestag) soll 
ein Vortrag Prof. Dr. Rieh. M. Werners aus Lemberg 
stattlinden. 



Neue Mitglieder seit November 1887.*) 
Fräulein Alice von Goldberger, I., Rathhausstrasse 2 i . 
Fräulein Emily Lowy, I., Rathhausstrasse 21. 
Herr Fried. Math. Mei.xner, k. k. Drag.-Lieut. i. d. R.. 

IV., Schleifmühlgasse 7. 
Frau Friederike Mei.xner, IV., Schleifmühlgasse 7. 

Der nächste Goethe-Abend. 

Freitag, den ■:50. December 1887 hält Prof. Dr. 
Alois Brandt von der deutschen Universisät Prag, im 



*) Beitritts- Anmeldungen werden in der 
Clubs (I., Eschcnbacbgasse 9) entgegengenon 



nii.iiiik des Wie 



tthc-\tit:iii 



Vortragssale des »Wissenschaftlichen Clubs« (I., 
Eschenbachgasse 9) einen Vortrag tilier .iMaß'hrives 
Faust'-. 



Vom Goethe-Abend, den 26. November 
1887. 

Faust-Scenen, mit einer Einleitung über Goethe und 
K. Laroche, 

vortf.'tr^lgon von S:/:r,<er. 

Wir gel)en nur Jas Wesentliche der Einleitung 
iw den Faust-Scenen die vorgetragen wurden. — Was 
ich heute \orzuIiiingen habe, soll nichts weiter sein, 
als einige einleitende Bemerkungen zu Scenen aus 
(joethes l'au.st. Kann ja doch in der kurzen Zeit einer 
Stunde, die uns zugemessen ist, nur ein kleiner Theil 
einer so grossen Dichtung zum Vortrag kommen. — Da 
den verehrten .Anwesenden der Gegenstand bekannt 
ist, so gelingt es uns vielleicht doch: die Ahnung 
7'om Ganzen für tiinn Augenblick uns näher zu 
bringen , wenn wir — nach Goethes Methode — solche 
fruchtbare, prägnante Puncte linden, aus denen sich 
Vieles ableiten lässt, Punkte, von denen aus uns 
das Ganze lebendig wird. 

Solche Puncte ergeben sich aus den merkwür- 
digen Thatsachen, die uns von Goethes Verhalten zur 
ersten Aufführung des Faust, I. Theil überliefert sind. 
Diese Autführung fand statt in Weimar 1829. Karl 
von Holtei, der als Zuschauer anwesend war, berichtete 
darüber 1869 im Salon*) und unser Karl I^aroche, der 
wichtigste der Mitspielenden, als Darsteller des Me- 
phistopheles, machte mir mündlich anziehende Mit- 
theilungen**). [Wenn bedauert worden ist, dass ich über 
die persönlichen Beziehungen Goethes und Laroches 
nichts Näheres mitgetheilt habe, so beklage ich, Ent- 
täuschungen hervorgerufen zu haben. Gewisse per- 
sönliche Beziehungen beider zu einander sind eben ein 
Märchen, entstanden aus dem freundschaftlichen 
\'erhältniss Goethes zu der Familie von Laroche und 
der .Aehnlichkeit K. Laroches mit Goethe. Wenn 
man hierüber Enthüllungen erwartete, so ist hier 
eben nichts zu enthüllen***)]. Was ich vor 8 Jahren 
über Laroches Antheil an dieser denkwürdigen Auf- 
führung berichten konnte, das ist nach mündlichen 
.Mittheilungen niedergeschrieben und von ihm selbst 
nachträglich gelesen und richtig gefunden. 



^) Holtoi erzählt, dass bei jener ersten .Vuflführung der Dar- 
steller des Faust weit hinter jeder Krwartung zurUckblieb. Er spielte 
den Faust wie ein tadelloser Pedant, dem es eine „Pferdearbeit- 
sLliien. eiiiiKermassen claubliih zu machen, er wäre Goethes Faust. 
(Jrettheu wurde durch Karnline LurtzinK trefflich gespielt, .Mephisto- 
pheles aber durch f.ari.che s», dass Holtei nie von der Darstellung 
dieser Kolle su befriedigt war. 

-•-) Die in meiner Faustausgabe, 2. .\ufl.. I. Bd.. S. LXXXIX 
bis XCIX ([. Aufl. LXVI f.) ausführlich besprochen sind. S. 

■ ! I Am Kandc » ill i.h nur I.emerk.-n. .lass .mscr Karl Laroche, 
der dann aiuh ge.id"lt wurde, ulclu der Familie der frau Sophie von 
L.iroche ang.-hone. die als Tugcn.lfriun.liu Wielaiids bekannt ist; 
.Mutter vcui Maximiliane lireütano, Urossmutter llettinens. Unser 
l..ir«che stand weder zu ihr noch zu Goethe in verwandtschaftlicher 
Beziehung. 



Ich will nur das Wichtigste daraus hervorheben. 
Merkwürdigerweise sollte Goethe das .\lter von 80 
Jahren erreichen, bis sein bedeutsamstes Jugendwerl, 
auf die Bühne kam! Schon hörte man von einem 
Versuch, der damit in Frankreich gemacht wurde : 
in Deutschland wagte mans noch immer nicht. — 
Da liiess es auf einmal, Herzog Karl von Braunschweig 
hätte Klingemann beauftragt, Goethes Faust einstudireii 
zu lassen. — Tieck in Dresden, wahrscheinlich als er 
das hörte, liess nun gleichfalls den Faust einstudireii 
und ebenso gleichzeitig die Leipziger Bühne. 

Da konnte denn doch Weimar nicht länger zu 
rückbleiben. Es traten zusammen Kanzler von .Müller, 
Kiemer, Eckermann, August von Goethe und Laroche 
und sie gingen zu Goethe um ihm mitzutheilen: sii 
hätten beschlossen, Faust auß'iihren zu lassen. — Der 
Ausdruck war wol unglücklich gewählt; beschlossen' 
Goethe fuhr auf. wie von einer Bremse gestochen, und 
fuhr seine Verehrer in einem 1 one an, wie man diess 
von ihm lange nicht erlebt hatte: »Glaubt man denn, 
dass ich den Faust nicht selbst auf die Bühne bringen 
konnte, wenn ich wollte? Ist es billig, über meine 
Werke zu beschliessen, ohne zu fragen, was ich selbst 
vorhabe? Bin ich denn nicht mehr am Leben? Be- 
schlossen hat man denn ohne mich?« 

Majestätisch in seinem Zorn ging er in seinem 
Zimmer auf und ah; die Freunde befanden sich in 
peinlichster Verlegenheit. 

(loethes Schwiegertochter Ottilie niusste ver- 
mitteln. Sie brachte den Papa dazu, dass er eines 
'lages sagte: »Wenn man denn durchaus den Faust 
autführen will, so soll er mindestens nicht so zur Dar- 
stellung kommen, wie sie sich ihn etwa denken, 
sondern so, wie ich ihn haben will ! •; 

Es wurde eine Gesellschaft von b'reunden und 
Mitgliedern der Bühne zu Goethe ins Haus geladen 
und Goethe las den ganzen ersten Theil vor. 
Er las hinreissend. Ob er die Walpurgisnacht auch 
gelesen, was er etwa weggelassen, konnte ich nicht 
erfahren. Laroche erinnerte sich an das Einzelne 
nicht mehr so genau. Fausts Rolle, bis Vers 257I) 
(2223) las er im tiefen Bass eines alten Mannes: 
von 2399 f. (224Ö) angefangen, nachdem er in der 
Hexenküche den Verjüngungstrank getrunken , las 
er bis ans Ende im klangvollsten Jünglingstenor; 
»Lass mich nur schnell noch in den Spiegel schauen 
— Das Frauenbild war gar zu schön!« etc. 

Nach dieser Vorlesung war nun Goethes .Aul 
merksamkeit einsig und allein — was bedeutsam und 
höchst merkwürdig ist — - auf die Darstellung des 
Mephistopheles gerichtet. Er studirte Laroche die 
Rolle so genau ein, dass dieser zu sagen pflegte : In 
der Rolle, wie ich sie gebe, ist jede Geberde, jeder 
Schritt, jede Grimasse, jedes Wort von Goethe. .\n 
der ganzen Rolle ist nicht soviel mein Eigenthum als 
Platz hat unter dem NaL;el.-< 



Chronik des Wiener Goethe-Vereins. 



<\>. 



Dadurch ist uns nun Laroches Darstellung 
Joppelt wichtig. Wir sahen, wie sie auch Holtei be- 
friedigte, der kaum wusste, dass sie von Goethe selbst 
einstudirt war. Hätte er davon erfahren, er hätte es 
erwähnt. L'm die übrigen Darsteller kümmerte sich 
der Dichter wenig. Er liess ihnen, wie Laroche be- 
merkte, höchstens durch Eckermann Winke zukommen, 
verkehrte aber persönlich gar nicht mit ihnen. Er 
bestimmte die Reihenfolge der Scenen, bestimmte, was 
melodramatisch zu geben war. das Uebrige kümmerte 
ihn nicht. Bei der Auttührung selbst war er gar 
nicht anwesend. 

Diese Thatsachen sind höchst lehrreich. 

Begreiflich scheint uns, dass er die Rollen des 
Pedanten Wagner , des naiven Schülers , der zwei- 
deutigen .Marte, des braven Soldaten Valentin als 
st-Uis/Tcrs/iifKlIic/i Jen Schauspielern überliess; j-/(- 
konnten nicht ganz vergriffen werden. Für die Rolle 
Gretchens aber war Karoline Lortzing da, die ihrem 
ganzen Wesen nach dafür wie geschaffen war; sie 
brauchte sich nur ihrer Natur zu überlassen, der 
Erfolg war ihr sicher. So scheint auch begreiflich, 
wenn Goethe die Hexenküche- und Blocksbergscenen, 
wenn sie überhaupt zur Darstellung kamen, der ge- 
schickten Bühnenleitung ganz überliess. 

nV(? erklären wir uns aber Goethes Verhalten 
zu der Darstellung der beiden Hauptgestalten des 
Stückes : zu Ftjus/ und zu Mcpliistophchs? — Dass 
er sich um die Darstellung des Faust gar nicht 
kümmerte und Mephistophehs so sorgfältig cin- 
studirtc? 

Hier erhält eine Bemerkung neues Licht, die 
sich mir schon früher aufgedrängt hatte, bevor ich 
diese Thatsache durch Laroche erfahren. 

Sind die Gestalten Wagners, des Schülers, Gret- 
chens, Martens, Valentins durchaus lebendig ausge- 
führt, so dass sie sich auch im Lesen, wie von selbst, 
beleben und in Miene. Haltung, Stimme, Geberde 
deutlich individuell vor Augen treten : Faust — ich 
weiss, dass ich hiermit eine Ketzerei ausspreche, 
die aber bereits vielfach Zustimmung gefunden — 
Faust wird nie inunsererEinbildungskraft mit solcher 
Bestimmtheit lebendig. — Man täusche sich nicht, 
indem man vielleicht einen Theater-Faust in roman- 
tischem Kostüm vor .\ugen hat. 

Der Grund liegt darin, dass Faust auch vor 
Goethes Geiste nicht gegenständlich geworden ist, 
da der Dichter den Faust des i6. Jahrhunderts, wie 
er in der Geschichte und Sage lebt, gar nicht darzu- 
stellen bemüht war: dass crvidmchr im Namen Fausts 
sein eigenes Innere ausströmte, ohne je sich seilst dar- 
stellen zu •tvollcn. 

Der Faust des 1 8. Jahrhunderts ist eben der 
gährende Gedanke der Sturm- und Drangzeit, der sich 
in Goethe verkörpert hat. Er kann ihm selbst nicht 
gegenständlich erscheinen, weil er nur in ihm ist; er 
wird ihm nur deutlich aus dem Kampf, Jen er zu 
bestehen hat. Die unter der Larve der Verfeinerung 



und Bildung sich bergende Gemeinheit in jenem Zeit- 
alter der Frivolität soll entlarvt und geschlagen, dafür 
alles Ideale der Menschheit auf den Altar gehoben 
werden. 

Faust ist die Gestalt des unbesiegbaren, über alle 
Prüfungen hinaus siegreichen, weltverjüngenden Idea- 
lismus. Seine Gestalt wird nur deutlich durch den 
Feind, der sich ihm gegenüberstellt, durch .Mephi- 
stopheles. Diese Gestalt ist nun aber meisterhaft durch- 
geführt. Sie stand lebendig vor Goethes Geiste. Wenn 
er nicht geneigt war, sie ebenso, wie die Andern, 
den Schauspielern als selbstverständlich zu überlassen, 
so geschah Jiess in dem Gefühl, dass sein höherer Stand- 
punkt, den er einnahm gegenüber diesem Gegensatz 
von Idealismus und Frivolität — nur mit seiner Nach- 
hilfe erkannt und dargestellt werden kann ; wenn auch 
die Rolle, einmal erkannt, nicht leicht verlehlt werden 
wird, wenn der Darsteller nur einigermassen dazu an- 
gelegt ist. 

.Mephistopheles ist der Geist, der Ideale nicht 
wahrnehmen kann und daher an nichts Höheres glaubt. 
Der vernunftlose auf die Grenze des Verstandes be- 
schränkte Geist. Er glaubt nur an die Thierheit im 
.Menschen, an die Triebfeder der Selbstsucht, die ohne 
JLiebe ist; er glaubt nur an das Gemeine. Die edle 
Liebe, als die einzige Leidenschaft, die im geliebten 
Gegenstande aufgeht, in Hingebung sich selbst ver- 
gisst, diese Liebe Fausts zu trüben, ins Gemeine herab- 
zuziehen, das ist die Aufgabe Mephistos. — Wir sehn, 
wie es ihm gelingt Faust und Gretchen ins Verderben 
zu führen: ihre Z/('i5i- aber kann er nicht brechen, sie 
lebt in ihnen Beiden fort bis zur Himmelfahrt, mit 
der der 2. Theil des Faust so herrlich schliesst. 

Die Rolle Fausts überliess der Dichter ganz dem 
braven, schlicht -pathetischen Schauspieler Durand. 
Er verzichtete wol im Voraus darauf, aus ihm einen 
Faust zu machen, und liess sich begnügen bei dem 
Gedanken, dass er das Was, was er zu sagen hat, klar 
und deutlich vorbringt, wenn ihm auch das Wie nicht 
gelingen konnte. 

Den Mephistopheles aber hatte der Dichter im 
Geiste klar und deutlich ausgestaltet und er legte 
offenbar das griisste Gewicht darauf, diese Gestalt bei 
der Darstellung zur .Anschauung zu bringen. Sie er- 
scheint, wie bemerkt, nicht so selbstverständlich, wie 
die übrigen Gestalten ausser Faust, weil sie nicht, 
wie sie ist, als greifbares Individuum aus dem Leben 
genommen werden konnte. Die Elemente dieser Ge- 
stalt waren aber in jenem frivolen Zeitgeiste, von dem 
uns Goethe befreien sollte, reichlich vorhanden. 

Mephistopheles hatte in Goethes Geiste eine so 
bestimmte Individualität angenommen, die uns, wenn 
wir sie einmal erfasst, vor Augen tritt in jeder Scene 
des Faust, im i. und im 2. Theil. — Er ist der 
ewig kalt Lächelnde, sich nur am Niedrigen, Ver- 
derblichen Freuende, das Gemeine überall voraus- 
setzende, höhnische, schadenfreujige, gelegentlich 
thierisch-cvnische Lebemann, wie sie ja in einer ge- 



"4 



(^liruiiik des Wiener Ciuethe -Vereins. 



wissen Zeit im vorigen Jahrhundert typisch auftraten. 
Er macht auf Gretchen einen F'indruck, dass ihr das 
filut erstarrt. 

Ich muss mirs versagen, auf Kinzelnes einzugehen 
und zu erzählen, \vie mir l^roche die Gestalt lebendig 
vor .\ugen stellte, ohne auf Delinitionen einzugehen: 
er gab nur u'iedir, was ihm Goethe vorgemacht. 

Zur Charakterisirung der Gestalt will ich nur 
darauf aufmerksam machen, wie meisterhaft der Zug 
durchgeführt ist. dass .Mephisto jede höhere Welt, i 
jedes Kleale einfach nicht wahrnimmt. Es ist ihm ein | 
Leeres und dieses Leere zieht gerade immer wieder j 
Faust an sich, so dass er dem Mephisto immer wieder j 
unter den Händen entschlüpft und dass dieser dann 
am Schluss sein ganzes Spiel verloren geben muss. 

Dabei sehen wir, wie er durch das Drängen Fausts 
nach idealen Zielen hin, in die Enge getrieben wird, 
wie er ihm z. B. ob er will oder nicht, den Schlüssel 
in die Hand geben muss, der ihn zum Ouell der Ideale 
bringt: Mephisto weiss, wo sie zu finden sind, sie 
scheinen ihm nur leer, ein Nichts und eben dieses 
Nichts hebt Paust hoch über ihn hinaus! Die un- 
willige, brummige, nothgedrungene Fügsamkeit Me- 
phistos ist von grossartigstem Humor. 

Ich glaube dass diese Auflassung der Gestalten 
Fausts und Mephistopheles', als Bühnenrollen des 
Goetheschen F'aust, Licht wirft auf das ganze Stück 
und auch seinem Ideengehalte gerecht wird. 

Wir können nur wenige Scenen lesen, um uns 
unsere Dichtung ins Gedächtniss zu rufen. Dazu will 
ich nurnoch bemerken, dassMephistopheles, ohne aus 
der Rolle zu fallen, im 2. Theil sich geradezu zu gross- 
artigem Pathos erhebt. Obwol Laroche diese Scenen 
mir nicht vorsagte, belebten sie sich mir doch, sobald 
ich die Individualität .Mephistos einmal hatte, auf das 
Deutlichste. — Indem Faust nach dem Herde des Idea- 
lismus hindrängt, nach dem Quell aller Ideale — zu 
den .Müttern, heissts im Stück — zeigt sich Mephi- 
stopheles als der wahre Nihilist, der an der L'rquelle 
alles Daseins ■ — ■ nichts wahrnimmt, in die Leerheit 
des Nichts hineinstarrt, denn Ideale kann er nicht 
sehen, kann er nicht glauben ! — Uns erschüttert seine 
Schilderung von Oede und Einsamkeit und es ergreift 
uns ein Grauen vor ihm, wie \ or all den Unglück- 
lichen, Geistesarmen, die an kein Höheres glauben, 
keine Ideale wahrnehmen können! — Es sei gestattet, 
auch die selbstverständlichen Gestalten kurz vorzu- 
führen: auch Wagner, den Schüler und Gretchen. 
zuletzt Faust und Mephisto im 2. Theil. 

Die vorgetragene Scenenreihe schliesst mit der 
Scene des 1. Theils, wo Faust versinkt, um zu den 
Müttern zu gelangen. .Mephisto sagt: »Neugierig bin 
ich, ob er wieder kommt«. An diese Worte des Mephi- 
stopheles anknüpfend schloss der Vortrag mit den 
Worten: !5 Er kommt wieder. Er sieht Helena. Das 



Ideal Griechenlands reisst ihn hin, ohnmächtig sinkt 
er zusammen. Er kann in dieser Luft, in dieser Welt 
nun nicht mehr gedeihen. Er muss nach Griechen- 
land, um an der Hand der Griechen zur Natur zurück- 
zukehren, um ein weltverjüngendes Leben zu be- 
ginnen... 

vWir denken dabei natürlich an Deutschland im 
18. Jahrhundert, das, gleichgültig gegen den Staat, 
ohne .Anteil an nationalem und an politischem Leben. 
von hohen Geistein: Winckelmann. Lessing, Goethe 
— zu den Griechen geführt ward, um an der .Antike 
zu gesunden und aus der Vcrbildung zurückzukehren 
zur Natur, nunmehr befähigt und berufen zu schöpfe- 
rischer That ! i 



Die Bibliothek des Wiener Goethe- 
Vereins. 

Ihre Durchlaucht die Frau .Marie Fürstin Hohen- 
lohe - Schillingsfürst erfreute den Verein mit dem 
Geschenke eines Heftes von Goethes: „Zur Nalur- 
-ivissenschaft, hesonders zur Morphologie. Z'vcyten 
Bandes ziihytes Heft, 1824. " Es ist das Heft, das Goethe 
Riemern überreichte und es trägt die Widmung von 
Goethes Hand oben auf dem Umschlag: »Herrn Prof. 
Riemer:; (Lateinschrift); unten »Weimar Dec. 1824. 
Goethe.« ■ — Prof. Erich Schmidt übersandte der 
Bibliothek seine Ausgabe des ursprünglichen Faust 
nach der Göchhausenschen .Xbschrift. Weimar, 
H. Böhlau 1887. 

Goethe-Notizen. 

Ein Goethe-Denkmal in Amerika. 

Wie die New-YorkerHandelszeitung« berichtet, 
haben die Subscriptionen der deutsclien Bewohner 
Philadelphias für ein in dem dortigen Fairmount- 
Parke, neben dem bereits von ihnen errichteten 
Schiller-Monumente aufzustellendes Goethe-Denkmal, 
so viel ergeben, dass demnächst der Grundstein ge- 
legt werden wird. — Und in Wien? — E.M. 



Goethe auf dem Brenner. 

Wie sehr sich das allgemeine Interesse der Goetlu - 
Gedenkställe auf dem Brenner zuwendet, geht aus der 
Nachricht her\or, die uns durch Herrn Postmeister 
Girtler zukommt. 

Bildhauer Kopf in Rom hat demselben die Zusa^ie 
gemacht, eine Goethehiisle in Marmor zu liefern, die 
vor dem Gasthofe, der bereits durch eine Gedenktafel 
bezeichnet ist, aufgestellt werden soll. E. M. 



Verlag rlcs Wiener Goethe -Vereins 
len lliichhan 



Druckerei rles „Tllustrir 
: K. k. Hof- und Univ 



ten Wiener Extrablatts" (Franz Suschitiky). 
ersit;its-Buchhan<lliui^: Alfred Holder. 



Vertrieb für 



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CHRONIK 



Wiener Goethe-Vereins. 



ZW^EITER BAND. 



HERAUSGEGEBEN VON 

K. J. SCHRÖER 

OBMANN-STELLVERTRETER DES GOET K E-V EREINS, VERANTWORTL. REDACTEUR. 






WIEN 1888. 

VFRLAi; DESWIEXER GOETHICVERRIXS. ~ DRUCKEREI DES -[r.T.. WIliXER E VIR \t!l. VT IE- 
(FRANZ ,-üSCHITZKY). 



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INHALT, a 



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2b. Jiiiiiur iSSS. S. r—4. Sv. 1. Aus dem AVit-iu-r Coftht-x ci t-iii. - Jititräye zum Denkmalinn.ls. — Neue Mil- 
Klieder. — Jabresveisammlunj;. — Der näclistc ('.(letbe- Abend. — Vortia- l^rnfe.-sor Dr. AI. Bnuulls : „L'eber 
Marlowes Faust-. - Scbuberl und fioetbe. - Faust und die Idldende Kunst. - Pbantasien eines Laien : Denkmaler 
und ila.s Goetbe-DenUmab 

/_,-. f.hiuir rSSS. S. ^—S. .V»-. *>. Aus dem Wiener (ic.etbeverein. — Neue Mit-lieder. — Goetbe- Abend : Zwei 
Todtenlvlagen Goetbes. Vortrag Professor Dr. W. Xeumanns. 27. Jänner b J. — Der näcbste Abencb — Ein 
Goethebild und ein ungedruckter Brief Goullu>. — Zur AVeimar'seben Ausgabe von Minor. ~ Die Vers/.-ihbing 
Sehr. — Unsere Bibbotbek. 

/.-,-. .1/,»; iSSS. S. Q—12. Xr. :t. Aus dem Wiener Goeiheverein. — Neue Mitglie.ler. — Goetbe- Abend. W.rtrag 
Dr. Alexander von Weiltns über Goetbes Faust in ursprünglicher Gestalt. — Der näcbste .\bend. — Ueber Goetbes 
Lied nu deu Mond von Fr. Jelinek. — Die Goelhekneipe in Rom von .Sehr. 

ij. April iSSS. S. IS— 16. Xt: 4. Aus dem Wiener Goetbevcrein. — Neue Mitglieder. — Zuschrift des Wa-Mier- 
vereins. - Ausschuss-Sitzuug. - Goctbe-Abend. Vortrag Professor Dr. K. M. Werners über Goethes Egmoni — 
Die englische Goethe-Gesellschaft von J. .Schipper. - Aus Weimar, (.)rig:nal-rorres|,on,lenz. - Goetl^ an den 
Mond von Fr. Jelinek (.Schluss.) 

rj. Mai ,SSS. S. ^-20. Xr. .:. Aus den, Vereine. - Keue Mitglieder. - Bibliolbek. - General-Versammlung der 
Goethe-Gesellschaft in Weimar. ^ Au. Weimar: Erich Schmidt über Hermann und Dorothea. - (Goethes Adelun- 
von Schröer. — Lieber die IJuellen Goetbe'scber Anschauungen von Sehr. " 

?o. Juni ,SSS. 2r^2S, (Doppelnummer für Jnni^Juli.) Xr. U ,n„t 7. Aus dem Vereine. - Xeue Mitglieder - 
Beiträge zum Fonds. - General-Versammlung in AVcimar. (< )riginal-Correspondenz.) — (Gräfin Au" Stotber" über 
Goetbes Wertber von K. AVeinbold. - Eine Datumsbestimmung von Herrn. Rollett. - Goethes "stammhaus mit 
emem Lichtdruckbdd. — Oesterreicb in ,1er C-oethe-G. seliscbaft v<,n A E. .\I - Goethes Xime - Der Go'ef e 
Denkmalplat. - Goethe in Beziehung zur schweizerischen Baumwoll-lndnstrie. Schrift von Fr. Be'rthe.u -\s;iller 
m den Mitschuldigen. — „Eine Reliquie von Goetbe." (:) 

PO. ScpUmOrr iSSS. .S'. 2^-76. (Doppelnummer für August-Septeml,er) Xr. S inul ». Aus dem Verein _ Beitra-. 
^!"" /''"f- -.f^'^/";!"'":^'^■ - ^- Goethe-l-eier auf dem Brenner von Egger von M.ilhvald und .Schröer. Dal^ 

>S. O.M.„ .SSy .S s7-,o. yr. 10. Aus den, \-e,-ein. - Nene Mitglieder. - Goethes Xatu.-Aulage. - Goethes^ 
^ame von M. Le.xer. ■"cmts 

,c^A;.W,vw^^^^... ^. ,, 3,.. n. Aulruf zu Beträgen etc. - Aus dem Vereine. - Geschenk für die 
Bthltothck. Der nächste Goethe-Abend. - (..etbe als Vater einer neuen Aesthetik. Aus dem Vortrage Rudolf 

.Steiners am Goethe- Abend den „. Xovcnber 1. J. _ Xotiz von Goetbe zur MinernWie 



„_ j^„„^.((_ -■■■^•:j. - .>.H,z ^on woetne zur Minernlog.e etc Mitgetheilt durch 

D.ccmhr ,SSS. .^'../J-Jo X,.]i. Aus dem Goetheverein - l'.e, i. bti-nn- -Peiträ.-- -X , , 

Goethe-Arcbiv in Weimar - Goetbe als V .ter einer neuen Aesthetik von Kudo'ph^iein r fFoHsetzun'. nn'l Tl l"' 7 "' 
H. Notizen Goethes über den (iranit Mitgetheilt von Dr Herm KolLu '' •^^'•'"-' - 



LICHTDRUCK -BEIGABEN. 

7. Xunimer: Goetl,es Stammhaus S j^ 
und <|. Xnmmer: Gasthof zur P,.st auf den, Brenner 

4S. 



12. Xummer: F;ine Hanrizeicbnung Goethes S 



.geb.. 



CHRONIK 



Im Auftrage des 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Wien, Donnerstag, den 26. Jänner 1888. 



3. Jahi-gang. 



INHALT : Aus dtm \i'i 



ncr Goetiu-Vereiu : ISeitrSge zum Goethe-Denkmalfonds. - Ncui- SlitRlinder seit December 1887. - Tahr 
e Gocthp-Abcnd. - Goethe- Abend , den ;o. December iSHy. Auszug aus dem l'orlni:; Prof. Dr. AI. Br.iud 

^t:isii-n finrs I.nic-n iihiT l')eilkm;i 



L /'er .Iftirio^oes Fiiust. — Schubert und Goethe. —Kaust und sein Verbal 
überhaupt und über das Goethe-Denkmal ira Besonderen. 



■ bildenden Kunst. 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

In der Ausschuss-Sitzuiii^ am ii. .länncr 1888 
waren anwesend: Se. Kxcellenz Dr. ,-'. .Slitiiiavr als 
Xonsitzender. die Schrittf'ührer Eggi- r \.\ni\ Kanci-, die 
Herren Dr. .Wo\i Afonncifz, Hank'ier Ji(>.u////hj/, Reichs- 
rats-Abgeordneter Dr. i?//wund Hotrat Ritter ;■. Weilen. 

Der \'orsitzende theilt ein Schreiben Sr. Kxc. des 
^f^l.\■ Fieihfrni von Gagcin mit, worin dem Goethe- 
\erein ein Ä'/(/(?(v/Ätj- mit dazu gehörigen Documenten 
zur Kenntni.ssnahme angeboten wird. Zugleich meldet 
der Schriftführer, dass Fitihar i'on Gagern dem 
(Goethe-Verein einen Jahresbeitrag von 5 11. und ausser- 
dem dem Goethe-Denkmalfonds eine Spende von 5 H. 
zugesagt habe. — Sr. Kxcellenz wird für so freund- 
liches Entgegenkommen der Dank des .Ausschusses 
ausgesprochen. 

Herr Wil/ulin Biltmann aus Olmütz spendet der 
Goethe-Bibliothek sein neues Buch »Eine Studie über 
Goethes Iphigenie auf Tauris« (Hamburg und Leip- 
zig 1888). 

Die Gesellschal't »Schlaraffia Vindobona« sendet 
dc-a .lahresbeitrag zum Goethe-Denkmalfonds für 1888 
im Betrage von 25 fl. ö. \V. 

Das Redactions-Comite berichtet über die Mo- 
dalitäten, unter denen die » Chronik des Wiener Goethe- 
N'ereins« im neuen .lahre zur .Ausgabe gelangt. 

Nachdem der Jahresbericht des Schriftführers 
und der Reclienschaftshcricht des Cassiers zur Kennt- 
uiss genommen worden war, wurde beschlossen, die 
Jahres- Vollvcrsammhmg Sonntag, den 2(). /a'nnerj^S<S', 
um 10 l."hr Vormittags einzubenjfen. 

Beiträge zum Goethe-Denkmalfonds. 

Döblinger Männergesangverein H. 2^ 

Gesellschaft )^Schlaraftia -Vindobona < 1888 

.lahresbeitrag 2^ 

Sc. Kxcell. .Max Fnih. von Gagern 3 

Neue Mitglieder seit December 1887. *) 
Herr Otto Aron, Germanist, II., Nestrovgasse -^i. 
Herr Balthasar^gfec/^er, Advocat, Budapest.Götterg. i o. 

^) Beitritts- Anmeldungen werden in der Kanzlei de 
Clubs iL, Eschenbachg.isse 9) entgegeng-enommen. 



Herr Karl K. Federn, stud. jur., I., Rothenthurmstr. 12. 
Herr Max Freihcrrvon Gagern, k. k. wirkl. Geheimrat. 

I., Kolowratring (j. 
Frau Louise von Kralik, 1., Elisabethstrasse 1. 
Miss Emily Long, I., Rathausstrasse 21. 
Herr Gustav Midier, IX., Nussdorferstrasse 5 1 . 
Herr Dr. Alex. Ritter von Weilen, Privatdocent an 

der Wiener Universität, VII., Burggasse 22. 
Herr Ernst Fellner, Bankbeamter, Unter- Döbling, 

Hirschengasse 25. 

JAHRES- 
VOLL -VERSAMMLUNG 
m\m. Di:.\ 29. j\\\kr isss, ra 10 nii! vormittacs 

VORTRAGS - SAALE 

.l.-s 

WISSENSCHAFTLICHEN CLUBS 

CI-, Eschenbachgasse 9). 
Tageso i'clnung: 
Jahresbericht des Schriftführers. 
Rechenschaftsbericht des Cas.siers. 
AVahl der Rechnungs-Revisoren für i»8.S. 
Anfrage von Mitgliedern. 

Ein seltenes Goethe-Biltlnis^ uni\ ein noch ungedrucktcr 
Brief Goethes, ausgestallt von Freiherrn von Gagern. 
besprochen von Schröer. 

Die P. T. Mitglieder werden ersucht, beim Ein- 
tritte den Namen anzugeben. /)er Anss(hns.\\ 

Der nächste Goethe-Abend 

Freitag den 27. Jänner 1888, im Vortragssaale des 
\yissenschaftl. Clubs (I., Eschenbachgasse 9), um 
- Uhr Abends. 
Vortrag des Professors Dr. II'/M. Xeiimnnn 
über zivei Todlenklagen Goethes. 

Gastkarlen für das Jahr 1888 sind in der Kanzlei 
des Wissenschaftl. Clubs zu beheben. 

Das I 'orfrag.<:- ( ^omitC. 



( hronik (ies Wiener Cioethc -Vereine. 



Goethe-Abend/ 

den iO. Dcct-niber l«»;. 

Auszug aus dem Vortrag Prof. Dr. AI. Brandls : 
Ueber Marlowes Faust. 

I )ic cr.stcci/itlilcndL- /usammciit'as.simi4iji.-r luu,-.!- 
sa};c, das Volksluich von .lohanncs Fau.steii, eiscliien 
158" zu l'ranklurt a. M., und schon im nächsten Jahre 
brachte es Chri.stopher Marlowc in dramatischer 
(iestail aut' die l^ondoner Bühne. Merkwürdig rasch 
hatte sicli die Geschichte über das Meer verbreitet. 
\ ielleicht war ein Schauspieler (Alexander Pope) 
der N'ermittler. der 158(1 am sachsischen Hofe und 
1588 bereits wieder in London spielte, noch dazu in 
einem Stücke von den sieben Todsünden, welches 
auf Marlowe gewirkt zu haben scheint. Vielleicht 
war die holiändisclie Uebersetzung von 1388 das 
Zwischenglied, denn der Herzog von .Anhalt heisst 
im Knglischen Vanholt. .ledenfalls aber gab es jen- 
seits wie diesseits des Canals eine Menge Fauste im 
wirklichen Leben, welche die halb historische, halb 
erdichtete Figur des Volksbuchs begierig aufgriffen. 
Die mythische Naturphilosophie des Mittelalters war 
eben auf ihrem Höhenpunkt, der erste reale Natur- 
philosoph Baco von N'erulam bereitete sich erst auf 
sein .Auftreten vor, Alchemie und Astrologie herrschten 
in England wie in Deutschland, imgeduldig hastete 
der Trieb nach ICrkcnntniss und Beherrschung der Ele- 
mente dem langsamen Schritte der Wissenschaft 
\ oran zur Magie. 

Marlowe nahm alle (Charaktere, die llauptnio- 
mente der Handlung und manche Stelle sogar wörtlich 
aus der deutschen Quelle herüber, lieferte aber doch 
weit mehr als eine blosse Dramatisicung und Versi- 
licirung: denn Marlowe war ein hochgebildeter .Mann, 
während der anonyme deutsche Erzähler sich nur 
durch moralische Gesinnungstüchtigkeit auszeichnet; 
und Marlowe war ein Engländer, also von Cieburt 
aus ein Glied einer mehr praktisch veranlagten Nation, 
überdies einer Nation, welche eben unter der Königin 
Elisabeth innere Consolidirung, die Herrschaft in 
den Colonien und die grösste dramatische Technik 
erwarb, während in Deutschland die traurige Generation 
des dreissigjährigen Krieges heranwuchs. Marlowe 
brachte daher den Gedankengehalt der Sage zum 
.Sprechen, verwandelte die Gestalt des Faust aus 
einem abschreckenden Verbrecherexempel in einen 
frevelhaften I leiden und schmückte sie aus dem reichen 
Schönheitsschatze der Renaissance. 

Wesentlich zu statten kam ihm dabei seine 
Neigung zu Macchiavelli. Marlowe hat diesen ebenso 
rücksichtslosen wie patriotischen Wiederbeleber der 
Imperatorenpolitik nachweislich studirt und bewun- 
dert. Er hat nach Maassgabe des »Principe« seine 
Tragödienheldcn gew^ählt und in c'em selbststarken 
lamerlan den erfolgreichen, im geldstarken Juden 
von Malta den tragischen Prätendenten nach der 
höchsten (jewalt gezeichnet, l'.v fasste jetzt auch 



1-aust alsieineh Eroberer auf dem Gebiete der (jelehi 
samkeit, nahrn ihm d«s Unüberlegte, Schwankende 
und Schwächliche, das er im deutschen Volksbuch 
hat. gab ihm dafür klares, unerschütterliches, heroi- 
sches Wollen und baute das ganze Stück mit Ver- 
änderung verschiedener Einzelzüge so aut. dass die 
rücksichtslose, macchiavellistische Consequenz Keines 
Thuns in helles Licht tritt. Der deutsche Faust ist 
ein neuplatonischer Phantast und ak .solcher ein 
Spielzeug in der Hand des Teufels, der ihn durch 
incubae trösten muss: der englische hat wirkliche 
(jewalt über den Teufel, verachtet jedes Trostmittcl 
und zeigt eine Seelenstärkc, welche selbst Goethes 
haust nicht mehr besiizt. 

Ein zweites wichtiges .Moment in .Marlowes Leben 
und in seinen Zuthaten zu Faust betrifft seine philo- 
sophische und philologische Bildung. Marlowe war 
selbst Doctor geworden und hatte der Theologie 
Lebewohl gesagt, um sich »Scenen und Charakteren'^ 
zu widmen. Darum konnte er ihm den prächtigen 
Eingangsmonolog zudichten, worin alle vier Facul- 
täten mit nominalistischer Skeptik in den Wind l;c 
schlagen werden. Er stellte ferner Faust nicht ,' 
Einzelindividuum hin. sondern gab ihm die ausu 
dehnte Schule der mystischen Naturphilosophie in . 
Deutschland und England zum Hintergrund und er- j 
hob ihn hiemit zum wissenschaftlichen, bis zu einem | 
Grade wohl berechtigten Tvpus. In philologischer. 1 
Hinsicht bethätigte sich .Marlowe, der gelehrte L'ebei 
setzer des »Raubes der Helena' von Coluthus, invi. 
er seinem Helden eine grossartige Sehnsucht na^ 
der .\ntike in den Mund legte. Sein Faust verliebt i 
sich in Helena nicht so sehr wegen ihrer sinnlichen 1 
Schönheit. wie im Deutschen, sondern wegen ihrer 
historischen Reminiscenzen an Homer und X'irgil ; 
er sieht in der Hölle nicht blos den Ort, wo die \'ei- 
bannten ewig gepeinigt werden, sondern die Wohn- 
stätte der alten Philosophen, das Elysium und ver- 
langt dahin mit heidnischer Begeisterung; und ii\-' 
scheint es, als wäre ihm auch der Tod durch Teufcl> 
band mehr ein Symbol für ein pythagoräisches Aut- 
gehen in die Elementarbestandtheile. 

Endlich hat Marlowe als Schauspieler wf' 
Theaterkenner den Stoff so tüchtig für den BühiK 
effect bearbeitet, dass das Gerüste bis zu Goci 
herab in der Hauptsache t'eststand. Er fügte passenJ^ 
Nebenpersonen bei, namentlich den guten und böscn 
Engel, um Fausts Seelenkämpfe zu veranschaulichen, 
und die Erscheinung der unterhaltenden Höllengeister 
als die sieben Todsünden, Beides in der .\rt der M<i 
ralitäten, welclie bis zu Shakespeares Zeiten in London 
gespielt wurden. Durch die typische Erweiterung dc> 
Faust-Charakters war dieser Einfluss der allegorischen 
Spiele bereits nahe gelegt. Aus der Kunsttragödio 
entlehnte Marlowe den Chorus, vmi die epische /.^ 
fahrenheit des Volksbuchs zu bewältigen. Er brac 
auch mehr Zusammenhang in die Reihenfolge dt. 
1 Zauberstücke, bereicherte den Rekehrungsversucli 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



des alten Mannes, der im Deutschen blos dialogisch 
ist. mit einer kräftigen Handlung und markirte endlich 
die Todesangst des Höllencandidaten im letzten 
Stündchen durch das Schlagen der Ihr: ii Uhr, 
73I2 Uhr, 13 Uhr, und jetzt thut sich der Höllen- 
rachen auf. Diese Schluss-Scene hat nicht blos durch 
die Puppenspiele auf das Ende Gretchens bei Goethe 
nachgewirkt — in der ursprünglichen Prosafassung 
noch stärker, als später in derversilicirten — sondern 
auch auf die ältesten Historien von Shakespeare : Absage 
des Teufel an die .lungfrau von Orleans in Heinrich VI. 
1 . Theil , Teufelsvision des sterbenden Cardinais 
Winchester in Heinrich VI. 2. Theil, ausführlicher 
Gespenstertraum Richards III. in der Nacht vor seinem 
Sturz. Die komischen Zuthaten des englischen Dramas 
scheinen dagegen nicht von Marlowe, sondern von 
den sicher bezeugten Interpolatoren herzurühren. 

Die Entwicklung der Faustsage zeigt ein gegen- 
seitiges Sichablösen und Ergänzen der beiden deutschen 
Bruderstämme diesseits und jenseits des Canals: Aus- 
bildung der Sage und erste Erzählung in Deutschland, 
erste tiefsinnige und künstlerische Gestaltung bei 
-Marlowe, classische Schönheit bei Goethe, sociale 
Ausdeutung bei Carlyle. Unerschöpflicher Gedanken- 
gehalt der Sage. Vortheil der politischen Trennung 
von England und Deutschland in literarische]- Be- 
ziehung. 

Franz Schubert und Goethe. 
Unser vortrefflicher Wiener Männergesangverein 
bot den o. December v. J. in einer intimen Uebungs- 
stunde neben herrlichen Gesängen auch einen höchst 
anziehenden ^^ortrag des rühmlichst bekannten 
Schubertforschers Dr. .M. Friedländer über Schubert 
loid Gpetlw. 

Faust und sein Verhältniss zur bildenden 
Kunst. 

Ueber dieses Thema hielt Professor Dr. Wickhoff 
den 22. December v. .1. einen Vortrag im k. k. 
österreichischen Museum. 



Phantasien eines Laien über Denkmäler über- 
haupt und über das Goethe -Denkmal im 
Besondern. 

So oft ich von einem neuen Denkmal höre, das 
beabsichtigt wird, ergreift mich ein ganz eigenthüm- 
hches Unbehagen, als ob ein Unglück bevorstünde ! 
Es ist so selten, dass so eine Absicht glücklich aus- 
geführt wird! dass sich so ein Gedanke ans Licht zu 
drängen vermag, so, dass er sich selbst rechtfertigt 
und in fernste Zukunft hinein Freude bereitet! 

Es ist ja eine erfreuliche Erscheinung, dass unsere 
Zeit dem Verdienste, sowie theuren Erinnerungen 
Standbilder und Denkmale setzt; wenn wir aber ge- 



fragt würden, ob alle diese oder auch nur die .Mehr- 
zahl dieser architectonischen und plastischen Kunst- 
werke unsern Beifall hätten — wir könnten die Frage 
kaum bejahen. — Einmal ragt so ein Werk in den 
unendlichen offenen Himmel hinein, muss deshalb 
gigantisch gross angelegt werden, um sich gegen 
diese Unermesslichkeit nur einigermassen zu be- 
haupten, oder es hat einen unruhigen Hintergrund. 
dass dadurch der Genuss dem Beschauer verdorben 
wird, oder es steht zur Umgebung so gar nicht in 
Beziehung und, in den meisten Fällen, ist es so schwer- 
verständlich, dass der sinnigste Betrachter Mühe hat 
die Absicht des Künstlers im Ganzen und Einzelnen 
zu errathen. — Und wie oft finden wir ein Denkmal so 
angebracht, dass der Beschauer keinen Platz findet, 
von dem aus er es ruhig betrachten kann ! — \ on 
liefer wurzelnden Gebrechen zu schweigen. 

Ich rede nicht von Kunstwerken, die geradezu 
misslungen sind: meistens ist der Künstler nicht 
schuld. Er hat nicht die Wahl des Platzes. Der Platz 
wird ihm angewiesen; oft ist das Denkmal entworfen, 
bevor er bestimmt ist! Seine Hände sind ihm gebunden 
durch Bedingungen, die oft ganz äusserlicher Natur 
sind. — Sollte es diesen Erfahrungssätzen gegenüber 
nicht zu wünschen sein, dass man sich vielseitig aus- 
spreche, so dass der Gedanke, der an's Licht treten 
soll, sich gleichsam aus der Zeit heraus klärte und ge- 
staltete? — Ich denke es wäre eine schöne .Aufgäbe 
für unsere Chronik, an unserem Goethe-Denkmal in- 
sofern schon jetzt mitzubaun, indem die Geister an- 
geregt würden, sich darüber auszusprechen, wie und 
wo man sich etwa das Standbild denkt. 

Gibt es denn noch einen stillen Platz, entrückt 
dem Wagengerassel dei Strassen und doch nicht ent- 
fernt vom Mittelpunkte der Stadt? — Gibt es einen 
Platz, der es gestattet, frei zu schaffen und einen be- 
ziehungsreichen Zusammenhang mit einer bedeut- 
samen U'mgebung zu Stande zu bringen? 

Ich wüsste wol einen solchen, der zur Entwick- 
lung einer Fülle von Ideen geeignet wäre, dazu auch 
schon einen Anfang gemacht hat, der aber erst Seele 
erhalten sollte, wenn das, was noch fehlt und was 
vorderhand freilich nur ein Traum ist, über den man 
vielleicht lächeln wird, zur Ausführung käme! Ich 
wage es kaum, ihn zu nennen, kaum meine Gedanken 
auszusprechen, in der Befürchtung, allzu grossen 
Widerspruch zu finden, vielleicht auch deshalb, weil 
schon zu Viele sich in einen andern Gedanken ein- 
gelebt haben und sich davon nicht loszumachen ge- 
neigt sein dürften. 

Ich meine den Volksgaricn, und, wenn mein ganzer 
Traum in Erfüllung gehn sollte, so wünsche ich mir 
Mozarts Denkmal auch in den Volksgarten hinein ! 
Ich wünsche ihn weg von der lärmenden Fahr- 
strasse ! 

Begrüssen uns grossartig vor der Mitte der Burg 
die Helden; Erzherzog Karl und Prinz Eugen, so 
müsste es einen erhebenden Eindruck machen, abseits. 



Chronik des Wiener (iuciUc-Vertiii». 



l.clm Mmritt in den der Krholuni; geweihten, stillen, 
l„s jetzt so put als leeren Platz: der Gestalt Mozarts 
/LI begegnen! Von Melodien gewiegt, den Stab in 
der Hand, denke ich mir die Gestalt des einzigen 
Meisters; jedenfalls stehend. Das Schöpferische eines 
.Milchen Geistes kann sitzend sich nicht aussprechen. 
Den Hintergrund müssen Haume bilden, wie bei dem 
herrlichen (ioethestandbild in Berlin. Zu seiner 
Kechten, wo die Musikkapellen zu spielen pflegen, 
würde so oft die .Macht der Töne erklingen und 
die (k-stalt zu beleben scheinen. Weiter abseits soll 
<;rillparzers Denkmal errichtet werden, dort würden 
wir unsern grossen österreichischen Dichter linden, 
der mit der Tonkunst in so inniger Beziehung stand, 
gleichsam lauschend. 

Wenn wir aber nun fünfzig oder hundert .Schritte 
unter den Bäumen weiter gingen, erblickten wir auf 
einmal vor dem Theseu.stempel Goethes Standbild, 
für das sich nicht leicht ein pa.ssenderer Hintergrund 
denken lässt, wie dieser Tempel. Goethe und .Mozart, 
auch ein Dioskurenpaar, aber jedes für sich allein 
,lem Betrachter sich darstellend. — Ks wäre ja 
herrlich! — ■ Ind was wäre dagegen zusagen." In 
welcher Beziehung steht jetzt der Theseustempel 
zum Volksgarten? Wir müssen gestehn , dass wir 
uns dabei nichts denken können. Das Allgemein- 
menschliche, das wir beim .\nblick des Theseus, der 
den Minotaurus tödtet, empfinden können, ist die 
Befriedigung über den Sieg der Lichtgestalt eines 
idealen Menschen über ein Ungeheuer. Das Unge- 
heuer deutet in eine ZeLt zurück, wo solche Wesen, 
halb Thier, halb Mensch noch herrschten. Der 
Untergang durch ein höheres .Menschenthum steht 
uns vor Augen. Wie bedeutsam müsste uns diese 
Gruppe werden durch die Lichtgestalt Goethes vor 
dem Tempel, der, ein neuer Theseus, in einem Zeit- 
alter, dem der Glaube an das Ideale geschwunden war, 
dem Minotaurus der Geschmacklosigkeit und Frivolität 
ein Knde gemacht und mitseinem objectivcn Idealismus 
der gealterten Menschheit neues Leben gab! Letzteres 
fühlte kein andrer so tief als Schiller, der ja, bevor 
er seine grössten .Meisterwerke schrieb, seine subjec- 
tive Natur ganz nach Goethes Vorbild umwandelte. 

Wie aber soll Goethe dargestellt werden? 
Natürlich ebenfalls stehend. PIr mochte nicht sitzen ; 
auch wenn er dichtete nicht! iJnd wenn ich richtig 
urtheile. so scheint mir die Zeit die Gestalt des 
Dichters einmal in einem Jüngern Lebensalter sehn 
zu wollen, als wir ihn zu sehn gewohnt sind. 

Im- ist thatsächlich über hundertmal nach dem 
LelKMi' dargestellt worden. Uns aber genügen alle 
seine Bildnisse nicht. .Am meisten noch die Zeichnung 
Prellers, der Goethe im Tode zeichnete, dann der 
ihm sich nähernde Kupferstich aus den letzten Tagen 
seines Lebens, von Schwerdgeburth 



Seine Lebenszeit tiel in eine Kunstepoche, die 
besonders im Portrait sehr unglücklich war. Ks ging 
Goethe wie der schönen Vittoria Caldoni in Rom. die 
wegen ihrer Schönheit fortwährend von den be- 
deutendsten Bildhauern und .Malern dargestellt wurde, 
ohne dass es Kinem je gelungen wäre, sie wiederzu- 
geben wie sie war. 

Weil nun aber die vielen Bildnisse (ioethes 
unbefriedigend sind, so fühlt sich das Verlangen, 
ihn sich denken zu können, veranlasst, alle seine 
Bildnisse zu sammeln. Wir haben berühmte Samm- 
lungen von Goethebildnissen, z. B. die RoUetts, die 
Zarnckes. die Klischers. So wie wir Goethes Geiste 
erst jetzt nach und nach näher kommen, so muss 
sich mit wachsendem Verständniss auch die Vor- 
stellung der Künstler von seiner Krscheinung klären 
und muss immer vollkommener werden. Ks muss 
immer mehr gelingen alles Subjective. das verschiedene 
Künstler in die Gestalt hineingetragen, zu tilgen und 
nur ihn selbst, so viel eraus dem vorhandenen Material 
zu erkennen ist. zu beleben. 

Schon da-s herrliche Standbild Schapers lO 
Berlin scheint uns ein Schritt vorwärts auf der Bahn 
einer solchen Wiederbelebung seiner Gestalt. Seit 
das Tischbeinsche Bildniss Goethes in weitern Kreisen 
bekannt ist, wie er in Italien dem Künstlerauge 
erschien im Alter von ^8 Jahren, lebt er in unserm 
Geiste nun auf. wie er war an der Grenze der Jugend, 
in voller Schönheit und Kraft. 

Das Auge sinnvoll, mit einem Blicke, der wohl- 
wollend auf das Reale gerichtet ist. in dem er das 
Ideale wahrnimmt. Um seine Wangen spielt noch 
ein Rest von Jugend, »die Wange heitert wie der 
Mund'« Denken wir uns nun das Ganze im Zu- 
sammenhang. Hier Mozart, dort Goethe vor dem 
antiken Tempel, das Moderne mit dem Antiken 
verbindend. Dort abseits Grillparzer. 

Wo hätte ein Volk einen Volksgarten, so herr- 
lich geschmückt, so nahe dem Herrscherhause, unter 
dem die Kunst solchen .\ufschwung nahm .■■ 

Wollen wir eine directe Beziehung zu Goethe, 
so können wir ja erinnern daran, dass Goethe von 
hier, von der Wiener Burg aus, vor mehr als hundert 
Jahren geadelt wurde. 

Welcher Adel würde dem Volksgarten aber ver- 
liehn durch die genannten Gestalten unsterblicher 
Geister ersten Rangs ! . 

Ich waije kaum zu holten, dass diesen Zeilen die fl 
Gunst zu Theil werden wird , in ernste Krwägung 
-ezogen zu werden, und möchte nur wünschen, dass ; 
eine Lösung all der besprochenen Aufgaben gelingen 
möge, die." mehr als unser kühner Vorschlag, anzu- 
sprechen im Stande wäre. Wir werden dann unseres 
im Obigen dargelegten Traums gedenken und uns' 
freun wenn er von der Wirklichkeit übertrolfen wird- 



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CHRONIK 



Im Aurin.tc .l.s 

iencrüoethc VereinsHer- 

sgcbcr n. verantwortlicher 

Kcdaclcur: 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 2. 



Wien, Mittwoch, den 15. Februar 1888. 



3. Jahrgang. 



...•tHe-V1.e,fd"'1?^''r7.J:^27>'^"'i*'-^''''"'!; -^>"=*n'E"eder seit Jänner ,888.- Coeth.-Aicul ./,,. ■- 7..,„„.- ,^S^ 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

Sonntag, den 29. Jänner 1888 wurde die /'.i/ins- 
y"llrasamm/iiiig uniev dem Vorsitze des Obmannes 
>r. l':s:cellenz Dr. ,-. .S7/vwtnv abgehalten. 

Nachdem der .Schriftführer mitgetheilt hatte, dass 
die neuen Grundbestimmungen mit Erlass der h. 
Statthalterei vom 27. Jänner 1888, Z. 4648 geneh- 
migt worden seien, erstattete er den ß.rir/i/ üb:r das 
I ' rcinsjahr iSSj. 

Hierauf wurde der TiuLiisrh.if/.uWnr/if des 
<.'assiers Ros.ulhal verlesen. 

Beide wurden von der \ersammlung ohne De- 
batte genehmigt. 

Prof. Dr. /,wj,'//,/;;.,- legte das Revisions-PrütokoH 
der Jahresrechnung von 1887 vor. wodurch die 
Richtigkeit derselben bestätigt wird. 

.Auf die .-\nfragc des Herrn \orsitzenden , ob 
die beiden Herren Revisoren geneigt seien ihres 
.Amtes auch für das nächste Jahr zu walten, ersucht 
Prot. Dr. Bernd um Enthebung von demselben — 
l>ie\'ersammlung wählt hierauf Herrn Dr Ma\ ^V<r,/- 
und Prof. Dr. U„f;luun ,u Rechnungsrevisoren 
lur 1888. 

.Ausgestellt war ein GoelhehilJ von Sdimelhr aus 
dem .lahre 1829, durch die Güte Sr. Excellenz des 
1-reiherrn .Max von Gagern dem \ereine zur Ansicht 
überlassen. — Ceber dieses Bild erstattete Professor 
^\-hrner emen ausführlichen Bericht, welcher unten 
lolgt. Der \ ors.tzende sprach dem anwesenden Ge- 
hemirate. Freih. .Max von Gagern, für Leberlassung 
des Bildes den Dank des Vereins aus. 

Der gedruckte .lahresbericht vxird im Laufe des 
^ebruars ausgegeben. 

Da der Ausschuss im .iänner 1887 auf drei Jahre 
gewählt wurde, entliel heuer die Neuwahl. Nach S 7 
der Satzungen hat der Ausschuss das Recht, sich 1 
innerhalb der Wahlperiode durch Berufung zu er- I 
ganzen. Da der Ausschuss theils durch Tod, theils ' 
durch Lebersiedlung drei .Mitglieder verloren hat 
werden für das neue \-ereinsiahr drei andere Mit- 1 
glicder berufen werden. 



[ Der erste Band der ^ Chronik ■< wurde an mehrere 

wissenschaftliche Notabilitäten versendet. Davon haben 
bereits die Professoren Sihvnliadi und Sni/jcrf in 
Graz, Director &//./W« und Dr. U\i/tlc in Weimar, 
Prof. Sazierwnd Prof. LamiW-Im Prag, Prof. Geigtr und 
Prof. //. Grimm in Berlin und Prof. Cmsi-inuh in 
Krakau demN'ereine freundlichste Förderungzugesast. 

Neue Mitglieder seit Jänner 1888. *) 

Herr Friedrich Br,m,h,s. Hafenbaudirector. Wahriim. 
Stefanigasse 1 b. 

Frau .Marie Rr.mdus, Währing. Stefanigasse i b. 

Frau .Marie Hc-s.k\\ I., Getreidemarkt \\. 

Herr Jos. Clem. Knihig, Assistent. \'.. Gauermann- 
gasse 2. 

Herr Prof. Dr. Wilhelm X.nmaiui. IX.. Schwarz- 
spanierhaus. 

Herr Lionello Senigaglia, I., Singerstrasse lo. 

Herr Prof. Dr. Carl Skjskal. II.. Volkertstrasse 8. 

' Goethe - Abend 

I den 27. Jänner 188S. 

Prol. Dr. W. Xeiimann las die zwei Toillaiklo!;ni 
Goethes: ..Aii/MicdmgsTinh und ..Euphrosvnc" , und 

j gab die dazu nöthige Einleitung. Der Redner'schilderte 

I kurz, oft mit den Worten der zuerst genannten Dich- 
tung, das Leben und Treiben auf der Weimarer Lieb- 
habcrbühne. Er legte die Bedeutung dar. welche 

I Goethe selbst diesem Gedichte beilegte. Auch vergass er 
nicht zu erwähnen, dass heute gerade der Jahrestag sei. 
dass Mialiitg, der Hofebenist und Theater- .Maschinen- 
meister, starb. — Das Gedicht ..Euphrosvnc- gehört 
in die zweite Phase des Weim'arer Theaters, al.s'^ regel- 
rechte Hofbühne, wo Goethe als Director dem Ziele, 
als Reformator des Theaters zu wirken, nachstrebte. 
Der N'ortragende schilderte kurz den Lebensgang der 
ChristianeNeumann-Becker, der >>Euphrosvne« unsers 
Dichters. Er trug auch jene Scene aus »König Johann << 
vor, die den Angelpunkt für die Goethesche Elegie 
bildet. Die ganz und gar verschiedene Form dieser 

ri„h.^r^F"'i"'"l5""v,"'''^""»'""""''™ in der Kanzlei des W; 
Clubs (1., Eschenbachgasse 9) entge^-en-^enummen 



Cbroiiik <les Wiener 

,wci -loatcnklaiAcn erklärte der Vortragende aus dem 1 
Inhalte derselben und der verschiedenen Mu^^mung 
iLl Geistesrichtung, in der sich üoethebe. Abfassung 
derselben bewegte. IXr Vortragende Uess semc Dar | 
.Stellung in eine zarte Hrinnerung an /,«,//«<■ n.'.J|'/.> 
ausklingen, welche in demselben .Saale, .n demselben 
Goe.he-.Verein in rührender VVeise r^-'P'--);"- 
vorgetragen, um so rührender, als sie s>ch selbst ganz 
als .Euphrosvne. fühlte und gab. auch u. der Ahnung. 
Jer sie nocli am selben Abend Ausdruck gab: sie 
fühle es, dass sie jung >verde sterben müssen. 

Sowie die früheren beiden Vorträge dieses 
Winters, rief auch dieser bei der /.ahlreich versam- 
melten /.uhörerschaft die gehobenste .Stimmung 
hervor. 

Der nächste Goethe-Abend, 
Freita«. den 24. Februar 18S8 wird Dr. Ale- 
xander Ritier von IIV/Av,. Privatdocent der W lener 
Iniversität. über ..GoMcs Fausl in ur.pno.};luha- 
Gislall- einen Vortrag halten. Nach demselben wird 
Herr Georg Biagosrh, Recitator aus Berlin. Scenen 
des »l'rfaust« vortragen. . 

Mitglieder haben freien Zutritt. Gastkarten s,nd 
in der Kanzlei des AVissenschaftlichen Clubs« zu be- 

heben. .... 

Beginn 7 Uhr Abends. \^ortragssaal des »W issen- 
schaftlichen Clubs« (1.. Eschenbacbgasse 9). 

Besondere Anzeigen werden nicht ausgegeben. 
n<r Srhii/IJiihr.r. 

Ein Goethe-Bild und ein ungedruckter 
Brief Goethes. 

\\;r sind heute in der Lage, den verehrten 
Freunden und Freundinnen Goethes ein seltnes 
Goethe-Bildniss in Original zu zeigen, das im Besitze 
der Familie des Freiherrn von Gagern, ein Geschenk 
des Dichters selbst, erhalten und uns von Sr. L\cell 
Herrn Max Freiherrn von Gagern, anvertraut ist. ) 
Der Letztere ist der jüngste Sohn des Ministers 
und niederländ. Gesandten beim Wiener Congress. 
Hans Freiherrn von Gagern. geboren den 25. .lanner 
,-6C, t •'■' October 1832. Zwei ältere Sohne des- 
selben sind der edle General Friedrich vonGagern. 
der. ein trauriues Opfer der Revolution, getallen .st 
und der berühmte Präsident des Frankfurter Parla- 
ments, Heinrich von Gagern. . , , , , 

Von dem Freiherrn Max erschienen im.lahrbuche 
die Dio.skuren, 1885. Erinnerungen, denen ich lol 
Folgendes entnehme: . , , ■ 

' vAls mein \\uer im April 1829 mich als einen 
Göttinger Studenten auf einer Reise nach Berlin mit- 
nahm und in Weimar Goethe vorst<41te, kam es zu 
folizendem Dreigespräch: 

^ Goethe : Und was hatUenn der junge Herr studirt 

*^ Der ■'Oiliuwärtii.'c P.csitzor ist sein Sohii IJ.iron 

v„n C;:,L'.Tn in liralenstc-iii (IvUinKM.). 



Liocthc -Vereins. ^ _ 

Ich: Zur Rechtsgelehrsamkeit kann ich mich 
schwer bequemen'. , • .w 

Goethe- Ich will es Ihnen dann denn auch ni^-ht 
Übel nehmen I .Man kann aber nebenher auch andere 
Liebhabereien verfolgen, wie ich deren mehrere habe. 
Vater • War das eben nicht ein Anklang an den 
1-aust ' O ' Sie müssen gestehen, dass Sie dem Teufel 
darin doch eine gar zu schöne Rolle zugeteilt haben. 
— Darauf Goethe mit merkwürdig ernstem Blick aus 
seinen unvergesslich schönen braunen Augen: »Ja, 
es /vV etwas von der Hölle darin !« 

Nach mündlicher Mittheilung des Sohnes wurde 
bei dieser Be^egnung ferner dann auch Folgendes 
verabredet. Goethe versprach dem Fre.herrn l ans 
von Ga^ern sein Bildniss , und zwar ein wolge- 
troÜene.s Bildniss von einem geschickten Künstler, 
wol das ähnlichste, das von ihm angetertigt sei. Kr 
verlangte dafür aber, dass Baron Gagern sich lur ihn 
gleichfalls zeichnen lasse. Dabei gebrauchte er den 
Ausdruck: ich habe einen ge.schickten Zeichner c«r 
Hon.l der diese Aufgabe zur Zufriedenheit osen 
wird. 'schon der Ausdruck zur IlanJ spricht datur, 
dass Niemand anders als .loh. Jos. Schnuller der 
Weimarsche Hofmaler, gemeint sein konnte der ja 
auch unsern (}rillparzer. sowie bekanntlich viele 
-indere Personen für Goethes Porträtsammlung 
zeichnete. Von ihm ist denn auch ein Bildniss Gagerns 
,„ den Goetheschen Sammlungen wirklich vorhanden. 
Fs ist verzeichnet in Schuchardts: Goethes Kunst- 

"1 I v; ->S- iinriT Zahl ')-;2 : .Minister von 

Sammlungen 1, S. zf>j untei Aaiu ,- 

^""^"'Die Bekanntschaft Goethes mit Freih. Hans von 
Ga.en, rührt vom Jahre ,820 her. In den .^nnalen 
von .820 linden wir die Stelle: .Herrn von Gagern^ 
län-st ersehnte Bekanntschaft wird mir bei emc. 
freundlichen Besuche, wo mir die eigenthümliche In 
dividualität des vorzüglichen .Mannes entgegen tritt. 

Weiteres über die Beziehungen zwischen Gage, n 
und Goethe ist nicht bekannt. i:ine Krwähnur. 
Gagerns in einem Briefe Goethes werden wir no. 

mittheilen. . . , 

Von Schmeller besitzen wir nun bekanntlich . 
schiedene Bilder Goethes, etwa vie.-. F.s ist aus de:, 
selben ersichtlich, dass Schmeller ein Kunstler ^^,. 
wenii; Ursprüm;lichkeit war. Er benützt zuweilen d,. 
Bilder Goethes.' die schon von andrer Hand vorhan. 
sind, und wo er original ist, verfällt er schablon. 
hafter Darstellung. 

Seine bis 188C. bekannt gewesenen Goeth.- 
Bildnisse. obwol interessant, gehörten doch keinem 
we-'s zu den besten, die überhaupt bekannt sind, 
zu behaupten, wäre das grösste Uni-echt g^gen ^k 
Tischbein,Kügelsen,Stieler,Schwel■dgeburth Prcl , 

mit deren Goethebildern die Schmellei-s den \ - 
-leich nicht aushalten. . 

In dem Jah.-e i88(-. hat nun aber m der Bei. 
1er Allgemeinen Zeitung vom 1-3. Jänner der 
ermüdliche. geistvolle Forscher und Besitzer e. 



Clironil; des Wiener <nietlie-\'erain>. 



bereits berühmt werJeiuieii Samniluni; von Goetlie- 
Bikinissen. Zarncke in Leipzig, auf ein Bikl hinge- 
wiesen, das bis jetzt nicht bekannt war, und aller- 
dings die Schmellerschen Goethebiider bei weitem 
übertrifft. Es ist das uns vorliegende, im Besitze des 
Freiherrn von Gagern befindliche. .\uch von diesem 
Bilde scheint es uns immer noch unwahrscheinlich, 
da.ss Goethe es für besser erklärt haben sollte, als 
/.. B. das Stielers. Die Worte Goethes, aus der Er- 
innerung Sr. E\celh Ma\ von Gagerns, lassen aber ja 
auch eine andere Deutung zu. Goethe sprach von 
Schm ellers Geschick im Porträtiren und bemerkte 
dazu, dieses sei wol »das .Sehnlichste, das von ihm 
angefertigt sei«. Wie leicht kann ein .solcher Satz miss- 
\ erstanden werden, hierz. B. je nachdem das Pronomen 
auf Schmeller oder auf Goethe bezogen wird. Von 
Interesse sind die Bilder Schmellers' alle jedenfalls, 
indem Schmeller Goethe viel gesehen hatte: das Beste 
darunter ist auch ohne Zweifel das Gagernsche. 
Nach der erwähnten Besprechung Zarnckes,' erschien 
dieses Bild nun durch Robert Keil, in der Leipziger 
illustr. Zeitung vom 27. Februar i88('i in getreuer 
Nachbildung. 

Zarncke, der es genau verglichen, ist zur .\n- 
sicht gelangt, dass es auf (Jrundlage einer Schmeller- 
schen Zeichnung, wahrschein lieh von Seh melier selbst, 
mit Correcturen der von (]oethe etwa bemerkten 
Fehler, entstanden sei. Es ist also jedenfalls ein cor- 
ngirtes Bild, besser als alle früheren. Zu wundern 
ist nur, wenn es Schmeller selber verbessert hat, dass 
er die Verbreitung der geringeren Bilder seiner Hand 
nicht verhindert und dafür nicht die bessere Umar- 
beitung in die Oeflentlichkeit gebracht hat. 

Ein Zweifel besteht noch. Nach der Erinnerung 
Max vonCJagerns fand das Gespräch, in dem der I5ilder~ 
austausch zwischen Goethe und Hans von Gagern be- 
schlossen wurde, im .April 1829 statt. Von Goethe 
wrssen wir nun. da.ss er Schmeilern den 8. Novem- 
ber 1829, und von Gagern, dass er ihm den 24. Sep- 
tember 1831 gesessen sei. Wie ist dies mit dem Ge- 
spräch im April 1829 vereinbar' 

Da Goethe von_ Schmeller mehrmals in \er- 
schiedenen Sitirfttionen gemalt ist, mag er ihm auch 
öfter gese.s.sen sein, jedenfalls wissen wir nicht, ob 
damals gerade die für Gagern bestimmte Aufnahme 
entstanden ist. Da Goethe sie im April i82() für so 
gut gelungen erklärte, musste sie damals schon vor- 
handen gewesen und in einer früheren Sitzung ent- 
standen sein. Sie wurde vielleicht den 8. Novem- 
ber 1829 auf Wunsch noch einmal umgearbeitet. 
Wunderbar erscheint in diesem Falle immerhin, dass 
das weitaus beste Bild von der Hand desselben Meisters 
trüher entstanden wäre, als irgend ein späteres, minder 
gutes. Dass Gagern erst im September 183 i zu seinem 
Bilde gesessen, belehrt uns, dass der im April ver- 
abredete Bildertausch erst später zur Ausführung kam. 
F:s wurde irgend ein Bild Schmellers von Goethe, 
erst, bevor es abgegeben wurde, umgearbeitet und 



dann 183 I endlich an Gagern ausgefolgt, als dessen 
Bild in Goethes Sammlung überging. 

Wunder nehmen muss uns, dass von einem Brief- 
wechsel zwischen Gagern und Goethe nichts vor- 
handen ist. Schon Zarncke hat bei der Familie (Ja- 
gerns vergeblich danach gefragt. Dennoch ist ein 
bisher noch ungedruckter Brief Goethes vorhanden 
in dem der Name Gagern vorkommt. Derselbe ist 
datirt vom 10. Februar 18^0 und wir sind durch die 
Gute des jetzigen Besitzers, Sr. Excell. Max Freiherrn 
von Gagern, in der glücklichen Laije, ihn vollständi- 
mitzutheilen. Der ganze Brief füllt ein Ouartblat't 
eines halben Bogens. Die zweite Hälfte, dritte Seite 
desselben, enthält den Auszug aus einem Briefe des 
Herrn von Cotta. Der Brief und der Auszug sind von 
der Hand desselben Schreibers, mit Ausnahme eines 
kleinen Zusatzes im Brief, wie es scheint von Goethes 
Hand. Nur der Brief ist eigenhändig von Goethe 
unterzeichnet. 

Das Papier ist geschmückt mit einem W^asser- 
zeichen auf dem ersten Blatt mit dem Bildnisse Carl 
•Augusts in einem Kreis, der die Inschrift trägt: 

CARL AVGVST (JKÜS- 

HERZOG VON SACHSEN 

W^EI.MAR r EISENACH 

Herr von Cotta hatte den 28. December i82() 
an Goethe geschrieben: 

,X^m .Sjnnii niiy brol)t iiciiriimärtiii ein )cl)r in'. 
fä5r(id)fr ^liadibnicf uuii 3d)ilicv-ö ^ÄM-rfni, brr iiod) 
bcbfiifIid)iT uiivb, ba niid) t^i-r ^.J^iicfun-diid bariitm-ii 
aiifc]iMioiniiicn uu-rbcn foK, :c," 

Goethe theilte nun einen Auszug aus diesem 
Briefe dem Kanzler von Müller mit und schrieb an ihn 
das unten F'olgende. 

Dass dasselbe an den Kanzler Friedr. von 
xMüller gerichtet war, weiss ich nur von Frh. M. von 
Gagern, der ihn von seinem \'ater zugeschickt erhielt, 
da ihn Müller demselben mitgetheilt hatte. ^\. von 
Gagern war damals Accessist im Cabinet des Könisjs 
von Holland und sollte den Gegenstand des Briefes 
in dieser Stellung in schicklicher Weise hohen Orts 
vorbringen, was auch, wie es scheint, mit Erfolg ge- 
schehen ist: 

(iurr .V>üd)U)t,iI)li]rli. 

■^^inifumiiu'iibr^ ;,ii',u 
irnbni linU- uiiilcidit \\\ initiii- iiruiiibi-rt; 3l)rt- 
(li-Lifji' Oicfcilliiifcit luivb aber düii fn uiclcii 
3fitrii in y(iiipvud) iiciioiinuni, bnf; mait füvditct, 
fkl) öUndjcr ^ubiÄcvctiou jdmlbici ,yi imirijcii. iiHiütcii 
oii- iiibcn bic Wciictntljctt linbcii bfii ".'dii?',!!!! (beide 

Worte, wie es scheint, von Goethe eigenhändig ein- 
geschaltet) bc-j luMi (iottaijdini 

Sricf'S nii .^crrii uoii Wnncrii nclanncit ^ii laiifii 
mit bni bcftcii (yiiijjicliliiiificii uiiD !if,iciiiciiöni (sie) 
ÖJcfuri) lim liclclnciibc ^lindiviriit ober uicilciriit 



I liionik lies Wiener (H)etlie -Vereins. 



iiiü!iliri)C Wiliuiitiiiia, iii univtuni Zk und] idiv 
^H•l•biu^^I. 

Tii'fc '.iMtti' t^arf iili um io diev aiK-ipva'lu"ii 
^a liiduni iiid)t iomol)! uu-iii ^Kuvtlinl nl-^ tn-v 
tii-j iH-vlciii-vc-, bcu id) TiTDlid) amli \\\ miinidicii 
lidlu-, lH'iil'l"id)ti(it uiivö. 

liim- fiiv.v llntcvn-tiimii luüvbi- ;'|UH'd 
Uli? ilMiuid) luHi) iud)v iu'ö .SUiUT irUni. 
.s>LH'liad)tniuvMH'll 

iH'liLin'iiiiift 
ÄM-inuiv o- *-J*->- «''HU'llic. 

bni 10. At'tn'. 
is:',(). 

Die rmer.--chriri von (Jocthcv I laiul : vielleicht 
auch das mit einem Schnörkel driiher an die frühere 
Zeile ange.schlos.sene i^i'!)Oviaui|t. 

Kine directe Beziehung; des Briefes /.u dem Bilde 
ist nicht vorhanden. Die Zuschrift von Cotta erfolgte 
am .lahresschluss, 28. December 1820, und wenn 
üoethe Schmellei-n den 8. November desselben .lahres 
gesessen — vielleicht um eine frühere Zeichnung für 
üagern nach Angabe umzuarbeiten — so geschah 
dies nicht in Folge der Befürchtung Cottas, durch 
die die Intervention Gagerns in Anspruch genommen 
wurde. Dass Goethe das (km/e durch Müller an Ga- 
gern sendet „mit bi'u bcftfii linivfoliluiuicMi uuö gc- 
'^iriiunitini (siei Okiurf) um biid)vcubi' ^1Jad)vicl.)t", 
scheint uns nur zu sagen, dass er mit (iagern nicht 
in Briefwechsel stand, wenn auch persönlich bekannt 
und durch Besuche in freundlicher Beziehung. 

S,/in:.r. 

Zur Weimarischen Goethe-Ausgabe I 424. 

Die Reinschrift der Elegie ...Ur.v/s und Dora" 
schenkte Goethe, nach Paulus' eigener Erzählung 
(Reichlin-.Meldegg, Paulus und seine Zeit 1 335 f), 
dessen Gattin Caroline, nachdem er das in .lena ent- 
standene Gedicht zuerst vor einem Abendessen im 
Hause Paulus" vorgelesen hatte. Dasselbe ging, wie 
Reichlin-.Meldegg (3307) anmerkt, nach Paulus' Tode 
in den Iksitz Reichlins über und war 
wei 

.len Ungerschen rNeuen Schriften« gangharen 
Lesarten.) ' -l/"'"" 



Loeper 4252 Verse zählte ich 4259! Ich war gleich 
bereit, meine Zählung aufzugeben. Nach eingehender 
L'ntersuchung stellte sich aber heraus, dass ich sie 
beibehalten musste : Sie beruhte auf der Versabtheilung 
der Originalausgaben und jene andere abweichende, 
auf übiich gewordenen kleinen Aenderungcn. In- 
dem ich auf den ursprünglichen Text zurückging, 
musste meine Zählung entsprechend sich unter- 
scheiden. Ich stellte nun am Rande des Textes meine 
Zählung rechts, dieLoepers links gegenüber. Loeper 
selbst billigte mein N'orgehn. Da ich aber das 
Richtige der Forderung einer Zählung mit Hinzu- 
zählung der einleitenden Dichtungen, die auch im 
zweiten Theil fortlaufend durchgeführt würde, er- 
kannte, setzte ich auch eine solche Zählung, links am 
Rande bei. Die neue Weimarsche Ausgabe des Faust 
I. Theil hat diese letztere angenommen. S. daselbst 
S. 254: »nie Zählung kann nur an drei Stellen 
strittig sein, wo wir mit Schröer übereintretTen.-^ Das 
Verhältniss ergibt sich nun wie folgt: 
Loepers Zählung des 1. Theils ohne die einleitenden 

Dichtungen ergibt 4252 Verse. 
.Meine Zählung ohne die einleitenden Dichtungen 

42^0 Verse. 
.Meine Zählung mit den einleitenden Dichtungen 

4!) I 2 Verse. 
Kr. Schmidts Zählung mit den einleitenden Dich- 

tungen ebenso 4(112 \erse. 
Es wäre damit, ila von Loeper letzteren 
Zählungen zustimmt, was den I. Theil anbelangt, 
Uebereinstimmung erzielt, so dass man nur bedauern 
muss, dass Düntzer in seiner jüngsten Faustausgabe, 
sie ist ohne .lahr in Kürschners Nat.-Litteratur er- 
schienen, wieder abweicht, sowol von Loeper, als 



auch 

425(; 



und 



von b'.rich Sclimidt. Er zählt 
.S'<7;/-. 



»nicht ohne .Vb- 



Unsere B'bliothek. 

Uii>erir llibli.iiliek mmiI folgende (lescheiike zuge- 
kommen : 

Cocth.s n.iturwlssenschaftliche Schriften, zweiter Band, 
herausgegeben von Kmlolf Sl.ina: Kerlin und .Stuttgart. 
, , , 1 • Verla" von W. Speemann (Kürschners Deutsche Nation.il- 

hungen von den gedruckten Ausgaben« (J. h. von | ,.jj^,.^'^,j,._ Bandausgabe 05). LXXIV und 403 Seiten. 

Der erste Band wurde im vorigen l.ahre der Bibliothek 
einverleibt: s. Xr. 6 der Chronik 18S7, S. jfi. 

Der Band enthalt eine Einleitung .Steiners und die 
Schriften Goethes: Irrstes Buch: Zur Naturwissenschaft 
im Allgemeinen; Zweites Buch: Mineralogie und Geologie 
unil Drittes Buch: Meteorologie. 

I-\m>t von Goethe mit Einleitung uml fortlaufender 
Erklärung, her.ausgegeben von K.J. Schröer. Zweiter Theil, 
zweite dureh.nus revidirte Autlage. Heilbronn. Verlag von 
Gebr. Henninger l«88. CXIV und 440 Seiten. 

Der erste Band wurde im vorigen Jahre der Bibliothek 
einverleibt; s. Chronik Nr. 7, 1887, S. Je). 

Die erstgenannte Schrift ist ein Geschenk j . Kürschners, 
die zweite ein Geschenk des Herau,sgehers. 



Die "Verszählung in Goethes Faust. 

Als 1870 die zweite Ausgabe von Loepers Faust 
erschien, hatte ich meine Ausgabe mit Einleitung 
und fortlaufender Erklärung bereits im Manuscript 
vollendet. In Loepers Ausgabe waren zum erstenmal 
die Verse gezählt. In meinem .Manuscript waren sie 
auch gezählt und ich sah nun, dass ich nicht der 
Erste sein sollte mit meiner Zählung. Indem ich nun 
beide Zählungen verglich, ergab sich, dass von 



Illustrirten Wiener Extr.ablatts- (Franz Suschitzky). — Vertrieb für 



Verlag des Wiener Goethe -Vereins. — Druckereides „ ,t,-h„,. 

den Buchhandel: K. k. Hof- und Universitats-Buchhandlnng Alhed Holdei. 



Uie Chronik erscheint um die 
iMittc jedes Monats. 



CHRONIK 



In. Auftr.EC .los 

Wiener Goethe VerrinsHrr- 

ausgeber u. verantwortlicher 

ReJacteur : 



WIENER GOETHE-VERElTs, 



Nr. 3. 



Wien, Donnerstag, den 15. März 1888. 



i el.er G^tlus Lied ^An äe,. Mond'. - Dif GoeAe-^le^pe T„ R?^"."^'""" ^'''^ 



3. Jahrgang. 



- Coethe-AieHd. — Der nächste Goethe-Abend. - 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

In der Sitzung des Ausuhu.us am i-,. Februar 
I Ö8Ö waren anwesend : Obmann Se. E.vcellenz v Stre- 
mavr. Obmann - Stellvertreter Schrlkr, Schriftführer 
Egger und Karre,; Cassier Rose,ithal, von Lützoiv 
Director Sitte und Herr Edgar von Spiegl. 

Es wird einstimmig beschlossen, gemäss § 7 der 
Grundbestimmungen Herrn Director Dr. Hg in den 
Ausschuss zu berufen. 

Dem Prof. Dr. Schrlkr wird für die Spende des 
11. Theiles semer Faustausgabe (2. Aufl.) und dem 
Herausgeber der »Deutschen Nationalliteratur« Hof- 
rath Kürschner, für die Spende des II. Theiles von 
-'üoethes naturwissenschaftlichen Schriften c (heraus- 
gegeben von R. Steiner) der Dank des Ausschusses 
ausgesprochen. 

Leber den Entwurf einer Geschä/tsordnum^ für 
den Goethe-Verein, den Schriftführer Egger vodegt 
entwickelt sich eine lebhafte Debatte, welche zu dem 
Beschlüsse führt, die endgültige Redaction einem 
Sonder-.Ausschusse zu übertragen. 

Privatdocent Dr. Os7,'aht Zingerle in Graz dankt 
lur Zusendung des I. Ban les der »Chronik« und sagt 
dem \ creme freundliche Förderung zu. 

Am 2. März 1888 nahmen an der .^Vusschuss- 
sitzung theil: Obmann E.vcell. v. Stremajr, Obmann- 1 
Stellvertreter Schr/kr, Schriftführer Egger und Karrer 
Cassier Rosenthal und die Herren Prof. Blume Prof' 
Minor, Dr. Alois Mora^citz. 

Prof. Wüekernell in Innsbruck und Dr. S. Singer 
in Wien danken für Zusendung der »Chronik«. 

Prof. Creizenach in Krakau widmet der Bibliothek 
des Goethe- Vereins seine neueste Schrift :» Der älteste 
Faustprolog«. Es soll ihm der Dank des Vereins aus- 
gesprochen werden. 

Für den nächsten Goethe-Abend wird beschlossen 
denselben am 21. März zur Erinnerung an Goethes 
Todestag im Festsaale des Architectenvereins zu ver- 
anstalten. 

Mit derVersendung des .lahresberichtes im Laufe 
des .März erfolgt auch die Einhebung des Jahres- 
beitrages für I 888. 



Neue Mitglieder seit Februar 1888.*) 

Herr Wilhelm Biitmann. k. k. Finanzwach-Oberauf- 
seher in Olmütz. 

HerrFerd. Bronner, stud. phil.. Wien. I.\.. Porzellan- 
gasse 30. 

Herr Dr. VVilh. Creizenach, Professor an der Uni- 
versität Krakau. 

Frau Dr. Helene von Lackner, Wien. I.. Dorotheer- 
gasse 18. 

Herr Dr. Hans LarnbeL a. o. Professor an der Uni- 
versität Prag. 

Herr Berthold Liehig, stud. phil.. Wien, III.. .Metternich- 
gasse (Deutsche Botschaft^ 

Herr Friedrich Ramach, stud. jur.. Wien. \1.. Engel- 
gasse q. 

Herr Dr. Samuel Singer, Wien, II., Praterstrasse 14. 
Herr Adolf Weiss R. v. Tesslnuh, stud. jur.. Wien. 
I.. Nilielungengasse i. 

Goethe - Abend 

den 24. Februar 1S88. 

Dr. Alexander Ritter von Weilen, Privatdocent 
der Wiener Universität, sprach ., LUer Goethes Faust 
in ursprünglicher Gestalt". — Wir geben einen kurzen 
-Auszug des \'ortrags: 

Der Urfaust, wie er in den Jahren ly---^ i--:; 

ausgearbeitet, wird als Product der Sturm- und Drang"- 
periode charakterisirt. Wie im Goetz eine deutsche 
Chronik, wird ein deutsches Volksbuch der Aus- 
gangspunkt, persönliche Erlebnisse und literarische 
Tradition ist für den Gedankengang und die ein- 
geflochtene bürgerliche Tragödie massgebend. Das 
Volksbuch von Widmann-Ptitzer (1674) ist für den 
LVfaust eine wichtige Quelle : Es erklärt den Erdgeist 
in seiner »widerlichen« Gestalt, bedingt noch später 
das Abbrechen des Vertrages, lehrt die grösste Lücke 
zwischen der i. Scene und der Schnlerscene aus- 
füllen, spielt in Auerbachs Keller ein und gibt die 

n K 'T'^S"''L"^,:'^'"?'=''^'"'Sen»erden in der Kanzlei des Wissensch. , 
Clubs |1., tschenbachgasse 9) entgegengenommen. < 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



Worte Mephistos in .Trüber Tag. Feld.: .Drangen 
wir uns Dir auf oder Du Dich uns«. Die einzelnen 
Scenen werden mit den dazu gehörigen Parahpomenis 
analvsirt, die Gretchen-Tragödie in engen Zusammen- 
hang mit dem Hofmeister von Lenz gebracht, dem 
Namen wie Marthe und Lieschen und Margarethas 
Entgegnung bei Fausts Handkuss »Sie ist so garstig 
ist soVauh« entstammen. Der Dialog Faust-Mephisto 
nach Valentins Monologe ist nicht an der richtigen 
Stelle, der Wortlaut spricht dafür, dass Faust vor 
seinem ersten nächtlichen Besuche bei Gretchen steht. 
Mit Zuhilfenahme der älteren Stellen von »Wald und 
Höhle« lässt sich eine neue Scene reconstruiren, die 
ungefähr nach der Gartenscene einzuschalten war. 
Sie bringt die im Faust vermisste Aufklärung über 
den Trank, den Gretchen für die Mutter erhielt. DR- 
Erscheinung der Helena ist wahrscheinlich vor der 
Walpurgisnacht zu denken, die Lieblingssituation 
des Sturms und Drangs, der zwischen zwei Frauen 
schwankende Mann, begegnet uns wieder. Ueber den 
Schluss des ursprünglichen Faust sind nur vage Ver- 
muthungen möglich. Goethe vollendet seine Compo- 
sition nicht, weil er sie persönlich nicht weiterführen 
kann Auch den Wilhelm Meister geleitet er nur bis 
zu seiner vollendeten Männlichkeit. Die stilistische 
Weiterbildung, besonders in der Kerkerscene, wird 
kurz angedeutet. Die Freude an dem kostbaren Funde 
wird durch die traurige Erinnerung an Wilhelm 
Scherer, dessen Andenken gerade beim Urfaust neu 
autlebt, gedämpft. 

Dein mit grossem Beifall aufgenommenen Vor- 
trage folgte die Recitation einiger Scenen aus Goethes 
Faust in ursprünglicher Gestalt durch Herrn Biagosch 
aus Berlin, die ebenfalls verdienten Beifall fand. 

Der nächste Goethe-Abend. 

Den 22. März ist Goethes Sterbetag. Der Verein 
veranlasst zur Erinnerung daran den 21. März 1. J., 
Abends 7 Uhr, einen Goethe-Abend. An demselben 
wird Prof. Dr. R. M. Waiier von der Universität zu 
Lemberg, einen Vortrag halten über Goethes Egmont. 
Hofschauspieler M. /?«■/■/£•«/ wird nach dem Vortrage 
Scenen aus Egmont lesen. 

Ueber Goethes Lied „An den Mond" 



! Jelinel 
.Füllest wieder Busch und Th.ü 
Still wie Nebelj;laii/.." 
»Dieses wahrhaft himmlische Lied sang ich im 
stillen Innern, wo ich es mir so oft, wenn mir wohl 
ist, wiederhole. Gewiss, wenn Goethe nichts als 
diese Jugendgedichte jener seiner seligen und schmerz- 
lichen Stimmung geschrieben hätte, er müsste un- 
sterblich sein. Hat irgend ein Volk, irgend eine Zeit 
etwas dem Aehnliches?« Diese begeisterten Worte 
Ludwig Lichts inTiecksNovelle »Der Mondsüchtige «1) 

1) L. Tieclcs gesammelte Novellen, i B. Breslau 1838, vkI. aiuli 
Zelters Brief a. G. v. 3. Dcc. 1831 (Gs. Briefw. m. Zelter ü. li. b.. 34; . 



spiegeln den tiefen Eindruck wieder, den Goethes 
Lied »An den .Mond, « wie es in den Werken seit 1 789 
steht, mit seiner innigen Versenkung in die Fülle der 
Mondnacht, mit seiner wundervollen .Mischung von 
Seligkeit und stiller Wehmuth in Versen voll musi- 
kalischen Wohllautes machen musste. So klingt es 
denn auch in J. v. Eichendorfls »Aus dem Leben 
eines Taugenichts« wieder in dem Liede, das der Maler 
Guido (die schöne Gräfin) in warmer Sommernacht 
Italiens, während die ganze Gegend zittert und säuselt, 
im Mondscheine auf dem Balcone singt: 
.Schwei^'t der Menschen Laute Lust: 
Rauscht die Erde, wie in Traumen 
AVunderbar mit allen Bäumen, 
IV.is i1.-m Hci-cn kaum htwiisst. 
.\lte Zeiten, linde Trauer 
Und es schweifen leise Schauer 
\Vetterleuchtend durch die Brust. - 
Und wer hat sich der tiefsten Wirkung jener 
wundervollen Strophen entziehen können, wenn er 
in der Stille einer herrlichen Mondnacht verloren, 
eine der vielen .Melodien vor sich hin sang, mit denen 
eine grosse Reihe deutscher Componisten unser Lied 
ausgestattet haben. Wenn dieses Lied als eines der 
seelenvollsten Goethes Jedem lieb und werth ist, so 
scheint mir der von dieser Gestalt ganz unabhängige 
Werth der ersten Fassung durch eine nach meiner 
Meinung falsche Auflassung bedeutend verkannt 
wordenen sein. Zur bequemeren Benützung folge 
unser Gedicht, wie es auf einem eigenen Bogen mit 
der Composition v. Seckendorfs in dem Jahrgang 1 77^ 
der Briefe Goethes an Frau v. Stein steht. 
An den Mond. 
Füllest wieder 's liebe Thal 
Still mit Xebelglanz 
Lösest endlich auch einmal 
Meine .Seele ganz 
^ Breitest über mein Getild 
Lindernd deinen Blick 
Wie der Liebsten Auge, mild 
Ueber mein Geschick. 
Dass du so heuvgli<:h kennst 
10 Dieses Herz im Brand 

Haltet ihr wie ein Gespenst 
An den Fluss g<'haniil 
Wenn in öder Winternacht 
Er vom Tode sihwillt 
15 Und bei Frühlings/'Av/i Pracht 
An den Knospen </;«'///. 
Selig wer sich vor der Welt 
Ohne Hass verschliesst 
Einen Mann am Busen hält 
20 Und mit dem geniest, 

Was dem Menschen unbewust 
Oder wohl veracht 
Durch das L,-ibyrinth der Brust 
Wandelt in der Nacht. 
Mag ein böser- Zufall unser Gedicht mit dci ' 
Briefe Goethes an Frau v. Stein vom 19. Jan. 177-^ 
zusammengebrach', haben, mag der dunkle Ausdruc 
der v und 4. Strophe einer irrigen Deutung nur z. 
leicht entgegengekommen sein: schon Fritz v. Stein 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



bezieht in seinen gewiss noch zu Lebzeiten seiner 
Mutter geschriebenen »Erläuterungen zu einer Samm- 
lung von Briefen von Goethe von 1776 — 1821« 
unser Gedicht auf den Tod eines Fräulein v. Lasberg, 
die von ihrem Geliebten sich verlassen glaubend, am 
16. Jänner 1778 in der lim ihren Tod suchte und 
fand, ein Ereigniss, das aufGoethe gewiss den tiefsten 
Eindruck gemacht hat, wie sein Tagebuch und oben 
erwähnter Brief an Frau v. St. zeigt. Aus Letzterem 
stehe hier die in Betracht kommende Stelle: »Gute 
Nacht Engel, schonen Sie sich und gehen nicht 
herunter. Diese einladende Trauer hat was gefährlich 
anziehendes wie das Wasser selbst, und der Abglanz 
der Sterne des Himmels, der aus beiden leuchtet lockt 
uns. Gute Nacht, ich kanns meinen Jungen nicht 
verdenken, die nun Nachts nur zu Dreien einen Gang 
hmüber wagen, eben die Saiten der Menschheit 
werden an ihnen gerührt, nur geben sie einen rohem 
Klang.« Jene gefährlich lockende Anziehung des 
Flusses (wie sie wohl noch in demselben Jahre in der 
Ballade »Der Fischer« so wundervoll ihren Ausdruck 
tand) konnte man sie nicht in unserem Gedichte 
wieder finden, wo der Dichter wie mit Zaubermacht 
an den Fluss gebannt wird? Und mögen auch 
die Worte Fritz v. Steins in jener Anm. »Die Finster- 
niss der dichten Linden, das Brausen des damals 
hohen Wehres und die Einsamkeit der Gegend machten 
die Stelle ziemlich schauerlich« sich blos auf obigen 
Brief Goethes beziehen, man könnte jenes Schauer- 
liche der Gegend auch in unserem Gedichte (V. i 1) 
wieder hnden und man hat es darin gefunden. Und 
hat nicht jenes Ereigniss deutlich eine Spur hinter- 
lassen, wenn (V. 14) der Fluss in öder Winternacht 
■^•om Tode schwillt? Es scheint so. So haben selbst 
Forscher wieSchöll, Freiherr v. Biedermann, v. Loeper 
und Suphan den Bezug unseres Gedichtes auf den 
Tod des Fräulein v. Lasberg aufrecht gehalten, eine 
gespenstermässige. gefährlich - lockende Anziehung 
des Flusses in unserem Gedichte gefunden, von der 
den Dichter nur die Liebe zu Frau v. Stein errettet 
und das Gedicht bald neben die »Rettung« bald neben 
den Fischer gestellt. Die letztere Zusammenstellung 
und wieder der Bezug auf den Tod der Lasberg, der 
Goethe damals das Bild des Todes nahe gebracht, 
kehrt auch neuerdings in Victor Hehii's »Gedanken 
über Goethe« wieder. Selbst die neue Weimarer 
Goetheausgabe scheint die genannte Deutung unseres 
Gedichtes begünstigen zu wollen, wenn sie dasselbe 
als ehie Beilage zu Goethes Brief von 19. Jänner 1778 
bezeichnet. 

Die Stimmen von Heinrich Düntzer und Wilh. 
Fielitz, die sich allein gegen jene Auslegung aus- 
gesprochen, haben sie doch nicht verdrängen können. 
Gleichwohl halte ich jene Autfassung für einen Irrthum, 
mag sie sich auch auf die Autorität Fritz v. Steins 
stützen. Doch ist dieser wirklich zuverlässig? Fielitzi) 
h at geze igt, dass jene Anmerkungen neben vielem 

=) Aus-. (1. Br. Gs. an Frau v. St. Frankf. a. .M. iS8j .. IVl. S. .\. 



Brauchbaren auffallende Irrthümer bieten, hält er ja 
doch z. B. den Pseudonymen Correspondenten Goethes, 
Kraft, dessen Briefe die Familie v. Stein besass für 
den Dichter Lenz. Sollte jene Auslegung nicht einer 
seiner Irrthümer sein, der noch dazu so nahe lag, dass 
es wirklich ein Wunder gewesen wäre, wenn er nicht 
von irgend Jemandem begangen worden wäre. 

Spricht tiefste Ruhe, tiefster Friede, volle Selii;- 
keit aus den beiden ersten, wie den beiden letzten 
Strophen unseres Gedichtes, kann dieselbe Mondnacht, 
welche diese hervorgerufen, wohl irgend etwas Ge- 
spenstermässiges an sich haben? Lmd wenn die Liebe 
zu Frau v. Stein den Dichter aus der Gefahr errettet, 
die ihm in der lockenden Anziehung des Flusses 
droht, was soll jenes »Selig — wer einen Mann am 
Busen hält?« Gewiss, wir stossen auf Widersprüche, 
die nicht nur unerklärlich, sondern ganz unmöglich 
sind. .\uch Scholl hat diess wohl empfunden, wenn 
er von einer Doppelemptindung in der ersten Fassung 
redet. Doch jene Doppelempfindung, jene Wider- 
sprüche sollen sich bald in herrliche Harmonie 
autlösen. 

Fragen wir, wer unter jenem »ihr« von V. i i 
gemeint sei, so erhalten wir fast allgemein, ja selbst 
von Düntzer, die Antwort Mond und Frau v. St. 
Abgesehen aber davon, dass die Beiden wirklich ein 
wunderliches Paar bilden, kommt es der Frau v. St. 
daheim nicht in den Sinn, den Dichter an den Fluss 
zu bannen. Dem ist nun weder durch Düntzers 
Erklärungsversuch, noch durch Suphans Conjectur') 
zu entgehen, sondern einfach dadurch, dass man mit 
Fielitz Mond und 's liebe Thal darunter versteht. 
»Der Liebsten Auge-< aber, die Liebe zu F>au v. St., 
mit ihrer beruhigenden Wirkung auf die Seele des 
Dichters, steht blos im Vergleiche, um der tiefen 
Ruhe der Mondnacht, dem Gefühle innigsten Natur- 
gefühles Ausdruck zu verleihen, und ist also keines- 
wegs ein Hauptmotiv unseres Gedichtes. Es ist 
natürlich das Thal der Um gemeint, wo Goethe sein 
Gartenhaus besass, wo er in liebevollem Verkehre 
mit der Natur sich bald von den Vögeln etwas vor- 
singen lässt, »damit Ruhe über seine Seele komme«, 
bald die Sonne begrüsst die auf seinen Wiesen liegt, 
noch öfter aber denn herrlichen Mond. Hier ist es 
ihm lieber und wohler, als in dergrossen, weiten Welt. 
Auf der Harzreise erfassst ihn Heimweh, es ist ihm, 
als ob ihm sein liebes Thal wie ein Klotz angebunden 
wäre. Selbst inmitten der grosssartigen Schweizer 
Natur weiss er, was er seinem lieben Thal verdankt. 
»Hätte mich nur das Schicksal in irgend eine grosse 
Gegend heissen wohnen, ich wollte mit jedem Morgen 
Nahrung derGrosheit aus ihr saugen, wie aus meinem 
lieblichen Thal Geduld und Stille!«-) Mit der ganzen 

') D möchte lieber mit Wechsel der .Ansprache .du^ in V. o 
auf Fr. V. St. beziehen, wozu sich der Mond leichter zu-esellcn 
wurde. Suphan wollte Zacher Z., 7. B. in Herders .Abschrift hallet 
ihr lesen. •- \ gl. Br. a. Aug. v. Stolberg 12. Mai 1776, an Frau v. St. 
21. Mai. b. Aug. 1777, ,. Juni 1778. 

■) An Fr. V. St. aus Munster d. 3. Oct. 1770. Man vgl. aber 
noch aus dem Jahre 1731 Goethe an Frau v. St. v. 22. .A.pr. 



Chronik des Wiener Goelbe -Vereins. 



Innigkeit, mit der Goethe damals an demselben hing, 
erscheint denn auch »'s liebe Thal« in unserem Liede. 
Jene Ruhe und Stille sind denn auch die Zaubermittel, 
mit denen das liebe Thal im Bunde mit dem still und 
sanft über dasselbe sich ausbreitenden, die Seele bis 
in ihre innersten Tiefen lösenden Monde das einst 
auf Wogen wilder Leidenschaft himmelauf- und 
höllenabgetriebene Herz des Dichters zur Ruhe 
bannen, das jetzt nur mehr wie ein Schatten der 
Vergangenheit, wie ein Gespenst in die Gegenwart 
hineinragt, l'eber jenes Ineinanderwebcn von Ver- 
gangenheit und (jegenwart drückt sicli (Joetbe selbst 
in Dicht. -Wahrh. 14. B. aus'): Hin (lefühlaber, das bei 
mir gewaltig überhand nahm und sich nicht wunder- 
sam genug äussern konnte, war die Kmptindung der 
\'ergangenheit und Gegenwart in Eins: eine An- 
schauung, die etwas Gespenstermässiges in die Gegen- 
wart brachte. Sie ist in vielen meiner grösseren und 
kleinern Arbeiten ausgedrückt und wirkt im Gedicht 
immer wohlthätig, ob sie gleich im .■\ugenblick, wo 
sie sich unmittelbar am Leben und im Leben selbst 
ausdrückte, .ledermann seltsam unerklärlich, vielleicht 
unerfreulich scheinen musste.« Ist aber dadurch in 
Strophe 3 deutlich ein Gegensatz zwischen dem Herzen 
des Dichters von Einst und Jetzt vorhanden, so muss 
er es auch in der folgenden Strophe sein (selbst 
wenn nicht der Gegensatz von »beweglich« und 
^gebannt« auf den von »schwillt«, »quillt« hinwiese). 
Der Gedanke, früher, in der Zeit wilder I^eidenschaft 
des Dichters, die ihn zu keinem ruhigen, wahren 
Genuss des Lebens kommen liess, sei es um ihn öde, 
todt und leer gewesen, jetzt aber sei ihm erst der 
stille, reine Genuss geworden, findet seinen Ausdruck 
unter dem Bilde des Flusses, der bald in öder Winter- 
nacht durch ilie toJtf Natur dahinbraust, diese, über 
seine Ufer \\htixschrvcUeiid, mit sich fortreisst, bald 
aber um das envachle Leben der Natur in seinen 
Grenzenä) ruhig dahin quillt. In seinen Grenzen aber 
muss er bleiben, will er das zarte Leben nicht ver- 
tilgen. So muss auch der, welcher das zarte Glück 
der Seelenruhe, den wahren Genuss des Lebens sich 
nicht zerstören will, zu entsagen wissen, männlich 
fest die Zügel in den Händen haltend, dass er nicht 
iMenschenhass aus der Fülle der Liebe trinke, wie 
Goethe auf der Harzreise Dec. 1777 singt, wo ihm 
zuerst jenes (Jlück der Entsagung aufgegangen. Früher 
hätte er, so schreibt er an Frau v. St. am 9. Dec, 
mit aller Lauterkeit des Herzens eine Menge Präten- 
sionen gehabt und sei da elend, genagt und gedrückt 
gewesen. »Jetzt ist's kurios, besonders die Tage her, 
in der freiwilligen Entsagung, was da für Lieblichkeit, 
für Glück drinne steckt« ; ein Gedanke den er auch 
in seinem Tagebuch am 12. Februar 1778 bemerkt 



(»fortdauernde reine Entfremdung von den Menschen, 
Stille und Bestimmtheit im Leben und Handeln») und 
der Goethes folgendes Leben durchzieht. 
(Fortsetzung und Schluss fol^;!.) 



1) Hempel 22. 11., S. lon 
•) An den Knospen, 
iispen quillt. 



Die Goethe-Kneipe in Rom. 

Unsere Chronik hat im vorigen Jahre in der 
I 1. Nummer, Seite 60, unter der Ueberschrift Gocthc- 
(redatlis tat teil in Italien, die Frage gestellt nach der 
Goethe-Kneipe in Rom, die verschwunden ist. Wir 
meinen die Osteria, deren der Dichter besonders in 
der 1^. seiner Elegien gedenkt, die in den Reise- 
handbüchern als Goethe-Kneipe noch angeführt wird, 
die aber der Fremde vergebens sucht. — Eben er- 
halten wir in Folge unserer Anregung eine höchst 
dankenswerte Zuschrift aus Rom von einer Dame, 
Frau n. Neid diUf, München, deren wesentlichen Inhalt 
wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. 

»Ich komme meinem Versprechen, über die 
Goethe-Kneipe zu berichten, sehr spät nach. I')aran 
ist theils das schlechte Wetter schuld, theils aber 
auch der Umstand, dass ich mich mehrmals in jene 
Stadtgegend begeben musste, bis ich das gesuchte 
Haus ausfindig machte. Es befindet sich — wie die 
Goethe-Chronik a. a. O. richtig angegeben — in der 
Via di monte Savello Nr. 78. — Zur Zeit als ich das 
Locale vor Jahren sah, ging man durch ein schmales, 
kleines Gässchen, das jetzt verschwunden und mit 
der Piazza Montanara Eins geworden ist. Deshalb 
bedurfte es wiederholten Besuchs und vieles Umher- 
fragens, bis ich das Locale fand. — Die Osteria besteht 
nicht mehr. Die blau und braun angestrichene Thüre 
ist verschlossen. In dem Locale ist bis an die Decke 
hinan Eisengeräth und Handwerkzeug aufgestapelt. 
Die Marmorplatte mit der Inschrift, die König Lud- 
wig I. von Baiern auf .\ntrag des Hofraths Dr. Ernst 
Förster zum Angedenken Goethes an der Wand links 
vom Eingang hat einmauern lassen, ist noch an ihrer 
Stelle, wie mir der Nachbar des Hauses, Besitzer eines 
Liqueurladens, versichert. — Jetzt ist das Local so 
vollgeräumt, dass es unter solchen Umständen nicht 
leicht möglich ist, einzudringen, um etwa die .Marmor- 
tafel abzuzeichnen und abzuschreiben. — Ich bemerke 
noch, dass ausser der Zahl 78 auch noch die neuere 
Zahl 42 an dem Hause angeschrieben ist.« — Das 
sind doch traurige Zustände und es fragt sich, ob 
denn der Fremde , der jenes berühmte Local der 
Künstler, namentlich der Deutschen sucht und jene 
Erinnerung an Goethe in Rom feiern möchte, von 
nun an für alle Zeit vor der verschlossenen Thüre 
stehen soll? Ein so berühmtes Local. das die gebil- 
dete Welt, das namentlich die Deutschen, das die 
Künstler in Rom allein schon halten könnten, müsste 
sich ja doch besser verzinsen als Osteria, denn als 
Eisenmagazin. Sehr. 



; des Wiener Goethe-Vereins. — Druckerei des „lUustrirten Wiener Extrablatts* (Franz Suschitzky). 
den Buchhandel : K. k. Hof- und Universitäts-Buchhandhin" Alfred Holder. 



Vertrieb für 



Die Chronik erscheint urt 
ilitte jedes -Monats. 



CHRONIK 



Im Aufir.iyc .los 

WienerGoethc Verf^iniHtr 

ausgebcr u. verantwortliche 

Redacteur: 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 4. 



"Wien, Sonntag, den 15. AprU 1888. 



3. Jahrgang. 



.,,.J^5S^il;^tÄ'sS^;Ss^^x^'l%^^ 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 
Neue Mitglieder seit März i888. *) 

Herr Carl Cwwjvr. Verlagsbuchhändler. I., Akademie- 
strasse 2 b. 

Frau Baronin Hermann, 111., Hauptstrasse 88. 

Herr Dr. J. Ä'<7/c, Professor an der deutschen Uni- 
versität Prag. 

Herr Dr. Leo Smolk, k. k. Professor, II., Pillersdorf- 
gasse I %. 

Herr Alois Winter, Privatier, VII., Burggasse b\. 

Ki.nigliche Bibliothek in Berlin, W., Platz am Opern- 
hause. - -- — -. , 

Beitrag für den Goethe-Denkmalfonds. 

Akademischer Richard Wagner-Verein . fl. 2i. 



Zuschrift des Wagner- Vereins. 

Der Wiener iikadenäsche Wngner- Verein in Wien 
hat mit Zusendung des oben verzeichneten Beitrages 
für das Goethe-Denkmal die Zuschrift des Goethe- 
Vereins den 8. März 1. J. freundlichst erwidert : 

»Der Wiener akademische Wagner-Verein ent- 
spricht mit Freude der Aufforderung, die idealen Ziele 
des Goethe-Vereins durch einen Beitrag zu fördern. 
Dass dieser nur ein bescheidener ist , möge ent- 
schuldigt werden durch die Grösse der Verpflich- 
tungen, welche die Erhaltung des Lebenswerkes 
Richard Wagners, der Bühnenfestspiele zu Bayreuth, 
den Freunden des Künstlers auferlegt. 

Doch wir wissen ja, dass Sie auch schon eine 
kleine Gabe freundlich entgegennehmen werden als 
ein bedeutsames Zeichen für die Innigkeit der Be- 
ziehungen zwischen zwei Vereinen, welche sich nach 
je Einem der grössten deutschen Meister nennen. 
Mag man auch die Wahl eines solchen Namens als 
Einseitigkeit missdeutet haben, so sehen wir uns 
durch Goethes Worte mehr als gerechtfertigt: ,Wenn 



i man von Schriften wie von Handlungen nicht mit 
emem gewissen parteiischen Enthusiasmus spricht, so 
bleibt so wenig daran, dass es der Rede gar nicht 

'^\'e'"th ist Der .Mensch hat gar eine 

eigne Lust, Proselyten zu machen, dasjenige, was er 
sich schätzt, auch ausser sich in Andern zur Erschei- 
nung zu bringen, sie geniessen zu lassen, was er selbst 
geniesst, auch sich in ihnen wiederzufinden und dar- 
zustellen. Fürwahr, wenn dies auch Egoismus ist, so 
ist es der liebenswürdigste und lobenswürdigste, der- 
jenige, der uns zu Menschen gemacht hat und uns 
als Menschen erhöht'. 

Indem wir der Hoft'nung Raum geben , dass es 
dem Goethe-Verem, wie dem Wagner-Verelh gegönnt 
sein möge, immerdar Zeugniss abzulegen für die 
mnige Einheit aller edelsten deutschen Kunst und 
Kultur, zeichnen für den Vorstand des Wiener aka- 
demischen \\"agner-\"ereins 



Dr. Bolle 



Dr. Steinhausci 

Schriftführer. 



Dr. Alois Hofler, 

Obmann-Stellvertreter." 



*) Beitritts- Anmeldungen V 
Clubs (I., Eschenb.achgasse g) et 



1 in der Kanzlei des Wi 



Ausschuss - Sitzung. 

In der Sitzung des Ausschusses am 3.. April 1888 
führte Obmann - Stellvertreter Sehrlkr den Vorsitz. 
Anwesend waren die beiden Schriftführer Egger und 
Karrer, Cassier Rosenthal und die Herren Blume, Hg. 
Kolatschek, von Lützotc. J/ora-cvitz und Schipper. * 

Eine Zuschrift des Generaldirectors der Konigl. 
Bibliothek in Berlin, Dr. Wilmanns meldet, dass die 
Berliner königl. Bibliothek dem Wiener Goethe- 
Verein als Mitglied beitrete. 

Die Zuschrift des Akademischen Wagner- J'ereins 
wird vorgelesen. 

Eine Zuschrift der K. k. priv. allgem. österr. 
Bodencreditanstalt bestätigt die Uebernahme der 
VVerthpapiere des Goethe -Vereins und des Goethe- 
Denkmalfonds" in kostenfreie \"erwahrung. 

Der Schriftführer berichtet über die bisherige 
Einhebung der Jahresbeiträge für 1888 und die .Aus- 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



Ueber Goethes Lied „An den Mond" i 

\ on l-"r:inz Jelinek (Schluss). | 

So drlaf;L-n Jenn aus der Tiefe des Herzens, als j 
die -rosseWahrheit, die Goetlnes innersteUeberzeugung 
geworden, als Ausdruck des seine ganze Seele erfül- 
ienden Glückes jene Worte: »Selig, wer sich vor der 
Welt ohne Hass verschliesst, einen jMaim am Busen 
hält und mit dem geniesst« — jenes reine Glück, das 
in der Kntsagung wurzelnd, dem Menschen treilich 
meist unbekannt oder gar in seinem Streben nach 
vermeintlichem Vollbesitz verächtlich zurückgewiesen, 
in seiner ganzen Herrlichkeit nur in der Stille der 
Mondnacht aufgeht. 

Wenn man bei »der Liebsten« in V. 7 an Frau 
V St denken muss, so wird der »Mann« in V. 19 
wohl auf Herder gehen, der nicht blos selbst auf die 
männliche Festigkeit ein Hauptgewicht legt, sondern 
auch von seinem Freundeskreise als »Mann« geschätzt 
wird. Schrieb er selbst an Merck^): »Sie sind ausser 
dem Zauberphantom. was wir Freund nennen und was 
vielleicht in welch Elvsium gehört, noch ein Mann«. 
und weiter unten: »O, warum musste der Keim, der 
so süsses, ewiges, oftenes Band zwischen uns hatte 
werden können, so zerissen werden, dass wir beide 
selbst die wir doch .T/y/wiv- sein wollen, nicht wissen, 
wie« ' so schreibt Merck an Höpfner'''): »Alle seine 
Schriften sind, wie bekannt, eitel Exercitia. allein wenn 
man ihn sieht, so ists ein ganzer il/</«««, und Goethe 
selbst an Herder'') (aus Frankf. Ende 1771): »Keine 
Rechenschaft geb' ich Ihnen, lieher Mann, von meiner 
Arbeit«, und aus Strassb. Sommer 1771 (besonders 
deutlich durch den Gegensatz): »Mein ganzes Ich ist 
erschüttert, das können Sie denken. Mann, und es 
librirt noch viel zu sehr.« 

Wenn auch Goethes spätere Briefe an Herder 
bis 1776 keine derartige Aeusserung enthalten und 
für die hier in Betracht kommende Zeit von 1 776—80 
mir keine Briefe bekannt sind, so zeigt doch ein Brief 
Wielands (Febr. 1777), dass Herder auch in Weimar 
besonders als ein Mann galt, wenn Wieland sich an 
Merck beklagt, dass seine Liebe und Gutherzigkeit 
in den Augen seiner Eminenz als Schwäche gelte. 
»Der Mann ist wie eine elektrische Wolke. Von fern 
macht das Meteor einen ganz stattlichen Effect; aber 
der Henker habe solch einen Nachbar über seinem 
Haupte schweben«. Und Herdern wieder ist Goethe 
vorzugsweise der i.männiiche Freund«. 

Den Grundcharakter unseres Liedes in der 
ersten Fassung müssen wir also als ein tiefes Natur- 

iTlWpfi- an Toh. Heinr. Merck v. t;..ethe, Herder, Wicland 
u .VndLren bedcuttden Zei.g-, W. v. K, Wagner ■835, N«' 
Ebend. N. 5 (aus S.rassb., Nov. 1770) spr.cht er zu demselben 
v.>n ihrer ersten männlichen treundschatt . , r„, „„,t 

von Ihrer er. ^^^ Freundeskreis v. Goethe Herder, Hopfner und 

Me-ck he V. K. Wagner. Lpz. 18+7- >•"■ 49 (End»-J"lj 1775)- 

3)Gs AV., Weim. A. IV, 2 B. S. 10, u. Aus Herders Nachl., 
Frankf. 1856, I H., N 



gefühl bezeichnen, worin sich unser Lied an Goethes 
herrlichste Dichtungen, wie: »Auf dem See«, oder das 
zweite: »Wanderers Nachtlied« (Ueber allen Gipfeln 
ist Ruh), würdig anreiht. Die Stille der .Mondnacht 
ruht in der Seele des Dichters, wie ein tiefer, unbe- 
wegter See, aus dem sich nur für Augenblicke die 
Erinnerung an die Vergangenheit erhebt, um in der 
Seligkeit der Gegenwart und der in ihr aufgegan- 
genen Wahrheit wieder zu versinken. 

Fusst aber unser Lied recht eigentlich auf der 
innigen Liebe Goethes zum Thale der Um, so musste 
es bei einer Umänderung im Jahre 1786 ganz be- 
deutend umgestaltet werden; klang jener Wunsch auf 
der Schweizerreise schon wie ein leiser Abfall von 
der alten Liebe zu seinem Thale, so kehrte diese doch 
wieder zurück, um aber in den achtziger Jahren einer 
immer mehr zunehmenden Gleichgültigkeit zu weichen, 
bis er endlich in einem Briefe an Herder vom 1 i. No- 
vember 1785 von dem verhassten Ilmthal redet, das 
er lieber umreitet '). 

Jetzt tauchte ja in des Dichters Seele die Sehn- 
sucht nach grosser Natur auf. die Sehnsucht nach 
Italien. So "musste nicht blos aus sprachlichen 
Gründen -) und nach dem Grundsatz, die Spreu per- 
sönlicher Existenz hinauszuschwingen, »'s liebe Thal« 
schwinden, wobei sich eine ähnliche Aenderung bot, 
wie im Gedichte »Die Nacht« . wo »Luna bricht die 
Nacht der Eichen« in »bricht durch Busch und Eichen« 
geändert wurde^). Es musste aber auch Strophe 3 ganz 
fallen, abgesehen von der Dunkelheit des Ausdruckes 
und demAUzupersönlichen^) darin. Damit war aber 
der mit jener innigst zusammenhängenden 4. Strophe 
der eigentliche bildliche Sinn entzogen und so V. 17 
und 18 unverständlich geworden, wo aber das Motiv 
der Trauer um verlorne Liebe nicht schwer zu suchen 
war. zumal es sich an den vorüberrauschenden Fluss 
nur allzuleicht anknüpft. Natürlich musste für den 
»Mann« in V. 19 und für die »Liebste« in V. 6 jetzt 
der Freund eintreten. Damit aber war auch ein Lied 
entstanden, welches für den Liebesroman in Liedern 
(für jene Gruppe von Liedern, in deren Mitte Lili 
steht) den herrlichsten Abschluss bot. 

Müssen wir so in unserer zweiten Fassung die 
künstlerische Meisterschaft bewundern, so wird uns 
die erste lieb und theuer bleiben durch die innige 
Herzenswärme ursprünglicher Empfindung. 



1, Vgl. auch den Br. d. Fr.au v. St. .an Fritz v. jo. Ma. 1794. 
.) Suphan Aeltere Gest. G'scher Ged. Goethejahrb. It B. 
3) .An Luna- ( .An den Mond"), hat an unser Gedicht seinen 
Titel abgetreten. 

H Wie auch in -Jägers .-Vbendlied- : 

.Dem so zu Hause, wie im Feld, 
Sein Herze schwillt zur Last' 
L-hafft und dadurch dieses Lied """'"'"f,''; f^<"';,\'\";,''/rjj''^ ^'''" 



lied charakte 



ti.de 



7 ^ ,. ■ Tlrnclrerei des Illustrirten Wiener Extrablatts'' (Franz SuschiUky). - Vertrieb für 

Verlag des Wiener C'-;^^-;;-'- " ^^"^«1"«? Universitär Alfred Haider. 



Die Chronik erscheint um dir 



CHRONIK 



Im Autir^i-o ,lc-s 

Wiener Guethe Vcr.-:nsHer. 

.lusgeber u. verantwortlicher 

Redacteur: 

A'. y. SchrHtr. 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 5. 



Wien, Dienstag, den 15. Mai 1888. 



3. Jahrgang. 



I.^JHALT: Au! dem Wiener Goeth'.Vereln — \Vnp\i;t„T- A ir " 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

Neue Mitglieder. Dr. .1. A'M\ Prof. a d 
deutschen l!niversität in Prai;. Dr. M. Ritt v Z.-'tw 
Prof. ad. Universität Würzburg. Frau Hermine A'on/- 
liuhn; Protessorsgattin in Wien, Kettenbriic!cen<^asse - 

Unsere Bibliothek. Se. Excellenz von Shanavr 
.spendete der Bibliothek des Wiener Goethe -Vereins 
Goethes Faust in unprilugluher Gestalt nach der 
Oochhausenschen Abschrift, herausgegeben von Erich 
Schmidt, Weimar, H. Böhlau ,887, und von dem 
^^^rkh^u:n Staatsrath Dr. Vutor Hehn in Berlin erhielt 
die Bibliothek dessen berühmte Schrift: Gedanke,, ii!,a- 
Goethe. I.Theil. 2. Aurtage 1888. Berlin. Gebr Born- 
traeger. 

General - Versammlung der Goethe- 
Gesellschaft in Weimar. 

Der geschäftsführende Ausschuss der Goethe- 
Gesellschatt versendet seine Einladung zur General- 
versammlung und wir glauben, unseren Lesern zu 
dienen, indem wir sie vollständig mittheilen- 

Die Mitglieder der Goethe-Gesellschaft beehren 
wir uns hiermit zur diesjährigen Gene,-alve,sa,n„,lun.^ 
einzuladen, welche Sonnabend den 26. Mai d I Vor" 
mittags I , Uhr, im Saale der »Erholun^s-Gesell- 
schatt« (Karlsplatz) zu Weimar stattfinden wird. 

Die Tagesordnung ist festgestellt wie fol-f 
I. Erstattung des Jahresberichts. 2. Festvortra- Sr' 
E.xcellenz des Herrn Prof. Dr. Kuno Fischer, Heidel- 
berg über Goethes Iphigenie. ■,. Handschriftliches 
zum II. Theile von Goethes Faust (Prcf. Dr Erich 
Schmidt, Berlin). — Pause. — 4. Neuwahl des Vor- 
standes für die Zeit vom i. Jänner 1889 bis m De 
cember 1891. 5. Bericht über Ausführung des Be- 
schlusses der Generalversammlung vom 2. Mai 1886 
betr. Erhaltung bedeutsamer Gräber der Goethe- 
Zeit (Geh. Reg.-Rath Dr. Kuhn, Weimar). 6. Bericht 
über Goethe-Bibliothek und Goethe-Archiv (Prof Dr 
B. Suphan). 7. Bericht über das Goethe-National- 
Museum (Geh. Hofrath C. Ruland). 8. Ablegun- der 
lahresrechnung und damit Zusammenhängendes 
Commerzienrath Dr. Moritz). 9. Anträge, sofern die- 
selben bis spätestens 5. Mai bei dem Vorstande ange- 
iieldet werden. 



D,e J orsta„dssitz,o,g findet Fieitag den 2^. Mai 
on,„ttags n Uhr, i„, Witth,„ns. Palais statl^ 
Jenn auch nach der Generalversammlung eine kuivc 
voistandssitzung stattfinden wird 

Freitag Abend von 8 Uhr 'ab zwanglose Ver- 
ewigung im Gartensaale der -.Vereins-Gesellschaft« 
(Karlsplatz 4 Sonnabend um 3 Uhr ebendaselbst ein 
gemeinschatthches Mittagsessen (zu ■, Mk)- die an 
demselben Theilnehmenden, -.velche^ _ _ /^" 
iq. Mai Plätze haben vo,;nerken lassen, wollen die- 
selben am \ ormittage des 26. Mai vor 1 , Uhr belegen 
Sonnabend um 7 Uhr Vorstellung im Grossherzogl' 
Ho.-Theater und zwar ./>>■//„> ,/,;■ a„ge,„e/deten Mit- 
^Iiede,: Nach Schluss der Vorstellung freie Verein! 
gung im Gartensaale der »Vereins-Gesellschaft. 

Sonnabend Vormittag liegt in dem Zimmer neben 
dem Saale der »Erholung« (eine Treppe hoch recht.s) 
Jie Präsenzliste behuts Einzeichnung auf. Ebenda- 
selbst sind auch die vorgemerkten Theater-Billets in 
Empfang zu nehmen — sowie auch Zahlungen des 
J.es)ähngen Beitrags und neue Beitrittserklärungen 
entgegengenommen werden. Freitag Nachmittag fon 
2 bis 4 Uhr und Sonnabend von 9 bis 4 Uhr i^t die 
Besichtigung des Goethe - National - Museums des 
Grossherzogl. Museums, sowie der Dichterzimmer 
im Schlosse. 

Sonnabend von 8 bis 10 und 2 bis 5 Uhr der 
Besuch der Dichtergräber, at,er n,cr gegen Vo,zeig„n,^ 
de,- M,tgl,edska,ten fii,- das Jak,- 1888, unentgeltlich 
gestattet. 

Leipzig und Weimar, iti. April 188S 

Der Vorsitzende der Goethe - Gesells chaft: 

Siinsnii. 

Der Vorsitzende des geschäftsführenden Ausschusses • 

Ruland. 

Aus Weimar. 

Original-Correspondenz. 
Am 6. April hielt Professor Ericli ScIuuiJt .lus Berlin 
den zweiten der angekündigten öffentlichen Vorträge der 
Goethe-Gesellschaft über , Hermann und Dorothea". .Mit der 

EntsX"'"'^",'T"," '" ^'™^^^"' kr.äftigen Zügen die 
iintstehungsgeschichte diesesEpos, seine literarische .S'elinn.. 
seine ästhetische Bedeutung und wusste durch seinen geist- 
vollen, spannenden Vortrag das zahlreiche Auditorium zu 



i6 



( hronik des Wiener Goethe -Vereins. 



Ueber Goethes Lied „An den Mond" 

von Franz Jelinek (Schluss). 

So drint;cn Jcnn aus der Tiefe des Herzens, als 
die grosseWahrheit, die Goethes innersteUeberzeugung 
geworden, als Ausdruck des seine ganze Seele erfül- 
lenden Glückes jene Worte: »Selig, wer sich vor der 
Welt ohne Hass verschliesst, einen Ma/in am Busen 
hält und mit dem geniesst« — jenes reine Glück, das 
in der ICntsagung wurzelnd, dem Menschen freilich 
meist unbekannt oder gar in seinem Streben nach 
vermeintlichem Vollbesitz verächtlich zurückgewiesen, 
in seiner ganzen Herrlichkeit nur in der Stille der 
Mondnacht aufgeht. 

Wenn man bei »der Liebsten« in V. 7 an Frau 
V. St. denken muss, so wird der »Mann« in V. 19 
wohl auf Herder gehen, der nicht blos selbst auf die 
männliche Festigkeit ein Hauptgewicht legt, sondern 
auch von seinem Freundeskreise als »Mann« geschätzt 
wird. Schrieb er selbst an Merck'): »Sie sind ausser 
dem Zauberphantom, was wir Freund nennen und was 
vielleicht in welch Elysium gehört, noch ein Matm-^ 
und weiter unten: »O, warum musste der Keim, der 
so süsses, ewiges, oftenes Band zwischen uns hätte 
werden können, so zerissen werden, dass wir beide 
selbst, die wir doch Männer &s\n wollen, nicht wissen, 
wie«,' so schreibt Merck an Höpfner"): »Alle seine 
Schriften sind, wie bekannt, eitel Exercitia, allein wenn 
man ihn sieht, so ists ein ganzer J/<;«««, und Goethe 
selbst an Herder^) (aus Frankf. Ende 1771): »Keine 
Rechenschaft geb' ich Ihnen, lieber Mann, von meiner 
Arbeit«, und aus Strassb. Sommer 1771 (besonders 
deutlich durch den Gegensatz): »Mein ganzes Ich ist 
erschüttert, das können Sie denken. Mann, und es 
librirt noch viel zu sehr.« 

Wenn auch Goethes spätere Briefe an Herder 
bis 1776 keine derartige Aeusserung enthalten und 
für die hier in Betracht kommende Zeit von 1 776 — 80 
mir keine Briefe bekannt sind, so zeigt doch ein Brief 
Wielands (Febr. 1777), dass Herder auch in Weimar 
besonders als ein Mann galt, wenn Wieland sich an 
Merck beklagt, dass seine Liebe und Gutherzigkeit 
in den Augen seiner Eminenz als Schwäche gelte. 
»Der Mann ist wie eine elektrische Wolke. Von fern 
macht das Meteor einen ganz stattlichen Eft'ect ; aber 
der Henker habe solch einen Nachbar über seinem 
Haupte schweben«. Und Herdern wieder ist Goethe 
vorzugsweise der i-.männiichc Freund«. 

Den Grundcharakter unseres Liedes in der 
ersten Fassung müssen w^ir also als ein tiefes Natur- 



1) Briefe an Joh. Hein 
■Vndcrcn bedeutenden Zc 
lend. N. 5 (aus Strassb., 



Merck V. Goethe, HcnUT. Wieland 
;K., hg. V. K. Wagner .«jj, N. n 
JJov. 1770) spricht er zu dcmselhen 
n ;>,rer ersten manniicnen r reundsch.ift". 
von inre ^^ ^^^^ ^^^ Freundeskreis v. Goethe, Herder, Höpfner und 
Meick, hR. V. K. Wagner. Lpz. 1847. N. 49 (End-rjuli 1775)- 
■ 3, Gs. w., Wenn. .\. IV, 2 H. S. 10, u. Aus Herders Nachl., 

Frankf. 1850, I li 



gefühl bezeichnen, worin sich unser Lied an Goethes 

herrlichste Dichtungen, wie: »Auf dem See«, oder das 
zweite: »Wanderers Nachtlied« (Ueber allen Gipfeln 
ist Ruh), würdig anreiht. Die Stille der Mondnacht 
ruht in der Seele des Dichters, wie ein tiefer, unbe- 
wegter See, aus dem sich nur für Augenblicke die 
Erinnerung an die Vergangenheit erhebt, um in der 
Seligkeit der Gegenwart und der in ihr aufgegan- 
genen Wahrheit wieder zu versinken. 

Fusst aber unser Lied recht eigentlich auf der 
innigen Liebe Goethes zum Thale der lim, so musste 
es bei einer Umänderung im Jahre 1780 ganz be- 
deutend umgestaltet werden; klang jener Wunsch auf 
der Schweizerreise schon wie ein leiser Abfall von 
der alten Liebe zu seinem Thale, so kehrte diese doch 
wieder zurück, um aber in den achtziger Jahren einer 
immer mehr zunehmendenGleichgültigkeitzu weichen, 
bis er endlich in einem Briefe an Herder vom i i. No- 
vember 1785 von dem verhassten Umthal redet, das 
er lieber umreitet '). 

Jetzt tauchte ja in des Dichters Seele die Sehn- 
sucht nach grosser Natur auf. die Sehnsucht nach 
Italien. So musste nicht blos aus sprachlichen 
Gründen -) und nach dem Grundsatz, die Spreu per- 
sönlicher Existenz hinauszuschwingen, »'s liebe Thal« 
schwinden, wobei sich eine ähnliche .Aenderung bot, 
wie im Gedichte »Die Nacht« . wo »Luna bricht die 
Nacht der Eichen« in »bricht durch Busch und Eichen« 
geändert wurde^). Es musste aber auch Strophe 3 ganz 
fallen, abgesehen von der Dunkelheit des Ausdruckes 
und dem Allzupersönlichen ') darin. Damit war aber 
der mit jener innigst zusammenhängenden 4. Strophe 
I der eigentliche bildliche Sinn entzogen und so V. 17 
und 18 unverständlich geworden, wo aber das Motiv 
der Trauer um verlorne Liebe nicht schwer zu suchen 
war, zumal es sich an den vorüberrauschenden Fluss 
nur allzuleicht anknüpft. Natürlich musste für den 
»Mann« in V. 19 und für die »Liebste« in V. 6 jetzt 
der Freund eintreten. Damit aber war auch ein Lied 
entstanden, welches für den Liebesroman in Liedern 
(für jene Gruppe von Liedern, in deren Mitte Lili 
steht) den herrlichsten Abschluss bot. 

Müssen wir so in unserer zweiten Fassung die 
künstlerische Meisterschaft bewundern, so wird uns 
die erste lieb und theuer bleiben durch die innige 
Herzenswärme ursprünglicher Empfindung. 



. Ma 



Titel : 



\\ Vgl. auch den Hr. d. Frau v. St. an Kr 
• ) Suphan .\eltere Gest. G'scher Ged. Goethejahrb. II B. 
3) .An Luna- ( „An den Mond"), hat an unser Gedicht seinen 
abgetreten. 
)) Wie auch in -Jägers Abendlied- : 

.Dem so zu Hause, wie im Feld, 
Sein Herze schwillt zur Last" 
wcggeschafft und dadurch dieses Lied entweder deutlicher als Lili- 
lied charakterisirt oder erst zu einem solchen gemacht wurde. 



rranKi. lo^u, i i.., -'. '- ^ . - ... 



Die Chronik erscheint uir 
Mitte jedes Monats. 



CHRONIK 



Im AuttT^ve .los 

Wiener Goethe- VerrlnsHer- 

ausgeberu. verantwortlicher 

Kedacteur: 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 5. 



Wien, Dienstag, den 15. Mai 1888. 



INHALT: Aus^iem Wiener Gocth^-Verein. —Neue Mitgliede 
mar. — Aus Weimar. — Goethes Adtluttg. — Leier die Quellen 



3. Jahrgang. 



r. — Unsere Bibliothek.— C,«,,„/„ 
Goetluschey Attsehnuungen, 



immlung der Goethe-CeseUschn/t 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

Neue Mitglieder. Dr. .1. Kdle, Prof. a. d. 
deutschen Universität in Prag. Dr. M. Ritt. v. Le.xer 
Prof. a.d. Universität Würzburg. Frau Hermine Ä0/7/- 
/;«/', v-, Professorsgattin in Wien. Kettenbrückengasse ^ 

Unsere Bibliothek. Se. Excellenz von Sinmavr 
spendete der Bibliothek des Wiener Goethe -Vereins 
Goethes Faiisl in urspn'ingliiher Gestalt nach der 
Göchhausenschen Abschrift, herausgegeben von Erich 
Schmidi:. Weimar. H. Böhlau 1887" und von dem 
wirklichen Staatsreith Dr. Victor Hehn in Berlin erhielt 
d^e Bibliothek dessen berühmte Schrift: Gedanken über 
Goethe, I.Theil. 2. Autlage 1888. Berlin. Gebr. Born- 
traeger. 

General - Versammlung der Goethe- 
Gesellschaft in Weimar. 

Der geschäftsführende Ausschuss der Güethe- 
Gesellschaft versendet seine Einladung zur General- 
versammlung und wir glauben, unseren Lesern zu 
dienen, indem wir sie vollständig mittheilen: 

Die Mitglieder der Goethe-Gesellschaft beehren 
wir uns hiermit zur diesjährigen Generalversammlung 
einzuladen, welche Sonnabend den 26. Mai d. J., Vor- 
mittags I I Uhr. im Saale der »Erholungs-Gesell- 
schaft« (Karlsplatz) zu Weimar stattfinden wird. 

Die Tagesordnung ist festgestellt wie folgt: 
1. Erstattung des Jahresberichts. 2. Festvortrag Sr. 
Excellenz des Herrn Prof. Dr. Kuno Fischer, Heidel- 
berg, über Goethes Iphigenie. 3. Handschriftliches 
zum II. Theile von Goethes Faust (Prof. Dr. Erich 
Schmidt. Berlin). — Pause. — 4. Neuwahl des Vor- 
standes für die Zeit vom i. Jänner 1889 bis 31. De- 
cember 1891. 5. Bericht über Ausführung des Be- 
schlusses der Generalversammlung vom 2. Mai 1886, 
betr. Erhaltung bedeutsamer Gräber der Goethe- 
Zeit (Geh. Reg.-Rath Dr. Kuhn, Weimar). 6. Bericht 
über Goethe-Bibliothek und Goethe-Archiv (Prof. Dr. 
B. Suphan). 7. Bericht über das Goethe-National- 
-\luseum (Geh. Hofrath C. Ruland). 8. .A.blegun<; der 
Jahresrechnung und damit Zusammenhängendes 
(Conimerzienrath Dr. Moritz), q. Anträge, sofern die- 
selben bis spätestens 5. .Mai bei dem Vorstande ange- 
meldet werden. 



Die Vorstandssilzung findet Freitag den 2^. Mai 
Vormittags u Chr, im Wittlmms- Palais statt, wie 
denn auch nach der Generalversammlung eine kurze 
Vorstandssitzung stattfinden wird. 

Freitag Abend von 8 Uhr ab zwanglose Ver- 
einigung im Gartensaale der "Vereins -Gesellschaft« 
(Karlsplatz 4). Sonnabend um 3 Uhr ebendaselbst ein 
gemeinschaftliches .Mittagsessen (zu 3 Mk.); die an 

demselben Theilnehmenden, u-elche' /„j 

iq. Mai Platze haben vormerken lassen, wollen die- 
selben am Vormittage des 26. Mai vor i i Uhr belegen. 
Sonnabend um 7 Uhr Vorstellung im (irossherzogh 
Hof-Theater, und zwar frei /ür die angemeldeten Mit- 
glieder. Nach Schluss der Vorstellung freie Vereini- 
gung im Gartensaale der »Vereins-Gesellschaft«. 

Sonnabend Vormittag liegt in dem Zimmer neben 
dem Saale der »Erholung« (eine Treppe hoch rechts) 
die Präsenzliste behufs Einzeichnung auf. Ebenda- 
selbst sind auch die vorgemerkten Theater-Billets in 
Empfang zu nehmen — sowie auch Zahlungen des 
diesjährigen Beitrags und neue Beitrittserklärungen 
entgegengenommen werden. Freitag Nachmittag von 
2 bis 4 L hr und Sonnabend von 9 bis 4 Uhr ist die 
Besichtigung des Goethe - National - Museums , des 
Grossherzogl. Museums, sowie der Dichterzimmer 
im Schlosse. 

Sonnabend von 8 bis 10 und 2 bis 5 Uhr der 
Besuch der Dichtergräber, aber nur gege/i J'orzeigung 
der Mitgliedskarten für das Jahr 188!^, unentgeltlich 
gestattet. 

Leipzig und Weimar, 16. .April 1888. 

Der Vorsitzende der Goethe - Gesellschaft: 

Simson. 

Der Vorsitzende des geschäftsführenden Ausschusses- 

Ruland. 



Aus Weimar. 

Original-Correspondcnz. 
Am 6. April hielt Profe.ssor Erieli SchmiM aus Berlin 
den zweiten der angekündigten öffentlichen Vorträge der 
Goethe-Gesellschaft über .Hermann und Dorothea". Mit der 
dim eigenen Art zeigte er in grossen, kräftigen Zügen die 
Entstehungsgeschichte dieses Epos, seine literarische Stellung, 
seine ästhetische Bedeutung und wusste durch seinen geist- 
vollen, spannenden Vortrag das zahlreiche Auditorium zu 
fesseln. 



( hionili des Wiener floetlie -Vereins. 



Goethes Adelung. 

Da ich oft nach dem Aufsat/.e gefragt werde, 
den ich in der »N. Kr. Presse« \om 6. April 1882 
über die Adelsverleihung an (Joethe veröH'entlichte 
— wir hatten damals noch keine Chronik des Goethe- 
Vereins — ist es vielleicht Vielen erwünscht, wenn 
ihn unser Monatsblatt wiedergibt. 

Die Verleihung des Reichsadels an Goethe 
durch Kaiser Josef. 

Wenn man des ungezwungenen, aller Hotsilte 
sich entschlagenden Tones gedenkt, den Coethe in 
Weimar einführte, so findet man sich gar nicht darein, 
zu hören: Goethe sei geadelt worden, habe sich adeln 
lassen. Schon 1782, im 33. Lebensjahre. 

Man erinnere sich nur der kecken Schilderung 
des ganzen Hofes, die sich Einsiedel in Knittelversen 
erlauben durfte ! 

Xun denk' m.in sich 'en l-'iirstensohn. 
Der so verjjisst Geburt und Thron 
Und lebt mit solchen lockern Gesellen — 
Die thun als wiir'n sie seines (bleichen — 
Glauben, es wohne da Menschenverst.iiul — 
Wo man alle Etikette verbannt. 
Man denkt bei der Krhebung (}oethes in den 
Adelsstand , er müsse auf einmal ein Anderer ge- 
worden sein. Tnd doch ist Alles ganz natürlich ge- 
gangen und Goethe nach wie vor der .Mte geblieben, 
wie'man sich leicht überzeugen kann, wenn man sein 
Verhalten bei der ganzen Sache betrachtet. 

Vlen 17. Nov. 1781 schrieb er an K^rau v. Stein: 
»Die Herzogin-Mutter hat mir gestern eine 
weitläulige Demonstration gehalten, dass mich der 
Herzog müsse und wolle adeln lassen. Ich habe sehr em- 
fach meine Meinung gesagt und Einiges dabei nicht ver- 
hehlt, was ich dir auch noch erzählen will. Adieu. G.« 
In seinen .Annalen, den Tag- und Jahresheften, 
erwähnt der Dichier der Sache seiner Adelung mit 
keinem Worte. Wie er den Adel erhielt, werden wir 
sehen; wann das Diplom ihm zukam, wissen wir nicht 
genau. Erst den 4. Juni 1782 wird es erwähnt. Er schreibt 
wieder der Freundin: »Hier schicke ich dir das Di- 
plom, damit du nun auch weisst, wie es aussieht. Ich 
bin so wunderbar gebaut, dass ich mir gar nichts da- 
bei denken kann.« Ganz so spricht er sich auch noch 
am 26. September 1827 gegen Eckermann aus. 

Noch den 26. Juni desselben Jahres (1782), also 
mebrals drei Wochen nach der Sendung des Diploms an 
die Stein, schriebWieland an Merck: »Mit Goethes Stan- 
deserhöhung bat es seine Richtigkeit, wiewol meines 
Wissens dal« noch nichts Ifgalihr <.\&\on im Publico be- 
kannt ist.« — Es hat demnach weder Goethe noch die 
Stein weiter von dem angelangten Diplom gesprochen, 
sonst wäre die Sache in dem kleinen Weimar wol bald 
von Mund zu Mund gegangen: dass die Standeserhö- 
hung Goethes /cn-iz/ZATerfolgt sei ! Die ganze Angelegen- 
heit' berührte ihn selbst, wie wir sehen, sehr wenig. 
Sechs Jahre vor seiner Nobilitirung nahm schon 
(Soethe am Weimarer Hofe eine hohe Stellung ein. 



Als der Herzog den Dichter mit Anstellungsdecrc: 
vom II. Juni 177'' als Geheimen Legationsrath nii; 
Sitz und Stimme im geheimen Consilio anstellte, 
sah er sich veranlasst, den Bedenken des .Adels gegen 
über, der eine solche .Auszeichnung eines Nicht- 
adeligen nicht gerne sah, jene bekannte herrliche, 
eigenhändig geschriebene Erklärung abzugeben, in 
der er sagt: »Einsichtsvolle wünschen mir Glück, 

diesen .Mann zu besitzen . Was aber den 

Einwand betrirtt, dass durch den Eintritt viele \er- 
diente Leute sich für zurückgesetzt erachten würden, 
so kenne ich erstens Niemanden in meiner Diener 
Schaft, der meines Wissens auf dasselbe hotlte, uiu! 
zweitens werde ich nie einen Platz, welcher in so ge- 
nauer Verbindung mit mir, mit dem Wohl und Webe 
meiner gesammten Lnterthanen steht, nach .Ancienne- 
tät, ich werde ihn immer nur nach \'ertrauen vcr- 
gel)en. — Die Welt urtheilt nach V'orurtheilen, ich 
aber sorge und arbeite w^ie jeder Andere, der seine 
Pflicht thun will, nicht um des Ruhmes, nicht um 
des Beifalls der Welt willen, sondern um mich vor 
Gott und meinem eigenen Gewissen rechtfertigen zu 
können.« — So herrliche Worte schrieb der neun- 
zehnjährige Fürst! Bei alledem konnte er die Welt, 
in der er stand, nicht umschallen. Der .Adel bildete 
einmal »den Hof«, und Goethes Stellung an dem- 
selben war in den Augen der bevorrechteten Stände 
eine Anomalie. Dies mag besonders eniplindlich her- 
vorgetreten sein bei Sendungen Goethes an andere 
Höfe. Und so wurde dem Dichter denn, wie wir sehen, 
durch die Herzogin-.Mutter begreillich gemacht, »dass 
der Herzog ihn wolle und müsse adeln lassen«. 

Er hiess ja der »Hätschelhans« bei der Herzogin- 
Mutter, d. i. der von Allen verzogene, bei allen seinen 
Genialitäten gehätschelte Liebling. Ort'enbar mochte 
der Herzog den Punkt nicht mit ihm besprechen und 
übertrug die Mi.ssion der Mutter. F:s ist eine delicate 
Sache, mit einem Manne, der seinen Werth fühlt, 
von der Inferiorität seines Standes zu sprechen. Was 
er der Herzogin erwiderte, wissen wir nicht. Wie er 
sich aber fühlte unter dem .Adel des Hofes, können 
wir z. B. entnehmen aus einer .Auseinandersetzung 
mit dem Kammer-Präsidenten v. Kalb, über die er am 
\i. .April 1780 in seinTageLiuch schrieb: »Mir schwin- 
delte vor dem (}ipfel des Glücks, auf dem ich gegen 
so einen Menschen stehe!« Herr v. Kalb wurde ent- 
lassen. Goethe trat an seine Stelle. — Was konnu 
er der gütigen Fürstin sagen? t> konnte sich nur .m' 
äussern, dass man übereinkam, ihm die Zumuthung. 
um den Adel zu bitten, zu erlassen und seine Nobi- 
litirung ohne sein Zuthun zu erwirken. So setzte 
sich denn den 25. März 1782 der Herzog hin und 
schrieb an den "Weimarschen .Minister- Residenten 
Isenllamm in Wien eigenhändig wie folgt:*) 



*) D.-i He 



,n>, Mc-vnrrt in diT .Wien.-r \l>,-ncli.,.st- 

„ _.. betreffenden .Veten mitBetheik liiit, .len lir 

ilentseh'er l,"cherüetzunc irilit. thcile ich ihn hier liuchstälilich ; 
nach lUr Urschrift mit snmmt allen nrthc.Kr.iphischen V erseh.- 
uns .lanini nicht vveni-er verehrnn-swüriÜKen l-'Llrsten. 



ChioniU des Wiener Goethe -Vereins. 



IFeimar le 3j de Mars 1783. 

Moiishiir 

Lcs Services essentielles, que iiion Coiiseille(r) Privc 
Colhe ma rendu. et son fidel attaehement poiir ma peisonne. 
demandent ma reconnoissauce. je ne potirrois pas la Itii mieux 
lemoigner de^'aiit le momle, qtieii tadiaiit de lui piociiiei- des 
I.ellies de noblesse Son noin est trop connu daiis le Piihlie. et 
s,i reputation trop hienfaite. poiir que jetisse besoin de proiiver 
quil merile den etre decorc. Je suis donc tres persuade que la 
< \>iir fniperiale ne me refusera pas. en lui demandent (sie) la pa- 
taute (les patentes ) de noblesse pour mim susdit Conseillc prire 
Goethe I'ous rvudrez donc liien l'otts c/iarger Monsieur, de 
la d, mander en man nom, fcn derrais la reconnoissance la 
plus vive 'a S. M. Imperiale. Je Vons envoi cy-Joint un dessin 
pour les armes, que Je voudrois quon accorda a la famille de 
(Gotthe durchstrichen) Golhe. et pour son nom. tont clians^e- 
ment [conie cela se fait parfois en annoblissant} mr seroit 
tres desa:,'reable. A,juite% I'ous je Vons prie Monsieur, 'de eettc 
eommission avec Ihabilite en le.\acliti(de. a la quelle I'ous 
»ia;vs aecoulumc dans le traitement de Vos affaires, et ,oire: 
fersuade de la eonsideralion parlicu/iere qiie je I 'ous parte. 
Adieu Monsieur. 

Charles Auguste, ü. d. SIV. 
(Dtic de Saxe-Weymar ) 

Auf diese Zuschrift schrieb nun IsenHamm den 
<1. 4pril 1782 an den Reichs-Vice-Kanzler Fürsten 
Colloredo (auch dieser Brief ist vorhanden) in dieser 
Angelegenheit, indem er den Brief des Herzogs in 
Original und in Abschrift beilegte. 

Fürst Colloredo machte bereits den 10. April 
seinen Vortrag an den Kaiser .losef, und noch an dem- 
selben Tage schrieb dieser eigenhändig sein Placet 
darunter, so dass Goethes Adelsbrief,\ier "sogleich 
ausgefertigt wurde, auch vom 10. April 1782 datirt ist. 
Der Wortlaut dieses Documentes ist nun genau 
nach der herkömmlich alterthiimlichen Schablone ab- 
gefasst und enthält eigentlich keine den Dichter 
persönlich näher bezeichnende Würdigung. Es 
heisst nur, dass Goethe durch seine gründlichen 
Wissenschaften und ganz besondere Gelehrsamkeit 
allgemeinen Ruf erworben. Er wird deshalb aus 
»Römisch Kaiserlicher Machtvollkommenheit« »in 
des heiligen Römischen Reichs Adelstand c versetzt 
und soll nun »mit anderen Unseren, und des Reichs 
rechtgebohrnen Lehens -Turniers - genossenen ade- 
lichen Personen zu turniren — Lehen zu besitzen — 

tauglich, theilhaftig, und empfänglich seyn .« 

Als Wappen wird ihm ein blauer Schild mit 
einem silbernen Stern verliehen, ganz nach Wunsch 
des Herzogs, damit er und seine Nachkommen es .'An 
allen und jeden ehriich und adelichen Sachen — zu 
Schimpf und Ernst, in Streiten, Stürmen, Schlachten, 
Kämpfen, Turnieren, Gestechen, Gefechten, Ritter- 
spielen, Feldzügen, Panieren, Gezeiten etc. und sonst 
allen anderen Orten und Enden nach ihren Ehren 
und Nothdürften führen und gebrauchen können un- 
yerhindert allermänniglich«. ^Die Familie habe sich 
überall 7;v, Goethe zu schreiben. In alledem dürfe sie 
Niemand »hinderen, noch irren« »als lieb einem 
jeden seye Unsere Kaiser und des Reichs schwere 
Ungnade und Strafe und darzu eine Pön. nämlich 
50 Marck löthigen Goldes . . .<: 



Wie der Adelsbrief verlangt, schrieb Goethe sich 
von nun an von Goethe. Was aber bezeichnend für 
ihn erscheint, das ist, dass er weder früher etwa Aus- 
fälle gegen den Adel vernehmen liess, hinter denen 
sich so oft das stille Verlangen nach dem, was man 
schmäht, verbirgt, noch dass er jetzt etwas von Kasten- 
geist in sich aufnahm. Dem derben bürgerlichen 
Zelter schenkte er wahrhaft brüderliche Freundschaft 
bis an des Grabes Rand. Kein Adeliger stand ihm 
näher. Ihm galt der tüchtige Mensch'; die aber, die 
Standesvorurtheile hegten, beurtheilte er mit grösster 
Objectivität. Die Stellen im Werther über' diesen 
Punkt, die gelegentlichen Aeusserungen über die 
Grafen Stolberg, besonders in ihrem Verhältnisse zu 
Voss (s. Goethes Aufsatz: Voss und Stolberg), sind 
treffend, aber ganz objcctiv, ohne Scheelsucht, ohne 
Bitterkeit. Er fühlte sich offenbar von Jugend auf so 
durch und durch von wahrem Adel, so voll von hoher 
Gesinnung, von dichteri.schem Drange, von drän- 
genden lebenskräftigen Gedanken, mit denen er An- 
dere, Hoch und Gering, fortriss, dass er am Adel 
nichts zu beneiden fand und durch den veriiehenen 
Adel inneriich nicht gehoben werden konnte. 

Damit tadeln wir natürlich den Herzog nicht, 
der ihn adeln liess. Er wusste ihn jahrelang auch 
vor der Standeserhöhung als Freund zu ehren und 
ihm gegenüber alle Standesunterschiede zu vergessen. 
Er trug mit dieser Formalität nur bestehenden An- 
schauungen Rechnung. 

Ich denke, wir hier in Wien dürfen uns unge- 
trübt und ganz frei, sowol von aristokratischer, "als 
auch von demokratischer Befangenheit, freuen, dass 
unser in aller Herzen lebender Kaiser Josef es war, 
der Goethe den Reichsadel veriieh, und zwar augen- 
blicklich, sobald er daran gemahnt wurde; sowie dass 
damit eine Auszeichnung Goethes — das war es 
doch — gerade vor hundert Jahren von Wien ,;;/.»■ 
geschah! Von Wien aus, wo auch in den jüngsten 
Tagen die Erinnerung an Goethe sich mächtig ge- 
regt hat und wo ihm nun auch ein Denkmal erstehen 
soll, über dessen Gelingen die guten Sterne Wiens 
walten mögen. t- 

Ueber die Quellen Goethescher An- 
schauungen. 

Neben immer wiederkehrenden anderen L'n- 
bilden, denen Goethes Name, bei aller Verehrunij. 
die ihm gezollt wird, täglich ausgesetzt ist, verdient 
besonders hervorgehoben zu werden die Ansicht, 
als ob Goethes Anschauungen immer auf bestimmte 
Einflüsse zurückzuweisen wären. Einmal ist's Herder, 
dann wieder Schiller, endlich Schelling und viele," 
viele Andere, so dass es fast aussieht, als wollte man 
ihm die Individualität abstreiten. — Wir haben da 
freilich seiner eigenen Worte über Originalität zu 
gedenken, wenn er sagt, und zwar über "^sich selbst 
(in seinem Vom Vater hah ich die Statur) : 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



Sind nun die Elemente nicht 
Aus dem Complex zu trennen. 
Was ist denn an dem (ganzen Wicht 
Oriüinal zu nennen .- 



Oder wenn er von dem OnginaU't, der von 
kann- Schule sein wollte, sagt: Bas hcisst, wenn uh 
ihn recht verstand: Ich hin ein Narr auf e,gnc Hand. 
Davon ist ja nicht die Rede, zu läugnen, dass 
der Geist eines Menschen von dem Geist Anderer be- 
eintlusst ist, ja es ist sogar selbstverständhch dass, 
s„ wie die Atome, aus denen der Leib besteht der 
Körperwelt entnommen sind, elienso der Geist sich 
aus den Kiementen seine Nahrung geholt hat. die er 
in der ihn umgebenden geistigen Welt vorfand. Das 
erkUirt uns aber nicht die Verschiedenheit der Indi- 
sidualitäten, die unter gleichen Einflüssen stehn. 
Das heisst, es muss doch noch etwas hin/.ukommen, 
das das Individuum bei der Wahl seiner geistigen 
Nahrung bestimmt, so dass es eigenartig wird und 
sich von anderen unterscheidet, auch wenn es ganz, in 
dem Kleichen Luftkreise sich ausgestaltet hat. 

Eine Erscheinung in der Natur macht aut den 
Einen Eindruck, indem sie den Andern gleichgullig 
lässt Der Eine muss dabei an Analogien denken, die 
in ihm die Ahnung eines Allgemeinen wecken, indem 
der Andere gar nichts dabei denkt. Der Eine hndet 
einen Spruch überraschend, bedeutsam, der Andere 
kennt den Spruch auch, hat nichts dagegen einzu- 
wenden, findet aber auch gar nichts Besonderes 
daran. Dergleichen bei Goethe zu beobachten ist 
fruchtbar, erhebend, indem eine andere Art des Zer- 
pttückens seiner Werke, das Haschen nach ausser- 
lichen Analo^ien. ohne auf einen Grundgedanken zu 
kommen, freilich oft die haare Plattheit ist. Bei 
Eorschun^en der letzteren Art ist es )a gar nicht zu 
wundern,' wenn das Publicum oft der Mmutien spot- 
tet die es über Goethe zu hören bekommt, ohne da- 
bei" im Geringsten von Goethes Geist etwas zu spüren. 
Ereilich kommt es auch vor, dass der Forscher der 
Kleinlichkeit geziehn wird, wenn er als nothwendigen 
Bestandtheil seiner Darstellung kleiner Einzelheiten 
gedenkt, und es kommt vor. dass er getadelt wird, 
weil derTadler nur das Einzelne sieht und das Ganze, 
auf das man ihn leiten wollte, nicht zu erkennen vermag. 
Das individuelle, Goethe besonders eigene Mo- 
ment ist wol zu erkennen. 

Ein Beispiel fördert mehr als viele ^^or« 
Goethe fängt als Student in Leipzig eine Libelle, 
die so schön, in allen Farben spielend, dahmgeflogen. 
Da er sie gefangen, lindet er »ein traurig dunkles 
Blau« und setzt hinzu: »So geht es Dir Zerghedn, 
Deiner Freuden.« Er hat sogleich den Anatomen vor 
sich, der am Lebendigen sich freut, aber es — zerglie- 
dert. Und nun liest er .770 '" f "=^f ^"^^^ J" '^'^^ 
celsus (möglich, dass er die Stelle schon .708,9 ■" 
Frankfurt las), dem er so Manches zu Faust abge- 



wann, die Stelle: »dass die Artzt, so die cadaverum 
anatomiam für sich nehmen, nichts als unverständig 
Leut sind, denn nicht der Gadaver zeigt die Anatomey, 
dann sie giebt aliein die Bein und des Beins Nachbaren, 
noch ist aber die Krankheit nicht da«. 

Diese Stelle schreibt er sich heraus in seine 
Ephemeriden. Aehnliches hatte ihm ja vorgeschwebt, 
schon als er die Libelle fing! Dies wird ganz deutlich 
aus einem Briefe an Hetzler vom 14. .luli 177». 

, Mendelssohn und Andere haben versucht, die 

Schönheit wie einen Schmetterling zu langen und 
mit Stecknadeln — festzustecken — wenn man das 
Thier ja unversehrt erwischt, so stickt es doch endlich 
steif und leblos da. Der Leichnam ist nicht das ganze 

Thier, es gehört noch etwas dazu : das Leben, 

der Geist, der alles schön macht.« i:nd nun lesen 
.vir die bedeutende Stelle im Faust, meinethalb in 
Jer ursprünglichen Gestalt: 

Wer will was lehij,'s erkennen un<l beschreiben, 
Muss erst den (leist herauser treiben. 
Dann hat er die Theil in seiner Hand, 
Fehlt leider nur das -reistlich Band! 
Später corrigirt: Das geistige Band. 
Werden wir nun sagen: diese Anschauung hat 
Goethe von Paracelsus? Ich glaube vielmehr, wir 
werden sagen: er nahm den Satz des Paracelsus aut. 
als Bekräftigung dessen, was er längst selbst getuhlt. 
Es muss aber in diesem durch .lahre in ihm lebenden 
Gedanken, der ihn bei einer Erscheinung durchblitzt, 
den er ausgesprochen findet und aufgreift, den er 
endlich dichterisch ausspricht, etwas zu erkennen 
sein, das seiner ganzen Geistesart homogen ist, das 
seine Wahl wie seine Individualität bestimmt hat. 
Dies zu erkennen ist die Aufgabe. Es ist hier eben : 
die Idee des Lebens verbunden mit dem Streben nach 
der Idee in allem Lebenden überhaupt. Im Besonderen 
das Allgemeine zu sehn, ist ja die Grundtendenz seines 
Anschauns! Das ist der fruchtbare Keim, aus dem 
seine Metamorphosenlehre hervorwuchs, sowie seme 
dichterischen Gestalten. Zu Grunde liegt die Tendenz 
das Dauernde im Wechsel zu erkennen. Wenn Danzel 
sagt- dass Goethe der Erste war. der sich in seiner 
Zeit wieder zur Idee erhob, wenn hieraus sein rea er 
Idealismus entsprang, d.h . das Erkennen des Idealen, das 
ihm im Anschaun des Realen sich offenbart, dann wird 
man zugeben müssen: dass seine Anschauungen m 
ihm tiefbegründet, schon in seiner Jugend vorhanden 
waren, so dass, wenn er später Schelhngsche (.e- 
danken aufnimmt, dies ähnlich war, wie bei der An- 
nahme eines Spruches des Paracelsus in seiner .lugend, 
der ihm schon auf der Zunge lag: umsomehr, ab 
Schelling ja ohnehin zuerst durch Goethe angere^ 
1 war Diese Anschauungen scheinen handgreiflich /u 
I Tage zu liegen : unsere Zeit zeichnet sich nicht v.n - 
I theilhaft aus. wenn sie gleichgültig daran vorübergeht. 



-^^i^^^i^ (Yr^^z Suschitzky). - Vertrieb ß^ 



-^■>»^ ^-^^^^^^^^"^^JS^^ "'"^'- 



IJie Chronik erscheint um 
Mitte jedes Monats. 



CHRONIK 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 6 und 7. 



"Wien, Mittwoch, den 20. Juni 1888. 



3. Jahrgang. 



dirssn, Schreilmug. — hoch einmal der Goetlu-DenkmnlUnt:. — Goethe-Notizen- Goethe und seine Rp^i-hf.niVfn, mV' ..iT ■ ■ i 
mwoll-Industrie. - Söller in den Mitschuldigen. - Eine Reliquie von Goethe. Beziehungen zur schweizerischen 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

In Jen Ausschuss-Sitzungen am 14. und 28. Mai 
]^SS waren anwesend: Exe. Freih. von Btzeitiv als 
Vorsitzender. Obmannstellvertreter Schrikr, Schrift- 
führer Egger und Karrcr , Cassier Rosenthal und 
die Herren : Dr. Kolaischek, Prof. toh Liitzoiv, Dr. 
Alois Moraicüs, Director Sit/e, Redacteur Edgar von 
Spiegl. 

In diesen beiden Sitzungen wurde folgende von 
P'of. von Lützoiv entworfene Geschäftsordnung be- 
ochen und angenommen: 

Enhvurf einer Geschäflsordnung für den Wiener 
nie-Verein. § 1. Der .Äusschuss erledigt die.ihm 
! behaltenen Geschäfte im Sinne der »Grundbestim- 
mungen« des Vereins (§ 7) und nach .Massgabe der 
Beschlüsse der Vollversammlung, welcher er verant- 
wortlich ist. § 2. Behufs erspriesslicher Verfolgung 
der Vereinszwecke wählt der .äusschuss zwei ständige 
Comites: Das literarische Comite und das Denknial- 
Comite, von denen das erste die in § I suh \ a, b, c 
der »Grundbestimmungen« angeführten Angelegen- 
heiten (Goethe-Bibliothek, Druckschriften undGoethe- 
.\bende), das zweite die in § I sub 2, a, b bezeich- 
neten Aufgaben (Stifterbeiträge und alle zur Erhöhung 
des Goethe-Denkmalfonds" dienenden Massnahmen), 
vorbehaltlich der Genehmigung von Seiten des Aus- 
schusses, zu betreiben und durchzuführen hat. Jedes 
Comite erstattet nach .Massgabe des Erfolges seiner 
rhätigkeit dem Ausschusse Bericht, was mindestens 
einmal im Verlaufe jedes Winters zu geschehen hat. 
Vereinsgeschäfte und Vereinsangelegenheiten selbst- 
ständig zu erledigen, ist kein Comite befugt. § ^. Die 
vom .Ausschusse zu besorgenden Geschäfte sind : a) 
das Schriftführeramt (»Grundbestimmungen« § IX) 
und b) alle diejenigen Vorarbeiten, welche die Be- 
rathung im Ausschusse erfordert. § 4. Der Redacteur 
und Administrator der Chronik des Goethe- Vereins, 
welche Eigenthum des letzteren ist , wird vom .Aus- 
schüsse ernannt und diesem ist jährlich der Voran- 
schlag zur Genehmigung vorzulegen. § 5. Die Ein- 
cassirung der Jahresbeiträge geschieht in der vom 
.Ausschusse bestimr.-:ten Weise. Die .Mitglieder- und 



Gastkarten bedürfen der Unterschrift des Cassiers. 
§ 6. Da der bei der Allgem. österr. Boden-Credit- 
-Anstalt deponirte Denknialfonds der unmittelbaren 
N'erwaltung des .Ausschusses untersteht, die laufenden 
Eingänge aber Namens des Vereins bei der Post- 
sparcassa erliegen, so hat der Cassier blos die Führung 
der Conti nebst der Uebernahme aller Geldsendungen 
und die Zahlung der vom .Ausschusse genehmigten 
.Ausgaben zu besorgen. (§ XI der Grundbestimmungen). 
Die Einsicht in die Cassabücher steht jederzeit 
dem .Ausschusse frei. Halbjährlich (im .April und 
October) erstattet der Cassier dem -Ausschusse über 
die Finanzlage Bericht. Neu eingehende Denkmal- 
Beiträge sind unverweilt dem Depot einzuverleiben 
und thunlichst bald in Werthetfecten anzulegen. 

Cassier Rosenthal stellt den .Antrag, den Raar- 
betrag des Goethe-Denkmal fonds von 6000 fi. in 4"/o 
Nordbahnprioritäten und aus der Cassa des Goethe- 
Vereins einen Betrag von 400 fl. in 5",,, Staatsschuld- 
verschreibungen (ehemaligen Giselabahn-.Actien) an- 
zulegen. — Der .Antrag wird einstimmig genehmigt. 
Bezüglich der »Chronik« wird beschlossen, 
Nr. 6 und 7 im Juni, Nr. 8 und 9 im September aus- 
zugeben. Herr Edgar von Spiegl erklärt, die Druck- 
kosten der Chronik auch im nächsten Halbjahre be- 
streiten zu wollen, was mit Dank zur Kenntniss ge- 
nommen wird. 

Prof. Schrikr theilt mit, dass er das .Amt eines 
Bibliothekars niederzulegen wünsche und dass Prof. 
Blume bereit sei, dasselbe zu übernehmen. Der 
Vorsitzende spricht den Dank des Vereins für die bis- 
herige Mühewaltung gegen Prof. Schröer aus und 
ebenso wird Prof Blume der Dank des Ausschusses 
für seine Bereitwilligkeit ausgesprochen. 

.Als neue Mitglieder werden angemeldet: 
Se. Excellenz Perd. Fidler von Isarborn, Feldmarschall- 
Lieutenant, IX., Colingasse 10. 
Herr Sigmund Schöndorf, Ingenieur, III.. Geologcn- 

gasse 5. 
Herr Director Hermann Goethe, Baden bei Wien 
(Theaterplatz 4). 



Chronik des Wiener Goethe-Vereins. 



Verzeichniss der im Jahre 1888 eingelaufenen 
Beträge für den Goethe-Denkmalfonds: 

.lilnncr, 2-,. Heitrag der Stadt WIlmi. \'. Kate tl. 1000 

., 23. Sclilaratfia Viiidoliona ,, 25 

Milrz, 11. Heitragdcs Wiener akademischen 

Waijncr-V'ereins 25 

18. Se. Kxcell. Max Kreih. von Gagern ,, 5 
Mai, 25. Beitrag des Wiener Männer- 
gesangvereins „ 25 

Summa (1. 1080 

Die Generalversammlung der Goethe- 
Gesellschaft in Weimar. 

,()ri};inul.(...rr,>sii..n.l.-n/ aus \V,-i,„:,r. 

Die dritte (ieneralversammiung der Goethe-Ge- 
sellschaft fand am 2(J. Mai zu Weimar statt. Zahl- 
reiche auswärtige Mitglieder hatten sich dazu hier ein- 
gefunden. Der Vorstand war vertreten durch den Prä- 
sidenten der Gesellschaft Reichsgerichtspräsidenten 
von Simson (I^eipzig), (jeh. Rath von Loeper, Prof. 
Krich Schmidt (Berlin). Geh. Rath Prof. Kuno Fischer 
(Heidelberg), Staatsrath Eggeling (Jena), Geh. Hof- 
rath lUiland, Professor Suphan (Weimar). .'\uch noch 
andere berühmte Gäste waren erschienen, darunter 
Ossip Schubin. üesterreich war vertreten durch Pro- 
fessor Seuft'ert (Graz). Dem festlichen Tage ging 
am Freitag eine Sitzung des Vorstandes und eine von 
den höchsten Herrschaften, als deren (iast sich auch 
der Kronprinz von Griechenland hier eingefunden 
hatte, den Mitgliedern des Vorstandes und des ge- 
schäftsführenden Ausschusses gegebene Tafel voraus. 
Am Abend fand eine gemüthliche Vereinigung der 
.Mitglieder statt. Den F'estact des 26., dem ein sehr 
zahlreiches, distinguirtes Publicum beiwohnte, leitete 
die Begrüssung der höchsten Herrschaften durch 
Präsident Simson ein, in welcher dankbar der För- 
derung der Gesellschafts -Interessen durch dieselben 
F>wähnung geschah. Darauf folgte die Erstattung 
des Jahresberichtes durch den Vorsitzenden des ge- 
schäftsführenden Ausschusses. Demselben ist vor 
.Allem das stetige, erfreuliche Wachsthum der Gesell- 
•schaft zu entnehmen, die l)ereits gegen 3000 Mit- 
glieder zählt, darunter '^Q Mitglieder regierender 
Häuser — auch A'i;/jcv Zorans fosef ist .Mitglied auf 
Lebenszeit. Nach Deutschland stellt die grösste Mit- 
glicderzahl Oesterreich: 238. Der Vermögensstand 
der Gesellschaft ist trotz der hohen Ausgaben des 
letzten Vei'einsjahres (Ankauf der Cohnschen Goethe- 
Bibliothek, Kosten der zweiten Schrift: Goethes ita- 
lienische Reise und Tagebücher und des f). Bandes 
des Goethe-Jahrbuches) ein sehr guter. Auch in 
diesem Jahre wird eine besondere Pubiication den 
Mitgliedern zugehen, und zwar diesmal nicht aus dem 
Goethe-.Archiv, sondern aus dem Goethe - National- 
museum: ein Album mit Goetheschen Handzeich- 
nunL;en, herausgegeben und erläutert von dem Di- 



rector desselben, Ruland. Hierauf hielt Kuno Fischer 
die F'estrede über die religiöse Idee der Iphigenie. 
fc^s wäre schwer, in kurzen Worten dieser vortrefflichen 
Rede Genüge zu thun und ihren Inhalt anzudeuten, 
geschweige zu erschöpfen. Nur soviel sei erwähnt, 
dass Fischer die religiöse Idee darin findet, dass Iphi- 
genie, die einzig Reine in dem fluchbeladenen Ge- 
schleclite Tantals, trotz dieses ihr Haus vernichten- 
den Fluches an die Güte der Götter glaubt und diesen 
Glauben auch bethätigt durch ein Leben im Sinne 
des Goetheschen Bekenntnisses: »Edel sei der Mensch, 
hilfreich und gut«, und dass sie dadurch ihren durch 
die Schuld des Mutterniordes befleckten Bruder und 
zugleich ihr ganzes Haus entsühnt. .Anhaltender Bei- 
fall lohnte den formvollendeten N'ortrag. Darauf 
sprach F>ich Schmidt, gegenwärtig mit den .Arbeiten 
an der Ausgabe des zweiten Theiles »Faust« beschäf- 
tigt, über einige glückliche Funde unter den Faust- 
papieren des Goethe-Archivs, welche höchst intei-es- 
sante Aufschlüsse über Goethes erste .Absichten und 
Pläne bezüglich der F'ortsetzung des Faust ergeben. 
Die Leser der »Neuen Freien Presse« haben unter- 
dessen den Vortrag aus dem F'euilleton dieser Zeitung 
kennen gelernt. .Auch seinen spannenden .Ausführun- 
gen ward reicher Beifall zu Theil. Hierauf folgten 
die geschäftlichen Verhandlungen. Der bisherige 
Vorstand wurde durch Zuruf einstimmig auf •^ Jahre 
wiedergewählt. Der Schriftführer der Gesellschaft. 
Geheimer Regierungsrath Kuhn, erstattete Bericht 
über die pietätvolle .Aufgabe, die sich der .Ausschuss 
gestellt hatte, die Gräber hervorragender Männer und 
Frauen aus der classischen Zeit Weimars zu restau- 
riren. Am interessantesten war die .Mittheilung, dass 
es auf Grund archivalischer F"orschung gelungen sei. 
die bisher unbekannte Grabstätte von Goethes Gattin 
aufzufinden. Dieselbe wurde durch eine einfache, 
würdige Gedenktafel vor völliger Vergessenheit ge- 
rettet. Dann folgten die Berichte über die Bibliothek 
der Gesellschaft, die bereits über 1200 Bände zählt, 
über das Goethe-Archiv und die demnächst zu er- 
wartenden Bände der Weimarschen Goethe-Ausgabe 
(Gedichte Band 2, Divan mit den »Noten und .Ab- 
handlungen«, 2 Bände Briefe und l Band Tage- 
bücher), über das Goethe-Nationalmuseum und die 
vorgeschrittene Ordnung von Goethes Privat-Biblio- 
thek und seiner wissenschaftlichen Sammlungen und 
endlich der Cassenbericht. — Ein fröhliches Festessen 
vereinigte die Mitglieder in den Mittags- und Nach- 
mittagsstunden. Abends veranstaltete das Hoftheater 
eine Festvorstellung; es wurden aufgeführt: »Die 
Laune des Verliebten« und »Das Jahrmarktsfest von 
Plundersweilern«. Die beiden Stücke, die man sonst 
wol selten oder gar nicht auf der Bühne zu sehen 
bekommt, waren ausgezeichnet inscenirt, studirt und 
aufgeführt. Namentlich das Jahrmarktsfest wirkte 
durch den prächtigen Humor der Darstellung des 
Marionetten- und Schattcnspieles. So endete dieser 
festlicheTagin fröhlichster Stimmun;;. — Von Frcm- 



Chronik des AV'iener Goethe -Vereins. 



Jen, wie Einheimischen wurden an diesen Tagen das 
Uoethe-Haus, die Ausstellung des Goethe- Archivs 
sowie die sonstigen classischen Denkstätten der Stadt 
^rahlreich besucht. .Auf keinen Besucher verfehlt 
Goethes Wohnhaus, besonders die geweihten Zimmer 
wo er arbeitete und wo sein grosses Leben endete' 
die tiefste Wirkung. Im Goethe-Archiv erfreute man 
sich an den herrlichen Original-Handschriften des 
ersten Götz, der römischen Iphigenie, der römischen 
t-legien, zahlreicher Gedichte, Tagebücher, sowie 
Briefe von und an Goethe. Und so hat gewiss Jeder 
der an dem Feste theilnahm, tiefe Wirkungen und 
schone Erinnerungen von hier mitgenommen. 



Gräfin Auguste zu Stolberg über 
Goethes Werther. 

Jene wunderbaren Briefe des jungen Goethe an 
die »unbekannte» nordische Freundin, die Gräfin 
Auguste Luise zu Stolberg, wurden bekanntlich her- 
vorgelockt durch einen Brief des jungen Stiftsfräuleins 
von Uetersen an den Dichter des Werther, der gleich 
ihren übrigen Briefen jener Jahre an Goethe nicht er- 
halten ist. Aus den kleinen Mittheilungen, die ich 
im Folgenden mache, spricht jedoch die Stimmung, 
heraus, welche das junge, für Poesie und Musik be- 
geisterte, lebhafte und im Sinne der Zeit empfindsame 
.\Iadchen dazu drängte, ihres Herzens Gefühle über 
den ergreifenden, das Innerste bewegenden Roman 
dem Dichter auszusprechen. 

Am 14. November 1 774 schrieb Grätin Auguste 
Stolberg von ihrem Klostersitz Uetersen an Freund 
Boie, wie folgt: 

»Sagen Sie mir, ich bitte Sie, wass sagen Sie 
zu (//(■ Leiden des jungen Werther? 

ich kan Ihnen versichren, dass ich fast nichts (ich 
nehme allein unsern Klopstock aus) mit de« Entzücken 
gelesen habe — ich xveiss fast dass ganze Buch auswen- 
dig, der erste Theil insonderheit, hat ganz göttliche 
Stellen, und der 2.T. ist schrecklich schön — Göthe 
muss ein treflicher Mann seyn ! sagen Sie mir kennen 
^le ihn.'- ich mögte ihn wohl kennen— welches warme i 
uberfliessende Herz, welche lebhafte Empfindungen ' 
wie orten muss sein Herze jeder Schönheit der Natur 
des Geistes und des Herzens sevn ! man fühlt es ih« in 
leder Zeile ab, wie mich dünkt, dass er so, und eben 
so denkt und empfindet als er schreibt — Nur wollte 
ich dass er die Irrthümer in Werthers Art zu denken, 
wiederlegte, oder zum wenigsten es den Leser fühlen 
lassen, dass es Irrthümer sind, ich fürchte viele werden 
glauben dass Göthe selbst so denkt — stellen Sie 
sich meinen schrecken vor, als ich, nachdem ich es 
gelesen hatte, hörte, dass es leider kein Roman sondern 
die wahre Geschichte des armen unglücklichen jungen 
•lerusalems ist. Gottlob dass ich es nicht vorher wusste 
^_^B(mjt cher^) der noch immer bon et eher ist, 



: hatte es mir verborgen — wie finden Sie Claudius 
seine Recension?') ich ganz a la Claudius — «. 

Mehrere Wochen später, im Januar 1775 
drängte es die Gräfin Auguste ihre Empfindungen 
Goethen selbst auszusprechen. Die Antwort dieses 
I vom 2t>. Januar wird bald nach Empfang ihres Briefes 
{ vertasst worden sein, und dann ist der Briefwechsel 
von beiden Seiten in den ersten .Monaten lebhaft 
I zwischen Frankfurt und Holstein gegangen. Augustens 
I Brüder mögen bald davon gewusst ' haben ;' gegen 
I andre machte sie ein Geheimniss daraus, so 'auch 
! gegen Boie. Dieser hatte am 15. October 1774 mit 
Goethe einen reichen Tag in Frankfurt genossen-) 
und in seiner Antwort auf der Gräfin Brief vom' 
14. November davon gesprochen. Es klingt fast 
kühl und inhaltlos, wenn Gräfin Auguste Stolberg 
am 7. Alärz 1775 dem guten Boie schreibt: 

»Sie haben also Göthe kennen lernen? Happv 
man! ich weiss meinen Werther bald auswendig. 
O es ist doch ein gar zu göttliches Buch! und docii 
geht es mir oft wie es Ihnen geht, ich wollte, dass 
es nicht gedruckt wäre, ich denke immer es ist -u 
gut lür diese Welt — « 

Ich möchte glauben, dass die Nonne, wie sich 
Auguste Stolberg in Briefen an Boie mit Bezug auf 
J. AL Millers Nonnenlieder zuweilen nennt, bei dieser 
Stelle über den guten hanöverschen Stabssecretär 
schelmisch gelächelt haben wird, sie, die Goethen 
inzwischen weit tiefer in die Seele geschaut hatte, 
als der zierliche kleine Kammerdiener der Musen. 

Später gedenkt sie Goethes niemehr in den 
Briefen an Boie. 

Aber eine Schilderung der Gräfin aus ihren 
späteren Lebensjahren will ich hier noch veröftent- 
bchen, die sich dem lebendigen Bilde vergleicht, das 
Frau Emilie von Binzer in dem reizenden Briefe vom 
28. Mai 18308) von der greisen Gräfin Bernstorff hin- 
warf. Sie stammt aus dem Juni 1810 und findet sich 
m einem Briefe einer Nichte von Agnes Stolberg, 
des damaligen Fräulein Caroline v. Linstow, später 
Frau Hegewisch. Dieselbeschrieb: 

»Die Gräfin Auguste Bernstorrt' ist die zweite 
Frau des seeigen Staatsminister Grafen Bernstorrt'-») 
und Stiefmutter aller der jetzigen Bernstorfts, 
Schwester der Stolbergs — eine Frau von etwa (')0 
Jahren, klein, stark, Schneeweiss Haar. Trägt sich 
als Witwe immer schwarz, oder weiss mit Schwarz, 
sehr nett und ihrem Stand und Alter angemessen. 
Sie hat ein sehr Stolbergisches Gesicht; — Ist sehr 

') Remeint ist Claudius kurze .inzeiire von den LoM^n H,.„ 

■') \ gl. meinen H. Chr. Boie. Halle 1868, S. 70. 
3) Goethes Briefe an die GrUfin Auguste zu Stoiber" veriv 
Lrratin von Bernstnrf, Leipzig 1839, S. 7, ff. =.■=>• 

s^s.^:?^""^^"^-"^«-^-^ wit^v^-r ii;^ 



24 



Cbtuiiik Je» Wieiici <■ 



freundlich, aber doch ein wenig strenge, und in ihren i 
(iesiiinungen ein bischen Herrnhutisch. — Sie hat \ 
sich aber mit jedem Jahre vervollkommnet — ein i 
schöner aber seltner Kall: denn leider gehn wir i 
Menschen nicht immer im (iuten vorwitrts, und da [ 
in dem Weltall kein Stillstand existirt, so ist es eine 
Selbstlolge. dass wir den Krebsgang gehn! den Weg 
der Schwilchen — der Fehler — und — Sünde ! — Sie 
hat sich zurückgezogen auf ein Landhaus in Bordes- I 
holni, wo sie einen allerliebsten Blumengarten haben i 
soll. Diesen Sommer fahren wir hin. sie hat uns') 
dringend eingeladen. <i 

Diese Schilderung der Grälin mag auch zi m 
X'erstündniss jenes Briefes beitragen, den sie von 
Bürdesholm am 15. October 1822 an »den Freund 
i.\ür .lugend;/ geschrieben hat. 

Plingsten 188.S. A'. W.iiilwl,!. 



Eine Datumsbestimmung durch Zeilen 
Goethes. 

In der letzten Zeit erhielt ich aus Privatbesitz 
\on verschiedenen Seiten Oiigimübiiefc Goethes ein- 
gehändigt, deren Anzahl zusammen eine ziemlich an- 
sehnliche ist. Viele darunter sind bereits publicirt, 
nicht wenige jedoch sind noch nicht bekannt ge- 
macht. Selbstverständlich werde ich nicht versäumen, 
das noch Inbekannte davon in die Oetfentlicbkeit 
zu bringen, wobei ich — gleich Anderen — von dem 
Gesichtspunkte ausgehe, dass bei der geistig mäch- 
tigsten Persönlichkeit seit mehr als hundert Jahren 
auch anscheinend Geringfügiges dazu dient, F'äden 
zu bieten, die das ganze Gewebe der grossartigen Flr- 
scheinung vollenden helfen. 

Für diesmal sei hier nur eine Kleinigkeit, eine 
nähere Datnmsheslitnmung von Goethes Hand selbst 
gebracht , über welche bisher llngenaues ange- 
geben war. 

Mit der ihm übertragenen L'mgestaltung der 
Jenaischen Bibliothekeinrichtung eifrig beschäftigt, 
verweilte Goethe — in dieser Arbeit besonders von 
Dr. Weiler kräftig unterstützt — bekanntlich seit 
Anfang November 1817 »bis F.nde Juni oder Anfang 
/u/i 18 lS<t. (wie es bis jetzt unlksthnmt hiess)', mit 
kurzer Unterbrechung im Februar und März, zu/ena, 
wo er 1818 sein Quartier im kleinen, am rechts- 
seitigen Ufer der Saale an der Camsdorfer Brücke 
gelegenen Gasthof »zur Tanne«, in der oberen Woh- 
nung (mit dem »Erker«, nach Goethes Bezeichnung) 
nahm und daselbst »bei freierund schöner .-Xus- und 
Umsicht besonders der charakteristischen Wolken- 
crscheinungen genoss«. 

Die folgenden Zeilen Goethes, deren ganz eigen- 
bändig auf einem der bekannten, mit arabesken- 
artigem Rand bedruckten Zettel geschriebenes Ori- 



ginal mir vorliegt — dessen Adressat jedoch bis zum 
Augenblick nicht nachzuweisen war — geben nun 
völlige (jewissheit über den Tag seiner Abreise von 
Jena. Als der letzte der damals aus /ena geschriebenen 
Briefe Goethes galt jener vom 28. Juni an Zelter, wäh- 
rend der erste aus Weimar, wohin der Dichter vor 
seiner Abreise nach Carlsbad für einige Zeit zurück- 
kehrte, an J^tirtv- gerichtet, vom 5. Juli dalirt erscheint. 
Der »Donnerstag« nach dem ^o. Juni liel im Jahre 
1818 auf den •2. Juli, welches Datum also — da es 
dabei geblieben sein wird — als das des Tages der 
Abreise Goethes von Jena mit Bestimmtheit anzu- 
nehmen ist. 

Die /.eilen Goethes lauten: 

Darf ich .iiifrajje". "1' ich Mor^ien 
-Mittwoch nochmals zu T.nfel aufwarten 
ilarl, .da ich Donnerstag von hier 
für (liesmal scheiden muss. 
<1. 30. Juii. J;ehürsam^t 

1S18 Cioethe. 

Dem .Mittheiler dieser näheren Datumsbestim- 
mung durch Goethes Hand sei es erlaubt, hinzuzu- 
fügen, dass er nicht nur bei seinem ersten Aufenthalt 
\n Jena im Jahre 1846 in Dr. Weilers Haus daselbst 
wohnte — an welchen schlicht lebhaften Mann sich 
angenehmste Erinnerung knüpft — sondern dass 
mich der Zufall bei meinem zweiten Jenenser Auf- 
enthalte, 1848 — 49, im Sommer des letzteren Jahres 
sogar die ,.Erker"-Woiinung Goethes in der ..Tanne- 
für einige Wochen beziehen Hess, welche noch da- 
mals aus nur Feinem geräumigen, den .Mittelaufbau 
des Daches bildenden Bodenzimmer, mit ein paar 
kleineren Nebengemächern, bestand. 

Dr. Hirmann Kollelt. 



C. V. L. Icblo <l,ii 



Emkp.KU.rf b, 



Goethes Stammhaus. 

Im .Alter von (i-\ Jahren starb den 20. Jänn 
i8S'^ der Enkel Goethes Wolfgang Max und iL 
15. April 1885 mit 67 Jahren Walther Wolfgar _ 
Mit ihnen erloschen die letzten Nachkommen Goetlu 
Wenigen ist bekannt, dass eine nihverwandte Neben- 
linie des Stammes Goethe noch lebt, und zwar in 
einem Brüderpaar, das sich in Deutschland und 
Oesterreich namhafte Verdienste um den Weinbau 
erworben hat. Director Hermann Goethe, jetzt in 
Baden bei Wien, setzte uns nun in die Lage, ^1, 
alte Stammhaus Goethes in einer glücklich erhalten.^ 
Abbildung mittheilen zu können. F^s ist dasselbe, ni 
dem Goethes Grossvater geboren ist. Wir geben es 
mit einem Briefe des Herrn Bürgermeisters von 
Artern, Richard Huelsen, vom 9. Jänner 1888, de- 
an Herrn Director Hermann Goethe gerichtet ist : 

»Euer Wohlgeboren übersende ich anliegend auf 
Veranlassung des Herrn Directors (Rudolf) (ioethe 
in Geisenheim eine Photographie des Goetheschcii 
Arternschen Stammhauses, frühere Schmiedewei: - 



Chronik des Wiener Goethe -X'ercins. 




Stelle, wie solche 1684 nach dem Brande itiS-^ wieder 
erbaut und vor circa l 5 Jahren, vor Umänderung des 
Hauses photographirt worden ist. Jetzt hat dasselbe 
ein Ansehen wie die Nachbarhäuser. Hochachtungs- 
voll etc.« 

Dieses Haus bewohnte nun vor 200 Jahren der 
Huf- und Waffenschmied Hans Christian Goethe. 
Sein Sohn Friedrich Georg, geb. 7. Sept. 1657 zu 
Artern. wurde Bürger und Schneidermeister, dann 
Gasthalter in Frankfurt a. M., begraben i':^. Februar 
1730. Seine Frau, dieerals IFV/rtv Conielie Schdlhoni, 
geborne Walther. 1 705 heiratete, schildert Goethe 
in Dichtung und Wahrheit als seine Grossmutter, in 
deren Hause er mit seinen Eltern lebte. Sie starb, als 
Goethe noch nicht fünf Jahre alt war, 28. März 1754. 
Der Sohn dieser Frau und Friedrich Georg Goethes war 
Johann Kaspar Goethe, Johann Wolfgangs Vater, geb. 
31. Juli 1710, t 27. Mai 1782. 

In demselben Jahre, wie Wolfgang, nur einen 
Monat früher, im Juli 1749. wurde dem Färber Gott- 
fried Christian Goethe in Wiehe in Thüringen ein 
Sohn geboren. August Christian, der Grossvater unseres 
neuen Vereinsmitglieds, Directors Hermann Goethe, 
und seines Bruders Rudolf in Geisenheim. Leider ist es j 
den Brüdern noch nicht möglich gewesen eine Stamm- 
tafel zusammenzustellen, die die Verwandtschaft j 



mit allen Geburtsdaten ersichtlich machte. Die Ge- 
nannten wissen nur vom Grossvater : deiss sein Vater 
bei dem Vetter Goethe in Frankfurt a. M. einen Be- 
such machte. Dieser Vetter kann nun Johann Kaspar, 
Goethes Vater sowol, als auch dessen Stiefbruder 
Hermann facnh Goethe gewesen sein, der Zinngiesser 
und Rathsherr war in Frankfurt a. M. Der Name des 
noch lebenden Hermann Goethe deutet vielleicht auf 
eine Beziehung hin. — Wir brauchen wol kaum henor- 
zuheben, dass Letzterer derselbe ist, dem wir unter 
vielen andern Schriften besonders ein vorzügliches. 
187S (neue Auflage 1887) erschienenes Werk unter 
dem Titel »Handbuch der Ampelographie» verdanken. 
Er ist geboren den 1 6. .März 1S37 in Naumburg a. S., 
wo sein Vater Steuerrath war. Auch sein Bruder 
Rudolf Goethe in Geisenheim ist in ähnlicher Rich- 
tung thätig. 

Wenn wir das Häuschen des Huf- und Waffen- 
schmieds, des Urgrossvaters Goethes, betrachten, so 
fällt uns des Letztern Gartenhaus in Weimar ein, dem 
er jene Verse widmete, die auch vom alten Artern- 
schcn Hause gelten können : 

l'ebermüthig siehts nicht aus. 

Hohes Dach und niedres Haus: 

Allen, die daselbst verkehrt. 

Ward ein juter Muth bescheert. 



Chronik Jes Wiener Goethe -Vereins. 



Oesterreich in der deutschen Goethe- 
Gesellschaft. 

Wir cnlnL-hmcn dum JrittLMi Jahresberichte der 
(joethe-Uesellschaft die hemerkL-nswerthe Thatsache, 
dass dieselbe bereits 2883 Mitglieder zählt, wovon 
2T,~ auf Oesterreich, aber auch 201 auf Kngland ent- 
fallen. Unter den österreichischen Mitgliedern steht 
obenan Se. Majestät der Kaiser und König; Ihre 
l)urchlaucht Fürstin M. zu Hohenlohe-Schillingsfürst 
und Frau Rosa von Gerold zählen zu den Mitgliedern 
auf Lebenszeit. Wien nimmt mit 80, Graz mit ig, 
Prag mit 14, Czernowitz mit 10, Budapest mit 5, 
Lemberg und Krakau mit je 4 Mitgliedern Theil an 
der(joethe-(jesellschaft. PräsidentDr. (^ i/r/r'.AV/vw/iyv', 
der (Jbmann des Wiener Goethe-Vereins, ist zugleich 
Vorstands-Mitglied der Wiener Goethe-Gesellschaft. 

Aufl'allend bleibt, dass unter den 237, welche 
ihre Theilnahme der Goethe-Gesellschaft zugewendet 
haben, nur 43 auch dem Wiener Goethe - Verein 
angehören. .Man sollte denken, dass, wer in Oesterreich 
das Goethe-,lahrbuch liest, auch geneigt sein sollte, 
etwas beizutragen zur Herstellung eines (Joethe- 
Denkmals in Wien. 

.!. 7;. .V. 



Goethes Name und dessen Schreibung. 

Das Wort Gu'/e ist alt und auch in unserer 
österreichischen Mundart üblich. Jeder weiss, was 
man unter einem Herrn Gilden zu verstehen hat. Herr 
Göd heisst nämlich der Taufpathe, in der Schrift- 
sprache heisst dieses Göd : Götc. Schon mittelhoch- 
deutsch heisst der Taufpathe: Gvk und zwar damals 
noch mit kurzem ö. Da man in sorgfältigen Drucken 
mittelhochdeutscher Schriften das kurze ö mit zwei 
Puncten bezeichnet und zum Unterschied davon das 
lange mit oe, so ist das Wort mittelhochdeutsch zu 
schreiben: Göle nicht Goete. 

Im Gothischen lautete dasselbe Wort noch Giiilja 
und bedeutete: (jottesdiener, Priester. 

Das h nach t ist zu beurtheilen, wie das h in 
Röthe; eine neuhochdeutsche Schreibart, die uns in 
dem Namen Goethe nur bezeugt, dass der im .Mittel- 
hochdeutschen kurze Vocal nun lang geworden ist. 

Dass man nun Goethe nicht Gö/h: zu schreiben 
habe, das wird von Vielen wolals wichtiger genommen, 
als es ist. Man liest Erörterungen über mangelhafte 
Bildung, die sich darin kund gebe, wenn man GUthe 
schreibt, statt Goelhc! oder einmal so, ein andermal so. 

Dieser mangelhaften Bildung kann man Goethe 
selbst anklagen. Ich habe das Titelblatt der ersten 
.Ausgabe des Clavigo zu meinen Dramen Goethes, 
3. Bd., S. 357, nachbilden lassen. Daselbst erscheint 
der Name Goethes das erste Mal vor dem grossen 
Publicum. (Götz und Werther erschienen anonvm.) 
Auf demselben schreibt er sich denn Golhe. ■ — Wer die 
(jeschichte der .Mönchsschrift kennt, weiss, dass die 
zwei Puncte ursprünglich nichts .Anderes waren, als 



ein oberhalb angesetztes e. so dass demnach ö und 
oe ganz dasselbe sind und keinen hörbaren Unter- 
schied bezeichnen. 

Oft war der .Mangel eines Zeichens, einer Letter 
für ö, in den Druckereien Schuld, dass alle ö in oe 
aufgelöst wurden. Dies war besonders oft der Fall 
in .Antiquaschrift. Da konnte es denn leicht vor- 
kommen, wie das in der That oft der Fall ist, dass 
ein und derselbe Name einmal in Fractur mit ö. das 
andere Mal in .Antiqua mit oe erscheint. 

In Bezug auf Goethe ist nun zuzugeben, dass er 
selbst, sowol in Latein, als auch in deutscher Schrift 
doch in den meisten Fällen Goethe, 0oet()C zu 
schreiben pflegte, so dass man billig seinem Vorgang 
folgt ; wenn auch die andere Schreibart mit ö als 
Verstoss gegen die Rechtschreibung keineswegs 
anzusehen ist; es ist damit nur graphisch eine 
Verschiedenheit vorhanden, die, wie schon bemerkt, 
einen hörbaren Unterschied nicht bezeichnet. 

S. 



Noch einmal der Goethe - Denkmal- 
platz. 

Die Errichtung zweier Standbilder wird in 
Wien gegenwärtig zugleich angestrebt, für zwei 
Gestalten allerersten Ranges, für Goethe und Mozart! 
Weltgeschichtliche Namen, typische Vorbilder 
unserer Epoche. Beide haben verjüngend auf die 
alternde Menschheit gewirkt! 

Das Denkmal Goethes darf uns nicht länger 
fehlen, schon im Hinblick auf das grossartige Denk- 
mal Schillers, das wir besitzen. Von .Mozarts Denk- 
mal lässt sich .Aehnliches sagen im Hinblick auf das 
Beethovens. 

Unsere Chronik brachte nun in der ersten 
Nummer dieses Jahres S. 3 f. einen Vorschlag in 
Bezug auf die Wahl des Platzes für Beide. E^s fühlt 
Jeder die Wichtigkeit und zugleich die Schwierigkeit 
einer glücklichen Lösung dieser Frage. — Erwünscht 
ist ein passender Hintergrund, passende Umgebung. 
Aber man kann auch zufrieden sein, wenn der be- 
treffende Raum nur geeignet ist, das etwa Fehlende 
zu schaffen. Ein wenig, bedeutender leerer Raum 
kann Seele gewinnen durch ein Standbild. Nur darf 
er in diesem Falle nicht zu abgelegen, nicht zu ent- 
fernt sein vom schönsten Theile der Stadt und soll 
doch ein stiller Platz sein, nicht vom Wagengerassel 
gestört, dem Besucher die .Möglichkeit bietend zu 
ruhiger Betrachtung, etwa so, wie dies erreicht ist 
mit dem herrlichen Goethe -Standbild (Schapers) 
in Berlin. 

Feinen solchen Platz, das heisst zwei solche Plätze, 
glaubten wir im Volksgarten zu linden. — Was ist 
jetzt derVolksgartcnV Ein schöner, stiller,grüner Fleck 
in der .Mitte der Stadt und doch fern vom Wagenlärm. 
Vor der Burg der I leidenplatz, geschmückt mit den 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



würdigen Denkmälern des Erzherzogs Carl und des 
Prinzen Eugen, an ruhmvolle geschichtliche Momente 
Oesterreichs mahnend, und abseits davon, durch ein 
Gitter geschieden, ist jetzt der Volksgarten, in dem 
man im Schatten der Bäume Ruheplätze findet, 
manchmal die »Musik einer Kapelle hört. Ein freund- 
licher Erdenwinkel, aber wenig mahnend an das 
Grosse, eigentlich zu unbedeutend für die Nachbar- 
schaft. — Wie müsste dieser Garten Seele gewinnen 
durch Standbilder der Grössten unter den Grossen 
in Dichtkunst und Tonkunst. Ein Anfang ist schon 
gemacht: der grösste unter den Dichtern Oesterreichs 
hat schon Platz genommen, ganz wie es seine .•\rt 
war, abseits, in sitzender Stellung: unser Grillparzer. 
Bekanntlich geht sein Denkmal im Volksgarten der 
Vollendung entgegen. Wie würde er sich freuen der 
beiden Genossen, die er, der grosse iMusikkenner 
und Dichter, so sehr verehrte ! — Wir schlugen vor, dem 
Eingang in den Volksgarten vom Heldenplatz gegen- 
über Mozarts aufrechtstehendes Standbild zu errichten, 
so dass den unmittelbaren Hintergrund grüne Bäume 
bildeten. Es sei gestattet schon einmal Ausge- 
sprochenes kurz zu wiederholen. Mozart würde da ganz 
allein erscheinen, wenn der Bildhauer will, etwa den 
Taktstab schwingend. Wenn dann die an seiner Seite 
spielende Musikkapelle des \"oIksgartens ertönte, 
müsste sich Mozarts Standbild zu beleben scheinen. 
Wir wollen nicht engherzig fragen, ob die Kapelle 
immer klassische Musik bieten wird oder nicht?! — 
Hundert Schritte unter Bäumen wandelnd, stünde 
man dann, nach unserem Vorschlag, vor Goethes 
Standbild, das unmittelbar vor dem Theseustempel 
zu denken ist. — Wir denken uns Goethes Gesichts- 
züge etwa nach Tischbeins Bilde (ohne Hut), noch 
voll Anmuth um Mund und Wange und mit heiterm 
Blick, aber an der äussersten Grenze der Jugend, 
etwa achtunddreissig Jahre alt, wie er aussah während 
seines Aufenthalts in Rom. Mit dem Auge eines 
Griechen kindlich klar zu schauen, zu empfinden und 
uns von dem Wust einer geschmacklosen Zeit zu be- 
freien, indem er neue Menschenideale schuf: das war 
seine Aufgabe. Der Glaube an das Ideale im Realen 
gab ihm die Tiefe der Empfindung, durch die er 
einzig ist. Wie Theseus den Halbthiermenschen einer 
frühern Epoche, den Minotauren, erschlug und damit 
eine neue Aera der Menschheit begann, so besiegte 
Goethe die Geschmacklosigkeit seiner Zeit. — Steht 
unser Standbild Schillers, der die Kunst als mächtigsten 
Hebel der Menschheit betrachten lehrte, passend vor 
der Akademie der bildenden Künste, so stünde Goethe 
vortrefflich vor dem Theseustempel und der Tempel 
würde gewinnen, er erhielte Bedeutung. 

Unser Vorschlag erfuhr unseres Wissens keinen 
Widerspruch, aber er ist auch nicht in Erwägung 
gekommen massgebenden Orts. Es wäre vielleicht 
im Interesse beider Standbilder, sowol Mozarts, als 
Goethes, wenn die beiderseitigen Bestrebungen sich 
näherten und Eines Sinnes würden. — Gestatte man 



unsrer Chronik noch ein Wort in Bezug auf das 
Mozart-Denkmal! — Der Gedanke, Mozarts Stand- 
bild vor das Opernhaus zu stellen, wird vielfach be- 
kämpft, aber, wie es scheint, doch noch immer fest- 
gehalten. Es ist ganz richtig vom Standpunkte des 
Architekten aus, dass eine Mozartgestalt vor unserem 
Opernhaus in angemessenen Verhältnissen — nicht 
zu gross — ein passendes Ornament wäre. Auch das 
Haus der Musikfreunde ist mit musikalischen Grössen 
geziert, darunter auch Mozart. Wir haben dagegen 
gar nichts einzuwenden, nur glauben wir: dass ein 
Mozart-Denkmal nach unserem Gefühl andere Dimen- 
sionen erhalten müsse, als es erhalten kann, ange- 
passt der Facade des Opernhauses. An Mozart denken 
wir mit gerechtem Stolz: denn er war unser!!! 
lebte, wirkte in Wien. Welcher zweite Wiener darf 
ihm gleichgestellt werden? Mag seine Gestalt an allen 
unsern Schauspielhäusern ornamental verwendet 
werden, so soll es uns freuen, aber ein Mozart-Denk- 
mal, das unserm Gefühl Genüge thut, ist das immer 
noch nicht. Wir wollen einen Platz, dessen Wahl 
schon die Pietät andeutet, die wir für ihn empfinden. 
Eine lärmende Fahrstrasse scheint uns kein solcher 
Platz. 



Goethe-Notizen. 

Goethe und seine Beziehungen zur schwei- 
zerischen Baumwoll-Industrie, 

nebst dem Nachweis, dass unter Frau Susanna, der 
Fabrikantenfrau in Wilhelm Meisters Wanderjahren 
Frau Barbara Schulthess von Zürich zu verstehen 
ist. Dem schweizerischen Spinner- , Zwirner- und 
Weberverein gewidmet von Friedr. Bertheau, .\ktuar 
des Vereins. Wetzikon 1888. Quarto, 9 Seiten. 

Der Verfasser weist nach, dass Goethe in Wilh. 
Meisters Wanderjahren die schweizerische Baumwoll- 
industrie geschildert hat. Es sind nämlich sämnit- 
liche technische Ausdrücke dem Schweizer Dialekt 
entnommen. Der Nachweis ist lesenswerth. Er schliesst 
mit den Worten: »Keiner von uns, die wir doch alle 
F'achmänner sind, wäre im Stande, mit solcher Klar- 
heit und Anschaulichkeit unsere industriellen Ver- 
hältnisse zu schildern, und wie anmuthig unterbricht 
er die anscheinend trockene Berichterstattung durch 
eingeflochtene, für die Bevölkerung charakteristische 
Züge und durch wahrhaft plastische Darstellungen, 
so, wenn er die Haltung einer grossen schönen Spin- 
nerin beim .Andrehen des Rades nicht beschreibt, 
sondern hinmalt. Auch der Kiltgang (nächtlicher 
Besuch bei der Geliebten) ist nicht vergessen, jedoch 
so versteckt und decent angedeutet, dass wol Wenige 
die Stelle herausfinden werden.« 

Nicht ganz so beweiskräftig erscheint uns der 
Nachweis, dass unter Frau Susanna Frau Barbara 
Schulthess aus dem Freundeskreise Lavaters heraus zu 
erkennen sei. Dieser Nachweis stützt sich darauf, dass 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



Krau Susanna im Roman früher als Valerine, später 
linier dem Scherznamen NachoJine erscheint. 

Hinter die.scm Namen Nachodine soll nun da.s 
griechische Wort Archon verborgen sein. Archon 
wäre Schultheiss. Darüber wollen wir voriäulig noch 
nähere .Aufschlüsse abwarten. Noch scheint uns der 
llcutungsversuch des Namens etwas gewagt. — Am 
Schluss stellt der trefiliche \erfasser den .\ntrag, dass 
eine (iedenktafel an dem Hause in Stäfa angebracht 
werde, wo Goethe gewohnt. 



Söller in den Mitschuldigen. 

In Nummer 8 unserer Chronik des vorigen 
.luhrcs. Seite 4'^a, erwähnten wir des .Aufenthalts 
(joethes den 8. September ]-j8(> in Innsbruck, wo 
er nur einige Stunden im Gasthause, wahrscheinlich 
„zum goldenen Adler", weilte. Er macht dabei die 
Bemerkung: »Ich fand an des Wirths Sohn den 
leibhaften Söller. So finde ich nach und nach meine 
.Menschen.« — Wir set/.ten hinzu: Vielleicht gelingt 
es den Verehrern Goethes in Innsbruck die Frage 
zu l»eantworten, ob ein Wirthssohn im goldenen 
-Adler zu jener Zeit vorhanden gewesen sei, der mit 
dem arbeitsscheuen , genusssüchtigen , leichtlebigen 
S'dler in den Mitschuldigen zu vergleichen wäre? — 
Diese .Antwort ist nun reche überraschend erfolgt. 



von ^. .M. Prem m Innsbnick gehalten worden, ab- 
gedruckt im Tiroler P'remdenblatt 14, wird aus- 
führlich berichtet: Der Gasthalter »am goldnen 
.Adler« , Simon Thaddäus Niederkircher, habe drei 
Söhne gehabt, von denen Alois, zum künftigen Adler- 
wirth bestimmt, im Hause wohnte. Er war 17S6J 
eben 20 .lahre alt, »ein ehrlicher Bruder Lustig und 
Liederlich, der für den' Vergleich« mit Söller »wbf 
passte«. Wie er sich später zu dem seltsarnsten 
Charakter entwickelte, darauf gehen' wir weiter nicfit 
ein und bemerken nur: da.ss die Vermuthung Prems 
höchst wahrscheinlich ist und auch die andere Ver- 
muthung unterstützt: dass Goethe schon bei seinem 
ersten .Aufenthalt in Innsbruck im goldenen Adler 
abgestiegen sei. \'on dem 2. Autenthalt wissen wir 
es ja bestimmt. 



Eine Reliquie von Goethe - (?). 

l'nter dieser L'eberschrift wird das nachfolgende 
(iedicht veröffentlicht im Wiener N'olkskalender von 
1855, Seite 12(") f. Ohne Namen des Verfassers ist 
es abgedruckt, wie mich W. Freiherr von Biedermann 
aufmerksam macht, im .Allg. deutschen Lieder-Lexi- 
kon. — Es sieht nun abenteuerlich genug aus, wenn 
man ein Lied nach der Singweise von Theodor Körners 
Lützows wilde .lagd, Goethe zugeschrieben sieht. Wir 



denken, je früher die Frage naoh dem Urheber ci 
hoben wird, desto wahrschemlicher ist, dass sich eine 
.Antwort einfindet, .letzt lebt vielleicht noch Mancher, 
der davon weiss. Wir iheilen die Strophen voll- 
ständig mit. .Merkwürdig ist die Bemerkung des 
Volkskalenders , dass das Gedicht in Folge einer 
Aurtorderung an Goethe 1815 entstanden sei. 

Es wurde schon 1815 von dem wackern Ton- 
meister Adalbert Gyrowetz in Musik gesetzt und bil- 
dete eine Beigabe zu dessen damals erschienenem 
musikalischen Tongemälde: ..liie Feier der Schlaehl 
hei Leipzig beim Volksfest im Praler" . 

W.ns strahlt auf der Berjje nächtlichen nöh'n, 

Wie heilifje Opferllamnicn .' 

Was umgibt uns ahnend wie Ciei.sterwehii 

Und safjt, uns sei heute was <!rosse.s geschehn'), 

Und führet uns feiernd zusammen?' — 

Wir feiern die lierrliche Siegesnacht 

Des Kampfs für die Freiheit — die Leipziger Schlacht. 

Air unsre Ahnen der ältesten Zeit 

Aus Hermanns unil Witlekinds Tajjen, 

Die Staufen und die sich ihrer gefreut, 

Eugen, der bei Hochstedt die Kranken gebläut 

Und die Türken bei Belgr.id geschlagen, 

Sie feiern mit uns die herrliche Xacht, 

Das Gedächtni.ss der rettenden Leipziger Schlacht. 

Ihr, die ihr an bessere Zukunft glaubt. 
Drum 1)ci Lützen un<l Hauzen gerungen. 
Den l-'ranken bei Beeren den F-orbeer geraubt, 
il-i, a;ünewiu_auf.aügaacl\ r<acl).' ^'»j^vV'll" 



Elemente am Katzbacli bezwungen, 

Ihr. die ihr das Heil uns näher gebracht. 

Auf, feiert mit uns die Leipziger .Schlacht ! 

Und wer an dem herrlichen Tage sank 

Kür Deutschianus heilige Sache, , , 

Tlin |>reise laut unser Jubelges.ing-, 

Ihn ehre- laut jedes Deutschen Dank, 

Ihmi schwöre Jetler heut' K.ache, 

Er selber schau aus der Sternennacht 

Triumphirend herab, auf die Keier der Nacht. 

Wen jC' .iiych, das heilige Deutschland ernährt 
Xach tausend und tausend Jahren, 
Ihm werde schon früh von der Mutter gelehrt. 
Was (toU uns für Heil bei Leipzig beschecrt, 
T)ie Kraft unsrer heiligen .Schaaren. 
Ja, wer nach Deutschlands Ehrentag fragt. 
Dem sage man von der Leipziger .Schlacht. 

Hell lodre die Flamm' auf der Berge Höh'n, 
Noch heller die Kl.imm' in den Herzen ; 
In Deutschland soll Jeder für Alle stehn 
Und keck dem Keinde ins Angesicht sehn 
Und errungenes Glück nicht verscherzen. 
Und wenn uns ein Keind einst wieiler erw.iclu. 
Unser Keldgeschrei .sei; ilie Leipziger Schlacht. 



ij'Difs 
d.is d:i. 
r/. 1S15, . 



iill«-rdiii(,-s an das Lied üurthos: Vorwllri 
I in di's Epimcnides Erwachen, aut"ffe.t'üi 



erlag des Wiener Goethe -Vereins. — Druckerei des ,Illustrirfen Wiener Extrablatts" (Franz Suschitzky). 
den Buchhandel : K. k. Hof- und üniversitäts-Buchhandlung Alfred Holder. 



Die Chronik erschelntum di( 
Mitte jedes Monats. 



CHRONIK 



Im AuftrjKC Jos 

iener Goethe VercinsHrr 

sgcbcr u. verantwortliche 

Rcdacicur: 



WIENER GOETHE-VEREINS. 



Nr. 8 und 9. 



Wien, Sonntag, den 30. September 1888. 



3. Jahrgang. 



INHALT: Ans dem WUntr Coetlu-Vereiu. — ÜpitraK zu dem Goethe-Denkmalfonds. — Eingelangte Geschenke fiir die Bibliothek 
i Goethe-Vereins. — Die Goethe- Feier auf dem Byenner am ri'. Jitti jSSS — Goetjie-Noiisen : Zu Goethes -Zueignung*. — Zu Goethes Zeilen 
u 30. Juni i8i8. 



Aus dem Wiener Goethe-Verein. 

hl der Ausschusssitzung am 2y. Juni 1 888 waren 
anwesend : Se. Excellenz Präsident r'. Stremayr als 
Obmann, Professor SchrihT als Obmannstellvertreter, 
die Schriftführer Egger und Kiiner, Cassier Roscii- 
ihtil und Herr Edgar i'oii Spi<gl. 

Präsident S/rciiiiivr spricht sein Bedauern aus, 
dass er durch Krankheit verhindert gewesen sei, der 
(jeneralversammlung der Goethe- Gesellschaft in 
Weimar als .Mitglied des V'erwaltungsrates lieizu- 
wohnen. 

Die Professoren Dr. .Max Kork in .Marburg, Ur. 
KeinholdÄ(7/jAv>/ in Rostock und Michael ävv/izij in 
München danken in Zuschriften an den Obmann 
des Goethe - Vereins für Zusendung der ^»Chronik«. 

Cassier Roscnthal meldet, dass er namens des 
N'ereins einen Lorbeerkranz für den Sarg Beethovens 
aus .\nlass der feierlichen üeberführung der irdischen 
Teberreste desselben gespendet habe. 

Prof. Schrwr theilt ein Schreiben des Hofrathes 
Ruland in Weimar in Angelegenheit der Goethe- 
Gedenkstätten in Italien mit. 

Es wird beschlossen, jene Mitglieder der deutschen 
Goethe-Gesellschaft , welche dem Wiener Goethe- 
Verein noch nicht angehören, einzuladen, sich an 
den Bestrebungen zur Herstellung eines Goethe- 
Standbildes in Wien zu betheiligen. 



Beitrag zu dem Goethe-Denkmalfonds. 

Im .Monate August sind eingegangen von Seite des 
Herrn Dr. Balthasar Elischer in Budapest fl. 25. 

Eingelangte Geschenke für die Bibliothek des 
Goethe- Vereins. 

Zanitkc, Fried. — Kurzgefasstes Verzeichniss der 
Originalaufnahmen von Goethes Bildniss, zu- 
sammengestellt von . -Mit I 5 Tafeln. Leipzig 



Helin, Victor. — Gedanken über Goethe. I. 
von . Berlin 1888. 



Aufl. 



Prnn, S. M. — Goethes Fahrt durch Tirol im Sep- 
tember 1-86 von . München 188S. 

Biatiiis, W. — Das Problem des Serapeums zu 
Pozzuoli von 1— . Halle (.\us Leopoldina, Or- 
gan der deutsch. Ak. d. Naturf. Heft XXIV.) 1 888. 

Bi/tiiniiiii. Wilhelm — Eine Studie über Goethes 

Iphigenie auf Tauris von . Hamburg und 

Leipzig 1888. 

Bi\iHii\\ C. W. Emma — Christiane von GoetlK-. 
geb. Vulpius. 1888. Leipzig. W. Friedrich. 



Die Goethe -Feier auf dem Brenner 

den 22. Juli 1888. 

Schon 1886, nach.^blauf des .kihrliundci'ts nach 
Goethes italienischer Reise, wurde im Wiener Goethe- 
Verein der Gedanke angeregt, zur Erinnerung an 
Goethes Aufenthalt auf dem Brenner dort einen 
Denkstein aufzurichten.*) — Der Postmeister auf dem 
Brenner, Herr Girtler, kam dem Vereine in der Aus- 
führung zuvor, indem er an seinem Hause eine Ge- 
denktafel anbringen Hess mit der Inschrift: „Hier 
übernachtete der Dichterfürst Joh. ]Vol fga?ig von Goethe 
am 8. Septemlier ijSb auf seiner Reise nach Italien. ~ 

Der damalige Postmeister, J. N. Lener, beher- 
bergte in seinem Hause 1788 auch Herder und 1790 
Goellie abermals, als derselbe nach Venedig zog. 

Im .lahre 1886 feierten die deutschen Künstler 
in Rom die Erinnerung an Goethes Anwesenheit vor 
IOC Jahren. Dies mag wohl im Bildhauer Professor 
Kopf den schönen Gedanken geweckt haben, die be- 
deutsamste Goethe-Gedenkstätte seiner Heimat Tirol 
mit einem Goethe - Bilde seiner Künstlerhand zu 
schmücken. — Er machte einen Goethe-Kopf, in Sgraf- 
rttomanier auf einer Tafel aus Carraramarmor ausge- 
führt, dem jetzigen Postmeister Girtler heuer zum Ge- 
schenke. — Die Enthüllung dieses Goethe-Bildes bot 
.\nlass zu einer Goethe-Feier, die am 22. Juli 188S 
in herzerhebender Weise stattfand. 

Postmeister Girtler hatte seinen Gasthof für 
diesen Tag festlich bekränzt und beflaggt; Reg.-Rath 



•) Chr.inik tSSo, Xr. , 



Chronik des Wiener üoethe-\crLiii.s. 



Prol". J, V. Ziiigak in Innsbruck hatte Goethe-Freunde 
von Nah und Fern zu dieser Feier eingeladen. 

L'm die Mittaj^szeit des 22. Juli hatten sicli bei 
■^üo Gaste auf dem Brenner eingefunden und ver- 
sammelten sich vor dem Gasthofe »zur Post«. Dort 
bcgrüsste sie Reg.-Uath Prof. '/.iiig(rh\ mit einer An- 
sprache, in welcher er auf die geschichtliche Bedeutung 
des Brennerpasses und die WichtigUeit dieser (}oethe- 
Gedenkstätte hinwies. 

Er sagte: »Des Brenners Höhe, über welclie die 
Strasse zur .•\dria führt, ist durch die Geschichte ge- 
weiht. Die weltbezwingenden Römer trugen ihre 
.Adler nach dem Norden, aber später zogen Gothen, 
Langobarden über den Brenner südwärts, um der 
Kömer lebermuth und Herrschaft zu brechen. Ucber 
A^w Brenner am Kilisstrome hinab zog der Helden- 
sage zufolge Wittich der Recke, zog der von den 
Kömern schwerbeleidigte Bayernherzog Adelgar. um 
bei Brixen nach tagelanger Schlacht zu siegen; hier 
zogen deutsche Fürsten entlang, um mit der Kaiser- 
krone sich krönen zu lassen, zogen grosse Pilger- 
scharen nach den heiligen Stätten. Welche farben- 
reiche Bilder der Vergangenheit! — > 

> Hin anderes schlichtes Bild lebt in deutschen 
Gauen fort und so weit als deutsche Zunge reicht.« 
..Am <V. Si'liUmhir des Jahics i-SI'i um '/-tV l'/tr 
fuhr am Poslhause auf dem Bituner ein he.uheidcner 
Wagen vor. Ein JSIauii in raller Manneskraft, se/iiin 
wie ein Apollo, stieg aus demselben und iihersehritt dies, 
Sehwelle — es ivar Wolfgang von Goethe, der nae/i 
dem Wunderlande Italien sog. In diesem Hause nahm 
er ein JMaiiuseript aus dem Koffer und sehrieh in sein 
Tagelnuh: ..fetzt sondere ieh Iphigenie aus dem Paeket 
und nehme sie mit in d,is sehihie, -varme fand als lie- 
glfjfkrin —■■ 

^ »FZin geflügeltes Wort sagt: ,,/>/(' Stelle, die ein 
guter Menseh betritt, ist ge-veiht" . Ich möchte aber 
sagen: »Eine Stelle, die ein gottbegnadeter Dichter- 
könig betrat, ist heilig.« 

..Dir Brenner ist ein ]\Iarkstein in doethes Leben. 
.Aus Italien kehrte er nicht zurück mit blutbespritzten 
Lorbeerkränzen oder mit einer geweihten Krone — 
aber mit unsterblichen Werken, die dort gereift sind 
— »Egmont«, »Iphigenie« und »Tasso« : als (Klas- 
siker kehrte er nach dem Norden zurück. 

»So möge sein Bild an diesem Hause ein Er- 
innerungszeichen sein für uns und unsere Nach- 
kommen, hier soll sein Bild den Wanderer nach dem 
Süden, wie den Zurückkehrenden nach dem Norden 
begrüssen und sein deutsches Selbstgefühl heben.« 
Bei den letzten Worten brach lauter .lubel los. 
Darauf sang der Stersinger Manticrgesangrerein 
(joethes Mignonlied von Nagiller und Herr Weide- 
mann, der römische Correspondent der »Kreuz- 
zeitung-, trug folgendes Festgedieht ron Oskar rwi 
Pedicits vor: 



Es war vor mehr als hundert Jahren, 
Da kam vor dieses Postwirthsliaus 
Ein junger Wandersmann j;efahren 
Und ruhte sich des Nachts drin aus. 
AVer fr.-ij,'le viel, wie er sich nannte r 
l'nd schrieb er auch in's Buch sich ein; 
Er blieb der };leiche Unbekannte, 
Und Niemand kümmerte sich sein. 

Doch .ils er Nachts hier eingeschlafen, 
Da, aus der Aljien Kelsrevier, 
Die Geister alle hier sich trafen. 
Zu grüssen diesen „l^assagier". 
Und dieses Wirthshaus sie umflogen, 
Als liielten ilrüber sie die Wacht; 
Dann feierlich, wie Meereswogen, 
Durchklanj; ihr Chor die Herbstesnacht: 

.Heil Dir, der heut hier angekommen, 

y>ii luH-heeliiiieliler .Meiiselieir.;eisl, 

Der (jleicher Urkraft ward entnommen, 

Wie unser Wesen sie durcbkreist! 

Und ahnt auch Niemand, welchen Meister 

Hier diese Herber^ jetzt umfän^'t : 

Uns, der Natur allew'ge (ieister. 

Hat Deine Nähe her{;edr;in;!t. 

.Wie grüsslen wir durch niaucli' J. du hundert 

Hier manch" 5;ewalt'^en Heereszuj^, 

Wie hatten wir hier einst bewundert. 

So Manchen, der die Krone trug ! 

Doch selbst den tjrössten ird'schen Kaiser 

15et;rüssten wir voll Ehrfurcht nie 

Wie Dich jetzt, .Sänger Du und Weiser. 

/)// Geiilesfiirst ,1er /W.tie. 

..Nun ziehst auch Du zum Capitole, 
Geschmückt mit deutschem Kicheidiranz. 
Dass neues Licht Dein Geist sich hole 
Aus alter Künste (iötterylanz! 
Und voll ijetränkt davon, einst kehrst Du 
Nach Haus mit neu geklärter Eorm, 
Und schaft'end Deinem Volke lehrst Du 
Dann eM-'ger Schönheit Maass und Norm! 

„Sei zieh' von diesem Alpeukamme 

Hinunter in des Südens Reich! 

D! dass sein I,icht Dich voll durchilamiuc, 

Du (lenius, dem keiner gleich! 

Fahr" wohl ! Viel Glück auf Deine Reise. 

Du Ehrengast von ganz Tirol ! 

Wir kehren heim zu Eels und Eise — 

Du tultrer Geiites/urst. talir" wohl!- 

.So sangen einst vor hundert laliren 

Urtjeister der Natur Dir zu, 

Aus gleichem Element sie waren. 

Allewig wirkend, wie auch Du! 

Wie hoch bist Du indess <;eflot;en. 

Du Hchtumllossner Alpenaar. 

Seit diese Bergwelt Du durchzogen. 

Drin dieses Haus Dir Ruhstatt Avar! — 

Dein Geist diiee/i!;tön:/ des I-Weibatts l:n,leii' 
Was" brauchst Du unsers Rühmens Licht? 
Um! doch verschmäh' aus Künstlersh.Hnden 
An diesem Hans Dein Bildniss nicht! 
Dass. wer auf <liesem Hrenner])asse 
Hier einkehrt in der fernsten Zeit, 
.Sich .stets daran gemahnen lasse: 
Durch Dich ward dieses Haus geweiht! 

Der Verfasser, der im nahen (jossensass weilte 
war leider verhindert, persönlich zu erscheinen. 



(.hionik des \Vi 



*-iüethe -Vereins. 



Hierauf trat Fräulein Bn'gl (aus Berlin) vor und 
hängte drei Lorbeerkränze an den Seiten des Bildes 
auf, je einer gewidmet von den »Tirolern«, von 
»Goethe-Verehrerinnen in Klausen« und vom „ Wicit,/- 
Goc/hi-Virtin". Sodann enthüllte das Fräulein das 
Goethe-Bild und sprach folgenden Spruch von Rcihvitz: 

So ist nun das Bild entschleiert. 
, Dessen, den in allen Zungen 

Ruhmberedt der Erdb.ill feiert, 

So Aveit Bildung ihn durchklungen. 

In der deutschen Frauen Xamen 

Schmück' ich jetzt in schlichter Weise 

Dieser ilarmortafel Rahmen 

Mit dem edlen Lorbeerreise; 

Und des Dichterfürsten Manen 

Hör ich durch sein Bild uns sagen : 

Hiichster fiiealc Fahnen. 

So Ti'/V ,v. stets lioeh zu trtt^en. 



hielt Prof. S. .U. Pi\m aus Innsbruck die Festrede, 
die \vir hier vollinlialtlich mittheilen: 

Hochverehrte .Anwesende ! 

»\'or hundert und mehr.lahren zog ein Flüchtiger 
\om Innthale zum Brenner empor, ein Flüchtiger in 
des Wortes eigener Bedeutung, ein Flüchtiger aber 
auch in geistiger Hinsicht: Goel/ie. 

Durch nahezu i i Jahre an Weimar gekettet, das 
für Goethe nicht immer blos .Musenhof gewesen, 
sondern vielfach ein Ort lästiger Zerstreuung und 
beschwerlicher .Amtsgeschäfte, wo viele Unberufene 
seine Kreise störten, strebte er endlich loszukommen, 
um lediglich seiner poetischen Sendung zu folgen, 
l'nd wenn er auch an seinen Beruf als ausübender 




Gasthof ,.zur Post" auf dem Brenner am 22. Juli i 



Das Bild ist rechts vom Eingange des Gasthofes 
angebracht.*) Es stellt Goethe im frühen Mannesalter 
dar, und bildet ein höchst sinniges Seitenstück zur Ge- 
denktafel auf der linken Seite des Einganges. Nachdem 
derSterzingerGesangverein »Wanderers Nachtlied« in 
der Composition von Schubert vorgetragen hatte, 



") Xai dem Kildp des G 



leider durch die De 



Künstler geglaubt, so musste er sich um so mehr aus 
dem kleinen Weimar hinweg und nach dem Lande 
der Kunst sehnen. Denn der Gedanke. Rom zu sehen, 
war ja nach dem Zeugnisse seiner Mutter von früher 
an in seine Seele geprägt. Dieser historische Zug, 
den man häufig den Deutschen zuschreibt, wohnte 
mächtiger in ihm, als in irgend einem .Andern seines 
Volkes. Die Heimat konnte ihm damals dasjenige 



.52 



Chronik des Wiener Goetbe -Vereins. 



nicht I)ictcn, was er brauchte und Ibrderte und zum 
'I heil ist CS trotz des riesigen Culturaufschwunges auch 
heute noch nicht vorhanden. 

ländlich ist aber ja alle Theorie f^rau, und grün 
nur des I^ebens goldner Raum, wie wir im »F"aust« 
lesen: er musste aus dem »kimnierischen Himmel« 
Thüringens nach dem Sitze des Classicismus. der 
Kunst und Poesie wandern, wenn er zur Krweiterung 
seiner Weltanschauung neue, weite Gesichtspunkte 
gewinnen wollte. Goelhc stand bereits in den reiferen 
.\lannesjahren. der Sturm und Drang war vorüber, er 
hatte sich in der bisher möglichen lü-t'ahrung aus- 
gelebt, der »Kaust« stockte. Kr glich dem Baumeister, 
dem die Steine ausgegangen waren, bevor das Haus 
auch nur die halbe Höhe erreicht hat. 

Was er in der Dichtung bisher geschallen, ge- 
nügte nicht mehr, es stak zu sehr im subjectix en 
Kleide: so unternehmend wie Ciötz, so verwegen wie 
Prometheus und so leidend wie Werther, welclie das 
Hild des jungen Goethe geben, war er nicht mehr; 
die reichliche Erfahrung will subsummieren. sie 
drängt zum Typus. Dazu fehlte aber vielfach die 
lorm. Diese hoffte der Dichter dort zu finden, wo 
sie in einer bestimmten Unveränderlichkeit vorlag 
und gleichzeitig die grösste Mannigfaltigkeit in den 
.\rtcn bot: in Italien. 

Nach der italienischen Reise tragen die (iestalten 
in Goethes Dichtungen ein anderes Gewand, sie sind 
objectiv, typisch geworden. So zeigt sich der » Wilhelm 
Meister» schon im Spiegel der Reflexion, »Tasso« und 
' Iphigenic < sind typische (jestalten, sie sind die objec- 
tiven Gegenstücke zur Reihe der vorgenannten subjec- 
tiven Figuren.*) Im >> Wilhelm Meister« stellt sich uns 
der (joethe vor der italienischen Reise dar, aber wir 
können diesen formell viel verschachtelten, inhaltlich 
jedoch einheitlichen Lebensroman erst dann richtig 
\ erstehen, wenn wir ihn mit den Empfindungen des 
nach-italienischen Goethe zu lesen vermögen; durch 
die ganze Tongebung blickt eben der typische Lehr- 
satz. Wiire dieser Roman (joethes zum wirklichen 
Abschlüsse gelangt, so hätte Wilhelm ebenso zu 
ernster, grosser Arbeit geführt werden müssen, wie 
der Kaust des 2. Theiles. Noch ein anderer Unter- 
schied wohnt den grösseren Schöpfungen Goethes 
vor und nach der italienischen Reise inne: in jenen 
herrscht der Conflict, in diesen die Ausgleichung und 
Versöhnung seiner Helden mit der Welt vor. 

Diese geistige Läuterung gieng in Italien vor 
.sich. Mit den Weimarer Verhältnissen musste ge- 
brochen werden, insofern sie dem Dichter als drückend 
erschienen. Nur Eines derselben empfand er lange 
nicht als ein solches, sein Verhältniss zu Krau v. Stein, 
die er als Leitstern seiner Thaten, als die Sonne seines 
LebensgUickes betrachtete. In wundersamen, tief- 
sinnigen und opferfreudigen Worten gedenkt er ihrer 
auf der italienischen Reise, um sie dreht sich all seine 



AntTinsro iIcs W. Me 



r-. C.J. IX., 



Freude, sein Naturgenuss. Kr war eben ein Flüchtiger, 
der des Trostes der ausgezeichneten 1-rau bedurfte. 
Dass auch sie fallen musste, lag in einem eigenartigen 
Vorgang seines Innern begründet. Goethe, der Innern 
Stimme wol bewusst, liess sich äusserlich vom Schick- 
sale tragen. In Italien erwachte in ihm unter ver- 
änderten Bedingungen das Bedürfniss voller Kreihcit. 
dieses reifte den starken Entschlusss, alle Fesseln 
abzuwerfen, sich, wenn gleich mit blutendem Herzen, 
loszureissen und getheilte Wonne der Leidenschaft 
dem erhebenden (iefühle innerer und äusseter Kuhc 
zu opfern. 

>' Erlaubt ist, was sich ziemt« sagt die Prinzessin 
im Tasso, nicht das, was uns gefällt. In Italien, wo 
Goethe übrigens den Gedanken, Künstler zu werden, 
zu (iunsten der Dichtung aufgab, zeitigte auch diese 
Erkenutniss, und völlig verändert kam er im Juli ijSN 
nach Weimar zurück. Im Tasso können wir die L m- 
wandlung Cjoethes und seinen Seelenkampf studiren, 
die handelnden Personen tragen ja portraitähnliche 
/.;ige und erleichtern uns so ein tieferes Xerständniss. 

Es waren reiche Krüchte, welche ihm die Flucht 
nach Italien eintrug. Schon auf dem Wege dahin 
begann er eifrig einzuheimsen, von Schritt zu Schritt 
wird er heiterer, sein Sinn freier. .Vm ■^. September 1 7SI) 
stahl er sich aus Carlsbad weg: am Krühmorgen des 
8. September betritt er vor Sehaniilz die tirolische 
Grenze, um .Mittag ist er in Innslniicl;, dessen herr- 
liche Lage er in vollen Tönen preist und Nachmittag 
fährt er noch, weil es ihm innerlich keine Ruhe liess. 
das Sillthal aufwärts. Am Sehünberg soll er unter 
dem schönen Zirbel*) gerastet haben , in Steinaeh 
brach der Abend herein, -das Detail verlor sich und 
die .Massen wurden grösser und herrlicher?;, wie er 
im Reisetagebuche "*) schreibt und um halb 8 Lhr 
Abends erreichte er das »saubere, bequeme« Posthoii.< 
auf dem Brenner, um nach seiner gewohnten Weise 
das Vergangene zu überlegen und sich zu weiterer 
Reise vorzubereiten. Mignon in der Gestalt der 
eigenen Sehnsucht gesellt sich zu ihm und tleht 
dringender: 

Dahin 1 Dahin 

Möcht ich mit dir, o mein (jeliebter, ziehn. 

Wie die italienische Reise überhaupt von ein- 
schneidender Bedeutung für Goethe geworden ist, so 
bezeichnet auch der lirenner, diese alte Durchgangs- 
pforte zwischen Deutschland und Italien, einen denk- 
-iviirdigen Abschnitt seiner Reise. Hier hat der Dichter 
noch einmal ausgeruht, bevor er die bedeutende 
Scheidewand zwischen Heimat und Fremde und 
zwischen Vergangenheit und Zukunft fallen sah. — Das 
Zimmer, in welchem er hier die Nacht vom 8. zum 
(). September 1786 zubrachte, steht heute allen 
Besuchern offen. 

, Al)};el.il(lin in l'v,-ms ■ ,1 loetlu-s V.An durcli Tir..]- Miimh.v 



Chronik des Wiener Goethe- Vereins. 



3i 



Wie sehr Goethe selbst von der Empfindung 
beherrscht war, dass sich mit der Ueberschreitung 
dieses Alpenpasses etwas Wichtiges in seinem lieben 
ereigne, zeigt die Stelle in seinem Tagebuche, welche 
der Frau v. Stein gewidmet ist: ..(j(<ltiik oii midi in 
dieser ivichtigeii Epoche i/iei/ies I.eliens. " 

Ernst und als einen wahren Bildungsgang hat 
Goethe seine Reise überhaupt aufgefasst: Heinrich 
Heine, der vor 60 .lahren hier als gemüthlicher 
Bummler vorbeikam, hat keine ähnliche Bemerkung 
in seinen gepriesenen >^Reisebildern<;. Der Dichter, 
der die »Iphigenie« mit sich führte, war eben anders 
als die Epigonen, welche sich das Dichten und Schrift- 
stellern oft so leicht machen. 

Das eben enthüllte, würdige (ioelhe-Bild möge 
daher des Dichters Mahnung auch in uns wachrufen 
und zugleich ein Wahrzeichen für die Dankharkeil und 
Be'.vimderuiig der JVachn'ell bilden, welche nicht die 
Entsagung und die Mühen Goethes durchzumachen 
braucht, sondern im ruhigen geistigen Besitze die 
Früchte derselben geniessen darf.. 

In den einzelnen Pausen der Feier ertönten 
PöUerschüsse von der Höhe des Brenner. 

Es folgte das Fes/mahl im Gasthofe des Herrn 
Girtler, in demselben Saale, in welchem Goethe vor 
102 Jahren seine Mahlzeit einnahm. Nach dem 
ersten Gange erhob sich Reg. -Rat Prof. Zingerle zu 
einem patriotischen Trinkspruche auf .SV. MaJesiiH 
den Kaiser von Oesterreich , der mit lautem Jubel 
aufgenommen wurde. Der Sterzinger Gesangverein 
stimmte das Kaiserlied an. Ausserdem wurden Toaste 
ausgebracht auf den Künstler und Spender des 
Goethe -Bildes Prof. Kopf, den Dichter Oskar von 
Redivitz , den Veranstalter des Festes Reg. - Rat 
Zingerle und auf Fräulein Brigl. Ein Gast aus Italien, 
Dr. Farina , betonte die Weltbedeutung Goethes 
neben der Shakespeares und Dantes und brachte dem 
deutschen Genius ein Hoch aus. Prof. Oellaeher aus 
Innsbruck erwiderte diese Huldigung mit einem Hoch 
auf Dante. 

Eine besondere Anregung war der Festversamm- 
lung durch den Vortrag verschiedener Festgedichte 
geboten. Wir sind in der glücklichen Lage, dieselben 
hier mittheilen zu können : 

.Mehr Licht! 

O Antlitz Goethes! Welche Kraft und Hoheit! 
Wie edel diese Stirn sich baut! 
Wie kühn und mild zugleich das grosse Auge 
In uns're Alpenwildniss schaut! 
Dies licht- und farbenfrohe Dichterauge, 
Dem stets vor allem Dust gegraut. 
Hielt mit dem Geist, der dieses Haupt bewohnte. 
Getreuen Bund — sie wankten nicht, 
Sie suchten rastlos Schönheit, suchten Wahrheit, 
Und noch im Tode riefen sie nach Klarheit — 
Mehr Licht! Mehr Licht! 



Solch innig .Sehnen trug den schiinen Fremdling 
Einst auch in diese Berge her. 
Von wo der alte Heerweg südwärts leitet 
Zum Po-Strand, ans T'^r'"!'^"'"''"^'^''- 
Dahin, ins heit're Land des süssen Wortes 
Zog ihn der Seele (Tlutliegehr, 
Wo noch der Odem der Olympier waltet 
l'nil ihre Stimme huldvoll spricht, 
Wo Zeus und Charis und Apoll uns laden. 
In ihren Gnaden .Sinn und (ieist zu baden — 
Mehr Licht! Mehr Licht! 

Just kam die Nacht, als seine Rosse hielten 
Und er dies Haus betrat zur Käst. 
Ein mächtig Bild! — so schrieb er an die Freunde • 
AVie mich's geheimnissvoll erfasst! 
B.ald schwarz die Massen rings und bald unizittert 
Vom dämmerigen Mondenglast! 
Doch welche Herrlichkeit muss erst hier werden. 
.Sobald aus Ost der Frühschein bricht 
Und all die Gipfel rings in Flammen stehen ! 
Hier w.art" ich. ja, hier will ich's tagen sehen — 
Mehr Licht! Mehr Licht! 

Ach, Einz'ger du. das ist es! Tagen sehen. 
Ja, t.-igen seh'n, wir möchten's auch! 
Doch wie durch bösen Zauber birgt den Aether 
Uns allfort schwerer Nebelrauch: 
Und hebt sich je, das Düster zu /.erjagen, 
Ein kühnlich frischer Morgenhauch, 
Den weiss der linstre Berggeist rasch zu bannen. 
Und immer wieder tagt es nicht: 
Der Blick ist müd des ew'gen D.1mmerwebens 
Und lang schon lechzend fleht er, doch vergebens 
Mehr Licht! Mehr Licht! 

Du Götterliebling, dessen Bild wir kränzen. 
Dem diese Höhe wir nun weih'n, 
O sende deines Geistes AVeh"n, du Mächt'ger, 
In uns're Düsterniss herein! 

Was edel ist und menschlich, gross und duldsam. 
Das schliesst dein Geist ja alles ein; 
Wir rufen ihn herbei aus tiefster .Seele, 
Wir huld'gen ihm — verlass uns nicht 
Und segne diese Berge, diese Thale 
Und brich den Bann, dass uns die .Sonne strahle 
Mehr Licht! Mehr Licht! 
Innsbruck. f/<uis von Vintler. 



Den am 22. Juli 1888 auf dem Brenner 
Goethe-Verehrern. 



k'ersammelten 



Ein .stiller Ruhepunkt" heisst /'/;/// der Brenner, 
Eh' er hinab in wälsche Lande zieht. 
Er ahnte — seiner selbst ein sichrer Kenner — 
Dass hier vom Blühenden der Reife schied. 

Es wogt in ihm von mächtigen Gedanken 
Und Hochgefühlen dort ein Ocean, 
Die, ob seitdem auch hundert Jahr' versanken. 
Uns heut erschüttern, wie sie's ihm gethan. 

Beglückt ihr, die in Andacht sich versammelt 
An heil'ger St.Htt', in Gleichgeweihter Kreis! 
Vergönnt, dass Einer seine Grüsse stammelt. 
Der, wenn auch fern, doch eins mit Euch sich weiss. 



Chronik des Wiener Goetbe -Vereins. 



Ciiil wenn ^i^.■h ilri)bcn Kucr Sinn erhöhte, 
fietlenkenil, worauf uns tler Brenner weist; 
So ruft: Ein Hoch für E;i.'i:^kcilc>i Gocihe'. 
Jloch denen, die vereint in seinem Geist! 



Dresden, Hohestrasse, 20. Juli I 
irof,f,m,ir l-nih,- 

Desgleichen. 



■\>it Hhilcimanii , 



_i Iftnials zogen zum Raub die Germanen über den Brenner, 
Holten die Schätze des .Süds in das barbarische I-and; 
Aber als Goiilu zog zur Raubfahrt über den Brenner, 
l'.raclit' CT das };oldene Vliess klassischer .Schöne zurück. 

Fd. D.ihn.- 

Nicht wenig wurdi; weiter die Feier erhöht 
ilurch die Theilnahme von Goethe-Freunden aus der 
Ferne, von denen tth\^raphi.<nhc iitid briefliche Griisse 
eintrafen. 

Mit freudiger Ueberraschung nahm die Versamm- 
lung ein Telegramm aus Wilhclinsthal auf, das der 
Grossherzog von Wdinor Cor! AliXiiiidi-r gesendet. 

Es lautete: 

»,]« der Enthüllung des Goelhe-Monumentes auf 
dem Brenner nehme Ich für Mich , wie im Namen 
Weimars lebhaften, herzlichsten Antheil und wünsche, 
dass die Erinnerung der grossen Vergangenheit der 
(jegenwart . wie Zukunft reichsten Segen bringen 
möge. (\irl Alexander, i. 

Diesen (jruss beantwortete die Versammlung 
auf .Antrag Prems mit folgenden Worten , die der 
elektrische Draht nach Wilhelmsthal meldete : 

»Euerer königlichen Hoheit von den Höhen 
des Brenners ein donnerndes dreimaliges Hoch!« 

Einen brieflichen Bericht des Prof. Zingerle 
über den Verlauf der Goethe-Feier erwiderte der Gross- 
herzog später in freundlichster Weise : 

»Mein lieber Herr Professor Zingerle! 
Ihre Zeilen über die Goethe- Feier auf dem 
Brenner tragen so ganz den frischen Eindruck der 
Begeisterung des schönen Augenblicks, dass ich bei 
ihrem Empfang die erhebende Feier im Geiste fast 
nacherleben konnte 

Wie Sie Weimars und Meiner mit der Festver- 
sammlung freundlich gedachten, so waren auch Meine 
Gedanken in treuer Theilnahme mitten unter ihnen. 
Ihr Ihnen sehr geneigter 

Carl Alexander. 
Willielmslhal, am 7. August 1SX8.- 

F'estgrüsse brachte der Telegraph ausserdem 
von liür Deutschen Goethe-Gesellschaft in Weimar, vom 
Goethe- Archiv, dem Goethe-Musetim und der gross- 
herzoglichen Bibliothek in Weimar, dem Goethe- 
Vereine in Wien, von Goethe- Freunden in Dresden, 
von Professor Erich Schmidt in Berlin, Prof. Schlin- 
bach in Graz, Rudolf Grimm in Berlin und Toni 
Gnibho/er in Ob. -St. Veit. 



.Andere brachten ihre 1 heilnahme an der 
Goethe - Feier auf dem Brenner in Briefen zum 
Ausdrucke: Herr Prof. Dr. Bolle in Dresden, Reg.- 
Rat Dr. Biihler in Frankfurt a. O., Bezirksrichter 
Diesner in Sterzing, Martin Greif in München, Ge- 
heimrat H. Grimm in Berlin, Prof. R. Hildebrand in 
Leipzig, Prof. Martin in Strassburg, Prof. Schullern 
in Innsbruck, Prof. Dr. Steinmayer in Erlangen, 
Director Dr. Suphan in Weimar und Prof. Dr. Karl 
Wein/iold in Breslau. 

Die Chronik erfüllt nur ihre Aufgabe, wenn sie 
die bedeutungsvollsten .Aeusserungen dieser .Art voll- 
inhaltlich ihrem I^eserkreise vorlegt. 

Prof. Dr. Bernhard Suphan, Director des Goethe- 
.Archives in Weimar, schreibt an Prof. Zingerle: 

».An der Stelle, wo Goethe zwei Mal, bevor er 
ins Welschland hinabstieg, gerastet, wo er den Blick 
nach dem \'aterlande zurückgewandt hat, ehe er den 
Wassern folgte, die dort hinabfliessen, wird von Ihnen 
und anderen treuen Verehrern des Dichters aus Tirol 
und der Nachbarschaft sein marmornes Bildniss er- 
richtet. Ein Bildniss des strassenbehütenden Apollo! 
Wer eine .Ahnung hat von der völkerverbindenden 
geistigen Wirksamkeit Goethes, von dieser Kraft, die 
nur den »Genien der Menschheit« eignet, den muss 
ein Gedanke, wie jener, welchen Sie und Ihre lands- 
männischen Freunde jetzt verwirklichen, aufs Höchste 
erquicken und erfreuen. Jeder Goethe-P'reund wird 
in dieser Stimmung Theil nehmen an der erhebenden 
Feier, welche Sie veranstalten. Und wie die Genossen 
dieser Feier, so werden sich fortan vaterländisch Ge- 
sinnte, die dort bei dem Bilde Goethes zusammen- 
tretl'en, seien sie vom Reiche oder aus dem engver- 
bundenen Oesterreich. begrüssen mit dem Zuruf: 

■»Hier ist es ein Fest, Deutscher mit Deutscht n zu 
sein<ii. Gruss und freudige Zustimmung also zumal aus 
dem Goethe-Archiv von mir und den zur Zeit mit 
mir arbeitenden Freunden. 

Ein kleines archivalisches Angebinde, wie es die 
Jahreszeit bringt, ist mir gestattet beizufügen. Ich 
sende die ersten Blätter des neuen, demnächst er- 
scheinenden Tagebuchbandes, Aufzeichnungen, die 
zum Theil Tirol und den zweiten .Aufenthalt auf dem 
Brenner und in der Umgegend betreffen; dazu, aus- 
gehoben aus dem auf der zweiten Reise nach Italien 
geführten Ausgabenbuche die Eintragungen vom 21. 
und 22. März 1790. Möge beides, den goethefesten 
Festgenossen mitgetheilt, eine freundliche .Aufnahme 
finden.« 

Geheimrat Dr. Herman Grimm in Berlin spricht 
sich über die Goethe-Feier auf dem Brenner folgen- 
dermassen aus: 

»Die Büste Goethes, die Sie errichten, wird zu 
Deutschlands und zu Ihrer Ehre an ihrer Stelle stehen. 
Es ist erhebend, zu gewahren, wie in Oesterreich 
unser grosser Dichter seinen Triumphzug beginnt. 
Meinem Gefühle nach sind die Zeiten gekommen, wo 
alle Deutschen, an welcher Seite der Erdkugel nun 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



auch ihre politische Heimat sein mag, sich in JerVer- ! 
ehrunp ihrer grossen Männer als ein einziges \'olk ! 
zu emplinJen beginnen. Preussen, Baiern, Sachsen, i 
Oesterreich können dabei sehr wol nebeneinander l 
bestehen, so gut wie die deutschen .Amerikaner sich 
zu uns sehnen dürfen, ohne ihrer engern Heimat 
drüben untreu zu weiden. Bei uns wird von Tag zu i 
Tag otlenbarer, dass auch die Schulen aller .Art, ohne | 
dem classischen .Alterthume untreu zu werden, vom ! 
nationalen Gedanken ausgehen müssen, und (iocthc \ 
repräsentirt ihn. j 

Gerade auf den Brenner gehört Goe/Iies Bild, 
um den Italienern zu zeigen, dass (rocihc, der sein 
Lebelang Italien im Herzen trug, trotzdem in der 
Reihe Derer, die deutschen Boden gegen wälsches 
Wesen vertheidigen, an erster Stelle steht. ,le genauer 
beide N'ölker wissen, worin sie sich gegenseitig achten 
und zu verehren haben, um so schärfer muss auch 
betont werden, worin ihre Verschiedenheit liegt. Ich 
denke, je deutlicher das beiden Nationen wird, um 
so unbefangener können sie an der Allianz festhalten, 
die sie verbindet. Ich hoffe, es werden, wenn Goethes 
Büste enthüllt wird, auch Italicner dabei sein, die 
einen Trinkspruch auf Goethe ausbringen, und ich 
würde, wenn ich dabei sein dürfte, ihn mit einem 
Brindisi auf Dante erwidern <. 

Die begeisterte Zuschrift des Prof. Dr. Carl 
Weinhold in Breslau fand lauten Widerhall in den 
Gemüthern der Festgenossen. Sie lautete : 

»Gruss und Heil entbiete ich den Festgenossen 
auf des Brenners Höhe, die von Süd und Nord zu- 
sammenkamen, Goethe zu feiern, um sein Bild auf- 
zustellen dort, wo sich die Wasser scheiden zur Adria 
und zum Pontus, da, an dem Hause, von wo er am 
Abend des q. September 1786 voll bewegter Gedan- 
ken und schwellend von Hoffnung auf neues Leben 
den rauschenden Eisack hinunter, zueilte dem Lande 
alter Sehnsucht. 

Iphigenie, Eginnnt, Tiisso und Faust geleiteten 
den Dichter nach dem Süden — und als herrliche 
Zeugen seines deutschen Schaffens und Bildens im 
welschen Lande stieg die hohe Gestalt Iphigeniens, 
der verklärten deutschen Frau im griechischen Ge- 
wände, und stieg der lebensfrohe, todesmuthige Eg- 
mont, das glänzende, deutsche Mannesbild, über den 
Brenner zurück in die nordische Heimat vor dem 
Dichter. 

Festgenossen ! Ihr steht auf denkivürdigem, ge- 
iveihtem Boden. Der Geist des unsterblichen Goethe 
wird unter Euch sein, sich freuend der dankbaren 
Liebe der Männer und Frauen aus Tirol, die nicht 
lassen wollen vom deutschen Wort und vom deut- 
schen Geist. 

Von des Brenners Gipfel kündet das Bild Goethes, 
das Ihr heute errichtet habt, nach Süden und nach 
Norden hin: 

Tirols Volk ehrt sein Heimatland, denn es 
schmückt es mit den Bildern der Grossen im deutschen 



Geist, wie es den vaterländischen Boden einst getränkt 
hat mit seniem Blute in Treue gegen sein Kaiserhaus. 
Gruss und Heil, ihr Festgenossen, entbiete ich 
Euch vom Schlesierland, das auch eine Mark ist, eine 
deutsche Grenzwacht gen Osten, wie Ihr .Markwarte 
seid gen Süden. 

Hoch 7 irol. das treue Land! 
Hoeti Go.Ihe! 



Zlreslau, .»m I S. Juli 1S8S. 



Kart Wein hold. 



So verlief das Goethe-Fest, das allen Theil- 
nehmern unvergesslich bleiben wird. Da es in den 
Monat von Goethes Rückkehr aus Italien fiel (Juli 
1788) gestaltete es sich zu einer hundertjährigen 
Gedenkfeier der Heimkehr; dass sie die einzige in 
ganz Deutschland und Oesterreich war, erhöht noch 
ihre Bedeutung. 

\'or .Schluss des Festes erschien Erzherzoi; 
Heinrieh mitGemalin aus der naheliegenden Sommer- 
frische j9^v««(v/'(Z(/ und besichtigte mit hohem Interesse 
das neue Goethe-Bild am Posthause. 

E. M. 

Die uns in dem Obigen zugekommenen .Mit- 
theilungen geben ein erhebendes Bild des Brenner- 
festes, das keines weiteren Zusatzes bedarf. Ganz in 
der Stille hat sich die Kunde verbreitet von der Er- 
richtung des Goethe-Bildes auf dem Brenner und 
Hunderte kamen herbeigezogen, uniTheil zu nehmen. 
Glänzende Namen darunter, und die nicht kommen 
konnten, sandten Grüsse an die Festtheilnehmer, und 
Gedanken kamen zum Ausdruck, die ebenso an die 
Grösse des Dichters mahnten, als sie dem berechtigten 
Stolze Deutschlands .Ausdruck gaben, der mit Goethes 
Namen verbunden ist. 

Auf der Höhe des Lebens stand Goethe, als er 
auf der Höhe des Brenners stand, an der Grenze 
zwischen der romanischen und germanischen Welt. 
Weithin sichtbar in beiden Welten erhob sich im 
Geiste der theilnehmenden Festgenossen seine Gestalt, 
die noch in weite Zukunft hin ein unerschöpflicher 
Verjüngungsquell der alternden Menschheit bleiben 
wird. Der ahnende Dichtergeist Herman Grimms sah 
den Geist Dantes mit dem Goethes auf dem Brenner 
zusammentreffen und ein Sohn Italiens trat unter den 
Festgenossen hervor, der Geister Dantes und Goethes 
gedenkend. Wird ja die göttliche Komödie für alle 
Zeit neben Faust zu stehn kommen im Gedächtniss 
der Menschheit. In der Gabe, der unmittelbaren Wirk- 
lichkeit das Ideal abzugewinnen, steht aber Goethe 
auch einem zweiten Sohne Italiens nah, der einzig 
ist, wie er: Rafael. — Möge diegeweihte Brennerhöhe 
ein Wahlfahrtsort werden für alle Edlen und Guten, 
die sich berührt und hingezogen fühlen zu den Höhen 
der Menschheit. S. 



Cbroiiik des Wiener Goethe-Vereins. 



Goethe-Notizen. 
Zu Goethes „Zueignung". 

Die ursprünglich als Eingani; zu den »Geheim- 
nissen» gedachte » Zueignung -<, die seit 1787 seine 
gesammten Dichtungen einleitet, hat Goethe nach 
den gleichzeitigen Briefen an Frau von Stein und 
Herder am 8. August 1784 zu Dingelstedt im ersten 
i;nt\vurfe niedergeschrieben, als er daselbst wegen 
eines .\chsenbruches am Wagen seine Reise unter- 
brechen musste. Wol kurz vorher hatte er das Ge- 
dicht im Geiste concipirt. Dass dies in .lena geschah, 
wo er sich Ende Juli und anfangs .August 1784 auf- 
hielt, wissen wir aus einem Briefe, den er am 1 2. De- 
ccmber 1785 wieder aus .lena an Frau von Stein 
schreibt: »Die Tage sind sehr schön, 7cie der Xc/nl 
ftd. dachte ich an den Anfang meines Gedichts (d. h. 
der »Zueigung« als Eingang der »Geheimnisse«). 
J)ic Idee dazu Ihilie ich hier im T/uilc ge/miden." Mit 
gutem Grunde mochte man also bisher auch das Vor- 
bild zu der landschaftlichen, durch den Kampf der 
Sonne mit dem Nebel gleichsam dramatisch belebten 
Scenerie des (ledichtes im Saalthale bei .lena suchen. 

.•\ber ein ähnliches und für die poetische Aus- 
führung im Detail wol geeigneteres Bild stand dem 
Dichter von Ilmenau her. und zwar von seiner eigenen 
Hand in sicherenConturen lixirt, seit Jahrenvor Augen. 

In einer kürzlich (Goethe-Jahrbuch O- S. l 1 tf.) 
veröffentlichten .Aufzeichnung vom Jahre 1813 be- 
richtet der aus Goethes Tagebuch und Briefen be- 
kannte Ober-Burghauptmann von Trebra über sein 
erstes Zusammensein mit Carl .August und Goethe im 
.lahre 177t''. Er erzählt von den tollen Geniestreichen 
der Beiden und ihrer Genossen in Ilmenau und der 
Umgebung, aber er will sich auch bald zu der .An- 
nahme bestimmt gefunden haben, dass Goethe als 
kluger Mentor den Herzog zu zügeln und höheren 
Zielen entgegenzuführen verstand. »Hierinn befestigte 
mich noch mehr ein schönes Landschafts-Gemählde, 
das ich zwar nicht ganz fertig, nur angefangen sah, 
von der ILind dieses freundsehaftUeh leitenden Genius, 
während der mehreren argen Zerstreuungen in 
Ilmenau. Herrlich bedeutsam angefangen. Es war die 
Gegend von Ilmenau, von der Sturmhaide, und den, 
um und neben, und über ihr stehenden Gebirgsköpfen, 
hl dieken Cehirgsnehel verhüllt, -d'ie dorten oft vorkommt, 
in dem nemlichen .Moment aufs Blatt genommen, -Menn 
eben der Nebel anfängt, sieh zerteilend absondernd in 
Wolken zu verdiehlen, diese sich von einander trennen, 
und zwischen ihnen in den nun sichtbaren Plätzen 
die Köpfe der Fichten bewachsenen Berge, nur dünn 
noch verschleyert, schon durchschimmern, und der 
hiermit schon -rirekende Lichtstrahl, sich merkbar macht, 
ob er gleich -'oll und frey, noch nicht durchbrechen kann; 
das Gemähides Original sah ich nie fertig, aber eine 
vollendete Copie davon sah ich mehrere Jahre später. 



als die Erfüllung dieser wahr prophetischen Dar- 
stellung, weit umher schon wohlthätigst gefühlt 
wurde.« 

Trebra gibt also dem Bilde eine symbolische 
Beziehung auf Goethes Mission in Weimar, ja er scheint 
geneigt, Goethe selbst die Absicht einer solchen Sym- 
bolik zu unterlegen. Man wird auch im Hinblick auf 
.Aeusserungen aus jener Zeit, wie sie z. B. das Gedicht 
»Dem Schicksaal» (Der junge Goethe 3. 143) ent- 
hält, nichts dagegen einwenden können. Doch darauf 
kommt es mir jetzt nicht an, sondern auf die auf- 
fällige Uebereinstimmung jenes Ilmenauer-Bildes nach 
der eben gegebenen Schilderung mit dem Naturbilde, 
welches Goethe in der »Zueignung« aufrollt. 

.Man vergleiche den Anfang der 3. Strophe: 

.Vuf einmal schien die .Sonne durchzudringen. 
Im Xebel liess sich eine Klarheit sehn. 
Hier >ai\V er leise sich hinabzuschwingen; 
Hier iheilt' er steinend sich um Wald und Höhn. 

.Mag Goethe immerhin bei einem ähnlichen 
Naturschauspiele im Saalthale die Idee seines Gedichts 
aufgegangen sein — das Bild stand in allen Einzel- 
heiten fertig längst vor ihm, ehe er es poetisch ge- 
staltete und für die neue Dichtung verwerthete. 

.Man hat jüngst für eine ganze Reihe von Stellen 
in Goethes Dichtungen Zeichnungen und Gemälde 
als Anregung oder sogar als Quelle nachgewiesen. 
Unser Fall vermehrt die Beispiele. Wichtiger scheint 
mir indessen, auch bei dieser Gelegenheit wahrzu- 
nehmen, wie Goethe ein Bild der Aussenwelt — dies- 
mal das Wort im weitesten Sinne genommen, denn 
es kann auch eine Fabel, eine Situation, ein Cha- 
rakter darunter verstanden werden — Jahre lang im 
.Auge behält und es sich durch wiederholte Beob- 
achtung völlig zu eigen macht, bis es sich im rechten 
.Augenblicke plötzlich und ungesucht mit der Idee 
einer Dichtung zusammenschliesst. 

/.uihfig Blume. 

Zu Goethes Zeilen vom 30. Juni 1818.*) 

Betreffs der brieflichen, in der »Chronik des 
Wiener Goethe-Vereins« vom 20. Juni 1888 durch 
mich veröflentIichtenZeilen6'('(7/it'.f vom 30. Juni 181S 
theilt mir der vielverdienstvolle Goethe-Forscher Wol- 
demarFreih. \. Biedermann in Dresden freundlich mit. 
dass diese Zeilen, aller Wahrscheinlichkeit nach, an 
Dem. .Auguste Pallord aus Genf, Erzieherin der 
Prinzessinnen Maria und Augusta, gerichtet sind, mit 
welchen sie jenen Sommer m/ena zubrachte. Goethe 
erwähnt dieselbe z. B. im Briefe an Frau rw/ Hopf- 
garteii vom 2. Januar 1818 und in einem Schreiben 
an .SVvv'/ vom 0. .August 1827. 

Dr. Hermann Kollelt. 



. dip let/.te .Nun 



Verlag des Wiener Goethe -Vereins. — Druckerei des „lUustrirten Wiener E.strablatts" (Franz SuschitzUy). — Vertrieb fiir 
<ien Buchhandel : K. k. Hof- und UniversitUts-Buchhandlunj; Alfred Holder. 



Die Chronik erscheint uiT 
Glitte jedes Monats. 



CHRONIK 



Im AuftraßC iles 

ienerGoetheVereinsHer- 

sgeber u. verantwortlicher 

Redacteur: 



WIENER GOETHE-VEREINS. 



Nr. 10. 



Wien, Sonntag, den 28. Oetober 1888. 



3. Jahrgang. 



Goethes Natnranlage in Ifin/Utck aitj seilte Seitdtiitff. — 



Aus dem Wiener Goethe-Verein. 

In der Sitzung des Ausschusses am ■:;. Oetober 
1 888 waren anwesend : Obmannstellvertreter Schiiicr, 
die Schriftführer ^i.'liftv und Ä'(7r/i'r, Director//i,', Alois 
Moraivitz, Professor Schipper. 

Egger berichtet, dass der Verein sich an der 
Cioethe-Feier auf dem Brenner am 22. Juli durch 
Widmung eines Lorbeerkranzes und ein Begrüssungs- 
telegramm betheiligt habe. 

An Regierungsrath Prof. Dr. J. V. Ziiigerle in 
Innsbruck, als den Veranstalter des Festes, sei ein 
Dankschreiben des Ausschusses abgesendet worden. 

Ferner wird berichtet , dass im Namen des 
Cjoethe-N'ereins aus Anlass der feierlichen Ueber- 
führung der Gebeine Schuberts in den neuen Fried- 
hof, ein Lorbeerkranz für den Sarg gespendet 
worden sei. 

Auf Grund der im Juni d. J. beschlossenen Ge- 
schäftsordnung wurde die Wühl des Uterarischen und 
des Denhnalcomites vorgenommen. 

In das literarische Co;«//(' wurden gewählt: Prof. 
Bliiine , Prof. JMiiior, Prof. Sehrlier, Herr v. Spiegl 
und Hofrath v. Weilen. 

In das Denkmalciimiti wurden gewählt: Director 
Ilg, Herr Karrer., Prof. v. Lütsoiv , Herr Rosen- 
thal, Herr -'. Spiegl, Director Sitte und Prof. Schröer. 

Der Ausschtiss beschliesst, Herrn Professor Dr. 
Krich Schmidt als Ehrenmitglied des Goethe-\'ereins 
aus Anlass seiner Anwesenheit in Wien namens des 
Vereins zu begrüssen. 

Die Goethe-Ahendc im Goethe -Verein beginnen 
mit einem Vortrag Rudolf Steiners: „ Ueber Goethe 
als Vater einer modernen Aesthetik. Nach dem Vortrage 
folgt die Recitation von Künstlers ErdeivaUen und 
Künstlers Apotheose durch Herrn Carl Josef Wagner, 
Mitglied des Hofburgtheaters. Tag und Stunde wird 
durch die Blätter bekannt gegeben. Bekanntlich ist 
Rudolf Steiner Ae.x Herausgeber der naturwissenschaft- 
lichen Schriften Goethes in Kürschners National- 
Literatur; von der Weimar- Ausgabe ist ihm die Pu- 
blication von Goethes Farbenlehre übertragen. Seine 
Schrift: „Grundlinien einer Erkenntnisstheorie der 
Goethesehen Weltanschauung^^ (Berlin und Stuttgart 
i886) hat günstigste Aufnahme gefunden. 



Neue Mitglieder haben sich im Oetober 1. 
angemeldet: 

Frl. Marie Himmel in Wien, IL, Nordbahnstr. 2(J. 
Herr Dr. Max Frh. ron Waldberg, Professor an de 

Universität in Czernowitz. 



Goethes Naturanlage in Hinblick auf 
seine Sendung.*) 

»Es gibt hervorragende Menschen, deren 

Jugendstreben zusammenfällt mit den Strömungen 
der Zeit; was bei Goethe der Fall war: solche Geister 
reissen rasch die Welt mit sich fort. Man darf sie glück- 
lich preisen. — Gibt es ja doch auch vollberechtigte 
Bestrebungen Einzelner, die lebenslänglich gegen den 
Strom zu schwimTnen haben! War davor Goethe in 
seiner Jugend bewahrt, in der zweiten Hälfte seines 
Lebens war es auch ihm beschieden. — Konnte die 
Menge die Umrisse seines Genies bei seinem .\uf- 
treten rasch erkennen und fühlte sie sich auch von 
ihm gehoben und getragen, indem er aussprach und 
darlegte, was allen als ersehnte Befreiung erschien : 
Ursprünglichkeit des Denkens und Empfindens; so 
hatte sie doch noch lange vollauf zu thun mit jenen 
ersten Eindrücken und vermochte nicht seiner weitern 
Entwicklung, die eine stetige blieb, bis an sein Ende 
zu folgen. — Er schritt in allen Richtimgen seiner Zeit 
weit voraus — dies beurkunden uns nun auch seine 
nachgelassenen Sammhmgen**) — indem die Zeit 
zurückblieb. Sie suchte eigene Wege, weil sie ihm 
nicht folgen konnte und wähnte dabei über ihn hin- 
auszuwachsen! Kennen wir ja seinen Vergleich mit 
der längst abgelegten Schlangenhaut ! — 

Die Aufgabe, ihm weiter zu folgen, blieb späteren 
Geschlechtern vorbehalten. Bei seinem Leben war 
Schiller vielleicht der einzige, der der Erkenntnis 
seines Wesens als einer einheitlichen Potenz nahe kam. 
Im übrigen konnte man nur wahrnehmen, dass die 
jüngeren Geschlechter von ihm abfielen. Zuerst die 



uVor 



r der Pr. 



*) Ausdi 
der Dramen Giicthcs. Heraus); 
National-Litteratur. Stutttran, 

**) .\lsdieMinPraliens: 
gehender Hetrachtung unterzogen wurde, erregte sie 1 
und wiederholt wird in dem Werke Rulands: Die Schütze t/es i 
natiottaltnnseinns dargethan, wie weit Ofiethe der Kunstkritik 



. K. J. ,'ich 
ethesi 






38 



Chronik des Wiener Goethe- Vereins. 



Romantiker, die Lir.sprüiif;lich von iiim ausgegangen 
waren, dann ,.da.s junge Deutscliland", jene selbst- 
bewusst hervortretenden Geister, die freilich zum 
Theil spiller wieder zu ihm zurückkehrten. 

Neue l-'ormen wurden angestrebt, ephemere Er- 
scheinungen auf den Schild erhoben, banale For- 
derunpen an den Dichter gestellt und die höchsten, 
die Goethe stellte und zu erfüllen bemüht war, wurden 
nicht erkannt, so wie seine Dichtungen selbst. — 

Dies ist die Lage, in der wir den Dicliter in der 
zweiten Hälfte seines Lebens sehn. 

Ks ist e.ne, wie uns scheint, allem andern vor- 
anstehende Aufgabe unserer Zeit, seine Intentionen 
in ErwUgung zu ziehen und womöglich darzulegen. 

Dassdie Dichtungen der spätem Zeit ebenso wie 
seine übrigen Schriften weder einen Stillstand, noch 
einen Rückschritt, sondern ein stetiges l'ortschreiten 
beurkunden, dies sahen wir wiederholt in seinen 
Dramen der spätem Zeit und wir wollen uns hier nur 
einiger Punkte erinnern, die in unsern Einleitungen 
zu den bisher erschienenen Dramen ausführlicher 
erörtert sind. 

Wie (joethe die Rtlanze schildert, indem er ihr 
Werden stufenweise vom Keim bis zur Blüte und 
Frucht, gleichsam nachschaffend anschaulich macht, 
so sehen wir ihn selbst sich entwickeln als einen ein- 
heitlichen Organismus, in dem nichts zufällig ist, 
sondern in dem alles mit Nothwendigkeit eins aus 
dem andern erwächst. Die Urgestalt seines (Geistes 
verrät schon die Anlage zu allem weiteren. 

Schon in seiner Knabenzeit sehen wir seinen 
Geist so angelegt, dass er nichts passiv in sich auf- 
zunehmen im Stande ist, sondern mitthätig, das An- 
geschaute gleicl sam nachschaffend. Indem ihn — 
noch vor seinem Abgang nach Leipzig — der gelehrte 
Jurist Olaischlager über die goldene Bulle belehrte, 
wurde des Knaben Einbildungskraft in jene ,, unruhigen 
Zeiten zurückgeführt", so dass er nicht unterlassen 
konnte, das geschichtlich Erzählte als gegenwärtig 
,, manchmal sogar mimisch darzustellen" ! *) Wir sehen 
hier bereits den schöpferischen Dichtergeist lebendig, 
j^is zur Wirklichkeit will er das Erzählte sich ver- 
gegenwärtigen. 

Entschieden ist bei ihm schon frühzeitig, wie sich 
reiclilich nachweisen lässt, das Streben vorhanden: 
das Wirkliche zu sehen, wie es ist und sich von keiner 
Voreingenommenheit blenden zu lassen , .f<7//.f/ zu 
sehen und in das Wesen einzudringen. Ein allgemeines 
Urtheil über eine Handlung: ob sie gut oder böse? 
lehnt er ab, wenn die Bedingungen, unter denen sie 
geschehn , nicht erwogen werden. Unbeeinliusst 
von der Moral der Welt, unbefangen im Geständnis 
setner Empfindungen, durchaus naiv, aber pietätvoll, 
hinter allem Realen ein Ideales ahnend : ist er berufen. 



») Dichtunj; und AV;ihrlu>it I, 4. Buch. — Götz von UfrlicliinKPn 
ist dirpct aus diesen .VnrcBungon erwachsen und in des nichters Geist 
U'bendij^ gewurden. 



einem Zeitalter, das in Frivolität versunken ist, neues 
Leben einzuhauchen, neuen .Aufschwung zu verleihen. 

Das ethische Moment liegt bei Goethe in der 
Liebe zum Object, zur gegenständlichen Welt, in die 
er sich gerne vertieft, um den fruchtbaren Punkt zu 
finden, aus dem sich alles weitere zum Verständnis 
des Gegenstandes ableiten lässt. Selbst in der an- 
organischen Welt ist ein solcher Punkt zu finden, jede 
Wahrnehmung einer Gesetzmässigkeit ist ein solcher, 
wie in der organischen der Keim des Lebens. — Die 
Liebe zum Objekt beruht auf dem Glauben an einen 
idealen Hintergrund. Dieser Glaube ist dem Dichter 
angeboren und erfüllt ihn mit Pietät. Pietät ist selbst- 
los, sie ist geistiger Natur und hält die Sinnlichkeit 
nieder. Man denke an das Frommwerden Fausts in 
(jretchens Zimmer, wobei wir sogleich an den Idea- 
lismus in der Liebe bei Goethe erinnert werden. 

An Zelter schrieb Goethe einmal: er vermisse 
an einem jungen Dichter das aufregend Tüchtige, 
das Menschengeschick Bezw ingende. Er meint damit, 
das der betreffende Dichter nicht direct Erlebtes oder 
Erfahrenes mit unmittelbarer Flmpfindung ausspricht, 
sondern zunächst das sogenannte Poetische, das 
Imaginative. Goethe selbst hatte es nur mit der 
Wirklichkeit zu thun und mit dem Menschen- 
geschick in -ihr. In diesem Realismus, der doch auf 
das Ideale im Realen gerichtet ist, liegt seine Grösse. 

Es ist das eben ein anderer Realismus, als der 
Zolas ! 

.Alles müssige Geschrei über «Goethe und kein 
Ende I « alles Abwägen und Messen Goethes mit anderen 
geschichtlichen Sternen*) muss unnütz erscheinen, 
wenn wir erkennen, was er unserer Zeit war und ist. Jedes 
Genie ist in seiner Art unermesslich, darum unter- 
lassen wir das Messen und Wägen. Wenn wir von 
Goethe aber mächtiger angezogen werden als von 
irgend einem Zweiten, so liegt das darin, dass /.'/• 
eben und kein anderer den Höhepunkt unserer Epoche 
bezeichnet und bei seiner Vielseitigkeit in jeder Rich- 
tung von seiner Höhe aus anregend und bahnbrechend 
wirkt; zunächst auf Deutschland, dann durch Deutsch- 
land auf die ganze Welt. Es nimmt aber auch die Zahl 
der .Ausländer zu, die sich direkt mit ihm befassen. 

Sein Gegenstand ist die Wirklichkeit, sein Ziel, 
die ihn ihr zu suchende Wahrheit. Die Wahrheit isi 
ihm das Dauernde im Wechsel, das Ewige in Natur. 
Kunst und Wissenschaft, das dem Realen abgewonnene 
Ideale. 

Die Stoffe zur Dichtung bietet ihm immer das 
Leben oder die Geschichte, wenn er sich selber findet 
in einer geschichtlichen Gestalt, deren Verständnis 
er dann mit Hilfe eigner Erfahrung bis zur vollen 
Naturwahrheit zu erschliessen weiss. Wir sahen, w ic 
Aehnliches schon in der Z<77/«C(Ä'.f ]'erlielilen,\\\v w'mun. 
wie es im Weither der Fall ist. Wie grossartig er- 



*) Älit Kapoletin I. und dessen ähnlicher Sendun;? haben wii 
selbst einen Vergleich iremacht. Dramen, lid. IV, Seite VII. aber tthiu- 



Chronik des Wiener Goethe-Veieins. 



*ii ^,^*'V!^=""' s'ch denken, welch noch grössern Eindruck als di. 
. HuUe (jotzens Lebensbeschreibung auf den Dichter machte 
ZVX^ ^^r^^ß''^" •'■■" -'»sfUhrlicher darüber gehandelt h 
■inen Schrift : „Goethe und die Liebe. Heilbrc.nn! Henningei 



scheint aber sein bis zu idealer Wahrheit vorgedrun- 
gener Realismus in seinem Go/z 7wi BeiUchitii^en *J 
m dem er das aufregend Tüchtige, das Menschen- 
geschick Bezwingende zur Anschauung bringt, wenn 
auch der Held unterliegt. — Wie die Zugabe des 
nichters zu dem Stoff stets aus seinem eigenen Innern 
genommen ist, sahn wir in der Einleituni; zu Go/s 
und ebenso in der zu C/in'/ffo. — Aber noch höhere 
Gestalten sollten vor uns auftreten, in seinem Ei;mout, 
der untergeht, weil er an Gemeinheit und X'errat 
nicht glauben kann, sowie in seinem Faust, der sich 
selbst der Hölle gegenüber behauptet: als Held des 
unbesiegbaren Idealismus. — Wenn wirnunnochjenes 
bedeutsamen Motivs in der Dichtung, der Liebe ge- 
denken, so treten uns hier sogleich die Geliebten 
dieser beiden hohen Gestalten, Gretcheii und K/änheii, 
die wir Geschwister nannten, vor die Seele, \"orbilder 
anspruchsloser Liebe bis in den Tod. — üeber den .A.n- 
lass zu diesen Schöpfungen in Goethes Leben ist in 
den Einleitungen zu diesen Dichtungen gehandelt. — 
Der grossartige Idealismus der Liebe ist ein in Goethes 
Wesen besonders hervortretender Zug, der in engem 
Zusammenhang steht mit seiner besprochenen objek- 
tiven Geistesart.**) Die Liebe führt bei ihm immer 
zu einem Frommsein, wir erinnerten schon an Faust in 
Gretcbens Zimmer. Der Erdenkampf dieses Idealismus 
mit den den Menschen nieder ziehenden Mächten ist 
der Gegenstand des Faust. — DieGeistigkeit der Liebe 
bei Goethe, die bei ihm als die einzige Leidenschaft ge- 
leiert wird, die ohne Selbstsucht ist, erhebt ihn und 
diese Erhebung gibt ihm die Macht, die Wirklichkeit 
in Dichtung zu verwandeln, was er so anmuthig ver- 
anschaulicht in Amor als Landschaftsmala: Alle'seine 
Liebesverhältnisse werden zur Dichtung und stehn 
im grellen Gegensatz zu romanischer Frivolität durch 
die Verehrung, die er jedesmal der Geliebten dauernd 
bewahrt. » — Sie ist mir heilig, alle Begier schweigt 
in ihrer Gegenwart« sagt Werther. Die Liebe leiht 
der Seele eine Erhebung »die alle Gegenstände mit 
dem Glänze der Kolibrihälschen scheinen macht«, 
schreibt er einmal an die Stein. Seine Objektivität 
verwandelt sich in Divination durch die Liebe und er 
idealisirtdieganzeWelt.- Auch die Denkungsweiseder 
Menschen nimmt er liebevoll in sich auf und erkennt 
in ihren Idealen und Glaubensvorstellungen Svmbole 
seiner eignen. Es entsteht in ihm und durch ihn ein 
neuer Glaube, der Glaube an das Ideale, der jeden 
andern Glauben mit in sich einschliesst. 

Das Thema der Liebe wird aber nicht nur in 
Faust und Egmont und besonders gründlich im 
Wertlur behandelt, wo zwei Männer von Einem Weibe ' 
gefesselt sind: es steht diesem Verhältniss auch der 
Gegensatz gegenüber in Einem Mann, geliebt von zwei 
Frauen, in dem merkwürdigen »Schauspiel für Lie- 



39 



bende: Stella«. _ Liebe zu erregen, bewusst und 
unbewusst und dadurch hingerissen zu werden, wo 
man sich nicht hinreissen lassen wollte, dies erscheint 
ihm als beklagenswerthes Geschick. War er schon 
als Knabe tief ergriffen vom Schmerze Tancreds (in 
Tassos befreitem Jerusalem): dass er vom Schicksal 
bestimmt sei, das, was er liebe, überall lunvissend zu 
verletzen, so fühlt er sich lebendig getroffen, wenn 
er die Erfahrung macht: dass er gleichsam zum Un- 
heil anderer geboren sei, indem er denen, die er liebt, 
nur Schmerzen bereitet! — Wir wissen, wie sein 
Schmerz und seine Reue darüber in den Schilderungen 
If eisliitgens, Clavigos, Fernandos nitdevu,ii\ta,x ist. —Von 
der Antike angehaucht fühlt er sich in jener Zeit 1775 
auch Orest, der vom Fluch der Selbstvorwürfe aus der 
HeimatGetriebene.—Wasaberlöstdiese Dissonanzen, 
was bezwingt solch Menschenschicksal? — Die Liebe, 
die selbstlos ist und selbstlos macht, die der Dichter 
später das Ewigweibliche nennt. Sie erscheint nicht 
nur in ihrer irdischen Gestalt, von Naturtrieben ge- 
leitet, sie erscheint auch als Liebe der Schwester^in 
Iphigenie und als platonische Liebe der holden Leo- 
nore von Este im Tasso. 

Es gibt keine grössere Roheit, als der Spott 
über platonische Liebe, sowie der Zweifel an ihr, den 
viele so witzig finden ! *) 

Indem wir in Bezug auf die Beziehungen dieser 
Gestalten zu Goethes Leben und Entwicklung auf die 
Einleitungen zu den genannten Dramen hinweisen, 
sei es nur noch gestattet, mit einem Worte der Ent- 
stehung der Dichtungen Goethes zu gedenken, inso- 
fern, als sie ebenso Leben erhalten von einem frucht- 
baren Punkt aus, wie die Ergebnisse seiner wissen- 
schaftlichen Forschungen. 

Goethe sagt in seiner Morphologie**): es sei 
ihm oft der Vorwurf geworden, dass er zu grossen 
Werth lege auf ein einzelnes Ereignis oder Vor- 
kommen. Er Hess sich aber nicht irre' machen, im Ge- 
fühl, dass er sich auf einer prägnanten Stelle befand, 
von wo aus manches sich ableiten Hess. Der Erfolg 
habe ihn nicht getäuscht. »So ging es mir mit der 
Halshandgeschichte, mit dem Zicischenknochen und so 

manchem andern bis auf die neuesten Zeiten.« 

Er sah ein Allgemeines im einzelnen Fall, ein Beson- 
deres in der Fülle der Fälle. So war es in seinem 
Dichten, wie in seinem Forschen. Das Beispiel der 
Halsliandgeschichte, die im Gross-Cophta behandelt 
ist, hier neben den Zcvischenbwchen gestellt, ist sehr 
merkwürdig, s. die Einleitung zum Gross-Cophta 
w\ezüT natürlichen Tochter. — Der prägnante Punkt, 
von dem sich Vieles ableiten lässt und der vieles aus 
sich selbst hervorbringt, den Goethe überall suchte, 
ist also die Idee, durch die seine Dichtungen Leben 
gewannen, seine Forschungen Zusammenhang. VNir 

, .. .*' p"ethc bezeichnete solche Spütter und Zweifler treftVnJ 
als diejenigen, .die das Wahre nur dann zu sehen glauben wiiii sie 
i'iis Gemeine sehen 1^ 

-*) Naturwissenschaftliche Schriften i, 320. 



40 



Chronik des Wiener Guelbe-Vercins. 



sahen ersteres besonders deutlich iniSatvros Dramen i , 
321.328.— 

Wenn er den Zwischenknochen entdeckt, so 
iihersehn wir nicht, dass er allerdings ohne ihn auch 
entdeckt worden wäre. Sdnc Entdeckung hat nur 
eine liesondere Hedeutung dadurch, dass sie ihm in 
llinhiick auf »das geistige Band«, auf die Idee auf- 
gegangen ist, die ihn befähigte, die Natur nachzu- 
schalfen, die er nicht in sie hineintrug, sondern die 
er anschauend ihr abgewann; die er nicht in den 
'["heilen (zufällig) linden konnte, sondern nur im 
Tvpus, der alles einzelne fordert. 

Den stiitig strebenden Geist üoethes bis ans 
l-:nde bezeugt uns der 2. Theil des Faust. 

Die letzte Schlussfolge des Geistes der ewigen 
Liebe, zu der sich der Titane allmählich erhob, ist 
hier gewonnen, die .Aufgabe des das Menschenge- 
schick bezwingenden Geistes ist gelöst. Seine ganze 
Natur strebt, iius Naliininlagt-, diesem Ziele zu. 

Was diesem geistigen Abschluss aber besondern 
Werth verleiht, das ist die Fülle der Gestalten, die 
dieser Geist auf dem Wege dahin geschaffen und in 
denen uns neue Ideale erstanden sind. Das Neue 
spricht sich aus in ihrer Naturwahrheit; darin, dass 
sie völlig frei sind von jedem falschen Pathos, von 
jeder überlieferten Gebärde; dass sie den Menschen 
und die Welt abspiegeln wie sie sind, aber durch die 
Tiefe seines Blickes, wie sie in Wahrheit im innersten 
Innern sind, und damit sehen wir ihn denn, der in un- 
wahren . karikiert antiken Formen eingewickelten, 
alternden Menschheit ein neues freies Aufaihmcn in 
Wahlheil darleben, das bestimmend für die Anschau- 
ungen und den Geschmack der Epoche geworden ist. 

r)er Geist aber, der sich in solcher Wahrheit 
darlebt, ist zugleich ein Geist voll Liebe und Güte, 
ein Geist, der frühzeitig Entsagung lehrt und sich 
auferlegt, weil er sachlich, selbstlos angelegt ist. Ent- 
sagung ist ihm beglückend. Das geistige Anschauen 
steht ihm höher als sämmtliches Geniessen. 

Indem er vom Wirklichen ausgeht und ihm das 
Ideal abgewinnt, baut er auf so sicherer Grundlage, 
dass sein Gebäude, wie die Natur selbst, unerschütter- 
lich ist. 

Das der Wirklichkeit abgewonnene Ideal, (ioethes 
Lebensgewinn, beseelte auch die Kunst der Griechen, 
sowie Kafaels und Shakespeares. Bei Goethe erscheint 
aber seine Geistesart geradezu als Tendenz, die seiner 
Zeit sich gegenüberstellt und in jeder Richtung bahn- 
brechend voran^ihl. 

Wie in der Kunst, so ist auch in der Wissen- 
schaft, bei aller Anerkennung, die ihm, täglich zu- 
nehmend, wird, der Sieg seiner .Anschauungen freilich 
noch keineswegs zur Thatsache geworden: noch 
immer halten die einen die Theile in der Iland und 
sehen nicht das geistige Band , noch immer ver- 
lieren die andern den Boden der Wirklichkeit unter 



den Füssen und tragen ihre Ideen in das .Angeschaute 
hinein, statt wie Goethe sie der Wirklichkeit abzu- 
gewinnen ! .< 

Goethe -Notizen. 
Goethes Name. 

Wir brachten in der letzten Nummer unter die>er 
Ueberschrift eine Notiz, die eine liebenswürdige Zu- 
schrift zur Folge hatte, die wir hier umso lieber 
mittheilen, als sie zugleich das Fortleben des Wortes 
Gök anmuthig bezeugt. 

»In Ihrem Aufsatze »Goethes Name und dessen 
Schreibung« hätten Sie auch bemerken können, dass 
im DWB. nach J. Grimms Vorgange nur (tlithe ge- 
druckt wird. Auch erlaube ich mir daran zu erinnern, 
dass ich in meinem Kämt. Wb. 119 dem .Artikel 
Güte (Taufpate) die Worte hinzugefügt habe: »Wenn 
das Wort auch einst in den Mundarten erlöschen 
sollte, wird es doch fortleben im Namen des grössten 
deutschen Dichtersvc, welche »Prophezeiung« ein Re- 
censent »etwas sonderbar« gefunden hatte! — -Mir 
aber bewahren jene Worte eine liebe Erinnerung au 
meinen seligen Vater, der zeitlebens nicht weit über 
sein Alpendorf hinaus gekommen ist und gewiss nie 
etwas von »Goethe« gehört hat. Er und mein längst 
verstorbener Taufpate wurden gerne zu »Hochzeits- 
ladern« verwendet, weil letzterer gar schnurrige 
»Reime« zu machen wusste, die wieder mein Vater 
mit seiner vollen Stimme gut vorgetragen hat. Im 
Januar 185Q schrieb er mir einen ganz verzagten 
Brief nach Berlin, worauf ich ihm trostreich erwic- 
derte und ihn namentlich bat, sein altes (lOttvertraucn 
nicht zu verlieren, denn (fügte ich hinzu) wie Göthc 
so schön gesagt hat : »Wer Gott vertraut, ist schon auf- 
erbaut.« Sein nächster Brief war wieder heiterer Natur 
und enthielt das Postscriptum : »Der Göte (d. h. mein 
Taufpate) lasst Dich schön grüssen und Dir sagen, 
dass er sich nicht versinn (nicht erinnere), den Reim 
gemacht zu haben«. 

Im April desselben .lahres war ich das letzte 
Mal in meiner Heimat und wir kamen auch auf den 
schönen »Reim« zu sprechen und auf den. der ihn 
gemacht hat. Beim schweren letzten Abschiede wollte 
ich auch von der derben Hand meines guten Vaters 
eine Erinnerung in dem aus Berlin mitgebrachten 
Album haben. Es schrieb nun ohne langes Besinnen 
hinein : » Wer Gott vertraut, ist schon auferbaut. « .Mein 
Auge ruht oft mit Rührung auf diesen verblichenen 
Zügen!« .1/. LiXti. 



Verl.->g lies Wiene 



Goethe-Vereins. — Druckerei des „lUustrirten Wiener Extrablatts" (Franz Suschitzky). 
den F.uchhandel : K. k. Hof- und Universitats-Buchhandlung Alfred Holder. 



Die Chronik erschcintUTr 
Glitte jedes Monats. 



CHRONIK 



Im Auftra;;e iIcs 

Wiener Goethe- VereinsHer- 

ausgeberu. verantwortlicher 

Redacteur: 



V/IENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 11. 



Wien, 30. November 1888. 



3. Jahrgang. 



INHALT: An/ruf zu Beiträgen für t 
Ausschusses am 27. October. — Geschenke fü 
AestJutik. — Goethe- Notiz: Zur Mineralogie 



i Goethe-Denkmal in IVien. — Aits dem IViene 
äie Bibliothek des Vereins. — Der nächste Go 
nd Geologie. 



AUFRUF 

zu Beiträgen für ein Go eth e -D enkmal in Wien. 

Zelin Jalire wirkt der Wiener Goethe- Verein. — Schon bei F-nthüUung des Schiller- 
Denkmals hier, im Jahre 1876, erschien die Errichtung eines Goethe-Denkmals in Wien 
dem gebildeten Publicum als eine selbstverständliche Aufgabe, die irgendwie gelöst 
werden muss. die daher wol auch auf die Unterstützung aller gebildeten Kreise zählen 
darf. — So wie die Denkmale Schuberts und Beethovens ein würdiges Standbild 
Mozarts, als eine unerlässliche Forderung unserer kunstsinnigenStadt, zugleich als einen 
noch mangelnden höchsten Schmuck erscheinen Hessen, so darf nach der Errichtung der 
Denkmale Schillers und Grillparzers, das Denkmal Goethes nicht länger fehlen I 

Dies fühlte der Wiener Goethe- Verein und that in dieser Hinsicht seine einleitenden 
Schritte. — Seine Bemühungen waren nicht erfolglos. Se. Majestät der Kaiser, sowie die 
Allerhöchsten Familienmitglieder des Kaiserhauses traten an die Spitze der Sammlungen 
und der Denkmalfonds übersteigt bereits 20.000 Gulden. — Da nun freilxh das Er- 
forderniss einer würdigen Ausführung diesen Betrag noch bei Weitem übersteigt, so 
wird man gerechtfertigt finden, dass der Verein sich nunmehr mit aller ihm zu Gebote 
stehenden Thatkraft hauptsächlich der Vermehrung des Denkmalfonds zuwendet, in 
der bestimmten Voraussetzung : dass es ihm in allen Kreisen der Residenz und des Reiches 
an Unterstützung nicht fehlen wird. — Bezeichnet ja doch Goethe einen Höhepunkt der 
Bildung, nicht nur für den Deutschen, sondern durch die deutsche Bildung, die er so hoch 
gesteigert und gehoben : für die ganze gesittete Welt. — Möchten alle diejenigen, die 
sich jemals von Goethes Geiste erhoben fühlten, mit ihren Beiträgen nicht säumen.*) 

Der Ausschuss des Wiener Goethe-V^ereins im Namen und Auftrag der Unterzeichner 

des .Aufrufs vom 22. März 1882: 
A. R. V. Arnetli. Dr. J. Bayer, Barth. R. v. Carneri, E. v. Bauernfeld, Dr. S. Freih. v. Conrad- 
Eybesfeld, Nik. v. Dumba, Dr. A. Eggsr R. v. Möllwald. L. A. Frank!, R. v. Hochwart, F. Karrar, 
M. Freih. v. Königswarter. Dr. A. Kolatschek, C. Kundmann, F. Freih. v. Leitenberger, L. Lobmeyr, 
Dr. C. V. Liitzow, Fürst R. Metternich-Winneburg, Dr. J. Minor, Dr. A. Worawitz, C. R. v. Olsch- 
baur, L. Freih. Possinger v. Choborski, Dr. 1. Nep. Prix. A. A. Freih. v. Rothschild. B. Rosenthal. 
Dr. V. W. Russ. Dr. J. Schipper, A. Ritt. v. Schmerling, Fr. Freih. v. Schmidt, Dr. E. Schmidt, Dr. 
K. J. Schröer, L. Speidel, Dr. K. v. Stremayr, Graf F. Trauttmansdorff-Weinsberg. E. Uhl, Dr. J. 
Unger, 0. Wagner. J. R. v Weilen, Graf Aibr. v. Wickenburg, A. A. Wiesenburg, Dr. A. Wilbrandt, 
Graf H. Wilczek, Graf Edm. Zichy v. VasonykeD; Dr. R. Zimmermann, K. Zumbusch. 



Chronik des Wiener (ioetli(.--\ereiii 



BEITRÄGE. 

werden cnttre^eiiLrenommen und ([uiiürt : In der Inneren Stadt von den Buchliandluny^cn : 

Braumüller ((;ral)LMi). Gerold (StL-phansplatz), Holder (Kothcmhuriiistrasve). Lehmann &. Wentzel 
(1.. KarnUicTstr. ;^4), Fr. Deuticke (Schottengassc ti), Sch^orella &, Heick (KolowratrinL; 41. 

sowie \on dem Cassier des Vereins, HtMTn I>an(|iiier 15. Roserilhal, I., NeuthoriL^asse 2. 

In den Vorstädten : 
Jos. Safar (\'lll., Schlösselgasse 24), Krawani (\il., iMariahilfcrstrasse 64), Pichlers Wwe. Sohn 

(\'.. Margarethenstras.se 2). Teufen (I\'.. Wiedener Hauptstrassc). 

l",s sei noch l)enierkt, dass ein Stifterbeitrag von 50 fl.. diirch den man lebens- 
länglich Vereinsmitglied wird, jedesmal vollständi;^ dem iJcnkmalfonds zufliesst. 
Alle l)eitriiL;(; werden in der Chronik bckannt^ej^eben. 

Der Ausschuss des Wiener Goethe-Vereins. 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

Protocoll der Sitzung des Ausschusses des 
Wiener Goethe-Vereins am 27. October 1888. 

Vorsitzender: Vicepräsident Prof. Si/iriier. An- 
wesend die Ausschussräthe: Herr Director Dr. I/g. 
.Schriftführer F. Kixrier, Dr. A. Moravitz, Banquier 
B. Roscnihal, Dr. Russ. lüitschuldigt: Präsident 
Exe. V. Stremajr und Schriftführer Herr Reg.-Rath 
Egger r. Millhvald. 

Zur Verlesung gelangt ein an Se. Kxcellenz den 
Herrn Präsidenten gerichtetes Schreiben des Vor- 
sitzenden des Mozarts- Denkmal -Executiv-Comites 
Herrn v. Dumba mit der Zusicherung, das bezüglich 
des DenUmal-Platzes für Goethe und Mozart erhaltene 
Schreiben des W. (J. V. dem M. C vorlegen zu 
wollen. 

Herr Prof. SelirUcr iheilt mit, dass er vorderhand 
für dieses Jahr zwei Vortragende für die Goethe- 
Abende gewonnen habe u. zw.: 

1. Herrn Rudolf Sieiiier mit einem Vortrage 
über Goethe nls Vater der moderne/i Aesthet/I; worauf 
eine Recitation des Hofschauspielers A'art Josef 

Wagiur: »Künstlers Erdewallen« imd »Künstlers 
.\potheose« folgen würde. Es ist dafür der Q.Novem- 
ber in .\ussicht genommen. 

2. Herrn Dr. Prof. Max l'reiherrn v. Waldberg 
aus Czernowitz zu einem Vortrage im December. 

Herr Prof. Sehröer bringt hierauf einen Aufruf 
zu Beiträgen für den Goethe-Denkmal-Fonds zur 
Verlesung und beantragt dessen Publication durch 
das Vereins -Organ. Es wird beschlossen, diesen 
.■\ufruf mit der Unterzeichnung sämmtlicher noch 
lebender Unterzeichner des ersten Aufrufs vom 
22. März 1882, auch den .lournalen (selbst aus- 
ländischen) und wichtigsten Blättern der Kroniänder 
zu senden und durch Sendung an zahlreiche 
Personen u. s. w. die grösstmöglichste Verbreitung 
zu geben, auch als Zalilstellen die Buchliandlungen 
Wiens herbeizuziehen. Zu letztem Zwecke wird \'ice- 



präsident Sehröer sich mit den Buchhändler-Firmen 
ins Einvernehmen setzen. 

Banquier Rosenthal theilt mit, dass Herr Prof. 
E. Schmidt in Aussicht gestellt habe, zur Erinne- 
rungsfeier an Goethes Todestag am 22. März nächsten 
Jahres in Wien zu sein und bei einer etwaigen 
Akademie den P"estvortrag zu halten. 

Direetor Hg theilt mit, dass er mit mass- 
gebenden Personen bezüglich einer Goethe-Matinee 
im neuen Burgtheater gesprochen und das erfreu- 
lichste Entgegenkommen gefunden habe. 

Dr. Russ übernimmt es, gleichfalls in dieser 
Richtung zu wirken. Die Frage, ob für das Goethe- 
Denkmal ebenso, wie bei Schiller, eine Art Tantieme 
(bei Schiller 500 fi. im Jahre) bei der Intendanz der 
Hoftheater zu erreichen sein wird, soll ebenfalls im 
Auge behalten werden. 

Nach diesen Beschlüssen schliesst der Vorsitzende 
die Sitzung. 

/''. Karrer, 
Schriftführer. 



Eingelangte Geschenke für die Bibliothek des 
Vereines. 

Vierleljahrschrift für Literatur - Gesehiehle , heraus- 
gegeben von Bernh. Seuffert. i. Bd., i. Heft, 
160 Seiten. Weimar, Böhlau 1888. (Geschenk 
des Herrn Herausgebers.) 



Der nächste Goethe-Abend 

tindet statt Freitag, den 28. December I. J., Abends 
jUhr. Herr/)/-. Max Freiherrvon Waldlierg, Professor 
an der Universität in Czernowitz, hat für den Abend 
I einen Vortrag in Aussicht gestellt: L'elier Goethe und 
das ]'olkslied. 



Chronik des Wiener Goetbe-Vereins. 



4j 



Vom Goethe-Abend den g. November 
1888. 

Auszug aus dem Vortrage A*. S^t^'/u-rs: „Goethe als l'ater 
einer neuen Aest/tetik." 

Die Zahl der gegenwärtig erscheinenden Schriften 
und Abhandlungen, die sich zur Aufgabe machen, 
das Verhältniss Goethes zu den einzelnen Zweigen der 
modernen Wissenschaften und zu den verschiedenen 
Aeusserungen unseres Geisteslebens überhaupt zu 
untersuchen, ist eine erdrückende. Hierinnen spricht 
sich die erfreuliche Thatsache aus, dass immer weitere 
Kreise von dem Bewusstsein ergriffen werden : wir 
stehen in Goethe einem Culturfactor gegenüber, mit 
dem sich alles auseinandersetzen muss. was an dem 
geistigen Leben der Gegenwart theilnehmen will. Wer 
den Punct nicht findet, wo er sein eigenes Streben an 
diesen grössten Geist der neueren Zeit anzuknüpfen 
vermag, der kann sich nur führen lassen von der 
übrigen Menschheit, wie ein Blinder ; bewusst, mit 
voller Klarheit den Zielen zusteuern, welche die 
Culturentwicklung der Zeit einschlägt, kann er nicht. 
Aber gerade die Wissenschaft wird Goethe nicht über- 
all gerecht. Es fehlt an der hier mehr als irgendwo 
nothwendigen Unbefangenheit, um sich erst in die 
\olle Tiefe des Goetheschen Genius zu versenken, 
bevor man sich auf den kritischen Stuhl setzt. Man 
glaubt weit über Goethe hinauszusein, \\t\.\il\te!iizehie?i 
Ergebnisse seiner Forschung von denen der heutigen 
Wissenschaft, die eben mit vollkommeneren Hilfs- 
mitteln und einer reicheren Erfahrung arbeitet, über- 
holt sind. Aber wir sollten über diese Einzelnheiten 
hinaus den Blick auf seine umfassenden Principien, 
auf seine grossartige Art, die Dinge anzuschauen, 
richten. Wir sollten uns seine Art zu denken, seine 
Art die Probleme zu stellen aneignen, um dann mit 
unseren reicheren Mitteln und unsererausgebreiteteren 
Erfahrung in seinem Geiste weiterbauen zu können. 
Goethe selbst hat das Verhältniss seiner wissenschaft- 
lichen Resultate zum Fortschritte der Forschung in 
einem trefllichen Bilde veranschaulicht. Er bezeichnet 
sie als Steine, mit denen er sich auf dem Schachbrette 
vielleicht zu weit vorgewagt habe, aus denen man aber 
den Pliin des Spielers erkennen sollte. Dieser Plan, 
mit dem er den Wissenschaften, denen er sich ge- 
widmet hat, neue, grossartige Impulse gegeben hat, 
ist eine bleibende Errungenschaft, der man das grösste 
Unrecht anthut, wenn man sie von oben herab be- 
handelt. Aber unsere Zeit hat das Eigenlhümliche, 
dass ihr die productive Kraft des Genies fast be- 
deutungslos erscheint. Wie sollte es auch anders sein 
in einer Zeit, in der jedes Hinausgehen über die that- 
sächliche Erfahrung in der Wissenschaft verpönt ist! 
Zum blossen Beobachten braucht man nichts als ge- 
sunde Sinne, und Genie ist dazu ein recht entbehr- 
liches Ding. 

Aber der wahre Fortschritt in den Wissenschaften 
wie in der Kunst ist niemals durch blosses Beobachten 



oder sclavisches Nachahmen derNatur bewirkt worden. 
Gehen doch Tausende und aber Tausende an einer 
Thatsache vorüber, dann kommt Einer und macht 
an derselben die Entdeckung eines grossartigen 
wissenschaftlichen Gesetzes. Eine schwankende 
Kirchenlampe hat wol Mancher vor Galilei beob- 
achtet: doch diesem genialen Kopfe war es vorbe- 
halten, daran die für die Physik so bedeutungsvollen 
Pendelgesetze zu entdecken. »War nicht das .•Xuge 
sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken!« ruft 
Goethe aus, und er will damit sagen, dass nur der in 
die Tiefen derNatur zu blicken vermag, der die hiezu 
nöthigen Anlagen hat und die productive Kraft, imThat- 
sächlichen mehr zu sehen als die blossen That- 
sachen. 

Von diesen Grundsätzen ausgehend muss die 
bloss philologische und kritische Goethe Forschung, 
der ihre Berechtigung abzuprechen ja eine Thorheit 
wäre, ihre Ergänzung finden. Wir müssen auf die 
Tendenzen, die Goethe hatte, zurückgehen, und von 
den Gesichtspunkten aus. die er gezeigt hat, wissen- 
schaftlich weiterarbeiten. Wir sollen nicht blos über 
seinen Geist, sondern in seinem Geiste forschen. 

Hier soll gezeigt werden, wie eine der jüngsten 
und am meisten umstrittenen Wissenschaften, die 
Aesthelik, im Sinne der Goetheschen Weltanschauung 
aufgebaut werden muss. Diese Wissenschaft ist kaum 
über ein Jahrhundert alt. Mit dem bestimmten Be- 
wusstsein, damit ein neues wissenschaftliches Gebiet 
zu eröffnen, trat 1750 Alexander Gottlieb Baumgarten 
mit seiner ».\esthetica« hervor.Was vorher über diesen 
Zweig des Denkens geschrieben worden ist, kann 
nicht einmal als elementarer Ansatz zu einer Kunst- 
wissenschaft bezeichnet werden. Weder die grie- 
chischen, noch die mittelalterlichen Philosophen 
wussten wissenschaftlich mit der Kunst etwas anzu- 
fangen. Der griechische Geist fand alles, was ersuchte, 
innerhalb der Natur; es gab für ihn keine Sehnsucht, 
die von dieser guten Mutter nicht gestillt worden 
wäre. Er verlangte nichts über die Natur hinaus ; da- 
her brauchte ihm auch die Kunst nichts darüber zu 
bieten; sie musste dieselben Bedürfnisse wie die Natur, 
nur in höherem Masse, befriedigen. Man fand Alles, 
was man suchte, in der Natur, deshalb brauchte man 
in der Kunst nichts, als die Natur zu erreichen. Aristo- 
teles kennt deswegen kein anderes Kunstprincip, als 
die Katurnachahmung. Plato, der grosse Idealist 
der Griechen, erklärte die bildende Kunst und die 
Dramatik einfach für schädlich. Von einer selbst- 
ständigen Aufgabe der Kunst hat er so wenig einen 
Begriff, dass er der Musik gegenüber nur desshalb 
Gnade für Recht ergehen lässt, weil sie die Tapferkeit 
im Kriege befördert. — Dabei konnte es nur so lange 
bleiben, als der Mensch nicht wusste, dass in seinem 
Innern eine der äusseren Natur mindestens ebenbürtige 
Welt lebt. In dem Augenblicke aber, in dem er diese 
selbstständige Welt gewahr wurde, musste er sich 
los machen von den Fesseln der Natur, er musste ihr 



(hionik des Wiener (ioetlie- Veieiiis. 



gcgenübcfrstehen als ein freies Wesen, dem nicht mehr 
sie seine Wünsche und Bedürfnisse |anerschaft't. Ob 
jetzt diese neue Sehnsucht, die nicht iimcihall) der 
blossen Natur erzeugt, auch noch durch die letztere 
befriedigt werden kann, bleibt fraglich. Damit sind 
die Contlicte des Ideales mit der Wirklichkeit, des 
Gewollten mit dem Erreichten, kurz alles dessen ge- 
geben, was eine Menschenseele in ein wahres geistiges 
Labyrinth führt. Die Natur steht uns da gegenüber 
seelenlos, bar alles dessen, was uns unser Inneres 
als ein (löttlichcs ankündigt. Die nächste P'olge wird 
ein Abwenden von aller Wirklichkeit sein, die Flucht 
vor dem unmittelbar Natürlichen. Diese Klucht zeigt 
uns die Weltanschauung des christlichen Mittelalters; 
sie ist das gerade Gegentheil des Griechenthums. So 
wie letzteres alles in der Natur gefunden hat, so findet 
diese Auffassung !:;ar nichts mehr in ihr. .Auch jetzt 
war eine Kunstwissenschaft nicht möglich. Die Kunst 
kann ja doch nur mit den Mitteln der Natur arbeiten, 
und die christliche Gelehrsamkeit konnte es nicht 
fassen, wie man innerhalb der gottlosen Wirklichkeit 
Werke schaffen kann, die den nach Göttlichem 
strebenden Geist befriedigen können. Aber die Hilf- 
losigkeit der Wissenschaft that nie der Kunstent- 
wickelung .Abbruch. Während dieerstere nicht wusstc, 
was sie darüber denken solle, entstanden die herr- 
lichsten Werke christlicher Kunst. 

(Foitsetzunj; iiiul Sei luss folgt ) 



Notizen zur Goethe-Literatur. 



I. 



,Zur Mineralogie und Geologie." 

.Mili;ellieilt von Dr. Heim. Ko'.h-ll. 

Dem bekannten, im Jahre 1807 verfassten und 
erschienenen Aufsatze (loethes „^ofepl) ÜUüUcv'l'iSe 
caiiuiihuifl" (zur Kenntniss der Gebirge von und um 
Karlsbad) smd im Wiederabdruck desselben, welcher 
18 17 erfolgte, „9iad)tväiTc" von wenigen Zeilen durch 
Goethe beigefügt worden. 

Der Nachtrag I, von den „fd)liHncn l5'rM\t[adcu" 
und „'^•|CuöO=3(otitoil" an der „McK'c-iiuihlc" handelnd, 
lautet wörtlich (Hempel's Ausgabe, XXXlll, V-j): 

„IHevtmürtiii i|'t Me febr «nbe i'ertt.ianMfdiaft fcer 
"3iv. S8 anflcffiln-ti'u i^l'cll^o=?lotitolI liiit tcv fdimcveu (5'ri): 
frf)[i>dc "Jir. s") init> Mi: bi'ite fcmim'ii uiuädift ter 
.SioLie5= (Oitfcb-ö:)^l.liül)Ic uor. (frftav fiiit L\ilialtifdici- 
Oiatur. '?oii;i iutciii ein äiificriid) mcbvKitiöcr '^afalt ocrs 
•uittcvt, fo seinen (id) bic t5'den immer abiiiftiimvitev, biS 
fic 5.'iitte te-S Tiird)|'d)nitt-5 frnÄviinf unri} itnC i'o(d)c 
niebvfdialige fiiflcb unf eitiniiiiac .Ui.'vuer ;um 'iV^rfdiein 
Icmmcii. — Tci'felbc 'ii.ifalt iiiiit lu.irti burcb einen l5'vC^ 
bvanö flcfcbmcUen unt iiab jene mertmiirtig.n fdiweren 
3d(,id':n, t)ic einjin in ibrer 3(vt finb, ab3 Grjfniiuiffc bcr, 
R'ciuMi m.in fidi an Cvt un^ Stelle übevuMinen nnJ \:v- 
tonteiiie *i<ei)"pielc , fowel fer beiceu I5itreme al-j ^el• 
llebevnänoc faninieln fann." 



Nun befindet sich aber in meinen Händen 
ein das landesfürstliche Wappen als Wasserzeichen 
tragender Bogen bläulich-weissen Papiers, auf dessen 
zwei ersten Seiten, halbbrüchig, durchaus von 
Goethe's Hand, die nachfolgende ausführlichere 
Darstellung dieses Gegenstandes mit der späteren 
Datirung: »C. B. (Carlsbad) 12. S(eptember) 1819« 
— also ein paar Jahre nachher verfasst — ge- 
schrieben steht : 

ftübciC 'WJäbIc. 

3ic licflt an tet Siobliin, einem ftavten, an ,vifri)crn 
Vorbeiifliei:cnl5cn 'iVidje, aufmärl-- in einem anmnlbigen 
Jbalc. Ter .yi'uiel über beii'elben ift bafaltifd), meift in 
OVÖf;eren nnf Heineren .«uaeln. Tod) finben )id) and) ficinc 
fänlenförmiße. fomcbl jeft al-J Uevanttevlid). Tiefe letUeven, 
oleidifally mcbrfeitiu, seigcn fid) ben iH-nuitternna idmaün 
flebiltct, fötal; iiad) innen tie .Planten inunerabiu'ftnmpfter 
beiuoviieben, bi» tie l'iitte fuiieltövmia loit. TergleidJen 
fintc nnn an tem die nidn niebr, i.nclleid)t ieiflten fie 
fid) mietet bei) einigem Oiadigrüben. :'liif tcv Cberfläd)c 
jebod) -cifcn fid) tugeb cter enförmige .Wörver, bcnni l'lnf; 
fd)lagen fdiaalig. iölan bat fie nidit mit llnred)t IMcntc: 
l'letiten genannt, lueil tie cigentlid)en ^Iclevfteine gleidi: 
fado idmalenmeife .«ugel in .Uugel entbalten, 

Tie i'afalt^'ager te-J .UobeÄbügcI-^ mögen ant 3tein= 
fcblen gevnbt baben, tie fid) entjünteten nnt eine fd)mere 
Sdiladenavt i'ervovbracbtcn, lUi(d)e fid) ucn allen 
mütanifdicn nnt pfen^ol.MlUanil■d)en ')>i'otneten auf ben 
crften 'jlnblid untevfd)eiten läfU. 

i'orbenannte Cviengniffe fint in gegenmäitigev 
canuninng folgcntirmafu'n gcortiitt nicrten. 

"IMeutor-Jletiten, mit bohlcni nnt anx^gejülltem ,\Mncrn. 

Sänienfbvmiger, tid)tev 'i'iafali. 

Te-?gleidien fngelföiinig. 

Sdjmeve Sdiladen, mit beieid)nenter, bten- n. anivmatlig 

gefloifenev Cbcvfldebe. 

TeÄg(eid)cn 

i!oro'"e 3d)(aden, obne getadite Cberfläebc. 

15. -i\ VI. 3. 1819. 

Es ist dies daher jedenfalls eine erweiterte — 
wahrscheinlich für die eigene Sammlung ausgeführte 
Bearbeitung der früheren Notizen, wie betreffs 
anderer solcher .Ausführungen von Entwürfen in 
Hempel's Ausgabe, XXXIII, 526, Erwähnung ge- 
macht ist. 

(Das interessante Autograph stammt aus dem 
Besitze des in den vierziger Jahren zu Jena dem 
Mittheiler befreundet gewesenen liebenswürdigen 
Geologen und Orientreisenden Gustai' Schüler 
(1810 — 1855), welcher- mit den festen, schönen 
Zügen seiner Hand daraufschrieb: »Goethe's Hand- 
schrift. Gustav Schueler. Jena 1841.«) 



Verlag des Wiener Goethe-Vereins. — Druckerei des „Illustrirten Wiener Extrablatts" (Franz SuschitzUj"). 



Die Chronik Prscheint um die 
.Mitte jedes -Monats. 



Heitrriü^p ^inci an den Her- 



CHRONIK 



Im Auftr.it-e des 

Wiener Cioethe Ven-insHer- 

ausccberu. vor.intwortlicbcr 

Kedacleur: 

A'. 7. Schritr. 



V/JENER GOETHE-VEREINS. 



Nr, 12. 



Wien, 23. December 1888. 



3. Jahrgang. 



'"'"^ '^''"^ '""^'^ «"««-<"«•-''*.— Notizen Goethes über den Granit. 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

In der Sitzung des .\usschu.s.scs am i D. i\ovember 
i888 waren anwesend: Sr. Excellenz v. Slremayr 
als Obmann, Prof. Schrikr, Ohmannstellvertreter. 
Schriftführer E^i^cr und Karrer. Cassier Roscntluil 
Director Dr. //-, Dr. Mora-autz und Director .SV//, ! 
Der Ausschuss genehmigt, dass der »Aufruf zu 
Beiträgen für das Goethe-Denkmal« in der »Chronik < 
abgedruckt und in einer Anfinge von i 20o Kxemplaren 
verbreitet werde. 

Director Dr. //- berichtet, dass auf Anregung 
Ihrer Durchlaucht der Fürstin Ilohenlohe die Pro- 
fessoren Kundmann, Tilgner, Wevr und Zumbusch 
sich in liebenswürdigster Weise bereit erklärt halien, 
Eiilwiirfc für ein Goelhe - Denkmal /x\ liefern; nur 
wünschen sie vorher den Platz bezeichnet zu sehen, 
aiat dem das Denkmal stehen soll. — Director Jly 
wird daher ersucht, eine Besprechung der genannten 
Künstler mit den .Mitgliedern des Denkmal-Comites 
zu veranlassen. 

Bankier -/?,w-,7//Ä<?/ berichtet über die Finanzlage 
des Vereins und des Denkmalfonds und weist das 
Stammvermögen des Ersteren mit I4(i8 ll., des Letz- 
teren mit 20.867 '1- in Effecten aus. — Die -enauc 
Rechnung bringt der Jahresbericht. 



Der nächste Goethe-Abend. 

Der \'ortrag des Herrn Drs. Professor ^fa.\■ 
Freihcrni von Waldber,ii ühtr Goethe und das Volks- 
lied wird nicht, wie ursprünglich beabsichtigt war, 
den 28. December 1. .1., sondern Dienstag, den 
8. .länncr 1S89, Abends 7 Uhr, stattfmden. 



Berichtigung. 
In der letzten Nummer der Chronik fehlt unter 
den Unterzeichnern des Aufrufs vom 22. .länner 1882 
der Name des Herrn Prof. .los. FieiiL der hiermit auf 
seinen Wunsch nachgetragen wird. 

/;/;■ Redae/i„n. 



Beiträge für das Goethe-Denkmal in Wien. 

Da die in letzter Nummer unter den i-irmen als 
Zahlstellen genannten Herrn Lehmann und Wenizel. 
Kärntnerstrasse 34, wegen Geschäftsüberhäufun« 
nicht in der Lage sind, Beiträge zu übernehmen, haben 
sich die Herren Hermann und Altmann, .lohannes- 
gasse 2. freundlichst dazu bereit erklärt. 

/)ie Redaetion. 

Neuestes aus dem Goethe -Archiv in 
Weimar. 

(Orlsinal-Correspun,!,-,,/.) 

Der reiche Bestand des Goethe-Archivs an I land- 
schriften der Werke des Dichters, seiner Briefe und 
Tagebücher, an Skizzen, Studien und Brouillons ent- 
hält lange noch nicht alles, was sich von seinen 
Niederschriften erhalten hat, und immer von Neuem 
tauchen da und dort werthvolle Schätze auf. Höchst 
beachtenswerth ist es daher, dass auch in den weitern 
Kreisen des Antheil nehmenden Publicums das Goethe- 
-'\rchiv bereits als die Centralstätte der an Goethe ge- 
knüpften Studien angesehen wird und ihm von fern 
und nah durch freundliche Spender Schätze zuge- 
führt werden. Zu den letzten Schenkungen gehören 
Goethes Briefe an Rauch, von den Nachkommen des 
grossen Künstlers gespendet; Briefe und Billets von 
Goethe an Charlotte von Schiller und ihre Söhne, 
eine Schenkung von ihrem Enkel, dem Freiherrn 
Ludwig von Gleichen-Russwurm u. s. w. .^uch im 
Goethe-Hause haben sich bei fortgesetzten Durch- 
suchungen noch Handschriften, meist Studien und 
Notizen naturwissenschaftlichen Inhalts gefunden. 
Dazu kommen noch zahlreiche werthvolle' Ankäufe, 
denn die hohe Besitzerin des Archivs ist jederzeit be- 
reit, die ererbten Schätze durch neue, zumeist sehr 
kostspielige -Ankäufe zu vermehren. So sind aus den 
Schränken des Herrn von Loeper, der bekanntlich 
seine Handschriften- und Büchersammlung in diesen 
Tagen verkauft hat, sämmtliche Goethe-Papiere nach 
Weimar gewandert: Gedichte, Faustblätter, der herr- 
liehe -Aufsatz über den Granit, zahlreiche Briefe von 
und an Goethe, reichhaltige Studien und Entwürfe 



46 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



zudenProsaschriftcii.zumcistNaturwissenschaftliches. 
\icles davon isi den Forschern bereits durch die He- 
nützunp des bisherigen Besitzers in den von ihm her- 
ausgegebenen Werken Goethes, sowie aus anderer 
wissenschaftlicher Verwerthung (Abdruck im Ooethe- 
.lahrbuch etc.) bekannt. Bei der jüngst in Berhn statt- 
g.'habten Auclion der noch übrigen Autographen- 
"schiltzc Locpers wurde noch eine Reihe höchst werth- 
vuller Stücke — meist Briefe — aus dem Kreise der 
Weimarschen /eiigenussen für das Archiv erworben. 
Den kostbarsten Zuwachs hat aber (wie bereits aus 
Zeitungen bekannt ist) vor Kurzem Herr Professor 
Suphan aus Stuttgart nach Weimar überführt: niim- 
lichdieüriginai-Manuscriptedesüoethe-Schillerschen 
Briefwechsels, welche der vor einiger Zeit verstorbene 
1-reiherr von Cotta käutlich an sich gebracht hatte 
und der Frau Grossherzogin verkaufte unter der ver- 
tragsmilssigcn Bestimmung, sie bei I.ebenszeit aufzu- 
bewahren. L'nd dieser Schatz konnte noch aus an- 
deren Quellen vermehrt werden um einige Bnele, 
welche y'var gedruckt sind, aber im Manuscript bisher 
fehlten und' sogar um Kinen . der im gedruckten 
Briefwechsel fehlt und erst durch späteren Abdruck 
bekannt geworden ist. — Hier sei auch noch er- 
wähnt, dass von Seiten derCJoethe-Gesellschaft ertolg- 
reiche Anstrengungen gemacht wurden zur Vermeh- 
rung der Geseilschafts-Bibliothek aus dem von Star- 
gardt in Berlin versteigerten lUicherbesitz Loepers 
durch Ankauf zahlreicher selt.-ner lOinzel- uni.\ erster 
Drucke von Goethes Werken. 

Vom Goethe-Abend den 9. November 
1888. 

A;,..>i- au. .ifm Vo,u;i^c A'. ;.„.«,.... „o ■■ -. ■'' !'.■/., 

einer ihitiii .-Wslltctik." 

(Fort.ct/.iiii^' und Schhiss.) 

Zur Kntstelumg der .\esthetik war eine Zeit 

iiothwendig. in der 'der (ieist, zwar frei und unab- 

häni;ig von den Banden der Natur, sein Inneres, die 

Idealvvelt. in voller Klarheit erblickt, und die Idee 

ihm Bedürfniss geworden ist, in der aber auch schon 

wieder ein Zu.s'ammengehen mit der Natur möglich 

ist. Dieses Zu.sammengehen kann sich nun treilich 

nicht auf die Summe von Zufälligkeiten beziehen, 

aus denen die Well zusammengesetzt ist. die uns 

als Sinnenwelt gegeben ist, und xon der der Grieche 

noch vollkommen befriedigt war. Hier linden wir ja 

nichts als Thatsachen, die ebenso gut auch anders 

sein könnten, und wir suchen das Nothwendige, von 

dem wir begreifen, wanim c.f fo Siiit musx : wir sehen 

nichts als Individuen, und unser Geist strebt nachdem 

Gattungsniassigen, Irbildlichen; wir sehen nichts 

als Flndliches. Vergängliches, und unser Geist strebt 

nach dem Unendlichen, unvergänglichen. Ewigen. 

Wenn der der Natur entfremdete Menschengeist 

wieder zur Natur zurückkehren sollte, so nnisste es 

zu etwas anderem sein, als zu jener Sunmne von Zu- 



fälligkeiten. Und diese Rückkehr bedeutet Goethe; 
Rückkehr zur Natur, aber Rückkehr mit dem vollen 
Reichlhnm des enhrukelhii Geistes, mit der Bildungs- 
höhe du- neiun Zeil. Goethes Anschauungen ent- 
spricht die grundsätzliche Trennung von Natur und 
Geist nicht ; er will in der Welt ein grosses Ganzes 
erblicken, eine einheitliche Entwicklungskette von 
Wesen, innerluM welcher der Mensch ein Glied, 
wenn auch das höchste, bildet. Es handelt sich um 
ein Hinjiusgehen über die unmittelbare, sinnentällige 
Natur, ohne sich im (Geringsten davon zu entfernen, 
was das fC.v,;/ (/<•/• .Va/«r ausmacht. Er tritt pietät- 
voll auf die Wirklichkeit zu, weil er an ihren idealen 
(iehalt glaubt. Die Natur von einem einheitlichen 
Entwicklungscentrum aus als ein schaffendes Ganzes 
zu Überblicken und das Hervorgehen des Einzelnen 
aus dem Ganzen im Geiste nachzuschatlen, das ist 
die Aufgabe. Nicht auf das fertig gewordene Ein- 
zelne, sondern auf das Naturgesetz, nicht auf das 
Individuum, sondern auf die Idee, den Typus, der 
uns jenes erst begreiflich macht, kommt es an. Bei 
Goethe kommt d'iese Thatsache in der denkbar voll- 
kommensten Form zum Ausdrucke. Was wir aber 
gerade an seinem Verhalten der Natur gegenüber 
'rernen können, das ist die unumstössliche Wahrheit, 
dass für den modernen (ieist die unmittelbare Natur 
keine Befriedigung bietet, weil wir nicht schon in 
ihr. wie sie als Erfahrungswelt ausgebreitet vor 
unseren Sinnen liegt, sondern erst dann das Höchste, 
die Idee, das (iöttliche erkennen, wenn wir über sie 
hinaosuehen. In der von aller Wirklichkeit los- 
üelö>te'n. rein ideellen Form ist nun die .-; höhere 
Natur in dei Natur : in der Wissenschaft enthalten. 
Während aber die blosse Erfahrung zur Aussöhnung 
der Gegensätze von idealer und wirklicher Welt 
nicht kommen kann, weil sie wol die Wirklichkeit, 
aber noch nicht die Idee hat, ist der Wissenschatt die- 
selbe aus dem (Gründe nicht möglich, weil sie wol 
die Idee, aber die Wirklichkeit nicht melirhax. Zwischen 
beiden bedarf der .Mensch eines neuen Reiches, eines 
Reiches, in dem das Einzelne schon und nicht erst 
das Ganze die Idee darstellt, in dem schon das 
Individuum, nicht erst die Gattung mit dem Charakter 
der Noihwendigkeit ausgestattet ist. Eine solche Welt 
kommt uns aber nicht von aussen; der Mensch 
muss sie sich selbst erschatYen ; und die.se Welt ist 
die Welt der Kunst, ein nothwendiges drittes Reich 
neben dem der Sinne und dem der Vernunft. Aut- 
nabe der Aesthetik ist es nun. die Kunst als dieses 
dritte Reich zu begreifen und von diesem Gesichts- 
punkte ausgehend', die Bestrebungen der Künstler zu 
verstehen. Das Problem zuerst in der von uns ange- 
deuteten Weise angeregt und damit alle aesthetischen 
Hauptfra«en eigentlich in Fluss gebracht zu haben, 
ist das Verdienst der im .lahre 1700 erschienenen 
Kritik der Lrtheilskraft.- Kants. Die hierinnen aus- 
gesprochenen Ideen in Verbindung mit der gross- 
artii;cn Ausgestaltung, die sie durch Schiller (m 



(liLoiiik des Wiener Goetlie-\( 



47 



Jen .-Briefen über Jie aestlieti:>ehc Krziehung Jes 
Menschenpeschleehtesc:) erfahren haben, sind der 
Grundstein der Aesthetik. Kant findet, dass nur 
dann das Wolpefallen an einem Objecte ein rein 
aesthetisches ist, wenn es unbeeintlusst ist von dem 
hiteresse am realen Dasein desselben, so dass die 
reine Lust am Schönen nicht durch die Einmischung 
des Begehrungsvermögens, das nur nach Zweck und 
Nutzen fragt und die Welt darnach beurtheilt, 
getrübt wird. Schiller findet nun, dass die geistige 
Thätigkeit, die sich im Schaffen und (Seniessen des 
Schönen auslebt, sich darinnen kennzeichnet, dass sie 
weder durch eine Naturnothwendigkeit gebunden ist. 
an die wir uns zu halten haben, wenn wir einfach 
die Erfahrungswelt auf unsere Sinne einwirken 
lassen, noch dass sie einer logischen Nothwendigkeit 
untersteht, die sofort in Betracht kommt, wenn 
wir zum Zwecke wissenschaftlicher Forschung oder 
technischer Verwerthung der Naturki'äftc (zum Bei- 
spiele beim Baue einer Maschine) an die Wirklich- 
keit herantreten. Der Künstler gehorcht nun weder 
einseitig der Naturnothwendigkeit. noch der \"er- 
nunftnothwendigkeit. Er gestaltet die Dinge der 
Aussenwelt so um, dass sie erscheinen, als ob ihnen 
schon der Geist eingeboren wäre, und den Geist 
behandelt er so, als ob er unmittelbar natürlich 
wirkte. Dadurch entsteht der aesthetischc Si/ut/i, in 
dem sowol die Natur- wie die Vernunftnothwendig- 
keit aufgehoben ist; jene, weil sie nicht ohne Geist, 
und diese, weil sie aus ihrer ideellen Höhe herab- 
gestiegen ist und wie Natur wirkt. Die Werke, die 
dadurch entstehen, sind nun freilich nicht natur- 
wahr im gewöhnlichen Sinne des Wortes, weil ja in 
der Natur sich Idee und Wirklichkeit nirgends 
decken, aber sie »iiissen Schein sein, wenn sie wahr- 
hafte Kunstwerke sein sollen. Mit dem Begriffe 
des Scheines in diesem Zusammenhange steht 
Schiller als Aesthetiker einzig da, unüber- 
troffen, ja unerreicht. liier hätte die .Aesthetik 
anknüpfen und von da aus weiter bauen sollen. 
Statt dessen tritt Schelling mit einer vollständig 
verfehlten Grundansiclit auf den Plan und leitet 
die Aesthetik damit auf einen Irrweg, so dass sie sich 
nie wieder zurechtgefunden hat. Der Nestor unserer 
Schönheitswissenschaft, Friedr. Theod. Vischer. hat 
bis an sein Lebensende, trotzdem er selbst eine fünf- 
bändige Aesthetik geschrieben, an der Leberzeugung 
festgehalten: Aesthetik liegt noch in den Anfangen. 
Wie alle moderne Philosophie, so findet auch Schelling 
die Aufgabe des höchsten menschlichen Strebens in 
dem Erfassen der ewigen Urbilder der Dinge. In 
ihnen sei alle Wahrheit und Schönheit enthalten. 
Die wahre Schönheit sei also etwas Uebersinnliches 
und das Kunstwerl;, das ja das Schöne im Sinnlichen 
erreichen will, nur ein Abglanz jenes ewigen Urbildes. 
Das Kunstwerk ist nach Schelling nicht um sein selbst 
willen schön, sondern darum, weil es die Idee der 
Schönheil abbildet. Die Kunst hat da keine andere 



.Aufgabe, als die Wahrheit, wie sie auch in der 
Wissenschaft enthalten ist, objectiv zu verkörpern, 
zu veranschaulichen. Worauf es da ankommt, woran 
sich unser Wolgefallen am Kunstwerke knüpft, das 
ist die ausgedrückte /(Li. Das sinnliche Bild ist nur 
Au.sdrucksmittel für einen übersinnlichen Inhalt, l'nd 
hierinnen folgen alle .Aesthetiker der idealisirenden 
Richtung Schellings. Weder Hegel und Schopenhauer, 
noch ihre Nachfolger sind in diesem Puncte weiter- 
gekommen.*) Wenn Hegel sagt: »Das Schöne ist da> 
sinnliche Scheinen der Idee<c und noch deutlicher: 
»Die harte Kinde der Natur und der gewöhnlichen 
Welt machen es dem Geiste saurer :///• Idc-e durch- 
zudringen als die W'iiki der Kiiiisl i, so liegt darinnen 
ganz deutlich ausgesprochen, dass das Ziel der Kunst 
mit dem der Wissenschaft ein gleiches ist, nämlich (//<' 
A/rt' zu erlassen: nur will siedle Wissenschaft in reiner 
Gedankenform, die Kunst aber in ausihaiil/chir Weise 
durch ein sinnliches .Ausdrucksmiltel vor uns stellen. 
L'nd in gleichem Sinne detinirt Vischer das Schöne als 
> die F>scheinung der Idee«. Diese .Aesthetik kann 
die selbstständige Bedeutung derKunst nicht begreifen. 
Was diese nach ihrer .Ansicht bietet, ist ja in reinerer, 
ungetrübterer Gestalt auf dem Wege des Denkens 
auch zu erreichen. Und deswegen hat sich die 
idealisirende Kunstwissenschaft als unfruchtbar er- 
wiesen. Aber sie ist nicht durch eine Physiologie des 
Geschmacks, nicht durch eine principienlose, blosse 
Kunstgeschichte zu ersetzen, sondern durch Anlehnung 
an Goethes Kunstauflassung. Merck charakterisirt 
einmal Goethes Schäften dadurch, dass er sagt, der 
letztere sucht dem Wirklichen eine poetische Gestalt 
zu geben, während die Anderen nur das sogenannte 
Imaginative zu verkörpern suchen, was dummes Zeug 
gebe. Damit ist ein Kunstprincip angedeutet, das 
Goethe im 2. Theil des Faust mit den Worten aus- 
spricht; > Das n'(/.v bedenke, mehr bedenke «ivi«. 
Es ist damit klar gesagt, woran in der Kunst alles 
liegt. Nicht um das Verkörpern eines Uebersinnlichen, 
sondern um das Umgestalten des Sinnlichen, That- 
sächlichen handelt es sich. Das Wirkliche soll nicht 
zum \ isdrucksmittel herabsinken: nein, es soll in 
seine'. Selbstständigkeil bestehen bleiben, nur soll es 
eine ni. iieGestalt bekommen, eineGestalt, in der es unser 
Bedüri.iiss nach dem Nothwendigen, L'rbildlichen be- 
friedigt. Nicht die Idee /// dem Sinnlichc-n soll der 
Grund unseres Vergnügens, unserer Erhebung am 
Kunstwerke sein, sondern der Umstand, dass hier ein 
W irklic!ies. ein Individuelles so erscheint, 7.v', die 
Idee. In der Natur treten uns die Gegenstände eben 
nie SD entgegen, wie sie ihrer Idee entsprechen, 
sondern gehemmt, beeintlusst von allen Seiten von 
Kräften, die mit dem Keime im Innern derselben, 
nichts zu thun haben. Das .Aeussere deckt sich nicht 
mit dem Ini.ern, die Natur erreicht nicht, was sie 

, Auch a-.- Ausfuhrur.Kc-n VA. v. Hartm.inns «her H.-;;cl in 
sriner ijri'ss .iimt-lffften, geistvoflen .\esthettlc können micli in dieser 
Uelier^eutcunK Dicht erschüttern unil die im Text ringefiihrtcn Cit.il.- 
si.reclien ,lurch»-.i, tar mich. 



Chronik des Wiener Goethe- Vereins. 



licwollt. Der Künstler l)cseiti};t nun alle diese ürinide 
licr llnvodkomnienheit und stellt das Kinzeldini; so 
vor unser Auge, wie wenn es Idee w;lre. Der Künstler 
seliall't Objccte, die vollkonininer sind, als sie ihrem 
Naturdasein nach sein können, aher es ist doch ni r 
ille eigene V'ollkomnienheil der Wesen, die er an- 
schaulich macht, zur JJurst.llun^ öiiiii;/. In diesem 
Hinausgehen eines (jegenstandes über sich selbst, 
aber doch nur auf (jrund dessen, was schon in ihm 
verborgen ist, liegt das Siiu'uc. (ioethe kann mit 
Recht sagen: »Das Schöne ist eine .Manifestation 
geheimer Naturgesetze, die ohne dieses ewig wären 
\ erborgen geblieben-, und •wem die Natur ihr ollen- 
bares (jeheimniss enthüllt, der sehnt sich nach ihrer 
würdigsten Auslegcrin, der Kunst.« J)a.<: Sehöii,- soll 
nicht linc Idic 7y rkUr/iLin, xoiii/tiii iiiicm Wirkt iihcn 
liiif snlr/ii' Gi'statt verlciluii, ildss is vottlioiiiiiiiii und 
i'ötttiih 71 'ie eine Idee Tor unsere Sinne tritt. 

Das Schöne ist Schein, weil es eine Wirklich- 
keit vor unsere Sinne zaubert, die sich als solche 
ifie die Ideenwelt selbst darstellt. Das ]\\ts bleibt 
ein sinntiehes, aber das UV,' des .Auftretens wird 
ein ideelles. Eine Welt der ideellen Vollkommenheit 
liefer; uns die Wissenschaft : diese können wir aber 
bloss denken; eine Welt, mit dem Charakter der- 
selben Vollkommenheit ausgestattet, die aber <?//- 
sehiiulieh ist, tritt uns in dem SeliUnen gegenüber. Ed. 
V. Ilartmann, der neueste Bearbeiter der Aesthetik, 
der in seiner >j Philosophie des Schönen« ein sehr 
verdienstliches Werk geschalten hat, .sagt ganz richtig, 
der Cirundbegrilf. von dem alle Schönheitsbetrachtung 
auszugehen hat sei der Begriff des aestlietisehen Scheines. 
.-\ber die Ideenwelt als solche kann niemals als Schein 
betrachtet werden, gleichviel in welcher l-'orm sie 
erscheint. I^in wirklicher Schein aber ist es, wenn 
das Natürliche, Individuelle in einer ewigen, unver- 
gänglichen l-'orm. ausgestattet mit den Charakteren der 
Idee erscheint, denn eine solche Form kommt dem 
Natürlichen als solchem nicht /.u. Die .-\esthetik nun, 
die von dieser Ansicht ausgeht, besteht dermalen noch 
nicht. Sie kann schlechterdings bezeichnet werden 
als ^Aesthetik der Oocihe'sehen U'eltan.<!eliauuui;<^ und 
sie ist die Aesthetik der Zukunft. 



Notizen zur Goethe-Literatur. ) 
II. Notizen Goethes über den Granit. 

Mil'^ullieilt von Dr. //cim Koltett. 
Diese auf einem halben Kleinfolio-Hogen ganz 
eigenhändig von (ioethe geschriebenen Notizen über 
den Granit — welches Urgestein bekannilicli „ihm 

licr fiilgcndcn Mtttlici'. 



*1 Upr Einacniti 
Hcrni. Kiillett, li.it <li 



r Clir..m(: .S. ^.| 



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K..llprts\ D.is hii 



am Arfihlteii ba-S luHliftc ,\iitcrciK .ilMcmann" und an 
welches er auch „fcincrid3lcri''dH'iiCiicnb.irimticiituiipftc" 
— mögen vielleicht zum denkwürdigen, der früheren 
Weimarerzeit angehörigen Schema einer von Goethe 
beabsichtigten grossartigen „■Jlllflcilieincil (^icfc^id)tc t)cr 
■Jiatiiv" gehören, dessen Wortlaut, nebst der „3Ü' 
linnblmirt lU'ci tcii Wvanit", in HempePs Goethe-Aus- 
gabe, XXXIII (CI.XX — CLXXV) zum erstenmal mit- 
gctheilt ist. 

Der Wortlaut der noch nicht veröffent- 
lichten Notizen ist folgender : 

■?cv (*'ii\iuit ift Cur* .Hmtallifiiiieii nitüauccii. 
l'lii ihm iit tciiu" (»irarilaticit ui bcmcrtcii. 
5o aud) Dil' luiitiu-ii ''n-biriio au ihm. 

."sc mcitcr c-J ucu ihui ii'c^ fciiimt, je mehr nimmt bio 
Sdjii'fre ühevhau!;, bi-3 uiloht bcn bou Alö;ctt nur eine 
Spur von .vünltallifatien lihvifl hioiln. 

Tcvitanic'iinu uuiovcv L^rceiit au> bei AUi'itallifaiieu 
ui crKäven. 

(Hier folgt das Wort „un", aus_^, strichen.) 

Auf der linken Seite des halbbriichigen Blattes 
stehen — gegenüber — die folgenden Notate: 

'Jn-iiH-iv aii-3 feinem inu . . (Aiineru). 

Komc de n-k-, 

Saussuro. 

Kirwan. 

:Hu-> feinem '.}(cufu'vu. 

ü.mis über tie ;He,ielm.if-.i,iteii. 

'-'Ulaenieiu. 

(''lourt unJ> JUMfliift. 
irimale iiamen bepbehalleu. 

Unterhalb dieser Notizen — deren mir vorliegende 
Original-Handschrift ebenfalLs aus dem Besitze des 
1855 verstorbenen .lenenser Prof. Gustar' Schüler 
herstammt — befinden sich, von Goethe frei mit der 
Feder gezeichnet, die folgenden drei, vielleicht auf die 
am Schluss des »Schema'< angeführte ..'/'heilharkeit" 
bezü^liclicn Fii^iircn : 



ch IMll.ok;, 




Verla;; iles Wiener (loelbe-Vi 



nrnckerei iles ..Illustriiten Wicnir Kxtrablattä' (Franz Suschitzky). 



CHRONIK 

DES 

Wiener Goethe-Vereins. 



DI^ITTEÜ BAN^D. 



HERAUSGEGEBEN VON 

K. J. SCHRÖER 

OBMANN-STELLVERTRETER DES GOEl H E- VERE: -N S. \ ER AN T V\'ORT L. REDACTEUR. 



WIEN 1889. 

VFRI-VG »ES WIESER GOETHE- VEREINS. - DRUCKEREI DES .ILL. WIENER EXTRABLATTES" 
(FRANZ SUSCHIT^KVi. 



Die Chronik erscheint um die 
Mitte jedes Monats. 



CHRONIK 



Im Auftrüge des 

^'icnerGoethe VereinsHcr 

usgcberu. verantwortliche 

Redacteur: 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 1. 



Wien, 23. Jänner 1889. 



4. Jahrgang. 



INHALT; Einladung zur Jahres- VoU-versawvÜHng. — Alts dem Wiener Goethe-Vereiu, — Neue Mitglieder. — Beiträge zum Gocthe- 
Denknialfonds. - Nächster Goethe- Abend. — Berichtigung.— Vom letzten (^Ar/Zw-^^^MÜtf' .- Goethe und das Volkslied. — Die Zukunß des 
Wiener rolksgijrtetis. — Goethe-Notizen: Ueber Goethe-Reliquien, Täuschungen, Enttäuschungen. — UieVerszählunginGoethes Faust. — 
Neue Ideale. 



Ja H R E S - VO L LVE R S A M M LU N G 

de* 

WIENER GOETHE-VEREINS 



Freitag, den 1. Februar 1889, um 6 Uhr Abends, im Vortrags-Saale des Wissenschaftlichen 

Clnbs (Eschenbachgasse 9). 



Tagesordnung: i. Jahresbericht des Schriftführers: 
2. Rechenschaftsbericht des Cassiers : 

S. Bericht der Rechnungs-Revisoren und Neuwahl derselben: 
4- Etwaige Anträge von Mitgliedern : 

5. Vortrag des Herrn Regierungsrathes Camillo Si'ife über einen „Platz für das Wiciitr 
Gocthe-Deiikmah . 
Zur Ausstellung gelangen photographische und andere Abbildungen von Goethe-Denkmälern in 
Deutschland. 

In dieser Jahres-Vollversammluni; haben nur Vereinsmitglieder ein Stimmrecht. Gastkarten berech- 
tigen aber zum Eintritte in den Saal. 

Hei' Ausfschuss. 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

In der Siizuiig des Ausschusses vom l4- Dccembcr 
1888 waren anwesend : Obmann Se. Excellenz r. Stre- 
mayr, Schriftführer Egger und Karrer, Prof. Blume, 
Director Dr. Ilg und Herr Edgar f. Spicgl. 

Director Dr. Ilg berichtet, dass die Künstler : 
Prof. Kundmann, Prof. Tilgner, Prof. Weyr und Prof. 
Zumbusch sich zu einer Besprechung mit den .Mit- 
gliedern des Denkmal-Comites bereit erklärt haben, 
und dass sie .Auskunft wünschen über den möglichen 
Denkmalplaiz und die etwa verfügbaren Mit/el. um 
nach Massgabe der Umstände eine Skizze für das 
Denkmal entwerfen zu können. 

Das Deuhnal-Comite hat eine Eingabe an die 
hohe Gtneraliuttudanz der Hofbühnen gerichtet, 
welche die Bitte enthält, aus dem Ertrage der Goethe- 
schen Dramen auf dem kais. Burgtheater dem Denk- 
malfonds einen jährlichen Beitrag widmen, und wie 



seinerzeit den Fonds zur Errichtung des Schiller- 
Denkmals, denselben begünstigen zu wollen. 

Kn der Sitzung des Ausschusses am i/. Jänner 
nahmen theil: Se. Excellenz Freih. von ^«'Stvvy als Vor- 
sitzender; Prof. Dr. Schrncr, Schriftführer : Dr. zw/ 
Egger und Karrer, Prof. Blume, Director Dr. Ilg, Dr. 
Alois Morawitz, Regierungsrath C. Sitte. 

Herrn Professor Dr. Freih. v. Waldberg wird 
für seinen Vortrag über »Goethe und das Volkslieds 
am 8. Jänner 1889 der Dank des Ausschusses ausge- 
sprochen. 

Prof. Sehröer iheilt ein Schreiben des Prof. Erich 
Schmidt aus Berlin mit, worin derselbe bedauert, dass 
es ihm unmöglich geworden, im .März nach Wien zu 
kommen, um einen Vortrag für den Goethe-Verein 
zu halten. 

Die nächste Jahres- Vollversammlung wird auf 
Freitag, den i. Februar 1889. um 6 Uhr Abends, 
festaesetzt. 



bionik 'les Wiener iioclhc-\'cttiii-. 



Neue Mitglieder*) 
seit November 1888. 
Herr riicoJor .l«j/>/7£, I., Schwarzenbergstrasse 3. 
l-raii Helene Di/niar, III.. Wassergasse 12. 
Herr Dr. .August Fiirsler , Director des Hofburg- 

theatcrs. 
Fräulein Helene ILtl/urslamm, 1., Schottenring 10. 
Herr Gcovf, Hcixsciibtr^cr, III.. Hintere Zollamtsstrasse 

Nr. 15. 
FVaulein )r\ora. Jlielle, IX., .Maximilianplatz 12. 
FrUulein Mariel/L/s/ifJi'r, I., Rothenthurmstrasse 22. 
Herr Dr. Georg KaischiiUii. Supplent an der Wiener 

Handelsakademie. 
Hans Freiherr /wV/ccX-rt von Jiuhit. stud. jur., 1., Stoss 

im Himmel 3. 
l'räulein Marie Mitteis, Lehrerin, 1\'., Alleegasse 30. 
Fräulein Gabriele Mitteis, Lehrerin, IV., .Mleegasse 30. 
Frau Charly von Mojsisovics, III. , Reisnerstrasse 5 i . 
Herr Dr. Alois Pollak, IV., Freundgasse 4. 
Herr Dr. Carl Pollak, prakt. Arzt. I., Franz .losef- 

Quai '^y. 
Herr Leopold Sehnahl , Beamter der Creditanstalt. 

IX., Schwarzspanierstrasse 5. 
Frau Otto Seyliel, IV., Resselgasse 5, 
FVau Martha Stiasnj; IX., Wasagasse 4, 
I-'rau Straiisky, IX., Wasagasse 4. 
l'räulein Stransky, IX., Wasagasse 4. 
l-'räulein Henriette Wandcr, IX., Maximilianplatz 12. 

Beiträge zum Goethe-Denkmalfonds. 

Von Herrn Dr. .Adolf AV(;/,\y/jc/' ... iL 10. — 

Herrn Karl Konegen li. 5. — 

\'on Frau I-'telka von Keljlovszkv . . . fl. 2. — 



Nächster Goethe-Abend. 

Derselbe lindetstatt im Vortragssaale des wissen- 
schaftlichen Clubs den 22. Februar I. J. .Abends um 
7 Uhr. Herr Dr. Samuel Singer hält einen Vortrag 
über Goethes Lieder. Nach demselben wird Frl. Gret- 
chenFoniies, .Mitglied des Hofschauspiels. Goethesche 
Lieder vortragen. 



Berichtigung. 

In der 11. Nummer der Chronik vom 30. No- 
vember 1888 ist auf der ersten Seite unter den Unter- 
zeichnern des .Aufrufes vom 22. .März 1882 der Name 
des Herrn Stephan Freiherrn v. Sehe)', Kantgasse •},, 
aus Versehn der Druckerei weggeblieben, was hiemit 
nachträglich berichtigt wird. Die Redaetion. 



*) Beitritts- Anmeldungen werden in der Kanzlei des Wissensch. 
Clulis (I., Escbenbachgassc 91 entgegengenommen. 



Vom Goethe-Abende 

• leti 8. Januar l88n. 

Goethe und das Volkslied. 

Aus ilem Vortrage iles Herrn l^rof. Dr. Fivi/urni ■::lV(ititl;i , 

Der Vortragende wies in den einleitenden Be- 
merkungen auf die Wechselbeziehungen von Volks- 
und Kunstdichtung hin, und wie zu allen Zeiten im 
künstlerischen Schäften auf eine Erschöpfung der 
Kunstmittel eine Rückkehr zur Natur erfolgte. Die 
Pflege volksthümlicher Poesie sei keine .Modesache, 
sondern F2rgebniss zumeist latenter geistiger Bewe- 
gungen. \'on diesem Gesichtspunkte sei auch Goethes 
A'erhältniss zum \olksliede aufzufassen. Die äussere 
-Anregung zu (loethes Interesse am Volksliede ist von 
Herder ausgegangen, aber während dieser bald zu 
festen .Anschauungen über den Werth und die Bedeu- 
tung der Volkspoesie gelangt, wandelt Goethe die 
seinigen im Laufe seiner geistigen Entwicklung um. 
Zuerst schliesst er sich der von Herder aufgestellten 
historischen Scheidung von Volks- und Kunstpoesie 
an, während er später unter dem Einflüsse der gei 
stigen Wandlung, die von der italienischen Rei>. 
datirt, die beiden Gruppen unter liöheren künstleri 
sehen Gesichtspunkten zu vereinigen sucht. Goethe 
lässt zwar Verschiedenheiten in der äusseren Form 
gelten, fordert aber für die Volks- und Kunstpoesie 
die gleichen künstlerischen Gesetze. Prof. W'aldberg 
entv.ickelt dann im Laufe des Vortrages, wie sich 
( joethes dauerndes Interesse am Volksliede im Kunst- 
schaffen des Dichters widerspiegelt, und gibt vom 
Standpunkte der neueren Aesthetik eine Charak- 
teristik der Goetheschen Lyrik — was sie mit dem 
Volksliede gememsam hat und was sie von ihm trennt. 
Er stellt den Einfluss dar, den die deutsche und 
fremde Volkspoesie auf Goethe geübt in der Lyrik 
wie im Drama. Viele Volkslieder erleben eine .Art 
Wiedergeburt in Goethes Geist, indem er L'nfertiges 
seinen Idealen nähert, Unvollkommenem den Reich- 
thum seiner inneren Welt mittheilt. In diesem Sinne 
nennt Goethe selbst viele seiner Gedichte ,, Bruch- 
stücke ehemaliger Existenzen". Eine Analyse der 
Goetheschen Phantasie zeige die innigste Verwandt- 
schaft mit der, die sich im Volksliede äussert, ebenso 
wie zahlreiche äussere Kunstmittel den Zusammen- 
hang von Goethes Lyrik mit dem Volksliede beweisen. 
Gegenständlichkeit, Anschaulichkeit und die typische 
.\rt der Darstellung sei beiden gemeinsam. Beide 
suchen nicht die Natur durch Kunst zu ersetzen, son- 
dern streben an, dass die Kunst wieder Natur werde. 
In diesem Streben liegt, die hohe historische und 
ästhetische Bedeutung von Goethe's Verhältniss zum 
Volksliede — für die vergangene Zeit so gut wie für 
die gegenwärtige. Zwischen den sich bekämpfenden 
Richtungen im modernen Kunstleben, dem rohen 
Naturalismus und der den Boden unter sich verlie- 
renden idealisirenden Darstellung könne am besten 
der typische Realismus eines Goethe vermitteln, au 



(hrmiiU des Wiener (loethe-Veieins. 



dass die deutsche Kunstpoesie, wie bei ihm. aucli eine 
Volksdichtunii werde ! 



Die Zukunft des Wiener Volksgartens. 

Wenn ein Garten den Namen ]'ol/;si;ar/(ii trägt 
und wenn derselbe Garten zugleicii zu der unmittel- 
baren Umgebung der Burg des Herrscherhauses ge- 
hört, dann wird er ohne weiteres Wort zum Svmbol 
eines schönen \'erhältnisses des Herrscherhauses zu 
seinem \'olke, des Volkes zu seinem Herrscherhause. 

Es ist begreiflich, dass dieser Garten nun, wo 
die alte Burg eine neue Gestalt erhalten soll, gleich- 
falls eine entsprechende Umgestaltung zu erwarten 
hat, und natürlich ist unser warmes Interesse, das 
wir an dieser Umgestaltung nehmen. 

Die Bedeutung eines solchen Gartens Uisst sich 
kaum aussprechen mit allen Mitteln der Gartenkunst, 
hier vermag die (^//(/('//(/(A'?/«.?/ allein dem Geiste zu ge- 
nügen und die Stimmungzu geben, die hieram Platze ist. 

Der Vorschlag, der in diesen Blättern wiederholt 
ausgesprochen ist: das geplante Denkmal J/ozn/is in 
dem Volksgarten aufzustellen, regt sogleich eine Fülle 
von Gedanken und Emptindungen an, die für die 
Berechtigung des Vorschlags sprechen. Die Huldigung 
des Genius, die ein solches Denkmal ausspricht, er- 
scheint als ein Interesse des Volks und zugleich in 
unmittelbaren Schutz des Herrscherhauses gestellt. 

In Wien, wo Mozart die letzten .lahre seines kurzen 
Lebens lebte und bis zu seinem letzten ,\themzuge 
unsterbliche Werke schuf, wo man seinem .Andenken 
noch lange nicht gerecht geworden ist! — 

Damit wäre denn schon ein Anfang dazu ge- 
macht, dem Volksgarten Seele zu leihen. Eigentlich 
ist ein solcher .Anfang schon da; im Theseus-Tempel 
und in dem seiner baldigen Enthüllung entgegen- 
gehenden Grillparzer-Denkmal. Der Theseus-Tempel 
erscheint uns als eine Huldigung, die der antiken 
Cultur dargebracht wird, der wir so viel verdanken, 
was noch tiefer sich ausspricht in der Gruppe im In- 
nern des Tempels. Uns scheint, nebenbei bemerkt, 
der Gedanke, von dem die Rede ist, den Theseus- 
Tempel dem N'olksgarten zu )iehmeJi, kein glücklicher. 
Die Kosten sind gross, wenn er ausgeführt wird, und 
der Gewinn ist uns sehr fraglich ! — 

Vortrefflich ist das Plätzchen gewählt, das Grill- 
parzers Standbild erhielt : dergrösste deutsche Dichter 
Oesterreichs in neuerer Zeit! 

Das geistige Band, das diese Kunstwerlcc des 
\"olksgartens verbindet, fehlt uns aber noch, wenn 
wir uns auch noch Mozart hinzudenken. 

Wol ist bekannt, dass Grillparzer ein Kenner und 
Verehrer der Musik war, aber ihn mit Ausschluss des 
ganzen übrigen deutschen Geisteslebens allein in den 
Volksgarten zu stellen, wo ausser ihm nur Mozart steht, 
das lässt etwas zu wünschen übrig. — Was ist denn 
das Grosse, das uns bei Mozart erhebt und entzückt? 
Das die Menschheit verjüngende Element seinerKunst? 



Es wird uns am ]')eutlichsten in jenen bekannten 
Worten Schillers, wenn er sagt: .,Der Dichter ist 
entweder Natur, oder er wird sie suchen, .lenes macht 
den naiven, dieses den sentimentalischcn Dichter. •• 

— W'as vom Dichter gilt, gilt natürlich ebenso vom 
Tondichter. Mozart 'var Xafur und verjüngte die 
Menschheit einer in Unnatur versunkenen Zeit; ganz 
wie auf anderem Gebiete — (rodhe, der von den 
Griechen lernte und nun in der gesämmten gebil- 
deten Welt, auch in England und Frankreich, als der 
Gipfel unserer Epoche gilt. — Er. in dem die Grie- 
clienwelt wieder auflebte, stünde schön beimTlieseus- 
Tcmpel. Grillparzer wäre beglückt über seine Nähe! 

— Oesterreichs Volksgeist will, sowie unserem Schil- 
ler, unserem Mozart, so auch unserem Goethe ein 
Denkmal setzen ! — Ihm wurde durch Kaiser Joseph 
hier von unserer Burg aus der Adel verliehen; noch 
jüngst hat sich unser altes Burgtheater mit Ruhm ge- 
krönt durch Aufführung seines ganzen Faust! — In 
neuester Zeit aber erscheint er immer deutlicher als 
der Urquell einer neuen Weltanschauung, bei dem 
alle Wissenschaften frische Nahrung, neues Blut 
holen. Er spricht den Geist der Epoche aus. .Mit 
Mozart bildet er, in anderem Sinne als mit Schiller, 
auch ein Dioskurenpaar; merkwürdigerweise heissen 
beide auch Wolfgung. — Aber nicht so, wie in Weimar 
Goethe mit Schiller, sollen diese Beiden in Einer 
Gruppe zur Darstellung kommen: wir wollen jeden 
allein fürsich betrachten können. — Dass aber Goethe 
kein geringerer Platz gebühre, dass sein Standbild die 
anderen Kunstwerke des Volksgartens durch seine 
Grösse und Universalität gleichsam zusammenhielte, 
dass es der Welt sagte: dass alles Grosse, das wir in 
Goethe verehren, bei uns in höchsten denkbaren 
Ehren steht, das drängt uns zu dem Wunsche : dass 
auch Goethe im \'olksgarten seinen Platz linde! — 

Goethe - Notizen. 

Ueber Goethe-Reliquien, Täuschungen, Ent- 
täuschungen. 

Wiederholt war unsere Chronik in der ange- 
nehmen Lage, .Autographen Goethes oder Texte — 
bisher immer nur kleiner, noch ungedruckter Schrift- 
stücke von ihm — auch Bildnisse, in getreuer Nach- 
bildung mittheilen zu können, die in der Oeft'entlich- 
keit noch nicht bekannt waren. — Solche kleine Re- 
liquien finden sich doch immer noch. — Dabei 
wiederholt es sich freilich nicht selten, dass von einem 
derartigen kleinen Schatze ein gewisser Ruhm sich 
verbreitet und dass sich bei näherer Prüfung zuweilen 
herausstellt, dass der Schatz ein Holzschnitt aus einer 
illustrirten Zeitung ist, oder ein Facsimile. in zahl- 
losen Exemplaren verbreitet. 

.Man gibt sich oft gern Illusionen hin. Da heisst 
es z. B. : Unter alten, alten Papieren fands ich ein noch 
völlig unbekanntes Bild Goethes, darunter von seiner 
Hand einVers: »Zum Beginnen, zum \'ollenden etc.« 



Cbrouik des Wiener (iuctbc-V< 



Wenn man nun dazu hcmcrkt : Das ist ja ein 
lickannlcr Holzschnitt, der zujjlcicli mit dem Facsimile 
drunter \or 50 Jahren in Medaus Zeitschrift: »Erin- 
nerungen': erschienen ist. so wird freilich die Täu- 
schunj; zerstört und man möchte seine Rolle als Zer- 
störer fast liedauern. 

Kin merli\vürdii;er l-'all ist ims jüngst vorgekom- 
men. Der Besii/.er einer werthvollen Kunstsammlung 
in Prag. A. v. Lanna. besitzt eine kleine Büste in 
Wachs seit etwa 20 .lahren. über die er nichts weiter 
angeben kann, als dass der frühere Besitzer nicht 
wusste. wen sie darstellt. Kr selbst kam erst durch 
lierrachiung der (joethe-Hildnisse RoUetts auf den 
<iLdanken, dass es eine lUisie des jungen (ioethe sei. 
1 nd jeder, der die Büste sah. sagte nun: ,1a, es ist 
eine Büste des jungen (ioethe! Noch dazu ein voll- 
endetes Kunstwerk ! — Herr v. Lanna hatte die Güte, 
die Büste von zwei Seiten aufnehmen zu lassen und 
uns vorzulegen. — Der erste lundruck erinnert aller- 
ilings an Goethe. Bei näherer Betrachtung sagt man 
sich aber doch : der Künstler, der so naturwahr dar- 
zustellen vermochte, hätte Cioethe porträtähnlicher 
getrofien. .Mit einem Worte, der hier Dargestellte ist 
(ioethe ähnlich, ist aber ein .\nderer als Goethe, es 
ist das Bildniss eines Anderen! - — 

Wir wollten, aufgefordert zu einem l rtheil. 
nicht allein die Verantwortung übernehmen, und 
dachten auch unseren Lesern zu dienen, indem wir 
anfragten bei den Herren KoUett und Zarncke, von 
denen die eingehendsten Studien über Goethe-Bild- 
nisse bekannt sind, denen wir denn die Photographien 
sanilten. 

Kollelt schreibt: >, Die Büste ist zu sehr von 
(ioethe abweichend, und zwar tretflich individualisirt. 
als dass man dabei an Goethe denken könnte. Sie 
stellt einen vornehmen Zeitgenossen des jungen (joethe 
dar. dessen Züge im Bildnisse .Mays allerdings an 
diese Büste mahnen. . — 

Zarncke schreibt: ..In Betreif der Büste trete 
ich Ihnen durchaus bei. Das ist nicht Goethe. 
Ausser etwa der Haltung, kein Zug von diesem, und 
doch ist die Büste offenbar ähnlich und von einem 
tüchtigen Künstler gearbeitet." 

Durch diese l'rtheile, die mit dem unserigen 
so völlig zusammentrelfen, sahen wir uns veranlasst, 
von der Mittheilung einer Nachbildung in der 
(Chronik abzuseilen. Silir. 



Die Verszählung in Goethes Faust. 

.•\ufeine an mich gelangte .\nfrage über meine 
Verszählung im 2. Theile des Kaust (warum dieselbe 
von der Dünt/.ers ditVerireV) kann ich nun orien- 
tirend antworten. 

In der zweiten Nummer unserer Chronik be- 
sprach ich meine VerszUhlung des ersten Theiles, zu 



der Erich Schmidts Bemerkungin der Weimar -Aus- 
gabe, S. 254, angeführt wurde: »Die Zählung kann 
nur an drei Stellen strittig sein, wo wir mit Schröer 
übereintreli'en«. — Damit erscheint denn die Zählung 
dieses Theils für alle Zeit festgestellt. Es sind in der 
Weimar-.Ausgabe. wie bei mir. 4!) 1 1 N'erse. wenn auch 
Düntzer anders zählt. 

.Mit Recht konnte man nun gespannt sein darauf, 
wie sich die Weiterzahlung des zweiten Theiles in 
der Weimar-Ausgabe zu der meinigen stellen wird, 
d. h. ob denn durch das neugewonnene Material, das 
zur Weimar-Ausgabe benützt werden konnte, der 
Text nicht soviel umgestaltet werden muss, dass meine 
Zählung ungültig wird. 

Soviel ich aus der eben erschienenen herrlichen 
Weimar-Ausgabe nun ersehe, so stimmt die letztere, 
sowie mit dem ersten Theile, so auch mit dem 
zweiten, bis Vers 10.523 vollkommen zu der mei- 
nigen. Xiich diesem Verse fand sich jedoch in einer 
Handschrift noch ein Vers, der in allen .Ausgaben 
bisher fehlte. Vers 10.524 lautet nun: 

Kr ist behend, reisst alles mit sich fort. 

Durch diesen Vers dillerirt meine Zählung um 
Einen Vers von hier an bis ans Ende. Ich zählte 
II. 110 N'erse im Ganzen und werde von nun an 
11.111 N'erse zählen. Wenn die Besitzer meiner Aus- 
gabe sich den erwähnten Vers (8 Worte) in ihr 
Exemplar notiren. so stimmt der Text im Uebrigen. 
Düntzer zählt ii."'^" Verse und weicht demnach 
weit genug ab. Es handelt sich eben nicht allein ums 
Zählen! — Wer nach der Weimarer Ausgabe citiren 
will, und Jedermann wird von nun an wol nach dieser 
zählen, kann vor 10.5 24 meiner Ausgabe folgen und 
hat iiiuli diesem nur leinen Vers hinzuzuzählen. 



W» 



Neue Ideale. 

Stelluni; unserer Zeit zur Dichtunt; 



betrachtet, tindet erstens: dass sie nicht viel von ihr 
wissen will. Wenn aber etwas Dichterisches ihren 
Beifall fnidet, so ist das gewöhnlich der Art, dass man 
mit Schrecken sieht: wie geringe Anforderungen sie 
an die Dichtung stellt, mit welcher Flachheit sie sich 
zufrieden gibt, nachdem wir einen Goethe, einen 
Schiller gehabt! 

Sie sucht angeblich iitiii Jdmlf! 

Seit Jahrtausenden war wieder einmal Einer auf- 
erstanden, vom Ideal getragen: Goethe. Nur Einer ver- 
stand ihn gründlich: Schiller. — Noch ist die Mensch- 
heit lange nicht so weit, die Ideale Goethes und 
Schillers zu erfassen, und schon reden sie von luutii 
Idealen! — Als ob die Ideale jedes Frühjahr neu 
blühten und Früchte trügen, wie die Kirschenbäume! 

Sehr. 



Vurlajj des Wiener Goethe -Vereins 



Druckerei des „lUustrirten Wiener Extrablatts" (Franz Suschitzky). 



Die Chronik erscheint u 
Mitte jedes Monat« 



CHRONIK 



Im Auftrace des 

ienerGoethe-VereinsHer- 

sgebcr u. verantwortlicher 

Redactcur: 



V/IENER GOETHE-VEREINS. 



Nr. 2. 



Wien, 20. Februar 1889. 



4. Jahrgano 



INHALT: Eiuladung zur ynhrcs-VcrsauiMlmig. — Alis dftu IVu 
/,/;,/, ff ,/^,- Theologie aus Ungarn. — Der Gross-Cofihta z'flu Goethe. — /-i 



er GoetJif -Verebt . — Jahresboricbt 



Jahres-Vollversa mmeu ng 

WIENER GOETHE-VEREINS. 

Freitag, den 22. Tebruar 1889, um 6 Uhr Abends, im Vortrags-Saale des Wissenschaftlichen 

Clnbs (I., Eseheubach.gasse 9). 

Tagesordnung : i . .lahresbericht des Schriltluhrers : 
j. Rechenschaftsbericht Jes Cassiers : 

^ Bericht der Rechnungs-Revisoren und Neuwahl derselben; 

4- Vortrag des Herrn Regierungsrathes Camillo Silte über einen „Platz für ihis W'i.ii.r 
Gocthc-Denkmal" . 
Zur Ausstellung gelangen photographische und andere Abbildungen von (joethe-l)enkmälerii in 
Deutschland. 

In der .lahres-Vollversammluiii; haben nur \'ereinsmitglieder ein Stimmrecht. (lastkarten berech- 
tigen nur zum luntritte in den Saal. 

Der Attssi-Unss. 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

.Am Ml. .länner und am 8. Februar landen 
Sitzungen des Ausschusses statt. 

Die hohe Gemral-Iiiteudaiiz der kais. Hol'bühnen 
hat mit Zuschritt vom ly. Jänner 1. J. dem Gocilie- 
Denkmalfonds einen .Jahresbeitrag von 500 fl. aus den 
Einnahmen des Hofburgtheaters gewidmet, und den 
Verein dadurch zu grossem Dank verpflichter. 

Da Dr. Kolatsiliek wegen zunehmenden .Augen- 
leidens seinen Austritt aus dem Ausschusse erklärt, 
wird ihm für seine bisherige Theilnahme der Dank 
ausgesprochen. Auf Grund des § 7 der Statuten wird 
hierauf der Director des Hofburgtheaters Dr. Aui^ust 
Förster einstimmig in den .Aussehuss gewählt. 

Der Trauerfall in der kaiserlichen Familie, der 
alle Schichten der Gesellschaft schmerzlichst er- 
schütterte, veranlasste den .Ausschuss, die auf den 
I. Februar anberaumte /a/ins -Wrsawmlurig auf 
Freitag den 22. Februar iS'Si) zu verschieben, und den 
nächsten Goet/ie-Aie/id auf den 8. .März zu verlegen. 

-Auf .Antrag des Denkinal-Comites beschliesst der 
.Ausschuss, eine Zuschrift an die Geiiossenscha fl der 



hildendcn Künstler mit der Bitte zu richten, die Sache 
des Goethe-Denkmals durch künstlerische luitwürfe 
freundlichst fördern zu wollen. 

Nach der Jahres-Versammlung beginnt die F-iii- 
hebung der Beiträge für i<S8q. In der Kanzlei des 
»Wissensch. Clubs« (I., Eschen bachgasse 0) werden 
solche täglich von 10 bis 12 und von (> liis 8 l"hr 
entgegengenommen. 

Nach Beschluss des .Ausschusses wird A-^v 
>.lahresbericht« für 1888 den .Mitgliedern durch die 
:■ Chronik'; mitgetheilt. 

Jahresbericht für 1888. 

In der Jahres-\'oilversammlung \oni üi). .lanner 
1888, in welcher der Obmann. Se. ICxcellenz (Jeheim- 
rath Dr. v. Stremayr den X'orsitz führte, wurde der 
Jahresbericht des, Schriftführers und iXev Rerliensclta/ts- 
berieht des Cassiers über das \"ereinsiahr i SSj ohne 
Debatte genehmigt. 

Der Versammlung wurden ausserdem die mit 
Erlass der hohen Statthalterei vom 27. Jänner 1 888 
genehmigten neuen ..Gri/ndbesfimmnnge/i" des \'ei- 



Cbruiiik des Wiener Goellie-Xerciii 



ein;. NoifjL'loni: durcli dieselben ist der geringsie 
.lahresljcitiag auf 2 Uulden festgesetzt und den Mit- 
gliedern der iinentgcltliclie Bezug der >- Chronik ; zu- 
gesichert. 

/)ir lühiisbcrichl für /rV<S'- ist seither samiiil 
dem Mitgliederver/.eichnisse und den neuen Grund- 
heslininningen gedruckt jedem einzelnen .Mitgliede 
mitgetheilt worden. 

Ourcli die (jüte Sr. Excellenz des Preiherrn 
Max r. Gai^nii war ein Guclhc-Bild von Si/tmcl h r 
aus dem Jahre 1 82<) in der .lahresversammlung zur 
.Ansicht ausgestellt. Den Bericht Schröcr's über das- 
selbe enthält die j-Chronik« Nr. 2 von 1888. 

S ~ der (irundbestimmungen gibt dem Ausschusse 
das Recht, sich innerhalb der dreijährigen Wahl- 
periode durch Berufung zu ergänzen. Auf diese Weise 
wurden l'rofessor Dr. Fvisler, Director/J/'. Ilg und Re- 
gierungsrath (^amillo Sillc für den .Ausschuss i^e- 
wonnen. 

Im die '1 häligkeit des Ausschusses zu regeln 
und zu erleichtern, wurde im Mai 1888 eine von 
Professor !)]■. v. Lül/.ow entworfene Gcsclhiflsoidiiuii^^ 
angenommen. 

.\uf Grund dieser (leschäftsordnung erfolgte ini 
October die Wahl eines litcai isrliiii und eines Dciik- 
iiiiil-Coiiii/iS. 

Da Professoi- JJi . Si/in'icr wegen Zeitmangels 
das Amt eines Bibliothekars niederlegte, übernahm 
Professor />'////«(• die Obsorge über die Bibliothek des 
(ioethe-Vi-reins. die heuer wieder einen ansehnlichen 
Zuwachs erhielt. 

Seit Ausgabe des gedruckten Jahresberichtes im 
bebruar j888 sind dem Vereine 3Ö neue Mitglieder 
beigetreten, wovon 2 den Beitrag von s H. zahlen. 

Am Schlüsse des Vereinsjahres 1888 beträgt die 
Zahl der Stifter lli, der Mitglieder mit 5 ll. Jahres- 
lieitrag ("10. der idirigen Mitglieder (mit 2 tl. .lahres- 
beitrag) ^y). 

\'ier Mitglieder sind gestorben, andere haben es 
vorgezogen, statt der Mitgliedskarte nur Gas/karlcn 
für die (rocilu-Ahiiuh- zu i ll. zu nehmen. 

Die regelmässigen l-^innahmen des Goethe-\'er- 
eins duich Mitgliederbeiträge haben sich in diesem 
.lahre \on ;)(i4 ll. auf 1088 (I. erhöht. 

Die (hhllu-Alifiidc am 27. Jänner, 24. Februar. 
21. März und q. November 1888 waren durch die 
N'orträge des Professors Dr. Wilhelm Xtumanu übei- 
zwei 'lodtenklagen Goethes«, des Docenten Dr. Ale- 
sander Ritter -"'. Weilen ȟber Goethes Faust in ur- 
sprünglicher (jestall«, des Professors Dr. Richard M. 
Wt'nur x/über Goethes Egmont«, des Herrn Rudolf 
Slciiicr »über Goethe als Vater einer neuen Acsthetik« 
ausgezeichnet. Das Thema der zwei Todtenklagen am 
2-. Jänner gab Professor Neumann Gelegenheit, 
MiedingsTod« und »Kuphrosvne« vorzutragen. .Am 
21. März war derselbe so freundlich, durch den \'or- 
irag der Schlussscene aus Goethes >- Faust; (lI.Theil) 
die Weihe des .\bends zu erhöhen. 



An den X'ortrag des Dr. v. Weilen am 24. 1-c- 
biuar schloss sich die Vorlesung einiger Scenen aus 
dem »Urfaust« durch den Recitator aus I5erlin, Herrn 

Il,\<:^oseh. 

.Am I). November hörten wir die Recitation von 

Künstlers Krdewallen/ und Künstlers Apotheose« 

durch Herrn Hofschauspieler Karl Joseph Wagner. 

den Sohn des berühmten Darstellers Goethescher 

(Charaktere. 

Die (ioethe-.\bende des .Jahres ilSSi) wurden 
durch einen \'ortrag des L niversitäts-l^rofessors Dr. 
Max 1-reiherrn v. Wiildlieig über ., Goethe und das 
\olkslied" erött'net. 

Im Anschlüsse an denselben las Professor Wil- 
helm \eiimcinn einige Goethesche Balladen. 

Die Fnthüllung eines Goellie-Ililde.t \oni Pro- 
fessor K'ipf in Rom, das am Posthause auf dem 
Brenner ingebracht wurde, bot den .Anlass zu einer 
würdigen Goe/lie-Gedenk/'eier. an welcher sich der 
Wiener (joethe-\'e?ein durch l'ebersendung eines 
Lorbeerki'anzes und eines Begrüssungs-Telegrammes 
betheiligte. 

leber die (joel/ie-A/ieiide sowol, als die Gvetlie- 
/■'eier auf dem Brenner bringt die »Chronik'c ausführ- 
liche Berichte. 

Die Monatsschrift ..C/ir^iiik d(.< \\'ieii,r Goel/ie- 
l'ereinx" hat sich heuer als N'ereinsorgan umsomehr 
bewährt, als sie an Mitglieder unentgeltlich abgegeben 
wird. Sie l)ringt nicht nur alle .Mittheilungen über 
N'ereinsangelegenheitcn zur Kenntni> der .Mitj-Iieder. 
sondern \ (ui Zeit zu Zeit auch Nachiichlcn aus dem 
Goethe-.Archiv undderGoethe-Gesellschaft in Weimar, 
abgesehen von tinn für die Goethe-Forschung werth- 
vollen Notizen und .Abhandlungen. 

■Ausserdem bot sie dem Ausschusse ein willkom- 
menes Mittel, mit einer Reihe von Goethe-Forschern 
in X'erbindung zu treten und neue .Mitglieder zu ge- 
winnen, wie die k. Bibliothek zu Berlin. 

Da das Ausschussmitglied Herr v. Spiegl die 
Druckkosten der »Chronik« auch in diesem Jahre zu 
bestreiten die (jüte hatte, wurde dem N'ereine eme 
bedeutende .Auslage erspart. 

Der Goellie-Denkmalfouds hat durch die Beiträge 
der Stadt Wien, des Wiener Männergesangvereins, 
des .\kademischen Wagner- Vereins, des Herrn Dr. 
Irischer in Budapest w\\-\ des Herrn Geheimrathes 
Baron (Czörnig in Görz eine nicht unansehnliche \'er- 
mehrung erhalten. 

Zu ganz besonderem Danke ist der N'erein der 
General-Intendanz der Hofbühnen verpilichlet, welche 
dem (Joethe-Denkmalfond.s. einen Jahresbeitrag \on 
500 (julden zuzuwenden üie Güte hatte. 

Da aber die für ein würdiges Denkmal erforder- 
liche Summe beiweitem noch nicht erreicht ist, be- 
schloss der .Ausschuss. einen neuerlichen Aufruf an 
das kunstsinnige Publicum zu erlassen und demselben 
die Namen jener .Männer beizusetzen, welche bereits 
1S82 einen älmlichen Aufruf unterzeichnet hatten. — 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



Der Aufruf wurde in der »Chronik« und in verschie- 
denen Tagesblättern veröft'entlicht. neun Buchhand- 
hingen haben sich bereit erklärt, Heiträge in Empfang 
/AI nehmen. 

Ein bedeutender (jewinn dürfte der Denkmal- 
.Xngelegenheit daraus erwachsen, dass auf Ver- 
wendung Ihrer Durchlaucht der Fürstin Hohenlohe 
die Professoren Kundmann. Tilgrier, Wevr und Zum- 
busch sich in liebenswürdigster Weise bereit erklärt 
haben. Entwürfe für ein Gotihc-Dtiikiiiiil zu liefern. 

Die Werthpapiere des Goethe- Denkmalfonds 
sowie des Goethe-Vereins hat seit März 1888 die 
Allgemeine Oesterreichische Bodm-Creditanstalt, I )ank 
der (jüte Sr. Excellenz des Herrn Gouverneurs Frei- 
herrn -<•. BiZiiiir. in kostenfreie \"erwahrung ge- 
nommen. 

Der Denkmalfonds ist von tl. iS.si'^'oS auf 
22.000 Gulden angewachsen. 

Der Verein darf darum mit den besten Hoff- 
nungen das neue Jahr seiner Vereinsthätigkeit begin- 
nen. Er darf auf eine gesteigerte Theilnahme des 
kimstsinnigen und goethefreundlichen Publicums, auf 
freundliche Unterstützung durch die örfentliche Presse, 
dieser mächtigen Förderin alles Guten und Schönen, 
vor Allem aber auf das regste Interesse seiner Mit- 
tieder rechnen. 

Goethe und ein Candida! der Theologie 
aus Ungarn. 

Diejenigen, deren Erinnerungen bis in die Jahre 
1 850 bis 1855 und weiter zurück reichen, werden wol 
noch wissen, dass in den Tagesblättern damals die 
Weissagungen des »Jolsvaer Wetterpropheten« in 
Ansehn standen. Niemand wusste Näheres von der 
Persönlichkeit dieses Propheten, seineVoraussagungen 
der Witterung für die nächste Zeit las man aber be- 
gierig und fand, dass sie gewöhnlich eintrafen. — Erst 
nach seinem den. 28. Juli i8s5 eingetretenen Tode, 
kamen kurze Nekrologe in die Blätter, denen man 
entnahm, dass er evangelischer Pfarrer in Eltsch 
(magyarisch Jolsva), einem Städtchen der Gömörer 
(jespanschaft in Ungarn , zuletzt Senior der evan- 
gelischen Geistlichkeit des Comitats war, geboren zu 
Altsohl in Ungarn, den 4.December 170^. — Er hiess 
Samuel Ferjentsek (die Schreibung seines Namens 
schwankte zwischen Ferjentsek, Feriencik und Fer- 
jencsik). — Obwol von ihm auch eine Schrift erschienen 
ist: Ideen für die Gesetzgebung der Protestanten in 
Ungarn (185 i), ist sein Name doch schon ziemlich 
vergessen und lebt er nur noch in der Erinnerung 
derjenigen, die ihn persönlich kannten und die dem 
\orlref} liehen Manne wol ihr liebevolles Andenken 
bewahren werden, so lange sie leben, \or .Allen 
natürlich seine Kinder, Enkel und Urenkel. — Niemand 
spricht mehr vom Jolsvaer Propheten und selbst in 
den Nekrologen, die in Wurzbachs biographischem 
Lexikon angeführt sind, ist einer grossen Erinnerung. 



die in dem Manne lebte und bei der ihm die .Augen 
leuchteten , so oft sie ihm vor .\ugen trat , nur 
flüchtig gedacht. — Es war die l^rinnerung an 
Goethe ! Er war in Bezug auf seine meteorologischen 
Einsichten unmittelbar von Goethe angeregt,' -/>/ 
Schüler Goethes ! — 

Sowie die ungarischen Theologen in der Kegel, 
machte Terjentsek seine Studien einige Semester hin- 
durch in Deutschland, und zwar in .lena, ohngefähr 
vom Ende September i8it) bis i(i. Mai 18 18. Das 
war genau die Zeit, in der Goethe, durch Lucas 
Howards Essav on modifications of clouds angeregt, 
auf die er wol durch Gilberts Annalen der Physik 
von 1815 geleitet war, auf das Entschiedenste sich 
der .Meteorologie zuwendete. 

Es sei mir gestattet, das ZusammenirelVen Fer- 
jentseks mit Goethe zu erzählen nach den eigenen 
Erzählungen des ersteren , die mir lebhaft in der 
Erinnerung leben, wie ich sie bei einem Aufenthalt 
von mehreren Ferienwochen in seinem Hause im 
Jahre 1854 vernommen, wobei mir sein Stammbuch 
mit Einzeichnungen aus Jena, eine F^inzeichnung 
Goethes in ein Buch und andere Schriften, die mir 
die Hinterbliebenen Ferjentseks freundlichst zur 
Verfügung stellten, zur Seite stehn. 

Ferjentsek war schlank, gross und krättig, ein 
schöner .Mann, mit einer wunderbar schönen Tenor- 
stimme und schönem Vortrag im Gesang, zu dem er 
sich mit der Guitarre begleitete, wenn er nicht die 
Begleitung auf dem Clavicre haben konnte. Sein 
Gesang eroberte die Herzen der Commilitonen, wie 
man das aus mehreren Einzeichnungen in dem er- 
wähnten Stammbuch ersieht. Sein Gesang mag ihm 
auch das Haus des Jugendfreundes Goethes , Carl 
Ludwig von Knebel, geöflnet haben. In seinem Stamm- 
buch findet sich der Eintrag von Knebels Sohne 
C.W. von Knebel, dessen Handschrift mir von dem 
Titelblatte der Iphigenien-Handschrift schon bekannt 
war.*) Ich setze es hier dem Inhalte nach voll- 
ständig her. 

t5iiic ^«clfc üt ^cl• 3Ju'iii'd\ 
,Miu treibt in immer lüedlielll^er (^ieftalt 
Tn-? tiraiife 3dncffal uor ud' Ih'v I 
Veben 3ie lochl, lieLier Aveiint, iiiiD Vevtiefifu cie 
(xw^i) in ter I5"ntfevmmg nid't ö^i"', ,Mn-eii Sie pereluvntcn ; 
C. W. :■,•« h'jicki, Lieutenant im :;•.'. fi^nitll. "l^reiif;. ^v'ill. 
Jnf. Slenimcnt. 

Jen,-», am iafle meiner :Hbreii'e iiim ;)ien. 

^C1I "27. Februar ISIS 
MemontbUhi. 

CJiiu'') — tie flcfellinen (5trtel, belobt tiiidi ,Mire 
(•■hiitarre in meinem t5lterl. •''>aiik' — <apric(sic)en — 

Euth.-inasie — — — 

Wir werden die Einzeichnungen des alten 
Knebel und seiner Frau noch weiter unten anführen. 

Eines Tages war Ferjentsek denn zu einem • g'^- 
selligen Cirkel« bei Knebels geladen. l".r wurde ver- 



*l S. Gticthes 
(Ivürscbners Xat.-X.it. 
X.-nn(* ehens" wie hier 



irac-n, ber.iusg<-getien von K. J. ^.Iir.-.er 
. na., S. X.X.KVI. IL-iscIbst ist G.iethes 
C. \V. Knebel mit i\ (nirhi >i- jioschiieben. 



Chronik des Wiener Goetbe -Vereins. 



anlasst, (ioethcs Ballade ..Der Sänger^ (in der Com- 
position .1. 1-". Kcichardts) zu sinf^cn. Obwol Knebels 
Sohn, wie wir aus dem Srammbucliblatt ersehn, 
l-'crjentseU niii der <iuitarrc in l-j-inncruni; hat. so 
glaube ich doch nicht /u irren, dass er bei dieser 
Kr/ilhiimf4 von (;iavierbeL;leitinig sprach. — Der 
.Sanf;cr war nocli in der ersten Strophe, da trat 
(ioethc ein! — Kr stellte sich unten ans (Havier und 
sah unverwandt 'Ak:^ .Säiii^er an. Nacii dem Liede j^ing 
LT heiter auf ihn /.u. reiclite ihm die Hand und 
saj:tc: >Sie halK'n mir eine ant;enehme Stunde lie- 
reitell Ivr fragte ilin daiauf. aus welcher (jegend 
Inf^arns er sei, und als er hörte. F. sei aus den Berg- 
stüdtcn, bemeikte er sogleich: »lu. da müssen Sie 
sich für .Mineralogie interessiren ! Wir haben hier eine 
.MineralogiNche (iescllschalt . Sie müssen Mitglied 
werden '. . 

Nach eniigi.-r /i.-it L-rhiett l- . auch zu seiner 
grossen l'ebcrraschung ein gedrucktes Diplom, in 
dem der /u schriftlicher .\ust"üllung leer gebliebene 
Raum von (ioethe. wie es scheint, eigenhändig in 
sorgfctltiger grossei' I .ateinschrift mit folgenden VN'orten 
ausgefüllt isi (Diplom Jer Societal der gcsamnilen 
-Mineralogiej. 

„dass sie ilcii Ilrini Fcricnliil; (sie) ihr '/'/iro/ni^in l'niK/idnt 

Iltis L'ii,^iini 

Xu ihjyin aitsicac-yfi^^t'ii ordcntlicht'ii Alit^lit'd wii'unit hilf. 

-.i'ic niii/i Silin suvy/i'/i Sccrflair it'r 

/■:,llc-ii [;h^iins,-li,;i 

\,l/i,il!. 

Die I nterschrift (ioethes, er uai' l'rä>ident der 
(ic>ellschafl. ist auf dem Diplome gedruckt, wie folgt: 

l-rivlicrr v.r.i (ii)tlR- (sie nicht (ioellie). 
liri»>hcr/.ogl. S(.u'liseii)-\\'(eimar) u. E(isenachischem) (ic- 
licimcrratli uncl StaatMiiiiiister Grosskrcutz des weissen 
Kalken- de^ Kn--.isi1i - Ivaiserlichcn St. Annen Ordeii:^ 
Kill.-r. und dc'^ Sl I ,. ,.|>,dd-()nU-n- Cnnitlinr. 1 Väsidi-nl. ) 

Das Diplom ist datirl \oni ■\\. .Uüiner iSiiS. 

Hei jenem ersten /usammentrellen herientseks 
mit (joclhe äiis.serte ntni dieser noch: ^ V.s würde 
mich freuen, wenn Sie mich einmal besuchen wollten . 
was denn Perjentsek nicht unterliess. 

l-'.s ist mir leider nicht mehr erinnerlich, wann 
das erstemal und wie oft Kerjentsek (joethe gesehn, 
(ioclhe war i <*> 1 7 und 1818 Wochen und .Monate 
lang in .lena. so dass es bei iMnem liesiiche nicht ge- 
blieben sein wild. Den 12. .\pril 18 ij kam bekannt- 
lich der ..//ii/iil lies Aiilirv" in Weimar zui .'Kuffüh- 
rung ; (ioethe legte in Folge dessen dieTlieaterleituug 
nieder und — war nun sehr viel in .lena. 

Hs muss an einem Sommertage gewesen sein, 
als Ferjentsek ihn einmal besuchte, (ioethe sprach 



*) Ein solches Diplom ist :iuili ;iliKebildct in IJHntzcrsü.i 
l.obcn, ::. Aufl. iSS.- zu S. ^]ü. Ks ist mit (lemsclhen SicK''l «i. 
..Mt'O Koii-Kcll und vom j.ilirr i.So^. l>er Text ctiesos Dinloii 
lliiul/,-1- ;m .-ut«,-,!,-,- «.M,; ^.-Mlini-lri, oder J-jcsimilr von C, 
H:iu,l '.■,; ilir Lnt.Tbchrilt : .:■,•// <;..///.• (sie) rntrsiiieiif. - Die 
iM.lis. lu-u K.u..lvrr/.i.Tuni;<-u nacl. Raiiliacis Carton von <!.■ 
treiung des l^aulus, darunter der personilicirte Scismos , an de 
t»ei I**aust i.', ^lto (-«»01) prinncrt werden, fehlen unserm Diploi 
181S. ,vir K.-hcn es in halL.T Grosso. 



von der AuflUhrung einer (Jper, die an demselben 
Tage in Weimar stattlinden .sollte, und rieth Ferjentsek 
auf das Lebhafteste, diese Autlührimg sich nicht ent- 
geh n /A\ lassen. 

Natürlich dachte (ioethe dabei an Fs. musikalische 
Richtung und dass ihn, aks Siinger, eine bcmerkens- 
werthe .VuHührung einer Oper besonders interessiren 
müsse, berjentsek war auch sogleich entschlossen, 
nach Weimar zu gehn. Revor er sich aber noch von 
(ioethe empfahl, trat dieser an das I'enstei- und sagte, 
nachdem er einige Zeit hinausgesehn : Ich rieth 
ihnen vorhin, nach Weimar zu gehn; niui rathe ich 
ihnen ab: es kommt ein (iewitter.- — Ferjentsek 
bemerkte : es sei ja doch der schönste Tag. mit Son- 
nenschein und blauem Himmel ! (ioethe blieb bei 
seiner Meinimg und Ferjentsek empfahl sich, pan/ 
erstaunt über diese, wie ihm schiei^. unbegründete 
Rrophezeihung. Kr glaubte nicht daran und blieb bei 
seinem Vorsätze, ging, wenn ich micli recht erinnere 
mit einer ganzen Schaar von l-'reunden, nach Weimar 
und wurde von einem gräulichen (iewitter überl'allen. 
dabei nass bis auf die Haut I — Bei einem nächsten 
Besuche gestand V. denn seinen Unglauben mid wie 
er dafür bestrat't worden sei. worülier (ioethe wol 
gelacht haben wird. V.v sagte unter .\nderm : »Ja. Ihr 
jungen Feute. Ihr gkudit uns nicht! Wenn ich aber 
so jimg wäre, wie sie. da wüsste ich. was ich thäte . 
ich würfe mich ganz auf die .Meteorologie, da wäi'e 
noch etwas zu erreichen!^ 

Wie weit die Belehrungen leichten, ilie fer- 
jentsek v(jn (ioethe weiter empt'angen. das vermag 
ich nicht näher anzugeben. Soviel ist gewiss, dass sie 
auf I-. einen grossen Flindruck machten. Ich weiss nur. 
dass ihm der Name Howards, sowie dessen Bezeich- 
nungen der Wolkenbildungen : .Stratus. Cumulus, 
Oirrus. Nimbus geläufig waren. Dass er ein meteoro- 
logisches Tagebuch führte bis an sein Fjlde. dass er 
in Briefwechsel stand mit Dove in Ik'rlin und mit 
andern .Meteorologen. Im .lahre 1854 schrieb ihm 
l*rof. Dr. (irailich aus Wien: ob er nicht einver- 
standen wäre, einen |ungen (ielehrten einen .Sommer 
hindurch bei sich aufzunehmen und mit der .\rt 
seiner meteorologischen Beobachtungen vertraut zu 
machen : was leider nicht zur .Ausführung kam. (^b 
es F'. gelungen wäre, gegen moderne .\nschauungen 
mit denen (ioethes aufzukommen, müssen wir dahin- 
gestellt sein lassen. Dazu liedarf es nach unserer .An- 
schauung einer neuen Zeit, die noch nicht ange- 
brochen, die aber, wie wir holten, nicht mehr ferne 
ist. *) 

Den 15. .\pril 1S18 machte l-erjentsek seinen 
Abschiedsliesuch bei (ioethe. \.v traf ihn leider nicht 
zu Hause. .Abends befand sich !•'. in froher Studenten- 
Gesellschaft, da brachte ein Diener in später Stunde 
noch ein Päckchen in dem wolbckannten blauen Pack- 



• Wer nUher riujj.di 
rinplrlilon wir die .VusK.ibc 
von K. ."Steiner (in Kürsehue 
S. 1, XXIII f. und Vifff. 



f, df 



Chronik des W'ieuer Goethe- \'ereiii> 




< hroiiik lies Wiener (ioetlie -Vereins 



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■f ;>->T^ o-^ <^ zr2.' 



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^>^^i-^ , 



y^<^vgr- 



papier. dessen sich Goethe in solchen l-'ällen lieJionte. 
Goethe hatte es eigenhändig adressivt : 
//vvv« 

J-WJdilsct. 

Roth gesiegelt war es mit einem sehr kleinen 
geschnittenen Steine, auf dem die Gestalt eines Amors 
zu erkennen ist.*) Das Päckchen enthielt Goethes 
Hermann und Dorothea«, die (Pottasche Taschen- 
ausgabe von 1814; lichtgrün steif cartonnirt. 

nie Innenseite der vorderen Decke enthiilt 
(ioedies eigenhändige Widmung: 

//■;■;•,// 

l'"erjenlsck, 
/.w rreinuUichem 

Andenken 
'ie< Aiirenduilts im Saalthale. 

Jena d. 15. Apr. 1X18. (ioethc. 

NVir geben von diesei- Widmung eine Nach- 
bildung in Originalgrössc. Sein Stammbuch wagte 
nun F. wol nicht melir (ioethe zur Einzeichnung 
\orzulegen. 

Ks enthält aber noch die Eintragungen von 
(\tii Liiikvig Ton Knebel und dessen Gemahlin Louise. 
Ersterer schrieb : 

Fata \ iam invcnient 

Virjjil. 
Ziun rre\nidlichen Andenken. 
Jena d. 16. Mai i»if<. ;,.« Kndh-I. 




') In .Schuchartlts (rocthcs Kunstsammlungen, 
»•hrero geschnillono Steine mit .Vmorffestalton voi 



Th. (iS+Si 



Kur2 ist der Pfad des J.eliens, 

l-"roh durch /u wandeln ist uns PHicht. 

Jena den 15. .Mai iSiS. 

Sic war bekanntlich früher üpernsängerin. be- 
kannt unter ihrem Familiennamen Riidorf. — 

Aber noch einen Eintrag kann ich nicht umbin 
mitzutheilen. — Man erinnert sich aus Goethes Annalen 
zu 1817 der Stelle: vPapiulo/mlos, der mich in .lena 
öfters besuchte, rühmte mir einst im jugendlichen 
Enthusiasmus den Lehrvortrag seines philosophischen 
Meisters. Es klingt, rief er aus, so herrlich, wenn 
der vortretfliche .Mann von Tugend. Freihil und 
Irt/(77(Wf/ spricht. Als ich mich aber erkundigte, rr.;: 
denn dieser trelFliche Lehrer (vielleicht .1, Fiies. bei 
dem auch Ferjcntsek über Naturrecht hörte) eigent- 
lich von Jugend. Freiheit und \"aterland vermelde, 
erhielt ich zur .\ntwort: das könne er so eigentlich 
nicht sagen, aber Wort und Ton klängen ihm stets 
vor der Seele nach: Tugend. Freiheil. Vaterhind! 

Es ist derselbe Papadopulos. welcher zu jenei- 
Zeit meine Iphigenie übersetzte.« — 

Diesen jungen (iriechen linden wir nun auch 
in Ferjentseks Stammbuch mit einem etwas über- 
schwänglichen neugriechischen Reim vertreten: 

'0 "Kur,:, ;iiT3[[5»AAcTa'. /.«'. STfESST«'. VOUll^fO, 

Joliiinn J'iipiii/iipulos, aus Magnesien in Thessalien. 
181K: .Mär/, 7. Jena. 



Chronik des Wiener Goethe-Veieiiis 



Zu deutsch Hesse sich der Reim etwa so wieder 
^'chen : 

Vom Halles yl.uib icli \v 



ilass er sicli wantlle und 
,. ,, , , sich drehe. 

\0M unsrer J-re.,n,l>d,alt aber fiircht ich nicht, das. 
sie verijehe. 
Hs würde /.u weit führen, wollte ich alle die 
Kintragungen niittheilen. die das Stammhuch „och 
enthalt, die Erinnerungen an die .lenenser Burschen- 
schaft, das Wartburg-Fest den i8. October i8i- an 
dem F. auch theilnahm. Kiner.üottfr. Seiler, gedenkt 
auch »der schönen Abende hei v. Knebel« und alle 
die freundlichen Abschiedsgrüsse. die die liebens- 
würdige Persönlichkeit Ferjentseks wiedersn.egeln 
und vom Leben in Jena ein frisches Bild geben i 
Ueiss man doch, welcher neue lebensvolle Geist 
denienigen ergreift, der aus lernen Landen, aus 
l ngarn etwa, an eine deutsche Hochschule kommt' — 
Bei seinem Abschiede machte Knebel unserem 
-.noch ein schönes Geschenk zum Andenken- die 
lebensgrossen Lithographien von Goethe und Schiller 
beide von F. .lagemann. Frstere war eben 1817 er' 
schienen und ist eines der besten Bilder, die wir von 
Goethe besitzen. Letztere nach einer Aufnahme am 
lodestage Schillers. — F. hielt beide Bilder, in seinem 
/immer wol eingerahmt, hoch in Khren ' — 

So lange F. lebte, waren seine \Vei.s,sagunge„M-irk- I 
hch allbekannt m der .Monarchie, viel mehr als er j 
selbst, obwol er sich bei denen, die ihn kannten, all^e- 
meiner Achtung erfreute. Dass in seinen Prophe- 
>ce.ungen ein Kinfluss Goethes fortlebte ahnte Niemand ' i 
Die leuchtende Gestalt Goethes aber wirft heute erst ' 
recht ihren Glanz auf seine ganze Zeit zurück und 
nun werden auch die Gestalten wieder sichtbar zu 
denen er in Beziehung stand, wenn sie auch schon 
vergessen waren : auch auf die des wackern Theologen 
aus L ngarn, unsers Ferjentsek. fällt ein bescheidener 
Lichtstrahl, so wenig es auch ist. das wir über ihn 
/u berichten mehr im Stande sind. 

Wien. Februar 1880. K,J , .SV///,;, /- 

I 

Der Gross-Cophta von Goethe. ' 

In diesen Tagen der Trauer wurde einer be- 
j^eichnenden That des Kronprinzen gedacht : seiner 
kleinen Schrift, in der er für »Aufklärung" auftritt 
"nd in Zusammenhange damit der Enthüllung der 
laschenspielerkünste Baron Hellenbachs und s^eines 
Mediums Bastian. — bi einer Einleitung zu Goethes 
Oross-Cophta. die sich unter der Presse befindet*! 
i>t in ähnlichem Sinne des geistvollen Kronprinzen 
gedacht. — Da ja vorauszusehn war, dass er beim 
Erscheinen des Buches noch leben würde, hat man 
am Ihn und einen zweiten Prinzen nur hingedeutet 
ohne Nennung des Namens. — Da er nun aber nicht 
mehr ist, nennen wir ihn. und unsere Erinnerung 

.... *' Ira .^- Hand dpr Dramen G.ietljos hcr-iiis.r .n,, >; l, ■• 
Ivurschners Xm.-Lit. bei W. Sncmann ,^s\ "^ " ^••'"■■■"- '" 



Wird zum Lorbeer, den wir den vielen Kränzen bei- 
I legen, die ihn bedecken. 

1 ''^^'™")«J"Tag neue Enthüllungen über Goethe 

bnng, ,„, j,„, ,i^ j,.,^,^^^^ ^__^^ Lniversalität se 

\Wns. sowie seine sittliche Grö.sse. seine selbstlo c 
Gute, von der Kindheit an bis an sein Lebensende 
immer deuthcher hervortritt, so begreift man dl 
Feindsehgkeit nicht, mit der er in der^weiten Häh 
seines Lebens von so Vielen beurtheilt wurde z 
Theil noch beurtheilt wird 

aato.ir.t ■>;'!! 's:;-,;"- r ^*"" ^™^- 

I ^ , . ■ "^^ '*t wol mit im Sp ele es 

aorGoeth ""f """ ''■""•• ''' -'--le Hinauf 
ragen Goethes über seine Zeit in der zweiten Hälfte 
seines Lebens: seine völlige Einsamkeit. .Man verstand 
Ihn nicht mehr und bei ^•,eIen schlug die Liebe "e 
er in der .lugend gewann, geradezu in Hass um -^ 
Man kann bei hervorragenden Schriftstellern sehn 
dass sie Ihn geringschätzig beurtheilen, i^erade dort 
wo Ihnen offenbar dasjenige entgangen ist. worauf 
es bei der Beurtheilung hauptsächlich ankommt 

Ein merkwürdiges Beispiel ist die Beurtheilung^ 
die das Lustspiel Der Gross-Cophta fand. Wenn z U 
.'. G. A. forster (Briefwechsel .82Q, 2. S. 142) davon 
sagen konnte : Goethe habe damit die Leute in Weimar 
d.e Ihn vergöttern, zum Besten haben und sehn 
, wollen, wie weit d.e dumme Anbetung gehn könne 
I worin Gervinus, dessen Anschauungen wir so oft und 
gerne the.len. ,v>. srA,u'/,/,„des, aber mrlrcfflicln. Cr- 
meil sieh/! — 

per Gross-Cophta wäre denn weiter nichts als 
eine dramatisirte Anekdote, die Goethe dem Publicum 
nur deshalb zuzumuthen im Stande war. weil er e. 
verachtete .- — 

ner tiefgehende Zug sittlichen Ernstes.derdurch 
das Ganze geht, wäre denn nichts? Der Grundgedanke 
>en das Stück ausspricht, wäre nichts weitet als der 
Ausdruck einer Laune der Verstimmung eines Dich- 
ters, der zu altern beginnt? 

Dergleict en anzunehmen verbietet uns schon die 
rhat.sache, dass der Stoff' mit Anschauungen zu.sam- 
menhangt. die dem Dichter sich schon in^ frühester 
Jugend autgedrängt hatten und von denen er sich 
zu befreien bestrebt Mar, eben in dieser merkwürdigen 
Dichtung. ^ 

Wie wir aus Dichtung und Wahrheit wissen 
hat der Dichter schon in seiner Knabenzeit Einblicke 
gethan in die Irrgänge, von denen die bürgerliche 
Gesellschaft unterminirt ist. Die Strassen der Stadt 
sind mit prächtigen Häusern geschmückt, in den- 
selben aber wohnt sittlicher \-erfall. Schon in dem 
Knaben stieg die beängstigende Ahnung eines dro- 
henden Umsturzes alles Bestehenden auf — Wie 
dieser divinatorische Gedanke in dem Dichter fort- 
lebt, sehn wir aus einem Briefe an Lavater 1-81 



Cbi'oiiik des Wiener Goelhe-Veit 



Cagliostro, der Aulsclin c-negeiiJe falsche Prophet, 
war aufgetreten und Lavater glaubte an ihn. Goethe 
.-pricht nun soglcicli Misstrauen aus gegen alle Ge- 
>chichtcn, die er von ihm hört, und entsetzt sich 
über den EinHuss, den (Jagliostro erlangt hat. mit 
dem Zusatz: »glaube mir, unsere moralische und 
politische Welt ist mit unterirdischen Gängen, Kellern 
und Kloaken minieret — an deren Zusammenhang 
wol Niemand denkt — nur wird es dem. der davon 
einige Kundschaft hat. viel begreiflicher, wenn da 
einmal der Boden einstürzt, dort einmal Rauch auf- 
geht aus einer Schlucht und hier wunderbai-e Stimmen 
gehört werden, i — Wir selm. er gedenkt wieder der 
Irrgünge, von denen die bürgerliche Gesellschaft 
unterminiert ist, und er bringt damit sogleich den 
Schwindler Cagliostro in Verbindung, dem die ver- 
derbte Welt verehrungsvoll nachläuft, die sonst nichts 
verehrt, auch die N'ernunft nicht! — Da verbreitet 
sich 1785 die Nachricht von der berüchtigten llals- 
bandgeschichte in Paris; ein glänzendes Beispiel für 
die unterminierte bürgerliche Gesellschaft, indem sich 
hier Personen, die sich zu den höheren Gesellschafts- 
klassen zählten, mit Betrügereien bis an den Thron 
heranwagten und — Cagliostro stand mit den hiebei 
Compromittirten in Verbindung! — Goethe erzählt 
in den .Annalen, dass er bei dieser Nachricht so auf- 
geregt war, mehrere Tage lang, dass seine Umgebung 
ihn für wahnsinnig hielt! Kv aber folgte mit der 
ihm eigenen Gegenständlichkeit der Erscheinung 
Cagliostros, des Schwindlers, und das Verhalten ge- 
wisser (jesellschaftskreise zu ihm. und als er das 
nächste .lahr nach Italien ging, sachte er mit der 
Objectivität des Naturforschers in Palermo die Familie 
auf, aus der Cagliostro hervorgegangen. In den 
Nachrichten über ihn, die er hier sammelte, sah er 
■ ein .schönes Document in den Händen eines jeden 
N'ernünftigen, der es mit Verdruss ansehen musste : 
dass Betrogene, I laibbetrogene und Betrüger diesen 
.Menschen und seine Possenspiele .lahre lang verehrten, 
sich durch die Gemeinschaft mit ihm über andere 
erhoben fühlten und von der Höhe ihres gläubigen 
Dünkels den gesunden Menschenverstand bedauerten, 
wo nicht geringschätzten <;. 

.Man sieht : Goethe sah, in seiner ahnungsvollen 
Anschauungsweise, in dem Kinen Fall viel tausend 
Fälle. Heuchler und Betrogene sah er zahllos vor sich 
in der unterminierten Gesellschaft. Ind hatte er nicht 
recht? Kehren die Fälle nicht immer wieder, dass die- 
jenigen, die nichts glauben, nichts verehren, von 
Schwindlern bethört werden und ihnen voll Bewun- 
derung anhängen ? 

Haben mir in Wiiii iiiehl einen sohhcn Fall noch 
in frischer Erinnerung? Man erinnere sie// doch Jenes 
'/.aulierers, ihr muh vor wenig Jahren so viel Glau/nn 
fand. Zinn Verdruss aller l'erniin/ligen, liis er dureh 
Z7vei hellhliekende Prinzen enllan'l -auirde! — Man 
konnte in jener Zeit ganz iihnliehe Gespra'ehe hiiren, -icie 



in Goethes Gross- Cophta im :.'. Auftritt des i'. Aiif- 
Zligs. — ■• (Fortsetziin}; und Schluss folgt.) 

Zur Goethe-Platz-Frage ! 

Schon das zwcitemal erhalten wir einen an- 
onymen ,\ufsatz, der den Wunsch ausspricht und an- 
sprechend motivirt : .Schillers Denkmal in Wien möge 
verschollen und das (joethcs daneben gestellt werden. 
Wir wollen der zweiten Zusendung in unserem Blatte 
Raum geben, obwol die grössten Bedenken dagegen 
vorhanden sind. Unter denselben ist das hervor- 
ragendste: dass unser Schiller- Denkmal nicht als 
Pendant gedacht ist und dass die Künstler nicht ge- 
bunden sein sollen und wollen, ein Pendant zu unserem 
Schiller-Denkmal zu schallen. Di, Red. 

»Rs gibt wol (jegenstände, über welche man nur 
mit Namensunterschrift schreiben kann, aber auch 
solche, welchen die .Anonymität besser steht: zu 
Letzteren gehören iMittheilungen, welche keinen an- 
deren Zweck haben, als einen Gedanken an geeigneter 
Stelle anzuregen. 

Die vor einigen .Monaten übermittelte Schrift 
über die Goethe-Platz-Frage scheint keinen .Anklang 
gefunden zu haben, weil sie nicht einmal im (loethe- 
Blatt erwähnt wird; nachdem nun Herr Kegierungs- 
rath Sitte in seinem Vortrag im Ingenieur- und .\rchi- 
tecten-Verein auch die Ansicht ausgesprochen hat. 
dass das Schiller-. Monument nicht in der Axe des 
Akademiegebäudes halte aufgestellt werden sollen, ist 
es vielleicht zweckmässig, die frühere .Mittheilung zu 
wiederholen und die Monumenten-Platz-Frage für 
.Schiller und Goethe noch einmal anzuregen. 

Herr v. Sitte will Schiller und Goethe vor dem 
Burgtheater aufstellen und zu diesem Zwecke das 
Schiller-.Monument übertragen; würde dieser .Antrag 
angenommen , so wäre der F"ehler des heutigen 
Scliillerplatzes beseitigt. 

Wird jedoch der .Antrag des Herrn Regierungs- 
rathes Sitte nicht genehmigt, so bleibt immer noch 
der Platz für das Goethe - .Monument zu suchen, re- 
spective zu bestimmen. 

Der begangene Fehler in der Stellung des 
Schiller-Monumentes liesse sich durch eine seitliche 
Verschiebung des Monumentes beseitigen und die 
Durchführung dieser .Arbeit hätte zur Folge, dass der 
natürlichste und gewiss auch der richtigste Platz für 
das Goethe-.M.uiument sich \on selbst ergäbe. 

Der Zweck dieser .Mittheilung besteht nur darin, 
dem löbl. Comite des Goethe-Monumentes die Frage 
der N'ersetzung des Schiller-.Monumentes nahezulegen, 
indem der Platz für das Goethe-.Monument gefunden 
ist, wenn das Comite die seitliche Verschiebung des 
Schiller - Monumentes für zweckmässig und richtig 
hielte. 

Wien, im Feliruar i88().« 



Verlag des Wiener lioethe-Vereiii!!. — Druckerei des „Ilhistrirten Wiener Extrablatts" (Fi an» Suschitzky). 



CHRONIK 



Im Auftni-e .los 
Wit-ncr Goethe- Vc-reinsHcr 
ausscberu. verantwortliche 

Redactcur: 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 3. 



Wien, 20. März 1889. 



4. Jahrgang. 



INHALT: ^Kjrf^jH IF/VM(Tr C<K'W»-r*r-««. — Dor nächste Goethe-Abend. —Jahresbeiträge. — Neue Mitglieder. — .Stifter. — 
Reehnungs-.ibschluss des Goethe-Vereins für 1888. — Kcchnungs-Abschluss des Gnethe-Denkmalfonds für 18S8. — i'nm Ict^^en Gocthc- 
ih-iiih: — Das VnMld =k Goethes Ältestem Gedichte. — Der Gross-Cophtn von Goethe. — Lieier die IVahl einee PlatT^es für das Wiener Goetlir- 
Dcnkmai. — Nachtrag, 



Aus dem Wiener Goethe -Verein. 

P'reitag, den 22. Februar 1889 wurde im Vor- 
tragssaale des » Wissenschaftlichen Ciubs« die fahre s- 
vasiimmltiiii; abgehalten. Prof. .Schrihr hatte den 
Vorsitz. Se. Excellenz Dr. von .S/rciiiavr, sowie 
Se. Excellenz Freih. 7'on Besczjiv waren verhindert 
zu erscheinen. Der Vorsitzende begrüsste die Ver- 
sammlung mit der Erinnerung daran, dass der er- 
schütternde Trauerfall im kaiserlichen Hause eine 
Verschiebung der Jahresversammlung vom i . auf den 
22. Februar nothwendig gemacht habe. 

Schriftführer Egge?--JIüllu'ald verliest hierauf 
den schon in der »Chronik« Nr. 2 enthaltenen .Jahres- 
bericht und Cassier liostiithal den Rechenschafts- 
bericht über das Jahr 1888. Nachdem Dr. Max Egger 
als Rechnungsrevisor die Richtigkeit des Rechnungs- 
Abschlusses bestätigt hatte, wurde er von der Ver- 
sammlung genehmigt. .\uf Antrag des Directors 
Dr. Ilg spricht die Versammlung Sr. Excellenz dem 
Freiherrn von Bczectiy als General-hitendanten der 
Hofliühne und Gouverneur der Boden-Credit-Anstalt 
für seine thatkräftige Unterstützung der Vereins- 
hestrebungen den Dank durch Erheben von den 
Sitzen aus. 

Dr. Max Egger und Dr. Langhans wurden zu 
Rechnungsrevisoren auch für das nächste Jahr neu 
gewählt. 

Hierauf fesselte Regierungsrath Camillo Sitte die 
.Aufmerksamkeit der V'ersammlung durch einen geist- 
\ollen Vortrag „ Ueher einen Platz für das Wiener 
Goethe- Denkmal" (S. unten Seite i8f). Zur lUustrirung 
des Vortrages waren zahlreiche Ansichten von Denk- 
malplätzen aus italienischen und deutschen Städten 
ausiiestellt. 



Der nächste Goethe-Abend. 

km Todestage Goethes, den 22. März, hält 
Prof. K. J. Sehrikr im Festsaale des .Architekten- 
vereines einen Vortrag : 

..L'elier Goethes : Wir heissens fromm sein" (in Trilogie 
der Leidenschaft). 



Nach dem Vortrage folgt Goethes Epilog zu 
Schillers Glocke, vorgetragen von Frl. Agathe Barsescu, 
k. k. Hofschauspielerin. 

Für Mitglieder des Goethe-Vereins ist der Ein- 
tritt frei. Man bittet die Jahreskarte vorzuzeigen. 
Nichtmitglieder erhalten Gastkarten zu 1 fl. in der 
Kanzlei des »Wissenschaftlichen Clubs«. 



Jahresbeiträge. 

Die P. T. Mitglieder werden ersucht, den Jahres- 
beitrag für 1889 ini'iaHfe- des-Mtmates .WZ/s in der 
Kanzlei des »Wissenschaftlichen Clubs < zu entrichten. 
Der Custos ist täglich von 10 bis 12 Uhr und von 
6 bis 8 Uhi anwesend. Wenn der Beitrag bis Ende 
März nicht erlegt werden sollte, so wird angenommen, 
dass die Einhebung desselben mittels Postaii/trages 
gewünscht werde. 

Neue Mitglieder*) 

seit Februar i8S(j. 

Frau Anna Fleekenstein, Med. Doctoi-swit we. 1\'. . 1 lau pt- 
strasse 40. 

Fräulein Johanna Fleekenstein, IV., Hauptsirasse 40. 

Herr Friedrich Bauer, stud. phil., \"1II., Schlössel- 
gasse 26. 

Herr Franz Stenzl, kais. Rath, Oberpräfect des k. k. 
Theresianums. 



Stifter. 

Se. Durchlaucht Fürst Hugo Salm- Reift'erscheidt, 

III., Marxergasse i 5. 
Ihre Durchlaucht Fürstin Elise Salm-Reifferseheidt. 

^eb. Prinzessin Liechtenstein. 



»1 licitritts-Anmeldunsen w^T.len in der K:xn/. 
Chdis (T., Escl'enbachg;isse 9) entgeg 



(limnili <lcs Wiener ("loethe -Verein- 



F.hiimhmr» 



A. Rechnungs-Abschjuss des Goethe-Vereins für 1888. 



Aiff/iiOfii 



IWlnif „IIS d.m y,iiiu- 1SS7 

Mitglieder-Beiträge .... 

Zinsen : 

von Kflecten ....... 

von der k. k. l'ostsparcassa 

Chronik : 

Buchhandlungen . . . • ■ 

Effecten: 

an den Goethe -Denkmalfonds 
aus dem Kffectenbesitz über- 
lassen: I (iisela-Actie ex Cou- 
pon 




fl. kr.i n. kr. 



Bücher: 

(ierold & Cr.. ...... 

Kutten &Lönin(,', Frankfurt a;.M. 

J. Ci. Strohl . 

Chronik : 

Erwerbsteuer ....... 

I'orti 

I'apic-r 

Diener 

Eincassirungsspesen ... 
Drucksorten : 

.Mit^diederkarten ..... 

Jahre^l)ericht ....... 

Briefpapier ...... 

Porti, kleine Spesen 

Vorträge : 

.Saalniicthe ....... 

Blumenspeuden ...... 

Remunerationen : 

Custos ......... 

Diener ........ 

MitgUederbeitrag Weimar 
Anschaffung von Werthpapieren : 

2 (iisela-Actie)! ...... 

Beitrag 

/,n dem (joctlic- 1 )cn1inial-l''()nds 
Guthaben: 

1. bei der l'ostsparcassa per 
31. December . . 11. 298.43 

Hievon gehen ab; 

ii) Boar - Beitra.t; zum 
Denkmalfonds.welclur 
in der Cioethe-Denk- 
malfonds - Rechnung' 
pro 1888 schon in Em- 
pfang gestellt wurde II. 8 5.4 ; 

/'V Spesen- Au.slagen im 
."Wissenschaftlichen 
Clnb'' per 5 1. Jiinner 
1 S8S . . ' . ". . fl. 15.49 
fl. 98.92 

2. Bei 'liT ISo.k-ncredit-Anstalt 



i'O 



230 
4U 



174 
24 



414 
289 



Ehniiilimrn 



II. Rechnungs-Abschluss des Goethe-Denkmalfonds für 1888. Aiis„abeu 



1888 

1. 

.Ijunfr 



Chc-iiivi; roiii y„!iiv 1SS7 
Zinsen : 

imConto-Corrent bei derBoden- 

Credit-Anstalt ..... 

im Conto-Corrent bei der k. k. 

Postsi^arcassa 

von EflFecten 

Beiträge : 

der Commune AVien, V. Rate 
,. Schlaraflla A'indobona . . 
des "Wr. Akad. Wagner- Vereins 
„ „ Männer^esang\'ereins . 
„ Herrn B. Irischer, Budapest 
,. Hrn.Dr.Ferd. I'nill, Salzburg 
,. Freiherrn von Gagern . . 
,. Goethe- Vereins für 1888 . 



lOOOi- 
25 



ö — 

5 — 

2894.'! 



1888 



Kleine Spesen: 

Eflecten -.\ufbe\vahrungsgebiihr 
ICinlagsscheinc d Posts]iarcassa 
(juittungs-Stempcl ..... 
Ankauf von Effecten : 

II. ()000 F'erdinands-Xordbahn- 

l'rioritiilen, 4"/,, v. J.ahre 1886 16OII 
II. 200 .St. I .Staatsschuldverschrei- 
bung, ehem. Elisabeth-Actien 
Hl. Emiss., Linie' .Salzburg- 
Tirol ex Cou|)on per i Jänner 

l«N') 

Baarvermögen , 



II. 


Kr. 


(1. 


kr. 




Gö'i 






61' 






•'! 


75 










S 


— 


6011 


67 


j 
1 




206 




6217 


67 






655 


11 




— 


6880 


78 



Chronik iles Wiener Goethe -Vereins. 15 

C. Effectenbesitz des Wiener Goethe- Vereins: 6 stücke zu Staats; chuldverschreibungen abgestempelte Elisabeth- 

Actien, Linie Salzburg-Tirol. 

D. Effectenbesitz des Goethe-Denkmalfonds: fl. 10.200 Ungarische Üstbahn-Prioritäten, 5'Vo, Emission T869; 
fl. Oooo Ferdinands-Xordbahn-Prioritäten, 4"/o, Emission 1886; 

22 Stück zu Staatsschuldverschreibungen abgestempelte Elisabeth- Actien, Linie Salzburg-Tirol; 
1 Theiss-Regulirungs-Los. 

£. Stand des Goethe-Denkmalfonds: Werth der Effecten am 31. Decrmber 1888 fl. 21.196-50 

Baar\ermögen bei der k. k. Postspascassa _ 27779 

., ., ., ,, privil. Allgemeinen österreichi eben Boden-Credit- Anstalt _ 377'32 

Summa . . fl. 21.851-61 

Jbteviiliai-d Koseiitlial. 



Vom letzten Goethe-Abende, 

den 8. März 1889. 
Aus S. Singers Vortrag: „Ueber Goethes Lieder". 

Den Titel seines Vortrages näher bestimmend, 
eriilärt der Vortragende, sich auf Goethes Lieder im 
engeren Sinne beschränken zu wollen, d. i. auf die- 
jenigen Gedichte, welche unter dieser Rubrik in der 
Ausgabe letzter Hand eingereiht sind. Er verfolgt 
das Zustandekommen dieser spätesten Sammlung, 
indem er alle früheren Sammlungen, handschriftliche 
und gedruckte, durchgeht und aufzeigt, was in jeder 
einzelnen dazugekommen oder weggelassen , oder 
gegenüber früheren Fassungen verändert ist. Das 
Letztere besonders wird an einigen Beispielen klar 
zu machen und die Gründe aufzudecken versucht, 
welche in jedem einzelnen Falle, verschieden zu ver- 
schiedenen Zeiten, den Dichter zur .\enderung be 
wogen. 

Mit Uebergehung der Oeserschen Liederhand- 
schrift (Hl nach der Bezeichnung der Weimarschen 
Goethe-Ausgabe) werden auf diese Weise die Samm- 
lungen im Leipziger Liederbuch des Jahres 1770, 
in der ersten Weimarer Handschrift (H^) , in der 
Handschrift von 1788 (H^), in den »Schriften« bei 
Göschen 1789 (S), in den »neuen Schriften« bei 
Unger 1800 (N), in den »Werken« bei Cotta 1806 
(.\) und 1 8 1 5 (B) , endlich in der Ausgabe letzter 
Hand (C) besprochen. Zum Schlüsse wird ein Blick auf 
die neue Weimarsche .Ausgabe geworfen und werden 
ihre berechtigten Aenderungen gegenüber der .\usgabe 
letzter Hand hervorgehoben. In Einem Falle möchte 
Vortragender sogar noch weiter gehn und trotz der 
Bedenken des Herrn v. Loeper in dem Gedichte 
»Christel« in der 7. und 8. Zeile die Lesart von H» 
einsetzen. 



Das Vorbild zu Goethes ältestem 
Gedichte. 

Goethe hat sein äkestes erhaltenes Gedicht : 
..Poetische Gedanken auf die Höllenfahrt /esu Christi, 
auf Verlangen entworfen 1765", in Dichtung und 
Wahrheit (1. 133 Hempel) als eine Nachahmung des 
„Jüngsten Gerichtes" von Elias Sehlegel ausgegeben. 
Diese Erklärung bedarf fürs Erste einer bedeutenden 
Einschränkung, denn gerade in den Gedanken zeigt 
sich das Gedicht von KJopstock angeregt und völlig 
durchdrungen. Dies hat schon Eckermann (16. Fe- 
bruar 1826) bemerkt und Lyon in seinem Buche 
»Goethes Verhältniss zu Klopstock«, S. 12 fif. im 
Einzelnen nach_gewiesen. .\ber rücksichtlich der Form 
durfte der jugendliche Goethe Klopstock höchstens 
in einigen Ausdrücken und Wendungen folgen, nicht 
im Stil und noch weniger im Metrum, denn das Ge- 
dicht war bestimmt, seinem Vater vorgelegt zu werden, 
dem die neuen reimlosen Verse verhasst waren. Hie- 
für nun wählte er als Vorbild — das »Jüngste Ge- 
richt« von Elias Schlegel? Es ist bisher nicht ge- 
lungen, ein solches Gedicht aufzufinden, auch wenn 
man eine Verwechslung des von Goethe genannten 
.Tutors mit seinem Bruder Adolf annimmt. Goethe 
scheint sich in dem Namen des Dichters geirrt zu 
haben. Düntzer hat zuerst die, wie ich annehme, 
richtige Vermuthung ausgesprochen, dass ein Gedicht 
von Gramer gemeint sei (Erläuterungen zu Goethes 
lyrischen Gedichten, 2. Aufl. 1877, ■\. S. 444). Zwar 
findet sich auch bei Gramer kein Gedicht unter dem 
von Goethe angegebenen Titel. .Aber die Vorstellung 
und Schilderung von Gottes Strafgerichten in künf- 
tigen oder vergangenen Tagen, am Ende der Welt 
oder in der Sündflut, und ebenso in der Gegenwart, 
im Elend des Krieges, ist Gramer sehr geläufig. Noch 
mehr Gewicht ist darauf zu legen, dass er in solchen 
Gedichten die selten gebrauchte zehnzeilige Strophe 
von je 4 Jamben mit derselben Reimstellung an- 
wendet, wie wir sie bei Goethe wiederfinden. Düntzer 
bringt a. a. O. zwei Beispiele. Ich füge noch zwei 
aus dem Nordischen Aufseher hinzu: Die »Ode auf 



Clnonik des Wiener (ioetlie- Vereins 



das Leiden Christi« im 15. StUck , und die »Ode 

über die Zeitumstände« im Gl. Stück. Die erste 
(15 Strophen) //<;;'/«/// «cradezu mit der Ankündigung 
des jünf;sten (ierichts ; 

Eibubt unil licti t ;ni zur Knie! 
Im tiefsten StauUe! Jeder werde 
Bekümmerniss iind werde SchmerzI 
Und Schauer, Schauer, Todtesstille 
Krfjreif euch, und der Schrecken l-ülle 
Erströme sich in euer Herz! 
Verstummt! Krzittcrt! Trauen! Weinet! 
Sinkt tiefer hin! Kntsetzet euch! 
Der. der euch richtet, Gott erscheinet; 
Dem Kichtt-r ist kein KiclUer t;Ieicli! 

Aus der zweiten Ode, welche Ciottes Strali^ericht 
wie einst in der Siindfiut, so jetzt in den blutigen 
Kriegen erkennen lehrt, seien von '^4 Stropiien die 
4. und fj. mitgetheilt, deren Stil sich dem des 
(loetliesehen Gedichtes unleugbar verwandt zeigt: 

Der Kücher wachet auf zur Straft 

Zum 'riiilten. wie ein Held vom Schlafe, 

\nni Wein erwacht, das .Schwerdt er^'reift, 

l'nd würyt, dass l'ausende der Krie>;er 

Hinstürzen, rinj;sum um den Sie};er 

Zu I.eichenhügeln aufgehäuft. 

Schon ganz; Heere sind gesunken ; 

Das Sclnverdt. <las er geschwungen hat. 

Würgt noch, und würgt vom Blute trunken 

.Noch iiiclu iler .Strome Blutes satt. 

L'nd nun — ihr ('hcruhim fallt nieder: 
Des Himmels Heere, bebt! Ihr I.i-.-dcr, 
Der Welten Harmonien, schweigt! 
Deckt, deckt das Antlitz, o ihr Thronen! 
(rott zürnt, der Richter will nicht schonen; 
Der Richter i.sl kein doli, der leiigt. 
Deckt, (leckt das Antlil/., o ihr Thront-n. 
Bellt mit der ICrd und bebet an! 
(iott zürnt, und will nicht länger schonen, 
l'nd hat X'erdcrbcn angcthan. 

Ob Goethe nun, wenn Gramer überhaupt sein 
Vorbild gewesen, eine der von Düntzer angeführten 
Oden oder eine aus dem Nordischen Aufseher vor 
Augen gehabt hat, wird .sich mit Bestimmtheit frei- 
lich schwer entscheiden lassen. (Man lipdet alle viet 
Oden wieder abgedruckt im :,. Rande der Sämmt- 
lichen Gedichte, Leipzig 1783.) Anklänge linden sich 
allenthalben. In der Ode »Der Erlöser« z. B. der 
\'ers (Sämmtliche Gedichte 1,, S, 207) : 

Wo ist dein Stachel? Wo dein Sieg? (vgl. 
Stroplie () und 10 bei Goethe.) In der schönen Ode 



»Bald schwingt mein Geist sich auch vom Staube« 
(Sämmtliche Gedichte i,, S. 259): 

Hin König führt sie auf den Thron (vgl. erste 
Strophe bei (ioethe). — Aehnliche Heispiele finden sich 
in den von mir aus den Oden des Aufsehers ausge- 
hobenen Stellen. Cramers geistliche Gedichte zeigen 
ja vielfache Uebereinstimmung und Wiederholung. 
Goethe und Gramer begegnen sich zudem in Klop- 
stock und mit Klopstock überhaupt im biblischen 
Ausdruck. .Aber Einiges scheint doch zu (iunsten der 
Oden des .\ufsehers zu sprechen. Schon der Zeit- 
punkt ihrer Veröffentlichung. Hin X'orbild sucht man 
gern unter den neinshn Erscheinungen. Der i. und 
2. Band des Nordischen .Aufsehers (Stück 1 — 124) 
erschienen i75()6o, 2. .Auflage l7'Jo62. Die Ode 
>. Der Erlöser« erschien aber bereits im ■^. Bande der 
l'>iemer Beiträge (S. 292) 1746. Wann die schöne 
Ode »Bald schwingt mein Geist sich auch vom 
Staube« (Sämmtliche Gedichte 3, S. 24t)) zuerst er- 
schienen ist, hat Düntzer leider anzugeben unter- 
lassen, und ich bin augenblicklich nicht im Stande, 
es festzustellen, l'ebrigens kommt diese Ode, welche 
nicht sowol die Schrecken des jüngsten (ierichtes 
als die Freuden der Auferstehung behandelt, für 
unsere Frage eben ihres Inhalts wegen kaum in Be- 
tracht. — Beachtung verdient auch der l'mstand. 
dass die Oden im Nordischen .Aufseher ohne Tild 
und ohne Niwuii <h-r Vi^rfasser erschienen sind: diese 
.Angaben linden sich erst am Schlüsse des 3. Bandes. 
Umso leichter lässt es sich erklären, dass sich Goethe 
bezüglich des Verfassers geirrt und dass er später 
nur aus beiläufiger Erinnerung an den Inhalt des Ge- 
dichtes demselben einen ungenauen Titel gegeben 
hat. Die Hauptsache ist aber, dass die Oden des 
.Aufsehers auch eine grössere innere Verwandtschaft 
mit dem (joetheschen Gedichte aufweisen. Diese 
Stücke haben einen viel frischeren, lebhafteren Gang 
als die 70 Strophen lange Ode auf den Furioser, in 
welcher überdies — auch das muss betont werden — 
das jüngste Gericht nur am Schlüsse erwähnt wird. 

Soll endlicli zwischen den beiden Oden des 
.Aufsehers entschieden werden, so scheint für die 
»Ode auf das Leiden (Christi« (im 15. Stück) die 
Anfangsstrophe zu sprechen, welche gleich mit der 
Schilderung des drohenden Weltgerichtes einsetzt. 
Doch ist auch ihr eigentliches Thema nicht das 
jüngste (iericht, welches nur angekündigt wird, 
sondern der Opfertod des Erlösers. Dagegen schildert 
die »Ode auf die Zeitumstände« (im (i i . Stück des 
Aufsehers) das Gericht, welches Gott in der Sündthit 
vollzogen hat und in der Kriegsnot der Gegenwart 
wiederholt. Unter allen betrachteten Oden passt auf 
diese der von Goethe aus der Flrinnerung an den Inhalt 
angeführte Titel noch am besten. Der Zeitpunkt 
ihrer Verölfentlichung liegt der Entstehung des 
Goetheschen (jedichtes am nächsten. Endlich weist 
gerade diese Ode in ihrem Stil die nächste Ver- 
wandtschaft mit (ioethes Gedicht auf, namentlich in 



Chronik des Wiener Goethe- Vereins. 



'7 



Jen häutig angewandten und mannigfach variirten 
Figuren der Wiederholung, was sogar aus den mit- 
yetheilten Proben ersehen werden kann, hi dieser 
Ode wäre also nach meinem Dafürhalten das Vorbild 
für die ' Höllenl'ahrt Jesu Christi» zu sehen. 

Ich habe oben die unseren Gedichten gemein- 
same Strophenform selten genannt. Gramer hat sie 
in den sämmtlichen Gedichten noch dreimal: 3. Band, 
S. 236, 2(12, 32Q- Sie ist ihm aber keineswegs 
eigenthümlich. Ich finde sie z. B. bereits in Weich- 
manns Poesie der Niedersachsen, 4. Theil (17V2). 
S. ■:;, in den von der Deutschen Gesellschat't (durch 
(iottsched 1738 bei Breitkopf) herausgegebenen Oden 
in der \\. und 20. Nummer des l. Ruches, in den 
Belustigungen des Verstandes und Witzes 1743, 
llerbstmonat, S. 203, 1744, Wintermonat, S. 387; 
häufiger dann in den Neuen Beiträgen zum Vergnügen 
des \erstandes und Witzes: i. Band (1745) S. 99, 
374, 398, 523, 611. 2. Band (1745), S. 22, 47 
(->Der Gottesläugner. An /oh. Andr. Cmmer.«) 77, 
240. •:;. Band (1746) S. 195. Daran schliesst sich 
S. 202 Cramers Ode »Der Erlöser.« 

Ludivii^ Blume. 



Der Gross-Cophta von Goethe. 

(Fortsetzung und Scliluss ) 

Der Stoff des Gross-Cophta ist ja bekannt. Prinz 
Rohan, der Cardinal und Erzbischof, war am Hole zu 
Paris in Ungnade gefallen. Eine Gräfin Lamotte spie- 
gelte ihm vor: sie werde ihm die Gunst der Königin 
Marie Antoinette gewinnen helfen. Sie verabredete 
ein Zusammentreffen des Prinzen mit der Königin 
nachts im Schlossgarten zu Versailles. Ein Fräulein, 
das der Königin ähnlich war, musste dabei die Königin 
spielen. So wird der Prinz vermocht, ein Halsband 
im Werth von 1.600,000 Livres — angeblich für die 
Königin — zu kaufen. Die Königin hörte davon. Prinz 
Rohan kam in die Bastille, zugleich Cagliostro, dem 
man aber seine Mitschuld nicht nachweisen konnte. 

Dieses F^reigniss, das man häufig als ein Vor- 
spiel zur französischen Revolution bezeichnet, er- 
schien dem Dichter so charakferistisch für seine An- 
sichten von der Schwäche der Menschen, von der 
Hohlheit ihrer Ueberzeugungen, von dem sicheren 
Krtolg jedes Schwindels, dass er es in einem Bilde 
festzuhalten beschloss. Dass die Frivolität, die Cha- 
rakter- und Haltlosigkeit dem Schwindel zur Beute 
wird, indem sie nichts glaubt, aber dem Betrüger 
Glauben schenkt, indem ihr keine PHicht ernst und 
heilig ist und sie sich doch vom Schwindler die 
schwersten Verpflichtungen auflegen lässt: von dieser 
Erscheinung hätte Goethe gerne die Luft gereinigt, 
mindestens sich von ihrem Druck befreit, indem er 
sie dramatisch darstellte. Ursprünglich dachte er, sie 
als Oper zu gestalten, dann bearbeitete er sie doch 
als Lustspiel. 



Wol spricht das Ganze Spott und Verachtung 
aus, sowie ja auch das antike Lustspiel die Geisel 
schwingt gegen Gebrechen der Gesellschaft und des 
öffentlichen Lebens, aber Spott und N'erachtung gegen 
Frivolität der Gesinnung, von der ganze Schichten 
der modernen Gesellschaft angefault sind, einer Ge- 
sinnung, die es mit nichts ernst meint, sich von jeder 
Pflicht für entbunden hält und dadurch sich selber 
straft, dass sie sich in die Schlingen des Betruges 
verrennt. 

Das Stück misstiel bei seinem Erscheinen. Nie- 
mand sprach so treffend aus, »varum es missHel, als 
Goethe selbst, und zwar in der Campagne in Frank- 
reich : »ein furchtbarer und zugleich abgeschmackter 
Stoff, kühn und schonungslos behandelt, schreckte 
jedermann; kein Herz klang an. Und weil geheime 
Verbindungen sich ungünstig behandelt glaubten, so 
fühlte sich ein grosser, respectabler Theil des Publi- 
cums entfremdet, so wie das weibliche Zartgefühl 
sich vor einem verwegenen Liebesabenteuer ent- 
setzte. •< 

Die Dissonanzen in des Dichters Brust, die seine 
Wahrnehmungen von der Unterhöhltheit der bürger- 
lichen Gesellschaft hervorriefen, die Ahnungen des 
drohenden Zusammensturzes, die ihn erfüllten, hatten 
sich noch nicht so weit geklärt, dass sie sich zu ver- 
söhnenden Harmonien gelöst hätten, was erst in den 
Aufgeregten, in Wilhelm. Meister, Hermann und Doro- 
thea und endlich in der natürlichen Tochter, die 
leider unvollendet bleiben sollte, der Fall ist, und 
deshalb wurde der furchtbare und zugleich verletzende 
Stoff' so kühn und schonungslos behandelt, Dass das 
Stück aber so allgemein missfiel, lag grösstentheils 
darin, dass Goethe mit seinen Anschauungen so ein- 
sam stand! — Wenn die Freimaurer, denen er selbst 
angehörte, sich verletzt fühlten, dass ihre geheimniss- 
vollen Formen, die ja auch jene Scheinpropheten 
liebten, im Stück zur Darstellung kamen, so beweist 
dies nur. dass ihnen das Nebensächliche höher stand, 
als der sittliche Kern der Hauptsache. — Ein gebil- 
deter Kreis, für den Goethe schrieb, hätte sich nicht 
beirren lassen, ebensowenig durch die freimaureri- 
schen F'ormen, als auch durch das verwegene Liebes- 
abenteuer der Nichte. — 

Dass man hier sagen konnte. Goethe habe die 
Leute, die ihn vergötterten, zum Besten haben und 
sehen wollen, wie weit die dumme Anbetung gehen 
könne, wird man demnach wol kaum mehr ernst 
nehmen wollen, trotz der Zustimmung unseres ver- 
ehrten Gervinus. 

Als Eckermann >.W\\ 15. Februar 1831 gegen 
Goethe äusserte: er wünschte den Gross-(;ophta auf 
der Bühne zu sehn, erwiderte Goethe: »FIs ist mir 
lieb, dass ihnen das Stück gefällt und dass sie heraus- 
linden, was ich hineingearbeitet habe. Es war im 
Grunde keine geringe Operation, ein ganz reales 
Factum erst poetisch und dann theatralisch zu machen. 



i8 



Chronik des Wiener Goethe- Vereins. 



Und doch werden sie zugeben, dass das Ganze recht 
eigentlich für die Bühne gedacht ist. Schiller war 
auch sehr für das Stück und wir haben es einmal 
gegeben, wo es sich denn für höhere Menschen 
wirklich brillant machte. Kür das Publicum im All- 
gemeinen jedoch ist es nicht. Die behandelten Ver- 
brechen behalten immer etwas Apprehensives, wobei 

es den Leuten nicht heimlich ist. Im Grunde 

ist es nicht bloss von sittlicher, sondern auch von 
grosser historischer Bedeutung; das l'actum geht der 
französischen Revolution unmittelbar voran.« 

Durch den Nachweis des Zusammenhanges der 
Motive der Mitschuldigen mit denen des Gross- 
(>ophta und der natürlichen Tochter, den wir in den 
Einleitungen zu diesen Dichtungen gegeben, ist klar, 
dass von einem leichtfertigen Sichbelustigen an den 
Thorheiten der Menschheit hier nicht die Rede sein 
kann. Goethe war vielmehr bei seinem 'l'icfblick in 
die sittlichen Abgründe der Gesellschaft von Bangen 
erfüllt. Kr hätte sich dieses Bangen gerne leicht 
gemacht und es weggescherzt in einer heitern Oper. 
Dazu war ihm der Gegenstand doch zu ernst. »Da 
kein froher Geist im (Janzen waltete« entschloss er 
sich zur Behandlung in Prosa. So schildert er 
eine zuweilen epidemisch auftretende Krankheits- 
erscheinung des Geistes, wie sie vor hundert Jahren 
der französischen Revolution vorausging. — 

In der Reihe der Goetheschen Dichtungen be- 
zeichnet der Gross -Cophta den Uebergang zu den 
Dichtungen, in denen alle Dissonanzen in seinem 
Innern sich auflösen in Harmonien, wie dies in der 
natürlichen Tochter 1803, in Pandora 1807 und 
in der i8i() geplanten Luther - Cantate anschaulich 
werden sollte, aber erst in seinen letzten Lebensjahren 
mit dem Abschluss des zweiten Theils des Faust 
wirklich anschaulich geworden ist. 



Ueber die "Wahl eines Platzes für das 
Wiener Goethe-Denkmal. 

Vortrag, gehalten bei der General-Versammlung desGnethc- 
Vereins am 22. Februar 1880, von Hpg.-K.nth f. Sil/,-. 

Hochgeehrte Versammlung! Indem mir die 
Ehre zu Theil wurde, heute über ein uns Alle so 
sehr interessirendes Thema das Wort ergreifen zu 
können, muss ich zunächst einiges Allgemeine über 
Denkmal - Aufstellungen überhaupt vorausschicken. 
Schon der Umstand, dass wir bei jeder Monument- 
.Aufstellung bei der Platzwahl stets den grössten 
Schwierigkeiten begegnen und schliesslich meist 
irgend einen kleineren Platz der.Mtstadt wählen, wäh- 
rend sich die neuangelcgten Riesenplätzc der Reihe 
nach als untauglich erwiesen, zeigt, dass vom künst- 
lerischen Standpunkte aus irgend etwas bei modernen 
Plätzen nicht ganz in bester (3rdnung zu sein scheint, 
llicvon überzcuut man sich sofort leicht, wenn man 



alte und neue Plätze, sowie die Aufstellung der Monu- 
mente daselbst gegeneinander hält und die Grund- 
sätze vergleicht, von welchen ausgegangen wurde. 
Da sieht man, wie w.ir in Allem und .ledem gerade 
das Gegentheil von Demjenigen thun, was die alten 
.Meister des Städtebaues als Regel befolgten, und dass 
somit bei uns auch die entgegengesetzten Wirkungen 
entstehen. Die Alten bildeten ihre Plätze in geschlos- 
sener Form aus, gleichsam als hypetrale Versamm- 
lungssäle des Volkes, weshalb das ICinmünden von 
Strassen möglichst vermieden oder doch wenigstens 
durch allerlei Kunstgritte versteckt wurde, und diesem 
Beispiele folgten .Mittelalter, Renaissance und Barocke. 
Wir dagegen legen sie an breite Ringstrassen, damit 
gleich von vorneherein jede Platzwirkung ausge- 
schlossen ist, oder lassen viele breite .Strassen ein- 
münden, wodurch die Platzwand in einzelne Häuser- 
würfel zerschnitten wird und nirgends ein geschlos- 
sener, ruhiger Hintergrund für ein .Monument übrig 
bleibt. Die .Alten liebten kleine Plätze, die sie durch 
eine Fülle von Statuen und Monumenten aller Art 
wie Hauptsäle von Wohnhäusern schmückten ; wir 
dagegen verzetteln unsere wenigen Monumente in der 
ganzen Stadt und glauben für jeden Gefeierten auch 
einen besonderen Platz allein haben zu müssen. Die 
.Alten stellten ihre Monumente an den Rändern der 
Plätze entlang, lediglich besorgt um gute Ansichts- 
punkte und einen guten Hintergrund, wobei selbst 
kleinere Bildwerke oft bedeutende Wirkungen erziel- 
ten ; wir dagegen leben in dem Wahne, dass jedes 
-Monument selbstverständlich nur in der Mitte eines 
Platzes aufgestellt werden könne, und sind unseren 
Riesenplätzen gegenüber kaum im Stande, sie gross 
genug zu machen. Bei dieser in jeder Beziehung denk- 
bar ungünstigsten Aufstellung in der Mitte, wahr- 
scheinlich um den Gefeierten auch von hinten be- 
gucken zu können, lässt sich freilich nicht mehr als 
je ein einziges Monument auf einem Platze unter- 
bringen, und bei etwas unregelmässigen Plätzen ohne 
geometrische Mitte nicht einmal ein einziges. So 
Hesse sich noch Vieles anführen, was Alles beweisen 
würde, dass wir in der Kunst von Städteanlagen und 
Monument-Aufstellungen den Faden künstlerischer 
Tradition verloren haben und in .\llem das gerade 
Gegentheil von demjenigen thun, was bisher in jeder 
grossen Kunstperiode üblich war. Am Forum zu 
Pompeji standen sieben Figuren an der einen Schmal- 
seite und zwölf an der einen Langseite, und ähnlich 
war die Aufstellung auf allen antiken Foren, während 
die Mitte der Plätze frei blieb. Auch der Athene- 
Coloss auf der Akropolis von .Athen stand seitwärts 
von der Festzugsstrasse, sowie schon bei egyptischen 
Tempeln die Pharaonenbildnissc nicht als Verkehrs- 
ünd N'isurhindernisse in der Tempelaxe, sondern zu 
beiden Seiten des Haupteinganges Aufstellung fanden. 
Die zahlreichen Monumente, Figuren und auch der 
monumentale Brunnen auf der Signoria zu Florenz 
stehen an den Wänden und in den Ecken des Platzes, 



Chronik des Wiener Goetbe- Vereins 



i<) 



und selbst das Reiterl)ild Cosimo's nicht in der Mitte ; 
ebenso die Brunnen aller alten Marktplätze in einer 
Platzecke oder mindestens hart an einer vorbeigehen- 
den Strassenfiucht. Nur ausnahmsweise und selten 
wird auch die Mitte gewählt, wenn die Situation dies 
zulässt, was hauptsächtlich bei Rundplätzen zutrifft. 
In diesem Falle muss aber auch das Monument den^- 
entsprechend in seiner architektonischen Hauptform 
ausgestaltet sein, schlank und hoch, eine Säule, ein 
Obelisk, wie am Petersplatz in Rom oder an den 
Enden antik-römischer Rennbahnen. Diesem Typus 
entspricht vollkommen in Form und Aufstellung das 
Tegetthoff-Monument in Wien und fehlt hier nur der 
entsprechende architektonische Hintergrund. 

Dies in Kürze vorausgeschickt, kann mit Be- 
stimmtheit gesagt werden, dass in Wien gerade die 
neuen Riesenplätze beim Rathhaus, bei der Votiv- 
kirche etc. in ihrem jetzigen Zustande für Monument- 
Aufstellungen untauglich sind, eben wegen ihrer 
Grösse und wegen ihrer Formlosigkeit. Diese Uebel- 
stände müssten vorher behoben werden und dann 
könnte erst an ihre künstlerische Ausgestaltung durch 
Aufstellung von Brunnen, Monumenten und Aehn- 
lichem gedacht werden. In diese zerrissene Fülle von 
gestaltlosem leeren Raum niüsste zunächst Geschlos- 
senheit und Rhythmus gebracht werden und dann 
erst würden Plätze genug entstehen für Hunderte von 
Statuen und Monumenten, grossen und kleinen, ganz 
nach Bedarf, und )e mehr sich davon hier allmählich 
ansammelte, desto grösser wäre die Wirkung, sowol 
aller zusammen, als auch jedes einzelnen. Nur um 
ein beiläufiges Bild zu geben, sei es versucht, anzu- 
deuten, was hier im Sinne alter monumentaler Plätze 
geschehen müsste. 

Der formlose Zwickelplatz zwischen Parlament 
und Justizpalast müsste theilweise verbaut werden, 
denn dieser sogenannte Platz ist sonst incurabel. In 
seine vordere Dreieckspitze gegen die Ringstrasse 
müsste ein mächtiger Rundbau gestellt werden, etwa 
wie ein antikes Kaiser-Mausoleum, der aber nur gegen 
die Ringstrasse zu in mehr als Halbkreisrundung frei 
bliebe, während nach rückwärts ein gerader Tract 
parallel zum Parlament und ein anderer parallel zum 
Justizpalaste eng anzuschliessen wäre. Hiedurch 
würde die jetzige höchst unangenehme Wirkung weg- 
fallen und beim Justizpalast ein noch immer verhält- 
nissmässig grosser Platz erübrigen, welcher zu Monu- 
ment-Aufstellungen geeignet wäre und auch an sich 
einen schönen Anblick gewähren könnte, falls der 
Architekt des Neubaues seiner Aufgabe gewachsen 
wäre. 

Vor dem Parlamente müsste quer über die Ring- 
strasse bis zum Volksgarten ein beiderseits durch 
Säulenhallen im Stile des Parlamentshauses einge- 
schlossener Platz geschaffen werden, ein Reichsforum, 
eine .^gora. In der Nähe des ohnehin bereits im Ent- 
stehen begriffenen majestätischen neuen »Burg- 
platzes«, eines wahren Kaiserforums, mit dem herr- 



lichen Maria Theresia-Monument, würde dieser weit 
kleinere säulenumgrenzte Platz eine eigenartige Wir- 
kung hervorbringen, eine Vorlegung der Rampe ge- 
statten, wie es der Architekt des Baues ohnehin von 
Anbeginn an projectirt hatte, und die auf Fernsicht 
berechnete Tempelgruppe der Hauptfacade erst zur 
Geltung bringen. Gegenüber dem Parlamentshause 
wäre am besten eine sanfte Rundung in den Volks- 
garten einzuschneiden und hier wäre der Platz für 
ein oder mehrere Monumente, ein Platz, wie man ihn 
sich zu diesem Zwecke gar nicht günstiger denken 
könnte. 

Die jetzige Situation vor dem neuen Burgtheater 
birgt sonderbare Conflicte. Die mächtige Rundung 
des Baues verlangt gebieterisch eine Gegenbewegung 
des Trottoirs davor, so dass eine bühnenbildartige 
Rückstauung des Platzes entstünde, dessen Hinter- 
grund derTheaterbau bildete. Anstatt alledem schnei- 
det hier das Tramway-Geleise mit Rasiermesserschärfe 
geradezu jede natürliche Raumemptindung verletzend 
vorbei. Hier müsste unbedingt die Tramwav verlegt 
werden, und wohin? Das ist aus der ganzen Situation 
klar, offenbar in die Reichsrathsstrasse vor der mäch- 
tigen Langfront des Rathhauses vorbei, wo die Tram- 
wav nicht nur nicht stören könnte, sondern sogar 
zur Belebung dieses sogenannten todten Viertels bei- 
tragen würde. Der viel zu grosse und noch oben- 
drein in die Ringstrasse zerfliessende Rathhausplatz 
müsste theilweise verbaut werden, damit ein eigener 
Rathhausplatz entstünde, der nur den Zweck hat. 
diesem Monumentalbau allerersten Ranges allein zu 
dienen, damit aber auch ein eigener Theaterplatz ent- 
stünde und damit der Stilconflict von Gothik, grie- 
chischer, römischer und italienischer Renaissance be- 
seitigt würde. Dies vorausgesetzt, würden auch hier 
zahlreiche vortreffliche Plätze für Monumente ent- 
stehen. Am Rathhausplatz wäre Raum genug zur 
Verherrlichung der Heroen des engeren Stadtkreises, 
am Theaterplatz aber wäre der naturgemässe Ort für 
die Monumente grosser Dichter und überhaupt 
grosser Künstler. Hier wäre vor Allem zu beiden Seiten 
derTheater-Rundung der herrlichste Platz für Goethe 
und Schiller. 

Es wurde dies auch, trotz der jetzigen unge- 
schickten Situation, schon empfunden, und für die 
Uebertragung des Schiller-Denkmals hieher sind schon 
die Kosten berechnet worden auf beiläufig zehntau- 
send Gulden. Schwerwiegende Gründe sprechen aber 
dagegen. Die jetzige Sockel-.Architektur des Wiener 
Schiller-Monumentes passt bis zu einem gewissen 
Grade zur Architektur des Akademiegebäudes, vor 
dem es jetzt steht, in Stil und Steinfarbe. Zum Burg- 
theaterbau würde das Alles nicht stimmen. Eine Aen- 
derung des gesammten Steinbaues würde aber grosse 
Kosten verursachen und doch nichts helfen, denn der 
Stilconflict würde zwischen dem figuralen und archi- 
tektonischen Theile weiterbestehen und zudem einen 
üblen Einfluss auf das als Gegenstück zu concipirende 



Chronik dts Wiener üoelbe -Vereins. 



Goethe-Denkmal ausüben, der nichts weniger als 
wUnschenswerth wUrc. 

Noch eine dritte l'latz.gruppe könnte i;eschalkn 
werden, auf der Monumente verschiedenster Grösse 
und in erheblicher Zahl Raum linden k(innten, wäh- 
rend jetzt dort nicht eine ein/.ii^e Autstellung möglich 
ist, namlicli auf dem unabsehbar grossen Raumzwickel 
vor der Votivkirchc. Schon wegen seiner öden Norm- 
losigkeit und wegen des höchst ungünstigen Druckes, 
den er auf den wundervollen Kirchenbau ausübt, 
sollte dieses Platzmonstrum je eher, je lieber aus der 
Welt geschafft werden. Vor der Kirche wäre ein 
atriumartiger, sehr grosser Vorhof zu bilden mit 
mächtigen .-Vrkaden mit gleichzeitiger Verbauung der 
unregelmässige.i Platzreste für was immer für Zwecke. 
Auch der rückwärtige Theil wäre theilweise zu ver- 
bauen, so zwar, dass zwei verschiedene (nicht sym- 
metrische, nicht gleiche) Plätze entstünden, einer 
gegenüber dem chemischen Lalioratorium, für den An- 
blick der Seitenfacade bestimmt, und ein zweiter in 
der Kcke bei der Präkuur, welchem in Bezug auf den 
Kirchenbau die Aufgabe zufiele, die Wirkung der 
Concha und ihres L'eberganges zum Querschirt" in der 
wirkungsvollen L'ebereckansicht zur Geltung zu brin- 
gen. Auf diesen Plätzen wären dann geeignete Stellen 
für gar viele Monumente und desgleichen noch weitere 
an der Spitze des Atriums gegen die Ringstrasse. 

Kine solche llerrichtung unseres jetzigen form- 
losen Platzmeeres vorausgesetzt, hätten wir dann 
plötzlich Orte zu Monument-Aufstellungen, genug 
für .Jahrhunderte. Freilich müsste da noch die weitere 
Annahme hinzukommen, dass wir uns gleichzeitig 
von dem Wahn befreien, dass jedes Monument nur 
in der Mitte eines Platzes aufgestellt werden könne. 
I-:ine so umfassende Neugestaltung, wenn auch 
nicht aussichtslos, ist doch gewiss nicht eine Sache 
von heute auf morgen; bis dahin aber können alle 
die weiten Räume vor den monumentalen Pracht- 
bauten, vor welchen auch der monumentale Schmuck 
der Stadt vereinigt werden sollte, nicht benützt werden 
und auch für das Standbild Goethes ist da vorläufig 
nirgends Platz, ausser etwa in der Ecke neben dem 
Burgtheater aufder entgegengesetzten Seite vom Volks- 
gart'en. Dieser Platz wurde bereits in Erwägung ge- 
zogen, aber gilt als aussichtslos wegen Verkehrs- 
rücksichten. So bleibt schliesslich Nichts übrig, als 
der in diesen Blättern schon empfohlene Platz im Volks- 
};art('n heim Thaeus-Tcm[>d. Dieser Raum ist sehr 
geeignet, aber auch nicht in der jetzigen Eorm, denn 
nach dieser müsste das Standbild unmittelbar vor der 
Giebelseite des Tempels mit dem Rücken gegen den 
Eingang gestellt werden. Damit wären folgende Uebel- 
stände verbunden: Das Monument würde den Aus- 
blick auf die llauptansicht des Tempels stören, selbst 
aber an den bewegten Einien, der starken Plastik und 
Schattenwirkung desselben einen ungünstigen Hinter- 
grund erhalten. Ferner müsste wegen der unmittel 



baren Nähe des Tempels der Sockel in altgriechischem 
Style gehalten werden, was dann in weiterer Folge 
ein griechisches Costume für das Standbild selbst 
verlangte. Also auch hier müsste der geeignete Platz 
erst geschalten werden, wenn das .Monument in Voller 
Freiheit erstehen soll. Eine günstige Platzform zu er- 
zielen wäre aber leicht, weil es sich hier nur um ge- 
ringfügige Aenderungen der Gartenanlage handelte. 
Es müsste gegenüber dem 1 empel in entsprechender 
F^ntfernung eine geschlossene Gartenwand aus Bäumen 
und Sträuchern hergestellt werden, in deren vertiefter 
Mitte das Standbild Platz fände. Die Figur würde zu 
dem Tempel hinüber sehen, was symbolisch gar wohl 
in Einklang stünde mit den so oft und tief auf die 
Antike gerichteten Ideen des Dichters. Zu Füssen 
wäre ein kleiner freier Platz zu bilden, seitlich ge- 
schlossen ohne Wege und Eingänge, damit hier eine 
weihevolle Ruhe entstünde und einige Bänke an der 
Laubwand aufgestellt wcnlen könnten, von denen aus 
einerseits das .Monument, andererseits der Tempel 
mit Müsse betrachtet werden könnte, ohne dass der 
gleichzeitige .\nblick eine gegenseitige Störung ver- 
ursachte. 

Bei den gegenwärtig misslichen Platzverhältnisscn 
wenigstens einen gefunden zu haben, der eine be- 
friedigende Aufstellung zulässt, muss schon als günstig 
genug bezeichnet werden: wie eng die Platzwahl mit 
der Conception, ja selbst mit der Ausführung des 
Monumentes zusammenhängt, geht aber gerade aus 
diesem Vorschlage hervor. Kein Zweifel, wenn hier 
das Standbild Platz fände, müsste es entweder aus 
Marmor ausgeführt werden, denn nur dieser, nicht 
aber die grün patinircnde Bronze hebt sich von 
einer grünen Laubwand günstig ab: oder die Bronze- 
figur müsste vorerst noch einen architektonischen 
Hintergrund bekommen, vielleicht sogar mit etwas 
rothen Marmorbestandtheilen an den Rändern zur 
Ausgleichung des Farbenetl'ectes. So hängt die Con- 
ception des Werkes und seines Platzes innig zu- 
sammen. Wie wäre es also, wenn bei der Concurrcnz 
den bildenden Künstlern, welche uns dieses Werk 
schatVen wollen, selbst mit dem Fintwurf des Werkes 
zugleich auch die Wahl des Platzes überlassen bliebe 
und Platz und Monument-Skizze zugleich zur Aus- 
wahl kämen? ,le mehr Freiheit der Phantasie in solchen 
Fällen gelassen wird, desto mannigfaltigere und 
schwungvollere Gedanken sind zu erwarten. Hollen 
wir, da.ss darunter Einer ersteht, der nicht nur unserer 
Begeisterung entspricht, sondern der auch unseres 
Dichters selbst würdig wäre. 

Nachtrag zu Seite 17. Ich habe überschn, dass 

die Ode, »der Aberglaube« in den Bremer- Beiträgen 

11 (1745), S. 22 auch von Gramer und identisch ist 

mitN. 2ti8 der sämmtl. Gedichte 111 (1783), S. 329. 

Ludwig Blume. 



Hat; <les Wiener Go äh-irvIi^.Ts.'^'DTil^k^ü^d^rTllh.st.irten Wiener Extrablatts"' (F-an. Suschitzky). 



CHRONIK 



Im AuftruiL« .Ics 

U'ieiK^r Goethe Vcfri'insHcr 

aus^cbtT u. ver:in(w*irtliclio 

kcJiiclour: 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Wien, 20. April U 



4. Jah;-gaiig. 



Aus dem Wiener Goethe-Verein. 

Am 5. März 18811 führte Prof. S(/ii'"i,i Jen \\n- 
sitz im Ausschüsse des Goethe-\'ereins. .\n\vesend 
waren die Ausschussmitj^lieder : Bliiiih. Egger, /Ig, 
A'tir/r/; A/ora7C'i/c. <-. S/>/\g/. Sil/r. 

Sihröir spendet den \'. Band von ; Goethes 
r)iamen« (10. Theil von (loethes Werken in 
Kürschners Deutscher National-Literatur) als Heraus- 
L;el)er für die Bibliothek des Goethe-N'ereins, wofür 
ihm der Dank des Ausschusses ausj^esprochen wird. 

S</in!,r berichtet ferner, dass Ihre Durchlaucht 
fürst und Fürstin Hugo Salm-Reifferscheidt sich be- 
reit erklärt halben, dem Goethe-Verein als Stifter bei- 
zutreten. 

f'm den 21. März als (joethe-Gedenktag würdig 
/.u feiern, erklärt sich Si/iin,r bereit, einen Vortrag 
Im [-'estsaale des Architektenvereins ; t eher Goethes 
: Wir heissens fromm sein < ( Irilogie der i^eiden- 
schaft) zu halten. 

Bildhauer Prolessor II', iv erfreute den Goethe- 
X'erein mit der Widmung eines .\bgusses des (}oethe- 
Medaillons von David aus dem .lahre 182c). 

In der Sitzung vom 5. April hatte den Vorsitz 
Prof. .Si/iiihr. Anwesend waren Prol'. Bliiiih, Dir. 
v. Kgg.r. Dr. Moniu'ilz. Dir. J/g, K,ur,r, Rouii/hal, 
Dr. Russ. Dir. Sil/f. — Prof. ^chrner berichtet von 
einer Zuschrift, mit dtr Frl. ,Iulie von Kahle das von 
ihr herausgegebene Prachtwerk >>Goethes italienische 
Reise« dem X'erein verehrt. — Ks wird ein Dank- 
schreiben an die edle Spenderin beschlossen. 

Beiträge zum Goethe-Denkmalfonds. 

.\ls Stifterin ist dem Wiener (joethe-\'erein beige- 
treten Frau l/hti FMle von Will. HotVathswitwe, 

mit ll. tO 

.Se. Fxcellenz Geheimralh Baron (\t'ini/g\nGnr/. fl. lu 
Professor Dr. Fernst Maiiin an A<:\- l'nixersität 

zu Strassliurg i. K Reichsmark 25 

Herr Dr. O. \V,i\hs,h\jiim ll. 10 

Herr Dr. Robert v. S' /111,11h r. k. k. (Gustos . ... 10 
Gesellschaft ..S,iil,ir,)lYi.v 1--, 



Neue Mitglieder) 

-fit .\l.-il/. iSf^.i. 

F'rati W,yl'''hii,r .lulliet, .Staatsbahnbeanitens-Ciattin, 

I., Kohlmarkt <). 
Herr IlVr-jtV .losef, \'I., Stumpergasse 18. 
Herr Hufjmanii Heinrich, 111., Seidelgasse 8. 
Herr Dr. diiglid Kugen, k. k. Realschulprofessor. 

Währing, ( jüitelstrasse t(). 



Geschenke an den Goethe- Verein, 
i) Ein Gipsrelief Goethes. 

Herr l'.ildhaucr Pn>hssiir ]\\\r übersandte 
unserm X'erein eirr (jipsrelief Goethes mit freund- 
lichen Widmungsworten, worauf ihm denn der ge- 
bührende Dank \ on Seiten des .Vusschusses ausge- 
sprochen worden ist. — l^s ist ein .\bguss der Auf- 
nahme nach dem Leben von Pierre .lean J)ii7iil 
d'Angers. entstanden ;/,/,// der N'ollendung der be- 
kannten Davidschen (ioethe-Büste **) den (i. — 8. Sep- 
tember 1820. F:s brachte diesen Abguss der Bild- 
hauer Cxiir aus Paris und er ging nach Osars Tode 
in den Besitz Prof. Wevrs über. Kinen .\bguss des- 
selben Bildnisses besitzt auch Rollett, sieh dessen 
Goethe-Biklnisse Seite iCi- f., wo eine Xbbildung 
zu s'ehn ist. 

Leber Abweichungen \ erschiedener Abgüsse 
spricht Zarncke in seinem X'erzeichnisse der Auf- 
nahmen von Goethes Bildniss S. 1)7 f. Daselbst be- 
tindet sich auf Tafel 12, X eine weitere Abbildung. 

-Man lobt an den Davidschen (Joethe-Bildnissen 
die virtuose Behandlung. — Die .\ehnlichkeit und 
Schönheit der Rauchschen .\ulUissimg erreicht sie 
nicht. Die Letztere ist wol auch durch die von (joeihe 
noch im Leiien abgenommenen .Masken, sowie durch 
den Kupferstich Schwerdgeluirts (i8^^2) und durch 

*) lieitritts-.Vnmelduii-cn weracn in iliT ICun/lei iIcs \Viss<Mis<!li. 
Cl.il.s (I., Escbpnb.ichK.isspc,; .-nCKi^tr'-nsi'nonininn. 

■-. In Wolm.-.r auf ilcr i;r<.ssliorz..-l. Ilibli..th.-l --1.- ;-i ...... 

IvünstliT j;e<l:iclit in i-inor Vulsu-llun); -|ü l'uss li...li / - 

.tarn US wird dii- V.its.-nkun^' .1p..; H.-.iii.tes un I >. - 
tricbonon .Mass.- .liT Stin..- .-rklUrt. Go.nli.-s S..I1.. '. , 

.tcMi 4. X,,voml.rr 1S2.) an X. .M.Mcr: ..lii- jran/.. l;...., -..■•■'■ 

iS fnss 1K..1. w.Tdon-. I'.s »ar als.i bei .i.T üustr i,:.biil..lL, ,11- 
sprun-^'.i.h .-ine b..bp .Vulstolbin:; ^vplanl. 



( hn.nik lle^ Wit-nci (loell^ 



ilic /i.-iohminü PiL-lk-is noii (j(jcthc im Tode ülier 
jcilcii /ucil'cl aK ilhiilitli x lmIiüi'i;!. 

2) Goethes italienische Reise 

///// ■;/■">' Jlliii/iiilA'iiiii 11:11 h Fidti- Hiiil 7'iisi hzeii/i- 
iiKiix;. iii h . 1(1/1 /ii/ii .■'. Kiihh-. l-jugelcitcl mjii Piotcssor 
Dl. Iliiiiriili DiiiifZti : -^fiö Seilen in Polin. Herlin. 
1885,, I.L-i l-;ani. Caillanl" 

l^ieses koslhare l'rachlwcri. in lienliclieni Kin- 
liaml, (ioltlscliiiitt etc. wuiJe Jer Bibliothek un.seres 
\ ciein.s von Seilen der edlen Ilcrau.sgeberin gespendet 
und durch l'roi. Schröer nacli dem Wunsche der- 
sellien in ^<;\- Sii/vnii; iles Ausschusses vom 3. .\pril 
iilicrreichi. 

Das (ioethe-.lahrhuch sagte davon hei seinem 
l'Jsclieinen : vDies vornehme l'rachtwerl; — der 
deutschen Kaiserin .\ugusta gewidmet *) — ist eine 
wahre Zierde des Hüchertisches und legt das ehren- 
vollste Zeugnis ab lürdic Begeisterung und das künst- 
lerische (jeschick der Ilerausgeherin und den feinen 
(ieschmack des N'erlegers.« — .ledeul'alks macht das 
(ianze <\ün Kindruck liebevollster llingeinmg, luid 
wir müssen gestehen, dass wir stolz sein dürten dar- 
auf', dass Deutschland l-'rauen hat von so edler ISe- 
geisterung und so hoher Bildung. .\ut' l'jn/.ehies ein- 
zugehen müs>en wir hei dem beschrankten Kaiune 
verzichten, und l^önnen dies umsomehr. als nähere 
Angalien im (ioethe-.lahrhuch 0, 411) 1'.. zu linden 
sind mid wir ia wünschen \\nt.\ holten müs>en. dass 
das Werk sich die \erehrer Coethes nicht werden 
entgehen lassen. 

Kine Aeusserung \i>n ihr selbsi über ihre 1 eii- 
denz . die ich der Ireundhchen Zusclirill an mich 
entnehme. wii\l unseren Lesern gewiss willkommen 
sein. Sie schreibt : .\ul historische Treue diiv (iegen- 
den. .Menschen, Baudenkmäler und Kostüme war mein 
I lauptaugenmerk gerichtet, deshalb habe ich in einem 
\'erzeicliniss treu die ()^uellen angeführt, nach denen 
ich arbeitete, um das Italien von vor 100 .lahren zu 
reconstruiren. .Also stets auf historischer (irundlage. 
aber dennoch freie (lomposilionen \on mir sind circa 
2lK) l'.ilder in federzeichnung, in Lichtdruck wieder- 
gegeben. Die anderen circa 1 iO Bilder sind Licht- 
drucke direct nach Stichen . welche z. B. (ioethe 
selbst anführt mit dem Wunsche, dass seine Freunde 
sie sehen mochten. — — Der letzte (ioethe in 
Weimar förderte meine langjährige Arbeit durch 
seine Zustimmung \\n^\ durch Mittheilung zweier 
1 landzeichnungen \ on Kniep. welche, wie er mir 
schrieb, sein (jrossvater besonders geliebt habe.« 
\ 1)11 II. \. Slein-Kochberg erhielt ich die in dem 
Buche enthallenen 1 landzeichnungen von (loethe aus 
llalien und Prof. Zarncke beguiachtete in freund- 
lichster Weise meine Darstellungen (loethes — «. .V. 



ll.l..Minllich ist Kaiserin .\u-us(.-i .lii- Srliw.->l<-r .Ii-s l:r,.^ 
lH-r/..;;s V..11 Wc-inii.r Carl .\l,>aiul(i'. ilii- Knk.-liii Carl .Vu-iisl 



Der letzte Goethe-Abend. 

Der N'onragemle sprach iiinr (iiu/hts Fnnnm- 
siiii. Die Welt der Bigotterie wie der Frivolität. 
gegen die siegreich aufzutreten (ioethes Sendung war, 
ist doch nur auf den Höhen der Bildung besiegt: im 
Thale lebt sie tort. — Daraus sind zu erklären alle 
die gemeinen N'orurtheile gegen (ioethe. die immer 
noch weit verbreitet sind. — Diesen (iedanken t'ührt 
Ai^y \'ortragende aus mit der l-jvirterung dessen, was 
wir (iii.lhis /■'iiiiiiiiisiiii nennen dürfen und das in 
seiner ganzen Naluranlage begründet war. — - Zur 
Illustration wurden Stellen (ioethescher Dichtung 
herangezogen. — Wir hollen demnächst Kaum zu 
gewinnen, der uns diesmal fehlt, zur .Mittheilung des 
\ortrages für unsere Leser. — Den angekündigten 
l-^pilog zu .Schillers (ilocke hatte l'rol'. Neumann 
wieder die (iiite. vorzulesen, da brln. Barsescu ver- 
hindert war. 

Goethes Idealismus und sein Ver- 
hältniss zu Schiller. 

In meiner laust - Ausgabe nannte ich laust 
den Helden des imbesiegliclien Idealismus, mit dem 
Zusätze, das sei ja eigentlich auch Deutschland selbst, 
das Deutschland zu (ioethes Zeit. Die idealistische 
Ideenbewegung war ja die .\ciion. mit der Deutsch- 
land im 18. .lahilumdert seine weltgeschichtliche 
.Stellung wieder gewann: das Zeitalter der l-'rivo- 
lität wai\l in Deutschland durch den Idealismus einer 
jüngeren (ieiKiation besiegt. Deutlich wird der 
Idealismus lausts durch die (iegenüberstellung des 
.Mephistopheles : des (ielsts der N'erneinung, der 
nichts Ideales gelten lässt. der daran nicht glaubt, 
dem es ein Leei'es ist . ein Nichts, dem gegenüber 
Faust sagen kann: In deinem Nichts holt ich das 
.Ml zu linden I — .Mephistopheles ist das Ai:n 
Menschen niederziehende (iemeine. die selbstische 
Sinnlichkeit (.Sinnlichkeit ist immer selbsiisch und 
lun- sie ist die (l^uelle der Selbstsuchli, der die 
selbstvergessene, im Object aufgehende Liebe gegen- 
übersteht. Lrinnern wir ims . wie (ioethe gerne 
/(/<( ////(/ I.i</it zusammenstellt. So in den Sprüchen 
in Prosa (bei Loepcr 8(19) und gar schön im Buch 
der Betrachtungen (18) im westöstlichen Divan. W 11 
können über diesen Spruch (ienaueres angeben.") 
Indem er sich dem jo. Lebensjahre nähert, schreilil 
er mil ergreifender Resignation, den ici. lehruar iSiS: 

..Die Jahic n.ilniHii .lir. du s.i.ysl. sc. v Uhs : 

Die eiKentlicIie Lust dts .Sinnespielfs, 

l-lrinnerunj; des allerliebsic.tt Tamlcs 

Von gestern, weil- und hreiten Landes 

Durcliscinveifen froninu nicht mehr; seihst nicht von I IhL-n 

Der J'dnen anerkannte Zier, das Loben 

ICt fVciilicli stnist. ,\us eij^ncni Thun Hehajjen 

Oiiilll iiiclil nuhr auf. dir fehlt ein droi.stes AVaj.'en 1 

Xiui vviissf icli nielu was ,lir Mesondres blicher" 



, l)asK,.l- 



"Nal'.-'l.i''.) ',. I!,l.. 



al h. 



.-Ik.Im 



Cliionik Jes Wiener (joellie- N'cicins 



Hier l)liel) er stclin. Kist an seinem üebiirts- 
tai;e iSi-; schloss der nunmehr 74 jährige in Marien- 
had das Gedicht ah mit der Verszeile: Mir bleibt 
geniii;! Ks bleibt hhc iiinl [.hin '. — ^Bekanntlich erhob 
ihn damals die Anwesenheit des Fräuleins I'lrike 
\ on Le\ etzow. 

liier könnte die ZwischeniVage sich erheben: 
ob denn üoethe Idealist war.' ob denn seine (irösse 
nicht in seinem Realismus zu suchen ist, seinem 
>stiK ollen Realismus«? Diese Frage hat in unmittel- 
barem Gefolge die beirrende Anschauung: der wahre 
Idealist sei Schiller. 

Ins scheint nun das Auftreten dieser beiden 
(iestalten nebeneinander ein grosser Segen in unsrer 
deutschen Geisterwelt. 

Ks befähigt uns, das Kunstprincip der modernen 
Welt, bei der Wiedergeburt einer ursprünglichen I 
Kun>t, zu erkennen, indem damit die beiden l'ole 
menschlicher Geistesart uns vor .Augen gestellt und 
ihr '.Viderstreit sowie ihr Ausgleich zu einem unver- 
lierbaren Eigen th um deutscher Cultur gemacht werden. 

Damit beginnt eine neue Fpoche, in der die 
deutsche Literatur die Führung hat. — Goethe und 
Schiller waren beide Idealisten 1 Was Goethes Idealis- 
mus anbelangt, so ist es kaum mehr nothwendig, 
auf sein erstes bedeutendes Gespräch mit Schiller 
hinzuweisen. 

Goethe trug Schillern seine Anschauung von 
der .Metamorphose der Bilanzen vor. Schiller bestritt 
nur. dass diese .Anschauung erfahrungsniässig zu 
erlangen sei. und sagte am Schluss der Erörterung: 
(A/.v isl kiiiii Eifiihniii}^. das ist liiu Jdn '. 

Schiller hatte recht. Goethes Anschauung ging 
immer darauf aus, dem Wirklichen eine Idee abzu- 
gewinnen, die ihm inwohnende Idee: im Einzelnen 
ein .Allgemeines, im Endlichen ein Unendliches, im 
Zufälligen ein Nothwendiges. im Gemeinen ein L n- 
gemeines. im Vergänglichen ein ewiges (jesetz zu 
sehn. Dieses Streben ist ihm angeboren, so verfährt 
er in der Dichtung, so in der Forschung: so wittert 
er in der Halsbandgeschichte die Revolution und 
divinirt aus der Betrachtung von Thierschädeln den 
Zwischenknochen auch bei dem Menschen. — Dies 
xcrräth aber eben einen Geist, dessen Grundform 
Idealismus ist, indem er selbst sich für einen 
Realisten hält. Wenn der Realist nichts sehn will, 
als das, was er mit den Sinnen wahrnimmt, sieht der 
Idealist in allem Sinnlichwahrnehmbaren ein nur dem 
Geiste Sichtbares. Goethe hält auch Letzteres für 
Erfahrung und wird von Schiller erst aufmerksam 
gemacht darauf, dass es mehr sei als das. Er, Schiller, 
der anerkannte Idealist, bezeichnet damit Goethes 
Denkungsart als Idealismus. 

Es ist nun leicht zu ersehn, wie sichs mit der 
Gegensätzlichkeit der Geistesart Schillers und Goethes 
verhält. 

Goethe sagt über diesen (iegensatz: Niemand 
! unnte leugnen, dass zwischen zwei Geistesantipod. n 



mehr als Ein Erddiameter die Scheidung mache, da 
sie denn beiderseits als Pole gelten mögen, aber eben 
deswegen in Eins nicht zusammenfallen können.-; 
Dann aber erzählt er jenes bedeutende Gespräch mit 
Schiller als Beweis dafür, dass »doch ein Bezug 
unter ihnen stattlinde. Dieser Bezug liegt in nichts 
anderem als darin: dass beide Idealisten sind. Ihr 
Idealismus ist nur darin unterschieden, dass Schiller 
eine subjective, in sich selbst versunkene, Goethe eine 
objective. auf die Aussenweli gerichtete Natur ist, 
w ie dies ja schon beider Bildnisse aussp'-echen. .\ber 
Idealisten sind sie beide und ein Irrthum ist es, 
Goethe einen Realisten zu nennen. Wenn \on 
hhalisinits als einer Eigenschaft einer bestimmten 
Person die Rede ist, so kann doch darunter nichts 
andres verstanden werden, als das \orwalten dc- 
Idealen. 

Das Ideale waltet bei dem Idealisten .v" \or. da^> 
er die Dinge sieht und zu sehn strebt, nicht wie sie 
sind oder scheinen, sondern wie sie sein S"lleii. Der 
Realismus sieht nur die baare Wirklichkeit, ohne das 
Zufällige von dem Nothwendigen zu unterscheiden. 
Goethe kann gar nicht anschaun ohne zu idealisiren. 
In seinen jüngst publicirten 22 Ilandzeichnungen 
sehn wir einmal eine Gegend, die er abzeichnet, im 
Zeichnen willkürlich umgestaltet, idealisirt. Das 
liegt in seiner Natur, — Es ist ihm nichts unbedeutend 
und er beurtheilt nichts nach dem äussern Anschein: 
er setzt überall voraus einen tieferen Hintergrund, 
sucht ihn zu erkennen und sich das Werden des 
Angeschauten klar zu machen: die Vernunft ist auf 
das Werdende gerichtet, der Verstand auf das Ge- 
wordene. So sucht er dem Wirklichen die Idee 
abzugewinnen und es im (Jeiste nachzuschauen. 

Er spricht dies selbst aus in dem Aufsatze A- 
deuleiiik /''iiideniis diiirh ein einsiges geis/ieiehes Wort. 
Da findet er, dass seine .Anschauungsweise darauf 
beruhe, dass er nicht rastet, bis er den prägnanten 
Punct lindet, »von dem sich vieles ableiten lässt 
oder vielmehr, der vieles freiwillig aus sich hervor- 
bringt. •> — »Findet sich in der Erfahrung irgend eine 
Erscheinung, die ich nicht abzuleiten weiss, so lass' 
ich sie als Problem liegen,« Es wohnt in ihm der 
Glatihe, die \oraussetzung des idealen Gehalts in 
jeder Erscheinung der Wirklichkeit, und sie interessirt 
ihn nur, weil er ihn zu tinden holVr, Es erscheint 
ihm etwas nur dann als wahr, wenn ihm der Einblick 
in das Wesen klar wird, wenn er den fruchtbaren 
Punkt findet, aus dem sich ihm im Geiste das Ange- 
schaute, wie es geworden ist, aufbaut, l nerträglich 
ist es ihm, wenn eine Naturkraft unfruchtbar ver- 
schwendet wird, wie z. B. durch Vulcanismus (Faust 
78()Q :was w ird dadurch nun weiter fortgesetzt? u. o.). — 

Damit ist nun aber nicht gesagt, dass sein 
Idealismus auf das Organische beschränkt sei, weil 
der fruchtbare Keim aus dem der Organismus hervor- 
geht, das organische Leben und Werden im .An- 
orsaniichen nicht wahrzunehmen sei. Das .Anorya- 



I liiiinik lies Wiener (iocllie -Verein: 



nischc erscheint ihm nur problematisch, wo es nicht 
in solchem Zusanimcnhani; voi- den (jeist tritt, vom 
(leist fjeschn wirJ: Jass es e\vij;e (lesetzc ollenhan. 
SohalJ es im Zusammenhang; mit ewigen Weltgeset/.en 
erscheint, erhebt es den (»eist ebenso wie das Or- 
ganische vom (iemeinen /.um l'ngemeinen, zur Idee. 

Denken wir seiner schönen Worte in seiner i 
herrlichen Schrift über Wiiicki'liintiiii: 

-Wenn die gesunde Natur des Menschen als ! 
ein (ian/.es wirkt, wenn er sich in der Welt als in ! 
einem schönen, würdigen und werthen (jan/en fühlt. • 
wenn das harmonische Behagen ihm ein reines. I 
freies Knt/.iicken gewährt; dann würde das Weltall, 
wenn es sich selbst emplinden könnte, als an sein \ 
Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen 
Werdens imd Wesens bewundern. Denn wozu dient 
alle der Aufwand von .Sonnen und Planeten und 
Monden, von Sternen und .Milchsirassen, von Ko- 
meten und Nebelllecken, von gewordenen und wer- 
denden Welten, wenn sich nicht zuletzt ein glück- 
licher Mensch iinbewusst seines Daseins erfreut;'« 

Wenn sich das Ideal, das in den bildenden j 
Künsten zur Darstellung kommt, namentlich der 
üildnerei und Malerei, wesentlich in der Darstellung i 
des Lebendigen ausspricht, so sehn wir hier den 
Idealismus sich aufschwingen zum Gefühl jener ewigen 
(jesetzmässigkeit, die sich im \norganischen olfen- 
bart und künstlerisch in der Musik und Haukunst 
ihren .Ausdruck lindel. 

Wenn wir demnach diejenige (ieistesart. die 
die Dinge sieht und sehen will wie sie sein sollen, j 
Idealismus nennen, so ist (Joethe Idealist; wie Faust 
Idealist ist und iian .Mephistopheles überwindet, 7Ciil : 
er Idealist ist und dieser Realist. Goethes Idealismus 
unterscheidet sich aber •. on dem Schillers, indem 
dieser seine Ideale ursprünglich aus seiner imaginären j 
Traumwelt holt und (ioethe sie immer unmittelbar 
dem Realen abgewinnt, was Schiller ihm ja in der ; 
Zeit seiner .Meisterschaft abzulernen bestrebt ist. Darin 
zeigt sich, dass Schiller von (ioethe überwältigt ist. 
Kr fühlt es. indem er sagt : dem X'ortretfliclien gegen- ^ 
über gibt es keine Freiheit als die Liebe. Wenn \ on j 
(joethes Realismus gesprochen wird, so ist damit sein 
dem Realen abgewonnener Idealismus gemeint. Wol 
bat (ioethe überall sein Modell, wie es die Wirklich- 
keit bietet, vor .\ugen, aber mit der Tendenz, es zum 
Kunstwerk zu erheben. Wunderbar wird ihm (iötz 
von Derlichingen aus dessen eigener Biographie 
lebendig. Bis zur Illusion ist er bestrebt ihn natur- I 
wahr wiederzugelien. Kr eignet sich seine Sprache 
an. gebraucht ganze Sätze wörtlich wie sie (iötz in 
seiner Biographie selbst niederschrieb und danach i 
färbt und stimmt er das (ranze so, dass es die Wirk- 
lichkeit wiederzugeben scheint und dennoch : mit 
welcher Kunst macht er durch seine Zuthaten erst 
ein prachtvolles (remälde daraus, ohne dass man die 
Zuihat als solche emplindet. — So entnimmt er gerne 



Töne und Farben der Wirklichkeit, denken wir an 
den Brief .Icrusalems an Kestner im Werther, einen 
anderen Brief, wahrscheinlich der Frau von Stein, in 
den (jeschwistern. Kr sieht oltenbar in einem solchen 
Detail einen prägnanten Punkt, aus dem sich das 
l'ebrige ableiten lässt. So nimmt Schiller in seinem 
Teil Kinzelnes aus Tschudis (;hronik. So nimmt 
(ioethe Verse aus N'olksliedern auf und erzielt wimder- 
bare Wirkungen, so auch Stellen aus Shakespeare, 
aus griechischen Tragikern, auch aus Aristophanes. 
— Als realistisch erscheint uns seine Tendenz, wenn 
er zur Darstellung von Shakespeares König .Johann 
die Scenen zwischen Hubert und .-\rthur mit der 
jugendlichen Schauspielerin (Christiane Neumann ein- 
studirt, indem, er die Rolle Huberts übernimmt und 
sie so erschüttert, dass sie mit der Rolle wundervolle 
Wirkung machte durch Naturwahrheit ihres Spiels. 
Dazu spricht er seine Maxime aus: ; in jedem Stück 
den Vorzüglichsten zuliemerken und ihm die andern 
anzunähern« — So studirte er bei der ersten Faust - 
.Xurtuhrung sorgfältig dem Darsteller Laroche die 
Rolle des Mephistopheles ein; die übrigen sollten sich 
danach stimmen. 

Ks ist immei' das Dringen auf den prägnanten 
Punct. aus dem alles Andere hervorgehn soll. Dies 
ist aber nicht Realismus, sondern die .Maxime eines 
idealistischen Princips, das nicht auf Darstellung der 
Wirklichkeit ausgeht, sondern auf Darstellung eines 
Kunstwerks: es ist objectiverldealismus luid ein solcher 
muss überhaupt das Princip der Kunst sein. 

Wenn in Rückerts Spruchgedicht auf .Schillei 
und Goethe aus der Weisheit des Brahmanen (VI, Kij 
von Schiller gesagt wird: Kin hoh<s J(/,ol lUm Eiiiiii 
sihii'iiilc ■ror. zu dem er iiin'envandl s,iit Aiillilz hui/ 
iiiifiiir. und \on Goethe: ]'om Jdcalc seihst der andere 
floi; ifehoiieii. Er "var släts wo es -Ciir, nie iiiilen er, es 
olnii, so können wir diese .Anschauung nur wahr, über- 
zeugend und trelVend linden. Danach scheint uns sogar 
(Jod he mehr Idealist als Schiller. 

Der naive, objective ist aber der ei:^entliche 
Dichter; seinen objectiven Idealismus strebte auch 
Schiller an, sobald er zu dieser Krkenntniss gelangt 
war. und(//i',\(7/ Idealismus hat Goethe zum Sieg geführt : 
er soll allen Dichtern u'ul Künstlern zum \'orbild 
dienen, daneben alles .Sentimentalische, alles falsche 
Pathos als Rückschritt zu betrachten ist. 

Der Realismus, den imsere Zeit \on der Kui.sl 
verlangt, kann nur als berechtigt anerkannt werden, 
wenn er ein dem Realen abgewonnenes Ideal erreicht. 
.An das Modell der Wiiklichkeit muss sich der Künstler 
wol halten, aber er muss mit (ieistesblick im W'irk- 
lichen mehr sehn als das. was der Spiegel wieder- 
gibt: er muss das Wunder sehn oder mindesten^ 
ahnen, das hinter den Dingen verlnirgen ist: die Be- 
dinüiuit; hinter dem Bedingten. .V. 



Verlag des Wiener Goetlie-Vereins. — Druckerei des „Uhistrirteii Wiener E:(trablaUs- (Franz Suschitzky). 



Die Chronik erscheint um 
Mitic jedes -Monats. 



CHRONIK 



Iin Auftrage ^cs 
lerüoethc VerpinsHer- 
eberu.verautwortliclier 
Redactcur: 
A: J. SdirÖ!r. 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 



Wien, 18. Mai IJ 



4. Jahrgang 



INHALTt -rtDhs Geburtshaus Herders dem Uulcrgauge geiueihi'^. — Vebcr Goethes ^Fromm 



— Goethe und Schitlei 



¥ 



*;^as Geburfshaus Herders dem Unter- 
gange geweiht!" 

.Mit dieser Ueberschrifterlässt die »Ostpreussische 
Zeitung« vom ■^. März einen Aufruf, der sich an die 
N'erehrer Herders zunächst in der Provinz wendet, 
welche ihn zu ihren grössten Söhnen zählt. 

Das kleine, einstöckige Haus in Mohrungen, in 
welchem Johann Gottfried Herder am 2 t . August 1 744 
geboren ist und seine Jugend verlebt hat, gehört zur 
Zeit noch einer altersschwachen Frau, deren zerrüttete 
Vermögensverhältnisse die Subhastation binnen kur- 
zem herbeiführen müssen. Erfolgt dieselbe, so ist das 
Häuschen dem Abbruch verfallen ; denn e^vfifd dsn-.i 
voraussichtlich von einem Nachbar behufs Vergrösse- 
rung des eigenen Wohnhauses erstanden. 

Gemeinde-Kirchenrath und .Magistrat von Moh- 
rungen haben es abgelehnt, das Grundstück freihändig 
anzukaufen. So muss durch Sammlung die Summe 
aufgebracht werden, welche den .Ankauf und die 
Sicherstellung des Hauses ermöglicht. Der Werth 
desselben wird auf 2500 .Mark berechnet; zur Her- 



stellung ,\\;erde:'.. 
bctindet.'^etwa 
im Verzuge. 

Nicht der 
bleiben, in soL, 



sich in baufälligem Zustande 
lark nöthig sein. Es ist Gefahr 



.atprovinz darf es anheimgestellt 
jalle rettend einzutreten. Herder 
gehört dem deutschen Volke. Jedem Empfänglichen 
ist sein Vat-*£riaus-ein Wahrzeichen der aus Niedrig- 
keit hervorgegangenen Grösse. 

Wir geben deshalb hiermit dem aus Herders 
Heimat an uns gelangten Aufruf weitere Verbreitung. 
Beiträge zum .Ankauf, zur Erhaltung des Herder- 
hauses in Mohrungen ist jeder der Unterzeichneten 
bereit anzunehmen, insbesondere der Schatzmeister 
der- Berliner »Gesellschaft für Deutsche Literatur« 
Bankier Alexander Meyer-Cohn in Berlin, W, Unter 
den Linden i i. 

M<uz 1889. 

Berlin: Ernst Curtius. Herman Grimm. Wilhelm 

Hertz. Dr. Otto Hoffmann. Dr. E. Höpfner, Geh. 

Reg.-Rath. Dr. G. v. Löper, Wirkl. Geh. Rath. 

.•Mexander .Meyer-Cohn. Dr. Julius Rodenberg. 



Prof. Dr. Erich Schmidt. Dr. Richard Schöne, 
Generaldirector der Königlichen .Museen. Heinrich 
von Treitschke. Weidmannsche Buchhandlung. 
E. V. Wildenbruch. E. Zeller. 

Breslau: Prof. Dr. K. Weinhold, Geh. Reg.-Rath*). 

Halle: Dr. Rudolf Haym, Prof. a. d. Univ. 

Hamburg: Director Dr. C. Redlich. 

Heidelberg : Dr. Kuno Fischer, Wirkl. Geh. Rath. 

Leipzig: Dr. Rudolf Hildebrand, Prof. a. d. llniv. 
Dr. Ed. Simson, Präs. d. Reichsgerichtes. Dr. Fr. 
Zarncke, Prof. a. d. Univ. 

München: Dr. Michael Bernavs, Prof. a. d. L'niv. 

Weimar: Hermann Böhlau. Dr. Reinbold Köhler, 
Oberbibliothekar. C.Ruland, Geh. Hofrath^DirectoV 
des Goethe-National-Museums. Dr. G. Tb. Stich- 
ling, Staatsininister. Prof. l>r. .Suphan, Director 
des Goethe-.Archivs. 



Ueber Goethes : ,, Fromm sein". 

Vortrag, geli.ilten au Goethes Todestage, den 22. .Mär/. iS8g, 
von K. J. Sc-inwr im \A'iener Goethe- Verein **). 

Wenn uns Goethes Leben und seine Werke mit 
Liebe und Bewunderung erfüllen und wir aufblickend 
so oft die lieblosesten und leersten Urtheile über ihn 
vernehmen müssen, so kann uns dies für den .Augen- 
blick als ein Räthsel erscheinen. Bei näherer Erwä- 
gung scheint uns eine solche Ungunst doch darauf 
zurückzuführen, dass die Siege, die Goethe über eine 
entartete Welt davongetragen, sich doch nur auf 
einem »ideellen Montserrat«, auf den Höhen der Bil- 
dung vollzogen haben, indem die auf dieser Höhe 
überwundene Sinnesart unten im 'I'hale noch unbe- 
rührt lebendig blieb. — Dieser Welt mit den Ele- 
menten der Frivolität wie der Bigotterie, den Ele- 
menten sittlicher P'äulniss, aus denen sie zu bestehen 
schien, mangelte durchaus Dasjenige, das mit Goethe 
als ein Neues in die Welt trat: sein zuversichtlicher, 
angeborner Glaube an das Ideale, nicht aiisserJiali'i 
der Welt, sondern in jeder Erseheiniirig der Wirklieh- 



•) Inzwischen n.icli JJcrlin iibcrsicdpU, H.^honznllfrnstr 
^ *■; ;2ucrst .-ibffodruckt in d<^n Mnnt;is:iiisj?;iben des l'.crl 
ehiattes vom 15. und 22. Ai)ril 1. J. 



Cliroriik des Wiener Goethe -Vereins. 



keil. — Der Welt erschien Goethes Richtung, wie sie 
z. H. in seinem Götz hervortrat, als Realismus. Es 
war aber nichts weniger als das ; es oll'enbarte sich 
iloch auch hier wahrhaft künstlerischer Idealismus, 
der die W'irkiiciikeit wieder zu geben scheint, indem 
er ihr doch nur so viel entnimmt, als nothwendig ist, 
um diesen Schein zu erzielen. Vs will ja nicht die 
Wirklichkeit wiederholen, sondern nur unserem Geiste 
(las Wesen des Gegenstandes enthüllen, das Kwige, 
das Dauernde im Wechsel. 

Dies ist nun, was wir nicht übersehn dürfen, 
nicht der subjective Idealismus Schillers in dessen 
.lugendwerken, der, abgewandt von der WirklichkvMt, 
im Imaginativen seine Heimat hat, eine Richtung, die 
Schiller selbt aufgab in der Zeit seiner Meisterschaft. 

Wir wissen nun, dass Schiller in derselben Zeit, 
als die Lesewelt, von seinen .lugendwerken berauscht, 
von Goethe abgefallen und in sein Lager übergegan- 
gen war: dass Schiller gerade damals sich von (joethe 
mächtig angezogen, ja endlich völlig überwältigt 
fühlte, was ihm bei der Lectürc des Wilhelm Meister 
den schönen Ausspruch entriss, »dass es dem Vor- 
trelTlichen gegenüber keine l'reihcit gibt als die 
Liebe!« 

Von da an gingen Goetlie und Schiller Hand in 
Hand und gab es keinen Zwiespalt ihrer Bestrebungen 
mehr. Nicht als ob sich Beide auf halbem Wege ge- 
nähert hätten : Schiller unterwarf sich vollständig und 
Goethe ging, unbewusst, nach wie vor »traumwan- 
delnd«, seine hohe Bahn weiter. Er liess sich dabei 
gern von Schiller »seine Träume deuten«, wie er's 
nannte, und ergab sich vertrauensvoll der Fülirung 
des Besiegten, den er rückhaltlos bewunderte. Ein 
Schauspiel ohneGleichenl — Denken wir nur an seinen 
Epilog zu Schillers Glocke! — 

l'nd wenn dann noch Dieser und .Icner den Ge- 
schmack hat, Schiller zu preisen auf Kosten Goethes 
- — ■ oder auch umgekehrt — so sind daran gewiss 
nicht die i^eiden schuld, sondern nur er selbst, der 
der Entwicklung der schönen Harmonie dieses Ver- 
hältnisses nicht zu folgen im Stande war. Diese Ent- 
wicklung vollzog sich auf den Höhen des geistigen 
Lebens. Nicht Viele nahmen Theil daran; sie schufen 
aber doch die Grundlage einer neuen Bildung in 
Deutschland, durch die es seine hohe Stellung ge- 
wann, lange vor seinen Erfolgen mit dem Schwert. 

Bei Goethes Auftreten stach zunächst, neben dem 
imponirenden Pathos der Andern, an das man ge- 
wohnt war, die naive Frische seines Ausdrucks ab. 
— Diejenigen, die den idealen Zug in Goethes Natür- 
lichkeit nicht fühlten, deuteten leicht sein Wesen in 
ihrem Sinne aus, so dass sich Goethe, wie er später 
einmal sagt: gern fern von Aiix\ Menschen hielt. 
welche nur das Wahre zu sehen glauben, wenn sie 
das Gemeine sehen. 

Von jenem 'l'heil des Pubücums, der in diesem 
Ausspruch gemeint ist, ergehen denn nun die .\n- 
klagen gegen ihn fort und fort. 



Wenn der Mensch, vielleicht gedrückt durch 
Erdensorgen oder Zeitverhältnisse , nach Erhebung 
dürstet, da kann es ihm oft recht nahe gehn, wenn 
er auch die Bessern vom Strome fortgerissen sieht, 
(joethe zu verkennen. Goethe, der uns doch eine ganz 
einzige (j_uelle der Erhebung ist! — 

Von einem Goethe-Cultus spricht man, geradezu 
tadelnd, als ob man in der .Anerkennung Goethes 
übertreibe, als ob man nichts Besseres zu thun wüsste, 
als etwa Goethes Bildniss ins Schöne zu färben. Als 
ob es dessen bedürfte ! .Ms ob er uns nicht gerade 
so. wie er ist, wie er sich gibt in seiner Wahrheit 
und Menschlichkeit, theuerwäre! Alle seine Schriften 
sind Bekenntnisse, offene, aufrichtige Bekenntnisse. 
Was er irrte, was er strebte, was er litt und was er 
lebte, das spricht er im Liede aus : ein wahrer Mensch, 
der sich nie den Anschein eines Engels gab. — Was 
sollte uns ein Menschentypus auch, der nicht ein 
Mensch wäre wie wir? — Der Idealismus aber, der 
ihn sein Leben hindurch erhob, die selbstlose Men- 
schenliebe, die ihn beseelte, waren ihm so natürlich, 
dass er kein anderes Verdienst in Anspruch nahm. 
als das, ein Mensch zu sein, und so liess er d;nn 
auch Acn Dichter \or dem Thore des Paradieses in 
seinem Namen sprechen : 

..Nicht so vieles i-'ederlesen ! 
Lass mich immer nur herein : 
Denn ich bin ein Mensch g^vesen, 
I'nil das heisst ein Kfimiifer sein!" 

L'm von seiner ungeschminkten Erzählungsweise 
ein Beispiel zu geben, erinnere ich nur an gewisse 
bedenkliche Punkte in Dichtung und Wahrheit. Mit 
welcher Unbefangenheit erzählt er da, wie er schon in 
früher Jugend in Gesellschaft von Personen gekom- 
men, die — besser waren als ihr Ruf. ,1a, er selbst 
war bereits in dem Alter von nicht ganz i6 Jihren 
in Frankfurt geradezu in übelm Ruf! — Wir wissen 
doch, wie harmlos die Ursachen dieses bösen Leu- 
mundes waren, wie rein jenes anmuthige schöne 
Gretchen vor den strengen Richtern befunden worden 
ist! Wie sie ihn, dt^r viel jünger war als sie, als Kind 
betrachtete, ihn von dummen, leichtsinnigen St reichen, 
wie der Anfertigung falscher Liebesbriefe, abhielt, 
und ihn nur einmal, als er sie zum letzten Male sah, 
auf die Stirn küsste. Er allerdings war bitter gekränkt, 
ja empört darüber, dass sie ihn, wie sie angab, als 
Kind betrachtet haben wollte, und er bramarbasirte 
nun, echt knabenhaft, von der Treulosigkeit und 
Falschheit der Weiber, wie ein erfahrener Lebemann, 
so dass man sich das Schlimmste denken konnte! — 
Der einsichtsvolle Freund des lebhaften, schönen 
Knaben Wolfgang wird nur lächeln über die mann- 
hafte Pose, die er hier annimmt, und erkennen, dass 
er sich schon wieder zurechtfinden wird. — -So könnte 
man alle bedenklichen Punkte in Goethes Leben 
durchsprechen und sein Bild würde dadurch nur 
gewinnen. 



A 



Chronik des Wiener Goethe- Vereins. 



27 



Gerecht aber wird man ihm nur, wenn man Jas 
üanze seiner Persönlichkeit sich vergegenwärtigt: diese 
vorwaltende üeistigkeit seines Wesens, diese Offen- 
lieit und Wahrheit, diese liebevolle Selbstlosigkeit 
und pietätvolle Objecti'-ität ! Dieser Ernst und diese 
(jründlichkeit, mit der er Alles antasste bis an sein 
Lebensende, unermüdlich ! 

Dazu erinnere man sich nun seiner äusseren 
Erscheinung. — Der Ausdruck seines Antlitzes spricht 
in der Jugend wie im höchsten Alter hohe Geistig- 
keit, unablässig rege Thätigkeit aus. Der Blick ist 
wohlwollend und tief eindringend auf die Wirklich- 
ki'/l gerichtet ; er scheint mit ganzer Seele hineinge- 
zogen in das Object. Der Mund drückt energisches 
Wollen aus. 

l')as sind nicht die Züge eines Lebemannes, son- 
dern die eines unermüdlich schaftenden edeln Geistes. 

Und wenn man nun mit dieser äussern Erschei- 
nung seine sämmtlichen Schriften zusammen hält, die 
nirgend und niemals zu trivialer Flachheit herab- 
sinken, immer und überall voll eines einheitlichen 
grossen Geistes sind, da muss man bekennen : er war 
eine so geartete Persönlichkeit, dass alle seine Hand- 
lungen und Neigungen untrennbar waren von seinem 
hohen Geistesleben, dass auch das Irdische an ihm 
nothwendig durchgeistigt sein musste. Daraufkommt 
es ja doch am Ende an. Wissen wir ja doch — und 
das ist der schlagendste Beweis für die Geistigkeit 
seines Wesens — wie leicht vor seinen Blicken die 
Wirklichkeit ins Ideal umschlug und sich in ein 
Kunstwerk verwandelte. 

Wol war Goethe kein Freund all der sentimen- 
talen Allüren der »schönen Seelen« seiner Zeit : er 
selbst aber war keineswegs so weltlich gesinnt, als er 
scheinen mochte. Er war am glücklichsten in Stim- 
mungen der Entsagung und des inneren Friedens, 
dem er ja schon 1776 die schöne Hymne widmet: 
vDer du von dem Himmel bist. Alles Leid und Schmer- 
zen stillest, Den, der doppelt elend ist. Doppelt mit 
Erquickung füllest : Ach, ich bin des Treibens müde! 
Was soll all der Schmerz und Lust ? Süsser Friede, 
Komm, ach komm in meine Brust!« — • Eine Stim- 
mung, in die sich nichts Leidenschaftliches mischte, 
war das Ideal seiner Wünsche, war ihm Bedürfniss : 
»Möge die Idee des Reinen, die sich bis auf den Bis- 
sen erstreckt, den ich in den Mund nehme; immer 
lichter in mir werden«, schreibt er in sein Tagebuch 
7. August 1779. Solche Seelenhoheit lässt sich aus 
Goethes Jugend wie aus seinem Alter nachweisen. 

Die Objectivität seines Geistes hat Selbstlosigkeit 
zur Folge. Der Geist vertieft sich in das Object und 
vergisst seiner selbst. Hierin spricht sich sein ganzes 
Wesen aus : seine Gegenständlichkeit, die überall im 
Realen das Ideale sucht und findet, sowie seine sich 
selbst vergessende Liebe und Güte. Die Liebe ent- 
springt dem Glauben an das Ideale, das er überall im 
Hintergrund der Dinge voraussetzt. Er ist liebevoll, 
weil er es überall voraussetzt. 



Der scharfblickende Merck sagt über Goethes 
Auftreten in i\t\\ ersten Jahren in Weimar : »Goethe 
gilt und diiigirt Alles vmd Jedermann ist mit ihm zu- 
frieden, weil er Vielen dient und Niemandem schadet. 
Wer kann der Uneigennützigkeit des Menschen wider- 
stehen?« *) 

Wenn nun Deutsche ihren Goethe einen Egoisten 
zu nennen im Stande sind, so ist es fast beschämend, 
erleben zu müssen, dass Engländer es waren, die sich 
dagegen überzeugend und begeistert ausgesprochen 
haben : Carlvle und Lewes. Ersterer bespricht seine 
Güte mit den Worten : »In keiner Zeile spricht er 
mit Härte von einem Menschen, kaum über eine 
Sache. Er kennt das Gute und liebt es ; er kennt das 
Schlechte und verwirft es ; aber Beides ohne Heftig- 
keit. Seine Liebe ist ruhig schöpferisch; seine Ver- 
werfung mehr angedeutet als ausgesprochen.« Lewes 
widmet in seiner Biographie Goethes, seiner Menschen- 
liebe und Güte ein besonderes Capitel. Er erinnert 
daran, welche Liebe Goethe . in amtlicher Stellung 
beurkundet : »zu der Classe von Menschen, die man 
die niedere nennt, die aber gewiss für Gott die 
höchste ist.« Goethes NN'orte. — • Bei einer Landes- 
bereisung will er an seiner Iphigenie arbeiten, kann 
aber nicht die Stimmung dazu finden, da ihm das 
wahrgenommene Elend der Arbeiter zu Herzen geht. 
»Es ist verflucht,« sagt er in einem Briefe, »der König 
von Tauris soll reden, als wenn kein Strumpfwirker 
in Apolda /;««^t7'/(?!« — Kennen wir ja schon aus 
N\"erthers Leiden Goethes Liebe zu der Menschenclasse 
der Armen, sowie auch seine Liebe zu Kindern. — 
Einen glänzenden Beweis für Goethes innerliche Güte 
führt Lewes aus, indem er die bekannte Geschichte 
des \'erhältnisses Goethes zu einem gewissen »Kraft« 
erzählt. Dies ist ein durch eigene Schuld unglücklicher, 
verbitterter Mensch, der Goethes Hilfe anspricht und 
den Goethe mit unerschöpflicher Geduld Jahre lang 
ganz allein erhält, ohne dass irgend Jemand etwas da- 
von erfährt. Er schreibt ihm einmal : »Ich weiss im 
ganzen Umfang, was das heisst: sich das Schicksal 
eines Menschen zu den übrigen Lasten auf den Hals 
zu binden ; aber Sie sollen nicht zu Grunde gehen!« 
Alle Züge der Menschlichkeit aufzuführen, wie Goethe 
den Gesunkenen sittlich zu heben bemüht ist, würde 
uns zu weit führen. Wir können nur Andeutungen 
geben. — Eine weitere Anschuldigung Goethes, die 
ihn als geschmeidigen Höfling hinstellt, wollen wir 
nur kurz als absurd ablehnen, indem Derjenige, der 
sie erhebt, den zweiten Theil des Faust, der in des 
Dichters letzten Lebensjahren geschrieben ist, ent- 
weder nicht kennen oder nicht verstehen muss ! — ■ 
Wenn man aber von Gojthes Verhältniss zu Karl 
August der Meinung ist, so wissen wir doch, wie 
freimüthig Goethe, wie hochherzig der Fürst, Einer 
gegen den Andern waren. Wir wissen auch, dass 
es Reibungen gab, besonders wegen des Theaters. 



') llcrck im September 1877 bei l-l 



(broiiik 'les Wiener Goetlie -Vereins. 



Ks kam ja allerdings vor, dass Karl August ein- 
mal 1808 schrieb: er könne platterdings die 
sogenannte Souveränetät (Goethes) nicht existiren 
lassen, und dass Goethe einer Mittelsperson entgegen 
schrieb — und Karl August bekam es zu lesen : er 
glaube nicht, dass man jenseits nachgeben wird : er 
werde aber kein Haar breit weichen ! — Der Fürst 
gab damals noch nach, erst 1817 kam es in diesem 
Punkte zum Bruch. Aber, sieht dies Vcrhalkn Goefhcs 
wie Servilismus aus? — Zum Schluss heben wir denn 
noch eine .Anschuldigung hervor, die vielleicht bei 
Vielen die schwerste ist: die des Unglaubens; er war 
ein L'ngUlu biger, heisst es. — Kr sagt doch einmal 
(Zum Westöstlichen Divan) : »Alle Epochen (der Ge- 
schichte), in welchen der Glaube herrscht, in welcher 
Gestalt er auch wolle, sind glänzend, herzerhebend 
und fruchtbar für iMitwelt und Nachwelt.« — Er er- 
kannte demnach den Wert des Glaubens. Es fehlte 
ihm allerdings jede Ucberzeugung, den einzig rich- 
tigen Weg des Heils zu kennen. Er fand nur, dass 
Lei allen Confessionen Viele sichs mit ihrem Glauben 
ziemlich leicht machten und dabei für sehr fromme 
Leute gelten, und zwar eigentlich ohne allen sittlichen 
Ernst, sowie dass viele Andere wieder mit dem 
Glauben Missbrauch trieben, geistige Mittel zu ir- 
dischen Zwecken gebrauchten, und dogtgin lehnte er 
sich zürnend auf und gab .\nlass zu der vielfachen 
Verketzerung, die ihm zu Theil geworden ist. 

Die Grundlage seines Geistes war aber auf den 
festen Glauben an ein Göttliches gegründet. Nichts 
nach seiner Oberfläche zu beurtheilen, überall vor- 
zudringen bis zu einer wunderbaren Gesetzmässigkeit, 
zur Bedingung im Bedingten, das lag in seiner Natur; 
daraus geht hervor seine Pietät, mit der er an jede 
Erscheinung herantritt, sein Frommsein. — »Der 
Verstand«, sagt er einmal, »reicht zur Natur nicht 
hinauf, der Mensch muss fähig sein, sich zur höchsten 
Vernunft zu erheben, um an die Gottheit zu rühren, 
die sich in Urphänomenen, physischen wie sittlichen, 
offenbart. «. 

(Fort'etzung folgt.) 



Goethe und Schiller in Japan. 

Nach dem Berichte der Allgemeinen Zeitung er- 
scheint in Japan eine Monatschrift unter dem Titel : 
„ Von Wesl nach Ost-' in deutscher Spracht'. 

Das erste Heft ist soeben erschienen, es enthält 
ausser dem Vorworte: ., Was -c/V 'vollen!" eine Ab- 
handlung von Dr. med. Rintaro .Mori über das ja- 
panische Haus vom ethnographischen und hygienischen 
Standpunkte aus und eine andere von Dr. Kitao über 
die Spectralanalyse. Sodann wird eine .Anzahl von 
Preisaufaaben, Uebersetzungen berühmter Stücke aus 



der japanischen Literatur ins Deutsche, für strebsame 
japanische Studenten ausgeschrieben. 

Im Vorworte lesen wir: »Wenn wir heutzutage 
uns umsehen, so erblicken wir England, F'rankreich, 
Deutschland, sogut wie Italien, die nordamerikanische 
Union mit einander wetteifernd im civilisatorischen 
Fortschritt. .Aber wenn wir uns fragen, welches Land 
in unserer Zeit an der Spitze dieser Culturstaaten in 
wissenschaftlicher Beziehung steht, so können wir 

; nicht umhin, auf Deutschland zu weisen. Dort ist die 
Hauptquelle des Stromes der Wissenschaft unserer 

[ Tage zu suchen. Die Präponderanz der deutschen 
Forschung ist eine allseitig anerkannte Thatsache. 
Die gediegensten wissenschaftlichen und literarischen 
Werke sind in der Mehrzahl in deutscher Sprache 
geschrieben, so dass dies allein genügen würde, jedes 
Unternehmen zu rechtfertigen, welches darauf hin- 
zielt, die deutsche Sprache bei uns immer mehr ein- 
zubürgern, mit demselben Eifer, wie man in Japan 
im Mittelalter das Chinesische gepflegt hatte. .Allein 
daneben gibt es noch einen inneren Grund, auf den 
wir nicht dringend genug aufmerksam machen können. 
Wie ein Japaner auch physisch vind psychisch sich 
von einem Deutschen unterscheiden mag, so herrscht 
doch in der Gefühlswelt so manche Uebereinstimmung, 
dass wir z. B. beim Lesen des »Wilhelm Teil« und 
der »Iphigenie aufTauris« uns ganz anders ergriffen 
fühlen, als beim Lesen des »Hamlet" oder der 
»Phädra«; dass einem Japaner es verhältnissmässig 
leichter ist, sich in die deutsche Gefühls- oder Ge- 
dankenwelt zu finden, als einem Franzosen oder Ru- 
mänen. « 

r")ie Redaction der Zeitschrift setzt sich aus einem 
Kreise von Professoren und Beamten zusammen, die 
zum grössten Theile in Deutschland studirt haben. 
— Wir möchten zu der hübschen Bemerkung nur 
noch beifügen : dass bei dem löblichen Streben der 
Japaner, ihnen an der Hand Goethes, besonders 
seines Wilhelm .Meister j Shakespeares Hamlet, der 
so viel von deutschem Geiste hat, gewiss auch noch 
theuer werden wird. Dass Schiller durch seine Ueber- 
seizung von Racines Phädra dieses Stück ausgezeichnet 
hat, wie Goethe zwei Stücke V'oltaires, wollen wir 
nicht besonders betonen. 

Die Japaner sind ein altes Culturvolk, ihre hohe 
.Achtung vor deutscher Bildung und ihr Streben, sich 
diese Bildung anzueignen, könnte manchem jungen 

Volke unserer Zeit zum lehrreichen Vorbild 

dienen. — .V. 



:les Wiener Goethe -Verein?. — Druckerei des „Illustrirten Wiener Extrabhuts" (Fr.nnz Suschitzky). 



Die Chronik erscheint um die 
Mitte jedes Jlonats. 



CHRONIK 



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Goethe Ver 

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WIENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 6 und 7. 



Wien, 12. Juni 1889. 



4. Jahrgang. 



UHti /'rUticils/est der 



Aus Weimar. 

(O r i g i n a 1 - C .> r r e s p u n cl e n 2.) 

Die diesjährige Gcnerahersammlung der Goethe- 
Gesellschaft linetet am ;•,'. Juni in Weimar statt. Ihr 
geht am I2. .luni eine Vorstandssitzung vorher. Den 
Festvortrag wird Herr Professor Dr. .Michael Bernays 
aus München über Goethes Geschichte der Farben- 
lehre halten. Darauf wird Herr Professor Dr. Suphan 
über eine »Erweiterung« des Goethe-.Archivs Mit- 
theilungen machen. Es folgen die üblichen Berichte 
über das Goethe-Nationalmuseum (Ruland), über das 
Goethe-.\rchiv. das Fortschreiten der Goethe-.-\us- 
gabe und über die Bibliothek (Suphan) und der 
Cassenbericht (Dr. Moritz). Der heurigen General- 
Versammlung wird es auch obliegen, an Stelle des 
in diesem Jahre verstorbenen FVeiherrn von Beaulieu- 
Marconnay ein neues Vorstandsmitglied zu wählen. 
Xm Nachmittag findet wie alljährlich ein gemeinsames 
Festessen statt und .\bends Festvorstellung im Gross- 
herzoglichen Hoftheater. Dazu ist »Tasso« ausersehen 
mit Frau Franziska EUmenreich aus Hamburg als 
Prinzessin. — Man darf hoflen, dass das schöne 
Fest, das zur Bequemlichkeit der auswärtigen Mit- 
glieder in die Pfingstwoche verlegt ist, so weihevoll 
und heiter verlaufe wie im vorigen Jahre. 

Unsere Bibliothek erhält soeben von dem 
Herrn flirector des Goethe-.\rchivs dessen neueste 
Schrift : Shakespeare im .Anbruch der klassischen 
Zeit unserer Literatur. Rede zum i. Mai 1889 von 
B. Suphan. Weimar, R. Wagner 1889, wofür hiemit 
geziemend gedankt wird. D. Red. 



Goethes Lied 

zum , .Sieges- und Friedensfest der verbün- 
deten Monarchen, 

yefeyert im Prater und dessen L'mf;ebunj,'en ,im l8. Üctober 
1814, als am Jahrestage der ^'ülkerschlacht bey Leipzig, 
eine charakteristische Fantasie für das Pianoforte von 
Adalb. Gyrowet/" (Wien, im Verlage des k. k. Kapell- 
meisteis Thade Weigl am Graben 1212). 
In der Doppelnummer 6 und 7 unserer Chronik, 
den 20. Juni l 888, Seite 28 '\ theilte ich eine Dichtung 
mit unter der L'eberschrift: »Eine Reliquie von 



Goethe (?).« Wie daselbst angegeben ist, hatte ich 
diese Dichtung einem Volkskalender entnommen, 
der auch die .-Xngalje enthielt: das (iedicht sei in 
F'olge einer Aufforderung an Goethe 1815 entstanden 
und von Adalbert Gyrowetz in Musik gesetzt, als 
Beigabe zu dessen Tongemälde: »Die Feier der 
Schlacht bei Leipzig beim Volksfest im Prater.« 

Soviel ich auch nachfragte und in Bibliotheken 
nachsuchte, so gelang es mir doch nicht. Näheres 
zu finden über dieses Praterfest und ülier das Lied. 
P'reiherr von Biedermann machte mich aufmerksam, 
dass das Lied im allgemeinen deutschen Lieder- 
lexikon ohne Namen des Verfassers abgedruckt sei. 
Obwol ich selbst in der Hofbibliothek nachsuchte, 
namemlich unter dem Namen Gvrowetz, der in seiner 
Lebensbeschreibung (Wien 1845) seines Zusammen- 
treffens mit Goethe 1-88 in Rom gedenkt, war über 
den Gegenstand nichts weiter zu ergründen. .-Vuch 
bei der Gesellschaft der .Musikfreunde in Wien, die 
eine wertvolle Musikaliensammlung besitzt, waren 
alle Anfragen erfolglos und ich gab vorderhand das 
Suchen auf. — Da gelang es einem jungen Freunde, 
Herrn Dr. Cyriak Bodenstein, zu meiner grossen 
Freude, gerade in dieser Musikaliensammlung das 
Werk von Gvrowetz <lueh aufzufinden, dessen voll- 
ständigen Titel ich nun schon oben in der Ueber- 
schrift mitgetheilt habe. Es ist ein lithographirtes 
Heft von 14 Blättern. Das Titelblatt gibt ein inter- 
essantes lithographirtes Bild des Festes im Prater; 
was aber das Wichtigste ist, Seite 19 liest man in der 
That : Allgemeines Volkslied toh Goethe vnd nun folgen 
die 6 Strophen des Liedes (dazu die Composition \ on 
Gyrowetz), die ich a. a. (^. schon mitgetheilt habe. Das 
Lied Körners »Was glänzt dort vom Walde« entstand 
1 8 1 ■:(. Es schwebte dem Dichter unseres Liedes offen- 
bar vor. Die Strophenform ist dieselbe. Die herrliche 
Composition Maria Webers war wol sclion 1814 ent- 
standen. Gvrowetz dürfte sie gekannt haben. 

Zweifelten wir bisher an der Echtheit der 
Dichtung, an Goethes .4utorschaf"t: die Thatsache, 
dass es von Gyro\vetz als (joethes Lied gedruckt 
wurde, und zwar bei so solennerGelegenheit, macht uns 
stumm, und so müssen wir denn zuwarten, oli denn 
nun weitere .Aufschlüsse nicht folgen werden- 



( hroiiik des Wiener Goetbe -Vereins 



Dass das 1-cst 1S14, nicht, wie der Kalender 
anj^ab, 1815 stattfand, ist zunächst zu berichtigen. 
Ua aber jede Strophe in dem von uns gegebenen 
Text kleine Varianten von dem nun vorliegenden, 
bei (ivrowetz, bietet, müssen wir diesen ' etzteren 
noch einmal geben. 

„Allgemeines Volkslied von Goethe." 

Was strahlt aul «kr Hfr;,'e niichllichen Höh'n, 
Wie heili^'e Upfcrnaniinen ? 
Was nmscliwcbt uns ahnend wie (ieisterweh'n 
l'nil sajjt, uns sei heute was Grosses geschehn'). 
•■i' l'nd rühret uns feierjid zusammen? — 
Wir feiern die herrliche Siegesnacht 
DesKami)rs fiir die h'reiheit — [;die Leip/,ij;er Schlacht.:] 

.All' unsre Ahnen der Sltesten Zeit 
Aus Hermanns und \\'ittckin<ls Tagen, 
'"I Die .Staufen und die sicli ihrer ;;efreut, 

Kufjen. der hei Hochstedt ilie Franken jjehläut 
Und die Türken hei l-!elj;rad fjeschla^en, 
.Sie feiern mit uns die herrliche Nacht. 
DasGedächtniss iler rettenden, [: der I,eipzit;er Schlacht.:] 

1; Ihr. die ihr die bessere Zukunft {jlauht. 

Drum l)ei I.ützen unil Hauzen i,'erun;;cn. 

Den l''ranken hei lieeren den l-orhcer gerauht. 

Bei Denucwitz dursli;; nach Rache geschnanb'. 

Elemente am Katzhach hezwunjjen, 
'■o,' Ihr. flie ihr das Heil uns näher j;ebracht. 

Auf, feien mit uns [:die I-eipzi^jer Schlacht!:] 

Unil wer an dem herrlichen Ta^'e sank 
Kür Deutschlands heilijje .Sache, 
Ihn preise hoch unser Jnhelj,'esanj;, 
-■^'Ihn ehre laut jedes Deutschen Dank. 
Ihm schwöre Jeder heut' K che. 
Kr selber schau aus der .Sternennacht 
Triumphirend herab auf [:dic l'"eier der Schlacht.:] 

Wen je noch das heilige Deutschland ernährt 

.fl Nach tausen<l und tausend Jahren. 

Der werde schon fiüh von der Mutter gelehrt. 
Was (iott uns für Heil bei Leipzig bcscheert 
Und die Kraft unsrer heiligen Schaaren. 
Ja, wer nach Deutschlands Ehrentag fragt. 

j.''Dcm sage man von [:der Leipziger .Schlacht.:] 

Hell lodre die Klamm' auf <Ier Kerge Iblh'n. 
Noch heller die Klamm' in ilen Herzen: 
In Deutschland soll Jeder für Alle stehu 
Und keck dem Erbfeind ins Auge sehn 
l"'Und errungenes tilück nicht verscherzen. 

Und wenn unser Erbfeind einst wieder erwacht. 
Unser Keldgeschrei sei: [:die Leipziger Schlacht.:] 



Von Ulrike von Levetzow. 

In dem Schluss des \ ortiags über Cuellhs Fmmm- 
scin. den diese Nummer unsrer (Chronik bringt, ist 
Llrikcus Ton LcvclZinv gedacht imd zwar hotientlich 

') IJics erinnert allerdings an das Lied Goethes: Vorwärts! 
(18141, das d.inii (1815) in des Kpimcnides Erwachen, nufgeriihrt 
y\. \VXTr 1815, einKelcgt wurde: 

Vorwärts! liriider auf, die Welt zu l.efrein' 

Kliri- winkt, die Zeit ist gross' 

Lesarten von 1855 I Wiener Volkskalcndcr) : Ji umgM für 
umstliwef't; 7) die letzten zwei Hebungen der Strophe ' werden 
immer wiederholt, was .t. a. O. nicht bemerkt wurde; 15) die ihr 
nn für ■//'<• ihr die; -.^\ feiir Iniil für preise hoch: jl) Der '.»erde 
für /hm iverdc; jj) Hie Kraß für Vml dir Kraß: igl Feinde im 
Aiigesichl für Erlßiiid ins .hn-e: 411 riis ein l-'eind für unser 
Kr/ßind. 



mit jener Pietät, deren diejenige überall gewärtig sein 
darf, die Goethe fromm stimmte, wenn er sie auch 
nur sein »Töchterchen« genannt. 

Wir erfahren nun von einem Lebenszeichen 
Llrikens aus diesen Tagen und wollen eine .Mittheilung 
darüber unseren Lesern nicht vorenthalten. L'nser 
geehrtes Mitglied, der Dichter Dr. Hermann Rollett 
in Wien, von dem jüngst eine Apotheose in Liedern 
»Goethes Liebesleben« erschienen ist und von dem wir 
ja auch das rühmlichst bekannte Prachtwerk »Die 
Goethe-Bildnisse': (i88x) besitzen, schreibt uns, dass 
ihm jüngst die grosse Freude von Seiten Fräulein 11- 
rikens von Levetzow zu Theil geworden, dass er von ihr 
selbst ihr Bild mit herzlicher Widmung erhielt. — 
Dazu erhalten wir die weitere iMittheilung, dass Ulrike 
noch als liebenswürdige Greisin im .Altervon 85 Jahren 
in ziemlichem Wühlsein auf ihrem Schlosse in Triblitz 
in Böhmen weilt. Möge sie das Licht des Tages noch 
lange heiter geniessen ! — Sollten wir gleichfalls so 
glücklich sein, ihr Bildniss zu erhalten, so würden 
wir uns freuen, es in unserer (Jhronik den geneigten 
Lesern mittheiien zu können. 

Ueber Goethes: „Fromm sein". 

\'ortrag, gehalten an Goethes Todestage, den 22 März 1881). 

von A'. y S,i':)vtT im Wiener tioethe -Verein. 

(Kortsetzung und .Schluss.) 

»Was wissen wir denn«, sagt er weiter einmal, 
»von der Idee des Göttlichen, und was wollen denn 
unsere engen Begrille vom höchsten Wesen sagen ! 
Wollte ich es, gleich einem Türken, mit hundert 
Namen nennen, so würde ich doch zu kurz kommen 
und im N'ergleich so grenzenloser F^igenschaften 
nicht» gesagt haben.« Hier erinnern wir uns daran, 
wie er Gott den ewig Ungenannten nennt und wie 
Faust zu Gretchen sagt: »Wer mag ihn nennen -^ 
— In phvsischen und sittlichen Urphänomenen ofl'en- 
bart sich dem Menschen so viel, als er zu erkennen 
vermag. In Goethe bemerken wir aber besonders 
immer und überall den Drang nach jenen l'rphäno- 
menen, in denen der .Menschengeist an die Gottheit 
rührt. — Jedermann muss erkennen, wie tVuchtbar, 
vertiefend und veredelnd eine solche Tendenz wirken 
muss, sobald sie nur erkannt wird. — Wenn man 
den Klageruf vernimmt über die zunehmende Roheit 
der Zeit, über die Verneinung alles Idealen, über den 
sich ausbreitenden lieblosen, pietätlosen Kgoismus, 
ja Nihilismus: hier bei Goethe finden wir den Weg 
zur .\ussöhnung. zur Harmonie , zum Idealen , zu 
fruchtbarem (ilauben : wo Andere rathlos ins Nichts 
hineinstarren. Nirgends Verneinung, überall Ver- 
tiefung. Wenn Mephistopheles F'aust in das Leere 
sendet, so erwidert dieser: »In deinem Nichts hört' 
ich das .All zu finden!« 

Wir verstehen nun gar wohl die \'erse Goethes : 

»Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, H.it auch Religion : 
Wer jene beiden nicht besitzt. Der habe Religion." 



Chronik des AViener Goethe -\'er 



3' 



Nicht denkbar war ihm, weder ein Wissen, noch 
eine Kunst, ohne P'romnisein, ohne Seelenerhebung, 
die alles Endliche an ein Lnendliches knüpft. 

Von denen aber, die mit höheren Gaben der 
Kunst und des Wissens nicht begnadet sind, fordert 
er mindestens ein Frommsein des Gefühls als Ahnung 
fiHfs Hohem: Pietät, Ehrfurcht, Religion. — 

Nirgends inniger und wärmer erscheint uns nun 
aber dieses P'rommsein und Frommwerden, als wo es 
bei Goethe in der Dichtung hervortritt. 

Vor allen Stellen in Goethes Werken theuer ist 
uns die wolbekannte Elegie mit jenen vielherufenen 
wunderbaren V'ersen: 

.,In unsers Busens Keine wojjt ein .Streben, .Sich 
einem Höhern, Reinem, Unbekannten Aus Dankbarkeit 
Ireiwillig hinzugeben, Enträthselnd sich den ewig Unge- 
nannten: Wir heissen's: fromm sein! — .Solcher sel'gen 
Höhe Kühl ich mich theilhaft, wenn ich vor ihr stehe. 
Vor ihrem Blick, wie vor der Sonne Walten, Vor ihrem 
Athem wie vor Friihlingslüften Zerschmilzt, so längst sich 
eisig starr gehalten, Der Selbstsinn tief in winterlichen 
(miften; Kein Eigennutz, kein Eigenwille dauert. Vor 
ihrem Kommen sind sie weggeschauert." 

Bekanntlich bezieht sich die Elegie auf Ulrike 
von Levetzow, und es sei gestattet, hier etwas Allge- 
meines zu bemerken. Es ist zu beklagen, wenn unsere 
Frauen Goethe, der sein ganzes Leben hindurch 
weiblichen Werth so hoch über .■Mies stellte — zu- 
weilen — verkennen. Wie die alten Germanen im 
Weibe etwas Zukunftvorahnendes verehrten, so sah 
(joethe im weiblichen Zauber eine überirdische 
Offenbarung. 

.Man hüte sich, das Verhältniss Goethes zu Ul- 
riken miss zudeuten. Goethe war seit Generationen 
mit der Familie befreundet. Da schrieb einmal 1822 
l Irikens Grossmutter an ihn, ihn einladend, dass er 
nach .Marienbad komme. Dazu schreibt sie: »Wie 
wird sich Ulrikchen freuen, wenn sie wieder Töchterchen 
genannt wird, worauf sie so stolz ist!« und 1827 
schliesst sich Ulrike, in einer Nachschrift zu einem 
Briefe ihrer Mutter an Goethe, mit einem Glück- 
wunsch zu seinem Geburtstag an: »Auch Ihr 
Tiichterclicn vereinigt ihre Wünsche für Ihr Wohl 
mit jenen der Mutter.« — 

Hiermit ist das Verhältniss doch klar. — 

Es ist offenbar kein leidenschaftliches. f)er vier- 
undsiebzigjährige Freund des Hauses nannte die [ 8jäh- 
rige Ulrike »Töchterchen!« So 1822. Die Elegie ent- 
stand 1823; Ulrikenanntesichabernoch i827mitStolz 
Goethes Tuchterchen. — Wenn man diesen Fall nun mit 
spöttischemTonezu den »vielen Liebschaften Goethes« 
zählt, so möchte man freilich wissen, was es denn eigent- 
lich mit diesen für eine Bewandtniss hat? — .Merk- 
würdiger Weise ergibt sich bei näherer Untersuchung 
z. B. der Verhältnisse zu Marianne Willemer, zu 
.Mina Herzlieb, zur schönen Mailänderin im Kastei 
Gandolfo. zu Charlotte Buft'-Kestner — dass alle 
diese Verhältnisse ähnlicher Natur waren, wie das zu 
Ulrike: es waren .Momente dichterischer Erhebung, 



ohne alle »Actualität«. Von der Wirklichkeit löste sich 
in des Dichters Geist das Ideal los und verwandelte 
sich in ein Kunstwerk. So entstanden die erwähnte 
Elegie, so viele Lieder des Divans, so die Wahlver- 
wandtschaften , so .Amor als Landschaftsmaler, so 
Werthers Leiden ! — 

Wie steht es aber mit dem Verhältniss zur Frau 
von .Stein? — Wenn man zu Goethes Frommwerden 
in der Elegie bemerken konnte: da war der Dichter 
eben alt ! — Als er der Stein gegenübertrat, war er 
2t) Jahre alt, und bald darauf sehen wir ihn aber erst 
recht fromm werden! — Es wandelt uns überirdisch 
an, wie zum Schluss des 2. Theils des Faust, wenn 
er da schreibt: »Sie kommen mir eine Zeit her vor 
wie Madonna, die gen Himmel fährt, vergebens, dass 
ein Rückbleibender seine Arme nach ihr ausstreckt, 
vergebens, dass sein scheidender, tliränenvoller Blick 
den ihrigen noch einmal niederwünscht, sie ist nur 
in den Glanz versunken, der sie umgibt, nur voll 
Sehnsucht nach der Krone, die ihr überm Haupt 
schwebt.» — »Liebe Schwester« nennt er sie wieder- 
holt, so wie er ja auch Auguste Stolberg mitunter 
liebe Schwester nennt und in Iphigenie die Zauber- 
wirkung des Weibes im Verhältniss der Schwester 
zum Bruder verherrlicht. — 

Ueber 10 Jahre hindurch erhob ihn die Freund- 
schaft der Frau von Stein im edelsten Sinne des 
Wortes. Nennen wir das Verhältniss Liebe, so war 
es eben Liebe im edelsten Sinn, als einzige Leiden- 
schaft, die ohne Selbstsucht ist, die sich selbst ver- 
gisst in dem geliebten Gegenstand: 

..Kein Eigennutz, kein Eigenwille dauert, 
Vor ihrem Kommen sind sie weggeschauerl.'* 

Die Untersuchungen über die Intimität dieses 
Verhältnisses unterlassen wir : wo so viel Zeugnisse 
für die Geistigkeit und den Adel desselben vorliegen, 
wie hier, da halten wir alle weiteren Sittenzeugnisse 
für belanglos. 

Wenn man wahrnimmt, wie weit verbreitet die 
Roheit ist : an platonische Liebe nicht zu glauben, 
ja sie zu bespötteln, so kann man von Goethe sagen : 
er glaubte nicht nur daran, er war mit ihr vertraut, 
er wusste sie zu verherrlichen, z. B. in der Prinzessin 
Leonore in seinem Tasso. — ^ Die Wirkung weib- 
lichen Zaubers auf die Umgebung, auf die weitesten 
Kreise, diese geradezu civilisatorische Wirkung kann 
doch Jedermann dort und da wahrnehmen im Leben 
und in der Geschichte. Die zahllosen wolthätigen 
Wirkungen, die von dem Genie des Herzens weib- 
licher Wesen ausgehen, wie sollen wir sie nennen? 

Goethe schuf ein Wort für diese wirksame Kraft, 
indem er sie das Ewigweibliche nannte: »Das F-wig- 
weibliche zieht uns hinan !• 

Wir wollen uns hüten, die Liebe bei (Joethe in 
den Staub zu ziehn. Wir sehn, dass auch sie ilin, 
wie jede andere Erscheinung , nur noch lebluitter 
vielleicht, vom Realen zum Idealen, zum KunstueiU 



( lirunik des Vidier <;'roethe-\'eieins 



leitet. — In seinem Verhalten zu seiner liebenswürdigen 
Gcliclitcn und Braut Lili ist es ganz deutlich, wie 
seine ganze Neigung eine Schwärmerei, ein poetischer 
Traum war, der sich in Kunstwerke verwandelte, mit 
der Wirklichkeit aber eigentlich nichts zu thun hatte. 

— Daneben fühlte er immer noch Reue darüber, 
dass er als einundzwanzigjähriger Student die arme 
Friederike \ erlassen hatte, und er schrieb reuevoll 
Stella, als (Jegenstück zu Werther: Hier zwei Männer 
leidenschaftlich angezogen von ICiner Frau : dort zwei 
Frauen gegenüber Kinem Mann. — Können wir ein 
solches Verhalten (joethcs in diesen beiden Fällen 
keineswegs billigen , so müssen wir doch gestehn : 
dass seine Liebe sich hier nur zu geistig, zu ideal 
darlelil, und dass wir ihn i.\i:nn auch in den Fällen 
wie hier, wo wir Friederike ebenso wie Lili zu be- 
klagen haben, nicht in die Reihe selbstischer Lebe- 
männer stellen dürfen. !■> bewahrte Beiden ein 
freundliches Andenken , und I5eide verehrten ihn 
grenzenlos bis an ihr Lebensende. 

Gewiss darf das hohe Wort nicht in den Staub 
gezogen werden, wenn (joethe gegenüber weiblichem 
Zauber von einem Frommsein spricht: dasselbe 
FVommsein erfüllt ihn auch wol einmal bei Beob- 
achtung eines Kindes, ein ander Mal bei Betrachtung 
der Wunderwerke der Natur, sowie der Wunder der 
Kunst, l 'eberall vertieft er sich in den Gegenstand 
und sucht im Vergänglichen das ihm innewohnende 
ewige Gesetz als den idealen Hintergrund. Mit dieser 
Tendenz scheint (Joethe angelegt dazu , eine Zeit, 
die von kahlem Nihilismus bedroht ist, zu erwärmen, 
zu befruchten, dort, wo jeder Glaube an ein Höheres 
erloschen ist, mit der Gewissheit zu erfüllen, dass es 
überall v orhanden ist, dort, wo der Glaube flach und 
äusserl ich geworden ist, die Seelen an zu leiten, ihn zu 
vertiefen. — •* Dabei ist zu beachten, wie sein Geist 
immer derselbe ist, sei es in dichterischer Production, 
sei es in wissenschaftlicher F'orschung, überall das- 
selbe fruchtbare, ideale Streben. Dabei ist merkwürdig, 
wie seine Schriften auf Fjnzelne wirken. — Als Car- 
lyle Wilhelm Meisters Lehrjahre ausgelesen, eilte er 
hinaus in einer schottischen Nebelnacht und sagte : 
»Gross wahrlich — weise und wahr! — Wann in 
meinem Leben habe ich so ein Buch gelesen!« Der 
Sturm legte sich in seinem Innern, das Weltall, dass 
ihm ein Ghaos geschienen, löste sich auf in ein All 
des Kinklangs, des Glaubens und der Ehrfurcht! — 
Wir erwähnten vorhin, dass das besprochene Fromm- 
sein und l'iommwerden doch bei Goethe nirgends 
inniger und wärmer hervortritt, als wo es in seinen 
Dichtungen erscheint. Wir erinnern nur an die herr- 
liche Scene, in der Faust Gretchens Zimmer betritt. 

— Er ist schon in den Händen des Mephistopheles, 
der Verkörperung des den Menschen niederziehenden 
Gemeinen. Kr hat ihm bereits einen Trank gegeben, 
der ihn mit wilden, frevlen Trieben erfüllt. So führt 
er ihn in Gretchens Zimmer. Sie treten ein. Faust 
will sogleich allein sein. Mephistopheles verlässt ihn. 



Faust sieht sich um und wird von einem heiligen 
Schauer erfasst. 

„AVinkommen süsser Dämmersch in! Der du diess 
Heilijithum clur.hwebst ...Ich fühl', oMiidcben, deinen (ieist 
Der Füll' und Ordnung um mich >äuseln Der mütterlich 
iHch täglich unterweist, Den Teppich auf den Tisch dich 
reinlich breiten heisst, Sogar den .Sand zu deinen Füssen 
kräuseln. () liebe Hand! so göt ergleich ! Die Hütte wird 
durch dich ein Himmelreich . . . Und du! Was h t dich her- 
geführt.- Wie innig fühl' ich mich gerührt! — Was willst 
du hier? was wird das Her/, dir schwer- Armsel'^er 
Faust! ich kenne dich nicht mehr ... Und träte sie den 
Augenblick herein , Wie würdest du für deinen Frevel 
büssen! Der gross; H,vns, ach wie so klein! J-äg', hin- 
geschmolzen, ihr zu Füssen... Fo t! Fort! Ich kehre 
nimmerniehr!"' 

\'or unsern .-Xugen sehen wir den vom Bösen 
erregten, frevelhaft Eingedrungenen, gegenüber weib- 
lichem Zauber, der hier nicht einmal durch die Per- 
sönlichkeit selbst geübt wird . sondern durch ihr 
Wirken, ihr Wesen — fromm werden. — 

Faust wird aber auch fromm gegenüber der 
Natur. Da er von seinem Osterspaziergange lieim- 
kehrt, hören wir ihn, nach den gottlosen Reden der 
vergangenen Nacht, wieder ganz warm und fromm 
sprechen : 

..Verlassen hab' ich Feld und Auen, Di' eine tiefe 
Nacht bedeckt, Mit ahnungsvollem heil'gem Grauen In un> 
die bess're .Seele weckt. Entschlafen sind nun wilde Triebe. 
Mit jedem ungestümen Thun; E- r get sich die Menschen- 
liebe. Die Liebe Gottes regt sich nun !" 

L nd weiter : 

..Ach, wenn in unsrer engen Zelle Die Lamiie freuml- 
lich wieder brennt. Dann wird's in unserm Busen helle. 
Im Herzen, das sich selber kennt. Vernunft fängt wieder 
an zusprechen. Und Hoffnung wieder an zu blüh'n; Mm 
sehnt sich nach des Lebens Bächen. Ach! nach des Lebens 
Quelle hin." 

Nach \'ertiefung bis zu Urphänomenen, nach 
üftenbarung drängt es Faust hin . so wie es den 
Dichter immerund überall drängt: nach dem Punkte 
vorzudringen, wo das Wunderbare beginnt, das in 
ihm eine anbetende Bewunderung hervorbringt. Ein 
solches Frommsein stellt eine Harmonie her zwischen 
dem Innern des Menschen und der Aussenwelt. Es 
ist natürlich , dass es auf jeder Bildungsstufe eine 
andere Gestalt annimmt. Goethes Geist nun strebt 
in allen Richtungen nach dieser Harmonie, zu der 
er selbst nur allmählich gelangt. Er kennt gar wol die 
titanischen Seelenkämpfe des Zweifels . und gross- 
artig ist die Darstellung des zur Verzweiflung ge- 
triebenen einsamen Forschers Faust, der sich bis zum 
Selbstmord steigert und den Weg zur Versöhnung 
nur wieder findet, indem ihm der selige Zustand 
seiner frommen Kindheit vor die Seele tritt. Erinnern 
wir uns der Stelle, die neue Wärme erhält, wenn wir 
erkennen, wie tief und wahr sie die Herstellung des 
F'riedens in der Brust Fausts darstellt. Losgerissen 
von jedem Glauben, in krankhafter l'eberspannung 
' sehen wir ihn zuerst zum Selbstmord gedrängt: 



Lhionik des Wiener Goethe -\'ereins 



33 



,.Doch warum heftet sich mein Blick auf jene Stelle? 
Ist jenes Fläschchen dort den Augen ein Magnet? Wnrum 
wird mir auf einmal lieblich helle, Als wenn im nächt'gen 
Wald uns Mondenglanz umweht? — Ich grüsse dich, du ein- 
zige Phiole! Die ich mit Andacht nun herunter hole. In 
dir verehr' ich Menschenwitz und Kunst. Du Inbegrifl iler 
holden Schlummersäfte, Du A szug aller tödtlich feinen 
Kräfte, A/Tcf/jv t/,iiiiiii Mcistfr J^iiw Gumt' . . . Ich fühle mich 
bereit Auf neuer Bahn den Aether zu durchdringen. Zu 
neuen Sphären reiner Thätigkeit. . . . Ja, kehre nur der 
holden Erdensonne Entschlossen deinen Rücken zu! Ver- 
messe dich die Pforten aufzureissen, Vor denen jeder gern 
vorüber schle cht. Hi r ist es Zeit, durch Thaten zu be- 
weisen, Dass Manneswürde nicht der Giitterhohe weicht. 
Vor jener dunkeln Höhle nicht zu beben. In der sich 
Phantasie zu eigner Qual verdammt, Nach jenem Durch- 
gang hinzustreben. Um dessen Mund die ganze Hölle 
flammt; Zu diesem .Schritt sich heiter zu entschliessen. Und. 
war' es mit Gefahr, in's Nichts dahin zu flie-'sen." — 

Er setzt die Schale an d;n Mund. Der Gloclcen- 
klang und Cliorgesang mit den Orgeltönen aus der 
Kirche klingt herüber: »Christ ist erstanden!« 

Die ganze Weihe des in der Kirche beginnenden 
Osterfestes klingt herüber: frommer Schauer muss 
dabei Faust ergreifen. — Ganz verfehlt ist in der in 
unsern Tagen beliebten Oper Faust die weltlich frohe 
.Musik, die hier ertönt und Faust erheitern will ! Da- 
lum handelt es sich nicht. Es handelt sich darum, 
ihm den verlorenen Frieden wiederzugeben, in ihm 
die gestörte Harmonie wieder herzustellen, ihn mit 
Frommsein zu erfüllen, damit er einen neuen Lebens- 
lauf beginne. Er spricht : 

„Was sucht ihr, mächtig und gelind, Ihr Hinimels- 
töne mich am .Stiube? Klingt dort umher, wo weiche 
Menschen sind. Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir 
fehlt der Glaube: — — — — — — — — — 

— — — — Und doch, an diesen Klang von Jugend 
auf gewöhnt. Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben. 
Sonst stürzte sich der Himnielsliebe Kuss Auf mich herab 
in ernster Sabbathstille ; Da klang so ahnungsvoll des 
Glockentones Fülle, Und ein Gebet war brünstiger Genuss; 
Ein unbe.greiflich holdes .Sehnen Trieb mich durch Wald 
und AViesen hinzugeh'n. Und unter tausend heissen Thränen 
Kühlt ich mir eine Welt entsteh'n. — Diess Lied verkün- 
dete der Jugend muntre .Spiele. Der Frühlingsfeier freies 
Glück ; Erinnrung hält mich nun mit kindlichem Gefühle 
Vom letzten ernsten Schritt zurück. O tönet fort, ihr süssen 
Himmelslieder! Die Thräne quillt, die Erde h t mich 
M'ieder !" 

Wir erinnern uns aus \\ ilhelm .Meisters Wander- 
jahren (2. Buch, I. Capitel) der Belehrung über die 
Ehrfurcht gegenüber .Allem, was über der Erde und 
was unter der Erde und was auf der Erde ist : zu der 
man den Menschen erziehen müsse. »Es ist ein höherer 
Sinn, der seiner Natur gegeben werden muss, und der 
sich nur bei besonders Begünstigten aus sich selbst 
entwickelt, die man auch deswegen von jeher für 
Heilige, für Götter gehalten. Hier liegt die Würde 

— aller Religionen«, nämlich in der Ehrfurcht, Pie- 
tät, dem Frommsein gegenüber einem Geahnten, .All- 
gegenwärtigen. 

Goethe war sich wol dessen nicht hewusst. als 
er dies hinschrieb, dass gerade Er seihst in eminenter 



Weise zu jenen Begünstigten gehörte I — • Wenn wir 
dies erkennen, da ergibt sich erst und ergibt sich von 
selbst : die unermessliche Bedeutung eines so gear- 
teten Geistes, der sich in so vielen grossen Werken 
n^anifestirl hat, seine unermessliche F^edeutung für 
die Welt und Nachwelt! — 



Vereinsleitung. 

Kanzlei: 1.. Eschenbachgasse Nr. q (Wissenschaft- 
licher Club). 

A. Vereins-Ausschuss. 

Ohmaun : 
Se. Excellenz Dr. Karl v. Stremayr, k. k. Geheimer 
Rath, Zweiter Präsident des Obersten Gerichts- 
und Cassationshofes (Zugleich Vorstandsmit- 
glied der Goethe-Gesellschaft in Weimar). 

Ohmann-Stelhertrcter: 
Se. Excellenz Josef Freiherr v. Bezecny, k. k. Ge- 
heimer Rath. Intendant der kais. Hofbühnen. 
Dr. Karl Julius Schröer, Professor für deutsche 

Literatur an der k. k. technischen Hochschule. 

Schriftfiihier : 
Dr. Alois Egger Ritter v. Möllwald, k. k. Re- 

gierungsrath, Director des k. k. Theresianischen 

Gvmnasiums. 
Felix Karrer, k. k. Ministerial-Concipist a. D., Erster 

Secretär des Wissenschaftlichen Clubs. 

Cdssier: 
Bernhard Rosenthal, Bankier (1., Neuthorgasse 2). 

Aiisschuss-J/itg/ieder: 

Ludwig Blume, Professor am k. k. Akademischen 
Gymnasium , zugleich \'erwalter der Goethe- 
Bibliothek. 

Nicolaus Dumba, Herrenhaus-Mitglied, Landtags- 
.\bgeordneter. 

Dr. August Förster, Director des Hofburgtheaters. 

Dr. Albert Ilg, Director der II. Gruppe des kunst- 
historischen Hofmuseums. 

Dr. Karl v. Lützow, Bibliothekar der k. k. .Akademie 
der bildenden Künste, Professor an der tech- 
nischen Hochschule. 

Dr. Jacob Minor, o. ö. Professor an der Wiener 
L niversität. 

Dr. Alois Morawitz, Hof- und Gerichts-.Advocat. 

Dr. Wilhelm Russ, Reichsraths-.Abgeordneter. 

Dr. Jacob Schipper, o. ö. Professor an der k. k. 
Wiener Universität. 

Camino Sitte, Director der Staatsgewerbeschule in 
Wien. 

Edgar v. Spiegl, Herausgeber des »Illustr. Wiener 
Extrablattes«. 

Josef Weil Ritter v. Weilen, k. k. Hofrath. 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins 



B. Rechnungs-Revisoren für 1889. 

Dr. Victor Langbans, k. k. l'rotcssor am Staats 

gymnasium l^andstrassc. 
I>r. Max Egger, Hof- unJ (Jerichtsadvocat. 



Casse : I.. Ncuthor^-assc- 2 (Bankier K o s e n t h a 1) *). 



Mitglieder -Verzeichniss = ■). 

(lüiilc Mär/. l.SK,,.) 

Ehrenmitglied. 
Herr Dr. Schmidt Erich, Professor an der Uni- 
versität Berlin, vormals Director des Goethe- 
Archivs in Weimar. Berlin. W. Matthäikirch- 
stra.sse 8. 

Stifter. 
Frau A 11 s p i ! z Helene, (irosshändlersyattin . I.. 

Oppolzergasse 6. 
HerrBachofen v. Echt Ad., Fabriksbesitzer und 
Bürgermeister von Nu.s.sdorf. 
,, Dr. Bezecny Josef Freiherr v.. wirkl. k. k. 

üeheimrath etc. etc.. I . Wollzeile 4. 
,, Cohn Salomo, Bankier. 1.. Schottenrini; V-- 
FVau Cohn Camilla, daselbst. 
Herr D o b 1 h o ii Josef F'reiherr v.. Salzburg. 
■•Vau Egger von Möllwald Laura, Regierungs- 

raths-Gattin, IV.. Theresianum. 
Herr Dr. Hardt Emil, k. k. Ministerial - Secretär. 
IX., Kolingasse i 5. 
,, Hügel Heinrich v., Baurath, I.. Reichsraths- 

.strasse 25. 
,, Lobmeyr l^udwig. k. k. (Jommercialrath. 1., 

Kärntnerstrasse \\. 
,, J o h n Ludwig FVeiherr von () p p e n h e i m c r. 
Gutsbesitzer und Reichsraths-Abgeordneter. I., 
Singerstrasse 3 (Hotel Royal). 
Rosenthal Bernhard. Bankier, 1.. Neuthor- 
gasse 2. 
.. Dr. R u s s Wilhelm Victor. Reichsraths-Abge- 
ordneter und Gutsbesitzer. I., Stadiongasse 8. 
Se. Durchlaucht Fürst Hugo Sa ' m - R e i f fe r- 

s c h e i d t, III., iMarxergasse i 5. 
Ihre Durchlaucht F"ürstin Elise S a 1 m - K e i f-f e r- 
scheidt, geb. Prinzessin Liechtenstein, 
III., iMarxergasse i 5. 
Herr Dr. Schmidt Erich, Professor an der Ini- 
xersität Berlin, vormals Director des (}oethe- 
.\rchivs in Weimar, Berlin, W. .Matthäikirch- 
sirasse 8. 
., Dr. V. S t r e m a y r Karl, k. k. geheimer Rath, 
2. Präsident des Obersten Gerichts- und (]as- 
sationshofes etc. etc., I., Schottengasse S- 

*■) Her Cassier ist auch ermächtigt und Iieroit, die Jahros- 
hotträge für (lin Coethe-Ccsrltschn/t in It'rimiir zu ül)ernehmeii. 

**) Man ersucht höflichst, etwaiec .Standes- und Wohnungs- 
Aondcrungen der Kanzlei des .(inethe-Vereins- (I., Ksrhenliach- 
Casse 91 anzuzeigen. 



Herr Dr. U m lau ff Victor Ritt. v. Frank well, Hof- 
und Gerichts- .Advocat . \'III. , F'lorianigasse 2 
(gestorben). 

Frau Itha Edle von Well. Ilofrathswitwe. I.. Reichs- 
rathsstrassc 3. 

Mitglieder, 

«eiche ^ ll. Jahre^beiliaj; enirichlen : 

Herr.Auspitz Rudolf, (jrosshändler. I., Oppolzer- 
gasse 6. 
., Bader Rudolf, Fabrikant, \'ll. , Westbahn- 
strasse v-. 

Bauer .Moriz , Director des Wiener Bank- 
vereines, I., Herrengasse. 
.. B 1 u m e Ludwig, k. k. Professor am .Akad. (jym- 

nasium, VII., Myrthengasse 10. 
,. Dr. B r e z i n a Josef, Hof- und (jerichts-Advocat, 
I.. Himmelpfortgasse ("). 

Frau B r e z i n a .\Ialvine. daselbst. 

HerrCzedik Freiherr von Bründlsberg .Alois, 
k. k. Geheimer Rath und Sectionschef. Präsident 
der (leneral-Direction der österr. Staatsbahnen, 
Herrenhausmitglied, IV., Hauptstrasse 36. 

FrauCzedik F"reiin von Bründlsberg .Amalie, 
daselbst. 
., Ditmar Helene, III., Wassergasse 12. 

Herr Dr. Ritter von Dittel Leopold, Universitäts- 
Professor. IX., .Aiserstrasse 4. 

Freiherr von D o b 1 h o ff Josef, Salzburg. 

HerrDumba Nicolaus, Herrenhausmitglied, Guts- 
und Realitäten-Besitzer, I., Parkring 4. 
.. Egger Alois R. v. .Möllwald. k. k. Re- 
gierungsrath, IV., Theresianum. 

F'nglish Goethe-Society, London 10. .Maitland Park 
Road, Haverstok Hill N. W. 

Herr FZ i s e n s t äd t e r Josef, Rentier. IX.. .Maximilian- 
platz 4 — 5. 
., Dr. F2 1 i s c h e r B., Budapest, V.. Göttergasse 10. 
,. Dr. F2 n g e Ib re c h t August, Professor am k. k. 
Theresianum, IV., F'avoritenstrasse 15. 
R. V. Fe i fal i k Hugo. k. k. Regierungsrath und 
.Secretär ihrer Majestät der Kaiserin, k. k. Hof- 
burg. 
.. Fischer Felix, Fabrikant, III.. Hauptstrasse 88. 

Frau V. Fiat t ich Marie, I., Maximilianstrasse 6. 

Freiherr von Gagern Max, k. k. wirklicher (ieheim- 
rath, I., Kolowratring (i. 

Herr Dr. Gautsch Paul Edler von Franken- 

thurn. k. k. wirkl. Geheimrath. .Minister für 

(Äiltus und Unterricht etc. etc.. I.. .Minoriten- 

platz -. 

,, Director Hermann Goethe in Baden (N.-Oe.), 

Theaterplatz. 
.. Ritter von G o 1 d s c h ni i d t Hermann, (jross- 
händler, I., Schellinggasse 12. 

Frau von Goldschmidt Julie, daselbst. 

Herr Gottlieb Julius, k. k. Börsesensal. I.V.. .Maxi- 
milianplatz ti. 



Chronik des Wiener Goethe-Vereins. 



Börsesensal, IX., 



k. Regierungsrath 
P.. ].] Weiliburg- 

. k. Statthalterei- 
?asse 5. 
. Ministerialrath 



, Blunien- 
.. Opern- 



Herr G o 1 1 1 i e b Samuel , k. k. 
Landesgerichtsstrasse 20. 

„ Ritter v. Grün Dionys, k. 
und Universitäts-Professor i 
gasse 26. 

,, Ritter v. Grüner Ignaz , k 
Vicepräsident a. D., VII., Bur 

,, Ritter v. Grüner Josef, k. 
und Generai-Consul in Eger. 
Freiherr V. Haan Friedrich, k. k. HotVath, I 

Stockgasse 5. 
Herr Heim Heinrich. Directions-Secretär, 

ring 5. 

Se. Durchlaucht Fürst Constantin zu H o h e n I o h e- 
S c h i 1 1 i n g s f ü r s t, Obersthofmeister Sr. Ma- 
jestät, II., .Augartenpalais. 
Ihre Durchlaucht Frau P'ürstin zu H o h e n 1 o h e- 
Schillingsfürst Marie, Sternkreuzordens- 
und Palastdame, II., k. k. .Augartenpalais. 
Herr Dr. Ilg Albert, Director der II. Gruppe der 
kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten 
Kaiserhauses, I\'., Dannhausergasse '^ 

,, Dr. Klob Alois, Hof- und Gerichts-Ad\ocat, 
I., Maximilianstrasse 4. 

, Dr. Kummer Carl Ferd., k. k. Lande: 
inspector, I., Annagasse q. 

,, L. anipel Leopold, Professor am Aka 
nasium, I., Christinengasse U. 
P'rau V. Latze 1 Anna, Doctorsgattin . 1\'. 

gasse -. 
Herr Mandel Leon. Realitätenbesitzer. IX.. Höri- 
gasse ilj. 

,. Dr. Meynert Theodor, k. k. Hofrath, IX., 
Pelikangasse 14. 

, Dr. Minor Jacob, k. k. Lniversitäts-Professor, 
111., Hauptstrasse 88. 
Frau von Moisisovics Charly. 111., Reisnerstrasse 

Nr. 51. 
Herr Neumann Heinrich, Kaufmann, l.,f<udolfsplatz. 

.. P o 1 1 a k Leopold, Kammerrath, 1., Babenberger- 
strasse i . 

,, Preisinger Heinrich, Manchester. B. Clifton 
Avenue Jallowfield. 

,, Rösche Hermann, Ober-Ingenieur. II.. Lichten- 
auergasse I . 

,, Rosen thal Bernhard, Bankier. I.. Neuthor- 
gasse 2. 

,, Dr. R u s s N'ictor Wilhelm, Reichsraths-Abge- 
ordneter und Gutsbesitzer, I., Stadiongasse 8. 

,, Ritt. V. Schöller Paul. Grosshändler, IL, 
Schöllerbof. 

,, Ritt. V. S c h ö 1 1 e r Philipp, Grosshändler, da- 
selbst. 

,, Dr. Sc h r ö e r Karl Julius, Professor an der Tech- 
nischen Hochschule, III., Salesianergasse 10. 

,, Sitte Camillo. Regierungsrath und Director 
der k. k. Staatsgewerbeschule. I., Schellinijgasse 
Nr. I-}. ' 



-Schul 



u .m- 



Flora- 



Frau Gräfin Sizzo-Noris Marie, L, Seilerstätte 5. 
Herr v. Spiegl Edgar, Herausgeber des »Illustr. 

Wiener Extrablatts, I., Löweistrasse 12. 
Freiherr v. Springer Gustav, Bankier, I., Kärntner- 
ring 14. 
Freiherr v. Springer Hermann, daselbst. 
Herr Voss George, .Attornevs at Law in Helena 
(Montana) Nord-.Amerika. 
,, Dr. Freih. von Waldberg, Professor an der 

Universität Czernowitz. 
,, Dr. Walz Michael, k. k. Gymnasial-Professor 
i. P., Freiburg im Breisgau, iMerianstrasse 12. 
,, Josef Ritter We i 1 v. Weilen, k. k. Hofrath, 
VII.. Burggasse 22. 

Mitglieder, 

wekhe 2 H. Jahresbeitrag' eiitricliten : 

A. 

Herr Dr. Aberle Carl, k. k. Regierungsrath und 
emer. Professor, L, Bäckerstrasse 8. 
,, Adam Victor, Apotheker, Währing, Martins- 
strasse 94. 
Frl. .Adamus Rosa, L, Tegetthofstrasse 7. 

,, Adler Irma, III., Reisnerstrasse 40. 
Herr Adutt Moreno, Grosshändler, I., Postgasse 22. 
,, .Aron Otto, Germanist, IL, Nestroygasse i i. 
,, Dr. A u e r Johann, kais. Rath und k. k. Professor 

i. P.. IL, Taborstrasse 19. 
,, A LI s s p i t z Theodor, III.. Reisnerstrasse 5 i . 

B. 

Herr Bau er Friedrich, stud. phil.. \'ll., Schlössel- 
gasse 2(). 
,, Bächer Wilhelm, (jemeinderath , I\'., Guss- 
hausstrasse 18. 
,, Bächle Josef, Fabrikant, 1., Schellinggasse 12. 
Frau Bächle geb. Freiin von Tavonagh, 1., 

Schellinggasse 12. 
Herr Dr. Bardas .\1., praktischer .\rzt, IL, Negerle- 
gasse 6. 
.. Dr. Bareuther Ernst, Reichsraths - .Abge- 
ordneter, L, Schottenring 19. 
„ Cavaliere di Bazzoni, königl. ital. Consul 

in Wien, L\., Schwarzspanierstrasse 22. 
„ Becker Leopold, Präfect am k. k. Theresianum. 
Herr Dr. Beer Adolf, k. k. Hofrath und Reichsraths- 

Abgeordneter. III., Lagergasse i. 
Frau Benesch Auguste, 1., .Morzinplatz 5. 
HerrBermann David, Buchhändler, 1.. Johannes- 
gasse 2. 
Frau Bermann Emma, daselbst. 
Herr Dr. Bernatzik Edmund, Juristen -Präfect an 
der k. k. Theresianischen Akademie, IV., Hechten- 
gasse la. 
„ Bernavs Eli, Secretär, Döbling. Neugasse 23. 
Frau Bernays Anna, daselbst. 

Herr Dr. Bernd Friedr.. k. k. Prof. amTheresianum. 
,, Dr. Bersch Josef. Redacteur, 1., (iiselastrasse 5. 



7,0 



Chronik des Wiener (loetlie- Vereins. 



Herr Dr. Berwerth FrieJr., Gustos - Ailjunct am 

n.-h. Hofmuseum, I., Johannesgasse 2. 
Frau H e r w e r t h Emmy, daselbst. 
Herrhr. Bcttclhcim Karl, Privatdocent, 1., Nibe- 

luni;L-ngassc" 4. 
1-rau V. Beyer, Hofrathsgattin, VII., Kirchengasse 38. 
Koni gl. Bibliothek in Berlin W., Platz am Opern- 
hause. 
Herr Bittmann Wilhelm, k. k. Finanzwach-Ober- 

aufseher in Olmütz. 
Frau V. B i s c h o f, Hofraths-Galtin, Weinbaus, Haupt- 
strasse 34. 
Herr Blau Fmanuel, Redacteur, IV., Pressgasse 17. 
., P) 1 o c h Victor, Cassier der Franco-Hongroise, 
Prag, Dobrovskygasse 345. 
Frau Blume Bertha, VII., Myrtengasse 10. 
„ Böhm Pauline, I., Liebenberggasse 7. 
Herr Bö m c h e s Friedrich, Hafen-Baudirector, Wiih- 

ring, Stephansgasse i. 
Frau B ö m c h e s Marie, daselbst. 
Herr Bon dy A. E. , Beamter der allgem. österr. 

Boden-Creditanstalt, II., Praterstrasse 58. 
Frau Baronin Bornemisza Gabriele, geb. Grätin 

V. Kornis, IV., Frankenberggasse 4. 
1 lerr Dr. B r a n d 1 .\lois, Professor an der Universität 
in Göttingen. 
., Ritter v. Brecska Gustav, k. k. Generalmajor, 
I., Elisabethstrasse 5. 
Frau Edle v. Breczka Maria, daselbst. 
Herr Dr. Brentano Franz, Privatdocent an der 
k. k. Universität, I., Oppolzergasse 0. 
,, Dr. Breus Karl, Universitäts-Privatdocent, IX., 
Ferstelgasse b, 
Frau Brillant Ro.sa, I., Salzthorgasse 5, 
,, B r z e z o \v s k y Rudolf, Buchdruckerei-Besitzer, 

IV'., Paniglgasse 17. 
,, Bronner P'erd., stud 
.. Dr. Brück .Moriz, k 

O.erninplatz i . 
., Dr. Bruch Immanuel, Hof- und Gerichts-.\d- 

vocat, I.. Tuchlauhen 7. 
,, Dr. Bu beni k Franz, Secretär der österr. -ung. 

Bank, I., Herrengasse 17. 
.. Bürger Hugo, k. k. Gerichts - .Vdjunct, IX., 

Wasagasse 8. 
.. Burkhard Fritz. 111., Rcisnerstrasse 5. 

C. 

Herr Gl e r m o n t Georg, Bankier, I 
,, Dr. C o g 1 i e V i n a Franz, k 
Professor, I., Herrengasse 7. 
Frln. C o h n Ida in Fürth (Baiern). 
Herr Dr. Wilhelm C r e i z e n a c h, Professor 
Universität Krakau. 
., G z i 1 c h e r t Robert, Procuraführer, \1., Wind 
mühlgasse 38. 



ph., IX., Porzellang. 30. 
k. Ober -Stabsarzt. 11., 



Franzensring 24. 
k. Universitäts 



ler 



D. 

Herr Dan hauser Carl, I., ürünangergasse 7. 
.. Ritter v, David Benno, k. k. .Ministerialrath, 

I., Bognergasse -v 
,, Dr. Ritter v. David Hugo, Concipist der I. öst. 
Sparcasse, III., Ungargasse 5. 
Frau D e m e 1 i u s, Hofraths-Gattin, VIII., Langeg. 32. 
Frl. D e m e 1 i u s Margarethe, daselbst. 
I lerr D o u b 1 i e r Laurenz, Professor an der Wiedener 
Stadt. Ober-Realschule, IV., Waltcrgasse 7. 
.. D ü 1 1 .Alois, Bildhauer, IV., Schaumburgerg. 1 l. 
Frau Baronin Dumreicher .\dele, Sectionsraths- 
Gattin, 1., Schwarzenbergplatz 4. 



IlerrDr. Eg ermann .losef, k. k. Realschul-Prof., 

\'ll., Neustiftgasse 95. 
,, Egg er Friedrich Ritter v. M ö 1 1 \va 1 d , stud. 

phil., IV., P'avoritenstrasse 15. 
,, Dr. Egg er Gustav. Hof- und Gerichts-Advocat, 

I., Wollzeile 13. 
., Dr. Egg er Max, Hof- und Gerichts-.\dvocat, 

daselbst". 
,. Dr. Ehrenfeld .Adolf, fürstl. Eszterhazv'scher 

.Majorats-Consulent, I., Schellinggasse 7. 
., Ehr hart v. E h r h a rt s t ei n ,los., k. k. Hof- 

rath. \'., Siebenbrunngasse 20. 

Dr. Engländer Hermann, Hof- undCJerichts- 

.Advocat. Fünfhaus, Schönbrunnerstrasse 34. 
., Ernst Wenzel Carl. k. k. Realschul-Professor, 

\'ll.. Neustiftgasse 95. 
.. Ritter v. E 1 1 m a y e r - A d e 1 s b u r g Ferdinand, 

k. k. Hofsecretär, VIII., Langegasse 25. 
,, Dr. Exner Carl, k. k. Gymnasial-Professor, IX., 

Wasagasse i o. 

F. 

Herr Faistenberger Johann, Professor am Con- 
servatorium, I., Giselastrasse 4. • 

Frau Federn Ernestine, I., Rothenthurmstrasse 22. 

Herr F e is t man te 1 Ernst Ritter v.. Professor am 
Mariahilfer Communal-, Real- und Obergym- 
nasium, IV., Mühlgasse 2. 
,, Fellner Ernst. Bankbeamter, Döbling. llerrn- 
gasse 25. 

Sr. Excellenz Herr Ferd. Fidler xon Isarborn, 
F.ML., IX., Kolingasse 10. 

HerrFiegl Josef, Reichsraths - .Abgeordneter und 
Professor am Mariahilfer Communal-Real- und 
Obergvmnasium, VII.. Neubaugasse 5. 

Frl. Figdor Emilie, II.. Praterstrasse 8. 
F i g d o r .Marie, daselbst. 

(Forlsftzini^ und Schluss fol);!.) 



Verlag des Wiener Goethe -Vereins. — Druckerei des „lUustrirten "Wiener Extrablatts" (Franz Suschitzky). 



Die Chronik erscheint um die 
Mino jedes Monats. 



CHRONIK 





Ira Auftr;i<;e 


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WIENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 8 und 



Wien, 1. August 1889. 



4. Jahrgang. 



INHALT ; Di^ Jahr 

■U!f-nrz,-r-n,;,kwahh. 



iiimliiiig di'rGoethc-GisrlUcliaft ll'dmnr. Vf. ynni iSSi). 
lUti Jl. J/i,! r.fSr). — 7,'<. Unfrnth K. i>. WeiUn f. — JJ, 



Die Jahresversammlung der Goethe- 
Gesellschaft in Weimar 13. Juni 1889. 

,Orii;iuiil-C..rresp.indi'n/..j 

l 'ntcr allen bisherigen .lahresversammlungen der 
Goethe-Gesellschaft ragte die diesjährige durch die 
erhebende Kunde hervor, welche der Director des 
Goethe-.\rchivs, Professor Dr. Suphan, der vereinigten 
Gemeinde eröffnete: von der Schenkung des gesamm- 
ten Nachlasses Schillers an die hohe Besitzerin des 
Cjoethe-Archivs, und von der Vereinigung der beiden 
Hinterlassenschaften unserer grössten Dichter zu 
einem »Goethe- und Schiller - Archiv«. Freiherr 
I^udwig V. Gleichen-Russwurm, Scliillers Knkel, und 
dessen Sohn ,\lexander v. Gleichen-Russwurm, sie 
hallen auf das von der Familie bisher mit Liebe und 
Pietät gehütete heilige Erbgut, das aber von dem 
Besitzer jederzeit in liberalster Weise der wissen- 
schaftlichen Forschung freigegeben worden war, in 
selbstlosester Opferfreudigkeit verzichtet und dadurch 
dem deutschen Volke ein Geschenk dargebracht, das 
ihren Namen neben dem ihres grossen Ahnherrn ver- 
ewigen wird. Begeisterter Beifall folgte dieser Eröff- 
nung, sowie auch dem .\ntrage, Ludwig v. Gleichen- 
Russsvurm zum Ehrenmitgliede der Goethe-Gesell- 
schaft zu ernennen. Der gehobenen Stimmung der 
Theilnehmer gab auch folgendes an den Enkel abge- 
sendete Telegramm Ausdruck : 

:> Friedrich v. Schillers würdigem Enkel, der, 
durch die Vereinigung des Schiller-.Archivs mit dem 
(joethe-.Archiv auf das Heiligthum seines Hauses in 
edler Selbstlosigkeit verzichtend, dem deutschen Volke 
eine kostbare Gabe für alle Zeiten dargebracht hat, 
spricht die in festlicher .lahresversammlung vereinigte 
deutsche Goethe-Gesellschaft, aufs Tiefste bewegt und 
ergriffen, in der Erkenntniss der segensreichen Be- 
deutung der \'ereinigung der beiden Geistesfürsten 
auch an der für die Bewahrung der unmittelbaren 
Zeugnisse grossartigen geistigen Lebens und Wirkens 
bestimmten Stelle ihren Dank, den Dank des \ater- 
landes aus und verbindet damit die Bitte, die als 
.Ausdruck dieser Gesinnung einmüthig beschlossene 
Verleihung der Ehrenmitgliedschaft entgegennehmen 
zu wollen. Die Gi^e/Zii'-GcXti/sf/iirf/.« 



Ein kürzeres Danken- Iclegramin wurde auch an 
.-\le\ander v. Gleichen-Russwurm abgesandt. Präsident 
Dr. v. Simson durfte mit Recht erinnern an die 
Leberraschung, welche vor zwei Jahren Erich Schmidt 
der damaligen N'ersammiung bereitete durch die .Mit- 
theilung von der Entdeckung des »Irfaust«, und 
darauf hinweisen, dass nun, nachdem Schillers Name 
an der Centralstelle für die Goethe-Forschung neben 
den Goethes gesetzt sei, der letzte Rest des Verdachtes 
der Einseitigkeit, der Bevorzugung des Trinen vor dem 
Andern, dahinschwinden müsse. 

Dieser glänzendste Punkt derTagesordnung ver- 
dienie wol vorangestellt zu werden. Den .Statuten 
zufolge wurde die Versammlung, welcher die gross- 
herzoglichen Herrschaften, viele (jäste von auswärts 
und ein grosser Theil der hiesigen Mitglieder bei- 
wohnten , eröffnet durch den Präsidenten Doctor 
V. Simson, worauf der Vorsitzende des geschäftsfüh- 
renden .Ausschusses, Geh. Hofralh Dr. Carl Ruland, 
den .Jahresbericht erstattete. -\us demselben muss 
herausgehoben werden, dass die .\nzahl der .Mitglieder 
um wenige gegen das letzte N'ereinsjahr gesunken ist: 
sie beträgt 299^. Bei seiner .Anwesenheit in Weimar 
ist auch Kaiser Wilhelm der Gesellschaft beigetreten. 
Den .Mitgliedern wird auch in diesem .lahre gratis 
eine Publication zugehen, und zwar sind dazu aus- 
ersehen die Briefe der l-"rau Rath an ihren .Sohn, an 
die Schwiegertochter (;hristiane und ihren Knkel 
.\ugust. .Auf den Pestvortrag des Herrn Prot'essor Dr. 
Bernavs über Goethes Geschichte der Farbenlehre 
näher einzugehen, ist hier nicht der Ort. — Er betrach- 
tete die M Geschichte der Farbenlehre« als ein .Selbst- 
bekenntniss Goethes, das hierin seinen poetischen 
»Beichten« anzureihen ist und das mitten inne steht 
zwischen den »Wahlverwandtschaften .die ein wissen- 
schaftliches Problem aufs Geistig-Sittliche wenden, 
und »Wahrheit und Dichtung«, wo der Einzelne im 
untrennbaren historischen Zusammenhange mit seiner 
ganzen Zeit stehend geschildert wird. Er wies den 
Gang der .Arbeit an diesem Werke nach und wie be- 
sonders Schillers philosophischer (ieist auf dasselbe 
einwirkte. Er charakterisirte in geistvoller, fesselnder 
Weise die drei Theile von Goethes -Farbenlehre;: 
den didaktischen, polemischen und am ausführliclisien 



Chronik des AViener Goethe -Verein« 



den lii.siDrischcii. in ucicli IctztcTcm nicht bloss die 
iiusscrc (Itüc/iidilr einer W'issenscliaft niederijelegt 
ist, sonilern diese Wissensclialt sell)sl in glänzenden 
Charakterisliken ihrer 'liägei- und der einzelnen 
Kpoehen ihre,> Werdens dart;elhan wird. Ki- zeii;te 
das Persönliche, das durch das i^anze Werl; hindurch- 
!;cht, bald kamplesnnithif; j^egen die Andersglaubii^cn, 
bald anerkennend i.'ei;en die (jleichi;esinnten. Goethe 
stell! nicht am Ahschlusse einer hlpoclic, sondern am 
Beginn einer /.eit. die erst im Stande sein wird ihn 
als »Helreier : anfallen 'Jebieten des geistigen Lebens 
anzuerkennen. — Dem inhaltsreichen, anregenden 
Vortrage wurde lebhafter Beifall zuTheil. Daran schloss 
sich der schon erwähnte Vortrag Professor Suphans. 
der für i.\i:n ergreifenden .Mo-iient auch wahrhaft er- 
greifende, unvergessliche Worte gefunden hatte. Er- 
wähnt muss auch werden, dass Herders Enkel, der 
S'.aatsminister Dr. Stichling, in gleich edler Gesin- 
nung wie Schillers Enkel, dem Archiv den Brief- 
wechsel i lerders mit seiner Braut zugewendet hat. 
Und so i^! Scr (jrundstein gelegt zu einem Gesammt- 
Archi\ der classischen Zeit Weimars. — Nach einer 
Pause wurde der geschäftliche 'l'heil der Tagesord- 
nung erledigt. An Stelle des verstorbenen Vorstands- 
mitgliedes von Beaulien-Marconnev wurde der säch- 
sische Cultusminister Dr. von (ierber gewählt. Suphan 
erstattete Beiicht über Goethe-Bibliothek und .Archiv, 
besonders über <\i:n leichen Zuwachs des letzteren im 
abgelaufenen .lahre, Kuland über das (ioethe-National- 
iMuseum in welchem neuerdings das seinerzeit für 
das (jrab von Goethes Enkelin. ,\lma von Goethe, in 
Wien beslimmte (jrabdenkmal nach langer Wanderung 
inid nach langem \'erborgensein einen würdigen Platz 
erballen liat. .\hiias t eberreste sind bekanntlich 1885 
von dem Währinger Iriedbofe nach Weimar über- 
führt worden. Der Rechenschaftsbericht des Schatz- 
meisteis, des Herrn C'-mmcrzienrathes Dr. Moritz, 
eröH'nele die erfreuliche Thatsache, dass die Gesell- 
schaft trotz der grossen .Ausgaben des letzten -lahres 
einen Vermögensstand von -38.000 Mark aufweisen 
kann. Nachdem ein .Antrag auf Neudruck der ersten 
(jesellschafts-Publication, der Briefe der Frau Ratb 
an Anna Amalia abgelehnl worden war. war die 
Tagesordnung erschöpft. Die .Anwesenden brachten 
dem N'orsitzcnden in begeisterter Weise ihren Dank 
für die glänzende Eeilung der N'cr.sanimlung dar. Ein 
fröhliches .Mahl, bei dem Simson auf den Kaiser, 
Erich Schmidt auf das Weimarische l'ürstenhaus, 
Simson nochmals auf Schillers lebende Nachkommen, 
Suphan auf den Festredner, Bernays auf Kaiserin 
Augusta und Professor üncken auf Simson sprachen, 
dauerte bis kurz vor den Beginn Ai^r Festvorstellung. 
Es kann nicht geiäugnet weiden, dass die .AulVührung 
des »Tasso«, trotz redlichster Bemühung der Mit- 
wirkenden (l-'rau Franziska Elmenreich aus Hamburg 
spielte die Prinzessin) nach den Mühen und Zer- 
streuungen des Tages nicht jene Wirkung üben 
konnte, die er stets auf ein nesammeltes und in Foli;e 



dessen doppelt genussfähiges l'ublicum ausüben mu>>. 
Eine zwanglose N'ereinigung nach der N'orstellung 
gab dem im höchsten (jrade gelungenen Feste einen 
gemiithlichen Ausklang. — Das Goethe- und Schiller- 
Archiv \eranstaltete in diesen Tagen eine reichhal- 
tige Ausstellung der interessantesten Goethe-Hand- 
schriften: man sah den ersten Götz, die Römische 
Iphigenie, die Römischen Elegien, die Reinschrift des 
Divan. Liederhefte aus den ersten Weimarischen 
.lahren. l-'austblätter und das .Mundum des zweiten 
Theiles Faust, sowie 'lagebücher und Briefe von und 
an (joethe (Herder, Wieland, Kleist, Heine, Beethoven. 
Schubert etc.). Auch aus den neuen Schillerschätzen 
waren einzelne kostbare Stücke ausgelegt : die .Ar- 
beiten am Demetrius, das einzig erhaltene Blatt aus 
Kabale und Liebe, Blätter aus Don Carlos. Stücke 
aus dem (ioethe-Schiileischen Briefwechsel, Briefe 
von Lotte und \on Schiller und viele andere seliens- 
werthe Handschriften. — Die allgemeine Befriedi- 
gung, ja Begeisterung der l'esttheilnehmer war der 
schönste Dank für die Mühen der N'eranstalter der 
.iahresversammlung. 

Zur Nachricht. 

Nachdem die Freiherrn lAidwig und .\le\ander 
von(jleichen-Russwurm durch Stiftung vom-. 10. .Mai 
den handschriftlichen Nachlass und die Bibliotliek 
Sthillers dem Inhalte des Goethe- Airhi-'s angeschlossen 
haben und nachdem am 2. .luni die Uebernahme 
der Schenkung erfolgt ist, hat Ihre Königliche Hoheit 
die Frau Grossherzogin Sophie von Sachsen zu be- 
stimmen geruht, dass vom Tage der N'eröftentlichung 
der Stiftungs-L'rkunde an, den 13., luni 1880, das 
Höcbstderselben gehörige vereinigte Archiv den 
Namen ..Goe/Zu- ii/id Si/i/7/i-r-Air/i/?'" (Siegel: Goetlie 
Schiller-Archiv Weimar) zu führen liabe. 

Weimar, den !■?. .luni l88(). 
/;/, Dir.elion ,l,s Goethe- und Sehiller-Arehirs. 
I'rol'es-or Dr. Siipliaii. 



Bei Gelegenheit der Enthüllung des 

Grillparzer- Denkmals in Wien, den 

23. Mai 1889. 

Xur weiter f;eht das tulle Treiben. 
Von vorwärts! vorwärts erschallt tla> l.aml. 
/(■/; möchte, wär's möglich, stehen bleiben 
Wo Schiller und Goethe stand. 

So schrieb einst Grillparzer. Wer ihn recht ver- 
steht, wild ihn nicht missdeuten. F^r hat recht, wenn 
er in der hastig treibenden Zeit, die nur nach Neuem 
Verlangen trägt — stille zu stehn wünscht vor dem 
(ji'össten. was unsere Epoche erlebt hat. l nd sein 
Denkmal macht den Eindruck, als ob es der Zeit ein 
Halt ! zuriefe und uns mahnte, einen .Augenblick in 
der Zeit zu weilen und der Höhen unsrer Bildung zu 
iiedenken. 



liii^nik lies Wiener Goethe-\'ereins 



.5') 



Als Grillparzer Goethe besuchte und ihn das 
erstemal bei einem solennen Empfang als Minister 
sah, fühlte er sich beengt gegenüber der erhabenen 
(jestalt; er sollte ihn aber bald in vollkommener 
l'ngezwungenheit als Gast seines Hauses kennen 
lernen, wo er ihm so liebevoll entgegentrat und ihn 
als seines Gleichen behandelte. — Da, als ihn Goethe 
bei der Hand nahm und ihn in das Familienzimmer 
führte, überwältigte ihn mächtige Rührung, Thränen 
entströmten ihm. — Noch leben unser viele, die der 
Zeit sich erinnern, da Goethe lebte und Grillparzer 
jene Verse schrieb. Auch wir werden dahin gehn und 
nachfolgende Geschlechter werden bei Gnllparzers 
henkmal stehn bleil)en und der Zeit gedenken, des 
Zeitpunkts, »wo Schiller und Goethe stand;. 

.letzt, da vmseres heimischen Dichters Stand- 
bild errichtet und dem Denkmale Schillers so bald 
gefolgt ist. da ebenso für die Heroen der Musik ge- 
sorgt ist, tritt das Verlangen nach einem Standbild 
desjenigen hervor, zu dem Schiller, sowie dann auch 
unser Grillparzer. als zu ihrem Leitsterne hinan- 
u'eblickt haben — Goethes. 



Hofrath Jos. R. v. Weilen t- 

»Es ist ein reiches Leben, das hier vernichtet 
worden ist, ein Leiien reich an .\rbeit. an Erfolgen 
und Ehren.« 

Im .lahre 1848 als Mitglied der akademischen 
Legion der Wiener Universität dem Regimente Hoch- 
und Deutschmeister einverleibt, wurde er schon 1849 
< )fhcier, 1 852 Professor der Cadettenschule zu Hain- 
liLirg, 1854 an der Genie-Akademie in Znaim, 1861 
Scriptor an der Hofbibliothek zu Wien und Professor 
an der Kriegsschule, — Was Weilen seit 1859 als 
dramatischer Dichter, seit 1870 als Director der 
Schauspielschule des Wiener Conservatoriums, seit 
1883 als Präsident des Schriftstellervereins »Con- 
cordia«, seit dem Tode Leopold Komperts als Prä- 
sident des Wiener Zweigvereins der > Deutschen 
Schillerstiftung« und seit 1884 als Redacteur des 
vom Kronprinzen [Rudolph herausgegebenen Werkes 
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort 
und Bild« gewirkt und geleistet, werden Andere ge- 
bührend würdigen. 

Wir können hier nur der Thatsache gedenken, 
dass Weilens grosse Verdienste als Schriftsteller und 
(Charakter nicht nur längst die a. h. .Anerkennung 
landen durch Verleihung des Ordens der eisernen 
Krone und des Hofrathstitels, sondern dass ihn auch 
die allgemeine Verehrung Derer in das Grab geleitet, 
die in ihm den Mann in seinem edlen \\'esen kennen 
gelernt hatten. 

Dem Wiener Goethe-Verein gehörte Weilen 
seit seiner Gründung (1878) an und wirkte seither 
für denselben als Mitglied des Ausschusses. — 
Namens des \'ereins wurde ein Kranz an dem Sarize 



des Verewigten niedergelegt, und Mitglieder des 
.Ausschusses, wie Professor Dr. Si/uHi'r (Obmann- 
Stellvertreter) und Herr lüli^tir -S/iiigl ?■. l'hurnste 
wohnten der Leichenfeier bei, welche sich durch die 
Theilnahme der höchsten Kreise der (Jcscilschaft 
grossartig gestaltete. 1'.. '••. M. 



Das Wiener Goethe-Denkmal. 

In Kolge der Zuschrift des Wiener tioethe- 
\'ereins an die Genossenschaft der bildenden Künstler 
mit der .Auti'orderung, die Sache des Denkmals durch 
künstlerische Entwürfe fördern zu wollen , ist ein 
Schreiben an das Vercinspräsidium eingelaufen mit 
der erfreulichen Nachricht, dass auch Herr Prof. Otto 
König sich an der Concurrenz hetheili^en werde. 



Bibliothek des Goethe -Vereins. 

Soeben erhalten wir l'ür die lübliothek : 
Shakespeare im Aiibrucii der klassischen Zeit 
unsrer Literatur. Rede zum Shakespeare -Tag 
1889 von B. Suphan. Weimar 1889. 
Goethe als Vater einer neuen .\esthetik. N'ortrag. 
gehalten im Wiener (ioethe -Verein am 7. No- 
vember 1888 von Rud. Steiner. Wien, 1889. 
— Der Vortrag erschien zuerst in unsrer Goethe- 
(!:hronik, No\ ember-December 1888. 
Goethes Handzeichnungen. Erste I5eihige zur 
Rostocker Zeitung vom x^. ,luni i88q. 

/;/;• R,,la<li,m. 



Mitglieder- Verzeichniss. 

Mitglieder, 

welche ;tl. J ;Ui re ■- b c i 1 1,1 ;,' c n t r i . !i t e n : 
(K(irt-.et/,in).i,' lunl Schill^-..) 

Herr Ritter \. I- 1 a t t i c h Wilhelm. Aicliitcki. I. 

,Maximilianstras-,e (1. 
Frau Fleck enst ein Anna, Med. I loctois- Witwe und 
Frl. Fleckenstein Johanna, W .. lUniptNti'asse 40. 
1 lerr F I e i s c h n e i' Ludw ig . KeaNchul - Professor, 

\'l., Mariahilferstrassc 31. 
., Dr. Förster .August, Director des Hof-P.Lirg- 

theaters, 

Dr. Forster Carl, (Chemiker wnd 1-abrilvsbe- 

sitzer, IV,, Waaggasse 3. 
,, Dr, F'rankl Ritter v. liochwart Ludwig 

August, Schriftsteller, I., Opernring 10. 
FrauF'rantzl von Franzensburg Marie, \'l., 

Corneliusgasse 4. 
Herr r<itter V. Freiberg Rudolf, k. k. .Ministerial- 

i'ath, I\'., Frankenberggasse 7. 

Di-. I-' r i e d m a n n .Alfred, Berlin. 



4<J 



t'liionik des Wiener Goethe-Vereins. 



Herr Dr. I'' ri cil in a n n Maiocll. Hof- und (icrichts- 
Aiivocat, I., Salzthorj^a.ssf i . 
,, Kitlci- V. F r o .s c li a ii e r (jedL-on, k. k. iMinistc-rial- 

Secrotür, III., Scidlga.s.se v 
,, l'iirst Noa. (;oniinission.sliändlcr, 1., Schottcii- 

riii;^ '^(1. 
,. l-iichs .1. N.. llorDpcni- Kapellmeister. \'ll.. 

.Mar iah il fers irassc - 1. 
.. I)r. I'' u n k lynaz. I )irei;l()r-Stellvertr. des \V. 
(Uro- und (,'asse)i-\ ereiltes. 1., Rockhga.s.se 4. 
l-rau I- II M k Piertlia. daselh.st. 

I'iau !•' u s s Sidonie. (iattin des Professors und 
Heielisratlis-.\li,t;eordneteii Hr. 1-iiss. III.. Löwen- 
i^asse SS. 

G. 
l-rau Üaroniii \on ( j a li 1 e 11 / - K > k e 1 e s Helene, 
k. k. l'eld/eui;nieisters - Witwe. I.. ^«ehotten- 
bastei 1 . 
HerrCjarnoss .losef. (Jeiitralinspeetor der öst.-ung. 
Hank, \ 111.. ,Seliniiedt;asse S. 
„ (iauss .losef. Kaufmann, I.. -\iii llof 8. 
Frau (jlattau .liilie. .Meidlin:;. ■Iheresienbad. 
„ (iläsel (Charlotte, ueh. Lenz. I\'.. .Starliem- 
berg^^assc -V-. 
Herr C oYd s e he i d Rudolf. IX., Nussdorferstrasse s- 
,. (j o 1 d s e h m i d t 1-riedrieh. Disponent, IL. 

Ferdinaiidstrasse ^ 1 . 
.. (ioutia .losef. k. k. Militär-Registrator, \'1L, 

Hreiteijasse 1 i. 
., (j r a b c ns I e i n e r .\ui;usl (Aijetan, Holzhändler, 

III., Krdber.uerliinde 1. 
,, Graeser (Jarl. \ei laysbuchhandler. L. .\ea- 

demiestrasse 2. 
„ (iriii^er Lraii/. Kentiei. L. Neuthorgasse (S. 
,, Dr. t; rund (;arl. llof- und (ierichts-Advocat, 

I., Hankgasse 2. 
,, Dr. G r ü n h u t (iarl Samuel. Lniversitäts- 
l'rofessor, I.\., Herggasse 22. 
Dr. Guglia Kugen . Realscluil - Professor, 
Wäll ring, (iürtelstrasse 51 1. 
H. 
Herr Dr. Haas (^arl. (iviiinasial- und Realschul- 
Supplent. \L. .Matrosengasse !S. 
.. Dr. Haas Wilhelm. (Aistos der k. k. Iniver- 

sitäts-Hibliothek. L. Weihburggasse 8. 
,. Ilaberl lohamies . Kaufmann, \'ll.. Riehter- 

gasse I). 
.. Ilaberl .losef, überrealschul - Professor. \1.. 
(iiimpendorferstrasse 2c). 
Irl. II a 1 be rs t a ni m Helene. I., Schottcnring ii). 
Irau llainiseli Marianne in Aue bei Scho^twien. 
Frl. Hau a u s e k Marie, Mädchen-l,ehranstalts-\or- 

steherin. I., 'legetthofstrassc 7. 
I Icrr F'reiherr v. Hansen Theophil, k. k. Oberbau- 
rath. ,\rchitekt. L. .Xmalienstrasse 3. 
.. Dr. IIa r ras Ritter v. H a r rass o w s k y Phi- 
lipp, k. k. Ilofrath Dcim Obersten Gerichts- und 
Cassationshof. I., Walltischgasse 14. 



Herr H a s s 1 \v a n d e r Friedrich . Profe^.sor und 
Historienmaler. I\'., Walteri,'asse -. 
,. Hau eis Emil, Director des Landes -keal- 

und Obergymnasiums in Haden bei Wien. 
,. Dr. Ritter V. Hauer Franz, k. k. Ilofrath und 
Intendant des k. k. naturhistorischen llof- 
museums. L, Hurgring j. 
,, Heck N'alentin, Kunsthändler. L. Kärntnerriim 
Nr. 12. 
Frau Hecke. Regierungsraths-Gatlin. \lll.. Lederer- 
gasse 8. 
Frl. ilecke, daselbst. 

H e i d e n h a i n, L, Oppolzergasse d. 
Iran H e i m .\nna, 1., Opernring 5. 
Herr Hein .\lois Raimund, k. k. Professor und akad. 

Maler. \'l., Dürergasse 22. 
Freiherr v. 1 1 e i ne- G e 1 d e r n Gustav. L. Käriitner- 

ring <i. 
Herr H e i s s e n b e r y e r (ieorg. 111.. Hintere Xoll- 
amtsstrasse 1 5. 
,. Hermann Wilhelm. Schriftsteller. Ober-Döb- 
ling, Neugasse 5. 
Frau Haronin Hermann. 111., Hauptstrasse 88. 
Herr Herold Moriz. k. k. Professor am .\kadem. 

(ivmnasium. 
Irau \. II e rr n r i t t -Auguste. 1.. Reichsrath.^strasse 

Nr. I. 
Frl. Marie Herz f e 1 d e r. L. Rothenlhurmstrasse 22. 
Frau Hesky .Marie. L. Getreidemarkt \\. 
Heir Hevesi Ludwig. Redacteur. L. \Valllischgasse 

Nr. 18. 
Frl. Flora llielle, 1\., Maximilianplatz 12. 

,. .Marie Himmel. IL. Nordhahnstrasse 2(). 
Herr Dr. Ilintner \'alentin. k. k. Professor am .Aka- 
demischen Gvmnasium. 
.. Hirzel Salomon, Huchhändler. Leipzig. Hruder- 

strasse 2^ 
.. Hitschmann Ihujo IL. Redacteur. L. Domini- 
kanerbastei S- 
„ Hoch Carl, städt. Realschul - Professor. IW, 

Waltergasse -. 
,. V. Hochmeister .\dolf. k. k. Sectionsrath a. D., 
I., Nibelungengasse 7. 
Frau Höfer-Onderka (^lotilde. IIL, L'ngargasse 12. 
Frl. Hof er Flrnestine, daselbst. 

., Hol er Irene, daselbst. 
Herr Dr. Hi'ifler Alois, k. k. Professor am There- 
sianum. 
.. Hölzel Hugo. Hucb- und Kunsthändler. \\ .. 

Luisengasse 5. 
,, Hoffmann Heinrich, IIL. Seidelgasse 8. 
Irau Hofmann Louise, \'II., Kirchengasse 2I). 

,. Horny Malvine, 1., Schillergasse \. 
Herr Dr. Huemer .lohann, k. k. (jymnasial-Director, 

IL, Taborstrasse. 
Se. V.\c. live Freiherr \on Glunek .\nton, k. k. (ie- 
heimer Rath, Ilerrenhausmitglied et;., L.Rothen- 
thurmstrasse 1 s. 



Chioiiik dei Wiener Goethe-Vereins 



41 



Frau Langer Fanny, daselbst. 

Herr Hr. Langhans Victor, k. k. Gvmnasial-l'ro- 

fessor, IX., Wa.sagasse 2j. 
Frau L a n g li a n s Henriette, daselbst. 
.. Larsen Laurenz, P'abrikant und Hausbesit/cr. 

\'II., Kaiserstrasse 119. 
., Dr. Latscher .August, k. k. Ministerial-Secretär, 

\'., Wienstrasse 21. 
., Latzel Josef, Gutsbesitzer, I., Operngasse 8. 
Frau Latzel Auguste, daselbst. 

Herr Lederer Ernst, Privatier, I\'.. Schwindgasse ij. 
Herr Kanitz Felix, Fthnograph, 1.. Fschenbach- ] Frl. Lederer .losetine, daselbst. 



Frl. Imelmann Albertine , Penzing . Hauptstrasse 
Nr. 58 — (")o. 
,. Imelmann ISetli. daselbst. 
Ilcrr.laffe Max. Photolithograpb. Währing. The- 
resiengasse \j. j 

., .lohn .loset, Präfect am k. k. Tl-.eresianum. ! 

,. Dr. .lüttner .losef, Professor am .Mariahilfer 1 
Communal-Real- und Ober-Gymnasium. : 

K. ' 



gasse 0. 
.. Kapp Stephan, k. k. Gymnasial-Professor, IX., 

Währingerstrasse i(). 
,, Kareis Josef, k. k. Oberingenieur, I., Haupt- 

telegraphenanit. 
,. Felix Karrer, Secretär des W". (.".. (Jberdöbling. 
Hauptstrasse 80. 
1-rau Karre r Leontine, daselbst. 
Frl. Karrer Anna, daselbst. 

Herr Dr. Karschulin (jeorg. Professora. d. Handels- 
•Akademie. 
., Kastner Richard, IV.. Flauptstrasse 1. 
Frau von Keblovszky Etelka, in Föherczeglak 

(Ungarn). 
Herr Dr. Kelle Job., Professor an der L'niversität 
Prag. 
,, Kern Leopold, HolzhSndler. I.. l'niversitäts- 
strasse 1 i . 
Frau Kern Helene, daselbst. 
Herr Dr. Ritter v. Kleemann .August, k. k. Sections- 

rath, 1\".. Hauptstrasse 40. 
Frau Kohen Sidonie, 1., Gauermanngasse 4. 
Herr Dr. Kolatschek .Adolf, Schriftsteller, IV., 
Belvederegasse 2. 



Herr Lehmann .Adolf, kais. Rath, Herausgeber des 
Wiener Wohnungs - .Anzeigers ; , I., Rellaria- 
stiasse 4. 
,, Leisching X'olkmar, Procuralührer, I., Do- 
minikanerbastei ■^. 
Se. Excell. Freiherr v. Lemaver Carl, k. k. Geheimer 

Rath, I., Schottenhof. 
Herr Leon Eduard, Privatier. I., I5artensteingasse 

Nr. 14. 
Frau Leon Paula, I., Augustinerstrasse 2. 
Herr Dr. Ritter v. Lexer Mathias, Professor an der 
Universität Würzburg. 
., Dr. Lichtenheld .Adolf, k. k. Gvmnasial-Pro- 

fessor, IX.. .Alserbachstrasse 11. 
,, Liebig Berthold, cand. phil., III., Metternich- 
gasse. Kaiserlich Deutsche Botschaft. 
Frau von Lieben Math., geb. Baronin Sehe \ . IX.. 
Wasagasse c). 
,, LindemavrCarkk. k. Professor am II. deutschen 

Staatsgymnasium in Brunn. 
,, Dr. Lippmann Eduard, k. k. L niversitäts-Pro- 

fessor, IV., Carlsgasse 9. 
,, Lissner Ambros , k. k. Professor am .Aka- 
demischen Gvmnasium. 



,, Dr. Kolisch Emanuel, praktischer Arzt. I., 1 Frau von Li ttro w- Bi schof .Auguste, I.. Weihburg- 



TuchlaLiben 
Frau Kolisch Sophie in Göding. 
., Hermine Kornhuber. Professorsgattin, \'., 

Kettenbrückengasse ■:;. 
., V. Kialik Louise, I., Elisabethstrasse i. 
Herr Kraupa Anton, Ingenieur, III., Löwengasse 20. 
,, K reibig Josef Clem., Assistent, I., Gauermann- 
gasse 2. 
,, Krögler Hans, (]and, phil.. III.. Fasangasse 18. 
Freiherr Krticzka von Jaden Han--, I., Stoss im 

Himmel 1,. 
Herr Dr. Kukutsch Isidor, k. k. Prol'essor am The- 

resianum. 
Frau Kurzman v .Marie, \"III.. Wickenbury^asse ■:;. 



Frau Dr. v. Lackner rielene. I., Dorotheergasse 1 S. 
Herr Dr, Lambel Hans, a. o. Professor an der l ni- 

versität Prag. 
Frau v. Lang-LittrowElla, Weinhaus, Hauptstr. -^4. 
Herr Langer Paul, Schuldirector,Vl., Linüengasse 0. 



gasse q. 

Herr Löwenfeld Siegfried, Fabrikant, I., Schotten- 
ring 2. 

Frau Löwenfeld Auguste, daselbst. 
,, Lorenz v. Liburnau Rosa, Ministerialraths- 
Gattin, III., Beatrixgasse 25. 

Herr Dr. v. Lützow Carl, Bibliothekar der k. k. Aka- 
demie der bildenden Künste und Professor an 
der Technischen Hochschule, I\'., Theresianum- 
gasse 25. 

M. 

Frau .Macher Marie, I., Wallnerstrasse (i, \'oi- 
steherin des Töchterheim. 

Herr Dr. Maj e r Ludwig, Hof- und Gerichts-.Advocat, 
VII., Mariahilferstrasse 48. 

Frau Maj er Emmy, daselbst. 

HerrMajer Heinrich, Liquidator der österr.-ungar. 
Bank, I., Wallfischgasse 10. 

Prl. Maj er Marie, daselbst. 

Herr v. Marenzeller Emil. Custos am n. Ii, llol'- 
Museum. 



'\- 



t'hionik lies Wiener Goethe -Verein- 



Herr l>r. Markltrei ter KdmuiHi. Hof- und Ge- | 

richts-Advocat, I.. Ilelterstorterstrasse 6. 1 

llcrr.Mar\ Hugo, Fabriksbcsitzcr in (Saaden l)ci i 

M.idlini;. j 

I lau Marx Marie, daselbst. 

I lerr .M a y e r Alois, Alnlieiliings-X'orstand der I nion- | 
lianic, I., Kenngassc ("i. 
,, Maver Arnold, Dr. phil., II.. Obere .\ui;artc'n- 
strassc 32. 
Herr Meier Hudoll'. Bergingenieur. 1\'.. (ioldegi;- 
i;asse 1 . 
.. Dr. .\1 e i s.sn er .lobannes. KeuiUeton-Hedacteur. 

I'nter-Sievering, llauptstrasse 177. 
,. -Meixncr Josef, .städtischer Uealschul - Pro- 
fessor, VI., Kasernengassc 20. 
., .Meixner l-'ried. Math.. Beamter der Inion- 
bank. I\'., Schleifmiihlgasse 7. 
Irau Meixner Friederike, daselbst. 
i:\c. V. Merev Alexander. (Jeheimrath. 1.. .*<ehotlen- 

hof. 
Herr M iet hk e II, ( )., Kunsthändler, 1,, l'lanken- 
gasse 2. 
., Dr. Millanieh Alois. Hof- und (lerichts- 
Advocat. 1., VV„ll/.eile 22. 
Iran .Minor, Professorsgattin. 111,. llauptstrasse 88. 
l'rl. .Mitteis .Marie, Lehrerin. 1\'.. .Mleegasse -30. 

,. M i t t e i s (labriele. Lehrerin, daselbst, 
llenDr, .Morawitz .Alois. Hof- und (ierichts- 
.\dvoeat, I.. Neuer .Markt 3. 
., .M ü 11er (iustav. IX.. Nussdorferstrassc 5 1 . 

N. 

|-rl. Nauheimer ."Stefanie. Lehrerin. .Meidling, 
.Schönbrunnerstrassc iiö- i 

I lerr \ , Neu f e 1 d (nistav. l-'abrik>besit/!er, I., Bauern- 1 
markt 1 v | 

.. Neufeidt Carl. Procurist. daselbst. ( 

Kdlerv, Neu hanser Hermann, k, k. Oberst. 
I\'.. llauptstrasse s'i. 

Irau V. N e u h a u s e r Louise, daselbst. 

Herr Neumann Alois, Professor am städt. Real- 
Ober-Gymnasium, VI.. .Mariahilferstrasse '/■i,. 
.. Dr. N e u m a n n Wilhelm. L'niversitätsprofessor. 
IX.. Schwarzspanierhaus. 

Irau \. N iebauer ("aroline, I., Naglergasse 5. 

ItI. V. N i e b a u e r .Marie, daselbst, 

Herr Dr, Nikoladoni .\lexander. ,\dvocat in Linz- 
t'rfahr, 
„ Noske (^on.stantin. (ieneral-Secretär der ung.- 
franz. Versichennigs-.Vctiengesellschafi. I.. Klee- 
blattgasse I 1 . 

O. 

Frau V. Obermayr, IX., Berggasse 15. 

., Oser .losetine, I., Hegelgasse 8. 
Herr O s t er s e t z e r Leon. Bankier, IX., l'erstel- 
gasse 4. 
,, Overhoff .lulius. Kaufmann. 1\'.. llechten- 
ua.sse (i. 



Herr Pa ppe nh e i m . W. . Productenhändier , IX., 
P>ergga.sse 1 7. 
.. Pesta .\ugust, k. k. .Ministerial-^ecrelüi-, \'l.. 
Kahlgasse •^. 

Pfeiffer Kdler voji Weissenegg Carl, 
.Schriftsteller. (Jutsbesilzer, 111., Kadetzkystr. 8. 
Frl. Pibus .Marie, Lehrerin. I\ .. Pressgasse 15. 

., Pi bu s Paula, daselbst. 
Herr Dr. Freiherr v. Pidoll .Michael, k. k, Re- 
gierungsrath, Director der k. k. Theresianischen 
.Akademie, IV.. Favoritenstrasse 15. 
.. Pindo Demeter, Kaufmann. I.. Schottenbastei 
Nr. 1 I . 
1-rau Baronin Pitha Fmilie. 1., Opernring 17. 
Frl. Baronesse Pitha .Alice, daselbst. 
Herr Planck v. Planck bürg .August, Privatier. 
I\'.. Irankenberggasse 5. 
.. Pöl/1 Ignaz, städt. f)berrealschul- Professor, 
l\'.. Walterga.sse 7. 
I'rau Pokorny, Doctors-Gattin, I.. Bognergassc iS- 
1- rl. P o k o r n y (^Iharlotte. daselbst. 
Herr Dr. .Alois Po Hak, IV., Freundgasse 4. 
.. Dr. (Jarl Pollak. prakt. .Arzt. I., Franz .losef- 

(luai ;^7. 
.. Popper Sigmund. Beamter der k. k. priv. 

Länderbank. 
.. Porges Ludwig. 1.. Ilabsburgergasse (i. 
I'rau V. P o sc h a c h e r Louise. 1\'. . .Margarethen 

Strasse 30. 
Herr Dr. Po t p e s c h n i g g .losef, .Advocat in (iraz. 
I'rau Prager Betti, Gaudenzdorf, Plankengasse 53. 
l-rl. Prag er (Charlotte, .Meldung, Uuckergasse (5. 
.. Prag er Hermine, Neuwaldegg, Hauptstrasse. 
., Prag er Joseline, (iaudenzdorf, Plankengasse 5 ^i. 
Herr Dr. Pröll Ferdinand, em, k,k, Notar, Salzburg, 
Bahnstrasse 2, 

Kiiter v. P r u s s - N i e d z i e 1 s k i Ladislaus-, Bau- 
.Adiunct der k, k, n.-i'i. ."^tatlhaherei. Korneuburg, 
B. 
llerrDr, l^aab Franz. k, k. Gvmnasial - Professor, 
X'lll.. Langegasse v-- 
., Dr. Raab Richard, I.. Rothenthurmstrasse 15. 
., Hais .Moriz, Bankier, I., .Schottenring 15. 
I-'rau Baronin Rauber. geb. Grätin ("zdky. I,, .Seiler- 
stätte ui. 
HerrRegnier .losef. Schriftsteller. \\"ahring. llaupt- 
strasse 2. 

Richter .Moriz. Kaufmann. \'lll., Laudongasse 
Nr. 50. 
Frau Ried Louise, l\'.. llauptstrasse 8. 
Frl. Ried Hermine. daselbst. 

Herr Dr. Rieger (larl. I'niversitäts-Docent und Be- 

zirks-Schulinspecior, Ilernals. Kirchengasse 15. 

Frau Riessberger .Anna, (ieneral-Directors-tjattin, 

I., Rothenthurmstrasse 27. 
Frl. Riessberger .Antonie, daselbst, 
.. R i e s s 1) e r g e r Marie, daselbst. 



Chronik lies AViener Coelht-Vereiii.-. 



Herr K o b e r t Kmerich, k. k. Hofschauspieler. I., 

Nibelungengasse i •■,. 

Dr. Rodlberger Philipp, k. k. Polizei-(A)m- 

missär, I.. Seitenstättengasse 5. 
.. Dr. Rollet Hermann, StaJt-.Arcbivar in BaJen. 

Neugasse 6. 
Frl. Rollet Lina. Baden. Neugasse (). 
Frau Rösche Louise. II., Lichtenauergasse 1. 
Herr Rose he Theodor .loset", n.-ö. Landesbeamter. 

W'ähring. .Marktgasse 1 ^ 
Frau R o s e n t h a 1 .Marie. Bankiersgattin, 1.. Neuthor- 
gasse 2. 
Herr Rück er Fritz, stud. jur.. I.. Canovagasse 7. 

.. Dr. Rumpf.lacob.k. k. Schulrath. l\'...AIleeg. 30. 
Frau R u m p f \'ictoria, daselbst. 
,, R u s s (jabriele. Gattin des Reichsraths-.\bge- 

ordneten Dr. Russ, I., Stadiongasse t). 

S. 

Herr Sc halle r August, k. k. Custos der Belvederc- 
üalerie, L, Bellariastrasse 6. 
.. Schapira Jaques. 11., Untere .\ugartenstr. 38. 
F rau Schapira Charlotte, daselbst. 
Herr Dr. Seh au b Robert Ritter v.. Weinhaus. Haupt- 
strasse 34. 
.. Dr. S c h a u e n s t e i n Anton Ritter \ .. Concepts- 
Prakticant. IW. Floragasse ^. 
Frau Sehen kl Llse. Professorsgatiin. \111.. Lange- 
gasse -^-i. 
1 lerr S e h e u ba Hans. F'abriksvertreter. \'l.. Kasern- 
gasse j. 
.. Dr. S c h e y Josef Freiherr v., Professor an der 
k. k, Universität in Graz, Schillerstrasse '^o, 
Herr Freiherr v. Schev Stefan, Bankier, I.. Kant- 
gasse •:;. 
Frau Baronin v. Sehey Hermine, daselbst. 
Frau v. Schick Helene, I., Reichsrathsstrasse 25. 
Herr Dr. Schipper .laeob, Universitäts-Professor, 
Währing, Neugasse 2 i . 
.. Dr. Ritter v. Schlesinger Gustav. Realitäten- 
besitzer, III., Strohgasse i(>. 
,, Schlesinger Sigmund, Scl-.riftsteller, 1.. F^li- 

sabethstrasse 14. 
.. Schlumberger Gustav Edler v. Goldeck. 

Weingrosshändler. IV., Gusshausstrasse 16. 
,. Schlumberger Otto Edler v. Gold eck. Wein- 
grosshändler, I., .lohannesgasse 22. 
., Schlumberger Robert Edler v. Gold eck, 
W'eingrosshändler, I., Maximilianstrasse 6 
Sc. Exe. R. V. Schmerling .^nton. k. k. wirkl. geh. 
Rath, 1. Präsident des Obersten Gerichts- und 
Cassationshofes. Herrenhausmitglied etc. etc.. 
I.. Schottenhof. 
Frau Schmeykal Louise, .Advocatens-Gattin in Prag. 
Herr Dr. Sehmid Anton, k. k. Schulrath, Fünfhaus, 
iMariahilfergtirtel 20. 
.. Schmidel Fklmund. Landesgerichtsrath. N'lll.. 
Laudonsasse U). 



Herr Schmidt Friedrich F'reiherr v., k. k. Oberbau- 
rath und Dombaumeister. Mitglied des Herren- 
hauses, Professor an üer Akademie der bildenden 
Künste, I., Schottenring (Sühnhaus). 
.. Schmidt (^arl , k. k. Regierungsrath , IX., 

Türkens trasse. 
., Sclinabl Leopold, Beamter der österr.-ungar. 
Bank, IX., Sehwarzspan ierstrasse S- 
Frl. Schneider Leopoldine. städt. Lehrerin. 1\'., 

Hauptstrasse (js. 
Frau Schnirch Louise, Doctors- , königl. Raths- 
und Directorswitwe, Pötzleinsdorf, Hauptstr. 12. 
Frl. Schönberger .lenny, Meidling, Theresienbad, 
Herr Schöndorf Sigmund, Ingenieur, III., Geologen- 
gasse 5. 
,, Schosberg Wilhelm, k. k. Börserath, IX.. 
Kolingasse 20. 
Frau Seh röer Hermme, Professorsgattin, III.. Sa- 

lesianergasse 10. 
Herr Dr. Seh röer .\rnold . Prci^^ssor an der Uni- 
versität F'reiburg i. Br. 
Frau Schröer Olga. Redacteurswitwe, III.. Strohg.2. 
Herr Schröer Rudolf, akademischer Bildhauer, 111., 
Salesianergasse 5, 
.. Dr. Schrötter Leopold Ritter v. Kristelli, 
Universitäts-Professor, IX.. Mariannengasse ■:(. 
Frau V. Schrötter Lina, daselbst. 
Herr Dr. S c 1-, u 1 z \ on S t ra s z n i t z k i .lohann, k, k, 
Sectionsrath, IV., Hechtengasse s- 
.. Dr. Schwab Erasmus, Gymnasial-Direeror, \'l., 
.Mariahilferstrasse 73. 
Frau V, Schwab M.. III., Heumarkt 0. 
Frl. V. Schwab Louise, daselbst, 
Herr Schwab Rudolf, k. k. Staatsbahnbeamter, l\'., 
F'loragasse 7. 
.. Schwarz Heinr.. Kaufmann. I., Bauernmarkt 1 1. 
.. Schwarz .lohann. k. k. Gvmnasial-Professor, 
IV.. Theresianum. 
Se. Exe. S c u d i e r Anton Freiherr v., k. k. Geheim- 
rath, Feldzeugnieisteretc. I,, Friedriehsstrasse 2. 
.. Sedlmayer Heinrich, Professor am Franz 

Josef-Gymnasium, I., Hegelgasse ■:;. 
,, Sederl Josef, Stadtbaumeister, III.. Reisner- 
strasse s I ■ 

Dr. Seemüller .losef, k. k. (jvmnasial-Pro- 
fessor u. Universitäts-Privatdoeent. 1\'.. Hungel- 
brunngasse 20. 
,, r)r, Se I i gnian n Franz Romsr, Universitäts- 
Professor i, P., IX., Währingerstrasse i s- 
., Senigaglia Lionello, L, Singerstrasse 10. 
FVauSeybel (Otto), I\',. Resselgasse 5. 

,, V. Sevbel .\line, I., Canovagasse 7. 
Herr Dr. Singer Samuel, IL, Praterstrasse 14, 
,, Dr Singer Ludwig, Gymnasial-Supplent, 1.. 
Gauermanngasse 2. 
F'rau Sitte Leopoldine. I.. Schellinggasse i ^ 
.. Slowatsehek .Antonie, (jutsbesitzerin. N'lll.. 
Laudongasse 4-^. 



Cbronik iles AViener GDethe-Vereiiis 



Ikrr Dr. Mii o 1 1 c Lf o . Gymnasialprofessor. II., 
I'illcrsdortstrasse 13. 

Spciad Ludwig. Schriftsteller. III.. .Stroh- 
gasse I. 
Frl. Spielmann Rosa. I.. I'.randstiitte 3. 
Herr Spitzer Daniel, Schriftsteller, 1., l-'rciung (J. 
Spit/.müUer Rudolf, Beamter der österr.- , 
Ungar. Bank, VIII., Schmiedgasse 4. j 

S t'e i n d 1 .losef, Rechnungs-Revident der k. k. 1 
priv. Südbahn, IV., Favoritenstrasse ()4. 
Frau S t e i n d 1 Anna, daselbst. 
Frl. St e i nd 1 Ida, 1.. Sterngasse 2. 
Herr Steiner Rudolf, I.X., Kolinga.sse 5. 

Dr. S t e i n wen d e r Otto. Reichsraths-.\bge- 
ordneter und städt. (iyninasial-Professor. \'I.. 
Mariahilt'erstrasse 73. 
„ Stenzl Franz, kais. Rath. Ober-l'rUl'ect des 

k, k. Theresianums. 
,, Stejskal Carl, Gymnasial - I'rofesso, . II.. 
X'olkertstrasse <S. 
FrauStiasny Martha. IX.. Wasagasse 4. 
.. Stolz fherese. .Med. Dr.-Witwe. IX.. Fisen- 

gasse 14. 
.. Störck Bertha, 1.. Walllischgasse 9. 
.. S t r a n s k y, IX., Wasagasse 4. 
Frl. S transky, daselbst. 

Frau S tre ic h er Friederike. I.. Opcrnr-ni; 23. 
I'rl. S t r e i c h e r (;aroline, daselbst. 
lleriDr. Suchanek Krwin, Director der Union- 
l'.augesellschaft, Währing, Gürtelstrasse 1 . 
T. 
Herr Tapfer .lacob . Olficial beim Obersten Ge- 
richts- und Gassationshofe. \II.. Burggasse (13. 
V. Thaler Carl, Schriftsteller. \'l.. (iumpen- 
dorferstrasse 2 1 . 
Frl. Thilo .-Xmalie. Instituts - \'orsleberin. Franz 

.losefs-()^uai '^ 1 . 
llcrrT hieben Fniil. st. ].. \"l.. Liniengasse 4. 

Tilgner \'ictor. Bildhauer, k. k. Professor. 

IV.. lleugasse 1. 

Dr. '1' o m a n e t z (Jarl, Professor am (iymnasium 

in Hernais. Währing, Gürtelsirasse 47. 

Triesch Fried. Gust., Schriftsteller, I.. i:li- 

sabethstrasse 22. 

Dr. Troll -Mfons. Hof- und (;erichts-.\dvocat. 

I.. Bräunerstrasse 22. 

Dr. T u ml i rz Carl. k. k. (iymnasial-Prot'essor. 

II.. laborstrasse 24. 

U. 
Herr FIr ich Anton. Ingenieur in Ko.neuburg. 
Frau Fmlauff von Frank well Victoria. .Mödling. 
Frl. r m 1 a u f i von I-' r a n k w e 1 1 N'ictoria. daselbst. 
.. l ml au ff von Frank well Ilanie. daselbst. 
FrauFui^er .Marie. Geheimraths-Gattin. 1.. Kant- 



1 lerr V e r n a 1 e k e n W'alther. k. k. Oberrealschul- 
Professor. III.. lietzgasse 27. 
., Dr. Vogl .\ugust, k. k. Obersanitiltsrath, l'ni- 
versitäts-Professor, IX., Ferstelgasse 1. 

W. 

Herr W a g n e r .\nton, Bankier. 1.. Kärntnerstr. 23. 
Frl. VV a n d e r Henriette. I.X., .Maximiliaiiplatz 12. 
Frau Baronin W a t t m a nn .M a e 1 c a m p - B e a u- 

lieu Henriette, I., Wollzeile t). 
Baronesse \V a 1 1 m a n n .Stella, daselbst. 
Herr Weber .Albert. Kaufmann. \'l. . .Mariahilfer- 
strasse <S 1 . 
.. Dr. K. \on Weilen .\le\ander, Privat-Docent 
an der WieUL-r I iiiversität, \'ll.. Burggasse 22. 
.. I)r. W c i s h u t .\lbert, lof- und (Jerichts- 

.\dvocat, I., Schottenring (>. 
.. \\' e i s s Ernst, Procuraführer. I.. (iiselastrasse ('. 
.. Weiss Adolf Ritter von Tessbach, stud. 
)ur.. 1.. Nibelungengasse 1. 
Dr. Werner Franz, Fieichst'reiherr v., k. k. 
Seciionsrath, Währing, Frankgasse 13. 
.. I")r. Werner Richard M., o. ö. Professor an 

der Lemberger L'niversität. 
.. Dr. Werthheimber Siegfried. .Xdvocaturs- 
Gandidat. I.. Ilelferstorferstrasse 1. 
Frau W e v I li h n c r .lulliet , Staatsbahn - Beamtens- 

cattin. 1.. Kohlmarkt 9. 
Frl. Wibiral Bertha, Krems, .Vlleegasse 13. 

., Wies er .Marie. IV., Floragasse 7. 
I lerr W ie.se r .losef, VI., Stumpergasse 1 S. 
.. Dr. Wilbrandt .Adolf, Rostock, Schnick- 

mannstrasse 25. 
., Winter .Alois. Privatier. \'I1.. Burggasse (13. 
Frau Wittgenstein Fanny, III., Salesianergasse 2. 
Herr Dr. Wölfler Bernhard, kais. Rath, Währing. 

Döblingerstrasse 24. 
IVau Wölfler .losetine, daselbst. 
HerrWollanek Wilhelm, städt. Obcrrealschul- 
Director. I\'.. Waltergasse 7. 
.. Wollheim Leonhard, Ingenieur, 1., Elisabeth- 
strasse 2. 
.. Würz 11 er Franz. k. k. (iymnasial-Professor 
am Theresianum. 



Herr /.ipperling Hugo, Fabriksdirector. Smimering, 

llauptstrasse 38. 
,. Dr. Zitkovski Ludwig Rittei- v.. k. k. l'ro- 

fessor am .Akademischen (jymnasium. 

/. öchbauer Franz. k. k. (jymnasial-Professor 

am Theresianum. 
I'rau / o g ra f (jabriele. I.. .Amiagasse 20. 
Herr Dr. /wevbrück Franz. IX., Berggasse 20. 



Herr Unger William, k. k. Prof., IV., Victorgasse 5. 



Vcih<.<les Wiener Coethe -Vereins. - Druckerei de.s .Tllustriiten Wiener Extrablatts" (Franz Suscbitzl<y). 



Die Chronik erscheint um di( 
Mino jedes Monats. 



Heiträce sind an den Her- 



CHRONIK 



Im Auftrai:e des 

Wiener Goethe- VcreinsHer ■ 

ausgeberu. verantwortlicher 

Redacteur: 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 10. 



Wien, 15. Ootober 1889. 



4. Jahrgang. 



I.VHALT: _ )/« ,/,■„, 111 



l/'i-nieitcr eijies utigni: ^J:, n ,v//,. 



Aus dem Wiener Goethe-Verein. 

Dien.-itat,'. Jen i. ()ctol]er 1 889 hielt der Aus- 
schuss eine Sitzung, an welcher Se. Kxcellenz Freih. 
vi>n Bezeaiy, Prof. Schilkr. Herr Edgar von Spiegl, 
Bankier Rosmfhal und die Schriftführer Ei;gcr und 
Karnr theilnahmen. 

Rosdithal berichtet, dass fiisher für das lautende 
Neteinsjahr 335 Beiträge zu 2 tl. und 4() Heiträge zu 
3 tl. entrichtet worden seien. 

Die Mitglieder, welche mit ihren Beiträi^en noch 
im Rückstande sind, werden eingeladen, dieselben 
mittels Erlagscheines der Postsparcassa zu leisten. 

In das Comite zur Vorbereitung der Goc/hr- 
AliaiJc werden abermals Prof. Blume. Prof. Minor 
und Prof. Sthrner gewählt. 

Da für .länner 1890 Skizzen für ein Got/hc- 
Daikmal von Seite hervorragender Wiener Bildhauer 
zugesagt sind, zieht der .\usschuss in Erwägung, was 
weiterhin zur N'ermehrung des Denkmalfonds unter- 
nommen werden könne. Se. E\cellenz Baron Bezccny 
sagt für besondere .Anlässe gütigst seine entscheidende 
I nterstützung zu. /•,; j/ 



Abenteuer eines ungarischen Schul- 
mannes mit Goethe, Schiller und 
Wieland. 

Wiederabdruck eines Aufsatzes des Heiausi;cbers vom 
Jabie 1855. 

In I^Iummer 2 unserer Chronik vom 20. Februar 
1889 brachten wir einen .Aufsatz: »Goethe und ein 
Candidat der Theologie aus Ungarn«. Als ein Seiten- 
stück dazu geben wir diesmal das »Abenteuer eines 
ungarischen Schulmannes mit Goethe, Schiller und 
W'ieland«. Dasselbe ist zwar gedruckt im Programm 
der Presburger Oberrealschule von 1855. Da aber 
diese Mittheilung wenig bekannt und wol vergriffen 
und in W'urzbachs Schiilerbuch nur ein .Auszug ge- 
geüen ist, so hielten wir eine vollständige Wieder- 
gabe für angemessen. Sie führt vielleicht von Weimar 
aus zu weiteren -Aufklärungen über Ort und Zeit. 



Noch erglänzen hundert Augen lebender 
Menschen bei der Erinnerung an grosse Tage, wo sie 
in Weimar und .Jena die L'nsterblichen wandeln und 
walten gesehn, in Verhältnissen, die oft dem Märchen 
anzugehören scheinen. Noch sind die Spuren von 
der menschlichen lebenswarmen Nähe jener hehren 
Gestalten nicht verloschen und Reflexe ihres per- 
sönlichen Glanzes noch hin und wieder zu erkennen. 
Dergleichen, wo es immer ist. darf den .Mitlebenden 
nicht vorenthalten bleiben. Dies ist nicht nur oft zur 
historischen Feststellung von Daten von Wichtigkeit 
oder sonst an sich belehrend, sondern es gewährt 
dem Gebildeten auch den wertvollen Genuss an 
jenen seltenen Zuständen augenblicklich mit Theil 
zu nehmen und sie ihm näher gebracht zu sehn. 

In meiner frühen Kindheit schon hatte es iüy 
mich einen grossen Reiz, die aus Deutschland heim- 
kehrenden protestantischenTheologcn von berühmten 
Persönlichkeiten, die sie gesehn hatten, reden zu 
hören. Den frühesten F.iadruck von Goethes Per- 
sönlichkeit, auf den ich mich erinnere, verdanke ich 
einer Erzählung eines protestantischen Predigers, 
der als Candidat Goethe in seinem Garten aufsuchte 
und ihm ehrfurchtsvoll durch die Laubengänge folyte, 
während Goethe dem Gännerburschen , ohne zu 
sprechen, mit dem Zeigefniger diejenigen Pllanzen 
bezeichnete, die er ihm n.it der Wurzel herausziehn 
und reichen sollte. Goethe nahm dann die Pllanze. 
betrachtete sie, warf sie weg und wies auf eine zweite 
u. s. f. Der Candidat wag>e es nicht ihn zu stören 
und schlich wieder fort! — Von einem noch hei Weitem 
grösseren Interesse war für mich ein .Abenteuer eines 
Schulmannes, das diesem mit Goethe, Schiller und 
Wieland widerfahren war. Ich erinnere mich der 
oft gehörten Geschichte noch bis auf einzelne Züge; 
sie war mehreren .Mitgliedern meiner Familie von 
dem braven Schulmanne wiederholt erzählt worden 
und immer in derselben Weise. Er hiess .Andreas 
Szluchovinyi (spr. Sluchowinji) und war Lehrer der 
3. Classe der Presburger protestantischen Bürger- 
schule. Von Geburt war er Slovake und spiach so 
lange er lebte etwas gebrochen deutsch; doch war er 
m jungen .lahren sehr strebend, gegen die .luvend 



•!'• 



Chronik des Wiener Goethe -Verein! 



heitLT-lcutsL'ii}{ l)is an sein Knde. Er starb hoclibetagt 
plötzlich i8-^8 in seinem Herute, indem er am Char- 
iVeitag zum (jottesdienst die ()ri;el spielte. 

Im Jahre 1840 kam nun ein angebliches Bruch- 
slück aus SzUichovinyis Tagebuche, mitgetheilt von 
einem ehemaligen Schüler desselben in der Beilage 
zur Presburger Zeitung, der damals gut redigirten 
; Pannoniat heraus, das sein Abenteuer mit (ioethe, 
Schiller und Wieland, ganz wie ich es bereits aus der 
I eberliel'erung kannte, erzählte. Als ich nun in den 
.labren 184^ — 1841), die ich auf deutschen Universi- 
läten zubrachte, jener (jcschichtc hie und da gele- 
gentlich l-j'wähnuiig ihat , konnte es nicht fehlen, 
dass man mich allseitig aulforderte, jenes Zeitungs- 
blatt zu schalfen und einem weiteren Leserkreise mit- 
zutheilen. Wer sollte es glauben, schon damals war 
in Presburg Lein I'Aemplar der »Pannonia^ aufzu- 
treiben . nicht einmal der Kinsender des .Aufsatzes 
konnte mir denselben mehr herbeischaffen. Wie er- 
freut war Ich ilaher. aN mir der Zufall vor ein l'aar 
Tagen dasselbe Blatt in die Hand spielte! — Ich las 
abermals jene Mitthcilung mit grossem Interesse. In- 
dessen kann ich, der Wahrheit zur Steuer, nicht ver- 
schweigen, dass ich zugleich auch die lüitdeckung 
machte, dass der Aufsatz, so wie er ist, nicht ganz 
echt ist. d. h. von den Details der F>zählung. die mir 
alle schon von früher erinnerlich sind, ist nichts er- 
ilichtet. es müsste denn durch Szluchovinvi selbst 
geschehn sein . der jedoch ein viel zu schlichter 
.Mann war, als dass er etwas dazu gedichtet haben 
konnte. Die Sprache des hübschen Aufsatzes erinnert 
sehr an ihn: doch ist das Kleid des Ganzen vom Ein- 
sender in die »T'annonia« hinzugekommen. Ohne 
/weile! liat dadurch die Darstellung gewonnen, jedoch 
weiss ich nicht, ob nicht zugleich dabei auch i hat- 
sächliches \eischoIicn wurile oder neu hinzu kam. 
wodurch für die mit der I.ocalität von Weimar näher 
vertrauten leicht die Wahrheit des (ianzen zweifel- 
haft erscheinen könnte.*) — So kann ich weder für 
die Zeit, nocli für den Ort einstehn. .ledenfalls ge- 
schah das Zusammeniretfen nicht in .Schillers Garten; 
Schiller besass zwar einen (jarten. aber in .lena. .An 
der Um lagen jedoch, obwohl etwas weit von Weimar, 
die (jüter Wielands (Osmanstedt) und Goethes (Ober- 
ro^sla). Dort konnte nun die Geschichte gespielt 
haben. In Betracht gezogen werden können die Stellen 
in den 1 ages- und .Uihresheften« ((i. s. Werke i8-^0: 
XWI, 144), wo (joethe, bei Erwähnung seines Frei- 
guts**) Kossla, die Bemerkung macht: »Indessen hatte 
das sogenannte Ländliche in einem angenehmen 

*) Seitdem ilas OhiKC Ki-siliriclien ist, li.it es nun Herr Hof. 
r:itli A. Srlliill in \\eiiiiar siiiiiiiit ileiii lietreftciulen .Vufs.itz diircli. 
gelesen uiiil mir ilarübcr seine Ge<l:mkeu mit/.utlieilen die Güte 
Kehulit. Ich werde seine Worte iil.er:ill celejteiitliih suli .-islcrisco 
lieitüueii. letier die KrzrilihiiiK sajrt dersellie : -ilie K.inise Kr/älilung 
ist so clauliivuriliK als Iniliscli, wenn schon m.inehes in der Form 
iiiilänKbar — sei es von der liej;cisteruiig und .\usdruei;sweise des 
autlientiselien, sei es von der Feder des zweiten Xlittlieilers herrlilirt-. 

*M A.a.O. Seite 7;: .eine unwidcrslclillrlle I.ust nachdem 
l.:ind- und tiartenleben hatte .laraals (1707I die .Menschen ergriffen. 
S, hiller kanfte einen Clarten liei Tena und zo^- hinaus: «'ieland 



Thale, an einem kleinen bäum- und buschbegrenzten 
Flusse in der Nähe von fruchtreichen Höhen, unfern 
eines volkreichen nahrhaften Städtchens doch immer 
etwas, das mich tagelang unterhielt und sogar zu 
kleinen poetischen Productionen eine heitere Stim- 
mung \ erlieh. Frauen um! Kimli-r sind hier in ihrem 
Kiemente und die in Städten unerträgliche Gevatterei 
ist hier wenigstens an ihrem einfachsten Ursprünge. 

Hiiehsl ani^enehm ifiir die Xoehliarseliaft von Os- 
manstedt in demselben Thale aufwärts und auf der 

linken Seite des Wassers. Wir hcsiichlen 

Um ( Wieland) n/'t naeli 7'ise/u und waren zeitig genug 
über die Wiesen wieder zu Hause'). 1 7<)<) .sagt 
(Joethe : »im August und September bezog ich meinen 
Garten am Stern« :*'■') Schiller zog jedoch erst im 
Winter von .lena herüber. — 1801 befand sich 
I Goethe in den Sommermonaten auf Reisen. — Es 
wird nichts übrig bleiben als das.lahr 1802 oder 1803 
anzunehmen und zu denken, Schiller habe die Miene 
des Hausherrn angenommen um vom Kegeln loszu- 
kommen***) oder der Umstand ist. unwillkürlich auf 
einen zufälligen FJindruck gestützt, in der Einbildung 
Szluchovinvis entsprungen und hat in der Erinnerung 
sich weiter ausgebildet, wie dergleichen ^.li^nn wohl 
geschehen kann. 

Hofrath Scholl ist der Ansicht : »Der Garten an 
der Um war ohne Zweifel Goethes Garten am Stern 
(oder untern Park), theils wegen der Nähe bei Weimar, 
die sich aus der Erzählung ergibt, während Rossla 
gute zwei Stunden Wegs entfernt ist, theils weil aus- 
drücklich die Lage in einer Reihe mit andern Garten- 
häusern erwähnt wird, wie dies bei Goethes Stern- 
garten der Fall ist. « 

Und so sei denn mit diesem vorläufig allen den 
möglichen Bedenken genug gethan. damit der Leser 
um so ungestörter der Leetüre des Aufsatzes sich zu- 
wenden kann. Frei die Erzählung, als eine mündliche 
Szluchovinvis wiederherzustellen, wäre eine lockende 
.Aufgabe, jedoch wollte ich es vorerst nicht wagen, 
mich zu sehr von der Quelle zu entfernen. Denn als 
eine solche war denn doch immer noch der vorhan- 
dene .Aufsatz anzusehn. 

Presburi;, im Februar i8s'i. 



Das Beiblatt zur Presburger Zeitung '^Pannonia 
brachte Dienstag, am 20. October 1840 (Nr. 84) 
einen .Aufsatz mit der L'eberschrift : »Aus dem Tage- 
buche eines verstorbenen Schulmannes, mitgetheilt 
von L. K.« — Letzterer erzählt in der Einleitung, 

'j .\ueh 179« schon (a. .-i'. O. Seite 82/ war Goethe in Rossla 
in .nachbarlicher tlemeinschaft mit Wielaiid-, Schiller noch in Jena. 
17. in der .\ähc der Stadt und 



'«) Der liegt 



stcns, 



ch ke 



Rebe 



Osn 



st.-dt 



tlartenh.li 

so doch ein Res 

»♦•) Herr Hofrath Scholl bemerkt hier: .Der Umstand, dass 
der Krzähler Schillern für den Wirth nahm, erklärt sich leicht aus 
der .Vimahine, dass bei si-inem Kufe nach Rier Schiller von den 
-Anwesenden ihm am nächsten st;nid oder ohnedies wenigstens zu- 
erst cntschh.ssen war ihn nicht enttäuschen zu lassen und daher 
sofort die Holle ,les Wirtbs impn.visirte iwie er denn manclinial 
1 /u lieiteru .Mvstiticatinnen :iufgelegl und rasch entsch'ossen war -. 



Chronik des AViener Goethe -Verein>. 



47 



er habe bei der Versteigerung der Bücher seines ver- 
storbenen Lehrers S?.luchovinyi einige Classiker er- 
standen: »Beim Durchblättern fielen aus einem dieser 
Bücher mehrere engbeschriebene, fast verblichene 
Blätter heraus, die ich bei genauerer Durchsicht für 
Theile eines Tagebuches des Verewigten erkannte. 
Sic stammen aus der glänzendsten Epoche seines 
Wirkens und beziehen sich auf eine unternommene 
Ferienreise nach mehreren Hochschulen Deutsch- 
lands.. 

Ks folgt nun die .Mittheilung eines Besuches bei 
Salzmann in Schnepfenthal ; dann die eines Brief<^s 
Szluchovinyis aus Weimar. Leider fehlte, wie mir 
L. K. mittheilt, Datum und Jahrzahl und die Ueber- 
schrift*) »Weimar, den 20. August 1803« ist nur 
eine Conjectur des Letzteren. So dürften auch einige 
stilistische Aenderungen Herrn L. K. zuzuschreiben 
sein. Das .Manuscript selbst ist nicht melir aufzu- 
treiben. 

»Weimar, den 20. August 1803. 

»Am gestrigen Mittag betrat ich endlich Deutsch- 
.Athen, das liebliche Weimar. Kaum hatte ich die 
dringenden Mahnungen meines Magens befriedigt. 

als ich die Stadt zu durchwandern begann. 

Immer schlendernd und schauend gerieth ich an die 
Ihn und ihrem Laufe folgend unvermerkt in eine 
lance . \ on Sommerhäusern und Gärten gebildete 
Strasse. — Mein vierstündiger Marsch vom Morgen**), 
die brennende .Augustsonne am wolkenlosen Himmel, 
liatten in mir gewaltigen Durst erregt. Ich sah daher 
sehnsüchtig nach einem Brunnen oder üblichen 
Schenkwirthshauszeichen an der Häuserreihe umher. 
Da schallte mir plötzlich aus einer offen stehenden 
(iartenthüre fröhliches Lachen, der Ton stürzender 
Kegel und der in diesem .Augenblick für mich zur 
Sphärenmusik werdende Klang angestossener Gläser 
entgegen. In der sichern Voraussetzung der öflent- 
lichen Ouelle eines Labetrunkes nahe zu sein, eilte 
ich, gleich dem Wanderer m der Wüste, nach der 
Krquickung bietenden Oase und mit schnellen Schritten 
betrat ich den Garten. Unter dem Laubdach einer 
ehrwürdigen Linde, nahe dem wohnlichen, rebum- 
rankten Hause, erblickte ich an einer Kegelbahn eine 
Gesellschaft von .Männern und Frauen versammelt. 
Etwas verlegen, da mich .Aller Augen neugierig be- 
trachteten, setzte ich mich an einen nahen, leeren 
Tisch, stopfte meine Pfeife und winkte der eben mit 
mehreren vollen Bierkrügen aus dem Hause tretenden 
Aufwärterin, ihr zurufend: »auch mir einen Krug, 
Jungfrau«. .Auf diesen Zuruf wandte sich die Magd 
wie erstaunt nach mir und hielt zögernd an: allein 
der Wink eines Mannes von einnehmender (Jesichts- 
tiildung, der eben die Kugel zum Wurfe empor- 
haltend, mich einen Augenblick scharf beobachtet 
hatte, und wahrscheinlich der Wirth war, bewos; die 



') Ich I 

dl L. K. irri 

■■| Hei- 



Magd, mir lächelnd und knixend und ob der Zurecht- 
weisung ihres Gebieters, oder vielleicht meiner Person 
willen, bis unter das Häubchen erröthend, den Krug 
mit einem : »Prost der frische Trunk« hinzusetzen. 

— In langen Zügen trank ich vom erfrischenden 
Gerstensaft und blies die blauen Knasterwolken in 
die milde Luft, während die Gesellschaft, scheinbar 
unbekümmert um meine Person unter Kichern und 
Schäkern ihr Spiel fortsetzte. 

Mit voller Müsse betrachtete ich mir die Ge- 
sellschaft und folgte mit Theilnahme den Wechsel- 
fällen des Glücks. Drei der anwesenden Herren zogen 
besonders meine .Aufmerksamkeil auf sich. Den einen 
zeichnete eine edel geformte Stirn, lebhaftes .Auge 
mit fast stolzem, doch wieder unbeschreiblich mildem 
Blick und schön gebildeter Nase, vorlheilhaft aus , 
die Haltung seines wohlgebildeten Körpers, das Edle 
seines Anstands, seine natürlichen, ungezwungenen 
und abgerundeten Bewegungen, die selbst bei den 
gewöhnlich unmalerischen Stellungen . welche das 
Kegelspiel mit sich bringt, nie eckig oder gar unschön 
wurden, bezeichneten einen .Mann, der durch unaus- 
gesetzte L'ebung und Aufmerksamkeit auf sich selbst 
die vollendetste Herrschaft ülier seine Bewegungen 
erlangt hat, kurz es sprach etwas aus ihm, das mich 
vermuthen Hess, dass er den höchsten Sphären der 
Gesellschaft angehören dürfte. Ein kleines, schon be- 
jahrtes, jedoch lebhaftes, oft lachendes und vorzüglich 
mit den anwesenden Krauen scherzendes Männchen 
mit rundem (?) vollen Gesichte und klugen Feuer- 
augen, die er oft gar komisch beim Kugelwerfen zu 
schliessen ptlegte, dünkte mir ein herzlicher, für alles 
Gute und .Angenehme empfänglicher Mensch, nach 
seiner Art zu sprechen, im Besitz der wahren pral;- 
tischen, aus Erfahrung geschöpften Lebensphilosophie 
zu sein. Am meisten jedoch zog mich mein freund- 
licher W'irth an: obgleich blass und leidend vom 
Aussehn, erregte er in meiner Seele durch seine 
grossen, geistvollen Augen, die er mit unbeschreib- 
licher Schwärmerei, sich selbst unbewusst, nach dem 
goldnen .Abendhimmel aufschlug und dabei aus der 
Stirne die langen niederwallenden Locken mit der 
schöngeformten Hand hinwegstrich, ein unnennbares 
Mitgefühl. — Ein Hauch von Rosenroth auf seine 
Wangen durch die .Anstrengung des Spiels gelockt, 
erhöhte den Reiz seines männlich schönen .Angesichts 
und liess ein, nur mit meinem Leben schwindendes 
liebliches Bild in meiner Erinnerung zurück. Er 
schien mir ein Mann, in dessen innersten Tiefen des 
Geistes ein Schatz von Ideen, Gedanken und Bildern 
in stetem, unerschöpflichem Wechsel kreisen musste. 

— Sie werden mich hier, treuer F'reund . ob der 
warmen Schilderung dieses Mannes einen Egoisten 
schelten, der den Wirth darum über .Alle lobt, weil 
er ihn so schnell und freundlich labte, und nebenbei 
mein Steckenpferd , die Physiognomik , etwas ver- 
lachen. Allein nur Geduld — und Sie werden im 
Weiterlesen fmden . dass Lavaters Lehre sich hier 



4» 



("hionik ik'S Wiener (ioethe-Veieins. 



glänzend bewährt habe. — Mein Wirth also — Jer 
gewiss zu allem Andern mehr Geschick besitzen mag 
— als zum Kegelspiel, wart' jedesmal, wenn ihn die 
Reihe traf, verzweifelt schlecht, so dass die Kugel 
fast immer durch die Gasse rannte und liatte, da er 
stets fehlte, einen vollen Chor von: »Htsch, litschl« 
von dem Kreise der liebenswürdigen, grösstentheils 
schönen, mit dem Strickstrumpfe umhersitzenden 
Kampfrichterinnen zu ertragen. Sie kennen mich als 
tüchtigen Kegelspieler. daSiehievon manch glücklich 
verlebter Sommerfeierabend in Ihrem lieben Garten 
ülierzeugen konnte. Ich trat daher, eine Kennermiene 
annehmend, an die Kegelbahn und machte, als mein 
Wirth an den Wurf kam, die bescheidene Bemerkung, 
dass er die Kugel gn-ndfalsch aufsetze, daher seine 
Würfe stets fehlsclilagen müssten. .Mir fasst unbe- 
wusst liatte der liebe ,\lann plötzlich die schöne 
schwere lignum sanctum Kugel in meine Hand ge- 
drückt und bat mich mit den freundlichsten Worten 
für seine Rechnung diesen und die nachfolgenden 
Würfe zu thun, da ihn auf kurze Zeit Geschäfte ins 
Haus riefen. Ich nahm das .Anerbieten freudig an, 
war bald mit den übrigen Spielern im eifrigen (je- 
spräch verwickelt, wurde gefragt und fragte, gab und 
erhielt Bescheid und spielte mit so viel Glück (aber 
ich wandte auch all meine Kunstfertigkeit auf, (um) 
nur in Khren zu bestehn) dass ich manch schönen 
(jroschen gewonnen hatte, als die zunehmende Däm- 
merung dem Spiele ein Knde machte. — Endlich 
trat der Wirth in unsern Kreis und dankend über- 
reichte ich den Gewinnst, sah nach der Aufwärterin 
um meine Zeche zu bezahlen und wollte mich, da 
ich sie nicht erblicken konnte, entfernen, sie aufzu- 
suchen. 

Indem ich nun Kratzfüsse zog und Bücklinge 
machte, dabei stets nach guter Sitte rückwärts ging, 
stiess ich an eine lange gedeckte Tafel, die von mir 
im Eifer des Spiels — wofern sie nicht eben in dem 
.Augenblicke der Erde entstiegen war, nicht bemerkt 
wurde. Da ergrilt mich mein Wirth an den Schultern 
und drückte mich auf den nächststehenden Stuhl neben 
sich nieder, indem er spra:h: »Sie bleiben mein Gast, 
Heir .Magister«. — »Zum .Abendbrot!:; rief Alles 
und nahm Platz in bunter Reihe an dem wohlbesetzten 
Tisch. Herrlicher Braten wurde herumgereicht, köst- 
lich duftender alter Rheinwein perlte in den Römern: 
ich genoss mit allen Sinnen. Stets füllte sich von 
Neuem mein (jlas — da that sich mein Herz weit 
auf und nach alter l ngersitte brachte ich ein herzlich 
Lebehoch meinem Wirihe! .Kibelnd klirrten die 
Gläser aneinander unii der Herr mit der schön ge- 
formten Nase« brachte mir mit Würde und .Anmuth 
ein (ilas mit dem Zuruf: »Heil l'ngerns hohem 
König! Heil dem edlen l'ngervolke! Heil seinen 
braven Lehrern! Heil Ihnen und Glück, Herr .Ma- 
gister!« 



.Als Nachtrag sei hier bemerkt, dass mir die 
Herren beim Spiel Namen, Stand und X'aterland ab- 
gefragt, meine Bescheidenheit es jedocli nicht zuliess. 
sie um ihre Namen zu fragen. - — Ich stiess an mit 
Freudenthränen im Auge , im Herzen hallten des 
Mannes Worte wieder und ich Hess im Stillen alle, 
alle mir Theuren leben im Vaterlandc. Nun folgten 
Toaste auf Toaste — Weimars Grossherzog*), 
Deutschland , seine Gelehrten , alle edle Menschen 
Hess ich leben und wurde von Freude und Jier Lieb- 
Frauenmilch so begeistert, dass ich Schillers Hymnus 
an die l-'reude, mein .Lieblingslied, anstimmte, in 
welches in vollem Chor die heitern Tischgenossen 
einstimmten. .Als er zu Ende gesungen war (es leuch- 
tete bereits hoch am Sternendome der Vollmond) 
und .Alles sich zum .Aufbruche erhob, da überkam es 
mich mit unbezwinglicher Gewalt, nochmals ergrilf 
ich mein Glas und rief begeistert: »Hoch lebe der 
hochgeliebte Dichter des Hymnus an die Freude ! < 
Ein lautes: »er lebe, lebe hoch!« erscholl, dann war 
es still und mein blasser Wirth reichte mir sanft die 
Hand und sprach : >Tch danke Ihnen, werther Freund 
und freue mich iierziich, dass meiner Muse Sang auch 
L'ngerns edle Söhne verstehen und lieben.« Da starrte 
ich ihm freudig ins .Antlitz undschlürftedie köstlichsten 
Freudenperlen mit dem Weine. .Mein alter Lavater 
liatte mich nicht getäuscht, denn eben trat mein 
Tischnachbar, der kleine lebhafte Herr auf mich zu 
und sagte auf m'iinen Wirth deutend **) : » Hier. I lerr 
.Magister, sehen Sie unsern Schüler, hier — Goethe 
und ich hin der alte Wieland!« — .Morgen — doch 
indem ich dies schreibe, ist es bereits Tag geworden 
— ich will ruhen, um mit gesammelter Seele mein 
.Abenteuer, die glücklichsten Stunden meines Lebens, 
zu überdenken, nochmals geniessen die überschweng- 
liche Wonne, die ich so unerwartet empfunden! Ich 
halte noch immer .Alles für einen lieblichen Traum 
oder hat der Dichter Oberons Ritter Hüons Zauber- 
horn benützt?! » — Hier endet das Blatt und die 
ferneren Ereignisse zu Weimar könnten vielleicht 
noch lebende Freunde, denen der V'erblichene die- 
selben gewiss mitgetheilt, ergänzen. L 

K. .....'<— ' 

l'eber die Scliilderung der Persönlichkeiten hat 
Herr llofrath Scholl noch einige dankcnswertlie 
Worte geschrieben: »In der Schilderung der Per- 
sönlichkeiten ist viel Wahrheit«. 

»Ein eigentlich volles Gesicht hatte zwar Wie- 
land nicht, aber, da sein Kopf, der Figur verglichen, 
gross, das Gesicht, bei zwar spitzem Kinne, breit, der 
Oberkopf gewölbt war, musste es immerhin den lun- 
druck des Rundlichen machen.« 



■1 IJioscn ritil i-rliiclt er rrst lüi--,. tm J:ihn- iSo; liic-ss 
K.ch /Ar,.o,c. 

:**) Ich hörte aus mündlicher Ueberüeferting , Wielaiul 
in;^rtliiidifi mit ilen Worten herlieij^ceilt : „Ich inuss die Herr 
•iiiandcr doch vorstellen l' -- Sehr. 



Verlag des Wiener Goethe -Vereins. — Druckerei des ^lUustrirten Wiener E.\trablatts'' (Franz Suschitzky). 



nik ersehe 
: jedes Mo 



Beiträge sind an den Her- 
ausg^eber zu senden. 



CHRONIK 



Im Auftrase dos 
ler Goethe VereinsHer 
oberu. verantwortlicher 
Kedacteur: 

K. 7. Schräir. 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 11. 



Wien, 20. November 1889. 



4. Jahrgang. 



die Lcipzigc»-Schlachf. - Eine Goethe-Gedenkstätte. 



Aus dem Wiener Goethe- Verein. 

In der Sitzung des .Zuschusses am 2. November 
1 889 waren anwesend : Se. Excellenz Präsident r. 
S/nmavr als Obmann. Se. Excellenz Freiherr 7,m 
Beseaiv, Prof. Sfhr!!,r, SchrittCührer Ei;!^',,- u. Kana- 
nirector Dr.//- Dr. .\. Mora-ä'i/z, Reichsraths-.Abije- 
ordneter Dr. Jiiiss. 

Freiherr 7011 Bert;;,,-, Secretär des Hotburg- 
theaters, wird einstimmig an Stelle des verstorbenen 
Hofrathes rvw Weil,,, in den .Ausschuss gewählt. 

Prot. Otto Ä';«/V.- beantwortete die Zuschrift des 
-Ausschusses in Angelegenheit des Entwurfes für das 
Goethe-Denkmal mit der Nachricht, dass er eine 
Skizze bereits fertiggestellt habe, die dem Vereine 
zur Verfügung stehe. 

Prof. R. Weyr versichert in seinem Antwort- 
schreiben, dass er mit dem Entwürfe zum Goethe- 
Denkmal eifrig beschäftigt sei. 

Das DaikmahomiU wird durch den Ausschuss 
eingeladen, in Erwägung zu ziehen, auf welche 
Weise die zu erwartenden Entwürfe dem Publicum 
vorgeführt werden sollen. 

Prof. Schröer meldet, dass Herr Rudolf Staner 
einen Vortrag für den nächsten Goethe-Abend zu- 
gesagt habe. .Auch Herr Director Dr. //»• erklärt 
sich zu einem solchen bereit. — Für Freitag, den 
22. November ist der nächste Goethe-.Abend in Aus- 
sicht genommen. j,' -xr 

Goethe-Denkmalfonds in Wien. 
Sammlung der Frau Jieg,en,„gsn,//im Leopotdüic S//A- 
185 Gulden ö. W^ jj,; R,,j„,,,„„ 

Goethe- Abende. 
Die Goethe-.Abcnde dieses Halbjahrs beginnen 
den 22. November 1. .1. mit einem \ortrage Rudolf 

Steintrs : 

i{'„s UWm.irx Goclh.-Anhiv um hl. 
auf Grund l)ersonlicher Erfahrung'. 
Nach dem Vortrage soll eine künstlerische Re- 
citation tolgen. Das Nähere wird durch die Blätter 
noch bekannt treyelien 



Ueber den Gewinn der Goethe-Studien 

durch die Weimarer Ausgabe 
in naturwissenschaftlicher Beziehung. 
^Gvcllu: und wH-h immer kc,„ Ende! A'n/isrhe 
]\urd<^nng der Lehre Goethes -,on der Metamort>lio.e 
derFßanzew so nennt sich eine jüngst erschienene 
Schrift von K. Fr. Jordan*), in welcher wieder ein- 
mal der Beweis versucht wird, dass Goethes Welt- 
anschauung jeder wissenschaftliche Werth ab<'ehe 
dass dem grossen Dichter überhaupt der .rechte 
wissenschaftliche Sinn« gemangelt habe. Als Grund 
für diese Behauptungen gibt der Verfasser an dass 
Goethe eine von der mechanischen Naturauffassun" 
völlig abweichende Geistcsrichuing einschlug Für 
Jordan aber hört die Wissenschaft da auf wo die 
mechanische .Auflassung aufhört; .die Wissenschaft 
muss mechanisch sein, denn die mechanischen Vor- 
gange sind dem menschlichen Geiste die fasslichsten« 
behauptet er. .Mit solchen geistigen Voraussetzungen 
sich bis zur Geisteshöhe Goethes zu erheben, ist nun 
freilich eine L nmöglichkeit. Es soll nicht geieu..net 
werden: Goethe war ein Gegner der von JoVdan ver- 
tretenen Denkweise. Aber er war es deshalb weil 
seinem tief ,n das Wesen der Dinge dringenden Geiste 
klar war. dass diese Denkweise nur für die Erkenntnis 
der unteren Stufen des Naturdaseins ausreicht und 
dass uns ein Einblick in die eigentlichen Gesetze des 
organischen Lebens verschlossen bliebe, wenn wir 
uns nicht über das Denken der mechanischen Gesetz- 
lichkeit erheben könnten. Gerade Goethes Idee der 
Pflanzen -Metamorphose ist ein Beweis dafür dass 
uns unser Erkenntnissvermögen auch da nicht im 
Stiche lasst, wo wir an das Leben herantreten, das in 
seiner Wesenheit doch niemals von der .Mechanik er- 
tasst werden wird. Mit dieser Idee sind der Organik 
ebenso neue Wege gewiesen worden, wie mit Galileis 
Grundgesetzen der Mechanik. Wer sich dieser That- 
sache verschlie.sst. wird nicht nur niemals zu einer 
gerechten Würdigung der wissenschaftlichen Stellung 
Goethes kommen, sondern er fügt auch der Wissen- 
schaft selbst einen erheblichen Schaden zu, denn er 



iS83 (Vc 



:sanstalt und Drucke 



Chronik des Wiener Uoetbe -Vereins. 



c-iit/iLlit ihi- ein licrcits erschloisenes (Jcbiet frucht- 
liarcr Itlccn. 

Sclircibci' dieser Zeilen versucht nun seit einer 
Reihe von Jahren jenen Standpunkt Goethe dem 
Forscher ge^enülier zu vertreten, der dessen ganz 
eigenartiger Steikmg inneriialb der Geschichte der 
Wissenschaft gerecht wird. I5ei der oft aphoristischen, 
oft fragmentarischen Art, in der uns Goethes wissen- 
schaftliche Ideen in seinen Werken vorliegen, war 
es dabei nothwendig. oft üher das blosse Studium 
und die .\uslegung des vorhandenen Stotfes hinaus- 
zugehen und die verbindenden (iedanken zu suchen, 
die in (loethcs (leist lagen und die vielleicht über- 
haupt nicht aufgezeichnet, vielleicht aus n-gend einem 
(irunde im Pulte zurückgeblieben waren. Dadurch 
gestaltete sich einCianzesGoethescherVVeltanschauung 
aus, das freilich von ilen gebriiuchlichcn .Aullassungen 
sehrabwich. — Der l-^inblick nun, der mir vor Kurzem 
in die hinterlassenen l'apiere des Dichters wurde, er- 
füllte mich mit innigster Befriedigung. — Mit der Her- 
ausgabe eines Theiles der wissenschaftlichen Schriften 
Goethes für die Weimarische Goethe-Ausgabe betraut, 
war es mir gegönnt, das ungedruckte reiche Material 
zu prüfen. Diese Prüfung ergal) nun durchwegs eine 
vollkommene Bestätigung dessen, was man bei einer 
gründlichen, liebe\ ollen Vertiefung in die wissen- 
schaftlichen Werke des Dichters wol erkennen 
musste, womit man aber dennoch auf solche Wider- 
sprüche wie jene Jardans gefasst sein musste, weil 
jene verbindenden Gedanken, von denen wir oben 
gesprochen, für viele Menschen doch zu sehr den 
Charakter des Hypothetischen trugen. Wir meinen 
damit nichl. dass für uns jenes Ganze Goethescher 
Auflassung nicht vollen wissenschaftlichen Werth 
gehabt hätte, aber das ist eine Ueberzeugung, die zu- 
letzt nur der gewinnen kann, der den Willen zu einer 
solchen liebevollen N'ertiefung in Goethes Geist hat 
— und das ist ja doch nicht Jedermanns Sache ; we- 
nigstens scheint es so. — Durch die neue Weimarer 
Ausgabe wird nun ein Zweifaches gewonnen werden : 
einmal wird jederZweifel darüber verstummen müssen, 
wie Goethe über gewisse i'unkte in der Naturwissen- 
schaft dachte, weil seine eigenen Ausführungen deutlich 
und klar seinei» Standpunkt bestimmen ; zweitens 
wird der hohe wissenschaftliche ICrnst, der aus diesen 
Ausführungen spricht, endlich das Urtheil. das den 
Dichter als wissenschaftlichen Dilettanten hinstellen 
möchte, einfach als obertlächlich erscheinen lassen. 
Goethe ein Dilettant ! Kr, der mit der Mehrzahl der 
geistig Strebenden Deutschlands in seiner Zeit un- 
mittelbare Beziehungen hatte und in so viele welt- 
bewegende Ideen mit persönlichem Antheil eingriff! 
Wir sehen die grösstcn Gelehrten seiner Zeit mit ihm 
die Gedanken über ihre luitdeckungen austauschen. 
wir sehen seine fördernde Antheilnahme an der 
ganzen Ijitwicklung seiner Zeit. 

Man hat versucht. CJoelhe als einen \"orläufer 
Darwins hinzustellen, l-^s war das die wohlwollende 



Ueberzeugung derjenigen, die im Darwinismus das 
»Um und Auf« aller Wissenschaft von den Lebe- 
wesen sehen, und die dadurch (joethes wissenschaft- 
liche .Ausführungen »retten^ wollten. Diese .Ansicht 
hat bei den mehr zur Du Bois-Ueymondschen Schule 
hinneigenden Naturforschern Widerspruch hervor- 
gerufen, weil zahllose Stellen in Goethes Schriften 
durchaus nicht mit der heute üblichen Aulfassung 
der Lehre Darwins in Einklang zu bringen sind. Man 
konnte nun nicht in Abrede stellen, dass diese beiden 
Parteien scheinbar gewichtige (irünJe für ihre Be- 
hauptungen aufbringen konnten. Dem tieferblickenden 
war freilich klar, dass Goethe ein Darwinianei- im 
landläufigen Sinne niemals sein konnte. Seinem 
Blicke entging es ja nicht, dass alle Naturwesen im 
innigen Zusammenhange mit einander stehen, dass 
es nichts Unvermitteltes in der Natur gibt, sondern 
dass Uebergiinge zwischen den in ihrer Bildung ver- 
schiedenen Lebewesen die ganze Natur als eine stetige 
Stufenfolge erscheinen lassen müssen. Aber er blickte 
tiefer als der Darwinismus von heute. Während dieser 
nur die verwandtschaftlichen Beziehungen der or- 
ganischen Wesen und die Beziehungen zu ihrer Um- 
gebung untersucht, um dadurch einen möglichst voll- 
ständigen Stammbaum alles Lebens auf der Krde zu 
gewinnen, drang Goethe auf die Lhc </ts Oigiviischen, 
auf dessen innere Natur. Kr wollte untersuchen, was 
ein organisches Wesen ist, um daraus dann die Mög- 
liclikeit einzusehen, wie es in so und so viel mannig- 
faltigen Formen auftreten kann. Der heutige Dar- 
winismus sucht die verschiedenen Gestalten des ewigen 
Wechsels, Goethe suchte das Dauernde in diesem 
Wechsel. Der Naturforscher der Gegenwart fragt : 
welcher EinHuss des Klimas, der Lebensweise hat 
stattgefunden, damit sich aus jenem Lebewesen dieses 
entwickelt hat? Goethe fragte: welche inneren or- 
ganischen Bildungsgesetze sind bei jener Entwicklung 
wirksam, (joethe verhält sich zu dem modernen 
Naturforscher, wie der Astronom, der durch zu- 
sammenfassende kosmische (lesetzedie Erscheinungen 
am Himmel erklärt, zu dem Beobachter sich verhält, 
der durch das Fernrohr die verschiedenen Stellungen 
der Sterne erfahrungsgemäss feststellt. (Joethes natur- 
wissenschaftliche Ausführungen sind nicht nur eine 
prophetische \'orausnahme des Darwinismus, sondern 
sie sind die ideelle \'oraussetzung desselben. Durch 
sie wird sich die moderne Naturwissenschaft ergänzen 
müssen, sonst wird sie sich nicht von der blossen 
FJ-fahrung zur Theorie erheben. — Die Weimarische 
Ausgabe aber wird durch die V'erötfentlicbung des 
Nachlasses Goethes den unumstösslichen Nachweis 
von dieser Behauptung erbringen. Sie wird uns jene 
vermittelnden (iedanken zeigen, durch die Goethes 
Stellung zum Darwinismus im angedeuteten Sinne 
klar werden wird. Die hierüber stark ins Schwanken 
gekommenen .Anschauungen werden eine wesentliche 
Befestigung erfahren. Goethes Idealismus in der 
Wissenschaft wird ebenso wenig angezweifelt werden 



Chronik des Wiener Goethe -^•erein^ 



können, wie die Bedeutsamkeit und Tiefe seiner 
wissenschaftlichen Ideen. Wenn man sich wird über- 
zeugen können, von welchem Rim;en nach wahrer 
Erkenntniss, nach wissenschaftlicher Gründlichkeit 
seme Gedanken gleich bei ihrem Entstehen zeugen 
dann wird man wohl nicht mehr behaupten 'der 
»grosse Dichter« habe keinen 2visse„uhar/l>c/,a, Sinn 
gehabt. 

In der Einleitung zum II. Rande meiner Aus 
gäbe von (Goethes wissenschaftlichen Schriften 
(S. XXXVIII. rt, Kürschners National-Literatur ß -4) 
habe ich bereits darauf hingewiesen, dass Goethe 
einen Aufsatz über wissenschaftliche Methode be- 
schrieben hat, den er am 17. Jänner 1798 an Schilter 
sandle, der aber in den Werken leider nicht enthalten 
ist. Ich versuchte damals eine Reconstruction der in 
dem Autsatze enthaltenen Ansichten über natur- 
wissenschaftliche Forschung. Der Aufsatz schien mir 
die wichtigsten wissenschaftlichen Auseinander- 
setzungen Goethes zu enthalten. — Er ist uns nun 
auch erhalten ! — Er schliesst sich an den über den 
A ersuch als \ ermittler von Subject und Objecto- an 
(sieh Kürschners Goethe-Ausgabe B. 34, S 10) ist 
aber von beiden der ungleich wichtigere. Er enthält 
ein Programm aller naturwissenschaftlichen For- 
schung: er zeigt, wie sich dieselbe entwickeln muss 
wenn sie den Anforderungen unserer N^ernunft eben- 
so wie dem objectiven Gange der Natur gerecht 
werden will. Das alles in genialen Zügen, die uns 
mit einem Male auf jene geistige Höhe erheben, wo 
der Blick unbeirrt in die Geheimnisse der Natur 
dringt. In diesem Aufsatze haben wir den unmittel- 
barsten Ausdruck des Goetheschen wissenschaftlichen 
Geistes. Wer ,n Zukunft etwas gegen diesen Geist 
wird vorbringen wollen, mag sich zuerst an diesem 
Aulsatze versuchen. Von da wird Licht ausgehen 
uoer alle übrigen Goetheschen Schriften, soweit sie 
die Wissenschaft angehn. 

Aus alle dem ersieht man, dass durch die neue 
Ausgabe vor allen andern Dingen Eines gewonnen 
wird: Wir werden im Stande sein, iiesser als dies 
bisher möglich war, jede einzelne Geistesthat Goethes 
in dem Zu.sammenhange mit seinem Wesen zu be- 
trachten, l nd es wird die Aufgabe der Ausgabe in 
dieser Hinsicht sein, dies durch Anordnung und Aus- 
wahl des Autzunehmenden so viel als möglich zu er- 
leichtern. Gerade in wissenschaftlicher Beziehung 
wird daher die Goetheforschung, welche die Frau 
Grossherzogin von Weimar mit nicht genug zu prei- 
sender liebevoller Hingabe in ihren Schutz genommen, 
durch die Publicationen des Goethe - Archivs ge- 
winnen. '"^ 

Es ist kein Zweifel, dass auch manches fragmen- 
tarische mit zur Veröffentlichung gelangen muss-, dass 
mancher angefangene und dann liegengebliebene 
Aufsatz vor die Augen der Leser treten wird. 4uf 
rf'«. stilistische Vollständigkeit kommt es aber nicht 
an. Die Hauptsache ist. dass wir alles, was an Geistes- 



producten Goethes uns erhalten geblieben ist, in einer 
solchen Gestalt vor Augen haben, dass wir in der 
Lage sind uns ein geistiges Bild seiner Weltanschauun-' 
zu machen. Und in dieser Hinsicht sind Riemer und 
Lckermann von manchem Fehler, den sie bei der 
Redaction der nachgelassenen Werke gemacht haben 
wol nicht freizusprechen. Sie haben manches we<.-e- 
lassen, was zum N'erständnisse nothwendig ist 'Tnd 
haben in der Anordnung nicht jenes allein richtige 
Princip verfolgt, welches die einzelnen Schriften in 
jener Folge bringt, dass sie sich ge^enseiti^^ selbst 
als Commentar dienen. 

Aber das Bekanntwerden auch des Skizzenhaften 
hragmentarischen hat noch einen weiteren \-ortheil 
\\ ir werden, indem wir oft den Gedanken in Goethes 
Geist autschiessen sehen, gerade aus dieser seiner 
ersten Gestalt , die eigentliche Tragweite desselben 
und die Bedeutung erkennen : und wir werden hieraus 
die ganze Tendenz des Goetheschen Strebens miter- 
eben. Wir werden mit ihm ringen, indem wir hinein- 
blicken, wie sein stets in die Tiefen gehender Geist 
sich zur Klarheit allmählich emporringt. Es wird uns 
möglich sein, ihm auf seinen Wiegen nachzugehen 
und dadurch uns immer in seine Denkweise einzu- 
leben. 

\\\y werden sehen, wie sich Goethe klar bewusst 
war, dass wir, wo immer wir in der Erfahrungswelt 
einsetzen, bei stetigem unablässigem Wollen endlich 
doch der Idee begegnen müssen. Er geht nie auf 
eine Idee aus. Naiv sucht er nur die Erscheinungen 
zu erfassen, aber er findet zuletzt immer die Ide, 

Dafunstjede Zeile seiner Arbeiten ein vollsprechender 
Beweis. 

Zusammenfassend möchten wir sagen ■ Goethes 
wissenschaftliche Indi.idualität wird in ihrer vollen 
Bedeutung m kurzer Zeit so klar vor unseren Blicken 
auttauchen, dass eine Schrift wie die eingangs erwähnte 
von Jordan von der gebildeten Welt Deutschlands 
als eine immerhin beklagenswerte aber doch im Wesen 
unschädliche Schulverirrung angesehen werden wiid. 

Wien. 8. November 1889. 

Rn.loir Shiner. 



Goethe -Notizen. 
Goethe in Amerika; ein Goethe -Denkmal. 
In Harpers Weekly Journal of Civilization, New 
^ork, Saturday October 26. i 88q, tinden wir dies- 
mal eine Fülle von Bildern, die sich auf Goethe be- 
ziehen und das hohe Interesse an seiner Person be- 
zeugen, das auch jenseits des .Meeres, in Amerika, 
lebendig ist. — Mit einem Aufsatze Professor W. T 
Hewetts: Homes of the German Poets, werden fol- 
gende Abbildungen mitgetheilt: Goethe mit 7-^ .Jahren 
Oelbild von Kolbe 1822: Goethe als Student in 
Leipzig 1768. Das bekannte, angeblich Oeserische 
Bild, das übrigens, wie Zarncke nachgewiesen hat. 



Chronik iles Wiener «joelhe-Vercins. 



nicht einmal (iocthe darstellen soll, sonJern den 
Keichsurafen Christian Friedrich von Stolberj;-\Ver- 
ni^crode, s. Zarncke Verzeichnis der Aufnahmen von 
Coelhes Mildnis, S. i l. Kine Abbildung des Weimarer 
Doppelstandbildcs Goethe und Schiller; Goethes 
Arbeitszimmer im (iartenhaus ; Goethes Sterbezim- 
mer; Schillers Haus; Schillers Bild etc. etc. etc. 

(ioethe fühlte bekanntlich einen starken Zug 
nach Amerika, was sich im Wilhelm Meister, im 
Kaust etc. ausspricht. 

Klingt uns doch oft in die Ohren sein : 

Amerikn, du ha^t es besser 

Als unser Conlinent, das alle: 

Hast keine verfallne Schlösser 

l'nil keine Basalte. 
.\ber noch mehr. Die Nummer desselben .lour- 
nals bringt auch eine Abbildung eines (.Joethe- 
Denkmals, das im Central-Park (in New-York?) er- 
richtet werden soll. 

Der l rheber des Beethoven-Denkmals im Gen- 
tral-Park, Herr Henry Baerer, hat eine Skizze aus- 
gearbeitet, fünf Fuss hoch, die, 24 F'uss hoch im 
Park, mit Unterstützung von Verehrern des Dichters, 
derGoethe-Gesellsehaft (Präsident Mr. Parke Godwin , 
Secretär .\ir. A. M. Palmer) u.a. m. ausgeführt werden 
soll. Die colossale (Jestalt des Weisen ragt auf einem 
Piedestal empor und unten schmücken folgende 
lebcnsgrosse sitzende Gruppen das Denkmal: Faust 
und Gretchen ; Iphigenie und Orest ; Hermann und 
Dorothea am Brunnen; der Harfner und Mignon. 
Der Bildhauer hat jahrelange Studien dem Dichter 
gewidmet und als F:rgebnis derselben diese reiche 
Composition geschatVen, die in (Kranit und Bronze 
ausgeführt werden soll. Das Wiener illustr. FAtrablatt 
brachte eine Nachbildung. — Soll uns Amerika noch 
zuvorkommen .' 



Das angeblich Goethesche nun beginnt : 

Was slrablt auf iler Herrje nächtlichen Höh'n? 

(j Verse, die Reime kreuzen sich: ab aa b cc). Ms ist 
dies Lied demnach im Versmass des Körnerschen ab- 
gefasst. 

Nun kennen wir eine Strophe Goethes, die er 
in demselben Jahre 1814 als Schlusschor einer Scene 
zu Wallensteins Lager dichtete und die sich an den 
Schluss des Liedes: 

Wohlauf, Kameraden, auls Pferd, aufs Pfenl! 

anschloss. l^s verlängert nur die Strophe des Schiller- 
schcn Keiterliedes; sie erhält noch zwei Verse mehr 
(- Verse mit der Keimfolge : ab ab cc dd). 

Und so h.il ilenn <ler Dichter das Wahre gesagt. 
Wie wir es denn alle nun Missen, 
Ihr Jünglinge seiil, so wie es nun tagt 
Zum Marsch um! zum Streite beflissen. 
Gedenket an uns in der blutigen Schlacht, 
Und habt ihr das Werk mit, das grosse, vollbracht. 
So bringt uns. was ihr uns genommen. •) 
Chor: .So seid ihr uns herzlich willkommen. 

Immerhin haben wir ein Beispiel, dass (joethe 
auch hier den Ton der Kriegeslyrik an.schlUgt. und 
zwar 1814, in dem Jahre, da ihm eine grössere ähn- 
liche Dichtung zugeschrieben wird, und wir können 
nicht läugnen, dass wir in unserm Unglauben an die 
Echtheit dieser Dichtung beinahe zu schwanken be- 
ginnen. — Sollte Riemer im Spiele sein, der das Lied, 
das bei (Joethe bestellt war, schrieb, das dann als 
erbetener Text nach bekannter Singweise übersendet 
wurde ohne Nennung des Verfassers, so dass man 
irrthümlich annahm, dass es \on Uioethe sei? 



Das angeblich Goethesche „allgemeine 
Volkslied zur Erinnerung an die Leipziger 
Schlacht". 
Unsere Chronik brachte den 12. Juni 1889 den j 
'l'ext eines in Wien 1814 unter Goethes Namen ge- 
druckt erschienenen Liedes zur Siegesfeier der ver- 
bündeten Monarchen, gefeiert im Prater am 18. Oc- 
tober 1814. Wir hatten schon in Nummer tj und 7 
der Chronik, 20. Juni 1888, daraufhingewiesen. 

Dieses Lied erinnert ims an Körners Lützows 
wdde Jagd : 

Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein ? 
(Strophen von 7 Versen; die Reime kreuzen sich 
ab aa b cc). — Dieses Körnersche Lied ist angeregt 
durch Schillers Reiterlied : 

W.ddauf. Kameraden aufs l^ferd, aufs Pferd, 
(t) Verse jede Strophe ; die Reime kreuzen sich ab ab cc). 



Eine Goethe-Gedenkstätte. 

In MiUttni'iild. am Kusse der Karwendel, hat 
man eines der grossen allen Häuser sehr stattlich 
aufgeputzt und an der Front eine schwarze Marmor- 
tafel eingelassen, auf der eine Inschrift kund thuf, 
dass Goethe auf seiner Reise nach Italien hier über- 
nachtet habe. Ueber der Tafel ist in einer sehr ge- 
schmackvollen Umrahmung das Wappen Goethes an- 
gebracht ; der goldene Stern auf dunklem Grande. 
Ciirl 7im Binzer 

i\V. A.l-, lu. iJ(>.i.) 



,r.- ticBoir 
li<-l> und 



der nicht zur Strupho Koluiit, l.i 



Verlag des 



Wiener Goethe -Vereins. — Druckerei des „Illustrirten Wiener ExtraWatts" (Franz Suschiuky). 



iJie Chronik erscheint urr 
Mitte jedes Monats. 



CHRONIK 



Im Auftrjce des 

ienerGoetbe VereinsHer- 

;sgebcru. verantwortlicher 

Redacteur: 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 12. 



Wien, 15. Deeember 1889. 



4. Jahrgang. 



INHALT: Aus dem IVieiitr Goethe-Vereht. — Neues Mitglied. — Der nächste Goethe-Abend. — Knebel über Goethe iSo — 
(lOctlie lind die Schauspiflknnst. ' 



Aus dem Wiener Goethe-Verein. 



In der Sitzung des Ausschusses am 4. Deeember 
waren Se. Excellenz v. Stremayr als Obmann, Prof. 
Dr. Schrüer. die Schriftführer Egger u. Karnr, Cassier 
Roscnthal und Dr. Morawitz anwesend. 

Die Nachricht, dass Frau Regierungsrath .SV'/A- 
zum Resten des Denkmalfonds' 185 fl. gesammelt 
habe, wird mit dem Ausdrucke des Dankes zur Kenntniss 
genommen. 

Laut brieflicher Mittheilung war Freiherr von 
Berger so freundlich, einen Vortrag im Goethe-Verein 
unter Mitwirkung seiner Frau Gemalin für den Jänner 
des neuen Jahres Winter in Aussicht zu stellen. 

Bankier Bernhard Rosenthal stellt dem Vereine 
zur Bestreitung der Kosten von Vorträgen die Summe 
von 200 fl. zur Verfügung. 

Der »Czernowitzer Journalisten- und Schrift- 
steller-Club « und die Dircction des » Körner-Museums « 
in Dresden ersuchen um ein Freiexemplar der 
»Chronik des Wiener Goethe-Vereins«. 

Fabriksbesitzer Dr. Forster widmet der Biblio- 
thek des Wiener Goethe- Vereins ein Exemplar des 
sog. »Goetheschen Volksliedes auf die Schlacht hei 
Leipzig« aus dem Jahre 18 14. 

Der neueste Band der Schriften der Weimarer 
Goethe-Gesellschaft (Briefe von Goethes Mutter an 
ihren Sohn u. s. w.) wird vorgelegt. E. I\I. 



Goethe-Vereins den 20. Deeember 1. J. ein Vortrags- 
abend statt. — Beginn 7 Uhr, Dauer bis 8'/.,. 
Das Programm enthält nur Goethesche Dichtungen, 
und zwar: „Prometheus" , Fragment. — ,Jphigaiie-- , 
Scenen des 3. Acts. — ..Tusso'', Scenen des 4. und 
5. .\cts. — „Faust-, i.Th., Monolog, bis Vers 784 : 
Die Thriiut- quillt etc. 

Sämmtliche Dichtungen werden vorgetragen von 
Herrn Geortr Bia^oseh. 



Neues Mitglied.*) 

Herr Emanuel Teltscher , l'räfect der k. k. There- 
sianischen .Akademie. 



Der nächste Goethe-Abend. 

Im Vortragssaale des Wissenschaftlichen Clubs, 
L, Eschenbachgasse 9, findet für die Mitglieder des 

*)Heitritts-Anmeldungen werden in der Kanzlei des Wissenscb. 
Clubs {!., Eschenbachgasse gj entgegengenommen. 



Knebel über Goethe 1780. 

Von Knebel an Lavater. *J 

Rast itt, den j. 7ber !So. 
Ich erhalte Ihren Brief gestern, als ich durch 
Kehl fahre. Es hat mich sehr erfreut und gestärkt. 
W'ie wohl thut die Stimme des Freundes, in der Nähe 
und in der Ferne ! 

Ich bin bey meinen Reyssen ziemlich glücklich, 
und habe seit Basel noch verschiedene gute Menschen 
kennen lernen. In Mühlhausen verweilt ich mit Lips 
Einen Tag. Ausser einem Jüngern Kächeli, dem 
Schwiegersohn von Iselin, und der Bänderfabrick hab' 
ich nichts gefunden, was mich gereizt hätte. Ich ver- 
liess Lips daselbst, brachte zwey Tage in Colmar zu, 
fast gänzlich mit Pfeffel und Lerse. Ihre vereinte 
Stärcke und Schwäche erhält das Institut, und die 
Blindheit des Mannes erleichtert ihm das Zutrauen. 
Sie erinnerten sich Ihrer und Ihres Sohnesjn Freude. 
Der junge Graf Wartensleben hat mir weh gethan. Er 
kann nicht allda gedeihen. — Zu Emmendingen hab" 
ich in Schlossers Hause ein paar recht stille Tage 
zugebracht. Sie waren gut und freundschaftlich gegen 
mich. Sie ist eine gute verständige Frau. Er ist fast 
wie Eisen, das nicht genug verarbeitet ist, etwas 
spröde und hat noch Schlacken. 

Zu Strasburg suchte ich sogleich meine ehemals 
angebetete Prinzessin auf, die Fräulein ?•. Rathsam- 
kausen **) — wunderseltsames Wesen, ein weiblicher 
Klinger ! — dessen Dumpfheit — die die Hälfte seiner 



1 Nur zum Tbell 
*) Vgl. Loeper i 



Joethe-lahrb. VI, 9<,ff. 
Werke) X.KII, 2H5. 



54 



Chronik des Wiener (joctlu:- Vereins. 



Existenz ausmacht — ab.nc-rechnet, und noch einen 
i{Utcn Zuschuss zu seinen besten Kigenschaften. Sie 
lebt, seit sie den Cailsruher Hof verlassen, noch immer 
in dem Stolz und in der Hlüthe ihrer Schönheit, ihres 
(ieistes und ihrei Talente — bey einer alten, etwas 
aufmerksamen Mutter — und scheint sich selbst i;e- 
nu{5. Sie hat fast alle Talente, schreibt und spricht 
wie ein Mann, in mehreren Sprachen, mahlt, spielt 
und singt, weiss Mathematik etc. etc. etc., und lebt, 
wenn ich so sagen darf, in dem Mangel zu grosser 
Talente, auf die ihr allereigenste Art. — Sie hat mir 
eine trclliclie Bekanntschaft an Madam Siintuiglniiiser 
gemacht. Frau des Professors bev der Thomaskirche, 
— die theilnehmendste. feinste und delikateste weib- 
lich denkende Natur, die ich kenne. Mattei wohnt 
stets da. Schicken Sie J.i/>s hin ! Noch von einem 
Pfarrer Sliitnr hat sie mir ein lüld gemacht, das alle 
meine Neugier gereizt hat. Doch war es zu splii ihn 
zu besuchen. 

Ich bin noch bey dem Prinzen von Darmstadt 
gewesen und bey verschiedenen andern Personen. 
Man ist gewaltig klug hier. Hie Professores sind sehr 
elfenbeinern — und fast alles ist Professor. Doch hat 
es mir weh gethan, dass das Land nicht ganz deutsch 
ist. Unter den geringern Leuten sind sehr gute 
deutsche Seelen. 

Was soll ich weiter? Diesen Morgen will ich 
nach Carlsruh. — Etwas weh thut es mir, dass .SV. 
G'iithcn nicht kennen. Was soll ich sagen? ich weiss 
es wohl, er ist nicht allezeit liebenswürdig. Kr hat 
widrige Seiten. Ich habe sie wohl erfahren. Aber die 
Summe des .Menschen zusammengenommen, ist un- 
endlich gut. Er ist mir ein Erstaunen, auch selbst 
von üüte. — Der Durchreyssenden keiner sieht ihn — 
und doch urtheilt jeder, .la Weimar selbst wird ihn 
kaum sehen. In der Entfernung ist er nicht zu sehen. 
Noch zur Stunde schwör' ich, dass seine Richtung 
grad, seine Absichten rein und gut sind. — ^V'erkannt 
muss er werden, und er selbst scheint drinn zu exi- 
stiren. Die Schönheit die sich imter der .Masl;e zeigt, 
reizt ihn noch mehr. Er ist selbst ein wunderliares 
Gemisch — ■ oder eine Doppelnatur, von Jlehl und 
Comtidiant.^ Doch prävalirt die Erste. — Er ist so 
biegsam als einer von uns. Aber Eitelkeit hat er noch 
etwas, seine Schwächen nicht zu zeigen. Da lässt er 
denn gemeiniglich leere Lücken, oder stellt einen 
Stein darvor, oder wann er sie sehen ISsst, schlägt er 
mit Fäusten zu, dass man sie ihm nicht berühre. — 
Wenn cr's nicht sagt, dann hat er seine Freunde am 
liebsten. Vor allen Sterl)lichen liebt und ehrt er Sie. 
Wenn Sie den Herzog lieb haben müssen, so bedenken 
Sie, dass ihm Giitlie zwey Drittel von seiner Existenz 
gegeben I 

Schreiben Sie mir niclu mehr, bis ich Ihnen aus 
einem andern Fleck geschrieben, wo ich bin! In 
Weimar bin ich unter etlichen Wochen noch nicht. 

(jrüssen Sie den lieben lloze tausendmall Der 
Sattel für ihn wird bald kommen. — Sie sollen die 



Weimaraner nicht als Götter und Göttinnen, sondern 
als Menschen lieben I — Grüssen Sie Ihre gute Frau, 
Ihre lieben Kinder! — Pfenningern. Orell etc. etc. 

.•\dieu lieber, mir immer (jegenwärtiger ! Adieu ! 

Knehel. 

Noch Eins zu (rUtlu! Er ist weitsehend, viel- 
leicht zu weitsehend zu seinem Stand ■ — und dann 
oft wieder zu nah. Diess verwirrt den Blick des andern. 
Er sieht Dinge in .lahren kommen, die man gegen- 
wärtiger glaubt, und bohlt andre aus der Ferne her- 
bey. Diess liegt in seinem eigenen Gefühl, von der 
Reife. NB. .\uch hat niemand leicht genügsamen Un- 
terricht von ilsT Beschaffenheit seines Hofes, und seines 
Zustandes darinn. Die Flügel sind ihm noch, durch 
das unvermeidliche Schicksal, wie andern sehr ge- 

I bunden. 

I 

JJfs ist der Ktipferstecher II. Lips. 

Schlossers Frau ist seine zweite, Johanna, geb. 
Fahimer. — Fräulein v. Rathmanhauscn, die .1. G. 
I Schlosser das schönste Weibergesicht nennt, das er 
seit lange gesehen (Briefe an .Merck von (joethe 
u. s. w. Darmstadt 18:15. S. 112) war eine der aus- 
erlesenen, denen Goethe die Handschrift seiner Iphi- 
genie schenkte. Knebel hatte auf der Schweizer Reise, 
von der auch vorliegender Brief stammt, die zweite 
Bearbeitung der Iphigenie überall vor seinen Freun- 
den vorgelesen (Düntzer. die drei ältesten Bearbei- 
tungen von Goethes Iphigenie. Stuttgart, 1S54. 
P. 145. f.) und den Wunsch des b"räulein v. Rath- 
manhausen nach ihrem Besitze erregt. .-\m 2. .ienner 
1781 dankt Frau Schweighäuser ((»attin des Philo- 
logen .lohann Schw.) Knebeln für den (Jenuss, den 
sie gehabt, als sie die ihrer Freundin geschenkte Dich- 
tung gelesen (Düntzer, Zur deutschen Literatur und 
Geschichte. Briefe aus Knebels Nachlass. Nürnberg. 
1858. S. 72.). Fräulein v. R. heiratete später einen 
Herrn v. Haak. — Mattei, Erzieher des (irafen 
v. Forstenburg. Sohnes der schönen (iiäiin Branconi. 

Berlin, ij. November i88q. Wcinhold. 



Goethe und die Schauspielkunst. 

Das erste, an das man denkt, wenn \on Goethe 
und der Bühne die Rede ist, dürften wol die ICrzäh- 
lungen in Dichtung und Wahrheit und in Wilhelm 
Meister sein, wo wir das lebhafte Interesse Goethes 
am Theater von frühester Kijidheit an verfolgen kön- 
nen ; dann denkt man natürlich an das Weimarsche 
Liebhabertheater, auf dem er mitspielte, -endlich an 
Goethes Theaterleitung in Weimar 1791 — 1817. 
was unter seiner Führung das Theater geworden ist, 
und endlich nehmen wir doch auch Goethes kleine 
Schrift zur Hand, die geradeaus derTlieatcrpraxis ge- 
widmet ist: »Schauspielkunst. Kegeln l'ür ."^chau- 
i Spieler. 1803«. 91 Paragraphe. 



Chronik des AVieiier (ioethe-Veieins. 



Ich muss pestehn. Jass ich ül)er diese Schrift, 
so oft ich sie zur Hand nahm, immer eine Art von 
luittäL-schung empfand. Her grosse Goethe, der nichts 
Ilach auf- und anfasste. immer aus den Propheten- 
tiefen idealer Anschauunsjen, »von der Idee heraus- 
dachte und sprach, befasst sich hiermit Dialekt, Aus- 
sprache, Recitation und Declamation, rvthmischem 
N'ortrag, Stellung des Körpers. Bewegung der Hände, 
oösen Gewohnheiten, (jruppirung u. dgl., und dies 
Alles doch so ungenügend und äusserlich, so wenig 
zu dem in Wilhelm Meister üher Schauspielkunst 
Gedachten und Erstrebten stimmend ! Man kann zu 
diesen Regeln für Schauspieler nur sagen : er stellte 
geringe Anforderungen und suchte mit den unzu- 
reichenden Mitteln, ülier die er \ erfügte, weise haus- 
zuhalten. 

Wenn man erwägt, welch ausserordentliche Be- 
deutung für das (]eistesleben eines gebildeten \'olkes 
die Bühne hat, welcher Werth ihr z. B. gerade in 
Wilhelm Meister beigelegt wird, wie an die Darstel- 
lungskunst des Schauspielers, mit dem Kntstehen 
eines classischen Repertoires. .Anforderungen gestellt 
wurden wie nie vorher, so lohnt es sich wol. zu 
Iragen: wie es denn eigentlich mit unserer Schau- 
spielkunst steht V Wie (ioethe über siedachte, was 
zu ihrem (jcdeihen etwa zu wünschen ist? Ist diese 
Kunst i.\>:nn wirklich eine besondere Gabe Gottes, die 
nicht gelernt werden kann und geradenwegs vom 
Himmel kommt? — Die .Antwort liegt wol nahe: ein 
schönes Gesicht, eine schöne Gestalt, schöne Stimme, 
feines Gehör; endlich: Geist. Gemüth, das Alles aller- 
dings sind Gaben, die man dem Schauspieler nur 
wünschen, nie \erleilien kann, wenn er sie 
nicht hat. 

Wenn aber gefragt wird : ob es demnach denn 
für den werdenden Künstler /i/r/i/s gibt, das er 
lernen könnte, lernen sollte? so ist die .Antwort : 
i/'x/t / gibt es zu lernen, auch für den, der mit allen 
genannten X'orzügen der Natur ausgestattet ist. Es 
muss sich bei ihm darum handeln, ein Wissen zu er- 
werben, das zu einer Bildung, die er besitzen muss, 
unerlässlieh ist, und ebenso bedarf er eines mannig- 
laltigen Könnens, das unter sicherer Führumj ijeüiit 
werden soll und vor Fehlgriffen hütet. 

Laut genug hört man die Forderung stellen : 
der Schauspieler müsse correct und deutlich sprechen 
lernen. Goethe hat darüber auch einige Paragraphe 
niedergeschrieben. — Gibt es denn eine Schule, die 
uns sigt. was correct i~.tr Sind denn nicht die 
lächerlichsten Lehren in dieser Hinsicht in L'mlauf 
gekommen und haben sie nicht häufig das natürliche 
Sprachgefühl nur getrübt, ja verwirrt? Ich will hier 
nicht eine Debatte erötVnen. die hier nicht ausge- 
tragen werden könnte, ich will nur auf einen wissen- 
schaftlichen Fortschritt hinweisen, der uns die Ge- 
währ gibt, dass auch hier wissenschaftliche Gründ- 
lichkeit ein guter Führer ist. — Allgemein bekannt 
ist wohl, wie z. B. in Deutschland die französischen 



Nasallaute falsch ausgesprochen werden, ja wie die 
falsche .Aussprache geradezu gelehrt wird. Com- 
mencez donc sei zu sprechen : Comangse donk ! u. dgl. 
Inser geliebter Dichter Friedrich Rückert schreibt 
und reimt in prächtigen N'ersen so , dass wir über 
seine .Aussprache nicht in Zweifel sein können: 

Das w.ir ilie Sclilaclu v.ui \V:>terIoo, die Schlacbt von 

Bellalliangs, 
Die klan- so laut, ,lie klang so froh, so ungestümen 

Ivlang.s. 
Das war ,lie Schlacht von Waterloo, die .Schlacht bei 

BelKilliangs ; 
Da klangs doch mir dem Britten froh, nur froh ('ein 

Deutschen klancs. 



Er schrieb sogar Bellalliance mit ngs. — Nun 
tauchte d ie wissenschaftliche Betrachtung der thatsäch- 
lichen Sprachlaute als phonetische Wissenschaft auf. 
Ich nahm Kenntnis von den auf Schritt und Tritt mir, 
der ich mit Mundart-Studien beschäftigt war. begeg- 
nenden phonetischen Schriften, konnte aber anfangs 
kein überzeugendes Bild gewinnen von den vielfach 
vorgeschlagenen Transscriptionen. — Da hatte ich 
im .lahre 1872 Gelegenheit, auf der Philologen-Ver- 
sammlung zu Leipzig mit jüngeren Gelehrten zusam- 
menzutreflen, die schon in der neuen Richtung ge- 
schult waren. Ich muss gestehn. ich war gespannt 
auf das Französisch der neuen Schule. Wir Oester- 
reicher waren, wol mit Recht, der stillen Ueberzeu- 
gung, dass wir besonders die französischen Nasal- 
laute genauer nachsprechen, als unsere Brüder draus- 
sen im Reich. — Bei der ersten Gelegenheit konnte 
ich mich nun überzeugen : die wissenschaftliche Plio- 
netik ist kein leerer Wahn, man hatte gelernt, den 
französischen Laut so genau zu schildern, in seinen 
Bedingungen zu erkennen und nachzusprechen, dass 
nichts zu wünschen übrig blieb '. Geradezu bewam- 
dernswerth ist die Darstellung und Wiedergabe des 
Englischen, wie sie nun gelehrt wird, und wir haben 
bereits reichlich praktische Ergebnisse für den Unter- 
richt erlebt. So lässt sich nun die gebildete deutsche 
Umgangssprache ebenfalls feststellen und lehren. 

.Am Sichersten wird der Schüler vollkommen 
frei \ on .Allem , was ihm von Hause aus Mund- 
artliches anhaftet, wenn ihm das \'err.ältniss seiner 
Mundart zur gebildeten Umgangssprache Vocal für 
Vocal, Consonant für Consonant durch X'orsprechen 
und Nachsprechen voUkomiven deutlich gemacht 
wird. 

Einen besonderen Werth gewinnt für den Schau- 
spieler aber die methodische Uebung in der Mundart 
neben entsprechender l'ebung in der gebildeten Um- 
gangssprache, indem er durch das Mundartliche hin- 
übergeleitet wird zu charakteristischer Darstellung 
einer die Mundart sprechenden Person, wenn er z. B. 
I sich in den Rollen des \'ersprechens hinterm Herd 



rii 



lik -li^ \\ ic-iiei 



versucht. inJcm cv sowol Jen IWilincr in sc-mer Rede- 
weise wie Jie Nanl und die andern Personen in 
ihrer Aclplermundart wiedergibt. — Hier kommt 
nun auch ein praktischer Üesichtspunkt in Betracht. 
Die mundartlichen Rollen sind selten, vielleicht nie- 
mals correct niedergeschriehen. - Die köstliche (ie- 
staltdes Bedienten Treu in llolteis Wienern in l aris 
hat unser Scholz unübertrctllich gegeben, zu liolteis 
eigenem l-.nt/.ücken. Kr gab sie in reinstem Wiener 
Dialekt. So ist aber die Rolle nicht geschrieben: 
Iloltei war dieser Mundart nicht mächtig. — In einem 
solchen 1-alle soll der geschulte Künstler im Stande 
sein, das hier Fehlende, Bezeichnende richtigzustellen. 
Bei einiger methodischer Ucbung ist dies nicht so 
schwer. " als es dem Unerfahrenen scheinen mag. — 
Die Ilauptmundarten. mindestens eine oberdeutsche, 
eine mitteldeutsche und eine niederdeut.sche. zu üben, 
muss höchst förderlich sein. Begabte Schüler machen 
bei einiger methodischer Anleitung rasche Fortschritte 
und bilden sich selbst nach Zeit und (Jelegenheit 
weiter. Immer vorausgesetzt ein \ on Natur aus 
feines Ohr. 



lliemit soll nur angedeutet werden, was der 
angehnde Schauspieler allerdings lcrn>-n kann, lernen 
soll : was nicht angeboren ist. 

Ein viel tiefer gehendes und viel höher hebendes 
Wissen, das ihm nicht von selbst kommen kann, 
besonders im Jugendalter eines Werdenden nicht, 
das ist die richtige Würdigung und das volle r,r- 
släiuhiis des classischen Repertoires. 

Was in diesen f^ichtungen von üoethe direct 
gelernt werden kann aus seinen erwähnten Regeln 
für Schauspieler und aus seiner meisterhaften Wür- 
digimg von Shakespeares Hamlet in Wilhelm Meister, 
verfolge ich weiter nicht und bemerke nur das schon 
vielfach Bemerkte : dass hier in Wilhelm Meister ein 
Beispiel gegeben ist für eindringendes \'erständniss 
der dichterischen Absicht, das \on weittragender 
Bedeutung war und noch ist. 

l-'.inen Zug will ich noch hervorheben, der für 
(loethes .Anschauungsweise bezeichnend ist. 

Von Shakespeares König.lohann auf der Weimar- 
schen Bühne sagt er in den Annalen: »König.lohann 
war unser grösster Gewinn. Christiane Neumann als 
Arthur, von mir unterrichtet (sie v.ar 1 2 Jahre alt), 
thal wundervolle Wirkung : Alk die Uehrigni mit ihr 
in Harmonie zu bringen, miisste meine Sorge sein. Und 
so verfuhr ich von vornherein, dass ie/t in /Wem S/iiek 
den Vorziigiiehslen zu Inmerkeii und ihm di. ,ind,rn 
anzunähern suehte. < 

Ein noch wichtigeres Beispiel dieser Bühnen- 
praxis Goethes ist bekannt aus seinem bekannten 
Verhalten zur ersten Autluhrung des Faust im 
•lahrc 1829. Kr las den Darstellern einmal das 
Ganze vor, dann studirte er unserem I^aioche auf 
das Sorgfältigste die Rolle des .Mephistophelcs ein; 



die Andern mussten sich allein forthelfen. — 
Faust selbst erschien ihm selbstverständlich, obwol 
ers nicht i.st. er hatte ihn aber freilich im eigenen 
Innern erlebt; die andern (iestalten sind deutlich 
gezeichnete Charaktere. Der Schwerpunkt lag dem 
Dichter aber auf der (}estalt des .Mephistophelcs, 
des dämonischen Elements, das den .Menschen 
in das Gemeine herabzieht, dem gegenüber der 
Idealismus Fausts sich zu bewähren hat. — Von der 
Hauptsache ausgehend das (ianze zu beleben, war 
denn bei Goethe oberster Grundsatz. 

Gewiss lässt sich bei ihm für die Schauspiel- 
kunst Manches, ja sehr viel lernen. Mögen seine 
Regeln für Schauspieler uns heute ungenügend er- 
scheinen, Sprache und Aussprache z. B. wüssten wir 
gründlicher zu lehren, als dies dort geschieht: sein 
Verfolgen der Absicht des Dichters, dafür er ein 
Beispiel für alle Beispiele in seinen Erörterungen 
über Hamlet gab. wirkte nicht nur auf Schlegel, aut 
Gervinus, es' wird allezeit unschätzbar bleiben für 
den eine tiefere Bildung anstrebenden werdenden 
Künstler. — Auch die zuletzt erwähnte Maxime 
Goethes den Mittelpunkt des Interesses an einem 
Kunstwerk herauszufinden, ihn bei der Darstellung 
auf das Vollendetste zur Anschauung zn hnnge:i und 
das Gemälde des Ganzen danach zu stimmen, haben 
wir hoch zu halten: sie erscheint uns immer wich- 
tiger je mehr man darüber nachdenkt, und ist eigent- 
lich das A uud aller Theorien der Schauspiel- 
kunst. 

Ein Grund-lrrthum. dem hier aber vor Allem zu 
be-egnen ist, wenn wir die Anschauungen des Clas- 
sicbmus erkennen wollen, üegt in der Anschauung, 
die noch immer weit verbreitet ist: dass Goethe der 
Realist Schiller der Idealist und sein Antipode sei. 
Es wird natürlich Niemand die Grundverschiedenheit 
der Naturanlage beider mächtiger Geister in Abrede 
stellen- Niemand erkannte diese Verschiedenheit 
früher und klarer, als Schiller. Durch die Erkenntnis 
des Goetheschen Geistes befruchtet, vollständig hin- 
.eoeben seinem Einfluss. gelangte der Herrliche erst 
zur Meisterschaft, die sich mit Wallenstems Lager 
ankündigt. Im Juli 1706 las er Wilhelm Meister und 
schrieb darüber an Goethe: »Wie lebhaft habe ich 
bei dieser Gelegenheit erfahren, dass das \ortretl- 
liche eine Macht ist — dass es dem Vortreftlichen 
.gegenüber keine Freiheit gibt, als die Liebe.« Im 
Herbste desselben Jahres begann er den Wallenstem. 
Was man an Goethe seinen Realismus nennt, das 
strebte nun Schiller an. - Dass aber Goethe dennoch 
Idealist im höchsten Sinne war. kann nur der ver- 
kennen, der l:eine Ahnung hat von dem Grund- 
gedanken, dem prägnanten Punkt in seinem baust, 
dem Drama des unbesieglichen Idealismus! Gedenken 
wir doch derScene. wo der böse Dämon den L rquell 
der Ideale als das leere Nichts bezeichnet una -aust 
triumphirend erwidert: In deinem Nichts holi ich das 
.\11 zu finden 1 — 



( hionil; des Wiener tloethe- Vereins. 



Der Abt'all der Dichtung von Jer Natur und 
Wahrheit hat eine lange Geschichte. Die Griechen 
hielten sich an die Natur: ihre plastischen Gestalten 
sind von überzeugender Wahrheit. Sie sind noch 
mehr, sie sind vqii ewiger Schönheit : es sind dem 
Realen abgelauschte Ideale. — Der erste Abtall von 
der Natur geschah durch die Römer, da sie nicht 
mehr die Natur, sondern die griechische Kunst nach- 
ahmten, und die romanischen Völker ahmten, zu 
weiterm Abfall, die Römer nach. — Schon m mittel- 
alterlichen Dichtungen werden unmotivirte Gebärden 
und .Attitüden angedeutet, wie man sie in antiken Kunst- 
werken nicht zu sehen bekommt. — Die Geschichte 
der Schäferpoesie, von den Griechen angefangen, 
von Römern nachgeahmt und so bei Italienern, Spa- 
niern, Portugiesen. Franzosen u. s. w.. ist zugleich 
eine Geschichte des Abfalls von Natur und Wahrheit, 
von Entartung des Geschmacks. Dieser Geschmack 
ist verewigt z. B. in der Plastik, in den Statuen der 
Barockzeit, die wir aus französischen Gärten kennen. 
Unmotivirt lebendige, unwahre Gebärden und Stel- 
lungen, die uns heute lächerlich vorkommen, waren 
zu ihrer Zeit der Ausdruck des feinsten Geschmacks. 
-Man kann überzeugt sein, dass in jener Zeit die 
besten Schauspieler sich gerade so und kein Atom 
natürlicher gebärdeten. — Ueber die Abgeschmackt- 
heiten in der \'ortragsweise der Schauspieler der 
vorclassischen Zeit Hessen sich viele Geschichten er- 
zählen, dessen wir uns enthalten. 

Schiller selbst hat in seiner Jugend mit seiner 
Art vorzutragen, kein Glück gemacht, dennoch dürfen 
wir nicht sagen, dass die tönende Phrase, das un- 
motivirte Pathos Schillerisch sei : Schiller selbst 
wuchs doch in der Zeit seiher Meisterschaft darüber 
weit hinaus und war dann Eines Sinnes mit Goethe. 
Aber in Schillers .lugend strömte von ihm allerdings 
etwas .Sehnliches aus und stimmte zu dem Ideal der Zeit. 
Es hatten freilich sclion Lessing und sein getreuer 
Eckhof Natur und Wahrheit auf die Bühne gebracht. 
Die gärende nach neuen Formea ringende Zeit ver- 
langte aber neuen Aufschwung über die Grenzen der 
alltäglichen Wirklichkeit hinaus , die Zeit bedurfte 
neuer Ideale ! Noch hatte man die Bedeutung Goethes 
nicht gefasst, wenn auch schon sein Götz und sein 
Werther mächtig bewegt hatten. N'orläufig sah man 
seine Tendenz, im Wirklichen das Ideal zu suchen, 
nicht und gab sich dem hinreissenden Pathos Schillers 
hin, dessen .lugendideal nicht der Wirklichkeit abge- 
wonnen ist. 

Nicht was Goethe theoretisch gelehrt und ge- 
radezu ausgesprochen, ist dasjenige, was die neue 
Kunst heben kann und heben soll. Der neue Geist, 
der in Goethes Schriften sich ankündigt, auch Schiller 
anzog und unwiderstehlich überwältigte, das ists 
was unsere Kunst sich anzueignen hat. Es ist die 
Anforderung deutscher Bildung. Diese Bildung ist 



einzig, unerreicht. Es kann überall phantastische Extra- 
vaganz und hohle \'irtuosität verblüffen und B.eifall 
finden, das ästhetische Gewissen Deutschlands wird 
dergleichen doch am Ende immer zurückweisen. Dieses 
ästhetische Gewissen ist sich unerschütterlicher Grund- 
lagen bewusst. Für dasselbe gibt es kein »dir Geschmack 
ist -,'crscliic<hir-, sondern nur einen guten und einen 
schlechten Geschmack. Der gute Geschmack fühlt 
seine unanfechtbare Berechtigung in seiner Leber- 
einstimmung mit der Kunst und Philosophie der 
Griechen. 

Nach langem lathlosen Irren sehen wir im 
i8. Jahrh. den Geist der Menschheit in Deutschland 
über alles Irren hinaus wachsen. Dieser Geist steht 
der Antike gegenüber, die er sinnend betrachtet. Sie 
belebt ihn und erhebt ihn und er fragt : Was ists. 
was diese antiken Gestalten der Plastik unterscheidet 
von den wunderlichen aflectvoUen und affectirten Ge- 
stalten, die dieBarockzeit hervorbrachte: Und einWort 
ging bald von Mund zu Munde, die Antwort auf die 
Frage. Man weiss nicht recht von wem sie ausging. 
Sie lautet: EJIc Eiii/al/ und stille Grösse. So erschien 
dem erwachenden Geiste des vorigen .lahrhunderts 
dasjenige, was wir jetzt als das reine , unaff'ectirt 
Wahre in der antiken Kunst empfinden. Das Schlag- 
wort ('(//(■ Einfalt lind stille Grüsse ist ein Evangelium, 
das Goethe zuerst aus Oesers Munde vernimmt ; von 
ihm war es zuerst auch- auf Winekelmann überge- 
gangen, dann von Lessing im Laokoon besprochen. 
Wenn wir aber fragen von wem es Oeser hat? so 
erscheint uns die Vermuthung A. Dürrs (in seiner 
Monographie .A. Fr. Oesers 1879) sehr glaubwürdig, 
dass es von Oesers Lehrer Rafael Donner in Wien 
ausgegangen sei. 

Zum besseren \'erständniss desjenigen aber was 
Goethe mit den Griechen gemein hat ist sehr förder- 
lich Schillers Wort über naive und sentimentale 
Poesie. Der Dichter (und so jeder Künstler) ist ent- 
weder Natur oder er wird sie siic/icii. Jenes macht 
den naiven , dieses den sentimentalischen Dichter. 
Wir sehen, bei dem naiven Künstler liegt die Trieb- 
kraftin ihm, er spricht sich unmittel bar aus. —Vielfach 
stecken wir Modernen noch im Sentimentalen, an 
Goethe gewinnen wir .\luth unmittelbar zu fühlen 
und zu handeln. 

Alles Falsche. Sentimentale ins Wahre. Naive 
umzuarbeiten, das wäre die .Aufgabe! Goethes Geist 
ergossen über die Künstler, das wäre eine Schule 
Goethes, deutscher Bildung würdig.*) 



*; \V,.llie man ä\v th.itsHL-liliche Verwirklichunj; einer liil- 
dungsanstalt f::r SclKiUspioIer, s.i wäre dafür nach dem Gesagten 
die entsprechende Organisation vielleiclit bald gefunden, wenn die 
berührten Hauptpunkte gehörig berücksichtigt würden: i. Bildung 
der Sprachwerkzeiige i J[urtd:irt, Umgangssprache). 2. Ucbung in den 
Hauptmundarten, in Nachahmung charakteristischer Typen. 5. 
Würdigung der gr.issten .Meisterwerke der Dichtung und IJar- 
stellungsütungen danach. 



Verlag des Wiener Goethe -Vereins. 



Druckerei des „lUustrirten Wiener Extrablatts" (Kranz .Suschitzky). 



INHALT 

des .J a li r g a- 11 g e s 1 Ö •'-' O. 



2J, yänncr :SScf, S. 1—4. Xt', 1. Kinladung zur Jahres- Vollversammlung. — ■ Aus dem Vereine. — Neue Mitjjlieder. — 
Beiträge zum Denkmalfonds. — (loethe-Abend. — Berichtigung. — Goethe und das Volkslied. — Der Wiener 
Volksgarten. — Goethe-Reliquien. — Verszählung in Goethes Faust. — Neue Ideale. 

20. Fehrttar rSS<), S. j— /». JV»". J?. Einladung zur Jahresversammlung. — Aus dem Verein. — Jahresbcrichl 1888. — 
Goethe und ein Candidat aus Ungarn. — Der Gross-Cophta. — Zur Goelheplatz-Frage. 

20. März iSSi), S. ij — 20. Xv, 3. Aus dem Verein. — Goethe-Abend. — Jahresbeitrag. — Neue .Mitglieder. — 
Stifter. — Die Fonds des Vereins. — Goethe- Abend. — Zu Goethes ältestem (ledicht. — Gross-Cophta. (.Schluss.) 

— Der Denkmalplatz. — Nachtrag. 

20. April tSSg, S. 21 — 24. Xv. 4-, Aus dem Verein. — Beiträge. — Neue Mitglieder. — Kin Gypsrelief Goethes, — 
Goethes italienische Reise. — Goethe-Abend. — Goethes Idealismus und Schiller. 

jS. .l/ai tSSg, S. 2^ — 2S, liv% J. Herders Geliuruhaus. — Zu Goethes Todestage : Ueber Goethes Frommsein. — 
Goethe und Schiller in Japan. 

12. Juni iSS<), S. 2g — j>6. JV»*. 6 nml 7. Original-Correspondenz aus Weimar. — Unsere Bibliothek. — Goethes (.-) 
Lied zur Leipziger Schlacht. — Nachricht von Ulrike v. Levetzow. — Ueber Goethes Frommsein. (Schluss.) — 
Mitglieder- Verzeichniss. 

I. .lin'tisl iSSg, S. j>7 — 44. A'/*. S unil O, Jahresversammlung der Goethe-Gesellschaft in Weimar. — Zur Nochricbt. 

— Enthüllung des Grillparzer-Denkmals. — Hofrath v. AVeilen f. — Das Goethe-D.nkmal. — Bibliothek. — Mit- 
glieder- Verzeichniss. (.Schluss.) 

75. Ociobir iSSg, S. 4j — 4S. Xt% HK Aus dem Verein. — Abenteuer eines ungr. .Schulmannes mit Goethe, Schiller 
und Wieland. 

20. November iSSg, S 4g — j_». Nr. 11. Aus dem Verein. — Der Denkmalfonds. — Goethe- Abend. — Ueber den 
Gewinn der Goethe-Studien etc. — Goethe in Amerika. — Goethes angebliches Lied auf die Leipziger .Schlacht. — 
Eine Goethe-Gedenkstätte. 

/j. Deceiiiber iSSg, S. jj — 60. Ar. l'-i. Aus cleni Verein. — Neues Mitglied. — Der nächste Goelhe-.\bend. — A'i/,i. 
aller Goethe. — Goethe und die Schauspielkunst. 






CHRONIK 

DES 

Wiener Goethe-Vereins, 



^^IKJRTEK BAND. 



HERAUSGEGEBEN VON 

K. J. SCHRÖKR 

OBMANN-STELLVERTRETER DES GOETH E- VEREINS, VERANTWORTL. REDACTEUR. 



WIEN 1890. 

VERLAt; DES WIENER GOE rHE-VEREIN'S. -^ DRUCKEREI DES .ILE. WIENER EX IR A l'.I. \ 1' IE: 
(FRAXZ SUSCHITZKVi. 



Die Chronik erscheint um dit 
Mitic jedes ^lonats. 



CHRONIK 



Im Auftr.iire -Irs 

?ner Goethe- Ven-inslW-; 

geberu. verantwortliche 

Kcdacteur: 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Wien, 20. Jänner 1890. 



5. Jahrgang. 



INHALT: Ans dem ((Vi 
Vlipndc. — Künftige Goetlu-Abp 
Xoii:: -Einer Pflanae il;i¥ Hrrz 



- Dr. August Fürster — Dr. Adolf KoKitschck. — 
: Gotthe-Archw uns ist. — l'or/'rmerktnig :ii ./hs /■;//'/ 



Aus dem Wiener Goethe-Verein. 

In Jer Sit/iui^ des Au>scluisses am i l . .länner 
I 8<)0 waren anwesend : Obmann Se. Excellenz r. S/n- 
iiiijvr, Obmannstellvertreter Se. Excellenz Freili. i'mi 
BiZiCiiy und Professor Schnur, Schriftführer A'iirnr, 
Professor Blume. Director Dr. Ili^, Alois Monnri/z 
und Prof. Dr. Schippa: 

nie Nachricht, dass Prof. Dr. .los. /AnvA bereit 
sei, einen Vortrag im Goethe-Verein zu halten, wird 
mit frohem Beifalle zur Kenntniss genommen. — 
Da dem .Ausschusse schon früher von Prof. Dr. Jliiior 
und Kreiherrn r'. Bcrgcr sammt Gcmalin \'orträge für 
den heurigen Winter freundlichst zugesagt wurd.en. 
hat der Goethe-Verein mehrere genussreiche Abende 
/VI erwarten. 

Nach einem Bericlite des Directors Dr. //i,' sind 
mi Laufe des Februar Skizzen zum Gocihc- Denkmal 
von den Professoren König. Kundmann. Tilgner, 
Wagner, Wevr, Zumbusch und anderen jüngeren 
künstlerischen Kräften zu erwarten und dürften bei 
der .lahresversammlung des(joethe-\'ereins zur ersten 
Ausstellung gelangen, die deshalb auf einen späteren 
Termin verlebt wurde. F.. .1/. 



Dr. August Förster. — Dr. Adolf Kolatschek. 

Der .\usschuss des Wiener Goethe-N'ereins hat 
neuerdings den Verlust zweier .Mitglieder durch den 
Tod zu beklagen. 

Der artistische Director des Hofburgtheaters, 
J)i. August Föiskr, starb am 22. December 1889. 
während eines .Aufenthaltes am Semmering plötzlich 
am Herzschlag. — 1828 zu Lauchstädt in Thüringen 
geboren, absolvirte er 1851 die Universität .Jena, 
wandte sich aber der Schauspielkunst zu und fand 
1858 .Aufnahme im Hofburgtheater, wo er durch 
18 .lahre rühmlich wirkte, i 8j(j Director des Leip- 
ziger Stadttheaters, wurde er 1883 .Mitbegründer des 
Deutschen Theaters in Berlin, das er 1 888 nur ver- 
liess, um als artistischer Director an die Spitze des 
Hofburgtheaters zu treten. Seit dieser Zeit gehörte er 
auch dem Ausschusse des Wiener Goethe-\'ereins an. 



Dl. .hh'/f Ki'la/.uihk wurde 1821 ni liiaki ge- 
boren und wurde 1 84 j Professor am Staatsgvmnasium 
in Teschen. 1848 in das l''rankfurter Parlament ge- 
wählt, wurde er nach .Aulh'isung desselben llci'aus- 
geber der Deutschen .Monatschrift in .Stuttgart. 
1857 kehrte er wieder nach Oesterreich zurück und 
war durch mehrere Jahre journalislisch ihätig. In 
den Scchziger-.lahren gehörte er auch dem Wiener 
Gemeinderathe an. Obwol wegen Kränklichkeit vom 
öffentlichen Leben zurückgezogen, wirkte er doch 
bis in die letzte Zeit eifrig für den Wiener (joethe- 
Verein als .Mitglied des Ausschusses. \'on ihm ist 
auch die anziehende -Schrift : l)ic Stellung der l'rauen 
in -Amerika. 18(13. A'. .]/. 

Neue Mitglieder. ) 
Herr .Alfred Freiherr '-nn Jliigir. I.. luchkuiben -. 
Herr Georg Biagosih aus Berlin, z. Z. in W Jen. 111.. 

I^öwengasse 40. 
Herr .Alexander Or/unv , ISuchdruckerei - liesii/er. 

IX., Liechtensteinstrasse ^. 

Goethe- Abende. 

Freitag, den 22. November 18S1) eröthicie Herr 
Rudolf Steiner die Reihe der Goethe-. \liende mit 
einem hochinteressanten X'ortr-ige über das (ioelhe- 
.Archiv in Weimars. 

Herr Steiner ist mit der Herausgabe der natur- 
wissenschaftlichen Schriften Goethes betraut und 
hatte im Sommer Gelegenheit, das (ioethe--\rchi\ 
eingehend zu studiren. V.v schilderte ausl'ührlich die 
im Goethe-Hause ausgestellte naturhistorische Samm- 
lung und wies nachdrücklich auf den hohen Werth 
des wissenschaftlichen Nachlasses hin. -\us ihm werde 
klar werden , auf welchem Wege der Dichter die 
Höhen des Lichtes eiklommcn, und dass der -Meister 
auf jedem Gebiete ein unermüdlicher l-"orscher ge- 
wesen und als geistiger Mittelpunkt des Zeitalters 
gegolten habe. **) — Nach dem N'ortrage erl'reute I lerr 
Heinrich Förster, Regisseur des Volksthcatcrs, die 

erden in der K.anzl.-i .les Wissenscli . 



*) Beitritts--\nraeMun, 

Clubs (t-, Eschenbacbgassc 

»1 S. den unten fnli 



g) entges 
enden kii 



C'liionik des Wiener <joclhc-\ citiii: 



V'crsammlunf; durch den Nortrag von Goethes »Adler 
und 'l'aul)c« und Schillers »'iellmonolog' . 

Kreitag, den 22. December 1 881) war der ( ioelhc- 
Alieiid dem \'ortrai,'e (ioelhescher niclitunyen durch 
Herrn Kecilator (iinr!; J>iii};vs(h aus Berlin t,'e\vidnict. 
Der verehrte Gast, der über ein klangvolles Organ 
verfügt, las das bragmenl l'romethcus<!,dann Scencn 
aus /rnsM)". vlphigenie- unA j-Faust-. und wusste 
diu /uhiiiv-r dinvh ra>t zwei .Stunden zu fesseln. 

/■.'. .)/. 

Künftige Goethe-Abende. 

Im lliiililiel.. iuil diu bnluen/a iiat --ieh der Aus- 
schuss bewogen gelunden. Min X'orträgen in diesem 
.Monate .Uinner ab/uselni. Derselbe hottt im Februar 
und März dafür ikjcIi reichliche Kntschädigung 
bieten zu können, indem mehrere anzieliende \'or- 
träue in .\ussichl sielni. 



Was Weimars Goethe-Archiv uns ist, 

auf Grund persönlicher Erfahrung. 



Der \ Oruagende ging \nn dem (iedanktn aus. 
dass wir (ioethe gegenüber eine zweifache .Aufgabe 
zu erfüllen haben. Die eine bestehe darin, die 
gros>artige jjseheinung i.les Dichters allseitig zu er- 
fassen unil zu würdigen . die luitstehung seiner 
Schriften aus seinem .Seelenleben zu begreifen und 
die lleziehungen senier Werke /.\\ einander in das 
gehörige l.ichl zu setzen. Mit dieser rein historischen 
Seite der .Sache sei .d'er nur der geringere Theil 
dessen erreiciu, was « u- (joethe gegenüber zu er- 
reichen haben. Der weil wichtigere sei darm zu 
suclien , dass wir, so weit es Aufgabe eines jeden 
lunzehien \nn uns isi, an der Fortentwicklung un- 
serer (Kultur in vlem .Sinne theilnehmen. der uns 
dinch (ioeihe erschlossen worden ist. — Die {Jidlin'- 
perspective. die er für die Zukunft erölfnet hat, müsse 
die unsere sein. Wir haben den Gedankengängen, 
die bei ihm enien grossartigen .Anfang linden, nach- 
zugehn : wir haben die Fragen der Wissenschaft, der 
Kunst, des Staates von seinem .Standpunkte aus der 
Lösung zuzuführen. Wir müssen ims emporarbeiten 
zu jener .\rl des .Schauens, durcli die ihm so ein- 
dringende lu'kenntnisse aufgegangen sind, durch die 
er aber auch gegenüber allen Disharmonien des 
Lebens die selige Kühe des wahrhaft Weisen gefunden 
hat. Darinnen aber müsse Weimars Goetbe-Schiller- 
.Archiv l'ührer werden. Wer diese classische Stätte 
betritt, den überkomme ein liauch jenes gewaltigen 
Fthos, das \ on (ioethe ausgehend sich über all seine 
Werke ausbreitet. W''er da hineinblickt in die Werk- 
stätte des (joetheschen Dichtens und Denkens, wer 
an der llanJ der hinlerlassenen Schätze die Wege 
naclizuuehn in der Lage ist. die ienertieisi L;e\\andelt. 



um die Höhe seines Schafl'ens zu erreichen, dessen 
Inneres wird mächtig emporgehoben unter der Kin- 
wirkung des ideellen Krnstes und der hohen Sittlich- 
keit der Goetheschen Lehensführung und Weltaul- 
fassung. Kr sehe, wie jede Idee dieses Genius zurück- 
geht auf geistige Kämpfe, die er in seinem Innern 
durchgemacht hat, wie jede Leherzeugung die er 
ausgesprochen , der Abschluss eines Geistes- 
processes ist, den wir in sehr \ ielen Fällen genau 
verfolgen können. Wir können an den hingeworfenen 
Notizen oft ganz genau den Augenblick sehen, wo 
eine Idee in seinem Cjeiste aufblitzt, die dann frucht- 
bringend auf sein Schaffen eingewirkt hat. 

Namentlich werde (joethes 7cisseiischa/'lli<hi- Be- 
deutung durch die Weimarer Publicationen klarer 
vor unseren Blicken stehen, als das bis jetzt der l-all 
sein konnte. Die bare Flachheit, die sich bis nun 
noch immer ricntend an (ioethe heranwagt, werde 
\eiächllich abgewiesen werden von allen (iebildeten, 
denen aus Weimars handschriftlichen .Schätzen neue 
lansicbten aufgeben werden. 

Wichtiges haben wir auch von den 'ragebüchern 
zu erwarten. Sie werden uns ja genaue .Aufschlüsse 
nicht nur über das äussere Leben des Dichters, 
sondern auch über den Kntwicklungsprocess seines 
Innern bringen, sie werden zeigen, wie er von Stufe 
zu .Stufe iVntschreiiei. bis /x\ jenem »geistigen 
Minitseirat .. wo er sich z^var unverstanden und 
einsam, aber dafür \on den tiefsten Ideen erleuchtet 
fühlt, (joethe habe nicht nur über sein äusseres, 
sondern \or allem über sein inneres Leben lUich 
geführt, 

\'on besonderer Bedeutung sei aber auch der 
Briefwechsel. Das geistige Leben in Deutschland 
von 17(10 — 18'^2 nehme sich wie ein gewaltiger 
Organismus aus, dessen Seele (ioethe ist. \'on ihm 
geht ein unmittelbar persönlicher Lintluss auf die 
bedeutendsten Zeitgenossen aus, und diese wirken 
wieder auf ihn z.urück. Dieses grossartige Netz 
geistiger Interessen wird der Briefwechsel erst klar 
machen. 

Die \'er(ilfeiuliclumg der wissenschaftlichen 
.Sehrifien. Tagebücher und des Briefwechsels Goethes 
werden \c)r allem ein unsterbliches Denkmal sein, 
das sich Weimars hochsinnige Fürstin setzt. Damit 
sei dL'r Beweis geliefert, dass man in Weimar mit 
eben so viel N'erständniss die Hinterlassenschaft des 
grossen Deutschen zu fördern weiss, wie man einst 
verstanden hat, dem Manne die (irundlage zu schalten, 
auf der er seinen Bau zu den Höben der Menschheit 
aufführen konnte. 

Es sei das Verdienst Prof. Suphans, des humanen, 
liebenswürdigen Directors des .Archivs, und der edeln 
Nachkommen Schillers, dass seit etwas mehr als 
einem Jahre auch Schillers Nachlass dem Archiv ein- 
verleibt ist. Schiller gehöre zu (ioethe. Durch 
.Schiller sei ja der Nation der Weg zu (ioeihe erst 



Chruiiilv (lf:> AVicncr liuethe -Vereins. 



recht cröfliict worden. Wie er den gro.ssen Freund 
betrachtete, das sei das Ideal aller (iuethe-Forschuna. 



Vorbemerkung zu ,,Des Epimenides 
Erwachen". 



chst 



;■ in IviirsrIuuM s \ari..nHl-Littcr:aiir.,i 

ereclit zu werden, scheint 



Dieser I>ichtun 
eine Aufijahe. deren Lösung noch zu erwarten ist. 

Kine ermüdende Wiederhokmt; aller vorliegen- 
den Deutungen und Lrtheile würde kaum zum Ziele 
führen. Wir vermessen uns auch nicht unsererseits 
zu viel zu versprechen, doch scheint uns bei gründ- 
licher Erwägung Eines möglich : die Zurückweisung 
einer Behauptung, die ein verbreitetes Urtheil zur 
Voraussetzung hat und doch nur auf einem argen 
und ottenbaren Missverstehn beruht. Es ist eine 
liehauptung, die wir umsomehr ernst nehmen, als 
sie von einem \on uns sonst hochverehrten Manne 
ausgeht: Epimenides sei jedem wahren Vaterlands- 
freunde ein .\ergerniss. Es hängt das zusammen mit 
anderen .Anschauungen von (ioethes (jesinnung. die 
auf mangelhafter Information heruhn. 

Dieser .Anschauung gegenüber wollen wir die 
r)ichtung schärfer ins .Auge fassen, und wenn dann 
die .Anklage in Nichts zerfällt, wie wir sicher erwarten 
dürfen, dann hollen wir immeiliin etwas erreicht zu 
haben, das uns \ ielleicht auch dem klaren Einblick 
in die Dichtung näher bringt. 

Den 6. Mai 1814 schrieb IlHaiid an (ioethe: in 
vier Wochen etwa käme der König, vielleicht mit 
Kaiser Alexander nach Berlin, und er wünsche sehr, 
dass bei dem .Anlass etwas entsprechend Würdiges 
auf der Huhne gegeben würde. 

Man denke jener Zeit, des allgemeinen Aui- 
athmens der Welt, der Begeisterung des erwachten 
\"olkes, da die verbündeten Heere '^ i . März in Paris 
eingezogen und Napoleon nach der Insel Elba ver- 
bannt war. 

Goethe erhielt den Brief in dem Badeorte Berka. 
Er bedachte sich anfangs, da ihm die Frist von \ier 
Wochen zu kurz schien. Aber der Gedanke an eine 
Dichtung zu dem bevorstehenden Friedensfeste Hess 
sich denn doch nicht abweisen: die grosse Sache 
bewegte ihn mächtig. In zwei Tagen war ein Ent- 
wurf fertig und schon den 24. Mai (1814) ging er in 
Reinschrift an Irtland ab 1 — W"ir wissen ja, wie es 
ihm so oft in solchen Fällen ging. Wie sich ihm »in 
der Dumpfheit« ein Bild vor Augen stellen musste, 
aus dem sich wie von selbst eine Dichtung heraus- 
gestaltete. — Die alte Fabel vom Schlafe und dem 
Erwachen des Epimenides war ihm vor den Geist 
getreten: sie erschien ihm svmbolisch auszusprechen, 
was er empfand. 

Der Name Epimenides erinnert an Epimetheus 
in Goethes Pandora, der auf der Bühne schlafend 
erscheint (S. Zu Pandora. Dramen 3. S. (14. 05). 



Dort wird dem titanischen Prometheus sein Bruder, 
der begeisterte Idealist Epimetheus, gegenübergestellt. 
Die durch des Prometheus Titanentrotz in die Welt 
gekommenen Disharmonien soll Epimetheus gemein- 
sam mit Pandora in Harmonien auflösen. — Diesem 
Epimetheus ähnlich tritt nun dem Dichter der fabcl- 
I hafte Epimcnidts vor die Seele. 

Wenn die Namen von Prometheus und Epi- 
metheus mit der Voiiit\h\chle und der N<uhlicda(hle 
übersetzt werden, der Name Epimenides Hesse sich 
als (/,/• Uclurdaiuriidi' wiedergeben. Die Dichtung, 
die das Erwachen neuen Lebens in Deutschland feiern 
soll, hat zum Helden einen weisen, von den Göttern 
begünstigten (jeist. der eine ganze Lebensepoche 
verschlafen und dadurch die Erhöhung seiner gei- 
stigen Seherkraft gewonnen hat. Er überdauerte eir.e 
ganze Epoche und rettet sich aus einer verschollenen 
Vergangenheit in die lebendige Gegenwart herüber. 

Es wäre gefehlt, in dieser Gestalt eine bestimmte 
Person zu suchen, denn sie stellt offenbar ein .Allge- 
meines, Ideales dar. Wer ist 181 s erwacht? Wer 
hatte bis dahin geschlafen r Was gewann nun neues 
Leben? Doch nur jenes Ewige, das mit dem Erwachen 
des deutschen Volkes einen so hohen Aufschwung 
nahm, nachdem es alle misslichen Geschicke der 
Zersplitterung, der l'nterdrückung und Gewalt über- 
dauert hat. Wenn die weltgeschichtlichen Ereignisse 
jener Zeit einen trostlosen chaotischen Eindruck 
machten, so war das Erwachen schlummernder Trieb- 
kräfte das einzig Erhebende, die einzige Rettimg. 
und dieses Erwachen des Dauernden im Wechsel 
soll nun in der Gestalt des Epimenides personilicirt 
erscheinen. 

Goethe schrieb in seiner weiteren Exposition 
des Entwurfs den 15. .luni 1814 an Itl'land : »bei 
einem so mysteriösen Werke wie dieses habe man 
freilich darauf zu sehen, dass keine falschen Deu- 
tungen gemacht werden. Damit man also nicht etwa 
hinter dem Epimenides den König suche , werde er 
sich und sein Schicksal exponiren. xMan könne auch 
noch weiter gehn und auf die Frage: was denn der 
Epimenides ist? auf irgend eine schickliche Weise, 
in eii^em öfl'entlichen Blatte die Fabel erzählen.-. — 
Wol brachte das Morgenblatt den 29. und '^lo. März 
18 15 eine vorbereitende Uebersicht des Inhalts und 
K(arl) L(evetzo\v) im Vorwort der ersten Ausgabe de^ 
Epimenides. die vor der .Aufführung erschienen sein 
dürfte, auch die Fabel nach Goethes .Andeutung. 
Dennoch enthielt sich der Berliner Witz nicht, wie 
Zelter dem Dichter den i i. April 181 5 schreibt, dem 
Stücke den Namen zu geben : I — wie — menen — 
Sie — dess.' — Es ist auch nicht gut abzusehen, wie 
die Erzählung der Fabel, die doch nur symbolisch 
angewendet sein kann, das Publicum abhalten sollte, 
dasjenige zu suchen, was damit gemeint ist? 

Wenn Goethe in seinem traumwandelnden 
Dichten, das wir an ihm kennen, in Einem Punkte 
irrte, so war es der: dass er den .Aufschwunt; des 



L'hi'onik des Wiener Goethe -Verein*. 



Publicums zum Symbol eines Ideals für so einfach 
hielt; dass er, selbst gctiat;en von der eigenen Begei- 
steriin}^, übersah, wie nothwendig es gewesen wUre, 
den Ideengehalt und den (jang der Handlung in \'er- 
bindung damit deutlicher zur .\nsi;hauung zu bringen. 

Schien mit den chaotischen Zuständen, dem 
durch Napoleon 1. herbeigeführten Umsturz alles 
Bestehenden, ein Bruch mit der Gesehichte der orga- 
nischen Entwicklung Deutschlands, ja aller N'ölker 
I-Airopas herbeigeführt, so konnte aller Trost und 
alle Hoffnung doch nur in dem Hinblick auf ewige, 
unbesiegbare Kräfte gefunden werden die in der 
Seele der Völker schlummerten. — Dergleichen kann 
freilich nur sinnbildlich zur Darstellung kommen und 
eine solche Darstellung kann denn auch nur mit dem 
(jefühl erfasst werden, so dass hier wieder gesagt 
werden muss, was der Dichter schon in Bezug auf 
Pandora l(). August 1808 an die Stein schrieb: 
-Das Ganze kann nur auf den Leser gleichsam 
i;eheimnissvoll wirken. Kr fühlt diese Wirkung im 
(janzen, ohne sie deutlich aussprechen zu können, 
aber sein Behagen und .Missbehagen, seine Theil- 
nahnie oder .-\bneigung entspringt daher. — — 
Daher der Künstler, dem freilich um die Form und 
um den Sinn des Ganzen zu thun sein muss, doch 
auch sehr zufrieden sein kann, wenn die einzelnen 
Theile, auf die er eigentlich den Kleiss verwendet, 
mit Bequemlichkeit und Vergnügen aufgenommen 
werden.« 

Der Dichtung nun gerecht zu werden, ist dess- 
halb so besonders schwer, da das. was hier der 
grosse Dichtergeist geschaffen, auf eine opernartige 
Darstellung mit .Musik und reicher scenischer Aus- 
stattung berechnet ist. Das Scenarische : die zu rtr- 
u-ijkliihiiulai Bildii- sind hier die Dirhfiiiig, dasjenige, 
in dem des Dichters schöpferischer Geist zum Vor- 
schein kommt. Den Text, der eilig hingeworfen ist, 
nennt er selbst nur den Carton zum Bilde. Der- 
gleichen konnte ein Bühnenleiter wie Iflland wür- 
digen, der die Schöpfung mit Begeisterung aufnahm; 
der gewöhnliche stumme Leser konnte und kann es 
nicht. 

Betrachten wir den tiang der Handlung. 

Die .Muse tritt auf als Prolog, von zwei Genien 
begleitet, und drückt eine dem Kriedensfest angemes- 
sene Stimmung aus. Sie führt zum Schluss Epime- 
nides auf, der als unversiegte (Quelle der Weisheit 
die wunderbarsten Bilder erklären soll. In die \er- 
schliesst sie mit den 



>1if willtoten liestalleii 
aft zevslörenil walten." 



Kpimenides spricht seine Freude über einen 
gesicherten Wohlstand aus. Kr versetzt uns in die 
Zeit vor seinem Entschlafen. Die (Jenien laden ihn 
im Namen der Götter zu schlafen ein, da lieberhafte 



gangenheit zurücl 


wleitei 


Worten ; 




.U.>cli l.r-st \ 


..rlier 


In ei^ensinni 


,'er K 



Zeiten bevorstehen (Vers 102 — 105). Er findet die 
Genien ähnlich denen des Schlafes und des Todes, 
und ergibt sich ihnen willig, besteigt sein Lager und 
schläft ein. Nach unserer .Auffassung entschläft mit 
ihm alle Spontanität, alle Triebkraft im N'olke, und 
was nun geschieht, geschieht durch äussere Gewalt. 

Ks folgt ein lleereszug, die Welteroberung der 
Römer darstellend, ^sämmtliche \'ölker, welche von 
den Römern zuerst bezwungen, dann als Bundes- 
genossen gegen die übrige Welt gebraucht worden.«') 
.Mit diesem römischen Bilde ist natürlich svmbolisch 
.Alles das gemeint, was als (^äsarenthum, als Prä- 
torianerherrschaft in der Weltgeschichte auftritt. 
Wir denken zunächst an Napoleon, in dem die 
römische Cäsarenzeit sich neu zu beleben schien und 
mit römischen .Adlern die Welt bedrohte. 

Der Dämon des Krieges tritt auf, dem gegen- 
über der Dämon der List in der Hofkleidung des 
16. .lahrhunderts. Letzterer mahnt an die Zeiten 
höfischer Ränke des französischen und anderer Höfe. 
Er wendet sich an seinen Chor und fordert ihn auf 
(V. 251) zur Zerstörung alles Bestehenden. Der 
Bruch mit der geschichtlichen Entwicklung der 
Völker stand dem Dichter schon in seinem Götz vor 
Augen. Was er unter der unterminirten Gesellschaft 
verstand, haben wir bereits in der Einleitung zur 
natürlichen Tochter besprochen. Wahrnehmunge'n 
von sittlichen (jebrechen der Gesellschaft erfüllen ihn 
von früher Jugend an schon mit bangen .Ahnungen 
von einem allgemeinen Lmsturz. 

fFortsetznns und Sclilnss folgt.) 

Goethe-Notiz. 

, .Einer Pflanze das Herz ausbrechen" - eine 
Goethesche Reminiscenz bei Jacob Grimm. 
In Goethes Clavigo, IV. .Act (Hempel <>.i55) 
heisst es: »Lieber Freunil. Inic/i Du diur Pflanze 
das Herz aus-i u. s. w. Und in .lacob Grimms \'or- 
rede zu den Lateinischen Gedichten des X. und XI. 
Jahrhunderts (1838) S. VII. lesen wir: »Nachdem das 
Christenthum die noch aus heidnischer Wurzel ent- 
sprossene Dichtung des achten und neunten Jahr- 
hunderts verabsäumt oder ausgerottet hatte, musste 
die deutsche Poesie eine Zeitlang still stehn. „einer 
Pflanze nicht ungleich, der dai llcrz ausgebrochen ist- 
XX. s. w. — Freilich ist es die I'rage. ob die Phrase 
zuerst von Goethe gebraucht wurde, aber es scheint 
so. Kine Variation derselben begegnet noch in Dich 
tung und Wahrheit (i. Buch (Hempel 21, S. 25). 
»Durch Gretchens Kntfernung war der Knaben- und 
Jünglings-/'/i'(;//Cf' (/</.f Herz ausgelmuhen-. \gl. auch 
Grimms Wörterbuch I.. .Sp. 8-35. 

J.iid-.i'ig Blume. 

•) .Aus dorn riicatcrprojtrannii in ISriffcn .u\ (tTl.ind n.acli 
.\usgabc des Epimenidcs. 



Verlag des Wiener Goethe -Vereins. — Druckerei des 



V. l.ncpi^rs .\usgaüc des Kpnnenidcs. 

„Ilhistrirten Wiener E.\trablatts" (Franz Suschitzky). 



Die Chronik erscheint um die 
Mitte jedes Monats. 



CHRONIK 



Im Auftr.-ige des 
Goethe- VcreinsHer- 
sru. verantwortlicher 
Redactcur: 

K. y. SchrSer. 



geb 



WIENER GOETHE-VEREINS. 



Nr. 2. 



Wien, 15, Februar 1890. 



5. Jahrgang. 



äSIIS5SS=SSSS£?^°--sä^s-~'ä^^ 



Jahres-Vollversammlung 

des 

W^IENER GOETHE-VEREIN 

Freitag, den 7. März 1890, um 6 Uhr Abends, 

im 

Vortrags-Saale des „Wissenschaftlichen Club', 

(I., Eschenbachgasse 9). 



Tagesordnung : i . .lalnesberidu des Ausschusses ; 
1. Rechenschaftsbericht; 

3. Bericht der Rechiiungs-Revisoren und Neuwahl derselben: 

4. Neuwahl des Ausschusses nach § 6 der Grundbestimmun-cn auf dr.-i ,l.,hr.- ■ 

5- Director Dr. Albert Ilg : Erläuterung zu dem Entwürfe für das Wiener Cocthc-Dcnkmal. 

Zur Ausstellung gelangen die von Wiener Künstlern freundlichst geHefertcn Skl/..en und Modelle 
/um Wiener Goethe-Denkmal. 

Zur Jahresversammlung haben nur X'ereinsmitglieder Zutritt. 

lUf .{ns.sf/itiss. 



Aus dem Wiener Goethe-Verein. 
Goethe-Abend. 

Dhiis/iig, <kniS. Fihni.u- iSr/o, im Vortragssaale 
des »Wissenschaftlichen Clubs« (I., Eschenbachgasse 
Nr. 9) Goethe- Abend. 1. Vortrag des Herrn Profes- 
sors Dr. Jacob xMinor: »Die Aittorschaßsf'njge bd 
Goethe und neueren Dichtern, anlässlich des Falles 
Meissner-Hedrichr.-. 1. \'ortrag von Goithc: ..Pro- 



scrpina- durch die k. k. llüfscIuiiispiekTin Fräulein 
Adrienne Kola. Beginn 7 Fhr. 

Mitglieder haben freien Zutriu ; (Jastkarten sind 
in der Kanzlei des »Wissenschaftlichen Club« zu 
haben. Dort werden auch Anmeldungen neuer Mit- 
glieder entgegengenommen. n.r Aiimhuss. 

NB. Aus dem Ausschüsse ist ,liesui.,l nicliis ,nit/u- 



Chronik des Wiener Cioetbe -Vereins. 



Rechnungs-Abschluss des Goethe-Vereins für 1889. 



Ausf/ftOcii 



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ilcr k. li. I'u5l>]);iri;issa 

])riv. all^;. öslerr. 

r.nilciKmlii-An-slnll . . . 

Effecten: 

an «Jen iioellie- UeiikiualfoiKls 
aus dem Efl'ectenbesil/. über- 
lassen: 3 (iisela-Actien ux Con- 

1'"" • 



Bücher: 

Jahrbuch . . 
Kechnun^>biuh . 

Chronik : 

Er\verb>li«t-r 
l'orli . . 
I'apitr . . 
Diener . . . . 
l,itho};raiihie . 



EincassirutiKsspesen : 

k k. ]>osls|iiria"a . . . 
( lub . . . 

Porti und kleine Spesen: 

k. k. priv. all-. .)>(. Iloilencredit- 

Anslalt 

Club 



Vorträge : 

Saalniii-llic- 

Remunerationen : 

<'u-ti.s . 

Dii-ncl . 

Mitgliederbeitrag Weimar 

Anschaffung von Werthpapieren. 

4 Ciseki-Aititn , . , . . 

Beitrag 

/,u cleni (iotlhc-Dfiiknial-lMind^ 

Guthaben : 

1. bei der k.k. l'uNNparcassa per 

31. Decendier . . II. 24,1.17 
Hievun ^'eheii ab; 
ir) Haar - Keitra}; zum 
Uenknialfonds, welcher 
in der tioelhe-Denk- 
nialfonds - Rechnung; 
pro 1889 schon in Km- 
pfant; gestellt wurde 11. 78.2X 
/'l Kemnneratitinen an 
die Diener, in obi>;er 
Kechnun«; aufgeführt, 
jedoch am 31. De- 
cember noch nicht 
an die ISezujjsberech- 
liglcn ausgefolgt . fl. jO. — 
XTo8^8 

2. bei der (lub-Cassa . . . 

3. , _ k. k. priv. allg. list. 
I'.odcncredit-Anstall . 



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Clirouik des Wiener (i<ictlie-\'ereins 



Rechnungs-Abschluss des Goethe-Denkmalfonds für 1889. 

Eiiiiiii/nneii Aiisf/abeu 



,l,m J„i,r,- rSS.S 



Zinsen: 

im Cunlo-Ciirrent der U. k. priv. 

allg. öst.Boden-Credit-Anstalt 
im Conto-Corrent der k. k. l'nst- 

sparca<-sa 

von EtTecten 



Beiträge : 

der k. k. Iloflniri^-Theater-In- 

tendanz ....... 

des Goethe-Vereins ... 

,, Herrn Dr. Kokitscbek . 
der Frau Etelka v. Keblov/.ky 
des Herrn Grheimratlis Kanin 

("iiirnii;, Gürz 

des Hrn. Dr. O. AVeicliselbauni 
.. Hrn. Dr. Robert v. Schneider 
.. Herrn tarl K()nej,'en, linch- 

hiindler . 

der .SchlaralTia Vindnbuna . 
(le> Herrn Krnsl Martin Stras^- 

bour^' 

der JM-aii Jtha Edle xon Well 
des Herrn Heinricli rreiiiini;er. 

Manchester 

des Wr. Männergesany Vereins 
Sammlung der Krau Hegierungs- 

rätliin Eeopoldine Sitte . 

Effecten-Rückzahlung : 

von fl. 10.200 \. Vnijar. ( Ist- 
bahn-l"ri<irit;iten .'.... 



;'"^"T'^ 


r>r>rii 







kr, 11, Ur 



Kleine Spesen : 

Einlagsscheine der k. k. 
sparcassa . . . . . 

Ankauf von Effecten ; 

5u Stück Alfold-Fiumc-: 
1 .. (iisela-.Vctien , 

Guthaben : 

.// bei derk.k. I'ost- 

sparcassa . 

ferner laut Al>- 
recbnung im 

Jänner 1890 etlej; 
b I bei der k. k. priv 

allg. ("ist. Boden- 

Credit-Anstalt 



lUL':i;i 

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'I- '.H.5.:7 



!! u-2i|5ä 



./. Effectenbesitz des Wiener Goethe-Vereins: 

Stück 7 rii-.tl.i-.\i'tiLn : 

/'. Effectenbesitz des Goetlie-Denkmalfonds : 

.Stück 50 Alffiia-Fimiiaiiev F.isenbahn-.Vctien, 
25 »Tisela-Actien. 
1 Theiss-]<egidiriings-I.os. 
11. (lOOO 4",,, J''crilinands-Xordbahn-Prioritiiten. l-'.inis-.icin iMSii: 

' Stand des Goethe-Denkmalfonds: 

AVerth der EtTecten 11. 21. »5277 

l!arvermri;,'cn tl. 2.794-20 

II. 24.646-97 

/'. Stand des Vermögens des Goethe-Denicmal-Fonds : 

Am 31. December 1888 .... 11. 21.851-61 

., .. .. I88c) .... 11 24.646-97 

/.uiiuiinit- im yulirc iSSq ij 2.711V U' 

Bernhard Rosenthal. 



Vorbemerkung zu „Des Epimenides 
Erwachen". 

(.\us dem demnäclist iisclioincTulon u, I!;inil der Dramen licunlK-s. 

Heraussegebcii vun K. J. iV//r<v,- in KilrscliiKTsXalii.naM.ittiT.itun. 

(Fortsetzung.) 

Der Dämon der Li-st beschreilit seine Wirkuni; 

»wie die eines initerniiniften Terrains, verachtet die 



alte \'oi-stellung der Zwietracht« und findet »die wahre 
modeine Zwietracht« in der sokitio continui, d. i. 
im Brttch mit der geschichtlichen Entwicklung. *) 

Wir bewunderten schon in der Eitdeitung des 
Götz von Berlichins;en, Dramen •:;. XII. wie Goethe 



Henu.cl. 



Chronik des Wiener Ooetlie -Vereins. 



Jen Punkt lic-rvorgelundcn. wo Jer deutsche (icist 
mit seiner \'ergani;enlieit hriolu unJ tVcmdem Wesen 
anheimfallt; wie er die unterbrochene ICntwicklung 
ehendort wieder anknüpft i\n^ jene l irsprilnglichkeit 
wieder heleht. 

Das Werk der List i;elin_-t. Alles bricht zusam- 
men (9. Auftritt) und nun erscheint der Diimou der 
rnli-rdrikhiiii; in der typischen (lestalt eines orien- 
talischen Despoten. 

Die Ruinen werden von (irün überwachsen. 
Nichts wird wieder aufgebaut (li. Auftritt). (Haube 
und Liebe treten auf: der Dämon der l'nterdrückung 
legt ihnen Ketten an und entzweit sie. Nun ist die 
T.ielie thörieht, der (ihiiibe blind. Die llott'nung ist 
noch frei, der DUmon will auch sie betrügen (14. Auf- 
tritt). Die Iloll'nung tritt auf als .Minerva, an Königin 
Luise erinnernd. Sic hebt den Speer und steht in 
drohender tJeberde dem DUmon der Unterdrückung 
gegenüber. — Man muss hier an Napoleon denken 
in dem .Augenblick, da er von der bisei Elba zurück- 
gekehrt und nun von den hoffenden \'ölkern bedrolu 
wird. Die erste .AutVührung des Stückes fand ja in 
demselben .Augenblicke statt. Eine beängstende 
Vision beugt den /Kimen der l'nlerdriiekung zu Roden. 
Die HolTnung nimmt ihre ruhige Stellung wieder an, 
der Dämon ermannt sich und entflieht mit Grauen 
(15. .Auftritt). 

Glaube und l,iei)e können sich nicht erreichen, 
bis die llort'nung kommt, sie zu erretten. Hier folgen 
(im 2. .Aufzug, ■\. .Auftritt) herrliche, hinreissemle 
Worte der llolVnung, nachdem (ienien dem Glauben 
lind der Liebe die l'esseln genommen. Die Freiheit 
wird begrüsst und nun wird das Erwachen des Epi- 
menides eingeleitet (4. .Auftritt). Die Pforten öfl'nen 
sich, Epimenides ruht noch. Im- steht auf, tritt vor, 
staunt über die eingetretene Xeränderung (5. .Auftr.), 

Ein Komet erscheint und erschreckt Epimenides 
als kriegerisches Zeichen. Er erinnert sich daran, 
wie .Alles hier herrlich war, das jetzt verwüstet ist. 
Die Genien deuten an, dass er eben hier sich selbst 
erkennen soll (Vers 718) als der schöpferische (ieist 
der Ideen, als der Leberdauernde. Er erblickt ein 
liild (Vers 722) aus der Zeit des (jlanzes vergangener 
Tage, ein Basrelief, häuslichen Wohlstand darstel- 
lend. Es fällt ihm beim .Vnblick einer unleserlich 
gewordenen Inschritt das Lied ein, das hier einge- 
schrieben war und gleichfalls gesicherten Wohlstand 
pries (743). Epimenides verzweifelt beim Anblick 
der allgemeinen Verwüstung. Da trösten ihn die 
Genien, ihn an sein eigenes Wesen mahnend {~(y\): 
Denn es lebt ein cwiij f. eben, 
JCs ist selbst der };-i"ze Mann. 
In ihm wirken Lust und Streben, 
Die m;\n nicht zermalmen k.mn. 

Es wird Tag ((). .Auftritt). 

Die kriegerische .Musik kommt näher. Diellull- 
nung mit dem .lugendfürsten (Blücher) zieht über 

Verl.!" des Wiener Goethe -Vereins 



Ruinen heran mit dem Heere der Verlnindeten. Es 
erklingt im (Jhor das gewaltige Lied : 

l'.iiidcr auf, die Well zu befreien ! 

Vcirwärls ! — (7. .\iiftritl). 

.Auf der andern Seite der Bühne stehen der 
(ihmbe und die Liebe mit icn Frauen und iMVtd- 
lie:vohnern. Ihr («esang spricht die Stimmung der 
Zurückgebliebenen aus , die endlich daran gehn, 
das, was zusammengestürzt ist, wieder aufzurichten 
(8. Auftritt). 

Epimenides, mit zwei Priestern, tritt vor. 
I-jsterer bedauert die verschlafenen .Stunden : 

. \lil < iieli -H leiden 'Mtr Ge;i'inn : 

Denn für den Schmerz, den ihr cnipfiuiden. 

Seid ihr auch grösser, als ich hin. 

Dagegen einer der Priester: 

l'adle nicht der (iötter Willen 
Sie bewahrten dich im Stillen. 
Dass du rein empfinden kannst - - 
Und nicht j;laulien, was wir saL;en, 
W'irsl du, wie die l''i)l^'ezeit. 

Ein reinbewahrtes l'-mpfinden soll sich bewähren 
über die Zerstörung des (^äsarenthums, der Unter- 
drückung und der List und Zwietracht hinaus, die 
einen Bruch in der geschichtlichen Entwicklung der 
Völker herbeigeführt zu haben schienen. 

Glaube, I>iebe und Ilollnung freuen sich ihres 
.Sieges und wenden sich beglückwünschend an den 
Kaiser von Russland, den Kaiser von Oesterreich und 
den König von Preussen (o- -Vuftritt), denen der 
Dank der X'ölker beim Eriedensfeste ausgesprochen 
werden soll (V'gl. jedoch zu 920). 

Beharrlichkeit und Beständigkeit in EincrPerson 
mahnen auszuharren in ihrer Entschlossenheit. — 
Dieser .Auftritt muss bei der .Autführung, im .Augen- 
blick, da Napoleon von der Insel Elba heimgekehrt 
war, von grosser Wirkung gewesen sein. 

.Am Schluss des .Auftritts führt F^pimenides eine 
bisher verborgen gebliebene Verschleierte vor und 
schlägt ihren Schleier zurück: es ist die Einigkeit, 
Deutschlands Einheit vorverkündend. 

Die Krieger sprechen sich aus als ein ]'olk.<:heer 
eines Volkskampjes, im Gegensatz zu einem Kabinets- 
krieg s, oben zu Vers 920. 

Im .lahre 1805 wurde zwischen dem König von 
Preussen und dem Kaiser von Russland zu Potsdam 
bei PViedrichs des (jrossen Sarge ein Bündniss ge- 
schlossen , an das hier Epimenides erinnert : Bei 
Eriedrichs .Asche wars geschworen. 

Die heimgekehrten Krieger — das Wiedersehn der 
ihrigen — veranlassen erhebende Gruppen. 
(Fortsetzung und Scliluss folgt.) 



Druckerei des .Ulustrirten AViener Extrablatts" (Franz Suschitzky). 



DieCb/onik erscheintun: 
Mitte jedes Monats. 



Nr. 3. 



CHRONIK 



Im Auftrage des 

Wiener Goethe. VeroInsHpi 

ausgeher u. verantwortlicln 

Redacteur: 



WIENER GOETHE-VEREINS. 



Wien, 15. März 1890. 



5. Jahrgang. 



Aus dem Wiener Goethe-Verein. 

An den Siuungen des Ausschusses am 5. Jänner 
unJ 5. Februar nahmen folgende Mitglieder Theil : 
Se. Kxcellenz i\ Stmnayr als Obmann, Prof. Srkniii; 
die Schriftführer A'gger und Karrer, Cassier Roseu- 
ihal, Prof. Blume, Dr.A/oraici/s, Professor Dr. Schipper 
und Wevv JJJgar r. Spiegl. 

Montag den 3. .März fanden sich die Professoren 
Heliner, Ollo König, Kuiulmanit, Tilgner und Wevr 
/u einer Besprechung mit Vertretern des Ausschusses 
des Goethe A'ereins im Wissenschaftlichen Club ein 
und vereinharten mit demselben den N'organg bei 
der -Vusstellung der Entwürfe zum Goethe-Denkmal, 
welche theils von ihfien selbst; theils' von anderen 
Künstlern geliefert werden. In Folge dieser Bespre- 
chung wurde beschlossen, die .lahresversammlung 
diesmal nicht im »Wissenschaftlichen (^lubi. sondern 
im Künstlerhause abzuhalten, und zwar am 0, .März. 

Der leitende .•Vusschuss der Künstlergenossen- 
schaft hat mit Zuschrift vom 4. März einen Saal im 
I. Stock des Künstlerhauses zum Zwecke derJahres- 
\ ersammlung und der Ausstellung der in .-Xussicht 
uestellten Entwürfe zum Goethe-Denkmal freundlichst 
/ur N'erfügung gestellt. 

Sowol der Jahresbericht als der Rechenschafts- 
bericht für 1889 wurde vorgelegt und vpm .A-us- 
schusse genehmigt. 

-Am 18. Februar 1890 fanden sich die.Mitglieder 
des Goethe-\'ereins zahlreicher als sonst im N'ortrags- 
saale des Wissenschaftlichen Clubs ein , um den 
höchst anregenden Vortrag des Professors Dr. facoh 
Minor über »Die .Autorschaftsfrage bei Goethe und 
neueren Dichtern t zu hören. .An diesem .Abende er- 
freute auch Hofschauspielerin Frl. Adrienne Kola die 
-Anwesenden durch eine wirkungsvolle Recitation von 
Goe/hes .,Prosnpina". E. M. 

Goethe- Ab e n d 

,im 21. März 189O 
Zur Erinnerung an Goethes Todestag wird am 
Freitag den 21. .März im Festsaale des .Architekten- 



Vereins (1.. ICschenbacligassc 0) ein Coelhc-Ah.iul 
veranstaltet. 

Es ist dem .Ausschusse geliuigen. für diesen 
Zweck Professor Dr. Afa urenh reche r /.w gewinnen, der 
über »Egmont und Oranien>< sprechen wird. Ausser- 
dem wird Opernsänger p'erdinand Jäger so freund- 
lich sein, einige Gocihesehe Lieder, componirt \iin 
Hugo Wolf, vorzutragen, /ager.-i X'oitrag Wolfseher 
Compositionen hat in letzter Zeit dein akademischen 
Wagner-Verein wiederholt entzückt. 

Dieser Abend dürfte darum den -Mitgliedern des 
Goethe-Vereins einen besonderen Genuss bieten. 

.Mitglieder haben selbstverständlich gegen \n\-- 
weisung der Jalircskarte für iS()n freien Zutritt. 

daslkarleii des Goethe-\'ereins werden in der 
Kanzlei des Wissenschaftlichen (;iuli ausgegeben 
(gegen Erlag von 1 11."). 

Neue Mitglieder. 

Herr Jus. E<ler. (icnerul - .Vuditur. 1.. X'olksgarten- 
strasse l. (5 11. Jahresbeitrag.) 
» Hans nUterlieh, Bildhauer, F, Schillerplatz 3. 
Dr. Franz Böhm, k. k. Statthaltcrei-C^omniissäi'. 
\'1I., Neuliaugasse 54. 
-> Jos, E. ■■. Xemelhv Evcellenz, I.. und k. Feld- 
marschall-Lieutenant. I\., Währingerstrasse -o. 
■!> Karl Steinharzer. Beamter im k. k. Finanz 
ministerium. 

Emil Witgner. IX., Eiechtensieinstrasse 11. 
Fräulein .Marie Wagiur, IX.. I.iechtensteinstrasse 1 1. 
Fräulein Helene Wer/heim. 1.. Bauernmarkt 13. 

Die Autorschaftsfrage bei Goethe und 
neueren Dichtern. 

-ius Jen. V,.rtras.- v..i. i>r..t. J. .Mi,:,„; ,1<mi iS. F.-lnuar iS,n. 

Der N'ortragende geht von dem Falle -Meissner- 
Hedrich aus. welcher allgemein als etwas -Ausser- 
ordentliches , noch nicht Dagewesenes betrachtet 
wurde. Zur Ehre des deutschen Schriftstellerstandes 
muss erklärt werden, dass die .Autorschaftsfrage in 
der brutalen Form des bewussten und auf jahrelangen 
Erwerb bereclmeten Plagiates allerdinus niemals \.n\\- 



< lironik des Wiener Goethe-Verein?. 



Hcworlcii wurde. Zweifel an der literarischen Autor- 
-sehaft aber .sind scib.st unseren Classikcrn geiicnüber 
niil mehr oder weniger ürund aufgeworfen werden : 
und die Absicht des Vortragenden war es, zu zeigen, 
dass das (jefiih! für literarisches l'jgenthuni über- 
haupt ein schwankendes, auf keiner sicheren Norm 
beruhendes ist. 

Das literarische Kigenthumsrecht ist ein dop- 
peltes : ein materielles und ein ideelles. Das lite- 
rarische Hroduct ist zuniichst eine \\ aare, welche 
der Schril'tsteller wie jeder andere l'roducent zu ver- 
werthen gedenkt. Schon hier hat das Migenthums- 
recht oft gelitten: z. H. im vorigen .Jahrhundert durch 
den Nachdruck, welcher besonders Uoelhe arg zuge- 
setzt hat. Heute wird der Nachdruck wol von .leder- 
mann als eine .Art von Diebstahl verurtheilt. Im 
vorigen .lahrhundert dachte man in .Siiddeutschland 
anders darüber. Hei den hohen lUicherpreisen der 
norddeutschen X'erleger war hier kein Absatz zu er- 
warten : für den minder üebildeten hat das Buch 
nicht denselben materiellen Werth wie für den Gebil- 
deten ; in den (iegenden. wo die literarische (Jultur 
zurück ist. kauft und liest man nur, wenn man das 
Kuch billig erhalten kann. Der inaterielle Schaden 
der Kinzelnen kann so ein ideeller Nutzen für die 
Nation werden. .So erhob auch .lacob (jrimm im 
.Uihre 1850, als die Cottasche Buchhandlung den 
.Abdruck der xülocke« als Nachdruck zu verfolgen 
drohte, seine Stimme gegen die »Ausbeutung der 
Werke Schillers zu Gunsten der Erben und des \er- 
legers i. So werden die Nachkommen des Schriftstellers 
nach so .lahren durch das (jesetz enterbt: die Werke 
werden 1 jgcnthum der Nation, deren geistigen An- 
sprüchen de:' Ijnzelnc seinen materiellen Gewinn 
opi'ern muss. 

Auch in Bezug auf das geistige ICigenthumsrecht 
erhebt die (lesammtheit ihre .Ansprüche : auch im 
geistigen Sinne kann eine Dichtung 1-^igenthum der 
Nation weiden. Das ist im Volkslied der Fall. Volks- 
lieder sind Producte einzelner Dichter, deren Namen 
und literarische .Ansprüche vergessen snid. 

Die Kunstdichtung dagegen ist an einen bestimm- 
ten Namen geknüpft; hier verlangt der persönliche 
IMirgeiz sein Kecht. Hier ist der .Ausgangspunkt der 
Streitigkeiten um das literarische l--igenthumsrecht. 
(iegen Shakespeare, Galderon, Lope de \ ega, Tasso, 
(joethe und Schiller sind die \'ürwürfe des Plagiates 
auf (Jrund einzelner Stellen in ihren Werken erhoben 
worden. 

Der \ i)rtragei>f.ic greift einen noch im (jedächt- 
niss der alteren von seinen Zuhörern lebenden Vorfall 
heraus. Nach dem Tode des Melker Bencdictiners 
Knk v. d. Burg (184s) wird der X'orwurf des Pla- 
giates gegen den Dramatiker Halm erhoben ; aber 
Halm hat nach dem Tode Knks in demselben Styl 
und mit gleicher Kraft fortgedichtet. Zehn Jahre 
später (18541 ^^ ''">•' ,'^*-'.'^'-'''' denselben Dichter als Ver- 
l'asser des ' l'echter von Kavenna mit besseren 



Gründen derselbe Vorwurf erhoben. Aus dem \'er- 
gleich der »Cherusker in Uom« von Bacherl und de- 
Halmschen Dramas mit ihrer Ouelle glaubt der \'i>: 
tragende schliessen zu dürfen, dass Halm in der Th.i 
das Stück von Bacherl gekannt hat. Aber der poc 
tische U'erth der dramatischen Skizze des Sehn 
meisters von PfaHenhofen steht noch tief unter deiii 
der declamatorischen Jambentragödie von Halm, und 
wäre Bacherls Skizze damals bereits gedruckt ge- 
wesen, so hätte Niemand an den \orwurf eines l'la- 
giats gedacht oder geglaubt. 

Auch bei Schiller ist die .Autorschaftsfrage zwei- 
mal aufzuwerfen. Kine Notiz über die Jesuitenregic- 
rung in Paraguay, welche unter seiner Chit^'re in 
Wielands »Merkur« erschienen ist, stimmt wörtlich 
mit der älteren Geschichte des Jesuiten-Ordens von 
Harenberg überein. Während sich der Dichter diese 
Anekdote nirgends selbst zugeschrieben hat, nimmt 
er dagegen im Briefwechsel mit Körner die Autor- 
schaft eines Aufsatzes über die Gesetzgebung dc- 
Lykurg ausdrücklich t'ür sich in .Anspruch, obwoi 
der Rector Nast in Stuttgart denselben zwei Jahre 
später als Prorectoratsrede gehalten haben will und 
auch in seinen Schriften wieder abgedruckt hat. Der 
Vortragende zeigt, wie derGesichtspunkt, mit welchem 
in diesem .Aufsatze die Verfassung des Lvkurg be- 
trachtet wird, ganz im Sinne Schillers ist. Die Frage, 
ob Schiller einen Vortrag seines Lehrers oder eine 
Kinsendung für die Thalia benützt hat, oder ob Nast 
umgekehrt den .Autsatz Schillers in der Thalia seiner 
Rede zu (Jrunde gelegt hat. muss er ortenstehen 
lassen. 

Bei Goethe wird die .Autorschaftsfrage zuerst in 
Betreti" des Pasquills »Prometheus, Deukalion und 
seine Recensenten« aufgeworfen, in welchem die 
Recensenten des Werther in Thiermasken verspotter 
werden. Goethe hat sich ausdrücklich da^on losge- 
sagt und örtentlich H. L. Wagner als \'erfasser er- 
klärt. Aber Wagner selbst hat zwei Jahre später dij 
Autorschaft Goethe zugeschrieben und ein Brie' 
Bretschneiders an Nicolai bezeichnet unter Hinwei- 
auf den Formenschneider in Ort'enbach, welcher ihm 
die Vignetten geliefert haben soll, Goethe ausdrück- 
lich als X'erfasser. Ist hier eine lüitscheidung mit 
Sicherheit nicht zu treffen, so lässt sich um so zuver-. 
lässiger nachweisen, auf welchem Wege das Jacobische 
Gedicht »Im Sommer« unter die Goetheschen Lieder 
gerathen ist, wo es seit 181 5 durch zwanzig Jahre 
stand, bis Goethe" selbst mit Lineal und Feder unter 
einem feierlichen »Suum cuique« es wiederum aus- 
strich. .Am interessantesten aber ist die Autorschatts- 
fragc in Betretl" des Goetheschen »Heidenröslein^. 

Das »Ileidenröslein« wird zuerst von Herder 
lyj^ und 1770 als Volkslied niitgetheilt und angeb- 
lich aus der >^n■lündlichen Sage«. Nun sind allerding- 
zwei Volkslieder mit dem Refrain >>Röslein auf der 
Heiden u bekannt geworden, aber sie bieten weni.; 
.Aehnlichkeit mit Goethes Lied. Der Gesensatz zwi- 



Clirüiiik des Wijiier Goethe -Vereins. 



.sehen dem wild werbenden Knaben und dem spröden 
Rösiein fehlt: der Knabe gewinnt die Geliebte viel- 
mehr durch ein »züchtig, fein, bescheidenes« Werben. 
Kecht im Gegensatze zu (ioethes Knaben hält er ihr 
vor: wenn sie ihn nicht will, so wird er sich eine 
Andere nehmen. Wir fmden im X'olkslied keinen 
Dialog; der Knabe redet von ihr immer in der dritten 
l'erson : »Sie gleicht wohl einem Rosenstock < . . . 
- Das Rösiein, das mir werden musss. DieAUegorie ist 
nicht durchgeführt, sondern blos in der ersten Strophe 
der Vergleich der (iclielnen mit dem Rosenstocl; an- 
gegeben. 

Aber in einer handschriftlichen Sammlung lyri- 
scher Gedichte, im sog. »silbernen Buch^;. hat Herder 
die folgenden Strophen aufgezeichnet, in welchen 
man sofort die \"orlage des »Heidenröslein . erkennt: 

Die Jl 1 ü t h e. 
Kill Ivindfrlied. 

Es SLih ein Knab' ein K.nösjJgen steli'n 

.\uf seinem liebsten Baume, 
Das Knöspgen war so frisch und schön 
Und blieb er steh'n, es anzuseh"n, 
und stand in süssem Traume. 

Kn()sp;.:eii, Ivnöspgen, frisch und schön. 
Knöspi,'en auf dem Baume. 

Der Knabe sprach: Ich breche Dich, 

Du Knöspgen süsser Düfte. 
Das Knöspgen bat: verschone mich. 
Denn sonst bald verwelke ich 
und geb' Dir nimmer Früchte. 
Knabe, Knabe, lass" es steh'n. 
Das Knöspgen süsser Düt'te 

Jedoch der wilde Knabe brach 
Die Blüthe von dem Bamne : 
I )as Blüthgen starb so schnell danach. 
Aber alle Frucht gebrach 
ihm auf seinem Baume. 

Traurig, traurig sucht' er nach 
Und fand nichts auf dem Baume. 

Brich nicht, o Kn:>be, nicht /.u früh 

lue Hoflnung süsser Blüthe. 
Denn ach b.ald verwelket sie 
Und dann siehst Du nirgends nie 
die Frucht von Deiner Blüthe 

Traurig, traurig suchst Du sie, / 
Zu spät, so Frucht als Blüthe. 

Hier haben wir den Dialog zwischen der Blume 
und dem Knaben ; an die Stelle des Knöspgen auf dem 
Baume ist das Rösiein auf der Heide getreten, und 
auch den Kehrreim hat Goethe aus dem Volkslied 
beibehalten. Aber in der »Blüthe« handelt es sich 
darum, dass die Knospe zu früh gebrochen wird und 
der Knabe um die Frucht kommt. Die »Blüthe« ist 
moralisirend : nicht blos die vierte Strophe, welche 
Goethe ganz fallen gelassen hat, enthält die Lehre 
des Dichters; schon in der zweiten Strophe unter- 
bricht er den Dialog des Knaben mit der Knospe : 
»Knabe, Knabe, lass' es steh'n, das Knöspgen süsser 
Düfte«. Erst bei Goethe ist ferner der Dialog zum 
.ausdrucke des Gegensatzes zwischen dem wildwerben- 



den Knaben und dem spröden Rösiein geworden : in 
der »Blüthe« fleht die Knospe, dass er sie schonen 
möge, »sonst welke ich und geh' Dir keine Flüchte .. 
B^iJjQethe. dagegen das spröde : »ich steche Dich, 
dass Du ewig denkst an mich, und ich will's nicht 
leiden«. Die »Blüthe» ist eine Fabel mit einer mora- 
lischen Lehre, das Heidenröslein eine Allegorie mit 
dem persönlichen Bezug auf Friederike von Sessenheim. 
Die Frage ist nun, ob wir in der * Blüthe'; ein 
Nolkslied zu sehen haben? Der \'ortragende verneint 
diese Frage im Hinblick auf Wendun^^en wie diese : 
»stand in süssem Traume«. »Du Knöspgen süsser 
Düfte-;, »die Hofthung süsser Blüthe«, welche dem 
Ton des Volksliedes nicht entsprechen. Er verweist 
dagegen auf Goethes »Gefunden«, wo das Blümchen, 
welches der Dichter brechen will, ihm dieselbe .Ant- 
wort gibt: »Soll ich zum Welken gebrochen sein?:;, 
uelche das Knöspgen hier dem Knaben ertheilt. Er 
spricht zum Schluss die Vermuthung aus. dass wir 
in der »Blüthe« eine ältere Gestalt des Heidenrösleins 
und also ein Goethesches Gedicht zuerkennen haben. 



Vorbemerkung zu ,,Des Epimenides 
Erwachen". 

(Aus tlom Joniiiäclist i-rscliciiu-mU>ii u. Hand der 1 Iramcii Goctlu-s. 

Herausgc-cljen v..n K. J. .SV//;-,v/- in K Hrsclinors National-Lidcratur.. 

(Schluss.) 

Epimenides hat sich den höchsten Mächten ver- 
traulich hingegeben, obwol er nicht wusste , ob 
Schlaf oder Tod über ihn verhängt war. Dafür ge- 
wann er reines Emptinden der Gegenwart, und in 
der Gegenwart den Blick »In fremde Zeiten auszu- 
schaun:;. — 

Hier fehlt eine F2rklärung. Epimenides ist in die 
Wirklichkeit zurückgekehrt und sieht die \"erän- 
derung, die geschehn ist, währenddem er geschlafen. 
■ — Er trägt aber in seinem Innern die Erinnerung 
an die Vergangenheit , wie wir gesehn, als er das 
Basrelief und jene Inschrift erblickte. Sein Erscheinen 
gibt uns die Zuversicht, dass der Bruch mit der Ge- 
schichte kein unheilbarer ist : in Epimenides sehn 
wir das Dauernde verkörpert, die ideale Triebkraft 
im deutschen Volke auf der Höhe der Bildung, die 
doch noch lebendig ist I 

Es lässt sich nicht besser aussprechen das Un- 
geheure : dass Deutschland, das in seiner Literatur 
soeben einen Aufschwung genommen über alle 
Zeiten und Völker hinaus, durch den Einbruch der 
Franzosen wie aufgelöst und vernichtet schien. Es 
hatte aufgehört aus eigner Kraft zu handeln und lag 
willenlos dem Despoten zu Füssen. 

.^Ms aber im Befreiungskriege das Selbst- 
bewusstsein wiederkehrte und überall ein Frühling 
neuen Lebens zu sprossen schien, da wurde man im 
\"olksgeiste eines Fonds' von Kraft und Gesundheit 
gewahr, der die Hoffnung auf Herstelluni; des Bruches 



luonik lies Wieiiti (;oeilic-\'i 



wccUtc- : das Kwiijc. der ideale Ck-halt hatte den all- 
gemeinen Umsturz überdauert: Kpimenides, der den 
Wechsel der Dinge überdauernde (jeist erwies sich 
als milchtig. 

Den Schluss bildet der (.'hör mit dem hin- 
reissenden (iesang: 

So l■i^^^•n wir uns rin^'^liciiini 
Von IVcniilcn Hantle» los. - 

(JDcthe tritt mit den Gesängen des Kpimenides 
ganz in die Reihe der Sänger des Befreiungskrieges 
und überbietet sie an Kiat't und Gedankentiefe. In 
Wien erschien zum Sieges- und Friedensfest der 
verbündeten Monarchen den i8. October :Si4 ein 
Allgemeines \'olkslied von Goethe«, mit derCompo- 
sition von .Vdalbert (]yro\vetz. das die (Jhronik des 
Wiener (ioethe-N'ereins den i '2. .luni 1889 wieder 
abgedruckt hat. Das Lied hat ("> Strophen, und zwar 
nach der Singweise von Körners : » Was glänzt dort vom 
Walde im Sonnenschein.« Mit welchem Rechte 
(i\rowetz dazu kam, das Lied Goethe zuzuschreiben, 
mit dem er von Rom her persönlich bekannt war, 
ist noch unaufgeklärt. I-Irfreulich aber ist jedenfalls, 
dass man ebenso von Wien, wie von Berlin aus in 
jener Zeit (1814) nach Goethe hinblickte. 

l>ie ganze Publication von (jyrowetz, ein litho- 
graphirtes Notenheft in ungewöhnlich grossem I'ormat, 
auf dem Titel eine .Abbildung des Festes im Prater, 
der musikalische Theil mit emphatischen Angaben 
des X'ortrags gesclimückt — • spricht höchste Be- 
geisterung aus. Dieselbe Begeisterung spricht auch 
aus den Briefen Ifflands an Kirms und an (Joethe. 
Kr schreibt in der Freude an Goethes F^pimenides- 
Kntwurf (28. Mai 1814) an Kirms: Seit Luthers 
Reformation ist kein so grosses Werk geschehn, als 
die jetzige Befreiung Deutschlands. — — — Be- 
geisterung hat alle Menschen ergritVen. FIs gibt 
keine höhere Feier als die, dass der erste Mann der 
Nation über diese hohe Begebenheit schreibt.« — • 
Den 2. .luni schreibt er an (joethe: » — — Das 
Ganze ist aus einer reichen, blühenden Phantasie ge- 
schöpft, mit der tiefsten Menschenkunde ausgestattet 
und muss von unendlicher Wirkung sain, wenn es 
auch nur halb so gegeben wird, als es gedacht ist.« 

Goethe schreibt an Iflland . 15. .luni 1814, 
dankend, xdass Sie mir (jelegenheit geben und zwar 
eine so würdige, der Nation auszudrücken, wie ich 
Leid und h'reud mit ihr empfunden habe und em- 
p linde«. 

Unerwartet starb lllland am 22. September 1814 
und es war erst seinem Nachfolger Grafen Brühl ge- 
stattet, am .lahrestage des Flinzugs der Heere in Paris, 
30. März 1815, zum erstenmal mit „Jks Epimcnides 
Eriuaclun- , F'estspiel in einem .\cte, componirt von 
Bernh. .'\nselm Weber, im Opernhause zu Berlin vor 
das Publicum zu treten. 



Graf Brühl schrieb über die .•Xutfuhrung an 
Goethe: »Ks schien ein wahrhaft guter Geist in allen 
'Iheilen des grossen Instituts zu walten. Wohl kann 
ich versichern, noch nie eine .\ullührung dieser ,\rt 
hier erlebt zu haben, wo auch nicht der geringste 
Fehler vorgefallen und .Alles in schöner Harmonie 
gestanden hätte. Sie haben wirklich, verehrter Herr 
(ich. Rath, mit Ihrem (ieiste selbst den Steinen Leben 
eingchauclit.« 

Scliillers Witwe hatte sich schon bevor sie die 
.Autluhrung sah, über das gelesene Stück sehr günstig 
ausgesprochen. Nachdem sie es aber aufführen ge- 
sehn, schrieb sie 14. Februar i8i() an Knebel: 
»in dem Darstellen ündet man erst recht die Grösse 
und den Reichthum der Ideen.«. 

Kine hohe Weltanschauung spricht sich aus in 
{joethes Kpimenides und die Wirklichkeit ist nur 
angedeutet in typischen Zügen und dadurch in dich- 
terische Ferne gerückt. 

Die symbolisirende Dichtung ist freilich nur 
rasch hingeworfen und steht weit zurück hinter .\ehn- 
lichem im 2. Theil des Faust. 

Tretfend erinnert v. Loeper an den Brief (ioelhes 
an l-'rauvon (jrotthuss ausdem Jahre 1 8 14 (2 '^ .April), 
wo er sich über das Werk der Frau von Stael de 
r.Allemagne ausspricht und bemerkt : wenn es den 
Deutschen gelänge, »wie jetzt die ausländische Scla- 
verei. so auch den Innern Parteisinn zu besiegen, 
dann würde kein mitlebendes Volk ihnen gleich ge- 
nannt werden können!« Merkwürdige Worte, die 
direct an die durch Kpimenides enthüllte Einigkeit 
(s. \ers 1)05 flV.) erinnern, besonders, da der Brief 
aus jener Zeit ist (.April 1S14). 

Dieser einzige Hinweis allein schon genügt, die 
erwähnte morose .Aeusserung, dass »FJpimenides 
jedem warmen Vaterlandsfreunde ein .Aergerniss sei« 
zu entkräften. 

Wie wir schon oft gesehn, geht Goethe immer 
von einem geistig angeschauten Bilde aus, aus dem 
die Idee einer Dichtung hervorwächst. Er ist sich olt 
dieser Idee nicht klar bewusst und liess sich gerne 
von Schiller »seine Träume deuten«. 

Dieses Urbild war ihm hier die Fabel von Kpi- 
menides. Sie ist — und dies verursachte die 
Unpopularität der Dichtung — nicht deutlich genug 
in ihrem Zusammenhange mit dem geschichtlichen 
Ideengehalt zur Darstellung gek<jmmen. Das darf be- 
klagt werden. Ks zeigt die Flüchtigkeit des rasch ent- 
standenen Fintwurfs. Bei der Darstellung hat es doch 
die gewünschte Wirkung hervorgebracht und damit 
die .Aufgabe, einen grossen geschichtlichen Augen- 
blick, wie Itfland wünschte, in einem Festspiele von 
20 .\Iinuten zu feiern, glücklich gelöst. 



Verlag des AVicner Goethe-Verehis. — Druckerei de.? „Illnstrirten Wiener Extrablatts-* (Kranz Suschitzky). 



DieCh.onik erscheint ura 
Mitic jedes Monats. 



CHRONIK 



Im Auftrage .les 
Wiener Goethe- VereinsHer- 

ausgeber u. verantwortlicher 
Redacteur: 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 4. 



"Wien, 20. April 1890. 



5. Jahrgang. 



INHALT : ttüsticlt Sr. Majestät des Kaisers in der Ausstellung der Entwürfe su einem Goetke-nenkinal in Wien. — Ans dem 

■.-ner Coethe- Verein . — Jahresbericht des Goethe- Vereins iSSq. — Die Goethe-Denkmal-Ent-.vürfe. — Goethe- Aheud. ERmont und Oranien. 

/um Gi.ethe- Abend am 21. Jlarz 1890. — Goethe oder Lenz! — Eingelaufene lliUher. Zwei üricfe Deethovens an (Joethe. — Ab- 

.rulUmsi-n über Goethe, Schiller, Bürger etc. — Goethe-Notizen: Ein Uoethc-liild verkriullich. — Ein neunter Entwurf! — Xeue llit- 

:,'iieder. — Beiträge zum Goethe-Denkmalfonds. 



Besuch Sr. Majestät des Kaisers 

in der Ausstellung der Entwürfe zu einem Goethe- 
Denkmal in Wien. 

Auf Anreguiii^ der Krau Fürstin .\Lin\*:ii Holuii- 
lii/it - Schillingsfiirst hat sich eine Reihe von 
Künstlern, s. Chronik vom 20. Januar 1. J. und vom 
15. Miirz 1. .1.. veranlasst gesehn, Entwürfe zu einem 
(jocthe-l)enkmal einzusenden, die im Künstlerhause 
ausi^esteilt sind. — Den 18. März 1. J. beehrte Si\ 
.Miijt-.ftäl <h'j- Kaisei; nach Besichtigung der Ausstellung 
im KiUistlerhause, auch das Locale, in dem diese 
Entwürfe aufgestellt sind. Im Gefolge Sr. Majestät 
befanden sich die kais. Hoheiten Erzherzog Karl 
f.iitkvig, Erzherzog 7?rt/«tv, Herzog von Nassau, Prinz 
zu Hohcidohe und Oberstkämmerer Graf Traullmans- 
iliirff. Von Seiten des Goethe-Vereins wurden die 
hohen Herrschaften, die die Entwürfe eingehend be- 
trachteten, empfangen von Sr. Excell. von Sircmavi; 
Prof. Dr Schn'hr und Director Dr. IIi;. 



Aus dem Wiener Goethe- Verein. 

Die fahn-svei'saininluiig wurde am 9. März 1890 
im Saale des Künstlerhauses abgehalten, in welchem 
acht Entwürfe zu einem Goethe- Denkmal ausgestellt 
waren, .anwesend waren 45 Mitglieder. 

Der \ orsitzende Se. Excellenz Dr. v. Slieinavr 
i:rötlnete die Versammlung mit einem Danke an die 
Künstlergenossenschaft, die diesen Saal für die 
Ausstellung und die Jahresversammlung bereitwil- 
ligst überlassen habe. 

Schriftführer Egger - Jlullivald verliest den 
.kihresbericht und in Vertretung des Cassiers Rosen- 
thal auch den Rechenschaftsbericht. Beide werden 
genehmigt. Dr. Max Egger theilt den Bericht der 
Kechnungsrevisoren mit. 

.\uf .\ntrag des Herrn Ingenieurs Rosehe werden 
sowol der .\usschuss auf drei Jahre, als die Rech- 
nungsrevisoren auf ein Jahr durch Erheben der Hände 
neu gewählt. 



Director Dr. .Alhcrt Ilg macht hierauf einige 
.Mittheilungen über den Stand der Denkmal-Ange- 
legenheit und die von den Herren Professoren Helliiier, 
Kiiiiig. Kundmann. Tilgner und We\r. sowie den 
Herren Bildhauern Bilterlieli in Wien und Eek/ehr m 
München, endlich den Herrn Architekt Augenfeld und 
Bildhauer Hadley ausgestellten .Skizzen zum Wiener 
Goethe-Denkmal. 

Die Versammlung spricht auf .\ntrag des Herrn 
Vorsitzenden Ihrer Durchlaucht der Fürstin H'dien- 
lohe für die erfolgreiche .\nregung dieser Denk- 
mal-Entwürfe und auf Antrag des Herrn Xieolaus 
Dum/ni den Künstlern für die hochsinnige P'örderung 
der Denkmal- Angelegenheit durch Lieferung der 
ausgestellten Skizzen durch Erheben von den Sitzen 
den Dank aus. 

In der Sitzung des Ausschusses am i ^ -März 
1890 führte Obmann-Stelivertreter Prof. Dr. K.J. 
Selin'ier den Vorsitz. — Von .Ausschussmitgliedern 
waren erschienen : Freiherr <'. Berger, Herr Xikolaus 
Dumlia, Egger, Dr. Ilg, Karrer, Dr. A. J/oraicits, 
Prof. Dr. Seliipper, Regierungsrath Camillo Sitte, 
Herr Edgar v. Spiegl und Prof. W. F. Warlianel;. 

Nach längerer Debatte wurde beschlossen, die 
Akademie der bildenden Künste und die Künstler- 
genosscnsehaft einzuladen, je vier Preisrichter für die 
Goethe-Denkmalskizzen zu bestimmen. Der .\usschuss 
des Goethe-Vereins behält sich \or, ausser dem 
Vereinsvorstande (Se. Ilxc. v. Stremayr, Se. Exe. 
Freiherr v. Bezecny und Prof. Schröer) elienfalls vier 
Preisrichter zu wählen. 

In der Sitzung des Ausschusses am 1 . .April i 8oü 
waren anwesend: Se. Exe. v. Stremay/' i\h Obmann, 
Prof. Dr. K. J. Schröer, Egger-Möll-ivald , Director 
Dr. Ilg, Secretär Karrer, Dr. .L Mora-i'itz, Professor 
Dr. Sehipper. 

Laut Zuschrift des Rectors der Akademie der 
bildenden Künste hat das Professoren-CoUegium die 
Herren Friedrieh Freiherr ?'. Schmidt, f. M. Trenk- 
ii'ald, K Freiherr t. Hasenauer und A. I\isenmenger 
zu Preisrichtern zur Beurtheiking der im Künstler- 
hause ausgestellten Entwürfe zum Goethe- Denkmal 
gewählt. 



•4 



Chronik des Wiener (ioelhe-\'eieins 



Laut Zuschrift des Vorstandes der Genossen- 
schafl der liildeiiihn Kiinsllcr sind von Seite des lei- 
tenden Ausschusses folgende Herren in dieses Preis- 
richter-Collegium berufen worden : Rildhauer/w/;(;//«('.f 
Bviik. Architekt Friedrich Scluulmcr, Kamnier-iMedail- 
lcur-l//A'« .SV//4I/7/' und Hiidiiauer Arlltiir Slnisscr. 

Vom Ausschüsse des G"e//te-Viri'i//s wurden zu 
diesem ZwccivC noch eingeladen : Prof. JJr. /. Bayer, 
Heri- Niliidans Duinha, Dr. Hcrmaiin Rollet, Regie- 
rungsrath Cnmillo Sitle. — Als Vertreter des üoethe- 
Vereins wird im Preisrichtcr-Collegium Ohmann- 
Stelhertreter Prof. J)r. K. f. Sehrlkr funniren. 



Jahresbericht des Goethe -Vereins 
1889. 

\ oiyuUaycn in ilcr J ahrcsversaniinlunj; am i). Mär/, i.Siju. 

Der Jahresbericht des Ausschusses und der 
Cassabcricht über das Jahr 1888 wurde in der\'oll- 
versammiung des Goethe-Vereins am ii. Februar 
1889 ohne Debatte genehmigt. 

Auf .Antrag des Oirectors Dr. //i,' sprach die Ver- 
sammlung Sr. Excellen/. dem Freiherrn v. Bezecny 
als Generalintendanten der llofbühnen und Gou- 
verneur der Hodencrcdit-Anstalt für seine thatkräftige 
Unterstützung der VercinsbestreLungen den gebüh- 
renden Dank durch Krhcbcn von den Sitzen aus. 

l^r. Max /.'i,7,'v;' und Prof. Dr. Laiii^hans wurden 
zu Rechnungsrevisoren für das Jahr 1889 gewählt. 

Hierauf fesselte R. R. Camilld Si/ie die Auf- 
merksamkeit der Versammlung durch einen geist- 
vollen Vortrag „Ue/'cr cinai Platz für das Wiener 
Goethe-Denkmal" . 

Zur lUustrirung des X'ortrages waren zahlreiche 
Ansichten von Denkmaliilätzcn aus italienischen und 
deutschen Städten ausgestellt. 

Im Laute des letzten Jahres sind dem Goethe- 
Verein 10 neue Mitglieder beigetreten. — Der Verein 
hatte ausserdem die Ehre, Se. Durchlaucht Fürsten 
Hugo Salm- Reiffersehcidt und Ihre Durchlaucht die 
Fürstin Elise Salm - Rei(fcrseheidi , geb. Prinzessin 
Liechtenstein, sowie Frau Hot'rathswitwe Itha Edle 
T. Well als Stifter begrüssen zu dürfen. 

Der .-\usschuss hat den schmerzlichen Ver- 
lust dreier Mitglieder zu beklagen, die ihm durch 
den 1 od entrissen wurden: Hofrath /w. ;■. Weilen, 
V)r. Adolf Kcdatschek und Dircctor Dr. August Förster. 

Auf Grund des i; q der Satzungen wurden Alfred 
Baron Berger und Protessor IT. .1. Warluunk in den 
Ausschuss gewählt. 

.•\m Schlüsse des Jahres betrug die Zahl der 
Mitglieder 49-, wovon -o den Beitrag \ on 5 II. leisten. 
— Die Zahl der Stifter beträgt 20. 

Seit der letzten Jahresversammlung (22. Fe- 
bruar 1889) wurden 5 Goethe - Abende veranstaltet. 
Am 8. März 1889 sprach Dr. S. Singer ^Ueher 
Goethes Lieder". Am 22. März 1 889 hielt Prof. Schröer 



zur Erinnerung an Goethes Todestag im l-estsaale 
des Architektenvereines einen \ortrag „L'eber Goethes 
Fromnisein" (Trilogie der Leidenschaft). 

Nach der durch den Sommer herbeigetuhrten 
Unterbrechung w urden die Goethe-Abende am 22. No- 
vember I 88f) wieder eröffnet durch den \'ortrag des 
Herrn Rudolf .Steiner : » Was Weimars Goethe-Arehir 
uns ist" (auf (jrund persönlicher Lrlahrung). Daran 
reihte sich ein N'ortrag Goethescher und Schillerscher 
Dichtungen durch den Schauspieler und Regisseur 
F'hster vom Deutschen Volkstheater. 

Die Goethe-.Abende des Jahres !88() schlössen 
am 22. December mit dem Vortrage von Scenen aus 
Goethes: „Prometheus", „'J'asso^ , „Iphigenie" und 
„Faust" durch den rühmlichst bekannten Recitator 
Georg Biagosch aus Berlin. 

Schon der vorjährigen N'ollversammlung konnte 
berichtet werden, dass auf Verwendung Ihrer Durch- 
laucht der Fürstin Holienlohe die Professoren Kund- 
mann, 'J'ilgner, Weyr und Zum/iusch sich bereit er- 
klärt haben, Entwürfe für das Wiener Goethe-Denk- 
mal zu liefern. 

Der .Ausschuss richtete ausserdem eine Zuschrift 
an die Genossenschaft der bildenden Künstler mit der 
Bitte, die Sache des Denkmals durch künstlerische 
Entwürfe fördern zu wollen. In Folge dessen haben 
auch Prof. Otto König und Bildhauer Bitterlich bereit- 
willigst Entwürfe geliefert. 

Die nun vorliegenden Entwürfe sollen zur ölVent- 
lichen .Ausstellung gelangen und werden holfentlicli 
dazu beitragen, das Interesse des Wiener Piiblicums 
für die Denkmal-Angelegenheit neu zu beleben. 

Der Doikmalfonds bedarf einer gesteigerten 'I'heil 
nähme des kunst- und literaturfreundlichen Publicums 
dringend ; denn heute nach zwölfjährigem Bestände 
des Goethe-Vereins reichen seine Mittel nicht an- 
nähernd hin, die Kosten eines würdigen Monumentes 
zu bestreiten. 

Die „Chronik des Wiener Goethe -Vereins" be- 
richtete nicht nur über V'ereinsangelegenheiten. 
sondern auch über die Weimarer Goethe-Gesellschatt 
und brachte nicht unwesentliche Beiträge zur Goethe- 
Forschung. 

Die Bililinthek des {ioethe-\'ereins wurde auch 
in diesem Jahre durch Ankäufe und Schenkungen 
vermehrt. Unter letzteren ist das Prachtwerk ..Goethes 
italienische Reise", welches dem \'ereine von der 
Herausgeberin Fräulein fulie von Kahle, gespendet 
wurde, hervorzuheben. Ferner gingen der Bibliothek 
Publicationen von den Herren: Director Suphan 
in Weimar, Professor Fi-eiherrn ''on Waldberg in 
Heidelberg und Professor Schröer in Wien zu. Auch 
das Freie Deutsche Hochstift in Frankfurt am Main 
übersandte uns seine Berichte. Für alle diese Spenden 
wird liier der gebührende Dank wiederholt. — .Als 
Mitglied der Goethe-Gesellschaft in Weimar bezog 
unser Verein die Schriften dieser (Gesellschaft und das 
Goethe-Jahrbuch für l88q. 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins 



15 



Zum Schlüsse fühlt sich der Ausschuss angenehm 
verpflichtet, für nachdrückliche Förderung der 
Vereinsinteressen den Dank auszusprechen dem 
.. Wissdisthafllichcn Club", in dessen Räumen der 
Goethe-Verein seit seiner Gründung ein gastliches 
Heim gefunden, dem Herrn Edgar v. Spicgh der die 
Hruckkosten der »Chronik« auch heuer grossmüthig 
bestritten, dem Herrn Bankier Bernhard Roaenthal 
für seine grossmüthige Spende zur Bestreitung der 
Kosten der Goethe - Abende und der gesammten 
Tagespresse von IFVe"«, welche dem Vereine ihre Unter- 
stützung stets zutheil werden Hess. 



Die Goethe - Denkmal - Entwürfe. 

Erste Sitzung des Beirats des AViener Denkmal-Coniites. 

Die von Seiten der Akademie der bildenden 
Künste, der Wiener Künstlergenossenschaft und des 
Wiener Goethe-Vereins zur Beurtheilung der Ent- 
würfe eines Goethe- Denkmals delegirten Herren 
/. Bayer, Benk, Eiseiimenger, Freiherr <■. Hasenauer, 
Rollelt, Sehachiier, Scharf, Freiherr v. Sehmidt, 
Sehröer (V'orsitzender) , SHie, S/rasser, Trenkivald, 
traten Sonntag den i-^. April 1. J., um 12 Uhr Mit- 
tags, zur ersten Besprechung zusammen im Vortrags- 
saale des wissenschaftlichen Club. 

Der Vorsitzende begrüsste die Anwesenden im 
Namen des .Ausschusses des Goethe- Vereins, und er- 
wähnte erfreut, dass die Herren vollzählig erschienen 
sind, mit Ausnahme des Herrn Herrenhausmitgliedes 
Ditmha. der durch Krankheit zu erscheinen verhindert 
ist. was auf das Tiefste beklagt wird. 

Derselbe bemerkte weiter : wir stehen einer 
Aufgabe gegenüber, die ebenso herrlich, als ihre 
Lösung schwierig ist : der Errichtung eines Goethe- 
Denkmals ! Es gelte eine Concurrenz nicht nur 
zwischen den eingelaufenen Entwürfen, sondern zu- 
gleich dieser Entwürfe mit den schönsten Goethe- 
Bildnissen, die überhaupt vorhanden sind. 

Die Darstellungen von Goethes äusserer Erschei- 
nung werden mit zunehmender Erkenntnis seines I 
(jeistes und seiner Sendung immer schöner, voll- 
endeter. — Als vor zehn Jahren, den 2. Juni 1880, 
das Schaper'sche Goethe-Denkmal in Berlin enthüllt 
wurde, sprach Herman Grimm beim Festmahle unter 
-\nderm : »Schapers Goethe ist nicht der junge und 
nicht der alte Goethe, es ist der junge und alte zu- 
gleich, es ist nicht der Dichter des ersten Theiles 
des Faust, nicht der des zweiten Theiles : es ist der 
Dichter des ganzen Faust, es ist in einem einzigen 
Anblicke der, den wir meinen, wenn wir mit einem 
einzigen Worte .,Goethe~ sagen.« (S. Goethe-Jahr- 
buch 2, 465.) 

.\ber das wachsende Verständnis steht nicht stille. 
Seit I 880 sind theils neue Schätze aus dem Goethe- 
Archiv eröffnet, theils neue Anschauungen übermanche 
-.■iner Werke, über seine weltumfassende Sendune 



hervorgetreten, es sind endlich auch Studien aufge- 
taucht, die sich geradezu auf Goethes äussere Er- 
scheinung beziehen : das grosse Werk der Goethe- 
Bildnisse Rolletts und das Verzeichnis der Goethe- 
Bildnisse Zarnckes. 

Eine Fülle von hundert und mehr Bildnissen, 
die zu Goethes Lebenszeit von ihm entstanden sind, 
wird in diesen Werken vor uns aufgerollt, und es 
entstehen Typen seiner äusseren Erscheinung von 
jedem Decennium seines Lebens, wobei auch der 
Zeitgeschmack und die Zeitanschauung mit ins Spiel 
kommt. — Nur ein Beispiel sei hier erwähnt. Als 
Werthers Leiden erschienen, konnte es nicht fehlen, 
dass man Goethe selbst mit Werther identificirte und 
sich ihn als schmachtenden Werther dachte. So 
stellte ihn Melchior dar und so die Künstler Kraus, 
Schmoll. Chodowiecki. Wenn wir nun aber vom 
jungen Goethe ein lebenswahres Bild gewinnen 
wollen, so könnte man doch nicht rathen, diesen 
Werther-Typus zu wählen. So erschien Goethe den 
Zeitgenossen der Werther-Zeit ; 7vir kennen unseren 
Goethe, auch den jener Zeit, besser. Wir wissen wol, 
dass er mit Rousseau zu schwärmen, von Charlotten 
zu träumen aufgelegt sein konnte, wir wissen aber 
auch, dass er zurselbenZeit gelegentlich übermüthig 
war bis zur .Ausgelassenheit. 

Wie ein muthiges Füllen konnte er ausschlagen 
nach allen Seiten, dass man ihm aus dem Wege ging, 
wie \\ ieland bemerkte. Seine Kopfhaltung war nicht 
die gebeugte des \^'erther-Typus ; aus gleichzeitigen 
Schattenrissen wissen wir, dass er den Kopf aufrecht 
hielt wie noch im spätesten .Alter. — Schattenrisse und 
andere Bildnisse bilden den Uebergang zu Goethes 
äussererErscheinung in voller reifer .Mannheit. Frisch 
lebendig sehen wir ihn Ja in dem Bilde .Mavs vom 
Jahre 1779, dem sehr nahe verwandt das Bild Tisch- 
beins aus Rom ist vom Jahre 1 788. Da nähert er 
sich dem 40. Lebensjahre. Das .Auge hat noch 
Jugendglut, »die Wange heitert und der .Mund!« 
Und so könnten wir noch einen .Apollon-Typus, einen 
Jupiter-Typus von Goethes Erscheinung aufweisen. 
Indem hiemit nur angedeutet sein soll, wie sich in 
unseren Tagen noch die .Aufgabe einer Darstellung 
Goethes für den Künstler nach unserer .Anschauung 
vertieft hat, sind die geehrten Herren Anwesenden 
von Seiten des Goethe-Denkmal-Comites betreffs der 
eingelaufenen Entwürfe gebeten, demselben mit ihrem 
Rathe zur Seite zu stehen. 

Es erhob sich hierauf eine Debatte, in der von 
der Majorität mit Nachdruck hervorgehoben wurde, 
dass die Versammelten sich als Jurv nicht Iietrachten 
können, da die Voraussetzungen einer solchen nicht 
vorhanden seien. Es habe eine .Ausschreibung zur 
Concurrenz nicht stattgefunden, der Platz des Denk- 
mals sei noch ungewiss, ebenso die Summe, die dazu 
vorhanden ist oder in .Aussicht genommen wird. Da- 
gegen wurde erklärt, dass eben deshalli der Goethe- 
Verein keine .Ausschrelliun;; vorgenommen halic : die 



Cl.i 



\Vi 



(.ocll.c-V, 



Concurrenz so bedeutender Künstler sei spontan 
erfols^t, auf Anrcgun;; einer hohen Gönnerin. Die 
Majorität bliel) bei dem Beschlüsse, dass sie sich nicht 
als Jury, sondern nur als Heirath des Denkmal- 
Comitcs betrachten könne. Von Seiten des Goethe- 
Vereins wurde hervorgehoben, dass auch so das 
Urtheii dieses Beiraths dem Lnternehmen von 
grösstem Werthe sein müsse, so dass z. B. die Platz- 
frage sich gewiss rascher erledigen werde, wenn man 
auf die Zustimmung der Künstler hinweisen kann. 
Es ergab sich dann eine Erörterung der Platzfrage, 
indem Baron Uasenauer und Regierungsrath Sitte 
auf den Platz ausserhalb des V'olksgartens gegenüber 
dem Burgtheater hinwiesen. — Wegen vorgerückter 
Stunde wurde die erste Sitzung geschlossen, sogleich 
jedoch eine Fortsetzung derselben für Donnerstag 
den 17. 1. M. festgesetzt. 

In dieser Sitzung, wie wir vor Schluss des 
Blattes noch kurz niittheilen wollen, wurden die Ent- 
würfe betrachtet und wurde über ihren künstlerischen 
Werth abgestimmt, wobei der .Vusführung nicht prii- 
judicirt sein soll. .\ls der werthvollste erschien der 
Entwurf V. Tilgiitis. .An zweiter und dritter Stelle 
wurden genannt t/cllimr und Kiiiuhnatm. 

Goethe-Abend. 

Egmont und Oranien. 

Au> ikin \'()ruat;c Pnif. Di. .\l.iun.iibn.-chi;rs, ^'eh.iltcn 
im (ioethe-Veiein 21. Aliiiz l8<)0. 

Nicht einen literarhistorischen oder ästhetischen 
Vortrag über Goethe erklärte Redner halten, sondern 
in Anknüpfung an Goethes Egmont ein Bild der 
beiden historischen Führer des niederländischen 
Freiheitskampfes EgmonI und Oraiiieii entwerfen zu 
wollen, wie sich dasselbe auf Grund der neueren 
historischen .Arbeiten gegenwärtig darstellt. Dabei 
war von \ornherein zu sagen, dass im Grossen und 
Ganzen Goethes .Aull'assung eine auflallend richtige 
und lebenswahre zu nennen. Dies erklärt sich daraus, 
dass Goethe sein Wissen aus einer sehr guten, auf 
den besten Informationen beruhenden Quelle ge- 
schöpft, aus der Erzählung des Slrada. Der wichtigste 
Unterschied zwischen der Geschichte und dem Drama 
ist der, dass in der Geschichte Hgmont eine Neben 
figur, während in Uranien der leitende Führer und 
Held der ganzen Bewegung erscheint. Deshalb muss 
für die historische Betrachtung auch Oranien in den 
Mittelpunkt gestellt werden. 

Der Redner entwickelte hierauf in übersicht- 
licher und kurzer Zusammenfassung die Irsachen 
der niederländischen Erhebung gegen die Herrschaft 
König Philipps II. von Spanien, indem er Philipp 
als den Fortsetzer der politischen und kirchlichen 
Tendenzen seines Vaters Karl V. zeigte, gegen welche 
schon vielfach Widerstand sich geregt hatte; unter 
Philipp wuchs der Widerstand, weil man in ihm sehr 
bald den .Ausländer empfand. Charakterisirt wurden 



die leitenden Persönlichkeiten : Margarethe von Parma, 
Granvella, Oranien, Egmont, Hornes und die anderen 
Adelsherren. Redner betonte, dass nach seiner .An- 
sicht die Absicht Oraniens bis ijöii dahin ging, die 
Niederlande aufs Neue ins deutsche Reich einzufügLMi. 
sie der Herrschaft Kaiser .Max' II. unterzuordnen. 
Der l)lutige Aufstand des Bildersturmes zerschnitt 
diese Möglichkeit. Philipp schickte zur Bestrafung 
der Rebellen den Herzog von Alba. Die niederländi- 
schen Parteien spalteten sich in der Frage, ob man 
Widerstand gegen Alba leisten sollte: als nicht alle 
— insbesondere Egmont nicht — mitthun wollten, 
ging Oranien ins .Ausland, .Andere fügten sich. .Aber 
.Alba gedachte gerade die Häupter zu strafen. — Ein- 
gehender wurden die ersten Scenen von .Albas .Auf- 
treten, sodann Egmonts und Hornes Process und 
Hinrichtung im Sommer 1568 erzählt. Oranien be- 
gann 1572 von aussenher für die Befreiung der 
Niederlande zu arbeiten. Eine Charakteristik der 
staatsmännischen Grösse Oraniens, in welcher ganz 
besonders Oraniens .Absicht kirchlicher Toleranz her- 
vorgehoben v.urde, schloss die lebendige Darstellung. 

Der Festsaal des Architektenvereins war ge- 
drängt voll. Stürmischer Beifall dankte dem Redner 
für den Vortrag. 

Programmmässsig (s. Chronik Nr. 3, 1. J.) folgte 
hierauf der Vortrag Goethescher Lieder in der Com- 
position Hugo Wolfs durch den Opernsänger Ferd. 
Jiii:cr. begleitet von dem Compositeur. 



Zum Goethe-Abend am 21. März 1890. 

Goethe-Gesänge von Hu^'o Wolf. 

In mehr als einer Hinsicht künstlerisch bedeut- 
sam klang die Erinnerungsfeier zu Goethes Todestag 
aus in dem Vortrage von sechs Goethischen IJtdcni, 
welche einem grossen, nicht weniger als einund- 
fünfzig Dichtungen umfassenden Cyklus angehören : 
..Gi (lichte von Goethe, für Singstimme und Ciavier 
componirt von Hugo Wolf". 

.Also ein neues, lebensvolles Zeugnis der be- 
fruchtenden Kraft, welche noch in unseren Tagen 
dem Erbe des Dichters in nimmer versiegender F"ülle 
entströmt und nachgeborene Künstler zu Schöpfungen 
begeistert, wie sie in gleicher L'rsprünglichkeit sonst 
nur das Belauschen der Volksseele und der grossen 
Natur selbst einzugeben vermocht hat. 

Es wäre schwierig, durch den blossen Hinweis 
auf das schon äusserlich Eigenartige der neuesten 
Schöpfungen Wolfs — die ungewöhnlich grosse 
Zahl von musikalischen Compositionen zu Dich- 
tungen desselben Meisters*), die erstaunliche Rasch- 

*) Vurausscs^i'g<?n sind «Icn» soclit-n (Wien, bei Lncolll 1 
erschienenen Oi'^thc-iyklus ein H.tnd mit 53 Ctnnpositionen tu 
JJichtungen von .\r<rik,' und eine S.TnimlunK vi>n 20 Liedern viin 
KUhciidorf. Lei le clienf.ills in den letzten J,ihren entst.-inden. Eine 
eingehende V\iirdisiing der Mörike-IJeder. n.tmentlich .luch in 
miisik.ilischer Hinsicht wurde von berufenster Seite in dem llei- 
t)Iatte zur .Münchencr Allgemeinen Zeitung- (22. Jänner 1S901 
gegeben. 



Chronik des Wiener Goethe -\'ei 



heit der Production — oder auch durch ein Ein- 
i;ehen auf tiefer liegende Eigenthümlichkeiten, wie 
die (in der Bezeichnung »Für Singstimme und Ciavier 
componirt« angedeutete) Gleichstellung von Gesang 
und instrumentaler Durchführung, ein einigermassen 
anschauliches und überzeugendes Bild von jenem 
durchaus A'i-t/ru zu geben, als welches uns Wolfs 
(loethe-Cvklus entgegentritt. Ueberzeugender aber, 
als Worte dies vermöchten, Hess uns am Goethe- 
Abend dei- edle Gesang Ferdinand Jägers, dem sich 
der Componist selbst als ausführender Künstler am 
Ciavier beizugesellen die Liebenswürdigkeit gehabt 
hat, einen künstlerisch anschaulichen Blick thun in 
die überraschende Weite des poetischen Gebietes, 
das Wolfs musikalische Kraft beherrscht, in die 
Tiefe, mit der er den geistigen und den gemüthlichen 
Gehalt der erwählten Dichtungen den Hörer seiner 
Musik nachdenken und nachfühlen lässt. Verweilen 
wir darum etwas nälier bei jenen sechs Gedichten, 
welche den Freunden des Goethe-Vereins nunmehr 
in der vollendetsten Wiedergabe bekannt geworden 
sind, um in ihnen einigermassen ein Bild davon zu 
geben, was Wolfs »Goethe «-Band sonst noch an 
Schätzen umschliesst. 

Eine künstlerische Erinnerungsfeier zum Todes- 
tage Goethes konnte nicht sinniger eingeleitet werden, 
als durch die freundlich-ernsten ['»istichen : 

Anakreons Grab. 

\Vo die Kose hier liliilit, wo Keben um Lorbeer sich 
schhnf^en. 

Wo das Turtelcben hjckt, wo sich das Grillchen erf^ötzt: 
Welch ein Grab ist hier, das alle (TÖtter mit Leben 

.Schön bepHanzt und. geziert^ Es ist Anakreons Ruh. 
l'riihling, Sommerund Herbst genoss derglücklicheDichter: 

Vor dem "Winter hat ihn endlich der Hügel geschützt. 

Gewiss, ein weihevolles Gedenken an das Leben 
unseres »glücklichen Dichters« machte uns die Worte: 
»Es ist AnakreoiiS Ruh« doppelt bedeutsam, und das 
zarte Ausklingen »Vor dem Winter hat ihn endlich 
der Hügel geschützt« doppelt rührend. Aber ist es 
nicht das vollgiltigste Zeugniss für die ganze Ge- 
müthstiefe jener blühenden Weisen, die unser Ton- 
dichter um die Worte des Unsterblichen schhngt, 
wenn uns aus diesem tönenden Schmuck heraus der 
ganze, tiefe Sinn jener uns längst bekannten Worte 
wie ein völlig Neues und doch sogleich innig Ver- 
trautes entgegenleuchtet? — Wir stehen nicht an, 
diesen (jemüthsinhalt unendlich höher zu stellen, als 
die vielbewunderte Kunst, mit der Wolf es vermocht 
hat, die Form des Distichons der musikalischen Form 
zugänglich zu machen. Wer aber meinen möchte, 
dies sei ein Wagnis, dessen Gelingen doch mehr in 
nur technischer, als in eigentlich künstlerischer Hin- 
sicht interessiren könne, der mag einmal jene Verse 
leise für sich nachsprechen und dabei annähernd 
Tonfall und Rhvthmus der Wolfschen Comnosition 



einhalten. Er wird in der lieblich zarten Stelle: >wo 
das Turtelchen lockt« — dann wieder in der über- 
quellenden Steigerung: »das alle Götter mit Leben 
schön bepflanzt und geziert« — am tiefsten aber 
{ in jenen gedankenvollen Pausen der Declamation vor 
[ und nach den Worten ». . E;s ist Anakreons Ruh . .« 
mit wahrhaft künstlerischerBefriedigunginne werden. 
I wie hier die grösste Freiheit der rhythmischen Behand- 
j lung doch im letzten Grunde nur dazu bestimmt er- 
I scheint, die innere Natur des Distichons für das 
} Gefühl zu unmittelbarer Wirkung zu bringen. 

Schien so in »Anakreons Grab« die Form des 
Verses der musikalischen Behandlung eine unüber- 
windliche Schwierigkeit darzubieten, so überraschen 
hinwieder in der Mehrzahl der Wolfschen Compo- 
sitionen und unter ihnen auch schon in einigen der 
für den Goethe-Abend ausgewählten Gesänge, die 
poetischen S/offe: es sind nämlich keineswegs aus- 
schliesslich oder auch nur zum grösseren Theile 
Goethesche »Lieder« im engsten und eigentlichsten 
Sinne, durch welche sich Wolf zu musikalischer Pro- 
duction angeregt gefühlt hat, sondern viele der \on 
ihm gewählten Dichtungen sind gerade solche, in 
welchen das lyrische Element so sehr von der eigent- 
lich gedanklichen Seite des Inhaltes überwogen 
wird , dass sie den Liedercomponisten im her- 
kömmlichen Sinne wenig dankbar dünken müssen : 
wie denn auch ein nicht geringer Theil der 5 1 Goethe- 
Dichtungen von Wolf wohl überhaupt zum ersten- 
male vertont worden ist. \\\t heben als ein Meister- 
stück in dieser Hinsicht das „Kophlische Lied" heraus: 

Lasset Gelehrte sich zanken und streiten. 
Streng und bedächtig die Lehrer auch .sein ! 
Alle die AVeisesten aller der Zeiten 
Lächeln und winken und stimmen mit ein : 
Thöricht, auf Bess'rung der Thoren zu harren I 
Kinder der Klugheit, o habet die Narren 
Eben zum Xarren auch, wie sich's gehc'irt! 

Nur ein »Weisester« konnte und durfte so 
sprechen. Wie weiss aber der Sänger mit dem 
Denker zu lächeln, dann zu den Worten : »Thöricht, 
auf Besserung der Thoren zu harren«, eine schalk- 
haft-tiefsinnige Miene zu machen, um endlich in den 
Nachspielen zu jeder der drei Strophen in ein herz- 
haftes Gelächter auszubrechen ! und wie echt musi- 
kalisch hört sich all das an in seinem kraftvoll marsch- 
artigen Rhythmus, wie zauberhaft berückend um- 
rauschen uns geheimnisvollste Klänge bei den 
Worten : 

„Und auf den Höhen der inihschen Lüfte 

Und in den Tiefen aegyi>tischer Grüfte 

Hab' ich das heilige Wort nur gehört : 

Thöricht, auf Bess'rung der Thoren zu harren!" u. .■<. f. 

So sind denn auch nicht weniger als fünfzehn 
der Dichtuntjen dem .. Westöstlichen Diran" entnom- 
men: und Mancher mag sich gleich dem Schreiber 



Chronik des Wiener Goethe -Vereins. 



dieser Zeilen gestehen, dass ihm die durchgeistigte 
Schönheit mancher dieser r)ichtungen, auf die nur 
allzu leichthin die Behauptung von dem esoterischen 
Wesen der späteren Schöpfungen des Altmeisters 
ausgedehnt wird, gerade in der geistvollen und auch 
/u gedanklichem Verweilen anregenden musikalischen 
Wiedergabe erst recht vertraut und werth geworden 
sind. So hat denn auch /.. B. jenes in innerer Kraft- 
fülle überschäumende ..IliitP iih iii^iud 7rnhl Be- 
denken", welches mit dem glückselig-stolzen Ausruf 
schliesst : 

„ — Solch' ein .Mädchen imiss man haben 
l'nd ein Bettler sein wie ich l" — 

in wiederholten Concert-.AulYührungen der beiden 
letzten Winter jedesmal Beifallsstürme entfesselt, 
wenn Jäger jene Worte: »l'nd ein j9(7//fr sein wie 
ich!« mit freudiger Kühnheit ausruft und so mit 
Einem Schlage eine wahrhaft dramatische Charakter- 
zeichnung Hatems gibt. 

Geradezu dramatisch wirkt auch der ..Raliin- 
fangcr" — ebenso durch den köstlichen Humor, mit 
dem er die »altberühmte Stadt« sogleich zu Beginn 
seines Redestromes versichert, dass sie ihn »gewiss 
be.sonders nöthig hat", wie durch den dämonisch 
süssen Zauber, den er in die .Melodie der Worte legt: 

_. . Wenn er die ^joldnen Märchen ^injjl" 
und 

.. . Wo er"s nicht .Mancher anj;ethan - — 

Doch »genug der Wort'!« — Wer mit der 
tollen Lustigkeit des »iiattenfänger« die Herzinnig- 
keit jener .Stelle in »Frühling über's Jahr« vergleicht 

..Docli was im (iavten 
am reich.-ten blüht, 
das ist des Liebchens 
lieblich Gemü h . . 

Ein immer nfl'cn, 
ein Blüthenherz, 
im l->nste freundlich 
\iud rein im Scher/." 

— wer dann über die weiteren Gesänge des Goethe- 
Bandes sich auch nur emen tlüchtigen L'eberblick 
verschatVt, indem er etwa fürs F.rste den »Neuen 
.•\madis«, »Die Spröde« und »Die Ik'kehrte«, das 
tiefsinnige »Phänomen«, das bacchantische »Trunken 
müssen wir .-Mle sein« — den Wechselgesang 
Suleikas und 1 latcms ».Ms ich auf dem Kuphrat 
■schifite« und «Dies zu deuten, bin erbötig«, und den 
liebenswürdigen Gelegenheits-Schwank »Epiphanias« 
(»Die heiligen drei Könige mit ihrem Stern«) in der 
.Musik Wolfs kennen lernt — der mag mit uns die 
Grösse des Gewinnes schätzen, den die lebendige 
Kunst und nicht zum Letzten die lebensvolle Erfas- 
sung Goethescher Dichtung unserem ^lusiker dankt. 
Freudigsten Dank denn abermals jenem hoch- 
sinnigen Künstler Ferdinand Jäf^cr, den wir in treuem 



(jedenken an seine Schöpfung des »Siegfried« seit 
Langem als unübertrelMichen .Meister dramatischen 
Gesanges zu schätzen gewohnt sind und der uns nun 
durch die geistvolle und im edelsten Sinne künst- 
lerische .\rt, wie er den Wohllaut einer geläuterten 
Gesangskunst auf's Engste vereint mit dem feinfüh- 
ligen Eingehen auf jeden Reiz des poetischen (jedan- 
kens, auf jede dichterische Schönheit des Wortes 
und des Rhythmus, zum vollendeten .Muster des 
Rhapsoden geworden ist, wie sich ihn der Dichter 
für den künstlerisch gesteigertsten Vortrag seiner 
Schöpfungen wünschen muss. 

.Möge uns denn auch im Goethe-Verein wieder- 
holt die F'reude beschieden sein, dem Künstlerpaare 
/iiger-Widf unseren Dank so lebhaft bezeigen zu 
können, wie es letzthin seitens einer sehr zahlreich 
besuchten Versammluug geschehen ist. 

Prof. Dr. A. llnfler. 



Goethe oder Lenz? 

Ist Goethe oder Lenz Dichter des Gedichtes: 
Aeh, bist Dil fort? 

Unter den (joetheschen Gedichten, deren Echt- 
heitanzufechten Gründe sich dargeboten haben, lindet 
sich auch das Gedicht: „Aeh bist Du fort, aus 'reichen 
i;uldnen 'J'räuinen ele.ele." (Der junge (joethe. Leipzig. 
S. Ilirzel. 18-5. I. S. 2t)4. f. — (joethes Werke. 
Berlin, Hempel. III, 15.) 

Es steht in dem (iedichtbuch l-'riederikens Brion 
gleich einem Paar anderer zweifelhafter und wurde zu- 
erst daraus durch Aug. Stöber im Deutschen Musen- 
Almanach für i8'^8, herausgegeben von (Jhamisso 
und G. Schwab, bekannt gemacht. Goethes Verfasser- 
schaft ist zuerst von ViehotV angezweifelt, und ent- 
schiedener durch J. W. Schäfer und (i. v. Loeper in 
Frage gestellt worden, während Düntzer für Goethe 
eingetreten ist (vergl. Loeper in den .\nmerkungen 
zu Dichtung und Wahrheit. XI. B. 20. S. — Hempels 
.^usg. XXII, 245). G. V. Loeper hat hervorgehoben, 
dass dies Gedicht von .Anfang bis Ende Lenziscn sei, 
»dass man die Wendungen desselben fast durchweg 
in seinen anderen (iediciuen wiederfindet, nicht aber 
bei Goethe, der mit X'erzweitlung und Grab nicht so 
leicht bei der Hand war, damals am wenigsten. Ebenso 
passt die ijussere Lage nur auf Lenz.« 

Ich kann bei eingehender Beschäftigung mit 
Lenz die .Ansicht v. Loepers nur für richtig erklären 
und weise auf Folgendes hin : 

Das Gedicht hat die bei Lenz ungemein häutige 
rhetorische Wiederholung \'. 11, 14. 15, 25, 31; 
den ihm geläutigen .Ausdruck /iini;/in^' lür seine 
eigne Person V. j. Es stimmt \'. l j mit einer Stelle 
im Poeten (Goethe-Jahrbuch X, 55). Der Widerwille 
gegen die eitlen und leeren Strassburgerinnen (V. 23) 
vergleicht sich den .\eusserungen im Poeten (a. a. 
O. 59, i)2, t')G). Echt lenzisch ist die flehentliche 



Chronik de^ Wiener Goethe-X'ereins 



19 



Bitte ihm zu sclireiben, V. 25. Auf die ungoethische 
Liebesverzweiflung und den sentimentalen Scliluss 
hat V. Leoper schon hingewiesen. 

Zu V. 21 : »Dann in die Stadt zurück etc. etc.«, 
merke ich an, dass Lenz um Mitte Juni 1772 von 
Fort Louis auf kurze Zeit nach der Stadt, d. i. Strass- 
burg, ging, wo ihm Salzmann über seine V'erliebtheit 
in Friederike Vorhaltungen gemacht hat. 

Das Gedicht wird also zwischen den 3. Juni 
(Abreise von Frau Brion mit ihren Töchtern nach 
Saarbrücken) und den 15. Juni 1772 zu setzen sein. 

Der zweimalige Abschied Friederikens (V. 4. 3) 
ist nicht auf eine zweimalige Reise, sondern auf 
wiederholtes .Abschiednehmen bei der .Abfahrt zu 
deuten. Wi'iii/wlil. 



Eingelaufene Bücher. 

Zwei Briefe Beethovens an Goethe. Neue 
Beethoveniana von Dr. Th. Frimmel. .Mit zwei 
ungedruckten i^riefen Beethovens an Goethe. Drei 
Heliogravüren (Bildnisse Beethovens) und drei Proto- 
tvpien. Wien, Carl Gerolds Sohn, 1890. 369 Seiten. 
Bekanntlich verdanken wir demselben N'erfasser 
schon eine iSS':; erschienene Schrift: Beethoven und 
Goethe, s. Goethe -Jahrbuch, V. Band. S. 421. — 
Hier, in einer Sammlung kleiner Schriften über Beet- 
hoven, ziehen uns, neben mancher interessanten Mit- 
theilung über Beethoven als Mensch, als Künstler, 
als \'irtuos, besonders zwei Briefe an Goethe an, die 
wir hier, ohne sie nachdrucken zu wollen, min- 
destens dem Inhalte nach registriren in der Ueber- 
zeugung, dass diejenigen, die sich dafür besonders 
interessiren. die Hinsicht in das genannte Werk 
Frimmels sich nicht entgehen lassen. Nach einer 
gründlichen Einleitung zu den Briefen gibt der 
Herausgeber diese selbst mit genauem Bericht über 
die Handschrift. In der Einleitung wird hervorge- 
hoben, dass Beethoven schon 1790 Goethes Lied: 
»Mit Mädchen sich vertragen«, componirt habe. 
Skizzen Beethovens von Compositionen Goethescher 
Texte werden besprochen ; dann die übrifjen Com- 
positionen Beethovens zu Goetheschen Texten, die 
meistens 1809 — 1810 entstanden, unter denen die 
Musik zu Egmont hervorragt. Weitere spätere Com- 
positionen und Einzelheiten zum Verhältnis Goethes 
zu dem grossen Tondichter folgen. Nachdem dann 
der Herausgeber treffend die Bekanntschaft Goethes 
mit Beethovens Compositionen erörtert, gelangen 
wir zu der Zeit, da Beethovens erster Brief entstanden 
ist, d. i. 12. April 181 i. Beethoven ist veranlasst, 
durch einen sich schnell entfernenden Freund an 
Goethe zu schreiben. Er erwähnt in dem Briefe 
Bettinens, die ihn versichert habe, dass ihn Goethe 
freundschaftlich aufnehmen würde. Er verbindet 
damit den Ausdruck höchster Verehrung und 
wärmsten l^ankes für Goethes herrliche Schöpfungen 
und lüindet die Musik zu Ei<mont an. die Goethe 



demnächst erhalten solle. Diesem Briefe folgte nun 
im Juli 181 2 das persönliche Zusammentreffen Goethes 
mit Beethoven in Töplitz, das der Herausgeber näher 
beleuchtet. 

Der zweite Brief Beethovens vom 8. Februar 
1823 spricht, wie der erste, die Gesinnung aufrich- 
tigster Verehrung aus und bittet um des Dichters 
Lrtheil über einige Compositionen, woran er die 
weitere Bitte knüpft, dass Goethe die grosse .Messe, 
die er geschrieben, dem Grossherzog von Weimar 
empfelilen möchte, dass derselbe subscribire. — 
Daran schliesst sich die Besprechung der häuslichen 
sorgenvollen Lage, die Beethoven dränge, nach Er- 
werb auszusehen. — Alles, was das persönliche \'er- 
hältniss der beiden grossen Menschen angeht, wird 
vom Herausgeber liebevoll erwogen und klargelegt. 

Die prächtige Ausstattung lässt Nichts zu 
wünschen übrig. 

Dr. Heinrich Pröhle : Abhandlungen über Goethe, 

Schiller, Bürger etc. von . Potsdam 1S81). 

.Aug. Stein. Octav, 264 Seiten. •:; M. 

Eine Sammlung kleiner Schriften, reich an an- 
regenden, wenn auch nicht an erschöpfenden, ab- 
schliessenden Abhandlungen über (A) Goethe, (B) 
Schiller, (C) G. Körner und Ph. Moritz, (D) Bürger, 
(E) Knesebecks Briefe an Gleim. 

Wir wollen mit dem Herausgeber nicht rechten, 
wenn er oft von Citaten ausgeht, die er in Zeit- 
schriften findet, ohne auf das Buch zurückzugehen, 
dem sie entnommen sind, worüber speciell der \'er- 
fasser dieser Zeilen sich zu beklagen Grund hätte. 
Wir begnügen uns mit dem gerne gegebenen Zuge- 
ständnis, dass seine gesammelten .Aufsätze manches 
Geistreiche bieten und mannigfaltige .Anregung geben. 
Der Herausgeber hat aus seiner Heimat am Harze 
bekanntlich viel gesammelt, nicht nur Volksbräuche 
und Mythen, sondern auch aus dem literarischen 
Nachlasse des Halberstädtschen Dichterkreises, so 
dass er uns daraus immer manches Interessante mit- 
zutheilen hat. 

Die köstlichste Beigabe, die der vorliegende 
Band bietet, ist (S. 78) ein noch ungedruckter Brief 
der Frau He.npel, derTochter der berühmten Karschin 
I (die Hempel, später Fr. v. Klencke, ist .Mutter der 
Helmina v. Chezy) an Gleim, geschrieben den 27. Mai 
1778 nach einem Besuche Goethes bei ihrer Mutter 
in Berlin. — • Der Brief handelt nur von diesem Be- 
suche. Er gibt uns ein werthvolles Bild von dem 
29Jähngen Dichter und kennzeichnet die Stellung 
Goethes zu gewissen literarischen Kreisen : sowol das 
Hinreissende seines wahren gemüthvollen, aber jedes 
Prunkens mit Gefühl unfähigen Wesens, als auch der 
Scheidewand, die ihm von jenen empfindsamen 
Seelen, die sich von ihrer Tugendhaftigkeit so ge- 
hoben fühlen und sich nicht finden können in 
Goethe, der dergleichen durchaus nicht zur Schau zu 
stellen vermag, obwol wir ihm alle Berechti^un" zu- 



(iocilic- Vtieins. 



sprechen müssen, des Adels seines Uemüths sich be- 
wusst zu sein. — Ha hätte denn die empfindsame 
Welt gern gesehen, dass er, der »von feinstem 
.MenschengefühU ist, dies auch gesagt, dass er aus- 
gesprochen hiltte, »was sein seraphgleiches Stummsein 
verkündigte!« Oh ngefähr wie Vater üleim. Sie seh reibt: 
:>.\Iöchte Göthc (sie), den ich so lieb habe, doch 
nur einen sichtbaren Theil dieses nie genug zu prei- 
senden Herzens meines Gleims haben! Diesen Mangel 
verräth er noch bei aller seiner blendenden Grösse, 
und o ! was könnte er sein, wenn er wollte ; der 
schrankenlose Kopf! der Crösus-Lucullus jw/ tkiit 
ftinsliii Mducheiigcfiihl ! Wenn Sie ihn hatten kom- 
men sehen, unerwartet in unsre Thür treten, mit 
den Augen meine Mutter suchen, mit seinen Augen 
ach ! unaussprechlich reizend war die Scene. So 
kommt nur reuige Liebe zu Liebe.« So komme, 
schreibt Frau H. weiter, das Kind ans .Muiterherz. 
»Aber es war noch etwas süsser in seinem Wesen 
als das; doch wer kann noch sagen, was für Wesen V 
Das weiss ich, dass in seinen grossen hellen Augen 
der ganze Göthe strahlte, nicht der ilammende, zu- 
greifende, ungenügsame Göthe (sondern), der, welcher 
Lotten Rrot schneiden sah, der war's ungefähr, nur 
dass sein Mund stumm blieb bey Eintritt, beym Lm- 
armen und einiger Wendung bis zum Sitze, da denn 
meine Mutter die erste Frage an ihn that. Ich hätte 
gar zu gerne die Hand auf seine hebe Brust gelegt, 
ob nur sein Herz auch das geschlagen hätte, was sein 
scraphgleiches Stummsein verkündigte. Aber der 
Mensch wirft soviel Respect aus seinen Augen, dass 
ich mich kaum traute, in seiner Gegenwart zu blei- 
ben. Ich musste ein paarmal hinaus, lief aber ge- 
schwind wieder hinein, und da hört' ich einmal, dass 
meine .Mutter von Ihnen ((jleim) frug. Er antwortete 
wieder seine Gewohnheit in dreyen Theilen darauf, 
und ich fühlt es, das (so) ihr (so) Name sein Ohr tränkte, 
und das (so) er gerne mehr von Ihnen gesprochen hätte, 
wenn bey einem Fest-Besuche die Reden nicht zur 
blossen Cour wären.« 

Die Klenke (liempel) hatte damals drei Kinder, 
das jüngste erst vor einigen Wochen geboren. Mit 
Rücksicht auf dieses schrieb sie weiter: »Das arme 
Kind ist heute fast krank, ist sonst ein frommes 
liebes Mädchen, das beginnt hübsch und klug zu 
werden. Mama sagte zu (jöthe, sie habe eine neu- 
geborne Dichterin zur Enkellin, wie alt ist sieV (fragt 
(j.) Vierzehn Wochen, sagte sie. So lassen sie die- 
selbe Dichterin sein, bis sie sprechen kann (sagt G.) ; 
war das wohl menschenfreundlich von dem Unart? 
so vom Parnass herunter den armen Dichterinnen 
den Laufpass zu geben? Ich empfelile uns alle dreie 
Ihrer bessern Meynung, bey der wn- weiter gedeyen.« 

Offenbar hat der überschwengliche Luftkreis 
bei der Karsch den Dichter gereizt zu dem mephisto- 
phelischen Scherz, der übrigens ganz in seinem Sinne 
ist. Er sieht eben den Zauber des Weibes zunächst 



nicht in künstlerischer Begabung. Einen viel frischeren 
Ton als ihre Tochter schlägt übrigens die Karsch an 
in einer gereimten Epistel an Goethe, einige Tage 
vor diesem Besuche, die Pröhle S. 75 f (aber hier 
nicht das erstemal) mittheilt. 

Goethe-Notizen. 
Ein Goethe-Bild verkäuflich. 
In der zweiten Nummer unserer Ghronik von 
1888 besprachen wir unter dem Titel .,/;'/« Goclhe- 
liild (und ein ungedruckter Brief Goethes)"' ein im 
Besitze des Freiherrn Friedrich;'. Gattern auf Poggein 
bei Klagenfurt belindllches Bild, eine Kreidezeich- 
nung, die im November 1820 von der Hand Joh. 
Jos. Schmellers entstanden ist. (S. darüber Zarnckes 
Verzeichnis der Goethe-Bildnisse, Nr. 55. Rollett, 
Goethe-Bildnisse, Nr. CV). Wir hciren nun soeben, 
dass das Bild verkäuflich ist. Dabei gedenken wir des 
grossen Grünlerschen Oelbildes von Goethe, das 
gleichlalls verkäuflich ist und nocU. keinen Käufer 
gefunden hat. Wir bracluen davon in der Chronik, 
vierte Nummer i88j, eine Nachbildung. Bekannt- 
lich befindet sich das Bildnis in .Aufbewahrung in 
der Kanzlei des wissenschaftlichen Clubs. 

Ein neunter Entwurf. 

Soeben (de;"; 12. 1. M.) erhält der Herausgeber 
die -Anzeige eines Ungenannten, dass derselbe den 
Entwurf eines Goethe-Standbildes an die Kanzlei des 
wissenschaftlichen Clubs gesendet habe. Da im 
Sitzungssaale desselben Clubs den i-:;. 1. M. die Jury 
das erstemal zusammentritt, kann sogleich auch über 
den weiteren Verbleib dieses Entwurfes Beschluss 
gefasst werden. Die Jury wird sich wol des Rechtes 
nicht entschlagen, selbst Beschluss zu fassen darüber, 
ob sie diesen neuen Entwurf mit den anderen gleich 
behandeln will oder nicht. 

Neue Mitglieder. 

j ;■. Ilt-iii.i- : 
Herr Josef A^'i,'«''- Gymnasial-Director in Innsbruck. 
Herr W. F. War/umek, Professor und Vorstand der 

»(Joncordia«. 
Frau Carolim; Tilgner, IV., Hauptstrasse C. 

Beiträge zum Goethe-Denkmalfonds. 

Se. Durchlaucht Fiusl Franz Aueispcrg. II. 200. — 

Frau Baronin Betti Stiimimr 25. — 

Frau Henriette ?'iv/ Wkiicr-Wclttii . . ,, 2s. — 

Herr M. liaiimgarlcn 10. — 

Frau L. von Hügel 5. — 

Frau Sidonie Kohen , 5. — 

Frau .Mathilde von Knüik 5. — 

Summe . 11.275. — 
„IlhisCrirten Wiener K.\trablatts" (Franz .Siischitzky). 



Verlaj; des Wiener (lOethe-Vereins. — Druckerei des 



nie Chronik erscheint 
.Mitte jedes Mona 

I , Eschenbachgasse 



CHRONIK 



Im Aufira-e des 
iencrGocthe-VeroinsHer- 
sgebcr und verantwort- 
licher Redacteur : 



WIENER GOETHE-VEREINS, 



Nr. 5. 


Wien, 30. Mai 1890. 






5. Jahrgang. 


INHALT: Au 
Urteil. — Fausts Tod. 


s dem IViener Goethe- Verein, — Als Nachtrag zum Sitzungsbe 
— Zu Goethes Gedicht Ilmenau. 


richte. 


- Der Platz für 


f/w Goethe- Denkmal in 



Aus dem Wiener Goethe- Versin. 

In der Sitzung des Ausschusses vom 22. April 
i8qo waren anwe-end : Prof. Dr. Schrikr als Vor- 
sitzender, Schriftführer Egger und Karrt/-, Director 
Dr. //g, Dr. .\. Moraivi/z, Kassier Rosenthal. 

Es wird be.-chlossen, sowol den .Mitgliedern des 
Beirathes, als den Künstlern, welche Denkmal-Ent- 
würfe geliefert haben, den Dank des Goethe- Vereins 
auszusprechen. 

Der -Ausschuss einigte sich ferner dahin, zur 
weiteren Förderung der Denkmal-.\ngelegenheit ein 
eigenes Comite zu wählen und in dasselbe auch solche 
Vereinsmitglieder zu berufen, welche nicht dem 
Ausschusse angehören. 

Der Ausschuss erkannte die Nothwendigkeit, 
zunächst eine Entscheidung in der Platzfrage herbei- 
zuführen, bevor man über das Gutachten der Preis- 
richter bezüglich der vorliegenden Entwürfe schlüssig 
werden könne. 

In der Sitzung am ■^. Mai i8qo erschien ausser 
den übgenannten auch Freiherr v. Berger und theilte 
seine .\bsicht mit, im nächsten Herbste einen \'or- 
trag zum Besten des Denkmalfonds' zu halten, mit 
dem ein weiterer Vortrag seiner Frau Gemalin ver- 
bunden werden sollte, was mit Dank zur Kenntnis 
genommen wird. 

Kassier Rosenthal theilt mit, dass Se. Durch- 
laucht Fürst Franz Auerspt'rg dem Denkmalfonds 
einen Beitrag von 200 fl. gewidmet habe. 

Es wird beschlossen, den Vorstand der Künstler- 
genossenschaft zu ersuchen, den Entwürfen zum 
Goethe-Denkmal auch nachSchluss der Jahresausstel- 
lung einen Platz im Künstlerhause einzuräumen. 

Director Dr. Ilg stellt den .Antrag, ein Gesuch 
an das Unterrichtsministerium zu richten um einen 
Beitrag zum Goethe-Denkmalfonds. 

Es wird der Wunsch ausgesprochen, dass die 
ausgestellten Entwürfe zum Goethe-Denkmal für die 
»Chronik« reproducirt und in der Vervielfältigung 
sämmtlichen Mitgliedern des Vereins mitgetheilt 
werden mögen. — Dafür sei die Erlaulmis der be- 
trert'enden Künstler einzuholen. 



Als Nachtrag zum Sitzungsberichte 

kann mitgetheilt werden, dass die Genehmigung der 
Künstler, von denen Entwürfe zu einem Goethe- 
Denkmal eingelaufen sind, erfolgt ist, die Reproduction 
konnte jedoch aus technischen Gründen noch nicht 
ausgeführt werden. Die Redaction, die das verspätete 
Erscheinen der Mai-Nummer der »Chronik« zu ent- 
schuldigen bittet, muss die Hoffnung, die Reproduc- 
tionen in derselben mitzutheilen, für diesmal aufgeben, 
eine Hoffnung, die die Verspätung veranlasst hat. — 



Der Platz für ein Goethe-Denkmal 
in Wien. 

Noch schien dem Goethe-Verein der Zeitpunkt 
nicht gekommen, zum Entwürfe eines Goethe-Denk- 
mals Preise auszuschreiben, als eine hohe Gönnerin 
in der Künstlerwelt den Gedanken einer spontanen 
Concurrenz anregte, der auch, wie wir wissen, von 
Seiten hervorragender Meister zur Ausführung ge- 
kommen ist, was jedenfalls das Interesse an der Sache 
mächtig belebte. 

Dabei trat nun ein L'mstand auf das Emplindlichste 
hervor, der ja wol auch den Goethe-Verein zurück- 
hielt, schon jetzt an eine Preisausschreibung zu 
denken, nämlich der Umstand : dass die Wahl eines 
Platzes für das Denkmal noeh nicht entsc!uede?i ist. 
Dieser Umstand musste notwendig die Conception 
der Künstler eben so nachtheilig beeinflussen, wie er 
den Delegirten der Künstlerschaft und des Goethe- 
Vereins, die berufen wurden, sich über die Entwürfe 
auszusprechen, Reserve auferlegte. — Bei der Bedeu- 
tung des Gegenstandes ist nicht daran zu zweifeln, 
dass alle diese Schwierigkeiten zu besiegen sind. 

Die Sache ist eine gute und eine grosse. Es ist 
eine Sache der gebildeten Welt, eine Ehrensache für 
Wien. ».An dem Verhältnis zu Goethe lässt sich der 
F5ildungsgrad eines .Menschen ermessen«, sagt ein 
hochstehender Dichter *) und bezeichnet damit tref- 
fend die Stellung Goethes als den Gipfel der Cultur 
unserer Epoche. 



*J Aueibach: ,D.TS L.'^nl:^l.^us am Rhein" 



Cbionik des AViciicr 'joethe-Vtreiiis. 



Seine Bedeutung reicht weit über die Grenzen 
der NationalitUt hinaus. Und wenn deutsche Bildung 
auf dem ganzen Krdball, wo irgend liildungsstreben 
vorhanden ist, in Anschn sieht, so ist dies besr«- 
ders siinnn universalen Geiste zu danken. Ilas 
Streben nach seinen Höhen, das Gefühl für seine 
Grösse ehrt und ziert jedes Volk und Land. — Der 
Deutsche in üesterreich, der sich solchen Strebens 
rühmen darf, ist ein doppelt wertvoller Bürger für 
die Monarchie. — Die Lielie für Wien, der Wunsch, 
dass es seine hohe culturelle Stellung behaupte, kann 
sich nicht besser aussprechen, als mit einem Goethe- 
Denkmal. 

Diese (jedankcn sind es. die uns bei diesem 
Unternehmen Mut verleihen. 

Es ist natürlich, dass die Bestimmung des 
Platzes für ein Goethe-Denkmal ihre grossen Schwie- 
rigkeiten hat. — In einer grossen Stadt, wo die Bau- 
lust rege ist, wird jedes Plätzchen benützt und ihm 
von verschiedenen Gesichtspunkten aus seine Bestim- 
mung gegeben, so dass man i)ei der Anfrage überall 
bereits feststehenden Absichten begegnet. Eine Er- 
wägung der Bedeutung eines Goethc-Denkmah dürfte 
in den meisten Fällen zur l->kenntnis führen, dass 
ein solches eine so einzige Weihe jedem Platze 
zu leihen im Stande ist , dass alle anderen Ab- 
sichten dadurch in den Hintergrund treten und man 
danach geizen müsste, das Denkmal zu gewinnen I 
Natürlich d.nrf man ein solches Denkmal sich nicht 
anders denken, als nur als ein Kunstwerk höchsten 
Ranges. Die Ihiternehmung darf si;h nicht zufrieden 
geben mit (Jeringerem. Es muss von demselben min- 
destens dieselbe Weihe ausgehn für den Betrachter, 
wie von dem Dioskuren-l")enkmal in Weimar, dem 
Goethe-Denkmal in Berlin. Es darf natürlich auch 
nicht zurückstehn hinter unserm edlen und schönen 
Schiller-Denkmal in Wien. — Einer solchen Absicht 
gegenüber werden wol alle anderen Absichten noch 
einmaliger Prüfung unterzogen werden, bevor man 
auf unsere Bewerbung um einen Platz einen endgültig 
abweisenden Bescheid geben wird. Das dürfen wir wol 
hofi'en. Man wird mit einem (ioethe-Denkmal nicht viel 
von Haus zu Haus um einen l^latz sich zu bewerben 
haben. 

Wer Wien liebt, wird fühlen, dass es sich hier 
um eine Ehrensache handelt für (17,7/.' 

Die Frage des Platzes ist aber wichtig. Sie muss 
vor Allem erledigt werden. 

Holl'entlich sind wir bald in der Lage, mehr 
darüber milzutheilen. 

Fausts Tod. 

(Aus einem populären Vortrage, gehalten den lo. Fe- 
bruar l8qO) 
L'nter diesem Titel haben wir einen bemerkens- 
werthen Versuch einer Darstellung des zweitenTheiles 
des Faust in Berlin zu verzeichnen. Des zweiten 
Tlieiles, der noch immer bei N'ielen für unverständ- 



lich gilt. Es sei gestattet, diesen Umstand näher ins 
Auge zu fassen. Ist es denn Goethes Art, unverständ- 
lich zu schreiben, war die Tendenz seines ganzen 
Lebens nicht, zur Natur, zur Wahrheit und Klarheit 

zu führen r 

Kindlich, einfach, naiv, l'rei \on aller Alfectation, 
in der Zeit des Barockgeschmacks! trat Goethe in 
der Jugend auf mit seinen Liedern, mit seinem 
schlichten, derben, treuherzigen Götz von Ber- 
lichingen. Dergleichen Naturwahrheit in der Dich- 
tung war der Welt damals ganz neu, und doch: iiithls 
konnte verständlicher, populärer sein. Nichts ver- 
mochte die Seelen tiefer zu ergreifen, als sein schlich- 
tes Wort in \'ersen, z. B. in seinen Nachtliedern des 
Wanderers: „ /Av <hi ■•on dem Himmel ln'sl", oder 
..i'i her allen Gipfeln ist Ruh" etc., die Harfnerlieder: 
,. Wer nie sein Ihvl mit Thronen ass" etc. — Wenn man, 
aber vielleicht meint, dass der Stil dieser I^ieder ihm 
nur in der Jugend eigen war, so denke mau doch 
einiger seiner Lieder im Divan und zuletzt seines 
Liedes, das er 1828 im 80. Lebensjahre dem auf- 
gehenden Vollmonde sang ! — Wir finden hipr ganz 
dieselbe schlichte P'.infachheit der Lieder seiner 
Jugend. — Nun aber denken wir seines universalen 
Geistes, derin einem langen Leben allmählich die ganze 
Welt sich zu eigen machte und in Bildern aussprach. 
Man darf sich da nicht wundern, wenn die Nation 
ihm nicht folgen konnte und das N'erständnis nur 
nach und nach aufdämmert, freilich mit unermess- 
lichem Gewinn für die Gesittung. 

Nach Goethes Tode, noch im l'odesjahre i8v-, 
erschien, zum erstenmale vollständig, der zweite Theil 
des F"aust. Er war vollendet im Sommer 1831. Da 
wurde das Manuscript eingesiegelt und erst nach 
des Dichters Tode geöflhet. — Verschiedene Stimmen 
wurden laut darüber, im Cianzen stutzte das Publicum 
imd traten immer kühner wegwerfende Urtheile ni 
l mlauf. Am bequemsten war es, zu sagen : es sei ein 
niisslungenes Product der Altersschwäche, das Nie- 
mand verstünde! — Und damit sah man sich der 
PHicht enthoben, es weiter zu beachten. Man ging 
darüber zur Tagesordnung über. 

Die hohe Bildung Einzelner, die denn dach in 
Deutschland vorhanden ist und wesentlich aufGoethe 
beruht, mochte sich damit doch nicht zufrieden 
geben. Die Bedeutung und die Schönheit der Dichtung 
wurde Einzelnen immer klarer. Man fühlte sich immer 
stärker angezogen und so blieb denn auch der Wunsch 
nicht aus, den 2. Theil des l-'aust für die Bühne zu 
gewinnen, wobei man denn bald mit l'eberrasclumg 
wahrnahm, dass die Dichtung \on .Anfang an für 
die Bühne geschrieben war. 

Gleicli nach (Soethes Tode bemühte sich Ecker- 
mann, eine Bühneneinrichtung zu schaflen, die aber 
erst iSjt), mit geringem Erfolg, zur .Auflührung kam. 
Von grossem Erfolg war aber 1849 '■"'^ '"'' '■'''^' 
Goethe-Jubiläum bestimmte Aufführung der Helena 
(Faust 11. -^ .Act) in Uutzkmes Bearbeitung, in 



Chronik des Wiener (ioethe-Veieins. 



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riresdcn. — Darauf folgte die Scenirung des ganzen 
zweiten Theiles von Wollheim da Fonseca 1854. die 
in Hamburg, Breslau, Leipzig. Frankfurt a. M. auf 
die Bühne kam: später auch noch 1878 und 1880 in 
Riga, Berlin und Dresden. 

Viel Beifall fand 1875 die Bearbeitung Otto 
Devrients in Weimar. 

Es folgten Bearbeitungen vonDingelstedt, Claar, 
Lindau, endlich die von Wilbrandt, die uns hier in 
\\'ien noch lebhaft in Krinnerung ist. Jeder dieser 
\'ersuche hatte sein Gutes, keiner genügte ganz. — Ver- 
gangenen Herbst kam nun eine Bearbeitung im 
Deutschen Theater in Berlin zur Auflührung, die 
nun im Druck vor uns liegt: »Fausts Tod. Aus der 
Tragödie zweitem Theil, für die Bühne bearbeitet 
von Adolf L"Arronge. Zum erstenmale aufgeführt 
'V September 1889.« 

In der Vorrede lesen wir; »Der ungewöhnlich 
starke und tief eingreifende Erfolg der .Aufführung 
im Deutschen Theater hat dem Bearbeiter die freu- 
dige Beruhigung gewährt, dass sich die Bühne der 
ihr hier zugewiesenen .Aufgabe, jene herrlichen 
Scenen, w-elche dem Tode Fausts vorangehen und 
folgen, zu ungeschwächter und tiefer Wirkung zu 
bringen, wol gewachsen gezeigt hat. L nd man glaube 
ja nicht, dass eine reiche .Ausstattung, wie sie das 
»Deutsche Theater« dem Werke schuldig war, eine 
wesentliche Bedingung dieser Wirkung sei. .Auch ein 
einfacherer, wenn nur anständiger Apparat — wird 
dem Erfolge keinen Eintrag thun : denn wenn irgendwo, 
so ist es hier tins ge~,('al/i!;c' Dich/eni'oii, welches Ohr, 
Phantasie und Gemüth »ies Zuschauers in Bann hält.« 

Mögen diese Worte, als Worte des Unterneh- 
mers, vielleicht nicht ganz unparteiisch erscheinen: 
sie sind doch bemerkenswerthe Zeugnisse eines 
Schauspielers für die Brauchbarkeit und Wirksamkeit 
des Textes. (Fortsetzung und Schluss folgt.) 



Zu Goethes Gedicht Ilmenau. 



I Zu V. 



d9- 



Wie nennt ihr ihn? \\ er isfs, der dort gebückt 

60 Nachlässig st.irlv die brei en Schultern drückt ? 
Er sitzt zunächst gelassen an der Flamme, 
Die markige Gestalt aus altem Heldenstanime. 
Er saugt begierig am geliebten Rohr, 
Es steigt der Dampf an seiner Stirn empor. 

65 Gutmüthig trocken weiss er F'reud' und Lachen 
Im ganzen Zirkel laut zu machen, 
AVenn er mit ernstlichem Gesicht 
Barbarisch bunt in fremder Mundart spricht. 
AVer ist der andre, der sich nieder 

70 An einen .Sturz des alten Baumes lehnt. 
Und seine langen, feingestalten <-Tlieder 
Ekstatisch faul nach allen .Seiten dehnt, 
Und, ohne dass die Zecher auf ihn hören, 
Mit Geistesflug sich in die Höhe schwingt, 

75 Und von dem Tanz der himmelhohen .Sphären 
Ein monotones Lied mit grosser Inb.unst singt ? 

Bekanntlich soll Goethe in einem Gespräche 
mit Eckermann — 45 .lahre nach der Entstehung 



des Gedichts — die vorstehende Schilderung auf 
Ä«t'fe/und .SVrXY«(/o/# bezogen haben. Aber es scheint 
hier ein Irrthum unterlaufen zu sein. Gustav v. Loeper 
hat 1883 in seinen Anmerkungen zu dem Gedichte 
S. 308 darauf hingewiesen, und auch Strehlke hat 
ihm in seiner zweiten .Ausgabe der Goetheschen Ge- 
dichte 1887, II, 26, darin beigestimmt, dass die 
\'erse 59 — -68 auf Knebel, einzig abgesehen von dem 
»geliebten Rohr«, das eben das iMissverständnis ver- 
anlasst zu haben scheint, nicht passen, sowol was 
die Persönlichkeit als den Charakter anbelangt; V.62 
schliesse den Neugeadelten absolut aus. Ob nun der 
Freiherr v. Stein, wie Loeper a. a. O. annimmt, 
oder wer sonst an seinerstatt hier zu substituiren 
sein mag, wird schwer zu entscheiden sein, so lange 
die Verse 65 — 68 der Erklärung enthehren, die viel- 
leicht einmal eine heute noch versteckte Briefstelle 
oder Tagebuchsnotiz bringt. Dagegen glaube ich mit 
einer an Gewissheit grenzenden Wahrscheinlichkeit 
nachweisen zu können, dass Knebel in den Versen 
69 — 76 gezeichnet sei. Ist dem so, so liesse sich 
auch Goethes Irrthum Eckermann gegenüber leicht 
erklären. Die Pfeife, »das geliebte Rohr«, hatteGoethe 
im ersten Absatz irrthümlich auf Knebel geführt; so 
stellte sich tür den Poeten des zweiten .Absatzes in 
der abgeschwächten Erinnerung die Figur Secken- 
dorfi's ein. 

Die Verse 7 1 f. mögen zwar ebensogut auf 
Seckendorfl' wie auf Knebel passen : genug, dass sie 
mit Knebels persönlicher Erscheinung und Manieren 
wol vereinbar sind. Knebel war schlank, wolgebildet 
an Gliedern 'und äusserst bequem. Entscheidend für 
die fragliche Beziehung erscheinen mir aber die 
Verse ~-\ — 76. Ich wüsste unter Seckendorfls leichten 
und meist tändelnden Liedern nicht Eines, das »von 
dem Tanz der himmelhohen Sphären« handelte. Da- 
gegen erscheint diese Art von Dichtungen geradezu 
charakteristisch für Knebel. Die von ihm sehr spät 
veranstaltete und anonvm herausgegebene Siuinnlung 
kleiner Gedichte (Leipzig, Göschen 181 s) eröflhet eine 
ganze Reihe von Hymnen : .An die Sonne, .An Selene, 
An die Erde, An den Geist der Natur, alle /;; He.\a- 
meleni, wodurch sich auch der Ausdruck monoton 
V. 76 erklärt. Noch mehr. In der kurzen Vorrede zu 
der ebenerwähnten Sammlung heisst es: »Gegen- 
wärtige Gedichte sind bereits schon vor längerer 
Zeit, grösstentheils in den Wäldern entstanden, wo 
der einsame Umgang mit der Natur Geist und Herz 
zu etwas Höherm erwecket.« Leben und Dichten im 
Walde scheint Knebels Neigung unter seinen Freunden 
und Angehörigen als ganz besonders gemäss gegolten 
zu haben. So schreibt ihm am 5. Juli 1781 seine 
Schwester Henriette: »Mein Geist umschwebt Dich, 
Lieber, wenn Du in den ehrwürdigen Tempeln der 
Wälder im Mondschein wandelst. Im Wald wär's, wo 
ich leben möchte; hast Du keinen Ort für uns aus- 
gesucht?« 

So viel also über den Waldpoeten. 



Chronik >lcs Wiener Goethe -Vereins. 



11. Zu V. 112- 



Und wenn ich unklug Mut und Freiheit sanjj 
Lnil Redlichkeit und Freiheit somler Zwang, 
Stolz auf sich selbst und herzliches Behauen. 
115 Krwarb ich mir der Menschen schöne Gunst; 
Doch ach ! ein (iott versagte mir die Kunst, 
Die arme Kunst, mich künstlich zu betragen. 
Nun sitz' ich hier zugleich erhoben und gedrückt, 
Unschuldig und gestraft, und schuldig und beglückt. 

Es handelt sich hier eigentlich nur um die 
beiden Verse i 16 f. .-Mle .Ausleger beziehen sie auf 
Schwierigkeiten, die Goethe im Anfange am Weimarer 
Hofe gefunden haben soll. Es kann und soll ja niclit 
geleugnet werden, dass er solche, vorübergehend 
wenigstens, sogar in reichlichem Masse gefunden hat. 
.A.ber entschieden unrichtig ist es, dass er nicht die 
Gabe besessen hätte, sich ihrer, und zwar gerade 
durch die Kunst seines Betragens zu erwehren — er, 
von dem im Gegentheil gleich nach seiner Ankunft 
feststand, dass er in Weimar Regen und schönes 
Wetter mache. Ich muss gestehen, dass ich mich 
daher von dieser Erklärung nie befriedigt fühlen 
konnte. Auch Loeper meint, etwas »Uebertrcibung« 
spiele hier mit hinein (a. a. O. S. 309). Das liegt 
aber sonst nicht in Goethes Art. 

Betrachtet man die oben citirte Stelle über- 
haupt in ihrem Zusammenhange mit dem ganzen Ge- 
dicht, so findet man, dass Goethe sich hier ebenso 
wie in dem bereits 177') entstandenen dem Schicksal, 
später Einschränkung überschriebenen Gedicht (»Was 
weiss ich, was mir hier gefällt«. Der junge Goethe 3, 
• 143) die Frage vorlegt, welche Schickung ihn eigent- 
lich mit Karl .August zusammengeführt haben möge. 
Diese Frage enthalten die Verse 88 — 91 unseres 
Gedichts. Der Dichter antwortet hierauf zunächst 
(\'. 100 — 119) mit einem Rückblick auf sein früheres 
Leben, d. h. auf die Frankfurter Zeit, und zwar zu- 
erst (V. 100 — I I i) auf seine schriftstellerische Wirk- 
samkeit, dann auf sein damit allerdings enge zu- 
-sammenhängendes (V. 112 — 115) persönliches 
Schicksal (V. 116 f.), worauf er (V. 118 f.) seine 
Vergangenheit resumirt. Erst von V. 120 an gedenkt 
er der neuen Lebensperiode seit seiner Uebersiedelung 
nach Weimar. 

-Auch diese — wie mir scheint ganz unge- 
zwungene — Auffassung der Disposition des Ge- 
dichts weist eine an sich unerklärliche Beziehung der 
Verse 1 1 6 f. auf Weimarer Verhältnisse ab. In welchen 
Lebensverhältnissen hat Goethe nun in der letzten 
Frankfurter Zeit »die arme Kunst« schmerzlich ent- 
behrt, »sich künstlich zu betragen«? Wer sein Ver- 
hältniss zu Lili kennt, wer seine Briefe an Gräfin 
Auguste zu Stolberg gelesen hat, wird um die Be- 
antwortung dieser Frage nicht verlegen sein. Es ist 
kein Zweifel, dass Goethe hier auf sein Verhältnis 
zu Z/7/ anspielt. :>Der Menschen schöne Gunst«, die 
allgemeine Beliebtheit und Bewunderung, die der 



Dichter des Götz und Werther im Publicum fand, 
hatte ihn auch in Lilis Familie eingeführt (vgl. Dich- 
tung und Wahrheit 4, 14 bei llempel) — • derselbe 
Geniefehler aber, der ihn in der Dichtung (besonders 
im Werther) gleich Faust sein volles Herz nicht 
wahren, dem Pöbel sein Gefühl, sein Schauen oDen- 
baren Hess {Faust \. 590 vgl. mit dem Ge- 
dicht Ilmenau V